Neu-Lohsa

Ausbau von Lohsa im heutigen sächsischen Landkreis Bautzen in der Oberlausitz From Wikipedia, the free encyclopedia

Neu-Lohsa (sorbisch Nowy Łaz) ist oder war ein Ausbau von Lohsa im heutigen sächsischen Landkreis Bautzen in der Oberlausitz. Es wurde in den Jahren 1943/1944 für den Tagebau Glückauf II/Werminghoff II bis auf drei Gehöfte abgebrochen. 60 Einwohner wurden umgesiedelt.[1]

Ausschnitt aus dem Messtischblatt 2690 (Lohsa) von 1889
Ausschnitt aus dem Messtischblatt 2690 (Lohsa) von 1889

Geschichte

Neu-Lohsa war eine historisch gewachsene westliche Erweiterung des Hauptortes Lohsa. Aufgrund der engen räumlichen und strukturellen Verbindung mit dem Hauptort wurde Neu-Lohsa in der landeskundlichen Literatur nicht gesondert behandelt. Eine urkundliche Ersterwähnung ist nicht bekannt; die Gründung des Ortes wird auf den Beginn des 18. Jahrhunderts datiert.

Im Jahr 1940 wurde Neu-Lohsa durch die Anhaltischen Kohlenwerke AG (AKW) aufgekauft. Zwischen 1943 und 1944 erfolgte der Abbruch des Ortes im Zuge der Erweiterung des Tagebaus Werminghoff II, der sich zu diesem Zeitpunkt im Besitz der AKW befand. Diese hatte im Zuge der nationalsozialistischen Enteignung des Ignaz-Petschek-Konzerns unter anderem die Betriebe der Eintracht Braunkohlenwerke und Brikettfabriken AG übernommen.

Die Abrissarbeiten erfolgten u. a. durch polnische Kriegsgefangene und afrikanische Gefangene aus einem Kriegsgefangenenlager am Weg der Lohsaer Siedlung nach Ratzen.[2] Die offizielle Zahl der Umsiedler betrug 60 Personen aus 29 Familien und 30 Wohnhäusern. Obwohl es sich bei einem Großteil der Betroffenen um Beschäftigte des Braunkohlenbetriebs handelte, zogen nur wenige Familien in die eigens errichtete Bergarbeitersiedlung im Norden von Lohsa, die den Charakter einer Werkskolonie trug. Viele siedelten stattdessen in umliegende Orte oder errichteten neue Wohnhäuser im Hauptort Lohsa, teils in Anlehnung an die Architektur ihrer ehemaligen Wohngebäude.

Ein frühes dokumentiertes Einzelschicksal im Zusammenhang mit der Ortsdevastierung war der Suizid des Neu-Lohsaer Bürgers August Hanske, der sich 1942 im Alter von 58 Jahren das Leben nahm. Sein Tod gilt als einer der ersten bekannten Fälle eines Suizids im Zusammenhang mit der Zwangsumsiedlung im Zuge des Braunkohletagebaus. Sein Wohnhaus wurde wieder aufgebaut (s. u.).

Bevölkerung und Sprache

Nach einer ethnodemografischen Erhebung von Arnošt Muka aus dem Jahr 1884 zählte das Kirchspiel Lohsa 467 Einwohner, von denen 432 Sorbisch als Muttersprache angaben. Weitere 25 Personen wurden als sorbischkundige Deutsche erfasst. Muka bezeichnete die Gemeinde daraufhin als „ganz sorbisch“ und das hier gesprochene Sorbisch als „sehr schön und sauber“.[3] Auch eine spätere Erhebung durch Arnošt Černik aus dem Jahr 1956 ergab für das Dorf Lohsa eine Sorbischkenntnisquote von 37,3Prozent.[4] Vor diesem Hintergrund kann davon ausgegangen werden, dass auch in Neu-Lohsa bis zu seiner Devastierung sorbische Einwohner lebten.

Das in unmittelbarer Nachbarschaft zu Neu-Lohsa gelegene, ebenfalls dem Braunkohletagebau zum Opfer gefallene Teichgebiet war darüber hinaus landschaftlicher Ursprung mehrerer überlieferter sorbischer Sagen und Lieder. So ist das Areal Herkunftsort der Sage vom unglücklichen Fischfang des Wolfes. Zudem überlieferten Jan Arnošt Smoler und Adolf Haupt in ihrer Sammlung sorbischer Volkslieder ein Wassermann-Lied, das in den verschwundenen Teichen von Lohsa spielt.

Neu-Lohsa war auch der Wohnort der sorbischen Volksdichterin Hanža Budarka (deutsch Agnes Buder, 1860–1937), die dort 43 Jahre lebte.[5][6] Von der „Budarka“ sind insgesamt 172 Gedichte, eine Prosaarbeit sowie eine dramatische Szene überliefert. Ihre Werke wurden vielfach in der sorbischen Zeitung Serbske Nowiny veröffentlicht. Besonders populär waren ihre Gelegenheitsgedichte, die sie auf Bestellung für familiäre Anlässe wie Hochzeiten oder Todesfälle verfasste. Diese fanden im gesamten Kirchspiel Lohsa weite Verbreitung. Trotz einfacher Schulbildung entwickelte Budarka als Autodidaktin über die Jahre einen eigenständigen, schlichten und zugleich ausgereiften poetischen Stil. Ein Großteil ihrer Werke thematisiert die Verbundenheit mit der sorbischen Heimat.

Heutige Lage und Gedenkstätte

Gedenkstätte für den abgebaggerten Ortsteil Neu-Lohsa, Aufnahme vom September 2017

Heute befinden sich auf dem ehemaligen Siedlungsgebiet das Speicherbecken Lohsa I (der Silbersee) und die zugehörige Uferbebauung sowie das Freibad. Lediglich drei Gehöfte am Neu Lohsaer Weg blieben erhalten. Als letzte Zeugnisse der Ortslage Neu-Lohsa sind die Gebäude ortsgeschichtlich von Wirkkraft.[2]

Am 6. Juni 2009 wurde anlässlich des 12. Tages der abgebaggerten sorbischen Dörfer am Ortsausgang von Lohsa in Richtung Friedersdorf durch die Domowina eine Gedenkstätte (51° 22′ 53,2″ N, 14° 24′ 1,3″ O), bestehend aus einem Findling und einer Dokumentationstafel, eingeweiht. Auf dem Findling ist eine Steinplatte mit der Aufschrift: „NEU-LOHSA NOWY ŁAZ 1343–1943“ angebracht. Neben ihm wurde eine Linde gepflanzt.[7]

Siehe auch

Literatur

  • Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH: Werminghoff/Knappenrode (Wandlungen und Perspektiven 17). Senftenberg 2024, S. 12 (Online)
  • Frank Förster: Verschwundene Dörfer im Lausitzer Braunkohlenrevier. 3., bearbeitete und erweiterte Auflage, Domowina-Verlag, Bautzen 2014, S. 197–202.
  • Ring Deutscher Bergingenieure e.V., Bezirksverein Lausitzer Braunkohle [Hrsg.], 100 Jahre Braunkohlenbergbau um Werminghoff (Knappenrode) und Lohsa, Spitzkunnersdorf 2014, S. 22–26.
  • Torsten Richter: Heimat, die bleibt. Ortserinnerungsstätten in der Lausitz. Regia-Verlag, Cottbus 2013, S. 127.
  • Förderverein Begegnungsstätte Zejler-Smoler-Haus Lohsa/Reinhardt Schneider, Elke Nagel: Neu Lohsa Erinnerungen an die verlorene Heimat. Lohsa 2011.
  • Archiv verschwundener Orte: Dokumentation bergbaubedingter Umsiedlung, Horno 2010, S. 338–339.

Einzelnachweise

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