Murtenlinde
historische legendenumrankte Linde in Freiburg i. Üe.
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Die Murtenlinde (botanisch: Tilia x europaea), eine Kreuzung zwischen Sommer- und Winterlinde, ist ein historischer Baum in der Schweizer Stadt Freiburg.


Er erinnerte der Legende nach wie der jährlich durchgeführte Murtenlauf an die siegreiche Schlacht bei Murten im Jahr 1476 gegen Karl den Kühnen von Burgund. Diese Linde stand im Schnittpunkt der Altbrunnen-, Linden-, Alpen-, Lausanne- und der Steinbrückengasse und grenzte an den heutigen Rathausplatz. Heute markiert ein Denkmal von Bruno Baeriswyl und Emile Angéloz den historischen Standort der Murtenlinde (Lage).
Legende
Der Legende nach brachte ein Bote die gute Nachricht vom Sieg der Eidgenossen über Karl den Kühnen von Burgund in der Schlacht bei Murten 1476 in die rund drei Stunden entfernte Stadt Freiburg. Auf dem Rathausplatz in Freiburg angekommen, soll er nach dem Ausruf «Sieg! Sieg!» tot zusammengebrochen sein. Der Lindenzweig, den er am Hut hatte, sei zur Erinnerung an den Sieg an der Stelle gepflanzt worden, wo der Bote gestorben sei. Und dieser Zweig wuchs zu einer mächtigen Linde, die bis 1985 hier stand.[1]
Laut Moritz Boschung beschreibt die Chronique fribourgeoise von 1687 den Platz bei der Linde als bedeutenden Treffpunkt der Stadtherren und behauptet, dass die Linde 1470 gepflanzt worden sei. Boschung hält fest, dass diese Erwähnung die letzte sei, die keinen Zusammenhang mit der Murtenschlacht herstelle. In der Zeit um 1687 sei weder das Wort Murtenlinde, noch die Legende des Murtenlaufs bekannt gewesen. Das änderte sich im Verlauf weniger Jahrzehnte. Um 1720 ist in einem schriftlichen Bericht von Nehemia Vegelin van Claerbergen, einem niederländischen Nachkommen der Familie Végely, der Zusammenhang der Linde mit der Murtenschlacht erstmals vollzogen. Er schreibt, der Lindenbaum sei hier zur Erinnerung an die Schlacht bei Murten gepflanzt worden.[2] Laut Boschung muss sich die Sage vom Murtenlauf und von der Murtenlinde am Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts entwickelt haben. Offenbar war damals der ursprüngliche Anlass, an dieser Stelle eine Linde zu pflanzen, in Vergessenheit geraten. Dieser Umstand bildete eine wesentliche Voraussetzung für die Legendenbildung. Dazu beigetragen haben nach Boschung unter anderem auch das beachtliche Alter der Linde, ihre Schönheit, Grösse und Lage mitten im damaligen Stadtzentrum. Damit war sie auch für symbolische Zuschreibungen geeignet. Im Laufe der Zeit habe sich die Erinnerung an das Pflanzdatum verwischt, schreibt er und fährt hypothetisch weiter, dass es zuerst noch hiess, die Linde stamme aus der Zeit der Murtenschlacht. Doch habe sich die Erinnerung an die Pflanzung der Linde vor der Schlacht völlig verloren. Aus dem ungefähren zeitlichen Zusammenhang habe sich im Laufe der Legendenbildung eine neue, scheinbar präzisere Zeitangabe verfestigt (bei bzw. nach der Schlacht) und ein passender Zweck (zur Erinnerung an die Schlacht bei Murten). Claerbergen hört sie im Jahr 1720 in dieser Form.[3]
Der weitere Ausbau der Legende ist nicht mehr hypothetisch. Boschung kann die weitere Entwicklung der Legende belegen. Den ersten dieser Belege lieferte der Engländer William Coxe. Er fügte dem Kern der Sage ein weiteres Detail hinzu. Laut Coxe soll die Linde tradtionsgemäss von einem Soldaten, der von der Schlacht von Murten zurückkam, gepflanzt worden sein. Damit wird hier erstmals das Motiv des Murtenlaufs indirekt erwähnt, hält Boschung fest. Sein zweiter Beleg liefert eine Reiseanleitung durch die Schweiz von 1804. Diese meint das genaue Pflanzdatum der Linde, den 22. Juni 1476, zu kennen.
Mit F. Küenlins «Alpenrosen», die 1822 erschien, belegt Boschung eine Variante zur traditionellen Legende. Laut Küenlin war es kein Bote, der mit der Siegesbotschaft in Freiburg ankam und starb. In seiner Variante kehrten die «Vaterlandsverteidiger» nach der Schlacht mit Beute beladen zurück und wurden von Freiburger Räten auf dem Rathausplatz jubelnd begrüsst. Einer dieser Zurückgekehrten soll das grüne Reisig, das er am Hut trug, zum Andenken an die siegreiche Schlacht in den Boden gesteckt haben. Doch diese Variante fand keinen Anklang. Die Tradition mit dem Boten, der kurz nach Ankunft an der Stelle der späteren Murtenlinde starb, lebt weiter. Die heutige Version geht auf Heinrich Herzogs «Schweizersagen» von 1870 zurück.[4]
Geschichte
Laut der Chronik von Franz Rudella wurde die Linde bereits einige Jahre vor der Schlacht bei Murten in Freiburg gepflanzt. Im Zuge einer Aufschüttung und einer Neugestaltung war im Schnittpunkt des Burg-, Plätze- und Neustadtquartiers sowie einiger Strassen ein neuer, zentraler Platz entstanden, auf dem im Jahr 1470 eine junge Linde gepflanzt wurde.
Wenige Jahre später gewann dieser so zentrale Platz mit dem Bau des heute noch bestehende Rathauses (1502–1522) zusätzlich an Bedeutung. Der 1524/25 erstellte Georgsbrunnen von Hans Geiler macht die Bedeutung sichtbar. Er setzt den Kampf gegen das Böse auf dem Rathausplatz in Szene. Als Drachentöter kämpft der heilige Georg für Gerechtigkeit und besiegt das Böse. Im Rathaus hatten verschiedene Gerichte ihren Sitz. Der Platz selbst wurde zu einem «Rechtsort», wo Urteile verkündet und teils auch vollzogen wurden. Bei der Linde verhandelte an Markttagen das «Lindengericht» Streitigkeiten, die von Marktleuten vorgebracht wurden. Der Bedeutung des Lindenbaums auf diesem Platz bewusst, wurde der Ort gepflegt.
Der Standort der Linde war abschüssig. 1482 wurde, wie Boschung mit Belegen nachweist, um den Baum herum eine Plattform aus Tuffstein errichtet und 1490 kam eine erste Holzbank hinzu. Diese wurde 1519 mit einem Holzdach vor Regen geschützt. 1529 wurde die erste Bank durch eine neue ersetzt. Auf dem Plan von Martin Martini, der 1506 die Ansicht der Stadt Freiburg aus der Vogelschau in Kupfer gestochen und den Freiburger Räten geschenkt hatte, zeigt den Platz mit der Linde, umgeben von Stützen.[5] In den zahlreichen Belegen zur Linde auf dem Rathausplatz fand Boschung keinen Hinweis darauf, dass die Linde einmal durch eine jüngere ersetzt worden wäre. Ein solcher Hinweis wäre aber aufgrund der bedeutenden Rolle, welche die Linde bei den Einheimischen spielte, mit Sicherheit fällig gewesen. Aufgrund dieses Befunds geht Boschung davon aus, dass das Alter der Murtenlinde tatsächlich auf das Jahr 1470 zurückgehen muss, also auf die Zeit, in welcher der Österreicherturm abgetragen und mit dessen Steinen der nördliche Graben aufgeschüttet und ein neuer Platz gewonnen wurde. Darin sieht Boschung denn auch den ursprüngliche Anlass für die Pflanzung der Linde.[6]
Niedergang der Murtenlinde

Im 20. Jahrhundert starb die Murtenlinde langsam, bedrängt vom Verkehr, den Abgasen und der Verfestigung des Bodens. Es war nicht mehr möglich, ihr genaues Alter mit naturwissenschaftlichen Methoden zu bestimmen. Denn ihr Stamm war schon lange hohl. Theoretisch könnte eine Linde weit über 1000 Jahre alt werden, schreibt Boschung. Dabei beruft er sich auf Brockhaus' Universallexikon und führt als Beispiel die Linde von Münchenwiler an, deren Alter der Botaniker Augustin Pyramus de Candolle auf 1230 Jahren schätzte. Demnach spricht aus botanischer Sicht nichts gegen die in der Chronique fribourgeoise geäusserte Annahme, die Murtenlinde sei im Jahr 1470 gepflanzt worden.[7]
Um die Linienführung der Alpenstrasse wurde lange gerungen, nicht zuletzt wegen der Murtenlinde. Im Dezember 1905 beschloss der Generalrat von Freiburg, die Linde zu entfernen, um der geplanten Alpenstrasse Platz zu machen. Umgehend ordneten Gemeinderat und Staatsrat an, dass die Linde stehen bleiben muss. Von 1906 bis 1909 wurde die neue Alpenstrasse so erbaut, dass die Murtenlinde zwischen den beiden Fahrbahnen bestehen bleiben konnte. Mit diesem Bau begann der sichtbare Niedergang der bereits altersschwachen Murtenlinde. Die Plattform um den Baum wurde reduziert. Der zunehmende Verkehr, die Abgase und die Verdichtung des Bodens durch Lastwagen und Busse setzten dem jahrhundertealten Baum zu. Am 13. April 1983 fuhr ein betrunkener Autofahrer eine der drei Stützsäulen an, wodurch der Hauptast der Linde abbrach. Ab Mitte Juli 1985 galt die Linde als abgestorben. Am 17. September 1985 räumten die Arbeiter der Stadtgärtnerei das, was von der Murtenlinde noch vorhanden war, ab. Das Eisengerüst und die Säulen blieben stehen. Am 20. Oktober 1988 rammte ein Lastwagen eine der verbliebenen Säulen, worauf die Stadt den Platz räumte. Aus den drei Säulen und dem Eisengerüst formten die beiden Freiburger Künstler Emile Angéloz und Bruno Baeriswyl ein Werk, das an die Murtenlinde erinnern soll. Seit Ende Januar 1989 markiert ihr Werk den ursprünglichen Standort der Murtenlinde mitten in der Alpenstrasse.[8][9]
Regeneration der Murtenlinde
Schon 1969 hatten Jakob Gauch, Obergärtner des Botanischen Gartens der Universität Freiburg, und die Schweizerische Dendrologische Gesellschaft den Gemeinderat der Stadt Freiburg auf den nahen Tod der Murtenlinde aufmerksam gemacht und vorgeschlagen, von der alten Linde Stecklinge heranzuziehen, um dem genetische Material der historischen Murtenlinde das Weiterleben zu sichern.[10] Eine Regeneration mit Stecklingen von Weiden- und Pappelbäumen erfolgt noch ziemlich problemlos, wie der Redemptoristenpater Alois Schmid festhält, der ab 1971 am Botanischen Institut der Universität Freiburg tätig war. Im Falle von Buche, Eiche, Ahorn, Esche oder Linde muss die Bewurzelung durch künstliche Eingriffe angestossen werden und führt bei Stecklingen von noch jungen Bäumen eher zum Erfolg als bei Stecklingen, die von alten Bäumen stammen. Als Alois Schmid für seine Doktorarbeit 1974 Zweige von der sterbenden Murtenlinde abschnitt, hatte diese das beträchtliche Alter von gut 500 Jahren und war sichtlich altersschwach. Das waren ungünstige Voraussetzungen für die Bewurzelung von Stecklingen.
Alois Schmid machte sich seine theoretischen Kenntnisse und praktischen Erfahrungen auf dem Gebiet der Fortpflanzung von Bäumen mit Stecklingen zunutze. Er hatte die Bedeutung des Pflanzenhormons Auxin, das in den Pflanzenknospen gebildet und an der Basis der Stecklingen die Bewurzelung erwirkt, verstanden. Er kannte auch künstlich hergestellte Präparate und deren Dosierung, die noch erfolgversprechender waren als das natürliche Auxin. Dank dieser Voraussetzungen gelang Alois Schmid die Bewurzelung mehrerer Steckhölzer der alten Murtenlinde.[11]
Der Kräftigste hatte zehn Jahre später bereits eine Höhe von rund 5 Metern erreicht. Er wurde 1984 in der Nähe des originalen Standplatzes der historischen Murtenlinde auf dem Rathausplatz neben dem Georgsbrunnen eingepflanzt (Lage).[12] Alois Schmid hatte vorsichtshalber mehrere Stecklinge erfolgreich gezüchtet. Neben der bekannten Linde auf dem Rathausplatz in Freiburg sind mindestens 18 weitere Schwestern bekannt, die von der Stadt Freiburg oder in einigen Fällen auch von Schmid verschenkt wurden. Die folgende Liste nennt die Standorte und falls bekannt das jeweilige Jahr, in welchem der junge Lindenbaum am neuen Standort eingepflanzt wurde.
| Standort | Motiv/Anlass der Schenkung | Jahr der Einpflanzung |
|---|---|---|
| Freiburg (Rathausplatz) (Lage) | Dank Pater Alois Schmid konnte ein aus einem Steckling im Botanischen Garten gezüchteter Abkömmling der Murtenlinde, der 1984 bereits eine Höhe von rund 5 m erreicht hatte, auf dem Rathausplatz eingepflanzt werden. Damit war der Fortbestand des genetischen Erbgutes der Murtenlinde für die Zukunft vorerst gesichert.
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1984 |
| Horgen, Waldegg, oberhalb Hauptspielfeld des FC Horgen (Lage) | Geschenk von Pater Alois Schmid auf Anfrage eines Schülers der Mittelstufe aus dem Horgener Schulhaus Waldegg. Wahrscheinlich entstand die Anfrage im Rahmen des Geschichts- (Burgunderkriege) und Deutschunterrichts (Gedicht von Johann Jakob Reithard Die Murtener Linde zu Freiburg[13]) | 1984 |
| Avry-sur-Matran | Wahlheimat von Pater Alois Schmid. | 1985 |
| Böbikon | Pater Alois Schmid war in der Gegend als Seelsorger tätig | 1985 |
| Basadingen | Heimatort von Alois Schmid[14] | 1985 |
| Schloss Grandson | Erinnerung an den gleichnamigen Schlachtort | 1986 |
| Ried bei Kerzers Galmizstr. 37, beim Parkplatz (Lage) |
Wappenbaum der Gemeinde, gute Beziehungen zu P. Schmid[15] |
1986 |
| Gärten von Castel Gandolfo | Erinnerung an den Besuch von Papst Johannes Paul II. in Freiburg 1984 | 1986 |
| Plaffeien bei der Kirche, Ecke Dorfstrasse/Kirchstrasse (Lage) | Die Stadt Freiburg beglückwünscht die Talschaft Plaffeien zu ihrer 500-jährige Zusammengehörigkeit und Verbundenheit mit ihr und schenkt als Zeichen der Freundschaft dieser Talschaft einen Schössling der altehrwürdigen 500-jährigen Murtenlinde, heisst es auf der Infotafel. Pfarrer Thomas Perler nannte den Schössling Friedens-Linde.[16]
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1987 |
| Küsnacht | Heimatgemeinde von Johann Jakob Reithard (1805–1857), Autor des Gedichts «Die Murtener Linde zu Freiburg»[17] | 1988 |
| Rechthalten im Dorf 23, neben Gemeindehaus (Lage) |
Auf Bitte der Gemeinde zum Jahr des Umweltschutzes |
1988 |
| Bulle, place du Tilleul (Lage) | Vor dem Schloss (place du Tilleul): Die junge Murtenlinde ersetzt die Aufstandlinde
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1988 |
| Murten, Stadtgraben (hinter dem Bezirksgericht) (Lage) | Rückkehr der Linde an den Ort der Schlacht[18]
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1989 |
| St. Silvester | Wappenbaum; Ersatz für einen abgestorbenen Baum bei der Kirche[19] | 1990 |
| Seedorf | Weg der Schweiz: Freiburger Wegabschnitt in Seedorf[20] | 1991 |
| Schloss Brestenberg am Hallwilersee | Hans von Hallwyl nahm an der Schlacht von Murten teil | 1991 |
| Mellingen Ibergwiese (Lage) |
Beziehung des Gewerbevereins Murten zu jenem von Mellingen[21][22] | 11.11.1992[23] |
| Schönberg (Stadt Freiburg) | In der Nähe der Primarschule (Heitera oder Villa Thèrèse?) | 1992 |
| Rue du Tilleul in Freiburg[24] | Kleines Paradies/Lindengasse (parallel zur Alpenstrasse). Dieser Nachkomme geht auf einen Abkömmling zurück, den Alois Schmid nach Farvagny verschenkt hatte. Von Farvagny stammt der vegetative Abkömmling, der dieses Jahr am Kleinen Paradiesplatz/Lindengasse gepflanzt wird. Er ist genetisch identisch mit den übrigen Sprösslingen, die von der Murtenlinden abstammen. |
2026 |
| Quelle: FN-Redaktion: Schwestern der neuen Murtenlinde. In: Freiburger Nachrichten. 21. Juni 2014, abgerufen am 10. Januar 2026. | ||
Literatur
- Yvonne Jungo: Die Murtenlinde in Freiburg. In: Freiburger Volkskalender. Ausgabe für das Jahr 2025. November 2024, ISSN 977-166364880-7, S. 125–134.
- Ruth Schmidhofer: Die neue Murtenlinde ist rot ... In: Freiburger Nachrichten. 9. Februar 1989, S. 11 (e-newspaperarchives.ch).
- Alois Schmid: Die Fortpflanzung der Murtenlinde. In: Sociéte Fribourgeoise des Sciences Naturelles (Hrsg.): Bulletin de la Société Fribourgeoise des Sciences Naturelles = Bulletin der Naturforschenden Gesellschaft Freiburg. Band 64, 1975, S. 41–45 (e-periodica.ch).
- Moritz Boschung: Murtenlinde und Murtenlauf in Sage und Wirklchkeit. In: Beiträge zur Heimatkunde / Verein für Heimatkunde des Sensebezirkes und der benachbarten interessierten Landschaften. Band 42, 1972, S. 80–93 (e-periodica.ch).
Weblinks
- Un jour une heure, Sendung der RTS vom 1. Oktober 1974: Interview mit Alois Schmid, dem damaligen Assistenten des Botanischen Gartens Freiburg (französisch)

