Dissoziative Identitätsstörung

psychische Störung, charakterisiert durch mehrere Persönlichkeitszustände und Amnesie From Wikipedia, the free encyclopedia

Bei einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) übernehmen nach DSM-5 und ICD-11 verschiedene Persönlichkeitszustände (dissoziative Identitäten) abwechselnd die Kontrolle über das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen.[1][2][3] Aus dieser Sicht verfügen solche Identitäten über eigene Charaktereigenschaften, Verhaltensweisen, Fähigkeiten, Wahrnehmungs- und Denkmuster,[1][2][3] und werden daher auch als Zeichen Struktureller Dissoziation betrachtet. Zusätzlich würden Erinnerungslücken zu Ereignissen oder persönlichen Informationen auftreten, die nicht mehr durch gewöhnliche Vergesslichkeit erklärbar sind.[1][2][3]

Schnelle Fakten Klassifikation nach ICD-11 ...
Klassifikation nach ICD-11
6B64 Dissoziative Identitätsstörung
6B65 Partielle dissoziative Identitätsstörung
ICD-11: EnglischDeutsch (Vorabversion)
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Klassifikation nach ICD-10
F44.81 Multiple Persönlichkeit(sstörung)
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)
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Das früher als multiple Persönlichkeit(sstörung) (MP/MPS) bekannte Zustandsbild ist nicht zu verwechseln mit Persönlichkeitsstörungen oder psychotischen Störungen (siehe Abschnitt Klassifikation)[2][4][5] und wird in der Regel von weiteren psychischen Symptomen begleitet.[1]

Verbreitung

Aufgrund mehrerer Studien wurde die Prävalenz der DIS auf 0,5 bis 1 Prozent in der Gesamtbevölkerung und auf 5 Prozent bei stationären psychiatrischen Patienten geschätzt. Nach einer Publikation von 1993 war das Verhältnis von Frauen zu Männern 9:1.[6]

In einer Übersichtsarbeit zu den von 2000 bis 2010 veröffentlichten Fällen wurde festgestellt, dass die internationale Verbreitung der DIS wegen stark verzerrter Datenlage (u. a. nordamerika-lastig) nicht zu beschreiben war. Im Übrigen wurde hervorgehoben, dass Diagnosen außerhalb von Therapien nahezu nie vorkamen.[7]

Ursachen und Entstehung

Trauma-Hypothese

Nach jahrzehntelanger Auswertung einer großen Anzahl von Krankengeschichten gibt es die Hypothese, dass die DIS durch äußere Störeinflüsse auf die Entwicklung während der Kindheit verursacht werde, da mehrheitlich von Patienten frühere traumatische Lebensereignisse berichtet würden.[1] Extrem negative Lebensumstände überwältigender Art wie Vernachlässigung, Misshandlung und sexuelle Übergriffe könnten die Entwicklung einer integrierten Persönlichkeit beeinträchtigen, insbesondere wenn die ersten traumatischen Erfahrungen vor dem Alter von fünf Jahren geschehen. Stattdessen könne es zu einer Abkapselung von Gedächtnisinhalten und wechselnden Identitäten kommen. Die DIS wird von manchen Autoren als Traumafolgestörung angesehen.[6][8] Neben anderen Modellen basiert das Ego-State-Modell auf diesem Erklärungsansatz.

Soziokognitive Hypothese

Von manchen Autoren wurden Unstimmigkeiten im Zusammenhang mit der Störung gesehen:

  • Sehr wenige Kinder hätten diese Diagnose erhalten, obwohl die Krankheit ab dem Alter von drei Jahren auftreten könne.
  • Es traten Identitäten in Form von Tieren oder Fabelwesen auf.
  • Im Verlauf der Therapie sowie generell bis in die 1990er Jahre habe es eine Zunahme der Anzahl der jeweiligen Identitäten pro Person gegeben.
  • Erinnerungsverfälschungen wie Pseudoerinnerungen seien seit den 1990er Jahren dokumentiert worden.

Einige Autoren folgerten daraus, dass therapeutische Suggestion eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Störung spielen könnte.[9][10][11][7]

Es wurde vielfach untersucht, ob es möglich ist, eine DIS zu simulieren. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2014 kam zu dem Ergebnis, dass bei den Hauptsymptomen gesunde Versuchspersonen, die die Störung simulieren sollten, und Versuchspersonen, die mit DIS diagnostiziert waren, weitgehend ununterscheidbar waren. Die Autoren folgerten daraus, dass die Simulationsstudien eher die soziokognitive Hypothese als die Trauma-Hypothese stützen würden.[12]

Symptombild

Betroffene haben wechselnde Identitäten mit jeweils eigenem Selbstbild und -konzept, beispielsweise grundlegende Einstellungen und Gefühle betreffend. Hinzu kommen Erinnerungslücken und regelmäßig auch Symptome ähnlich denen der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).[1][13] Unterschiedliche weitere Symptome, die denen anderer Störungen ähneln, sind häufig und bessern sich in der Regel nur, wenn die DIS in ihre Behandlung mit einbezogen wird.[1] Dazu gehören insbesondere Depressionen, Angst-, Schlaf- und Essstörungen, Sucht- und Zwangserkrankungen, somatoforme Störungen, ängstlich-vermeidendes und Borderline-Verhalten.[1] Markante Unterschiede zwischen den einzelnen Identitäten sind dabei nicht ungewöhnlich;[1] auch das empfundene Alter oder Geschlecht[14] sowie die Handschrift[15] können sich unterscheiden. Das gesamte Symptombild weist dadurch eine besondere Bandbreite und Variabilität auf. Des Weiteren nehmen die Betroffenen ihre Identitätswechsel in der Regel lange Zeit nicht als solche, sondern als unklare Störungen wahr. Auch deshalb bleibt eine DIS oft lange unerkannt oder falsch diagnostiziert.

Neurobiologie

Die Neuro­bio­logie der DIS wird unter anderem mit bild­geb­enden Ver­fahren unter­sucht.

Mit dem Identitätswechsel gehen Wechsel körperlicher Werte des vegetativen Nervensystems (zum Beispiel Puls, Blutdruck, Muskelspannung, Sehschärfe) und markante Wechsel in der Aktivität des Gehirns einher, wie mit bildgebenden Verfahren wiederholt nachgewiesen wurde.[16][17][18] Auch bestimmte anatomische Abweichungen im Gehirn von Menschen mit DIS wurden wiederholt festgestellt. Diese betrafen jedoch nur statistische Daten von Gruppen, nicht aber die Daten von Einzelpersonen.[19][20]

Diagnose

Die Diagnose erfolgt durch Erhebung der Krankengeschichte, eventuell mit Eigen- und Fremdanamnese. Sie gilt als anspruchsvoll, auch weil es Teil des Symptombildes ist, dass die Persönlichkeitszustände oft nur getrennt erlebt werden und teilweise die Tendenz besteht, sie zu verbergen. Auch daher ist das Risiko einer Fehldiagnose erhöht.[21]

Sofern ein Persönlichkeitszustand dominant ist und normalerweise im Alltag funktioniert, jedoch dissoziatives Wiedererinnern (Intrusionen) anderer Persönlichkeitszustände vorkommen, und die exekutive Kontrolle über das Bewusstsein und Verhalten, wenn überhaupt, nur gelegentlich, begrenzt und vorübergehend bei verschiedenen Persönlichkeitszuständen liegt, kommt eine partielle dissoziative Identitätsstörung (ICD-11 6B65; ICD-10 F44.9 dissoziative Störung [Konversionsstörung], nicht näher bezeichnet) als Diagnose in Betracht.[22]

Differentialdiagnosen

Bipolare Störungen

Bipolare Störungen können wie die DIS durch deutliche Stimmungsschwankungen gekennzeichnet sein. Bei der DIS beruhen diese Schwankungen jedoch auf dem Wechsel zwischen unterschiedlichen Identitätszuständen, während sie bei bipolaren Störungen episodisch verlaufen und nicht mit dissoziativen Amnesien verbunden sind. Der Nachweis alternierender Identitäten unterscheidet die DIS somit klar von bipolaren Störungen.[23][24]

Posttraumatische Belastungsstörung

Die PTBS teilt mit der DIS zentrale Symptome wie Flashbacks und dissoziative Erlebnisse. Die PTBS ist jedoch im Gegensatz zur DIS durch eine einheitliche Identität gekennzeichnet.[23] Fragmentierte, also bruchstückhafte, sensorisch überladene und schwer in eine kohärente Erzählung einzubettende Erinnerungen betreffen im Falle der PTBS vorrangig das Traumageschehen, während dies bei der DIS auch Alltagserinnerungen betreffen kann.[25][26] Der dissoziative Subtyp der PTBS (DSM-5) erschwert die Abgrenzung zusätzlich, da er ähnliche Phänomene wie Depersonalisation und Derealisation umfasst.[27]

Komplexe posttraumatische Belastungsstörung

Die komplexe PTBS überlappt in einigen weiteren Aspekten mit der DIS, da neben den Kernsymptomen der PTBS auch Störungen der Selbstorganisation, Affektdysregulation, negatives Selbstkonzept und Beziehungsprobleme auftreten.[28] Anders als bei der DIS liegen jedoch auch hier keine multiplen Identitätszustände vor und Gedächtnislücken treten nicht in vergleichbarem Ausmaß auf. In der ICD-11 ist die komplexe PTBS als eigenständige Diagnose verankert, während sie im in der ICD-10 und im DSM-5 nicht gesondert aufgeführt ist. Die komplexe PTBS gilt als wichtige, aber doch klar abgrenzbare Differentialdiagnose.[23]

Psychotische Störungen

Psychotische Störungen wie Schizophrenie können der DIS ähneln, da auch hier Stimmenhören und ungewöhnliche Wahrnehmungen auftreten können.[23] Bei der DIS stammen die Stimmen jedoch von inneren Anteilen und der Realitätsbezug bleibt erhalten, während bei Schizophrenie echte Halluzinationen und Wahnvorstellungen vorliegen.[29] Das Fehlen multipler Identitätszustände und die Art der Stimmen unterscheiden beide Störungen, da bei der DIS die Stimmen als nicht als von außen kommend wahrgenommen werden, während bei Schizophrenie gerade dieser Fremdheitscharakter zentral ist.[30]

Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung zeigt Überschneidungen mit der DIS,[23] weil stressbezogene Dissoziation ein zentrales Merkmal sein kann und mit Emotionsdysregulation, Identitätsstörungen und interpersonellen Problemen zusammenhängt. Abgrenzend bleibt bei der Borderline-Störung die Identität grundsätzlich einheitlich und die Symptome resultieren ebenfalls nicht aus multiplen Identitätszuständen mit Kontrollwechseln und ausgeprägten dissoziativen Amnesien.[31][32]

Substanz- und medikamenteninduzierte Störungen

Substanzen wie Alkohol oder Medikamente können Amnesien und verändertes Verhalten hervorrufen, die einer DIS ähneln. Bei der DIS treten diese Phänomene jedoch ohne Substanzeinfluss auf und die Symptome sind Teil des strukturellen Dissoziationsprozesses. Substanzinduzierte Störungen sind daher differentialdiagnostisch relevant, treten aber auch häufig komorbid auf.[23][33]

Funktionelle neurologische Störungen

Funktionelle Störungen wie psychogene nicht-epileptische Anfälle (PNES) können Amnesien und unwillkürliche Bewegungen hervorrufen, die einer DIS ähneln. Bei der DIS sind diese Symptome jedoch in ein umfassenderes dissoziatives Muster eingebettet und mit Identitätswechseln verknüpft. Funktionelle neurologische Störungen werden daher differentialdiagnostisch berücksichtigt. EEG-Untersuchungen helfen bei der Abgrenzung.[23][34]

Epileptische Anfallsleiden

Komplex-fokale epileptische Anfälle können dissoziationsähnliche Symptome wie kurze Amnesien oder veränderte Bewusstseinszustände erzeugen. Im Unterschied zur DIS sind diese Anfälle jedoch neurologisch erklärbar und nicht mit multiplen Identitätszuständen verknüpft. Epileptische Anfallsleiden sind daher differentialdiagnostisch zu beachten, wobei auch hier EEG-Befunde entscheidend für die Abgrenzung sind.[23][35]

Sonstige dissoziative Störung bzw. partielle dissoziative Identitätsstörung

Die sonstige dissoziative Störung, näher bezeichnet, weist Überschneidungen mit der DIS auf, da ebenfalls dissoziative Symptome und Persönlichkeitsanteile auftreten können.[23] Im Unterschied zur DIS erfüllen diese Anteile jedoch nicht vollständig die Kriterien klar abgegrenzter Identitätszustände oder es fehlt die Amnesie zwischen ihnen. Diese Diagnose wird daher nur gestellt, wenn die Kriterien für eine DIS nicht erreicht werden. In der ICD-11 wurde zusätzlich die partielle dissoziative Identitätsstörung eingeführt, bei der zwar unterscheidbare Persönlichkeitsanteile vorhanden sind, diese aber nicht regelmäßig die vollständige Kontrolle übernehmen und die Amnesie weniger stark ausgeprägt ist.[36][37]

Artifizielle Störung und Simulation

Bei artifiziellen Störungen und Simulation werden Symptome absichtlich vorgetäuscht. Ähnlich wie bei DIS können Amnesien oder verändertes Verhalten geschildert werden, jedoch fehlen echte Identitätswechsel und die dissoziative Symptomatik. Der Nachweis einer bewussten Täuschungsabsicht grenzt beide Phänomene von der DIS ab.[23][38] Täuschung kann hier verschiedene Motive haben: Bei artifiziellen Störungen stehen häufig psychologische Gewinne wie Aufmerksamkeit, Fürsorge oder die Übernahme einer Patientenrolle im Vordergrund.[39] Im forensischen Kontext wird die Frage nach Simulation relevant, da die DIS in Einzelfällen als Entlastungsargument bei Straftaten angeführt wird. Empirisch zeigt sich jedoch, dass diese Diagnose in Gerichtsverfahren selten akzeptiert wird und forensisch auffällige Fälle mit angeblicher DIS eher kritisch auf mögliche Täuschungsversuche geprüft werden.[40]

Behandlung

Jenseits pharmakotherapeutischer Interventionen wird für die Behandlung der DIS ein eklektischer Therapieansatz empfohlen, „der psychodynamische, kognitiv-behaviorale, hypnotherapeutische und traumaadaptierte Vorgehensweisen umfasst“.[6] Eingesetzte Verfahren sind die von John und Helen Watkins entwickelte Ego-State-Therapie und die von Luise Reddemann und anderen konzipierte Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT). Zu den die Behandlung begleitenden Verfahren gehören unter anderem Ergo- und Kunsttherapie.

Psychotherapie

Die Therapie verfolgt grundsätzlich das Ziel, die Lebensqualität durch verbesserte Bewältigung der Gegensätze zwischen Persönlichkeitszuständen zu steigern, sowie die selbstregulativen Kräfte zu stärken. Sofern vom Patienten gewünscht, gilt es, die Integration verschiedener Persönlichkeitszustände zu unterstützen. Zu den Prioritäten der therapeutischen Arbeit gehören:

  1. Stabilisierung und Sicherheit
  2. Traumabearbeitung zur Reduktion der damit assoziierten, PTBS-artigen Symptomatik
  3. Sofern gewünscht, Integration von Persönlichkeitszuständen

Unter Beachtung dieser Prioritäten stehen drei Felder im Fokus:

  1. Reaktionsmuster bei Gefahren und Traumata
  2. Unterbrechungen, Lücken und Sprünge in der kindlichen und jugendlichen Entwicklung
  3. Bindungs- und Abgrenzungsverhalten

Für die Therapie der DIS stehen zahlreiche psychotherapeutische Methoden zur Verfügung, unter denen die Enaktive Traumatherapie, die Ego-State-Therapie und die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie bevorzugt zum Einsatz empfohlen werden. Die American Psychological Association rät in Auswertung der Mitteilungen erfahrener Therapeuten zu einer individuell angepassten und sorgfältig abgestuften Behandlung. Besonders in der ersten Phase der Therapie gelte es, die Patienten beim Aufbau von spezifischen Fähigkeiten zu unterstützen, die helfen können, riskantes oder gefährliches Verhalten zu vermeiden und sich zu schützen, damit sie sich zunehmend sicher fühlen können. Zu diesen Fähigkeiten gehört die Regulierung von Affekten und Emotionen, die Impulskontrolle und erfolgversprechende Strategien der zwischenmenschlichen Interaktion. Dissoziierte Selbstzustände sollten möglichst frühzeitig in der Behandlung identifiziert und mit ihnen gearbeitet werden, wobei darauf zu achten sei, die Patienten nicht zu überwältigen.

Die Traumatherapeuten Suzette Boon, Kathy Steele und Onno van der Hart legten bereits 2011 ein Manual für das sogenannte Skillstraining von Patienten und Therapeuten vor.[41] Für das therapeutische Vorgehen werden insbesondere die Altersgruppen der bis Vierjährigen, der Vier- bis Achtzehnjährigen und der Erwachsenen unterschieden. Entsprechend wurden Richtlinien für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen einerseits und Erwachsenen andererseits vorgelegt.

Insgesamt besteht Einigkeit in der Anwendung eines phasenorientierten Vorgehens, „bei dem zunächst eine Stabilisierung der Patienten angestrebt wird, bevor man sich gezielt der Bearbeitung traumatischen Materials zuwendet“. Der Einsatz störungsspezifischer Techniken diene der Entwicklung und Unterstützung eines zusammenhängenden Selbst. „Als Therapie der Wahl“ gelte „eine individuelle ambulante Langzeitpsychotherapie mit zwei Stunden pro Woche über mehrere Jahre“, doch hätten sich auch „kombinierte Therapieangebote von ambulanter und stationärer Intervalltherapie klinisch bewährt“. Überdies lägen „erste Erfahrungen von strukturierten Gruppenangeboten zur gezielten Stabilisierung in Kombination mit individuellen Einzeltherapien vor“, die „in Zukunft möglicherweise effizientere und ökonomischere Alternativen zur alleinigen Langzeitpsychotherapie darstellen können“, wie im Jahr 2006 im Deutschen Ärzteblatt mitgeteilt wurde.[6]

Fehlbehandlungen

Herzog, Kaiser und Huntjens weisen in ihrem Faktencheck aus wissenschaftlicher Perspektive darauf hin, dass Psychotherapien, bei denen die bestehenden Identitäten bei Patienten mit einer Dissoziativen Identitätsstörung als tatsächlich existierende Personen betrachtet und anerkannt werden, das Potenzial zur Induktion von „alter“-Persönlichkeiten haben und deshalb als „wahrscheinlich schädliche Therapie“ eingestuft werden. Behandlungsansätze einer Deprogrammierung und Recovered-Memory-Techniken vermittelten teils ungeprüfte, teils nachweislich falsche Annahmen über die zu behandelnde Störung und seien auf Grund ihres Potenzials zur Produktion von falschen Erinnerungen potenziell schädliche bzw. symptomverschlimmernde Fehlbehandlungen.[42]

Pharmakotherapie

Es gibt bisher (Stand Juli 2024) kein Medikament, das zur Behandlung der dissoziativen Identitätsstörung zugelassen ist. Vorhandene Forschungsergebnisse sind noch von geringer Aussagekraft, und weitere Studien werden benötigt. Eine etwaige Medikation findet daher im Rahmen des Off-Label-Use statt. Sie orientiert sich sowohl an der individuellen Symptomatik als auch an der individuellen Reaktion auf das Medikament.[43][44]

Prognose und Verlauf

Die individuellen Einschränkungen variieren stark:[1] Einige Menschen können mit dissoziativen Identitäten hohe akademische und berufliche Leistungen erbringen.[45] Eine Übersichtsstudie von 2023 beschreibt die Möglichkeiten eines erfüllten Lebens für Personen mit DIS durch ausreichende Kenntnisse über die Störung und wirksame Therapien.[44]

Geschichte

Pierre Janet (1859–1947) ist be­kannt für Bei­träge zur Dis­sozia­tion und Psycho­trauma­tologie.[46]

Diskurse über dissoziative Identitäten waren bei französischen Psychiatern und Philosophen der Jahre 1840 bis 1880 ein häufiges Thema;[6] so wurde ein Fall aus dem 16. Jahrhundert erstmals 1896 und dann erneut 1996 analysiert.[47] Der Begriff der Dissoziation als „Desintegration und Fragmentierung des Bewusstseins“ wurde 1889 durch den französischen Psychiater und Begründer der modernen dynamischen Psychiatrie Pierre Janet (1859–1947) geprägt.[48] Er entwickelte eine bis heute einflussreiche Theorie über die Verarbeitungsprozesse traumatischer Erfahrungen und betrachtete die Traumaantwort grundsätzlich als eine Störung des Gedächtnisses, welche die Integration der traumatischen Erinnerungen in bestehende kognitive Strukturen verhindere, was über eine Abspaltung von Bewusstsein und Willenskontrolle zu dissoziativer Amnesie führe.

Im Jahr 1973 erschien Sybil, ein von der Journalistin Flora Rheta Schreiber verfasster Bericht über eine Patientin mit 16 Persönlichkeitszuständen, der zum Bestseller avancierte. Danach meldeten sich in den USA mehrere Hundert Menschen, die angaben, ebenfalls unter dieser Störung zu leiden. In späteren Jahren wurde das Buch aufgrund bestimmter darin vorkommender Methoden zur Behandlung (Erzeugung von Medikamentenabhängigkeit, Elektroschock) und der kommerziellen Interessen der Beteiligten als unzuverlässige und irreführende Quelle angesehen.[49] Die Psychiaterin der Patientin habe, so wird vermutet, diese zu entscheidenden Aussagen verleitet und vom Verkauf ihrer Geschichte profitiert.[50]

Klassifikation

Historisch waren die dissoziativen Störungen, einschließlich der dissoziativen Identitätsstörung, in breiteren Diagnosen subsumiert.[51][52] Mit der Veröffentlichung des DSM-III der American Psychiatric Association im Jahr 1980 wurde die DIS mit der Diagnose multiple Persönlichkeit erstmals eigenständig und definiert,[53][54] ehe sie zur multiplen Persönlichkeitsstörung (DSM-III-R, 1987),[53][55] und schließlich zur dissoziativen Identitätsstörung fortentwickelt wurde (seit DSM-IV, 1994).[53][56]

Die Weltgesundheitsversammlung, das höchste Entscheidungsorgan der Weltgesundheitsorganisation, ist für die Verabschiedung neuer Versionen der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) zuständig. In dieser Klassifikation erstmals separat verzeichnet war die Störung mit der Diagnose multiple Persönlichkeitsstörung (erste ICD-10-Version, 1993),[2][4][57] die dann in multiple Persönlichkeit umbenannt (alle späteren ICD-10-Versionen),[5] und schließlich zur dissoziativen Identitätsstörung fortentwickelt wurde (ICD-11, 2019 beschlossen, ab 2022 in Kraft).[3][58]

Weitere Informationen Inkrafttreten, Weltgesundheitsorganisation ...
Inkrafttreten Weltgesundheitsorganisation American Psychiatric Association
1980 DSM-III: multiple Persönlichkeit
1987 DSM-III-R: multiple Persönlichkeitsstörung
1993 ICD-10: multiple Persönlichkeitsstörung
1994 DSM-IV: dissoziative Identitätsstörung
2000 DSM-IV-TR: dissoziative Identitätsstörung
2003 ICD-10: multiple Persönlichkeit
2013 DSM-5: dissoziative Identitätsstörung
2022 ICD-11: dissoziative Identitätsstörung
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Kritik bezüglich der Geschichte der Klassifikationen

Mehrere systematische Übersichtsarbeiten gelangten ab Mitte der 2000er bis in die 2010er Jahre hinein zu dem Schluss, dass das Konzept der Krankheit überwiegend auf einer Modeerscheinung der 1980er und 1990er Jahre beruhe, wissenschaftlich unzureichend begründet sei und das Forschungsinteresse seitdem zurückgegangen sei.[10][59][7][60][61]

Mittlerweile hat sich die Diskussion bezüglich der Aussagekraft (Validität) der Diagnose von dissoziativen Identitätsstörungen etwas verschoben. Zweifel am Vorhandensein der Krankheit werden deutlich seltener geäußert.[62] Dafür wird vermehrt auf eine durch Social Media hervorgerufene Problematik hingewiesen: Immer häufiger stellen dort Teilnehmer auf Plattformen wie beispielsweise TikTok ihre (oftmals selbst diagnostizierte) Persönlichkeitsstörung und ihre vermeintlich wechselnden Identitäten zur Schau. Dies geht häufig mit einer Romantisierung, Glorifizierung und Sexualisierung der Störung einher. Es erscheint möglich, dass sich Menschen, die sich solche Videos ansehen, selbst falsch positiv diagnostizieren.[63][64][65]

Rezeption in den Medien

Die DIS findet sich in Filmen und Büchern sowohl als bloßes Mittel zur Handlungsentwicklung als auch als zentrales Thema.[66][67][68] Die Darstellung in Spielfilmen wird als häufig realitätsfern beschrieben,[68][69][70][71] was Fach- und Interessensverbände kritisieren.[71][72] Es sind mehrere autobiografische Werke erschienen, die zum Teil wesentlichen Einfluss auf die allgemeine Kenntnis und das öffentliche Verständnis der DIS hatten.[73]

Dokumentationen

Autobiografien

  • Cameron West: First Person Plural: My Life As A Multiple. Hyperion, New York 1999
    • deutsche Ausgabe: Erste Person Plural. Die Geschichte meiner vielen Persönlichkeiten. List, München 1999. ISBN 978-3-471-79165-3
  • Joan Frances Casey: The Flock. Random House Publishing, New York 1991[80]
    • deutsche Ausgabe: Ich bin viele: Eine ungewöhnliche Heilungsgeschichte, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1992, ISBN 978-3-499-19566-2.[81]
  • Truddi Chase: When Rabbit Howls, Berkley Books, New York, 1987[73][82]
  • Bonnie Leben: Eine Bonnie kommt niemals allein: Meine Leben mit dissoziativer Identitätsstörung. Heyne, München, 2024. ISBN 978-3-453-60695-1

Belletristik

  • Hannah C. Rosenblatt: aufgeschrieben. Edition Assemblage, Münster 2019[83][84]
  • Matt Ruff: Set This House in Order: A Romance of Souls. HarperCollins Publishers, New York 2003[85][86]
    • deutsche Ausgabe: Ich und die anderen. Carl Hanser Verlag, München 2004
  • Adriana Stern: Hannah und die Anderen. Argument Verlag, Hamburg 2001
  • Daniel Keyes: The fifth Sally. Houghton Mifflin Harcourt, Boston 1980
    • deutsche Ausgabe: Die fünfte Sally. Nymphenburger Verlag, München 1983

Film

Siehe auch

Fachliteratur

  • Ursula Gast, Gustav Wirtz. Dissoziative Identitätsstörung bei Erwachsenen (Leben Lernen, Bd. 283): Expertenempfehlungen und Praxisbeispiele. Vol. 283. Klett-Cotta, 2. neubearbeitete Auflage 2022, ISBN 978-3-608-20617-3.
  • Philipp Herzog, Tim Kaiser & Rafaële J. C. Huntjens: Von hartnäckigen Fiktionen und unbequemen Wahrheiten über die Dissoziative Identitätsstörung. Ein Faktencheck aus wissenschaftlicher Perspektive. In: Psychotherapeutenjournal. Band 24, Nr. 1, 2025, S. 37–47, doi:10.61062/ptj202501.005 (psychotherapeutenjournal.de [PDF; 374 kB]).
  • Luise Reddemann: Dissoziation. In: T. Bronisch, L. Reddemann, M. Bohus, M. Dose, C. Unckel: Krisenintervention bei Persönlichkeitsstörungen: Therapeutische Hilfe bei Suizidalität, Selbstschädigung, Impulsivität, Angst und Dissoziation. Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart 2000, ISBN 3-608-89688-0. 4. Auflage: Klett-Cotta, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-608-89096-9, S. 145–163.
  • Luise Reddemann, Arne Hofmann, Ursula Gast: Psychotherapie der dissoziativen Störungen. 3., überarbeitete Auflage. Thieme, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-13-130513-8.
Wiktionary: dissoziative Identitätsstörung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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