Reinhold Habisch
deutscher Kunstpfeifer und Berliner Original
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Leben
Mit dem Radsport kam er in Berührung, als er auf der Radrennbahn Treptow als jugendlicher Aushilfskellner arbeitete.[2] Habisch verlor 1905 als junger Mann durch einen Unfall ein Bein, als er auf regennasser Straße ausgerutscht und unter eine Straßenbahn geraten war. Da ihm der erträumte eigene sportliche Erfolg dadurch verwehrt blieb, wurde er Stammgast beim Berliner Sechstagerennen, das seit 1911 im Sportpalast ausgetragen wurde.[3] Mit Klamauk und Witzen stieg Krücke in den 1920er Jahren von den billigen Plätzen, dem so genannten Heuboden, zum festen Bestandteil der Veranstaltung auf.[4]
Überregional bekannt wurde er im Zusammenhang mit dem „Sportpalastwalzer“. Die Komposition Wiener Praterleben von Siegfried Translateur wurde erstmals 1923 während des Sechstagerennens gespielt. In der dritten Walzersequenz pfiff Krücke den dritten Takt laut mit und trug dabei maßgeblich zum Aufstieg der Melodie zur Hymne der Sechstagerennen bei.[5] In spätere Versionen der Komposition wurden die Pfiffe bewusst eingebaut. Habisch wurde auch zu Radrennen in anderen Städten eingeladen, um während des „Sportpalastwalzers“ ins Mikrofon zu pfeifen. Zu sehen und zu hören war er neben Siegfried Arno und Lucie Englisch in einem Cameo-Auftritt in der Filmkomödie Um eine Nasenlänge von 1931. Als sein schönstes Erlebnis bezeichnete er die Begegnung mit dem Tenor Richard Tauber. „In Hemdsärmeln und auf Socken bat Krücke den sich weigernden Sänger seine Stimme erschallen zu lassen“ und sang selber „O Richard, mein Richard, wie lieb ich dich.“ Daraufhin willigte Tauber ein und sang.[6][7]

In der Berliner Kommandantenstraße betrieb Krücke einen Zigarrenladen. Diesen hatte ihm der Boxer Max Schmeling, dem er eine große Karriere prophezeit hatte, aus Dankbarkeit eingerichtet.[4] Das Geschäft verlor er bei einem Bombenangriff während des Zweiten Weltkrieges, er versuchte danach, sich mit einem mobilen Obst- und Gemüsestand in Berlin-Reinickendorf den Lebensunterhalt zu verdienen.[2] Habisch starb auf dem Transport in ein Krankenhaus einen Tag vor seinem 75. Geburtstag und liegt in einem Ehrengrab des Landes Berlin in der Abteilung KG 1-40 auf dem Neuen Teil des Kirchhofs der St.-Thomas-Gemeinde II in Berlin-Neukölln begraben.[8]
Trivia
Zu seinem Spitznamen kam er nach eigener Aussage während eines Besuches in einem Berliner Biergarten beim Schafkopf-Spiel. Seine Freunde hatten seine Krücke in einem unbeobachteten Moment an einem Fahnenmast aufgehängt. Habisch vermisste diese natürlich irgendwann und rief laut immer wieder nach der Krücke. Die Freunde riefen ihn von diesem Tage an Krücke.[2][9]
Als Habisch im November 1927 Ella Hartmann heiratete, war er so bekannt, dass zu seiner Hochzeit in einer Kreuzberger Kneipe über achtzig Gäste kamen, darunter zahlreiche Prominente, so die Sängerin Fritzi Massary oder Karl Zörgiebel, der Polizeipräsident von Berlin.[10]
Schriften
- Reinhold Habisch. Bearbeitet von Hans Höppner: Deutschlands Original Krücke auf Rennbahnen unter Rennfahrern. Info-Verlag, Berlin-Spandau 1950.
Filme
- Um eine Nasenlänge (1931)
- Sechstagerennen Berlin 1949 (Kurzdokumentarfilm über das erste Berliner Nachkriegs-Sechstagerennen im Dezember 1949; 12 Minuten)[11]
Tonträger
- Rennbahn-Original „Krücke“ (Reinhold Habisch erzählt). Tri-Ergon TE 5896 (Matr.-Nr. 03515/16-m1). Aufgenommen ca. Juni 1930. Anzuhören auf youtube.
- Auf'm Heuboden und Sportpalast-Walzer mit dem Original „Krücke“. Grammophon-Ensemble mit Alexander Fleßburg und Chor. Grammophon 1256 (Matr.-Nr. 5082 ½ BD). Aufgenommen im Dezember 1932. Anzuhören auf youtube.
- Sportpalast-Walzer. Musikkorps der Schutzpolizei Berlin, Dirigent: Obermusikmeister Heinz Winkel. Pfeif-Solo: Das Berliner Original „Krücke“. Telefunken A 11 531 (Matr.-Nr. 37128). Aufgenommen im Oktober 1953. Anzuhören auf youtube.
- Sportpalastwalzer. Gespielt von der Kapelle Otto Kermbach und gepfiffen von „Krücke“. Kindl Pils/Teldec BKB 1872. Aufgenommen um 1960, veröffentlicht um 1973. Anzuhören auf youtube.
Weblinks
- rbb Retro - Berliner Abendschau: 50. Sechstagerennen: Start. In: ardmediathek.de. 13. Januar 1962, abgerufen am 26. Februar 2026.
- Oliver Ohmann: Wie Reinhold "Krücke" Habisch zum Sixdays-Star wurde. B.Z. vom 25. Januar 2015
- 6 Tage Rennen im Berliner Sportpalast? "Krücke" pfeift drauf!. TV Berlin-Brandenburg vom 7. Januar 2019
- Ein Walzer mit vier Pfiffen von BR-Klassik vom 1. März 2023
- Reinhold Habisch bei Discogs und Krücke bei Discogs
- Abbildung von Reinhold Habisch pfeifend beim Sportpalast-Walzer
- Sixdays Geschichten
