Pathologisch-anatomische Sammlung Wien
Sammlung des Naturhistorischen Museums Wien
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Die Pathologisch-anatomische Sammlung wurde 1796 im Auftrag von Kaiser Franz II. durch den damaligen Direktor des Allgemeinen Krankenhauses der Stadt Wien, Johann Peter Frank, als ein Museum der Medizinischen Fakultät der Universität Wien gegründet. Sie dient seit über 200 Jahren der wissenschaftlichen Dokumentation und der Erforschung von Krankheiten mit dem Ziel, die Volksgesundheit zu verbessern. Heute umfasst sie fast 50.000 Objekte und gilt als weltweit größte Sammlung pathologischer Präparate,[1] Moulagen[2] und medizinischer Geräte[3]. Sie befindet sich seit 1971 im Wiener Narrenturm und wurde 2012 in das Naturhistorische Museum Wien eingegliedert.[4] Die Schausammlung wurde nach ethischen und didaktischen Kriterien 2020 neu gestaltet und bietet den Laien, insbesondere auch den Jugendlichen, medizinisches Wissen in verantwortungsbewusster Weise.

Geschichte der Sammlung
Zu Beginn des Sammelns pathologischer Präparate an einer zentralen Stelle wurde der Fokus auf Feuchtpräparate gelegt, das sind die bei Obduktionen entnommenen und in Alkohol konservierten menschlichen Gewebe. Seit weit mehr als 100 Jahren wurden sie sorgfältig in Glaszylindern aufbewahrt und betreut. Dank verbesserter Methoden und neuer Technologien zur Analyse gewinnen diese Präparate zunehmend an wissenschaftlicher Bedeutung, die mit der einer heutigen Biobank vergleichbar ist. In der Sammlung finden sich des Weiteren Trockenpräparate und Skelette, die angeborene Defekte, Stoffwechselstörungen, Infektionskrankheiten, Verletzungen, Neubildungen oder Erkrankungen des Bewegungsapparates aufweisen.

Der erste Katalog dieser Sammlung, nach den Verfassern „Biermayer[5]-Wagner[6]-Katalog“ genannt, umfasste 5639 Eintragungen.[7] Das älteste Artefakt ist eine Moulage vom Kopf eines Mannes, dessen Unterkiefer durch den Tritt eines Pferdes zerstört worden war. Diese Moulage wurde anhand eines älteren Feuchtpräparates aus der Sammlung von einem unbekannten Moulageur vor 1818 in Wien hergestellt.[7] Beide Exponate tragen noch heute die Musealnummer aus dem „Rokitansky-Katalog“. Carl Freiherr von Rokitansky, Kustos des Pathologisch-anatomischen Museums als Nachfolger von Johann Wagner,[8] wurde 1844 ordentlicher Professor des ersten Instituts für pathologische Anatomie im deutschen Raum.[9] Er hat die Sammlung 1843 nach wissenschaftlichen Kriterien neu geordnet, modernisiert und erweitert.[7]
Seit 1971 beherbergt der Narrenturm diese im Laufe von zwei Jahrhunderten aufgebaute Sammlung, die 1974 in das neu gegründete Pathologisch-anatomische Bundesmuseum eingegliedert wurde. Ab 1974 kamen durch den Leiter des Museums, Karl Alfons Portele, einige Sammlungen aus Österreich und Deutschland mit Artefakten auch aus verwandten medizinischen Themenbereichen hinzu. Aus wissenschaftlicher Sicht stellt dieses wichtige Erbe eine Referenzsammlung für klinische und bioanthropologische (paläopathologische und paläoepidemiologische) Studien von stetig wachsender Bedeutung dar.[10]
Das Pathologisch-anatomische Bundesmuseum wurde samt seinen Sammlungen kraft Bundesgesetz am 1. Jänner 2012 – mit der vertraglich vereinbarten Auflage einer umfassenden Sanierung des Gebäudes Narrenturm – in die wissenschaftliche Anstalt Naturhistorisches Museum Wien eingegliedert.[4]
Moulagensammlung

Die Moulagensammlung enthält fast 2000 Einzelstücke, die in der Zeitspanne von 1890 bis 1939 von Carl Henning und seinem Sohn und Nachfolger Theodor Henning geschaffen und signiert wurden. Sie ist die weltweit größte Sammlung dieser dreidimensionalen und naturgetreu bemalten Nachbildungen akuter Krankheitsbilder,[7] die einst für den Unterricht an medizinischen Instituten[11] hergestellt wurden. Von Carl Henning[2] befinden sich 1570 Moulagen in der Pathologisch-anatomischen Sammlung, die mit Jahreszahlen bis 1917 und mit der Unterschrift Dr. Carl Henning signiert sind. Nach 1917 wurden von seinem Sohn Theodor Henning 396 Stücke mit den von Carl Henning entwickelten Verfahren hergestellt, auf die gleiche Weise gefasst und mit Theodor Henning signiert. Die wenigen Henning-Moulagen, die nicht signiert wurden, sind deutlich von anderen unsignierten Moulagen durch ihre einheitliche Stoff-Drapierung und ihre unverwechselbare künstlerische Gestaltung zu unterscheiden.[7] Sie wurden im Katalog jedoch nicht mitgezählt.


Neben diesen Moulagen von Vater und Sohn Henning befinden sich weitere, wesentlich kleinere Sammlungen aus Nachlässen und medizinischen Einrichtungen sowie Einzelstücke verschiedener Moulageure in der Sammlung. Bemerkenswert sind die wenigen aus Wachs gefertigten Moulagen aus dem 19. Jahrhundert, insbesondere die des Moulageurs Anton Elfinger. Eine dieser Moulagen ist mit Sicherheit Elfinger zuzuschreiben, einem frühen Meister der Moulagenkunst, der unter dem Pseudonym „Cajetan“ vor allem als Karikaturist bekannt wurde. Er war auch ein bahnbrechender medizinischer Illustrator, der „Wien zur klassischen Stätte medizinischer Illustration gemacht hat“. Eine Reihe von Moulagen aus dem 20. Jahrhundert ergänzen die Sammlung.[12]
Diese Sammlung besitzt noch heute eine zunehmende praktische Bedeutung. Zum einen zeigen viele historische Moulagen akute Krankheitsbilder, die ab Mitte des 20. Jahrhunderts gar nicht mehr aufgetreten sind. Ein Student kann heute anhand der Moulage ein naturgetreues Krankheitsbild von allen Seiten betrachten, genau so, wie es sein Urgroßvater, damals am Bett des Patienten, gesehen hätte. Zum anderen kann der Besuch des Museums auch für junge Menschen hilfreich sein, denn zunehmend treten heute wieder Krankheiten auf, die wir als überwunden glaubten. Die Sammlung leistet daher auch einen Beitrag zur Aufklärung und Vorbeugung. Sonderausstellungen der letzten Jahre legten einen Schwerpunkt auf diesen Auftrag des Museums, unterstützt von den Möglichkeiten digitaler Medien.

Von kulturhistorischer Bedeutung sind die zahlreichen Moulagen, die Berufskrankheiten darstellen. Sie zeigen, wie viele neu entwickelte Substanzen ohne ausreichende Kenntnis ihrer schädlichen Nebenwirkungen eingesetzt wurden und mit welcher Verantwortungslosigkeit gegenüber ihren Mitarbeitern noch Ende des 19. Jahrhunderts viele Unternehmer ihre Arbeitsprozesse gestalteten. Die Liste der Berufserkrankungen im Katalog des Pathologisch-anatomischen Bundesmuseums enthält über 200 Moulagen mit Krankheitsbezeichnungen wie „Blecharbeiterhand“, „Eisenoxydlunge“, „Knetschwiele“, „Petroliumakne“, „Oxalsäureverätzung“, „Kalkgeschwür“, „Röntgen-Schaden“ sowie den „Schweinerotlauf“. Viele Krankenheiten entstanden durch inzwischen längst ausgestorbene Berufe, wie Abdecker, Anilinfarbenarbeiter, Kutscher, Lastenträger, Melker, Pecher, Munitionsarbeiter, Polierer, Steinhauer, Ultramarinarbeiter, Jutespinnerin, Kaffeerösterin, Tabakarbeiterin, Verzinkerin.[7]

In der Sammlung befinden sich einige Epithesen, hergestellt von Carl und Theodor Henning. Carl Henning hatte – unter Verwendung der von ihm erfundenen Substanz Elastine – eine in Form und Farbe flexible und weiche Positivmasse, von ihm Dermon genannt, entwickelt. Daraus fertigte er die sogenannte „elastische Henning-Prothese“ an. Diese Epithesen sahen wie ein lebender Körperteil aus und fühlten sich auch so an. Sie halfen den durch Syphilis, später durch den Ersten Weltkrieg Verstümmelten, ein „unauffälligeres“ Aussehen zu erlangen, um wieder uneingeschränkt am Alltagsleben teilhaben zu können. Noch um 1970 gab es Patienten, die mit Hilfe der Negativform sich selbst Epithesen herstellen konnten.
Elektro-pathologische Sammlung
1977 wurde eine Sammlung medizinischer Geräte und thematisch dazu passender Exponate neu angelegt, die einen weiteren Themenkreis im Bestand der Pathologisch-anatomischen Sammlung abdecken. Dazu gehören Teile des ehemaligen Elektro-pathologischen Museums des Mediziners Stefan Jellinek (1871–1968), das von ihm im Jahr 1936 eröffnet wurde. Jellinek musste 1939 nach dem Anschluss Österreichs wegen seiner jüdischen Abstammung das Land verlassen. Sein Mitarbeiter Franz Maresch organisierte nach dem Tod des Gründers im Jahr 1968 die zuvor restituierte Ausstellung neu. Das Technische Museum Wien übernahm um 1980 den größeren Teil der technischen Sammlung. Die Feuchtpräparate aus Jellineks Nachlass wurden 2010 dem Pathologisch-anatomischen Museum übergeben.
Schausammlung
Die Schausammlung ist eine kleine Auswahl von Exponaten im öffentlich zugänglichen Erdgeschoß des Narrenturms. Sie wurde im Rahmen der Gründung des Pathologisch-anatomischen Bundesmuseums 1974 im Erdgeschoß und – nur für Sonderführungen und wissenschaftliche Nutzung – in den Rundgängen angelegt.
Die öffentlich zugänglichen Teile des Gebäudes Narrenturm wurden mit Unterstützung des Bundesministeriums für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport saniert. 2020 erfolgte die Neugestaltung von 19 Zellen des Erdgeschoßes durch Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums, gemeinsam mit Innenarchitekt Martin Kohlbauer, zu einer systematisch nach medizinischen und diaktischen Kriterien gestalteten Dauerausstellung. Sie verfolgt das Ziel, die Inhalte der Sammlung nicht nur Ärzten, Studenten der Medizin und dem Krankenpflegepersonal zu vermitteln. Sie soll auch dem interessierten Laienpublikum, insbesondere Jugendlichen, in einer ethisch und didaktisch verantwortungsbewussten Weise medizinisches Wissen nahebringen. Insbesondere werden auch Krankheiten thematisiert, die durch die moderne Lebensführung zu einem stetig wachsenden Problem geworden sind. Das inhaltliche Konzept wurde unter medizinischer Beratung entwickelt. Die Präsentation berücksichtigt alle aktuellen internationalen Richtlinien zum Umgang mit menschlichen Präparaten. Sie verzichtet bewusst auf eine plakative Inszenierung und vermeidet jedwede Unterstützung voyeuristischer Tendenzen.
Die ersten fünf Räume zeigen die Geschichte der Sammlung und die Entwicklung der Pathologie bis hin zur modernen Molekularpathologie des 21. Jahrhunderts. Die folgenden Räume gehen auf einige wesentliche Fachgebiete der Pathologie näher ein. 2025 wurde ein weiterer Raum der Schausammlung neu adaptiert, der in die Grundlagen der Moulagentechnik einführt und die Biographie der beiden Moulageure Carl und Theodor Henning darstellt.
Literatur
- Henrik Eßler: Krankheit gestalten. transcript, Bielefeld 2022, ISBN 978-3-8376-5526-1.
- Daniel Vitecek: Der Wiener Narrenturm. Springer VS, Wiesbaden 2023, ISBN 978-3-658-39049-5.