Rassemblement wallon

Wallonische Partei From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Rassemblement wallon RW (Wallonische Sammlung) ist eine der ältesten politischen Parteien in Wallonien, die vor den Wahlen von 1968 gegründet wurde. Sie ist eine mitte-links-orientierte Partei, deren politische Ideologie von Regionalismus und Rattachismus geprägt ist.

Logo der Rassemblement wallon

Geschichte

Paul-Henry Gendebien war von 1974 bis 1979 Vorsitzender der RW.

Um Belgien stärker zu befrieden, wurde schließlich in den Jahren 1962–1963 eine sogenannte Sprachgrenze zwischen Flandern (dem niederländischsprachigen Norden) und Wallonien (dem französischsprachigen Süden) festgelegt. Für Brüssel wurde eine zweisprachige Lösung gefunden. Während in der Region Brüssel-Hauptstadt die Partei Demokratische Front der Frankophonen FDF (Front démocratique des francophones) für die politischen Belange der französischsprachigen Brüsseler Bürger eintrat, entstand in Wallonien die Partei RW. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie François Perin, Jean Gol[1] oder später Paul-Henry Gendebien gehörten der Partei bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1985 an.

Bei der RW handelte es sich in erster Linie um eine föderalistische politische Partei, die schnell einen wichtigen Platz in der wallonischen politischen Landschaft einnahm und 1971 20 % der Stimmen in Wallonien erhielt. Nach einem leichten Rückgang im Juni 1974 trat die RW der Regierung bei.

Die Regierung Tindemans II zerbrach 1977, als der RW dem Etat des Wirtschaftsministeriums nicht zustimmte, weil dieses sich nicht genug um die Arbeitsplatzverluste in der wallonischen Stahlindustrie kümmerte. Außerdem stellte die RW der Regierung ein Ultimatum, um die Regionalisierung Belgiens gemäß dem Verfassungsartikel voranzutreiben. Daraufhin entließ König Baudouin[2] auf Vorschlag von Premierminister Léo Tindemans[3] am 4. März 1977 die Minister des RW, den Außenhandelsminister Etienne Knoops, Minister für Pensionen Robert Moreau und den Minister ohne Portefeuille beim Wirtschaftsminister Pierre Bertrand. Die folgende Regierung Tindemans III amtierte bis zur vorgezogenen Parlamentswahl am 17. April 1977.[4]

In dieser Zeit verursachte der Parteivorsitzende Paul-Henry Gendebien eine Spaltung zwischen den verschiedenen Tendenzen dieser bis dahin pluralistischen Partei, indem er eine „Linkswende“ durchsetzte, die sich frei an der Doktrin Pierre-Joseph Proudhons orientierte. Diese Spaltung sollte sich für diese einzigartige Erfahrung der Präsenz der Wallonischen Bewegung auf der politischen Bühne als fatal erweisen. Die Reformbewegung MR (Mouvement Réformateur) von André Damseaux[5] fusionierte 1976 mit dem gemäßigten Flügel des Rassemblement Wallon um Jean Gol, Philippe Monfils und François Perin zum Parti de la Liberté et du Progrès en Wallonie (PRLW). 1979 kam die französischsprachige Brüsseler liberale Partei hinzu, wodurch die Parti réformateur libéral (PRL). Aufgespalten in verschiedene Fraktionen verschwand die „Rest-RW “ unter André Libert hingegen praktisch von der politischen Bühne.

Sie wurde einige Jahre später 1999 als Rassemblement Wallonie-France (R.W.F.) wiedergegründet, konnte jedoch bei den Wahlen nicht allein antreten, solange die Brüsseler FDF das Akronym RW schützte (Listenakronyme waren auf sechs Zeichen begrenzt). Infolgedessen war sie Teil des separatistischen Kartells Union für Wallonien (Union pour la Wallonie), das eine Zeit lang W+ hieß, bevor es dem gesamten Kartell seinen Namen gab, das am 20. Juni 2010 zu einer Partei wurde.

Wahlergebnisse

Abgeordnetenkammer

Bei den Wahlen zur Abgeordnetenkammer erzielte die RW folgende Ergebnisse:[6]

Weitere Informationen Jahr, Wahl ...
Jahr Wahl Stimmenanteil Sitze
1968 Belgien Parlamentswahl 1968 3,4 %
7/212
1971 Belgien Parlamentswahl 1971 6,7 %
14/212
1974 Belgien Parlamentswahl 1974 5,9 %
13/212
1977 Belgien Parlamentswahl 1977 2,4 %
5/212
1978 Belgien Parlamentswahl 1978 2,9 %
4/212
1981 Belgien Parlamentswahl 1981 1,7 %
2/212
1985 Belgien Parlamentswahl 1985 0,1 %
0/212
1987 Belgien Parlamentswahl 1987 0,2 %
0/212
2010 Belgien Parlamentswahl 2010 1 0,1 %
0/150
2014 Belgien Parlamentswahl 2014 0,02 %
0/150
Schließen
1 
als W+

Senat

Bei den Wahlen zur Senat erzielte die RW folgende Ergebnisse:[7]

Weitere Informationen Jahr, Wahl ...
Jahr Wahl Stimmenanteil Sitze
1968 Belgien Senatswahl 1968 5,7 %
5/106
1971 Belgien Senatswahl 1971 11,49 %
6/106
1974 Belgien Senatswahl 1974 11,37 %
13/106
1977 Belgien Senatswahl 1977 2,87 %
2/106
1978 Belgien Senatswahl 1978 4,87 %
7/106
1981 Belgien Senatswahl 1981 4,28 %
4/106
1985 Belgien Senatswahl 1985
0/106
1987 Belgien Senatswahl 1987 0,24 %
0/106
Schließen

Wallonisches Parlament

Bei den Wahlen zum Wallonischen Parlament erzielte die RW folgende Ergebnisse:

Weitere Informationen Jahr, Wahl ...
Jahr Wahl Stimmenanteil Sitze
2014 Wallonische Region Wallonische Parlamentswahl 2014 0,16 %
0/75
Schließen

Europawahl 1979

Bei der Europawahl am 10. Juni 1979 gewann die RW in einem Wahlbündnis mit der Front démocratique des francophones (FDF) im französischsprachigen Wahlkollegium 414.603 Stimmen (19,75 Prozent) und konnte mit Paul-Henry Gendebien für die RW sowie Antoinette Spaak für die FDF zwei Mitglieder des Europäischen Parlaments stellen.[8]

Europawahl 1984

Bei der Europawahl am 17. Juni 1984 erhielt die Rest-RW im Wahlbündnis Présence Wallonne en Europe mit der Rassemblement Populaire Wallon (RPW) und der Front pour l’Indépendance de la Wallonie (FIW) im französischsprachigen Wahlkollegium 51.903 Stimmen (2,32 Prozent) und kein Mandat im Europäischen Parlament.[9]

Wallonischer Rat

Im Wallonischen Rat stellte die RW in der Legislaturperiode 1981–1985 zwei der 106 Abgeordneten.

Rat der Französischen Gemeinschaft

Im Rat der Französischen Gemeinschaft stellte die RW in der Legislaturperiode 1981–1985 zwei der 137 Abgeordneten.

Parteivorsitzende

Die Funktion der Parteivorsitzenden bekleideten von 1968 bis 1989:[10]

Weitere Informationen Beginn der Amtszeit, Ende der Amtszeit ...
RW-Vorsitzende
Beginn der AmtszeitEnde der AmtszeitParteivorsitzenderAnmerkungen
6. Juni 196815. Juni 1974François PerinWahl am 6. Juni 1968, Wiederwahl am 26. März 1972
15. Juni 197420. Oktober 1974Robert Moreaukommissarischer Parteivorsitzender
20. Oktober 197424. Februar 1979Paul-Henry GendebienWahl am 20. Oktober 1974, Wiederwahl am 5. März 1977
24. Februar 19798. Oktober 1983Henri MordantWahl am 24. Februar 1979, Wiederwahl am 29. März 1981
8. Oktober 198322. März 1986Fernand MassartWahl am 8. Oktober 1983
22. März 19861989André LibertWahl am 22. März 1986
Schließen

Weitere bekannte Politiker der RW waren:

  • Augustin Bila, Mitglied der Abgeordnetenkammer (1971–1977)
  • Maurice Bologne, Mitglied des Senats (1968–1974)
  • Mathilde Boniface, Mitglied der Abgeordnetenkammer (1981–1985)
  • Étienne Duvieusart, Mitglied der Abgeordnetenkammer (1974–1977), Mitglied des Senats (1977–1978)
  • Jean Duvieusart, Vorsitzender des Wahlbündnisses FDFRW (1968–1972)[11]
  • Georges Maes, Mitglied der Abgeordnetenkammer (1971–1977)
  • Charly Talbot, Mitglied der Abgeordnetenkammer (1974–1977), Mitglied des Senats (1977–1979)
  • Marcel Thiry, Mitglied des Senats (1968–1974)

Hintergrundliteratur

  • Daniel Louis Seiler: Les partis politiques en Europe, 1978
  • Partis et familles politiques, Presses universitaires de France, 1980
  • Daniel Louis Seiler: Les partis autonomistes, PUF, 1982
  • John Fitzmaurice: The politics of Belgium. Crisis and compromise in a plural society, C. Hurst, 1988
  • John Fitzmaurice: Politics of Belgium. Unique federalism, C. Hurst, 1996
  • Pascal Delwit, Jean-Michel de Waele und Paul Magnette: Gouverner la Belgique. Clivages et compromis dans une société complexe, Presses universitaires de France, 1999
  • Didier Pavy: Les Belges, Grasset, 1999
  • Le parti social chretien. Mutations et perspectives, Ed. de l’Universite de Bruxelles, 2001
  • Pascal Delwit: Libéralismes et partis libéraux en Europe, Ed. de l’Universite de Bruxelles, 2002
  • Jean-Pierre Stroobants: Belgique, laboratoire de la désunion européenne, Cygne, 2010
  • Peter Starke, Alexandra Kaasch, Franca Van Hooren: The Welfare State as Crisis Manager: Explaining the Diversity of Policy Responses to Economic Crisis, Palgrave Macmillan, 2013, ISBN 978-1-137-31484-0.

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI