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Nikolaus Gansterer

österreichischer bildender Künstler, Performer und Forscher From Wikipedia, the free encyclopedia

Nikolaus Gansterer (* 25. März 1974 in Klosterneuburg) ist ein österreichischer bildender Künstler, Performer und Forscher. Er lebt und arbeitet in Wien. Sein Werk umfasst Zeichnung, Installation und Performance sowie kollaborative Forschungsprojekte an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Philosophie.

Leben und Ausbildung

Er studierte Anthropologie und Philosophie an der Universität Wien und schloss sein Kunststudium an der Universität für angewandte Kunst Wien in der Meisterklasse von Brigitte Kowanz ab.[1] Von 2005 bis 2006 war er Artistic Research Fellow am postgradualen Studienprogramm der Jan van Eyck Academie in Maastricht.[2] Sein Atelier befindet sich in den Wiener Praterateliers (Bildhauergebäude des Bundes).[3]

Künstlerische Praxis

Im Mittelpunkt der Praxis Gansterers steht die Aufzeichnung ephemerer und emergenter Prozesse – Denkfiguren, Choreographien und Atmosphären – sowie die Frage nach der Übersetzbarkeit von Wahrnehmungsphänomenen in künstlerische Kontexte. Dabei befragt er die imaginäre Schwelle zwischen Natur und Kultur, Kunst und Philosophie und richtet seinen Fokus gleichermaßen auf menschliche wie mehr-als-menschliche Wirkkräfte. Er entwickelt diagrammatische Notationssysteme, die immanente Vernetzungsstrukturen sichtbar machen, und untersucht dabei die Grenzen und Möglichkeiten künstlerischer Zeichensysteme und Bildsprache. In Auseinandersetzung mit der Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins erforscht er gemeinsam mit dem Kunstkritiker und Philosophen Klaus Speidel Fragen des Denkens in und durch Bilder sowie Fragen visueller Narratologie.[4]

Zu den wiederkehrenden Formaten seiner Praxis zählen großformatige Zeichnungen, transmediale Installationen und performative Workshops sowie sogenannte „Translectures“ – Veranstaltungsformate, die Vortrag, Performance und Live-Diagrammierung verbinden.[5] Daneben ist Gansterer in experimentellen klangbasierten Formaten aktiv. Er ist Mitbegründer des Vereins Institut für transakustische Forschung[6] sowie Gründungsmitglied des experimentellen Klangkollektivs The Vegetable Orchestra.[7] Performative Arbeiten realisiert er regelmäßig in Zusammenarbeit mit Musikerinnen, Philosophinnen, Wissenschaftlerinnen und Choreografinnen, beispielsweise mit Arno Böhler, Emma Cocker, Elena Esposito, Katharina Klement, Erin Manning, Dieter Mersch, Jörg Piringer und Martin Siewert.

In der Kunstkritik wird sein Werk als Beitrag zu einem erweiterten Zeichnungsbegriff verstanden, der Zeichnung in räumliche und performative Kontexte überführt.[8] Mehrere Kritiken beschreiben seine Arbeiten als Formen visuellen Denkens und betonen die Entwicklung diagrammatischer Notationen zur Darstellung komplexer Zusammenhänge.[9]

Lehr- und Forschungstätigkeit

Gansterer ist seit 2007 Lektor an der Universität für angewandte Kunst Wien und hatte dort die erste Gastprofessur im Doktoratsprogramm für Artistic Research inne.[1] Er ist Boardmember des APL – Angewandte Performance Laboratory. Er lehrt auch an der Kunstuniversität Linz[10] sowie im Rahmen von Gastlehraufträgen an der Kunsthøgskolen i Oslo (KHIO) und am APASS (Advanced Performance and Scenography Studies) in Brüssel.

Er leitete mehrere Forschungsprojekte, die vom österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) im Rahmen des PEEK-Programms (Programme for Arts-based Research) gefördert wurden:

  • Choreo-graphic Figures: Deviations from the Line (2014–2018, Projektleitung): Entwicklung von Notationsformen an der Schnittstelle von Zeichnung, Schreiben und Choreographie.[11][12]
  • Contingent Agencies – Inquiring into the Emergence of Atmospheres (2019–2025, Projektleitung): Experimentelle Untersuchung atmosphärischer Prozesse und ihrer Notation.[13][14]
  • Shaken Grounds – Seismography of Precarious Presences (2023–2026, Key Researcher): Untersuchung anthropogener Erderschütterungen mit performativen Methoden.[15][16]
  • Arts in Philosophy: Philosophy in the Arts. On the Significance of the Heart (2024–2027, Key Researcher): Internationales Forschungskonsortium zur kulturvergleichenden Bedeutung des Herzens in europäischen und asiatischen Denktraditionen.[17][18]

Ausstellungen (Auswahl)

Gansterers Projekte wurden unter anderem in folgenden Institutionen und bei internationalen Biennalen gezeigt:

Publikationen (Auswahl)

Monographien und Herausgeberschaften

  • 2025: Contingent Agencies – Inquiring Into the Emergence of Atmospheres, Nikolaus Gansterer, Alex Arteaga (Hrsg.), Hatje Cantz, Berlin. ISBN 978-3-7757-5903-8
  • 2025: Atlas of Spatial Figures, Ignacio Farias, Nikolaus Gansterer, Silke Steets (Hrsg.), Jovis, Berlin. ISBN 978-3-98612-220-1
  • 2022: Playing with Ludwig – Figures of Thinking / Jouer avec Ludwig, Figures de Pensée, Nikolaus Gansterer, Klaus Speidel, Éditions Dilecta, Paris. ISBN 978-2-37372-165-2
  • 2018: Nikolaus Gansterer – Drawing as Thinking in Action, Ausstellungskatalog, Drawing Lab, Paris. ISBN 978-2-490024-06-3
  • 2018: Con-notations, N. Gansterer, S. Orlando, K. Stroebel (Hrsg.), Edition Villa Arson, Nizza. ISBN 978-2-913689-39-8
  • 2017: Choreo-graphic Figures. Deviations from the Line, Nikolaus Gansterer u. a. (Hrsg.), Edition Angewandte, De Gruyter, Berlin. ISBN 978-3-11-054660-6
  • 2017: Drawing a Hypothesis – Figures of Thought, Nikolaus Gansterer (Hrsg.), 2., korrigierte Auflage, De Gruyter, Berlin. ISBN 978-3-11-054661-3
  • 2013: When Thought Becomes Matter, Christiane Krejs (Hrsg.), Ausstellungskatalog, Kunstraum Niederösterreich, Wien. ISBN 978-3-9503500-2-9
  • 2011: Drawing a Hypothesis – Figures of Thought, Nikolaus Gansterer (Hrsg.), 1. Auflage, Springer, Wien/New York. ISBN 978-3-7091-0802-4

Aufsätze und Beiträge (Auswahl)

  • Beiträge u. a. in Journal of Visual Practice, Journal of Performance Research, FUKT Magazine, Arts Cabinet, und JAR – Journal for Artistic Research
  • Beitrag in: Barbara Putz-Plecko (Hrsg.): Heterotopien des Künstlerischen – Lehren als künstlerische Praxis, De Gruyter, Berlin 2025
  • Beitrag in: Alexander Damianisch, Lisa Stuckey (Hrsg.): Uncertain Curiosity: Transforming Understanding — Understanding Transformation, Springer, Wien 2025. ISBN 978-3-031919-94-7
  • Beitrag in: Leena Rouhiainen u. a. (Hrsg.): Writing Choreography: Textualities of and beyond Dance, Routledge, London 2024. ISBN 978-1-032501-98-7
  • Beitrag in: Journal of Visual Art Practice, Claire Scanlon (Hrsg.), Bd. 20, 2021. ISSN 1470-2029
  • Beitrag in: L. Michelkevičė, V. Michelkevičius (Hrsg.): Atlas of Diagrammatic Imagination: Maps in Research, Art and Education, Academy of Arts Press, Vilnius 2019. ISBN 978-6-094473-29-6
  • Beitrag in: JAR – Journal for Artistic Research, Society of Artistic Research, (Nr. 18), 2019. ISSN 2235-0225, Emma Cocker, Nikolaus Gansterer, Mariella Greil, Simona Koch: Choreo-graphic Figures: Scoring Aesthetic Encounters (online)

Auszeichnungen

Residencies und Auslandsaufenthalte (Auswahl)

  • 2023: Fondazione Arthur Cravan, Mailand, Italien
  • 2021: Dance Nucleus, Singapur
  • 2019: Cité des Arts, Paris, Frankreich
  • 2018: Wiels Contemporary Art Centre, Brüssel, Belgien
  • 2017: Villa Arson, Nizza, Frankreich
  • 2016: Nassim el Raq, Alexandria, Ägypten
  • 2015: Expo Milano, Mailand, Italien
  • 2014: ImpulsTanz Festival, Wien, Österreich
  • 2012: Bmukk-Studio, Tokio, Japan
  • 2010: Timelab, Gent, Belgien
  • 2009: Nadine, Brüssel, Belgien
  • 2008: Bmukk-Studio, Chengdu, China
  • 2007: Duende, Rotterdam, Niederlande
  • 2007: AIR Antwerpen, Antwerpen, Belgien
  • 2003: AIR03, Forum Stadtpark, Graz, Österreich
  • 2001: Transfer Damascus, Centre for Art and Knowledge Transfer, Wien und Damaskus, Syrien

Rezeption

Gansterers Arbeiten werden international in Kunstzeitschriften und Feuilletons rezipiert. Aurélie Cavanna beschreibt sie in artpress als Formen visuellen Denkens, in denen Zeichnung als Denkbewegung erscheint.[9] Beiträge in Frieze und Artforum heben hervor, dass seine Arbeiten Zeichnung in räumliche und performative Zusammenhänge überführen.[8][25] Internationale Medien wie Hyperallergic und Wallpaper berichteten über seine Beteiligung an der Sharjah Biennale.[19][26] Im deutschsprachigen Raum erschienen Beiträge unter anderem in Der Standard, artmagazine[27][28][29] sowie in Collectors Agenda.[5]

In der kunsttheoretischen Rezeption wird insbesondere Gansterers Beitrag zur künstlerischen Forschung hervorgehoben. So beschreibt Ksenia Fedorova seine Praxis als Entwicklung „visueller Verfahren der Wissenskonstruktion sowie einer eigenen Grammatik grafischer Notation“.[30] Zugleich wird betont, dass seine diagrammatischen Arbeiten „nicht nur der Repräsentation dienen, sondern zur Hervorbringung von Wissen beitragen“.[30]

Gansterers Monographien und Herausgeberschaften sind im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek verzeichnet.[31] Seine Arbeiten sind zudem in internationalen Überblickspublikationen zur zeitgenössischen Zeichnung vertreten, darunter Vitamin D3 (Phaidon, 2021) und Drawing in the Present Tense (Thames & Hudson, 2023).[32][33]

Einzelnachweise

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