Moorburger Treckerwerke

ehemaliger Traktorhersteller in Hamburg-Moorburg From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Moorburger Treckerwerke GmbH (bis 1935, von 1935 bis 1946 Karl Ritscher Moorburger Treckerwerke GmbH, dann 1946–1963 Karl Ritscher GmbH)[1], bekannt unter der Traktormarke Ritscher, war ein inhabergeführter Traktorhersteller mit Sitz in Hamburg-Moorburg. Der Inhaber Karl Ritscher verkaufte die Firma mit dem Nachlassen des Schlepperbooms 1961 an die Berliner Maschinenbau AG.

Schnelle Fakten
Moorburger Trecker Werke GmbH
Logo
Rechtsform GmbH
Gründung 1921
Sitz Hamburg-Moorburg, Sprötze
Leitung Karl Ritscher
Branche Traktorbau
Schließen

Geschichte

Den Grundstein für das Familienunternehmen legte Heinrich Wilhelm Ritscher in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Hamburger Stadtteil Moorburg. Zunächst konzentrierte sich der Familienbetrieb auf den Bau und das Abwracken von Schiffen.[2] Die Entwicklung hin zum Schlepperbau wurde maßgeblich durch seinen 1894 geborenen Sohn Karl Ritscher geprägt. Dieser war 1914 in die Vereinigten Staaten gereist, um seine Sprachkenntnisse zu vertiefen und Schiff- sowie Maschinenbau zu studieren. Trotz seiner Internierung zu Beginn des Ersten Weltkrieges konnte er wenig später sein Studium fortsetzen. Um dieses zu finanzieren, arbeitete er unter anderem bei der Ford Motor Company sowie der Cleveland Tractor Company. Die dort gewonnenen Einblicke legten den Grundstock für seine spätere Arbeit in Deutschland.[2]

Nach Karl Ritschers Rückkehr nach Hamburg im Jahr 1919 begann die Schlepperentwicklung. Als erstes Fahrzeug wurde 1920 der Kettenschlepper Panther vorgestellt, gefolgt von der Grauen Laus im Jahr 1921. Ebenfalls 1921 wurde das Unternehmen unter den Geschwistern Ritscher aufgeteilt; der fortan als Moorburger Trecker Werke (MTW) firmierende Betrieb verblieb bei Karl Ritscher. 1926 beteiligte sich MTW mit dem neu entwickelten Kettenschlepper vom Typ M an einer Reichspreisprüfung für Kleinkraftschlepper.[3] Trotz Überlegenheit bei der Flächenleistung wurde der Kettenschlepper im Verlauf des Wettbewerbs aufgrund eines geringen Mangels disqualifiziert. Später erfuhr Karl Ritscher, dass es bei dem politisch beeinflussten Wettbewerb nicht darum ging, die beste Maschine zu finden. Stattdessen wollte man die leistungsfähigsten deutschen Hersteller und damit die wirksamsten Konkurrenten gegen die US-amerikanischen Hersteller identifizieren.[3]

In der Folge gingen die Verkaufszahlen der Kettenschlepper merklich zurück. Ritscher richtete deshalb den Blick auf ein neues Geschäftsfeld und schloss 1928 mit den Konstrukteuren Emil Heumann und Heinrich Evers einen Lizenzvertrag zum Bau ihres Grabenreinigungsgerätes ab. Anschließend entwickelte Ritscher die sogenannte Heumannsche Förderschnecke zur Serienreife und erhielt noch im selben Jahr das Deutsche Reichspatent.[4] Das Gerät konnte an die seinerzeit handelsüblichen Schlepper montiert werden und wurde über die Zapfwelle angetrieben. Ritscher bot die Förderschnecke auch zusammen mit den eigenen Schleppern an und konnte so deren Absatz wieder steigern.

Ab 1935 firmierte das Unternehmen offiziell als Karl Ritscher Moorburger Treckerwerke GmbH. Ab 1942 wandelte sich Ritscher zum Rüstungsproduzenten und lieferte Gleisketten für Halbkettenfahrzeuge der Wehrmacht.[2] Aufgrund von Platzmangel und den zunehmenden Luftangriffen auf Hamburg im Zweiten Weltkrieg erweiterte Ritscher die Kapazitäten und verlagerte die Fertigung in Werke nach Sprötze, Lüneburg und Wulfsen.[2]

Im Januar 1946 wurden die Maschinen im Hauptwerk in Sprötze demontiert und in die Sowjetunion verbracht. Bis zur Währungsreform 1948 lief die Produktion von Grabenreinigern und Dreiradschleppern nur in bescheidenem Ausmaß weiter. Danach setzte ein erneuter Aufschwung ein. Ritscher entwickelte eine neue Schlepperreihe mit einer Leistung von 15 bis 40 PS. Besonderen Erfolg hatte der ab 1954 produzierte Geräteträger Multitrak (bzw. ab 1955 Multitrac), von dem über 2000 Exemplare verkauft wurden.[2]

Da Karl Ritscher das Nachlassen der Schleppernachfrage Ende der 1950er Jahre rechtzeitig erkannte, verkaufte er sein Unternehmen 1961 an die Berliner Maschinenbau AG. Diese stellte die Produktion von Schleppern, Grabenreinigern und Kettenlaufwerken bis 1962 ein und nutzte das Werk in Sprötze fortan für den Bau von Drehbänken sowie Setz- und Textilmaschinen.[2] Anderen Quellen zufolge sollen bis 1963 auch noch einige Multitracs und bis 1970 sogar noch Schlickrutscher vom Typ York entstanden sein.

Produkte

Allgemeines

Modell Typ N, Baujahr 1937, 12 PS, Hubraum 1115 cm³, Motor Typ Kämper F10B, 1 Zylinder, Wasserkühlung
Modell 528W, Baujahr 1953, 28 PS, Hubraum 2356 cm³, Motor Typ MWM KDW415Z, 2 Zylinder, Wasserkühlung
Modell 832 L Junior, Baujahr 1957, 32 PS, Hubraum 2715 cm³, Motor Typ MWM AKD112D, 3 Zylinder, Luftkühlung

Das Maschinenbauunternehmen MTW bzw. später Karl Ritscher GmbH produzierte vor allem Schlepper verschiedener Bauarten. Außerdem wurden (zeitweise) u. a. Grabenfräsen („Grüppenfräsen“), Grabenreinigungsgeräte und -fahrzeuge, Aufsattelanhänger sowie Anbauraupen, Gitterräder und Greiferketten für Traktoren gebaut. In den Jahren des Zweiten Weltkriegs fertigte Ritscher als Rüstungsbetrieb vorwiegend Kettenlaufwerke für Sonderkraftfahrzeuge der Wehrmacht.

Kettenschlepper

Der erste von Karl Ritscher versuchsweise auf der Werft gebaute Kettenschlepper war 1920 der „Panther“. Im Jahr darauf wurde eine verbesserte Version entwickelt, die „Graue Laus“ genannt wurde und der erste verkaufte Traktor der Moorburger Treckerwerke war. Von 1924 bis 1931 folgten weitere Kettenschlepper für land- und forstwirtschaftliche Zwecke, die unter den Modellbezeichnungen „M“, „E“, „D“ und „Dg“ angeboten wurden. 1942, bereits im Zweiten Weltkrieg, wurde mit dem „Ritscher R 50“ noch ein Kettenschlepper mit 50 PS leistenden Deutz-Motor gebaut, der allerdings ein Prototyp blieb. Nach Kriegsende wurde die Produktion von Kettenschleppern nicht wieder aufgenommen.

Dreiradschlepper

Der erste dreirädrige Schlepper von Ritscher, der „Typ N“, wurde 1936 vorgestellt und anschließend mit den Typen „N 14“ und „N 20“ weiterentwickelt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs nahm Ritscher die Produktion mit neuen Dreirad-Modellen (Typen „203“, „320“ und „325“) wieder auf. Sie wurde jedoch nach wenigen Jahren zugunsten der Vierradschlepperfertigung eingestellt.

Vierradschlepper

Der erste von Ritscher gebaute Vierradschlepper war 1941 der Typ „204“ mit 22/24-PS-Deutz-Motor. Im Jahr 1942 folgte ein „G 25“ genannter Traktor mit Holzgasmotor, der aber Prototyp blieb. Nach Kriegsende, v. a. in den 1950er Jahren, entwickelte Ritscher über 20 neue Modelle mit Motorleistungen zwischen 12 PS (Typ „512“) und 40 PS (Typ „540“ sowie Typ „936 Super“) mit Motoren der Motorenwerke Mannheim.

Weitere Vierradschlepper-Typenbezeichnungen von Ritscher sind: 412, 415, 420, 515, 515/54, 517, 518, 520, 520 R, 524, 525, 525 WR, 528, 528/20, 536, 613, 614, 615, 620, Komet R 830, Komet R 830 Spezial sowie 832 Junior.

Grabenreiniger

Grabenreinigungsmaschinen GR 540 Moorburg

Ein wesentliches Standbein von Ritscher war die Herstellung von Grabenreinigungsmaschinen. Im Laufe der Zeit wurden hierzu unterschiedliche Modelle entwickelt. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg baute Ritscher entsprechende Anbaugeräte für Kettenschlepper.[4] Nach dem Krieg wurden dann Grabenreinigungsmaschinen als Selbstfahrer vom Typ GR 540 Moorburg und als Anbaugerät vom Typ „Friesland“ angeboten. Zudem baute Ritscher den Schlickrutscher „York“. Dabei handelt es sich um ein Schwimmponton mit Förderschnecke für besonders breite Gräben.[5] Für schmale Gräben brachte Ritscher eine sogenannte Grüppenfräse als Anbaugerät auf den Markt.[6]

Geräteträger

Geräteträger Multitrac 517 G

Von 1954 bis Anfang der 1960er Jahre wurden auch Geräteträger von Ritscher gebaut. Das erste Modell „512 G“ wurde „Multitrak“ genannt, die weiteren ab 1955 gefertigten Modelle („517 G“, „517 GH“, „520 GH“, „D 20“, „D 20 P“, „D 25 M“ „D 25 P“) hießen dann „Multitrac“. Ende der 1950er Jahre wurde noch der „Baumulti“, ein Geräteträger mit Kippmuldenaufbau ins Programm aufgenommen.

Durch Zusammenarbeit mit Güldner und Klöckner-Humboldt-Deutz (KHD) entstanden außerdem Multitracs, die sich von den Ritscher-Multitracs durch firmentypisch andere Farbgebungen und die Verwendung jeweils eigener Güldner- bzw. Deutz-Motoren unterschieden.

Siehe auch

Literatur

  • Klaus Tietgens: Ritscher-Schlepper – Typen, Daten, Geschichte(n). Schwungrad-Verlag, 2009. ISBN 978-3-9803185-4-9.
Commons: Moorburger Treckerwerke – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI