Péter Magyar
ungarischer Jurist, Politiker, Ministerpräsident von Ungarn
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Péter Magyar ([]; nach ungarischer Namenskonvention Magyar Péter; * 16. März 1981 in Budapest, Volksrepublik Ungarn) ist ein ungarischer Rechtsanwalt und Politiker. Er ist seit Juli 2024 Vorsitzender der Partei Tisztelet és Szabadság Párt (TISZA) und seit dem 9. Mai 2026 Ministerpräsident von Ungarn.[1]

Leben
Herkunft und Familie
Péter Magyar, sein jüngerer Bruder und seine jüngere Schwester entstammen einer konservativen Juristenfamilie. Der Vater, István Magyar, ist Rechtsanwalt, die Mutter, Mónika Erőss, war die Generalsekretärin des Obersten Gerichtshofs und wurde 2020 Vizepräsidentin des Nationalen Justizamtes. Péter Magyars Patenonkel Ferenc Mádl, der Bruder seiner Großmutter Teréz Mádl, war von 2000 bis 2005 Präsident der Republik Ungarn. Von 2006 bis zu ihrer Scheidung 2023 war Magyar mit der Fidesz-Politikerin und zeitweiligen Justizministerin Judit Varga verheiratet, mit der er drei Kinder hat.[2][3][4]
Ausbildung und Beruf
Zwischen 1998 und 2003 studierte Magyar Rechtswissenschaften an der Katholischen Péter-Pázmány-Universität. 2002 studierte er zudem im Rahmen des Erasmus-Programms an der Humboldt-Universität zu Berlin.[5] Im Wintersemester 2002/2003 war er an der Universität Hamburg immatrikuliert.[6]
Im Jahr 2003 begann er seine berufliche Laufbahn zunächst als Rechtsreferendar am Gericht, ab 2006 war er als Rechtsanwalt tätig.[5] Ab 2010 arbeitete er im ungarischen Ministerium für auswärtige Angelegenheiten und Handel, wo er für die Beziehungen zwischen der Regierung und dem Europäischen Parlament zuständig war. Er war außerdem als Diplomat im Büro des Ministerpräsidenten tätig. Als Freund von Gergely Gulyás, einem Minister in der Regierung von Viktor Orbán, wurde er 2018 Leiter der Direktion für EU-Recht bei der Ungarischen Entwicklungsbank und ab 2019 Geschäftsführer des Studentenkreditzentrums. Er war zudem Mitglied in Aufsichtsräten und Vorständen mehrerer staatlicher Unternehmen.[5][2] Ein politisches Wahlamt hatte er bis zu seinem Bruch mit Fidesz nicht inne.[7]
Einstieg in die Politik

Magyar war zunächst Mitglied der langjährigen Regierungspartei Fidesz – Ungarischer Bürgerbund. Er bekleidete verschiedene gut dotierte, politisch jedoch weitgehend bedeutungslose Positionen in staatlichen Institutionen. Die breite Öffentlichkeit nahm ihn hauptsächlich als Begleiter seiner prominenten Ehefrau wahr, der Justizministerin Judit Varga, von der er sich allerdings 2023 scheiden ließ.
Anfang Februar 2024 wurde bekannt, dass Ungarns Präsidentin Katalin Novák im April 2023 eine Strafaussetzung (Gnadenakt) für Endre Kónya genehmigt hatte – den ehemaligen stellvertretenden Direktor eines Kinderheims in Bicske, der an der Vertuschung von Missbrauchsfällen beteiligt war. Dieser Gnadenakt löste große öffentliche Empörung aus. Novák trat am 10. Februar 2024 zurück.[8] Auch Magyars Ex-Frau, Justizministerin Varga, gab bekannt, ihre politischen Funktionen niederzulegen, weil sie den Gnadenakt beglaubigt hatte.
Am 11. Februar 2024 trat Péter Magyar in dieser Angelegenheit erstmals öffentlich in Erscheinung. In einem Interview auf dem Youtube-Kanal Partizán von Márton Gulyás,[9] das mehrere Millionen Menschen erreichte, kritisierte er offen die „Doppelmoral und strukturelle Korruption“ innerhalb des von der Fidesz-Partei dominierten politischen Systems.[10] Nach eigenen Angaben entschloss sich Magyar zu dem Interview, um sich „aus dem System zu lösen“, weil er die „Lügen nicht länger ertragen“ habe. Nach massiven medialen Angriffen regierungsnaher Medien kündigte er kurz darauf seinen Einstieg in die Parteipolitik an. Der Konflikt mit regierungsnahen und staatlichen Medien wurde zu einem wiederkehrenden Motiv seines politischen Aufstiegs; während des Wahlkampfs 2026 stellten staatliche Medien ihn unter anderem als von Brüssel gesteuert, als abwesenden Vater und als Verräter dar.[11]
Im April 2024 wurde er stellvertretender Vorsitzender der 2021 gegründeten Partei TISZA (deutsch Respekt- und Freiheitspartei), die er für die Europawahl 2024 und die anstehenden Kommunalwahlen registrieren ließ.[12] Große Bekanntheit erreichte Magyar, indem er zu Demonstrationen gegen Regierungskorruption am 26. März und 6. April 2024[13] in Budapest aufrief, zu denen über 100.000 Teilnehmer kamen.[14]
Unter Magyars Führung errang TISZA bereits bei der Europawahl 2024 zirka 30 Prozent der Wählerstimmen und sieben Sitze.[15] Magyar selbst erlangte ein Mandat im Europaparlament. Die TISZA-Partei schloss sich dort der Fraktion der Europäischen Volkspartei an.[7] Im Juli 2024 wurde er Vorsitzender der TISZA.[16] Im Oktober 2024 überholte TISZA in zwei Wahlumfragen als erste Partei Ungarns seit 18 Jahren die Regierungspartei Fidesz von Ministerpräsident Viktor Orbán.[17] Daraufhin forderte Magyar vorgezogene Neuwahlen.[18] Seit Beginn seiner politischen Karriere steht Magyar im Zentrum der Öffentlichkeit.[19][20]
Eine Untersuchung der Ungarischen Zentralbank gegen Magyar wegen Insiderhandels und Marktmanipulation wurde 2025 eingestellt.[21]
Wahlsieg 2026
Bei einer rekordhohen Wahlbeteiligung von rund 79 Prozent erhielt Magyars Partei in der Parlamentswahl in Ungarn 2026 mit 53,2 Prozent die absolute Mehrheit der Stimmen. Infolge von Wahlgesetzen, die der größten Partei zusätzliche Mandate bescheren und die ursprünglich verabschiedet wurden, um die Macht von Viktor Orbáns FIDESZ abzusichern, stellt TISZA im neuen Parlament 141 von 199 Mandaten. Die Partei verfügt also über eine Zweidrittelmehrheit, die es ihr ermöglicht, die Verfassung auch ohne Zustimmung der Opposition zu ändern, so wie FIDESZ es in früheren Jahren gehandhabt hat.[22] Der Machtverlust war auch parlamentarisch deutlich: Fidesz fiel von 135 auf 52 Mandate, und Orbán sowie weitere zentrale Parteifiguren entschieden sich nach der Wahl, ihre Sitze nicht einzunehmen.[23] Der Sieg von TISZA bedeutet das Ende der 16-jährigen Regierungszeit Orbáns. Am 9. Mai 2026 wurde Magyar neuer Ministerpräsident.[24][25] In seiner Antrittsrede versprach Magyar, Ungarn nicht zu beherrschen, sondern seinem Land zu dienen, und beschrieb den Auftrag der neuen Regierung als Systemwechsel statt bloß als Regierungswechsel.[26]
Die Regierungsbildung stand im Zeichen institutioneller und antikorruptionspolitischer Erwartungen. Magyar forderte von Fidesz eingesetzte Amtsträger, darunter Präsident Tamás Sulyok, den Generalstaatsanwalt und Leiter zentraler Justiz-, Regulierungs- und Kontrollbehörden, zum Rücktritt bis Ende Mai 2026 auf.[26] Die neue Regierung kündigte an, Straftaten im Zusammenhang mit veruntreuten öffentlichen Mitteln rechtsstaatlich verfolgen und eine Behörde zur Rückgewinnung gestohlener Vermögenswerte einrichten zu wollen.[23] Als unmittelbare Belastung für die neue Regierung galten eine angespannte Haushaltslage und blockierte EU-Mittel von rund 17 Milliarden Euro, deren Freigabe zu den wichtigsten frühen Aufgaben Magyars gezählt wurde.[23] Europapolitisch stellte Magyar eine Normalisierung der Beziehungen zur Europäischen Union in Aussicht, hielt jedoch zugleich an Grenzsicherung, einer vorsichtigen Haltung zur EU-Asylpolitik und kurzfristig an russischen Öl- und Gaslieferungen fest.[23][26]
Zu den angekündigten Veränderungen gehörte auch die Neuordnung der Medienlandschaft. Magyar kündigte nach der Wahl an, die Nachrichtenangebote der Staatsmedien vorübergehend auszusetzen, ein neues Pressegesetz vorzulegen und eine Medienaufsicht zu schaffen, damit öffentliche Medien unter veränderten Bedingungen wieder senden könnten.[11] Der Schritt zielte auf ein Mediensystem, in dem Fidesz-nahe Akteure nach Jahren staatlicher Unterstützung und Werbung einen großen Teil der öffentlichen und privaten Medien kontrolliert hatten, während unabhängige Medien mit finanziellen, administrativen und politischen Angriffen konfrontiert waren.[11] Nach Magyars Wahlsieg unterzeichneten mehr als 90 Journalisten der staatlichen Nachrichtenagentur MTI einen Brief, in dem sie die Wiederherstellung redaktioneller Autonomie forderten.[11]
Weblinks
- Péter Magyar in der Abgeordnetendatenbank des Europäischen Parlaments