Regina Ruben

deutsche Übersetzerin, Autorin und Frauenrechtlerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Regina Ruben, geborene Stern, (geboren 30. Juli 1858 in Bad Oeynhausen; gestorben 7. Mai 1943 im Vernichtungslager Sobibor) war eine deutsche Lehrerin, Übersetzerin, Autorin und Frauenrechtlerin aus dem sozialistischen Spektrum. Im Zuge des Holocaust wurde sie 1943 in Sobibor ermordet.

Biographie

Regina Stern entstammte einer jüdischen Familie. Sie war eine Tochter von Pauline Rudenberg aus Vlotho (1831–1898) und des Bielefelder Kaufmanns Samuel Stern (1816–1905). Sie hatte neun Geschwister und war das älteste von vier Mädchen. Der Vater, Vorsänger im Bethaus, kümmerte sich intensiv um die Bildung der Töchter.[1]

Stern absolvierte ein Studium für höheres Lehrfach und war zunächst als Hauslehrerin und später an der höheren Töchterschule tätig.[2] 1896 heiratete sie den Kaufmann Max Moses Ruben, genannt Moritz (1854–1935); das Ehepaar bekam drei Töchter. Die Älteste war Martha (1887–1939), bei ihrer Geburt war Regina Ruben fast 30 Jahre alt.[3] Vor der Geburt ihrer zweiten Tochter Käthe Anna (1893–1936) im Jahre 1893 begann Ruben, Schriften des niederländischen Multatuli zu übersetzen, der in seinen Texten den Kolonialismus kritisierte. Es ist unbekannt, auf welchem Weg sie ihre niederländischen Sprachkenntnisse erlangte. Offenbar musste sie zum Lebensunterhalt der Familie beitragen, da ihr Mann geschäftlich nicht erfolgreich war, weshalb die Familie auch öfter umziehen musste.[4] Die dritte Tochter Ilse Agnes (1895–1943) wurde in Düsseldorf geboren.[5]

1896 zog die Familie Ruben nach Hamburg. Zu dieser Zeit publizierte Regina Ruben Texte des niederländisch-jüdischen und sozialistischen Dramatikers Herman Heijermans, der die Unterdrückung von Frauen und das Judentum in seinen Werken thematisierte. Sie schloss sich dem Ausschuss für Frauenbewegung an, einem Zweigverein des radikalen Dachverbandes Frauenwohl. Die bedeutendsten Themen des Ausschusses waren Sittlichkeit und Sexualmoral, Frauenwahlrecht, Mädchenbildung sowie die Zusammenarbeit mit Arbeiterinnen zur Vertretung von Fraueninteressen.[6] Ruben engagierte sich zunächst besonders in Sachen Abolitionismus, wobei mit diesem Begriff die Versklavung weißer Frauen zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung bezeichnet wurde. Für die Abolitionistinnen waren Prostituierte Opfer von Armut, sozialen Verhältnissen und auch Opfer des Staates, dessen langer Arm die Sittenpolizei sei, die die Frauen im Milieu festhalte. Ruben und ihre Mitstreiterinnen machten explizit den Staat für Prostitution verantwortlich. Sie forderten soziale Reformen statt Markierung und Diffamierung.[7] Ruben pflegte Kontakte zu vielen damaligen Aktivistinnen wie Helene Stöcker, Lida Gustava Heymann, Clara Zetkin und Rosa Luxemburg. Die Historikerin Irene Franken. Sie galt als „radikalisiert“, und die „Politische Polizei“ legte eine Akte über sie an.[1] „Nach zehn Jahren in Hamburg war Ruben eine überregional bekannte, radikal-feministische Kämpferin gegen Ungerechtigkeit, Frauenunterdrückung und Doppelmoral.“[8]

Ankündigung einer Versammlung mit Regine Ruben (Name ist falsch geschrieben), 28. Februar 1913 in der Arbeiter-Zeitung (Essen)

1904 gehörte Ruben zum Vorbereitungskomitee des Internationalen Frauen-Kongresses 1904, bei dem auch die US-amerikanische Frauenrechtlerin Susan B. Anthony eine Rede hielt. Anthony erwähnte „a westphalian woman, almost six foot high, called Mathilde Franziska Anneke“, von der die meisten jüngeren Frauen auf dem Kongress noch nie gehört hatten.[9] Ruben nahm Kontakt zu deren Tochter Hertha Anneke-Sass in Chicago auf, von der sie Informationen über die Mutter erhielt. 1905 hielt sie vor dem Verein Frauenstimmrecht einen ersten Vortrag über Anneke; diesem Vortrag sollten weitere zum Thema folgen, und 1906 veröffentlichte sie eine Publikation über die Frauenrechtlerin.[10] Nach eigener, nach Franken wohl zutreffender Einschätzung war sie die „Erste in Deutschland […] die eingehend über das Leben einer der bedeutendsten deutschen Frauen schrieb“.[11]

1906 zog die Familie nach Berlin-Schöneberg.[12] Ruben näherte sich der SPD an und wurde eine gefeierte Parteirednerin: So sprach sie 1913 auf der zentralen Totenfeier für August Bebel in Berlin.[13] Auch plädierte sie, die sich selbst von jeglichen religiösen Dogmen frei gemacht hatte, für den Kirchenaustritt: Allein im Januar 1914 gab es mehr als zehn Kirchenaustritts-Versammlungen, an denen sie beteiligt war.[14] Bei ihren Vorträgen zu verschiedenen Themen wurde sie immer wieder von der Polizei überwacht.[15] Im Handbuch Arbeiterpresse des Jahrgangs 1914 wird sie in einem kurzen biografischen Eintrag als Lehrerin, Referentin, Agitatorin und Verfasserin frauenrechtlicher Broschüren sowie Feuilletons aufgeführt. Als seinerzeitige Adresse wurde die Barbarossastrasse 53 angegeben.[2] 1914 schloss sie sich als Pazifistin Rosa Luxemburg und ihrem Kreis an. In der Weimarer Republik zählte sie zur moskautreuen KPD. Als Luxemburg 1916 nach einjähriger Haft aus dem Gefängnis entlassen wurden, gehörte Ruben zu den 1000 SPD-Frauen, die sie empfingen. Dafür bedankte sich Luxemburg bei ihr schriftlich, auch für die „freundschaflichen Worte“.[16] Offenbar wurde Ruben selbst kurz nach der Ermordung von Luxemburg und Karl Liebknecht 1919 inhaftiert.[17]

Über Rubens anschließende Lebensjahre fehlen Informationen. 1928 reiste sie in die Sowjetunion und erwies sich in Zeitungsartikeln als „glühende Verehrerin“ dieses jungen Staates.[12] Im Jahr darauf wurde sie in der Internationalen Arbeiterhilfe aktiv. Zwischen 1929 und 1931 veröffentlichte sie Texte, in denen sie sich kritisch zum Zionismus äußerte: Sie empfahl zionistischen Fonds, nicht länger in Palästina zu investieren, da der dortige Raum begrenzt sei und zudem von arabischen Fellachen bewohnt. Stattdessen sollten sich auswanderungswillige Juden in Birobidschan ansiedeln. 1931 wurde sie auf dem Schutzverband deutscher Schriftsteller ausgeschlossen, der inzwischen von nationalistischen Kräften dominiert wurde.[18]

Nach dem Tod ihres Mannes Moritz verstarb 1935, und Regina Ruben zog zunächst zur Familie ihrer Tochter Käthe nach Frankreich.[19][20] Obwohl die Niederlande schon von den Deutschen besetzt war, folgte die über 80-jährige im Juni 1940 ihrer jüngsten Tochter Ilse, die – wahrscheinlich aufgrund des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland – inzwischen in Amsterdam lebte. Dort zog sie mehrfach um, bis sie am 6. März 1943 inhaftiert, über das Durchgangslager Westerbork deportiert und am 7. Mai 1943 umgehend nach ihrer Ankunft in Sobibor ermordet wurde.[21] Sie wurde 84 Jahre alt. Ihre Tochter wurde am 17. September 1943 in Auschwitz ermordet.

Die Namen von Mutter und Tochter befinden sich auf dem Holocaust Namenmonument in Amsterdam.[22]

Familie

Rubens Tochter Ilse Prokopf-Ruben hatte 1915 in Hamburg Joseph Prokopf geheiratet. Ende der 1930er Jahre war sie verwitwet und lebte in Amsterdam. Sie galt als das „schwarze Schaf“ der Familie, die mit Windhunden zusammenlebte, die auch mit ihr am Tisch saßen.[23] Sie wurde 1940 für knapp zwei Jahre im Durchgangslager Westerbork interniert, zwischenzeitlich entlassen, aber im Mai 1943 erneut verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort am 17. September 1943 ermordet.[24]

Die älteste Tochter Martha Ruben-Wolf, eine Ärztin, und ihr Mann Lothar Wolf zogen 1933 in die Sowjetunion, da sie überzeugte Kommunisten waren. 1938 wurde Lothar Wolf im Zuge der stalinschen Säuberungen verhaftet und am 4. Oktober 1938 als „Gestapospion“ exekutiert.[25] Ohne Kenntnis vom Schicksal ihres Mann zu haben, nahm sich Martha Ruben-Wolf am 16. August 1939 das Leben. Die Tochter Sonja (1923–1986), nach Karaganda zwangsumgesiedelt, durfte erst 1958 mit ihrem Ehemann, einem jüdischen Ingenieur, über Ost-Berlin nach Israel auswandern. Der Sohn Walter (* 1925) fiel 1943 als Soldat der Roten Armee an der Front.[26]

Käthe Stern und ihr Mann, der Psychiater Heinrich Otto Stern, gingen 1933 nach Frankreich. Sie hatten eine Tochter, die spätere Psychoanalytikerin Anne-Lise Stern, die 1944 in Paris verhaftet und deportiert wurde und die Gefangenschaft in drei Konzentrationslagern überlebte. Heinrich Stern starb 1948 in Gelos, seine Frau 1968.[27]

Publikationen

  • Widukindssagen. Bruno Feigenspahn, Pößnick i. Thür. 1904.
  • Mathilde Franziska Anneke. Die erste grosse deutsche Verfechterin des Frauenstimmrechts. 1906
Faksimile-Ausgabe: Köln 2022. ISBN 978-3-946275-12-1

Literatur

  • Wilfried Reininghaus: Regina Ruben (1858–1943). Ihr Lebensweg von Bad Oeynhausen nach Sobibor. (= Materialien der Historischen Kommission für Westfalen, Band 26). Münster 2026 (lwl.org [PDF; abgerufen am 3. Februar 2026]).
  • Wilfried Reininghaus: Regina Ruben (1857-1943) – eine Spurensuche (2023). In: Mit dem Fahrrad zur Landesgeschichte: ausgewählte Aufsätze 1982 bis 2024. Aschendorff, Münster 2025, ISBN 978-3-402-15155-6, S. 265273.
  • Irene Franken: Regina Ruben – eine Biografie. Jahresgabe der Kölnischen Bibliotheksgesellschaft. Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, 2022, ISBN 978-3-946275-12-1. (im Behältnis mit der Schrift von Regina Ruben Mathilde Franziska Anneke)
  • Anne-Lise Stern: Früher mal ein deutsches Kind. Auschwitz, Geschichte, Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag, Gießen 2020, ISBN 978-3-8379-2874-7.

Einzelnachweise

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