Pavor nocturnus

Nachtschreck From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Pavor nocturnus (lateinisch „nächtliche Angst“), auch Nachtangst und Nachtschreck genannt (gelegentlich auch Schlafterror[1]), ist eine Form der Schlafstörung. Diese Parasomnie betrifft vorwiegend Klein- und Schulkinder, kann aber auch Erwachsene ein Leben lang begleiten. Der Pavor nocturnus, früher auch als Auffahren[2] bezeichnet, tritt häufig gemeinsam mit dem Schlafwandeln auf und wird in der Regel als harmlos angesehen.[3]

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Klassifikation nach ICD-10
F51.4 Pavor nocturnus
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)
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Klassifikation nach ICD-11
7B00.2 Pavor nocturnus
ICD-11: EnglischDeutsch (Vorabversion)
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Symptome

Während der ersten Non-REM-Schlafphase (typischerweise 15 Minuten bis eine Stunde nach dem Einschlafen) schreckt der Patient mit Wimmern, Keuchen oder meist einem Schrei aus dem Tiefschlaf. Dauer 1 bis 10 Minuten, besonders bei Kindern jedoch auch bedeutend länger.[4] Der Patient ist vegetativ zunächst so aktiviert, dass er für bis zu fünfzehn Minuten nicht ansprechbar sein kann. Der Patient verspürt in dieser Zeit eine große Angst, die man am Vegetativum messen kann. Als Zeichen dieser vegetativen Erregung kommen kalter Schweiß, schneller Puls (Tachykardie) und beschleunigte Atmung (Tachypnoe) vor. Der Patient erkennt Bezugspersonen (z. B. Bettpartner, Kinder, oftmals die Eltern) sowie die Umgebung nicht, ist allgemein stark desorientiert und nur sehr schwer erweckbar. Am Ende des Anfalls erwacht er und schläft meist wieder ruhig ein. Meist kann er sich daraufhin nicht oder nur bruchstückhaft an den Vorfall erinnern (retrograde Amnesie); oft ist nur ein einzelnes Bild erinnerlich. Deshalb werden Pavor nocturnus und Somnambulismus (Schlafwandeln) als Aufwachstörungen bezeichnet.[5]

Bei rund 30–50 % der Patienten mit Nachtterror kann nach dem Aufwachen Schlafwandeln auftreten; die beiden Störungen sind ätiologisch (ursächlich) sehr eng verbunden.[5]

Ätiologie (Ursachen)

Bei manchen erwachsenen Patienten wird ein sehr hoher Tiefschlafanteil festgestellt, der auf eine Veranlagungskomponente hindeutet. Genetische Einflüsse werden durch Zwillingsstudien und Familienstudien bestätigt.[5] Belastungen wie Einschulung von Kindern und Stress bei Erwachsenen können die Auftretenswahrscheinlichkeit erhöhen. Diese steigt auch durch Verhaltensweisen, die in der darauffolgenden Nacht vermehrt Tiefschlaf bewirken, wie eine durchwachte Nacht oder Alkoholkonsum.[5] Auch Fieber kann Nachtterror fördern.

Epidemiologie

Vom Pavor nocturnus sind 3 % der Kinder betroffen; bei Erwachsenen sind es weniger als 1 %.[6] Nach der Pubertät tritt die Erkrankung nur noch selten auf, sie kann aber auch bei Erwachsenen vorkommen.[7] Die Erkrankung tritt familiär gehäuft auf. Der Häufigkeitsgipfel liegt zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr. Jungen sind insgesamt häufiger betroffen als Mädchen.[8]

Differentialdiagnose

Diese Anfälle sind nicht zu verwechseln mit Albträumen, deren Traumthemen nach dem Erwachen meist gegenwärtig sind und die nach heutiger Lehrmeinung als eigenständige Krankheitsentität aufzufassen sind.

Eine EEG-Kontrolle zum Ausschluss einer latenten Epilepsie ist erforderlich. Die weitere Differentialdiagnose kann auch hypnagoge Halluzinationen (Auftreten beim Einschlafen, nicht aus dem Schlaf heraus), nächtliche Verwirrtheitszustände bei dementen Patienten, das Schlaf-Apnoe-Syndrom sowie Schlafwandeln umfassen.

Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung lässt sich im Schlaflabor ausschließen (Auftreten beim REM-Schlaf, nicht beim NREM-Schlaf). Sie tritt in der älteren Allgemeinbevölkerung auf.[1]

Behandlung (Therapie)

Durch den mitunter dramatischen Ablauf sind Bettpartner und Mitbewohner oft mehr beunruhigt als die Betroffenen, da bei diesen meist eine retrograde Amnesie besteht. Wichtig ist also die Aufklärung über den grundsätzlich harmlosen Verlauf. Gelegentlich hat sich bei Kindern und Jugendlichen ein vorsorgliches Wecken etwa eineinhalb Stunden nach Schlafbeginn bewährt.

Massive Weckversuche sollte man, außer in Notfällen, unterlassen. Sie können die Angst verstärken. In der Regel kann der Patient die helfende Person nicht erkennen, d. h., sie kann als bedrohlich erlebt werden. Man kann beruhigend zu dem Patienten reden und ihn gegebenenfalls ins Bett zurückführen.[5]

Wie auch beim Schlafwandeln können bei ausgeprägten Formen mit selbst- oder fremdgefährdendem Verhalten Benzodiazepine, insbesondere Clonazepam, welches den Tiefschlaf reduziert, eingesetzt werden.[4] Dies kann auch bei schwer ausgeprägten Verläufen mit mehreren Anfällen pro Nacht geschehen.[5]

Sonderfälle

Der beim Aufwachen plötzlich auftretende Blutdruckabfall beim Nachtschreck kann zu Blutschwitzen führen.[9]

Siehe auch

Literatur

  • R. Steinberg, H.-G. Weeß, R. Landwehr: Schlafmedizin – Grundlagen und Praxis. Uni-med Verlag, Bremen 2000, ISBN 3-89599-465-0.
  • Christian Skroch: Alptraum-Ängste: Ursachen, Funktionen und Zusammenhänge von Urangst, Alptraum und Nachtschreck (2. erweiterte Auflage), Diony-Verlag, Siegen 2009, ISBN 978-3-9809678-1-5

Einzelnachweise

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