Restpfennigaktion
partizipatives Kunstprojekt der deutschen Künstlerin Susanne Bosch
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Restpfennigaktion (engl.: The Leftover Penny Campaign) war ein partizipatives Kunstprojekt der deutschen Künstlerin Susanne Bosch, das zwischen 1998 und 2002 in Deutschland durchgeführt wurde. Ziel des Projekts war es, ungenutztes wirtschaftliches und intellektuelles Kapital in Form von 1-Pfennig-Münzen sowie Ideen und Wünschen aus der Bevölkerung zu sammeln und gemeinsam über deren Verwendung zu entscheiden. Die Aktion gilt als Beispiel für partizipative Kunst im öffentlichen Raum. Insgesamt 13 Tonnen Münzen wurden in öffentlichen Sammelstellen sowie aus Tausenden privater Sammelboxen zusammengetragen. 1.601 Ideen und Wünsche gingen als Briefe, E-Mails und Interviews ein.[1]

Hintergrund
Die Idee zur Restpfennigaktion entstand 1998 aus der Beobachtung heraus, dass sich in Haushalten große Mengen monetär wertloser Pfennige anhäuften, die kaum Beachtung finden. Susanne Bosch nennt als Inspiration auch die folgende Geschichte: „Als sie ein Kind war und ihre Mutter zu ihr sagte, sie hätte Sorge, was aus ihr werden solle, dachte Petra sich, sie würde von jedem Bürger einen Pfennig einsammeln, von Haus zu Haus ziehen und alle Menschen um einen übrigen Pfennig aus ihrem Portemonnaie bitten. So hätte sie immer genug zu essen, könnte überleben. Sie würde sogar reich.“
Diese „Restpfennige“ wurden zum Symbol für ungenutzte Ressourcen. Die Aktion zielte darauf ab, ökonomisch wertlos gewordenes Geld in sozialen, kulturellen und symbolischen Wert zu transformieren. Die beteiligten Bürgerinnen und Bürger schenkten ihre Wünsche und Ideen. Gleichzeitig wurden die Beteiligten aktiv in die Entscheidungsprozesse eingebunden – nicht nur durch Spenden, sondern durch ihre Mitwirkung an einem basisdemokratischen Auswahlverfahren.[2]
Laut Bosch befragte das Kunstprojekt drei Phänomene:
- Die Potenz der Kunst in gesellschaftlichen Zusammenhängen zu wirken
- Das Prinzip der Kooperation und Zusammenarbeit von Menschen
- Die Verantwortung der Einzelnen gegenüber ihrem brachliegenden, kreativen Potenzial
Durchführung der Restpfennigaktion in deutschen Städten
Zwischen 1998 und 2002 wurden in mehreren deutschen Städten, unter anderem in Berlin, München und Nürnberg, öffentliche Sammelstellen in Restgeldcontainern eingerichtet. Zudem existierten zahlreiche private Sammelboxen. Insgesamt kamen 7.156.962 Pfennige und 250 Kilogramm weitere Münzen zusammen. Dazu kamen 5.833.302 Pfennig in Fremdwährungen, Scheinen und Silbergeld. Das ergab eine Summe von 12.990.264 Pfennig (65.376,26 Euro). Das entspricht 13 Tonnen Gewicht in Pfennigmünzen. Parallel dazu wurden 1.601 Ideen und Wünsche aus der Bevölkerung gesammelt – per Brief, E-Mail oder in Interviews. An diesem Kunstprojekt haben sich neben den zehntausend Personen, die Idee und Pfennige spendeten, ca. 500 Personen aktiv helfend beteiligt.[3]
Am 3. April 2002 wurden im neuen berliner kunstverein zwölf Personen per Losverfahren aus über 1.087 Bewerbungen für eine Entscheidungskommission ausgewählt. Dieses Gremium traf sich an zwei Wochenenden in der ACC Galerie Weimar und entwickelte zunächst ein Set an Kriterien zur Bewertung der Vorschläge. Anschließend wählte es vier Projekte zur Umsetzung aus.
Aus den 1.601 eingereichten Ideen wurden vier Vorschläge ausgewählt:
- Wunsch 1.485: Erhalt eines symbolischen Pfennigbergs: Etwa 250 kg Münzen wurden als „kleiner Pfennigberg“ eingelagert und konserviert.
- Wunsch 995: Unterstützung eines Kunstwettbewerbs: Die Künstlergruppe finger erhielt 6.000 Euro zur Realisierung des Projekts Evolutionary Cells – A Self-Representative Design of Societal Perspectives.[4]
- Wunsch 631: Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum: In Berlin, München und Nürnberg wurden in Zusammenarbeit mit lokalen Künstlerinnen und Künstlern Sitzobjekte im Stadtraum geschaffen.
- Wunsch 1.400: Deckung von Projektkosten: Ein Teil der eingegangenen Fremdwährung wurde verwendet, um offene Kosten der Restpfennigaktion zu decken.
Ausstellungen 1998–2002
- 1998 Produzentengalerie Kohlenhof, Nürnberg
- 1999 WIE MACHT KUNST? Kunstverein Kassel
- 1999 Sozialmaschine Geld, O.K. Centrum für Gegenwartskunst Oberösterreich, Linz[5]
- 2001 Restpfennigaktion in der SchmidtBank-Galerie, Nürnberg
- 2002 WährungsTausch in der Kunstgalerie Fürth.[6]
Folgeprojekte und Weiterentwicklungen
Das partizipative Kunstwerk Restpfennigaktion wurden in internationalen Folgeprojekten weiterentwickelt:
- 2008 Iniziativa Centesimo Avanzato, Neapel (PAN – Palazzo delle Arti Napoli, unter der Leitung von Julia Draganović)[7]
- 2009–20010 Hucha de Deseos, Madrid (im Rahmen von Madrid Abierto Cultural Association)[8]
- 2011 Restgeld, Ankauf durch Dr. Stefan Haupt für die Sammlung "Dreißig Silberlinge – Kunst und Geld"[9]
- 2013 The Leftover Penny Campaign, Mailand (Triennale di Milano)
- 2017 Rest-Münz-Aktion Liechtenstein (Who Pays?, Kunstmuseum Liechtenstein)
- 2022 MoneyMustBeFunny, Soundarbeit der Wunschsammlung für das Musik Magazin Positionen #134[10]
Rezeption
Die Restpfennigaktion wurde in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit breit rezipiert. Sie wurde als künstlerisches Modell für bürgerschaftliche Partizipation gewürdigt und diskutierte zentrale Fragen nach dem Umgang mit öffentlichem Raum, Kreativität und Verantwortung.
Fritz B. Simon schreibt: „Hier liegt natürlich auch die Chance: Man kann andere gewinnen, sich an einem neuen Spiel zu beteiligen, sie verführen, etwas Neues, Anderes zu tun. Um dies zu tun, braucht man einen realistischen Größenwahn. Man sollte Kurse in angewandtem Größenwahn veranstalten.“[11]
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete 2002 unter dem Titel „Ein letztes Mal in Pfennigen schwimmen“ über das Projekt und hob den symbolischen wie ökonomischen Aspekt des gesammelten „Abfallgelds“ hervor.
Nürnberger Nachrichten schreiben am 3. Februar 1998: "Sie sammelt aber gleichzeitig auch die sehnlichsten Wünsche ihrer Spender. In ein Buch in der "Ausstellung" in der Nürnberger Galerie Kohlenhof kann jeder seine Visionen schreiben und vorschlagen, was mit dem Geld passieren soll. Eine einfache Kindergeschichte gab den Anstoß: Ein Kind will Pfennige sammeln, "dann werde ich reich!". "Es geht um unser auf Wirtschaftlichkeit und Kapital ausgerichtetes Denken, das ich mit der Aktion hinterfragen will", sagt die Nürnberger Künstlerin."
Andreas Radlmayer schreibt in der AZ Nürnberg: "Die Nürnberger Künstlerin Susanne Bosch möchte mit einer Aktion von jedem Deutschen einen Pfennig und damit ein "Utopiezentrum" gründen. Gesucht: 80 Millionen Pfennige. (...) "Ich wünsche mir von allen BewohnerInnen Deutschlands einen Pfennig", schreibt Susanne Bosch in ihren Rundbriefen."[12]
Martin Blättner meint dazu im Kunstforum International: "(...) auch der Pfennig wird bald nicht mehr sein. Der Glücks-Fetisch wird ab 2002 vom Eurocent abgelöst. Und exakt bis zu diesem Stichtag will Susanne Bosch möglichst viele Restpfennige sammeln und in ihrem Atelier anhäufen, um das bis dahin schwergewichtige Finanzkapital in ein Utopiezentrum umzuwandeln. Offenbar in Anlehnung an den Kunst-Kapital-Begriff von J.- Beuys (es muss nur ein echtes Äquivalent der Ware sein. Und es darf sich nicht verselbständigen und gegen die Menschen arbeiten)."[13]
Am 16. Juni 2002 schrieb Lothar Heinke im Tagesspiegel unter der Überschrift "Trevi am Alex": "Seit zweieinhalb Jahren stand das durchsichtige Ding, drei Meter hoch und unübersehbar, mitten auf dem Alex. Erst wusste keiner, weshalb. Dann konnte man ahnen, dass es sich bei dem Container um eine Berliner Variante des Römischen Trevi-Brunnens [Anita Ekberg!] handelt: Wer wieder kommen möchte in dieses ruppige Stück Stadt mit ihren Haaren auf den Zähnen und dem Raureif auf dem Herzen möge bitte einen Pfennig in das Behältnis werfen, und so geschah es. Von Woche zu Woche klickerten mehr Pfennige durch den Schlitz, erst war nur der Boden bedeckt, dann wuchs der bräunlich schimmernde Kupferberg beständig, gefaltete Scheine waren dabei und Pfennige, die einen anderen Namen tragen, weil sie hier zu Besuch waren und nun einen internationalen Währungsverbund ganz eigener Art bilden. Gestern nun war leider Schluss mit der Restpfennigaktion, die die Künstlerin Susanne Bosch außer in Berlin auch in München und Nürnberg ins Leben gerufen hatte. Die Pfennig-Spender haben, das war der Sinn der Sache, 1600 Vorschläge für die Verwendung des großen Berges der kleinen Münzen gemacht - nun können sich einige karitative Projekte freuen. 4,8 Tonnen Münzen kamen in Berlin zusammen, insgesamt wogen die Container 13 Tonnen mit zehn Millionen Münzen. Wert: 50 000 Euro. Wir sagen Danke - und: weitermachen!"[14]
Literatur
- Gottfried Hattinger: Sozialmaschine Geld. 2: Kunst, Positionen 32, Anabas-Verlag, Frankfurt a.M, O.K. Centrum für Gegenwartskunst. ISBN 978-3-87038-320-6
- Hans-Peter Miksch, Susanne Bosch: Ausstellung WährungsTausch, Verlag für Moderne Kunst, Nürnberg 2002, ISBN 978-3-933096-94-4
- Vera Kuni: URTUX.X Kein Ort überall. Kunst als Utopie, Jahrbuch 2001/2002. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2002, ISBN 978-3-933096-70-8.
- Susanne Bosch (Hrsg.): Restpfennigaktion – Weil jeder Pfennig Teil einer großen Idee ist. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2003, ISBN 978-3-936711-17-2
- Susanne Bosch: Learning for Civil Society Through Participatory Public Art. PhD, University of Ulster, Belfast 2013.
- Partizipative Kunst: Genese, Typologie und Kritik einer Kunstform zwischen Spiel und Politik, transcript, 2013, Silke Feldhoff
- Zwischen Spiel und Politik. Partizipation als Strategie und Praxis in der bildenden Kunst, Silke Feldhoff, Dissertation eingereicht am 20. Februar 2009 an der Fakultät Bildende Kunst der Universität der Künste Berlin.
Weblinks
- Offizielle Website der Restpfennigaktion