Nassanger
denkmalgeschütztes Gebäude in Lichtenfels, Bayern
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Nassanger (auch Naßanger, bis ins 19. Jahrhundert Aasanger[1][2]) ist ein barocker Gutshof bei Trieb, das als Gemeindeteil zur Stadt Lichtenfels im gleichnamigen Landkreis in Bayern gehört.
Geschichte
Ein Gutshof ist dort seit dem 16. Jahrhundert nachweisbar. Das heutige Gebäude wurde 1692–1693 anstelle von drei Höfen als Wirtschafts- und Lagerhof des Klosters Langheim unter Abt Gallus Knauer neu errichtet. Der entwerfende Baumeister ist archivalisch nicht überliefert, wird aber in der Familie Dientzenhofer vermutet, die für das Kloster Langheim tätig war. Kunsthistoriker vermuten aufgrund baustilistischer Vergleiche Leonhard Dientzenhofer.[3][4] Zum Gut gehörten neben etwa 63 Hektar Feldern und Weideflächen eine Ziegelhütte, ein großer steinerner Stadel und ein Backhaus.[5] 1805 kam Nassanger im Zuge der Säkularisation in Bayern in Privatbesitz an einen Baron Malsen aus Niederbayern.[6][7] Danach wechselte der Nassanger mehrfach den Besitzer und wurde weiter landwirtschaftlich genutzt. Im 19. Jahrhundert kam in den linken Treppenturm eine Grünfuttersiloanlage, angeblich die erste dieser Art in Deutschland.[7] Später war das Gebäude in einen Tierpark integriert und diente dann als Nachtclub.[7] Der vorläufig letzte Besitzerwechsel des Gutshofs Nassanger fand 2025 statt; aktuell (Stand Sommer 2025) ist die künftige Nutzung unklar.[8][9]
Architektur
Beschreibung
Nassanger war ein landwirtschaftlicher Betrieb, dessen baulicher Mittelpunkt ein dreigeschossiger Ringbau bildete. Umgangssprachlich wird der Bau selber als der Nassanger bezeichnet. Der Grundriss ist nahezu kreisförmig und leicht ovalförmig (die etwas längere Gebäudeachse liegt in Nordsüdrichtung); der Durchmesser beträgt 51 Meter.[10] Auf dem verschieferten Satteldach sitzen in zwei Reihen zahlreiche Ziergauben mit Spitzhelmen.
Im Innern befinden sich im kreuzgratgewölbten Erdgeschoss vor allem Stallungen, in den beiden Obergeschossen mit Balkendecken Schüttböden für Heu und Stroh, die Dachböden wurden als Getreidespeicher genutzt. Es gab ehemals zwei rundbogige Zufahrtstore; das südliche ist heute zugemauert. Beidseits der an der Nordseite gelegenen Hauptzufahrt waren im Erdgeschoss ehemals Amtsstuben und im hier hohen Obergeschoss eine Kapelle sowie Wohnräume des Abtes angeordnet. Über dem Zufahrtstor sind das Amtswappen des Klosters Langheim mit einem lateinischen Chronostichon und auf dem Schlussstein die Initialen des Bauherrn „FGAL“ (= Frater Gallus abbas Langheimensis[4]) sowie als Jahr der Fertigstellung „1693“ angebracht.[3] Zwei in die Innenhoffassaden eingefügte runde Treppentürme mit hölzernen Wendeltreppen erschließen die oberen Geschosse.[11]
Die äußeren Putzfassaden sind weitgehend schmucklos und zeigen eine „fast abweisende Form“, die „nahezu ausschließlich der Funktion verpflichtet“ gewesen sein soll, da sie „möglichst viel Stauraum bei kleinstmöglicher Wandfläche“ bieten sollte.[7][10] Dabei sind als weitere Besonderheit die Fenster der Wirtschaftsgeschosse als Querovale ausgebildet, die an „Kanonenscharten“[12] eines Festungsbaus erinnern.
Im Innenhof gab es einen großen Misthaufen, der in Querrichtung ebenfalls einen leicht ovalen Grundriss aufwies. Die ursprüngliche weiß-ockergelbe Farbgebung der Fassaden wurde 1977 wiederhergestellt.[3]
Nutzung, Ikonographie und Bedeutung
Der Nassanger diente nicht nur als Gutshof, sondern offenbar auch als geplante „Fluchtburg“ des Abtes.[13] Der wehrhafte Charakter der Architektur wurde früher zusätzlich durch einen fast zehn Meter breiten Wassergraben unterstützt, der ein schwer überschreitbares Annäherungshindernis bildete.[12] Einen verklausulierten Hinweis auf die Verteidigungsfunktion könnte auch das Chronistichon über dem Nordportal enthalten: „sVb GaLLI aVspICYs eXtrVCta est / MaCsIna praesens HanC regat / dC serVet qVI regIt astra poLI“ (aufgelöst: Sub Galli auspiciis extructa est machina praesens – Hanc regat et servet qui regit astra poli; zu deutsch: Unter des Gallus Leitung gebaut ist dieses Kunstwerk – Es schützen und bewahren möge derjenige, der lenkt die Sterne des Pols), denn „machina“ kann neben Kunstwerk auch Belagerungsgerät oder Kriegslist bedeuten.[13]
Die Bauform des Nassangers ist für einen Amts- oder Guthof völlig unüblich, da ein solcher normalerweise als ein- oder mehrflügelige Rechteckanlage gebaut wurde; auch nur entfernt ähnliche Bauformen kamen bis dahin im ganzen europäischen Barock nicht vor.[13] Angeblich soll Abt Gallus die Idee zur Rundform aus Rom „nach dem Muster dortiger Gebäude“[13][14] mitgebracht haben, womit wohl die Engelsburg, eine Fluchtburg der Päpste, gemeint gewesen sein dürfte. In Bauformen habe sich Abt Knauer als Bauherr auch sonst „unbekümmert um architektonische Konventionen“[15] gezeigt. So wird schließlich als Grund für die Wahl der besonderen Bauform der politische Anspruch des Klosters Langheim auf Exemption vom Bamberger Bischof und die Nähe zum Papst in Rom vermutet, von dem man sich wie vom Kaiser in Wien, der „nova Roma“[16], Unterstützung gegen das Hochstift Bamberg erhoffte.[7]
Wissenschaftlich diskutiert wurden auch geplante Nutzungen des Nassangers als Jagdschloss[17] oder zu astronomischen Beobachtungen; letzteres wegen der ungefähren Ausrichtung der längeren Ovalachse auf den Nordpol.[17] Ebenso wenig historisch belegt ist die örtliche Überlieferung, nach der die zwölf Hoftüren und die einst angeblich 365 Fenster Bezug zum Kalender gehabt hätten.[18][19] Solche Architekturdeutungen nach dem Kalender[20] in Kombination mit einem festungsartigen Ringbau teilt der Nassanger mit dem rund 90 Jahre jüngeren Narrenturm in Wien.
Die Anlage des Nassanger-Ringbaus gilt innerhalb der Architekturgeschichte als „ein Unikum, einer der interessantesten Zweckbauten der deutschen Barockarchitektur“.[3] Das Dehio-Handbuch meint, dass sich hier „höchste Funktionalität verbindet [...] mit einer möglicherweise von antiken Vorbildern angeregten idealen Form.“[3]
- Galerie
- Senkrechtluftbild (2022)
- Innenhof und Treppenturm (2022)
- Fassadenausschnitt mit Ovalfenstern (2022)
- Nördliche Toreinfahrt (2022)
- Wappenstein und Inschriften über der nördlichen Toreinfahrt (2022)
Literatur
- Tilmann Breuer: Landkreis Lichtenfels (= Bayerische Kunstdenkmale. Band 16). Deutscher Kunstverlag, München 1962, DNB 450619370, S. 143–145.
- Günter Dippold: Trieb. Ein langheimisches Klosterdorf und seine Entwicklung im 19. Jahrhundert. In: Heimatbeilage zum Oberfränkischen Schulanzeiger. Nr. 322, Bayreuth März 2005, S. 8–12, S. 36–39. (Digitalisat auf yumpu.com, abgerufen am 14. Dezember 2025).
- Peter Ruderich: Der Nassanger bei Lichtenfels. Untersuchungen zu Form und Funktion eines einmaligen Profanbaus des 17. Jahrhunderts. In: Beiträge zur Fränkischen Kunstgeschichte, Bd. 1/2, 1995/1996, Hrsg. Markus Hörsch, Peter Ruderich, Collibri, Bamberg 1995, ISBN 3-926946-28-8, S. 180–191.
- Franz Willax: Nassanger. In: Burgen und Schlösser, Jg. 22, 1981, Heft 2, S. 112–116. (Digitalisat auf journals.ub.uni-heidelberg.de, abgerufen am 14. Dezember 2025) – Enthält Bauaufnahmezeichungen.
Weblinks
- Nassanger in der Ortsdatenbank von bavarikon.
- Gutshof Nassanger, im Denkmalatlas des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege
- Gutshof Nassanger im Denkmalnetz Bayern