Odette Rosenstock
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Odette Rosenstock, verheiratete Abadi, Deckname Sylvie Delattre (geboren 24. August 1914 im 2. Arrondissement, Paris; gestorben 29. Juli 1999 im 12. Arrondissement, Paris), war eine französische jüdische Ärztin, Holocaust-Überlebende und Widerstandskämpferin.[1]

Rosenstock ist vor allem für ihr Handeln während der deutschen Besetzung Frankreichs bekannt. Gemeinsam mit Moussa Abadi, den sie nach dem Krieg heiratete, gründete sie das Réseau Marcel. Dank dieses Widerstandsnetzwerks konnten zwischen 1943 und 1945 in der Region Nizza 527 jüdische Kinder versteckt und gerettet werden.
Leben
Rosenstock war die Tochter von Camille Rosenstock (1882–1967) und Marthe Irma, geborene Legendre (1889–1943). Ihre Mutter, eine in Paris geborene, aus Lothringen stammende Jüdin, nahm 1870 die französische Staatsangehörigkeit an. Sie und Rosenstocks jüngere Schwester Simone (1919–1943) starben am 7. September 1943 im KZ Auschwitz.[2] Ihr Vater wurde in Bischheim im Département Bas-Rhin geboren. Ihre Eltern betrieben eine Bekleidungsfabrik.
Rosenstock legte 1933 am Lycée Lamartine ihr Abitur ab. Anschließend studierte sie Rechtswissenschaften, bevor sie sich an der medizinischen Fakultät einschrieb.
Gegen Ende des Spanischen Bürgerkriegs 1938 kam Rosenstock mit der Centrale Sanitaire Suisse in die Pyrenäen, um spanisch-republikanische Kriegsflüchtlinge zu empfangen. Sie war bei der Einrichtung des Internierungslagers Camp de Rivesaltes, des Internierungslager Argelès-sur-Mer und desa Lagers in Perpignan dabei und beteiligte sich an einigen verdeckten Aktionen, indem sie Flüchtlinge in Sanitätslastwagen aus dem Lager schmuggelte, sie in Krankenhäuser weiterleitete und ihnen Erste Hilfe leistete.
Zurück in Paris lernte Rosenstock über eine gemeinsame Freundin den syrischen Juden Moussa Abadi kennen. Danach vertrat sie zunächst einen Arzt in Vanves und anschließend einen weiteren in Condé-en-Brie. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs und dem deutschen Angriff auf Frankreich wurde sie zur medizinischen Inspektorin für die französische Sozialversicherung in den Evakuierungszentren für Schulkinder der Stadt Paris ernannt, später zur medizinischen Inspektorin der Schulen des Départements Loiret in Montargis. Am 3. Oktober 1940 wurde sie aufgrund der vom Vichy-Regime eingeführten antijüdischen Gesetze aus dem Berufsstand ausgeschlossen. Sie kehrte nach Paris zurück, um als Aushilfskraft in jüdischen Gesundheitszentren zu arbeiten.
Rosenstock scloss sich im November 1942 in Nizza Moussa an. Dort wurde sie als Ärztin in einem Gesundheitszentrum des Œuvre de secours aux enfants (OSE) tätig. Zwar befand sich Nizza in der italienischen Zone, doch waren Juden auch dort nicht sicher. Rosenstock und Abadi beschlossen, die Rettung jüdischer Kinder zu organisieren. Das Réseau Marcel entsteht, in dem Rosenstock mit Unterstützung von Paul Rémond, dem Bischof von Nizza, unter der Deckidentität der Sozialarbeiterin „Sylvie Delattre“ für die Betreuung der Kinder der diözesanen Einrichtungen zuständig war. Im September wurden ihre Schwester und ihre Mutter an der Demarkationslinie festgenommen, als sie versuchen, zu ihrem Vater und Ehemann in die freie Zone zu gelangen; sie werden deportiert und bei ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet.
Rosenstock selbst wurde am 25. April 1944 von der Miliz aufgrund einer Denunziation in ihrer Wohnung in Nizza festgenommen. Sie wurde zunächst im Hôtel Excelsior und anschließend im Hôtel Hermitage verhört, gab aber keine Informationen über das Réseau Marcel. Am 2. Mai 1944 wurde sie von Nizza ins Sammellager Drancy gebracht. Im Convoi n° 74 du 20 mai 1944 wird sie schließlich zusammen mit rund 1200 weiteren Häftlingen unter der Häftlingsnummer A05598 nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Dank ihres Status als Ärztin wurde sie zur „Revierärztin“ ernannt. Mit den wenigen medizinischen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, versuchte sie, den anderen Häftlingen Linderung zu verschaffen. Im November 1944 wurde sie mit den anderen Lagerinsassen angesichts des Vormarsches der Roten Armee nach Bergen-Belsen verbracht. Rosenstock infizierte sich mit Typhus, wovon sie sich nur mühsam erholte. In Bergen-Belsen wurde sie am 15. April 1945 von den Britischen Armee befreit und nach Frankreich zurückgeführt.
Zurück in Nizza nahm Rosenstock von Ende Juni 1945 bis Anfang 1948 ihre Tätigkeit als Ärztin in der OSE-Ambulanz wieder auf. Im Januar 1947 erhielt sie die Médaille d'honneur des épidémies, per Dekret vom 31. März 1947 die Médaille de la Résistance française und im Juni 1947 die Médaille de la Reconnaissance française.
1948 kehrte sie nach Paris zurück. Sie wurde als freiberufliche Schulärztin im 12. Arrondissement tätig. Anschließend übte sie die Funktion der Chefarztin im Hygienelabor der Stadt Paris aus, als enge Mitarbeiterin von Albert Besson, dem Generaldirektor der Gesundheitsdienste der Stadt Paris.[3]
Rosenstock und Abadi heirateten am 3. November 1959 im Rathaus des 12. Arrondissements. Der Rabbiner Daniel Farhi traute sie am 21. November 1959.
1965 wurde sie mit der Médaille d’argent pour l’Éducation sanitaire de la population ausgezeichnet. Im April 1980 erhielt sie die Médaille d'argent de l'Académie nationale de médecine und im Mai desselben Jahres wurde sie zur Chevalier de la Légion d’Honneur ernannt.
1995 veröffentlicht Rosenstock Terre de détresse, einen Bericht über ihre Erfahrungen in den Lagern, an dessen Manuskript sie mehr als 40 Jahre lang arbeitete.[4]
Abadi starb 1997. Knapp zwei Jahre später beschloss die 84-jährige Rosenstock, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie hinterließ ihren Angehörigen einen Brief, in dem sie ihre Beweggründe darlegte und ihnen ihren Dank aussprach.[5] Sie starb am 29. Juli 1997 und wurde auf dem Cimetière du Montparnasse in der Grabstelle ihres Mannes beigesetzt.[6]
Am 1. Februar 2008 wurde im Quartier de Bercy im 12. Arrondissement der Place Moussa-et-Odette-Abadi dem Ehepaar Abadi gewidmet. 2019 wurde ihr Name in das Gedenken der Jewish Rescuers Citation von B’nai B’rith und dem Committee to Recognize the Heroism of Jewish Rescuers During the Holocaust aufgenommen.[7]
Literatur
- Fonds Abadi (CMXCIV). In: Collection, Accession Number: 2017.16.1, RG Number: RG-43.156. United States Holocaust Memorial Museum, abgerufen am 25. Juni 2026.
- Andrée Poch Karsenti: Les 527 enfants d'Odette et Moussa, histoire du réseau Marcel. Publieur, Paris 2006, ISBN 978-2-35061-009-2.
- Susan Zuccotti: The Holocaust, the French and the Jews. University of Nebraska Press, Lincoln, NE 1993, ISBN 978-0-8032-9914-6.
- Odette Adabi: Terre de détresse, Birkenau, Bergen-Belsen (= Mémoires du XX. siècle). Éditions L'Harmattan, Paris 1995, ISBN 978-2-7384-3999-4 (Auszug [PDF]).
- Catherine Richet: Organisation juive de combat, France 1940–1945, Résistance/Sauvetage. Autrement, Paris 2006, ISBN 978-2-7467-0902-7, Biographies des membres du réseau Marcel, S. 444–448.
- Katy Hazan und Georges J. Weill: Andrée Salomon, une femme de lumière. Editions Le Manuscrit, Paris 2011, ISBN 978-2-304-23597-5, S. 125 (google.com).
- Ben Shepard: The Long Road Home. Knopf Doubleday Publishing Group, New York City 2011, ISBN 978-0-307-59548-5.
- Georges Garel: Le sauvetage des enfants juifs par l'OSE. Éditions Le Manuscrit, Paris 2012, ISBN 978-2-304-04046-3, S. 121, 162 (google.com).
- Fred Coleman: The Marcel Network: How One French Couple Saved 527 Children from the Holocaust. Potomac Books, University of Nebraska Press, Lincoln, NE 2012, ISBN 978-1-61234-511-6.
- Miranda Pollard: A Question of Silence? Odette Rosenstock, Moussa Abadi, and the Réseau Marcel. In: French Politics, Culture & Society. Band 30, Nr. 2, 2012, S. 113–133.
Weblinks
- jub2281: Odette Abadi raconte Auschwitz auf YouTube, 24. Januar 2013, abgerufen am 24. Juni 2026.
- Eintrag „Odette Rosenstock“ auf der Website Les Enfants et Amis ABADI