Peter Kammerstätter

österreichischer Widerstandskämpfer und zeitgeschichtlicher Heimatforscher From Wikipedia, the free encyclopedia

Leben und Wirken

Kammerstätter war Sohn eines oberösterreichischen Eisenbahners, der nach Triest strafversetzt worden war und einer aus der Untersteiermark stammenden Mutter. Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie übersiedelte die Familie 1919 nach Linz ins Franckviertel. Dort wurde der damals 8-jährige Kammerstätter als Katzelmacher oder Italiener ausgegrenzt, wodurch seine Sensibilität im Umgang mit Minderheiten früh geschärft wurde. Nach dem Schulbesuch erlernte er den Beruf eines Elektroschlossers.[2]

Der begeisterte Sportler, Bergsteiger und Schiläufer wuchs in den Traditionen der Arbeiterbewegung auf und trat nach Stationen in der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ) und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) im Juni 1933 der illegalen Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) bei.[3][2] Während der Februarkämpfe 1934 im austrofaschistischen Ständestaat war Kammerstätter in Linz zur Verteidigung der Eisenbahnbrücke und des Petrinums im Einsatz.[4] Nach dem Februar 1934 wurde er Mitglied der oberösterreichischen Landesleitung der KPÖ. Ende 1934 wurde er erstmals verhaftet und 1935 zu sechs Monaten schwerem Kerker verurteilt.[3]

Nach dem Anschluss Österreichs wurde Kammerstätter im Verzeichnis oberösterreichischer Kommunisten der Gestapo vom 16. August 1938 als Fanatiker beschrieben, der steter Beobachtung bedürfe, da im Ernstfall mit dessen besonderer Aktivität zu rechnen sei. Am 1. September 1939 wurde er erneut verhaftet und im KZ Buchenwald inhaftiert, wo er dem Arbeitskommando für Elektriker zugeteilt wurde. In dieser Funktion schmuggelte er Nachrichten sowie verschiedene benötigte Gegenstände im doppelten Boden seiner Werkzeugkiste. Am 10. Jänner 1940 wurde Kammerstätter überraschend aus dem KZ entlassen, da ihn sein Linzer Arbeitgeber Sprecher & Schuh als Facharbeiter für kriegsnotwendig unabkömmlich erklärte. Obwohl er weiterhin unter Beobachtung stand, unterstützte Kammerstätter trotzdem ausländische Zwangsarbeiter bei seiner Firma.[3]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 beteiligte sich Peter Kammerstätter aktiv am Wiederaufbau der Gewerkschaften, der Arbeiterkammer und anderer Einrichtungen des öffentlichen Lebens. In der KPÖ war er Bezirksobmann von Linz, ab 1948 Landessekretär und ab 1951 Mitglied des Zentralkomitees. Anfang der 1950er Jahre engagierte er sich für die Österreichische Neutralität.[5]

Aufgrund innerparteilicher Unstimmigkeiten schied Peter Kammerstätter mit 31. Dezember 1963 aus allen Parteifunktionen aus und kündigte sein Dienstverhältnis bei der KPÖ. Nach fast einem Jahr der Arbeitslosigkeit fand er Ende 1964 eine Anstellung als Bauschreiber bei der Donauländischen Baugesellschaft, wo er bis zur Pensionierung 1972 tätig blieb und auch zum Betriebsrat gewählt wurde.[6][2]

Ab 1967 widmete sich Kammerstätter intensiv dem Aufbau einer umfangreichen Materialsammlung über die Geschichte der Arbeiterbewegung und den Widerstand in Oberösterreich. Er war Präsidiumsmitglied des KZ-Verbandes und nahm jahrelang an der Internationalen Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung in Linz teil.[2] Im Laufe der Jahre interviewte er hunderte Personen zur regionalen Geschichte der NS-Zeit, über die damals noch beharrlich geschwiegen wurde. 1979 veröffentlichte er eine Materialsammlung über den Ausbruch sowjetischer Offiziere und der anschließenden Mühlviertler Hasenjagd.[6] Maßgebliche Mitarbeit leistete Kammerstätter an den Publikationen von Harry Slapnicka zur oberösterreichischen Landesgeschichte und an der vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes herausgegebenen Dokumentation Widerstand und Verfolgung in Oberösterreich 1934-1945.[2]

Bis zu seinem Tod 1993 war Kammerstätter als Wissensvermittler an Schulen, Volkshochschulen sowie an den Universitäten Linz und Salzburg tätig. In vielen Vorträgen sowie bei Führungen im KZ Mauthausen und Politischen Wanderungen zu Schauplätzen von Widerstand und Verfolgung vermittelte er tausenden jungen Menschen Eindrücke über den Austrofaschismus und Nationalsozialismus.[2]

Während eines Kuraufenthaltes erlitt Kammerstätter einen Schlaganfall an dessen Folgen er verstarb. Sein Grab befindet sich im Urnenhain Urfahr. Sein Nachlass wird im Archiv der Stadt Linz verwaltet.[1]

Ehrungen

Erinnerungstafel am Wohnort von Peter Kammerstätter in der Finkstraße 3 in Linz

Werke

  • Der Todesmarsch ungarischer Juden von Mauthausen nach Gunskirchen im April 1945: eine Materialsammlung nach 25 Jahren. 158 Seiten, Eigenverlag, 1971.
  • Material-Sammlung über die Widerstands- und Partisanenbewegung Willy-Fred-Freiheitsbewegung im oberen Salzkammergut – Ausseerland 1943–1945: ein Beitrag zur Erforschung dieser Bewegung. Band 1–2, 777 Seiten, Eigenverlag, 1978.
  • Der Ausbruch der russischen Offiziere und Kommissare aus dem Block 20 des Konzentrationslagers Mauthausen am 2.2.1945: die Mühlviertler Hasenjagd; Materialsammlung: Aussagen von Menschen, die an der Verfolgung beteiligt waren oder zusehen mußten, und solchen, die Hilfe gaben. 330 Seiten, Eigenverlag, 1979.
  • Der Aufstand des Republikanischen Schutzbundes am 12. Februar 1934 in Oberösterreich. Eine Sammlung von Materialien, Dokumenten und Aussagen von Beteiligten. Band 1–3, 2055 Seiten, Eigenverlag, 1983.
  • Haill Henriette Jettl. 80 Jahre. (als Hrsg.), Linz um 1984, (Typoskript)
  • Der Aufstand des Republikanischen Schutzbundes in Oberösterreich am 12. Februar 1934 im Spiegel der Literatur und Lyrik. Eigenverlag, 1986.
  • Franz Haider – Ein Leben im Dienste der Arbeiterbewegung. Eigenverlag, 1987.
  • Dem Galgen, dem Fallbeil, der Kugel, der Gaskammer entkommen. Eigenverlag, 1989.
  • Materialsammlung zur Geschichte der KPÖ-OÖ und ihrer Widerstandstätigkeit zwischen 1918/19 und 1946. Eigenverlag, 1990.
  • Der Todesmarsch ungarischer Juden von Mauthausen nach Gunskirchen im April 1945. Eigenverlag, o. J.
  • Dem Galgen, dem Fallbeil, der Kugel entkommen: Neun Lebensbilder aus dem Widerstand. KZ-Verband Oberösterreich (Hrsg.), Edition Geschichte der Heimat, Verlag Franz Steinmaßl, Grünbach 2006. ISBN 978-3-902427-28-1.
  • Salzkammergut – Ausseerland. Widerstand und Partisanenbewegung 1943–1945 – Eine Materialsammlung von Peter Kammerstätter. Hrsg.: Raphael Besenbäck, Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2024. ISBN 978-3-99126-252-7.

Literatur

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI