Oskar Rudolf Dengel
deutscher Verwaltungsjurist
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Oskar Rudolf Dengel (* 27. Dezember 1899 in Waldbüttelbrunn; † 12. März 1964 in Würzburg) war ein deutscher Verwaltungsjurist, Bürgermeister und Stadtkämmerer, der während des Zweiten Weltkriegs als hoher Verwaltungsbeamter in besetzten Gebieten tätig war. Auf seine Anweisung wurde die Akte „Warschau, die neue deutsche Stadt“ erstellt. Dengel wurde 1948 von einem polnischen Gericht als Kriegsverbrecher zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt.
Leben
Würzburg
Oskar Dengel wurde in der Nähe Würzburgs geboren. Nach dem Besuch eines Realgymnasiums in Würzburg, bei der er als Oberprimaner ein Mädchen sexuell belästigt haben soll und nach Fürsprache des Pfarrers weiter an der Schule bleiben durfte, folgte der Einsatz im Militärdienst im Jahr 1917. Nach einer Verwundung, bei der er schwere Augenschäden erlitt, wurde er vom Militärdienst entlassen. Im Februar 1919 beteiligte er sich aber als Mitglied des Freikorps Würzburg gegen die Münchner Räterepublik, wurde hier aber wegen "disziplinlosen Verhalten" ausgestoßen.[1] Es folgte ein Jurastudium an der Universität Würzburg. Er promovierte in Würzburg 1923 zum Dr. jur., legte 1925 die Große Staatsprüfung für den höheren Justiz- und Verwaltungsdienst ab und wurde nach einer Anstellung bei einer Rechtsanwaltskanzlei 1926 Regierungsassessor im bayerischen Staatsdienst bei der Regierung von Unterfranken.[2] Im Januar 1929 wurde er zum Leiter des Landesamtes in Alzenau ernannt. Zum 1. November 1931 gründete er u. a. die NSDAP-Ortsgruppe Alzenau trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 698.984), nach eigenen Angaben engagierte er sich allerdings bereits seit 1929 in der NSDAP, weshalb er später auch als "Alter Kämpfer" bezeichnet wird.[3] Der Aufstieg der NSDAP in dem Bezirk wird unmittelbar Dengels Engagement zugeschrieben. Sein Amtsvorsteher schrieb über ihn und sein politisches Engagement, nach dem es wiederholt zu Beschwerden kam: "Sicher ist, daß das Erstarken der NSDAP, im Bezirke - neben der hier allenthalben herrschenden großen Not - in hohem Maße dem politischen wirken Dr. Dengels zuzuschreiben ist. Daß er auch weiterhin in diesem Sinne wirken wird, ist nicht zu bezweifeln. Er ist ein fanatischer Vertreter der Ideen Hitlers."[4]
Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ wurde er in Würzburg am 27. April 1933 berufsmäßiger Stadtrat und eine zentrale Figur der Stadtverwaltung innerhalb des Dritten Reiches in Würzburg, ab Mai 1933 Rechtsrat, vom Stadtrat am 27. September gewählt, vom 1. Oktober 1934 bis 1942 Zweiter rechtskundiger (berufsmäßiger) Bürgermeister[5] unter Theo Memmel.[6] Bis 1934 war er NSDAP-Ortsgruppenleiter in Waldbüttelbrunn.[7] Er war vom 1. April 1933 bis 1935 Gaukulturwart und Gauamtsleiter für die berufsständische Aufgliederung. Am 1. Oktober 1934 wurde er zusätzlich zum Kämmerer in Würzburg bestellt, leitete bis zum 1. Januar 1935 das mit der Stadtkämmerei verbundene Kulturreferat, welchem er schon von April 1933 bis September 1934 vorgestanden[8] hatte, und wurde später auch zum Gaujägermeister ernannt. Während seiner Amtszeit engagierte er sich unermüdlich weiter für die NSDAP und übte innerhalb der Verwaltung Druck auf die Angestellten und Beamte aus, damit sie der Partei betreten sollten. Auch kirchenfeindliches Verhalten wurde ihm nachgesagt, neben einem brutalen Wesen.
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges erfolgte die Einberufung zum in Würzburg stationierten Infanterieregiment 55 (als Feldwebel der Reserve); nach wenigen Tagen wurde Dengel auf Antrag des Reichsministeriums des Innern zu einer von Harry von Craushaar geleiteten Zivilverwaltungsbehörde abgeordnet.

Warschau
Am 1. Oktober 1939 wurde Dengel zum Stellvertreter von Helmut Otto als Chef der Zivilverwaltung in Warschau ernannt. Bereits am 4. November 1939 löste Dengel Otto als Kommissarischer Stadtpräsident Warschaus ab. Er sollte zügig eine funktionierende, deutsche Stadtverwaltung aufbauen. Dazu ließ er eine über zwanzigköpfige Gruppe erfahrener und ihm vertrauter Beamten aus seiner Heimatstadt Würzburg nach Warschau kommen. Darunter fanden sich der Leiter des Stadtplanungsamtes Hubert Groß, der Leiter des Tiefbauamtes Erwin Suppinger, der Leiter des Vermessungsamtes Max Kretschmar, sowie Dengels Nachfolger in Würzburg, Ludwig Leist.[9]
Auf Anweisung Dengels bildete Groß eine „Techniker-Gruppe“, um eine neue Stadtordnung der zukünftigen neuen deutschen Stadt Warschau zu entwickeln. Dabei war die Idee Dengels, die ehemaligen Hauptstadt Polens baulich zu einer Provinzstadt zu degradieren. Die Kriegszerstörungen sollten in diesem Sinne nicht behoben werden, vielmehr sollte der polnische Charakter durch einen Abriss von ca. 80 % der Gebäude vollständig "ausgemerzt" werden. Die entsprechende Planungsmappe übergab Dengel vermutlich am 6. Februar 1940 dem Generalgouverneur Hans Frank. Da er dieses wahrscheinlich unter Nichteinhaltung des Dienstweges machte und damit den Chef des Distriktes Warschau, Ludwig Fischer, gegen sich aufbrachte, fiel er in Ungnade. Am 5. März 1940 verließ er im Rahmen einer Aussiedlung seinen Warschauer Posten. Nach Zeugenangaben im späteren Kriegsverbrecher-Prozess hatte man kurz vor der Ausweisung auch mehrere Kisten mit gestohlenen Kunstwerken aus dem Blank-Palast (damals Sitz deutscher Verwaltungsbehörden) in Dengels Besitz gefunden.
Zeit nach Warschau
In Folge war Dengel in der Militärverwaltung in Brüssel tätig. Am 5. Juni 1940 wurde er Stadtkommissar von Lille. Vom 20. Juni bis zum 25. August diente er als Verwaltungschef beim Stab der 9. Armee und als SS-Führer Stab im SS-Abschnitt IX in Russland. Im Oktober 1941 erfolgte die Berufung zum kommissarischen Regierungsvizepräsidenten in Würzburg. Seit März 1941 gehörte Dengel auch als Alter Herr der Kameradschaft Rudolf Berthold Würzburg des NSDStB (vormalige Burschenschaft Adelphia Würzburg) an, für die ihn Theo Memmel geworben hatte.[10] Im August wurde Dengel Vizepräsident der Regierung von Mainfranken und am 1. Oktober 1942 schied er aus den Diensten der Stadt Würzburg aus.[11] 1942 wurde er Mitglied der SS und erhielt 1943 den Ehrenrang eines SS-Obersturmbannführers.[12] In der zweiten Jahreshälfte 1944 wurde Dengel nach einem Disziplinarverfahren aufgrund von Defaitismus nach Aussig in das Sudetenland versetzt. Im Frühjahr setzte sich Dengel aus dem Sudetenland ab und erlebte das Kriegsende in seiner Heimatstadt Waldbüttelbrunn.
Nachkriegszeit
Am 4. April 1945 wurde Dengel in Waldbüttelbrunn von der amerikanischen Besatzungsmacht verhaftet und im Internierungslager Dachau interniert. Eine Verhaftung war naheliegens, so war er schließlich stellvertretender Gauleiter der NSDAP in Unterfranken und Regierungsvizepräsident in Würzburg, neben der Tatsache der Mitgliedschaft in der SS im Rang eines SS-Obersturmführers.[13] Nach Vernehmungen am 18. Juni 1947 wurde er nach Polen ausgeliefert, was für ihn völlig überraschend war. In Dachau wurde er von Seiten der polnischen Militärmission der Begehung von Kriegsverbrechen verdächtigt. Dengel selbst gab zu Protokoll, dass er sich nicht vorstellen könne, dass dieser Vorwurf aus Polen käme. Vielmehr verdächtigte er einen polnischen Landarbeiter in Waldbüttelbrunn ihn denunziert zu haben.[14] Angesichts seiner nur kurzen Zeit in Polen, wurde Dengel dennoch mit einer hohen Strafe belegt. Man klagte ihn wegen zweier Vergehen an: Er hatte sich nach seiner Versetzung 1940 persönlich am Eigentum anderer bereichert. Zwar konnte sein Nachfolger Leist den Großteil des Inventars nach Würzburg verhindern, dennoch wurde ihm das zur Last gelegt. Zweiter Grund, der wesentlich schwerer wog, war der Umstand der Planungen der vollständigen Germanisierung der Stadt Warschaus, die kriegsbedingt nicht mehr erfolgte. Nach einer dreitägigen Verhandlung wurde Dengel am 30. März 1951 in Polen wegen der Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation zu sechs Jahren Haft verurteilt. Weiterhin erhielt er vier Jahre wegen wirtschaftlicher Diskriminierung der polnischen und jüdischen Bevölkerung sowie zehn Jahre Gefängnis wegen der destruktiven Stadtplanung und zu je zweimal sechs Jahren wegen des Raubes von Kulturgut und anderem. Die Strafe wurde zusammengefasst zu 15 Jahren Gefängnis, unter Anrechnung von knapp drei Jahren Untersuchungshaft.[15]
Während seiner Haft in Polen wurde Dengel in Abwesenheit von der Spruchkammer Nürnberg im November 1949 im Rahmen der sog. Entnazifizierung als Belasteter bzw. Aktivist in die Gruppe II eingestuft. In einem Revisionsververfahren im März 1955 wurde das Urteil von der Spruchkammer München aufgehoben. Am 7. Juli 1956 wurde in Polen seine Haftstrafe auf acht Jahre herabgesetzt, womit er bereits einige Wochen später am 1. August 1956 nach Waldbüttelbrunn zurückkehrte.
Beruflich gelang Dengel nicht mehr an seinem bisherigen Leben anzuknüpfen. Insbesondere die Tätigkeit im Staatsdienst wurde ihm verwehrt, u. a. durch ein vehementes Veto aus dem Bischöflichen Ordinariat, die einer Wiedereinsetzung mit einem öffentlichen Skandal gleichsetzten. In den Jahren 1960 und 1961 gingen zusätzliche mehrere anonyme Anzeigen gegen Dengel bei der Polizei ein, die nach kurzer Aktenprüfung der Staatsanwaltschaft Würzburg am 3. Mai 1961 eingestellt wurden. Es bestünden demzufolge keine Erkenntnisse, dass Dengel "an Ausschreitungen gegen die Juden" in Warschau beteiligt gewesen sein soll.
Literatur
- Niels Gutschow, Barbara Klain, Vernichtung und Utopie. Stadtplanung Warschau 1939–1945, Junius-Verlag, ISBN 3-88506-223-2, Hamburg 1994, S. 154 ff.
- Markus Roth: Herrenmenschen. Die deutschen Kreishauptleute im besetzten Polen – Karrierewege, Herrschaftspraxis und Nachgeschichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8353-0477-2.
- Peter Weidisch: Würzburg im »Dritten Reich«. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I–III/2, Theiss, Stuttgart 2001–2007; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 226–228, 231 und S. 1278, Anm. 160.
- Markus Roth: Parteikarrierist und Polenhasser: Dr. Oskar Dengel. In: Täter, Helfer, Trittbrettfahrer - NS-Belastete aus Unterfranken, Band 19. Wolfgang Proske (Hrsg.), Kugelberg Verlag Gerstetten 2025, ISBN 978-3-945893-27-2.
Weblinks
- Joachim Lilla: Dengel, Oskar, in: ders.: Staatsminister, leitende Verwaltungsbeamte und (NS-)Funktionsträger in Bayern 1918 bis 1945, URL: <http://verwaltungshandbuch.bayerische-landesbibliothek-online.de/dengel-oskar> (11. Februar 2013).