Regierungskrankenhaus der DDR
ehemaliges Krankenhaus in Berlin
From Wikipedia, the free encyclopedia
Das Regierungskrankenhaus der DDR war eine Gesundheitseinrichtung für die Nomenklatura der DDR in Ost-Berlin. Es befand sich zunächst in der Scharnhorststraße 36 in Berlin-Mitte und wurde 1976 an einen neuen Standort im Bucher Forst in der Hobrechtsfelder Chaussee 100 in Berlin-Buch verlegt, dort 1990 nach der Wende in der DDR kurzzeitig als öffentliches Krankenhaus betrieben und 2007 aufgelöst. Der Gebäudekomplex steht seitdem leer und ist seit 2017 vor dem Betreten gesichert.
Berlin-Buch, Hobrechtsfelder Chaussee 100
| Regierungskrankenhaus der DDR | ||
|---|---|---|
| Trägerschaft | DDR-Regierung | |
| Ort | Berlin-Mitte, Scharnhorststraße 36 Berlin-Buch, Hobrechtsfelder Chaussee 100 | |
| Bundesland | Berlin | |
| Staat | Deutschland | |
| Koordinaten | 52° 38′ 29″ N, 13° 28′ 47″ O | |
| Fachgebiete | 4 Fachgebiete | |
| Gründung | 1950 1976 (Aufnahme des Betriebes am neuen Standort in Berlin-Buch) | |
| Auflösung | 1990 (als Regierungskrankenhaus) 2007 (endgültige Schließung in Buch) | |
| Website | ||
| Lage | ||
|
| ||

Die Bauten in der Scharnhorststraße wurden umgenutzt. Heute befindet sich hier das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.
Vorgeschichte
Die Gebäude in der Scharnhorststraße beherbergten ab 1911 die Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen. Als die Akademie nach dem Ersten Weltkrieg und den Bestimmungen des Friedensvertrags von Versailles aufgelöst werden musste, dienten die Gebäude zur Prothesenversorgung von Kriegsversehrten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die Rote Armee die Baulichkeiten als zentrales Lazarett in der Sowjetischen Besatzungszone.[1]
Spezialkrankenhaus
Nach Gründung der DDR wurde das Haus umgebaut und im Oktober 1950 als Regierungskrankenhaus eröffnet.[2] Es diente ausschließlich der Behandlung eines ausgewählten Personenkreises, der vom Präsidium des Ministerrats der Deutschen Demokratischen Republik genau festgelegt worden war: der Vorsitzende des Ministerrats (Ministerpräsident) und seine Stellvertreter, Minister, Staatssekretäre und stellvertretende Minister, die Mitglieder des Zentralkomitees der SED und seines Politbüros, der Staatsratsvorsitzende und die Mitglieder des Staatsrates der DDR, Mitglieder des Präsidiums der Volkskammer (nicht die übrigen Abgeordneten), die Mitglieder der Führungsgremien der Blockparteien und Massenorganisationen, die Botschafter und Botschaftsräte der eigenen Botschaften und der in Ost-Berlin akkreditierten Botschaften der Ostblockstaaten. Prominente und bekannte Künstler und Wissenschaftler wurden ebenfalls aufgenommen, außerdem bewährte Parteiveteranen, Mitglieder des Obersten Gerichts der DDR und der Generalstaatsanwaltschaft, Vorsitzende der Räte der Bezirke und die Sekretäre der Bezirksleitungen der SED, ferner die Prominenz der in der Bundesrepublik verbotenen Kommunistischen Partei Deutschlands, Vertreter anderer westlicher kommunistischer Parteien und die Ehefrauen dieser Funktionäre mit ihren Kindern bis zu 18 Jahren.
Zwar vom Wachregiment Feliks Dzierzynski bewacht, schien das Regierungskrankenhaus den Spitzenfunktionären bald nicht mehr sicher genug; die Grenze zu West-Berlin lag zu nahe. 1976 entstand deshalb die Spezialklinik in Berlin-Buch in der Hobrechtsfelder Chaussee 100.[3] Den Namen hatte sie nicht wegen spezieller medizinischer Möglichkeiten, sondern wegen spezieller Patienten – zugelassen war nur die „allerhöchste“ Führungsebene. Buch wurde dadurch zum Regierungskrankenhaus Nr. I.[4]

Nach der Neueröffnung der Klinik in Berlin-Buch blieb es dort bei dem genannten Personenkreis. Baulich kamen eine Schwimmhalle und ein Atomschutzbunker hinzu. Der Bunkerzugang war oberirdisch als Pavillon unauffällig gestaltet. Im Bunker gab es eine komplett autarke Ausstattung, die das Überleben nach einem Atomschlag für eine Woche sicherstellen sollte.[4]
Die Gebäude in Berlin-Mitte in der Scharnhorststraße dienten nun als Regierungskrankenhaus Nr. II. Hier wurden die Veteranen der Partei und ehemalige Kämpfer gegen den Faschismus neben ehemaligen Regierungsmitgliedern und ausgewählten Kulturschaffenden, Künstlern, Wissenschaftlern und Sportlern wie Helene Weigel, Greta Kuckhoff, Rita Schober, Anna Seghers, Manfred von Brauchitsch behandelt. Im Krankheitsfall versorgt wurde auch Max Reimann, der Vorsitzende der KPD in der Bundesrepublik Deutschland.[1] Die Gebäude in Buch befinden sich heute im Eigentum des Berliner Senats und stehen seit 2007 leer. Bis 2017 gab es organisierte Führungen im Gebäude und auf dem Außengelände.[5]
In der Scharnhorststraße 37 entstanden eine Poliklinik und eine Klinik für Diplomaten, das Regierungskrankenhaus Nr. III.[1]
Architektur, Ausstattung, Sicherheit
Der Komplex in Berlin-Mitte war ein Mehrflügelbau mit einem repräsentativen Rundbau in der Mitte, ein vier- bis fünfetagiger Komplex mit ziegeldeckten Walmdächern und einem geräumigen befahrbaren Innenhof. Wie bei derartigen Objekten üblich, war es mit Werken bildender Künstler der DDR ausgestattet, darunter Glasappikationen der Designerin Marga Hamann.[6]
Nach dem Mauerfall und der Auflösung der Krankenhausstrukturen zog in den späten 1990er Jahren in die komplett sanierten und umgebauten Häuser in der Scharnhorststraße das Bundeswirtschaftsministerium (heute: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) ein.
Der umfangreiche Neubau in Buch bestand aus Fertigteilplatten in individuell ausgeführten Formen.[4]
Trotz sorgfältiger Bewachung und verschwiegener Mitarbeiter fühlten sich die Spitzenfunktionäre der SED auch hier im Regierungskrankenhaus nicht sicher genug. Deshalb wurde für die Politbüro-Mitglieder – des eigentlichen Machtzentrums der DDR – eine eigene Station mit zwei Appartements geschaffen, die Station 3 A. Für sie galten besondere Sicherheitsbestimmungen. Sie bot Wohn- und Schlafgelegenheiten für die Personenschützer des MfS. Zugang hatte nur ausgesuchtes Pflegepersonal. Die Krankenzimmer durften nur in Begleitung eines Personenschützers betreten werden.
Ein ständiger Beauftragter des MfS sorgte für die nötigen Informationen über die einzelnen Angestellten. In allen Abteilungen und Stationen saßen Inoffizielle Mitarbeiter. Ein besonders sensibler Bereich war das Laboratorium, weil dort alle Befunde und Diagnosen zusammenliefen.
Kurz nach dem Mauerfall, als sich auch das frühere DDR-Fernsehen umstrukturiert hatte, war ein Journalistenteam des Fernsehens der DDR im Krankenhaus in Buch unterwegs, interviewte Patienten und Ärzte.[4]
Organisation
Das Krankenhaus hatte fünf Stationen: eine für Innere Medizin, zwei für Chirurgie, eine für Gynäkologie und eine Kinderstation. Im Durchschnitt hatte jede Station zehn Einzelzimmer. Telefone waren in allen Zimmern. In den Appartements konnte Westfernsehen empfangen werden. Neben der DDR-Presse gab es auch westdeutsche Zeitungen.
Mit einer Poliklinik, modernen Laboratorien und Röntgengeräten, Apotheke, Bäder- und Massageeinrichtungen war das Haus hervorragend ausgestattet. Es gab alles, was es in den anderen Krankenhäusern der DDR nicht gab, so auch „alle nur denkbaren pharmazeutischen Präparate westlicher Firmen in ausreichender Menge“ – obwohl Westmedikamente sonst oft unerreichbar waren.
Die Apotheke des Regierungskrankenhauses diente zugleich als zentrale Apotheke des Ministeriums für Gesundheitswesen für spezielle Versorgungsfälle. Sie besorgte Antibiotika, Chemotherapeutika und Herz-Kreislauf-Medikamente, die es in der DDR nicht gab. Die Ärzte konnten hinsichtlich spezieller Medikamente frei entscheiden. Wenn sie nicht vorrätig waren, beschafften sie Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in West-Berlin.[1]
Personal
Im Krankenhaus versahen 58 Fachärzte und 115 Pflegekräfte ihren Dienst.[7] Im Notfall verfügbar war jeder Spezialist aus der DDR und anderen Ostblockstaaten, mitunter auch aus der Bundesrepublik und West-Berlin. Bei der modernen Technik und den unbegrenzten Therapiemöglichkeiten fanden die Ärzte hervorragende Arbeitsbedingungen. Das Verhalten untereinander war geprägt von Unsicherheit, Angst und Misstrauen. Die geforderte Kollegialität wurde gelebt, Freundschaften gab es aber nicht. Geschätzt wurde, wer das Vasallentum nicht in Frage stellte. Die Ärzte hatten besondere Möglichkeiten beim täglichen Einkauf, z. B. im Gebäude der Sowjetischen Botschaft. Bei der Beschaffung von Baumaterialien halfen der Bauminister oder die Staatsreserve der DDR. Über Einstellungen entschied nicht die Kaderabteilung des Hauses, sondern das MfS. Die Gehälter waren um 20–25 Prozent höher als anderswo. In den 40 Jahren des Regierungskrankenhauses war der 1981 verhaftete Uwe-Jens Jürgensen unter den Ärzten der einzige „Abweichler“.
Helga Mucke-Wittbrodt leitete als Ärztliche Direktorin das Haus von 1950 bis 1988, ihr Nachfolger war der Herzspezialist Lothar Kant.[8]
Fuhrpark
Der Fuhrpark des Regierungskrankenhauses bestand aus Fahrzeugen des Typs Tatra 603. Die Krankenkraftwagen waren umgebaute sowjetische Tschaikas, die noch mehr Aufsehen erregten als die Regierungsfahrzeuge.[1]
Medizinische Losungen
„Die beste Prophylaxe ist der Sozialismus.“
„Die Erhaltung der Gesundheit des Genossen Walter Ulbricht und der anderen Politbüro-Mitglieder ist unsere vordringlichste Aufgabe.“
„Unsere Arbeit dient der Gesundheit des ganzen deutschen Volkes.“
„Halten Sie sich stets vor Augen, daß Sie über die Gesundheit des besten Teils des deutschen Volkes wachen.“
Literatur
- Uwe-Jens Jürgensen, Elke Jürgensen, Volker Ebers: Im Netz der Stasi, erst verraten – dann verkauft. Haag + Herchen, Frankfurt am Main 2008. ISBN 978-3864400261.
Weblinks
- Lost Places Klinikruinen, drei Folgen. Folge 3: Honeckers Regierungskrankenhaus, gesamt 44 Minuten.
