NAZA (Film)
Film von Yuval Abraham und Rachel Szor (2026)
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NAZA ist ein Dokumentarfilm von Yuval Abraham und Rachel Szor aus dem Jahr 2026. Die britische Produktion entstand in Zusammenarbeit mit der Tageszeitung The Guardian. In anonymisierten Interviews beschreiben israelische Soldaten und Geheimdienstler das KI-gestützte System zur Ermittlung und Klassifizierung von Angriffszielen im Gazastreifen. Der Titel geht auf ein hebräisches Militärkürzel für „Kollateralschaden“ zurück. NAZA wurde im September 2026 im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Venedig uraufgeführt und gewann dort den Sonderpreis der Jury.
| Film | |
| Titel | NAZA |
|---|---|
| Produktionsland | Vereinigtes Königreich |
| Originalsprache | Hebräisch, Englisch |
| Erscheinungsjahr | 2026 |
| Länge | 80 Minuten |
| Produktionsunternehmen | The Guardian, JW Films |
| Stab | |
| Regie | Yuval Abraham, Rachel Szor |
| Produktion | James Wilson, Harry Davies, Lindsay Poulton[1] |
| Kamera | Rachel Szor und eine anonyme Person[1] |
| Schnitt | Yuval Abraham, Rachel Szor, Harry Davies[1] |
Inhalt
Über einen Zeitraum von drei Jahren[2] wurden nachts auf dem Dach eines Hochhauses in der israelischen Küstenstadt Tel Aviv Interviews mit 24 israelischen Soldaten und Geheimdienstlern geführt.[3][4] Die Gesprächspartner werden nur als dunkle Silhouetten gezeigt, auch ihre Stimmen sind zum Schutz ihrer Identität verfremdet.[4] Sie beschreiben das KI-System zur Festlegung von Angriffszielen in Gaza, das diesen Interviews zufolge dort zu massenhaften Tötungen palästinensischer Zivilisten führte. Dazwischen erscheinen Aufnahmen des nächtlichen Tel Aviv.[3]
Einer der interviewten Soldaten erklärt das Kürzel „NAZA“. Jedem potenziellen Ziel – beispielsweise einem individuellen Hamas-Mitglied – sei in der KI-Software ein NAZA-Wert zugeordnet. Dieser Wert stehe für die erwartete Anzahl ziviler Todesopfer bei einem Luftangriff auf dieses Ziel (NAZA kommt von hebräisch Nezek Agavi, Kollateralschaden). Ziele mit Werten unter 20 bräuchten keine besondere Genehmigung, und es habe Freigaben bis zu 500 gegeben. Die kombinierten NAZA-Werte aller potenziellen Hamas-Kämpfer überstiegen die Gesamtbevölkerung Gazas, erklärt einer der Interviewten.[3][5]
Als die Palästinenser aus dem nördlichen Teil des Küstenstreifens vertrieben werden sollten, hätten die Landkarten unterschiedlich gefärbte Quadranten gehabt, um noch bewohnte Gebiete (violett) von zerstörten Gebieten (weiß) zu unterscheiden. Das Ziel sei gewesen, violette Kästchen in weiße zu verwandeln, „wie ein Videospiel“. Es habe die Anweisung gegeben, so viel wie möglich zu zerstören, ehe Zweifel an der Legitimität der Militäreinsätze auftreten könnten. Von Tel Aviv aus seien Todeszonen in Gaza festgelegt worden; wo diese verliefen, hätten die Palästinenser gelernt, indem sie erschossen wurden, wenn sie diese Zonen betraten. Einer der Gesprächspartner spricht davon, wie israelische Scharfschützen auf Hungernde bei einer Essensausgabe feuerten. Anhand einer Strichmännchen-Zeichnung illustriert er das Geschehen.[3]
Die meisten Interviewten beschreiben das Töten aus großer Entfernung als einen alltäglichen Bürojob. Die zuverlässigsten Ziele seien nicht Hamas-Kämpfer, sondern deren Häuser gewesen, in denen auch ihre Familien schliefen. Die Häuser seien durch die KI-gestützte Überwachung aller Handys in Gaza identifiziert worden. Der Geheimdienst habe Zugriff auf die Kameras und Mikrofone der Handys gehabt, auch auf die Handys von Kindern. „Wo ist Papa?“ stehe für die Methode, anhand des gehackten Handys eines Kindes zu ermitteln, wann der Vater zu Hause ist, damit man dann die ganze Familie in einem Luftschlag töten könne. Ein Mann erzählt, er habe über das Handy eines palästinensischen Vaters live verfolgt, wie dessen in Fotos auf dem Handy gezeigte Tochter verbrannt sei. Man fühle sich wie Gott, erklärt ein Mann, denn man könne alles hören, was gesagt werde.[1][3]
Die Tötung von Kindern und Zivilisten sei nicht nur in Kauf genommen, sondern auch als Aufgabe betrachtet worden, sagen mehrere der Soldaten. Es gebe in Gaza keine Unbeteiligten. Nach dem 7. Oktober habe im israelischen Militär eine Atmosphäre des Hasses geherrscht. Niemand hätte die massenhafte Tötung von Zivilisten infrage gestellt. Einer der Befragten sagt, Palästinenser zu töten, die Mission zu erfüllen, fühle sich gut an. Psychologische Betreuung sei erhältlich gewesen, aber keiner aus seiner Einheit habe sie gebraucht. Ein anderer sagt: „Wir töten diese Kinder absichtlich.“[3][6]
Die Frage, ob er an einem Genozid beteiligt gewesen sei, beantwortet einer der Interviewten, ohne zu zögern, mit Ja. Ein Mitglied einer Eliteeinheit erklärt, unter Verweis auf den Holocaust, er verstehe inzwischen, wie es sein könne, dass man ein ganzes Gebäude zerstört, mit all den darin befindlichen Menschen, und das Leben dann trotzdem einfach weitergeht, und „man macht seinen Abschluss in klinischer Psychologie“.[3]
Regisseur Yuval Abraham erklärte bei der Pressekonferenz anlässlich der Filmpremiere in Venedig, wenn auch das Geschehen in Gaza nicht dasselbe sei wie der Holocaust, es gebe ein gemeinsames Element – das der Entmenschlichung. Dies solle der Film zeigen.[3]
Produktion
NAZA ist der zweite Langfilm der israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor. Beide haben bereits zuvor als Regisseure des Oscar-prämierten Dokumentarfilms No Other Land (2024) auf sich aufmerksam gemacht.
Der Inhalt von NAZA basiert auf Enthüllungen, die zwischen 2023 und 2025 zuerst vom palästinensisch-israelischen Online-Portal +972 Magazine, der hebräischsprachigen Nachrichten-Webseite Local Call (hebräisch שיחה מקומית Sicha Mekomit) und The Guardian veröffentlicht wurden. Die britische Tageszeitung trat neben James Wilson (JW Films) bei dem Filmprojekt auch als Produzent auf. Wilson wiederum hatte gemeinsam mit Regisseur Jonathan Glazer an dem Oscar-prämierten Spielfilm The Zone of Interest (2023) zusammengearbeitet. Glazer war als Executive Producer an NAZA beteiligt. Ebenfalls unterstützt wurde das Projekt von den Unternehmen Placeholder Films und Unseen Hand.[7]
Die Kamera wurden von Rachel Szor und einer anonymen Person geführt.[1] Für den Ton zeichneten die Deutschen Lars Ginzel und Benjamin Hörbe sowie der Brite Robert Farr verantwortlich.[2] Die weltweiten Vertriebsrechte sicherte sich das Unternehmen Mk2 Films.[8]
- Yuval Abraham und Rachel Szor bei der Präsentation des Films in Venedig (2026)
- Jonathan Glazer (2023)
Veröffentlichung und Rezeption
Die Uraufführung von NAZA erfolgte am 10. September 2026 im Rahmen des 83. Internationalen Filmfestivals von Venedig. Der Beitrag wurde als einziger Dokumentarfilm in den Hauptwettbewerb aufgenommen und neun Tage vor Festivalbeginn nachgereicht.[9] Der Grund sollen Sicherheitsbedenken gewesen sein.[10]
NAZA gewann den Sonderpreis der Jury in Venedig.[11] Das Premierenpublikum spendete Abrahams und Szors Regiearbeit rund 25 Minuten Applaus nach der Vorstellung – die längste Ovation, die es je bei den Filmfestspielen von Venedig gab. Der Film übertraf den Rekord von 24 Minuten, den Die Stimme von Hind Rajab im Vorjahr aufgestellt hatte.[12][5]
Die Filmstarts-Redaktion verlieh dem Film fünf Sterne, mit dem Fazit: „‚NAZA‘ gehört zu den herausragendsten Dokumentarfilmen der Kinogeschichte. So schwer erträglich die Gewaltschilderungen sind, sollte ihn jeder gesehen haben. Allein schon, weil dies nicht nur ein Film über Israel und Gaza ist, sondern überhaupt einer über die zynischen Techniken des Tötens im 21. Jahrhundert. Ein erschütterndes Meisterwerk.“[13]
Auf der Webseite Metacritic erhielt NAZA eine Bewertung von 96 von 100 möglichen Punkten, basierend auf mehr als ein Dutzend ausgewerteten englischsprachigen Kritiken. Dies entspricht „durchgängigem Lob“ („Universal Acclaim“).[14] Von den auf der Webseite Rotten Tomatoes aufgeführten über ein Dutzend englischsprachigen Kritiken fielen alle positiv aus („100% fresh“).[15]
Reaktion in Israel
Das israelische Militär erklärte in einer Stellungnahme, die Glaubwürdigkeit der in dem Film interviewten Personen ließe sich nicht beurteilen und es sei nicht wahr, dass palästinensische Zivilisten absichtlich getötet worden seien.[3] Israelische Völkerrechtler forderten indes eine unabhängige Untersuchung; eine pauschale Zurückweisung der Vorwürfe sei unangemessen.[16]
Der israelische Kulturminister Miki Zohar kündigte an, er wolle Abraham und Szor die israelische Staatsbürgerschaft entziehen.[11] Zohar erklärte zudem, er habe die israelischen Behörden zu einer Untersuchung aufgefordert, um die anonymen Militärquellen in dem Film zu identifizieren. Israels Generalstabschef Eyal Zamir wies den Militärstaatsanwalt nach einer Beratung an, „mögliche rechtliche Schritte im Zusammenhang mit dem Film und den daran Beteiligten zu prüfen und voranzutreiben.“ Dies betreffe unter anderem „die Verbreitung falscher Behauptungen über Soldaten der israelischen Armee sowie mögliche Auswirkungen auf deren persönliche Sicherheit und die Sicherheit des Staates“, hieß es weiter. Außerdem sollten Aspekte der Informationssicherheit sowie eine Weitergabe geheimer Materialien durch mögliche Beteiligte geprüft werden.[17]
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte am 16. September 2026 an, zwei Gesetzesentwürfe einzubringen, die ein Verleumden von IDF-Soldaten im Ausland unter Strafe stellen, wobei darin auch der Entzug der Staatsbürgerschaft vorgesehen ist. Netanjahu bezog sich bei der Ankündigung unter anderem auf die Filmemacher von NAZA.[18]
Vor dem Haus der Eltern von Rachel Szor im zentralisraelischen Savjon kam es zu Protesten unter der Führung des rechtsextremen Aktivisten Mordechai David, wobei unter anderem der „Tod für Verräter“ gefordert wurde. David drohte, ähnliche Proteste auch vor dem Haus von Abrahams Eltern abzuhalten, sobald er sie ausfindig machen könne.[19]
Über 1000 israelische Filmemacher unterzeichneten am 14. September 2026 eine Petition zur Unterstützung von Abraham und Szor als Reaktion auf eine „beispiellose Kampagne der Hetze und Anstiftung“ gegen die beiden. In der Petition hieß es, dass „die zentrale Rolle von Kunst und Journalismus darin besteht, der Gesellschaft, in der sie existieren, einen Spiegel vorzuhalten“. Zu den Unterzeichnern gehörten mehrere der prominentesten Regisseure Israels, darunter Ari Folman und Shlomi Elkabetz.[20] Über 40 israelische Menschenrechts-, Gleichstellungs- und Friedensorganisationen, darunter Peace Now, Adalah, B’Tselem, Physicians for Human Rights Israel und Breaking the Silence, veröffentlichten am Tag darauf ebenfalls eine Erklärung zur Unterstützung von Abraham und Szor.[21][22]
Auszeichnungen
Yuval Abraham und Rachel Szor wurden mit NAZA zum ersten Mal in den Wettbewerb um den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig eingeladen.
| Festival | Kategorie | Resultat | Person |
|---|---|---|---|
| Venedig (2026) | Goldener Löwe – Bester Film | Nominiert | Yuval Abraham, Rachel Szor |
| Sonderpreis der Jury | Gewonnen | Yuval Abraham, Rachel Szor |
Weblinks
- NAZA bei IMDb
- Naza, ttt – titel, thesen, temperamente, ARD Mediathek
- Festivalprofil von Venedig (englisch)