Bernardino Ochino
italienischer reformatorischer Theologe
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Bernardino Ochino oder Bernardino Occhino (* 1487 in Siena; † 1564 in Austerlitz in Mähren) war ein Franziskaner, Kapuziner und ab 1542 ein reformatorischer Theologe aus Italien, der in der Schweiz, Augsburg, Straßburg und London als evangelischer Pfarrer wirkte.

Leben und Wirken
Ausbildung und Orden
Ochino war ein Sohn des Barbiers Domenico Tommasini. Er war Page beim Herren Pandolfo Petrucci, der eine wichtige Persönlichkeit in Siena war. 1503 oder 1504 trat er in den Franziskanerorden des Klosters Capriola ein. Nach ein paar Jahren konnte er an der Universität von Perugia Medizin studieren und erhielt 1510 den Doktortitel. Dort lernte er Giulio de Medici, den späteren Papst Clemens VII. kennen. 1523 wurde er Vorsteher der Provinz Siena, Paolo Pisotti, der General des Ordens, schickte ihn als Emmissär nach Venedig. Nach einer Krise wechselte er 1534 in den neu gegründeten, strengeren Kapuzinerorden. 1538 wurde er dessen Generalvikar. Ein moralischer Lebenswandel und rhetorisch geschickte, begeisternde Predigten erwarben ihm den Ruf eines Heiligen.[1]
Hinwendung zum evangelischen Glauben
Durch Kontakte mit dem Spanier Juan de Valdés, der mit Karl V. in Deutschland gewesen war, dem Augustinerprior Pietro Martire Vermigli, der Dichterin Vittoria Colonna, dem Kardinal Gasparo Contarini und Caterina Cybo lernte er die neuen Lehren der deutschen Reformation schon früh kennen und schätzen. Besonders zur Rechtfertigung allein aus Glauben, einem Hauptthema der Reformation, predigte er und bekannte sich 1542 erstmals in Venedig offen zu dieser neuen Lehre.
Flucht in die Schweiz und Prediger in London
Als er 1542 vom Papst wegen Häresieverdachts nach Rom geladen wurde, floh er zuerst ins bündnerische Chiavenna, dann nach Zürich, wo er nur wenige Tage blieb und mit dem dortigen Reformator Heinrich Bullinger in Kontakt kam. Dann zog er weiter nach Genf, wo er drei Jahre blieb, eine Italienerin aus Lucca heiratete, mit Jean Calvin in eine freundschaftliche Beziehung trat, Pfarrer der italienischen Gemeinde wurde, predigte und auch publizierte. 1545 reiste er weiter nach Basel und Augsburg, wo er auch Pastor der dortigen italienischsprachigen Gemeinde wurde. Aus konfessionspolitischen Gründen (Schmalkaldischer Krieg) musste er 1547 nach Straßburg ziehen, wo er erneut mit Peter Martyr Vermigli zusammentraf. Vom englischen Reformator Thomas Cranmer wurden sie zusammen mit Martin Bucer nach London eingeladen. Dort erhielt er eine Pension von König Eduard VI. und wurde – wie an seinen bisherigen Aufenthaltsorten – Prediger der italienischsprachigen evangelischen Gemeinde.
1553 musste Ochino wegen der neuen katholischen Königin Maria Tudor England verlassen und kehrte in die Schweiz nach Genf und Basel zurück. 1554 weilte er erneut im bündnerischen Chiavenna, wo ihn der Reformator Agostino Mainardi aufnahm, um den sich eine große evangelische Gemeinde gebildet hatte. 1555 kam er wieder nach Basel und danach nach Zürich, wo sein Freund Heinrich Bullinger wirkte. Er nahm das Helvetische Glaubensbekenntnis an und wurde in der Kirche St. Peter Pfarrer der soeben vertriebenen evangelischen Gemeinde Locarnos.
Ausweisung aus Zürich und Gang nach Polen
Ochino war ein eigenständiger Denker, nonkonformistischer Schreiber und kritisierte daher auch Ungereimtheiten und Missstände im reformierten Genf und Zürich. Die Zürcher Regierenden verlangten, dass seine Bücher vorgängig zensuriert würden. Er umging das, und sein Buch Dreissig Dialoge erregte wegen des 21. Dialogs Anstoss, der die Viel- und die Einehe offen behandelte. Zudem wurde ihm – vermutlich zu Unrecht – Antitrinitarismus vorgeworfen. So schien er unhaltbar und wurde vom Rat Zürichs am 2. Dezember 1563 wegen Ketzerei verbannt. Im Jahr zuvor war seine Frau durch einen Sturz gestorben. Mit seinen vier Kindern musste er Zürich verlassen und ging nach Nürnberg. Er zog im Frühling 1564 weiter nach Krakau in Polen, wo er kurzzeitig durch Mikołaj Krzysztof Radziwiłł Aufnahme fand und sogar wieder vor italienischsprachigen Flüchtlingen predigen durfte.[2] Aber als angeblicher Ketzer fand er keine feste Bleibe mehr, und nach dem Tod dreier seiner Kinder starb auch er im Dezember 1564 im mährischen Slavkov an der Pest.[3][4][5] Nur seine älteste Tochter Aurelia überlebte ihn und lebte später in Genf, wo sie auch starb.[6]
Schriften (Auswahl)
- Prediche (nove) di Bernardino Ochino da Siena, 1539; 1541 und Jean Girard, Genf 1542.
- Dialoghi sette, 1542.
- Bernardini Ochini Senen. Responsio ad Mutium Justinopolitanum, qua rationem reddit sui discessus ab Italia, Jean Girard, Genf 1543.
- Epistola magistri Hieronimi Lucensis, ad Bernadinum Ochinum Senensem: cum responsione eiusdem Bernardini, Girolamo Frediani, Jean Girard, Genf 1543.
- Epistola di Bernardino Ochino, alli molti magnifici signore, li Signori di Balia della citta di Siena, Jean Girard, Genf 1543.
- Expositione di Bernardino Ochino di Siena, sopra la epistola di S. Paulo alli Romani, Jean Girard, Genf 1545.
- Auslegung der Epistel Pauls an die Römer, 1546, Ulhart, 1556.
- Prediche di Bernardino Ochino da Siena, 1, Basel 1550.[7]
- De amplitudine misericordiae Dei absolutissima Oratio Item, Sermones tres D. Bernardini Occhini, de Officio Christiani principis, eodem interprete. Item, Sacrae Declamationes quinque: Ad Sereniss. & clementiss. Angliae Regem Eduardum VI., mit Marsilio Andreasi, Coelius Horatius Curius und Heinrich Pantaleon, Johannes Oporinus, Basel 1550.
- Apologi nelli quali si scuoprano li abusi, schiocheze, superstitioni, errori, idolatrie ed impietà della sinagoga del Papa. Et spetialmente de suoi preti, Jean Girard, Genf 1554 und Zürich 1556.
- Apologues, esquels se descouvrent les abuz, folies, superstitions, erreurs, idolatries, et impietez de la synagogue du pape: et specialement des prestres, Jean Girard, Genf 1554.
- Apologie in welcher die Mißbrauch Thorheiten, Aberglauben... der Papistischen Synagoge..., 1559.
- La quarta parte delle prediche di M. Bernardino Occhino, non mai piu stampate, nelle quali con mirabile ordine si tratta dell' anima & di diverse cose, Michael Isengrin und Pietro Perna, Basel 1555 (?).
- Bernardini Ochini Senensis viri doctissimi, de purgatorio dialogus, mit Taddeo Duno, Andrea und Jacobo den Gessneren Gebrüder, Zürich 1555/1556[8] (deutsch mit Ulrich Zwingli: Dialogus, das ist ein Gespräch von dem Fägfheür, in welchem der Bäpstleren torechtigen und falschen Gründ, das Fägfheür zeerhalten, widerlegt werdend).
- Syncearae et verae Doctrinae de conae Domini Defensio, Andreas und Hans Jakob Geßner, Zürich 1556.[9]
- Antithesis de praeclaris Christi et indignis Papae facinoribus, cum Dei decalogis mandatis Antichristi oppositis, cumque utriusque morum descriptione, mit Simon du Rosier, Zacharie Durant, Genf 1557.
- Conseils et advis de plusieurs excellens personnages, sur le proces des temporiseurs. Et comment les fideles se doivent maintenir demourans en terre de: Crespin, Jean; Poupin, Abel; Luther, Martin; Oecolampadius, Joannes; Zwingli, Ulrich; Bucer, Martin; Vermigli, Pietro Martire; Calvin, Jean; Sultzer, Simon; Laski, Jan; Ochino, Bernardino; Curione, Celio Secondo; Viret, Pierre; Borrhaeus, Martinus; Myconius, Oswald; Musculus, Wolfgang; Alexandre, Pierre, Jean Crespin, Genf 1558.
- Dialogue de M. Bernardin Ochin Senois, touchant le purgatoire, Antoine Cercia, Genf 1559.
- Dialoghi trenta, 1563.
- Labirinti del libero o servo arbitrio, 1561.
- Il Catechismo, o vero institutione christiana, Pietro Perna, Basel 1561.
- Bernardini Ochini Senensis liber de corporis Christi praesentia in Coenae Sacramento In quo acuta est tractatio de Missae origine atque erroribus: itemque altera de Conciliatione controversiae inter reformatas Ecclesias: Cui adiunximus eiusdem authoris Labyrinthos de Divina Praenotione, & libero seu servo hominis Arbitrio: Omnia nunc primum ex Italico in Latinum sermonem translata, Pietro Perna, Basel 1561 (?).
- Prediche del R. Padre Don Serafino da Piagenza, ditte laberinti del libero, o ver servo arbetrio, prescienza, predestinatione, & libertà divina, ... Molto utili alla salute, non mai piu viste in luce, Pietro Perna, Pavia und Basel 1561.
- Antithese des faicts de Jesus Christ et du pape: mise en vers françois. Ensemble les traditions et decrets du Pape, opposez aux commandemens de Dieu, mit Simon du Rosier, Goulart, Eustache Vignon, Genf 1578.
- Bernardini Ochini Senensis Dialogi XXX. In duos libros diuisi quorum primus est de Messia, continet(que) dialogos XVIII, Secundus est, cum de rebus varijs, tum potissimum de Trinitate: Quorum argumenta in secunda utrius(que) libri pagina inuenies, Sébastien Châteillon, Basel; für Pietro Perna, 1613 (?).
Literatur
- Roland H. Bainton: Bernardino Ochino. Esule e riformatore senese de cinquecento 1487–1563. Sansoni, Florenz 1940 (Bibliographie).
- Rita Belladonna: Seven Dialogues, by Bernardino Ochino, 1988, ISBN 978-0-919473-63-8.[10]
- Karl Benrath und Helen Zimmern: Bernardino Ochino, of Siena: a contribution towards the history of the reformation. J. Nisbet & Co., London 1876.[11]
- Karl Benrath: Bernardino Ochino aus Siena. Ein Beitrag zur Geschichte der Reformation. Edition de Graaf, Braunschweig 1892; Amsterdam 1968; MV-History, 2021, ISBN 978-3-7536-4302-1.
- Emidio Campi: Bernardino Ochino. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
- Emidio Campi: Vittoria Colonna and Bernardino Ochino, in Abigail Brundin, Tatiana Crivelli, Maria Serena Sapegno (eds.), A Companion to Vittoria Colonna, Leiden: Brill 2016, 371–398.
- Emidio Campi: Das Zerwürfnis zwischen Heinrich Bullinger und Bernardino Ochino, in Gergely Csukás, Ariane Albisser Wirkungen und Wurzeln der Schweizer Reformation. Festschrift für Peter Opitz, Zurich: Theologischer Verlag, 2022, 172–214.
- Emidio Campi: Il Catechismo di Ochino, in Giovanna Cordibella – Lorenzo Tomasin (eds.), L’Italiano e la Riforma. Atti del convegno di Berna 16–17 febbraio 2023, Pisa: Edizioni ETS, 2025, 55–99 [Quaderni della Sezione d’Italiano dell’Università di Losanna 26].
- Kevin De Ornellas: Bernardino Ochino, in: Jennifer Speake und Thomas G. Bergin: The Facts on File, Encyclopedia of the Renaissance and Reformation, New York 2004, S. 346.[12]
- Hermann-Peter Eberlein: Der freie Geist im Exil. Ketzerverfolgung am Beispiel von Caelio Secondo Curione, Bernardino Ochino und Etienne Dolet. In: Patrik Mähling (Hrsg.): Orientierung für das Leben. Kirchliche Bildung und Politik in Spätmittelalter, Reformation und Neuzeit (Festschrift für Manfred Schulze). Berlin 2010, S. 117–138.
- Miguel Gotor: OCHINO, Bernardino. In: Raffaele Romanelli (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 79: Nursio–Ottolini Visconti. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2013.
- Ueli Greminger: Ketzer Aller Konfessionen: Die Odyssee Des Bernardino Ochino. Roman, Theologischer Verlag Zürich (TVZ), Zürich 2024, ISBN 978-3-29018-602-9.
- Johann Jakob Herzog (Begr.): Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche. Band 14. ADEVA, Graz 1971, S. 256–258 (Repr. d. Ausg, Leipzig 1896–1913).
- Barbara Mahlmann-Bauer: Protestantische Glaubensflüchtlinge in der Schweiz (1540–1580). In: Hartmut Laufhütte, Michael Titzmann (Hrsg.): Heterodoxie in der Frühen Neuzeit (= Frühe Neuzeit. Bd. 117). De Gruyter, Berlin 2006, ISBN 978-3-11-092869-3, S. 119–160.
- Umberto Mazzone: Ochino, Bernardino. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 25, 1993, S. 1–6.
- Silvana Seidel Menchi: Häretiker im Italien des 16. Jahrhunderts, in: Uwe Israel und Michael Matheus: Protestanten zwischen Venedig und Rom in der Frühen Neuzeit, Studien der Schriftenreihe des Deutschen Studienzentrums in Venedig, Walter de Gruyter, 2013, ISBN 978-3-05-006326-3, S. 25–46
- Rudolf Pfister: Um des Glaubens willen. Die Evangelischen Flüchtlinge von Locarno und ihre Aufnahme zu Zürich im Jahre 1555. Evangelischer Verlag, Zollikon 1955, S. 126–131.
- Judith Steiniger: Eine unbekannte Schrift von Bernardino Ochino, Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2016, ISSN 0254-4407.[13]
- Mark Taplin: The Italian Reformers and the Zurich Church, c. 1540-1620, 2003.
- Mark Taplin: Ochino, Bullinger and the Dialogi XXX, S. 335–356, In: Emidio Campi und Peter Opitz (Hrsg.): Heinrich Bullinger: Life – Thought – Influence, 2 Bände, Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2007, ISBN 978-3-290-17387-6.
- Mark Taplin: The Italian Reformers and the Zurich Church, c. 1540-1620, St. Andrews Studies in Reformation History, Routledge, 2017, ISBN 978-1-351-88729-8.
- Manfred E. Welti: Kleine Geschichte der italienischen Reformation (= Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte. Bd. 193). Mohn, Gütersloh 1985, ISBN 3-579-01663-6, S. 17–138 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
- Erich Wenneker: Ochino, Bernardino. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 6, Bautz, Herzberg 1993, ISBN 3-88309-044-1, Sp. 1085–1089.
- Andrea Beth Wenz: Bernardino Ochino of Siena: The Composition of the Italian Reformation at Home and Abroad, Boston College, Boston 2017 (Doktorarbeit).[14]
- Glen G. Williams: The theology of Bernardino Ochino. Dissertation, Universität Tübingen 1955.
Weblinks
- Bernardino Ochino. Italian religious reformer. In: Encyclopædia Britannica. Abgerufen am 14. November 2025 (englisch).
- Bernardino Ochino: Senensis uiri doctissimi, de Purgatorio dialogus, 1555; Syncearae et verae Doctrinae de conae Domini Defensio, 1556; in: Controversio et Confessio. Quellenedition zur Bekenntnisbildung und Konfessionalisierung (1548-1580) (2 lateinische Dokumente).
- Werke von und über Bernardino Ochino in der Deutschen Digitalen Bibliothek
- Digitalisierte Werke Ochinos im Münchener Digitalisierungszentrum.
- Digitalisierte Werke Ochinos in Bibliothèque des Pasteurs (BPU) Neuchâtel.
- Bernardino Ochino, in: Die christlichen Konfessionen des Abendlandes, Website migrazioni.altervista.org (29. Januar 2019).
- Bernardino Ochino (1487-1564), Post-Reformation Digital Library, Website prdl.org (118 digitalisierte Titel und 155 Bände).