Roger de Piles
französischer Maler, Graveur, Kunstkritiker und Diplomat
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Roger de Piles (* 7. Oktober 1635 in Clamecy; † 5. April 1709 in Paris) war ein französischer Maler, Graveur, Kunstkritiker und Diplomat.

Biografie
Die Familie entstammt dem Kleinadel aus dem Nivernais. Roger de Piles studiert in Nevers, Auxerre und schließlich in Paris Philosophie und Theologie. Aus Neigung zur Malerei besucht er Malkurse des Franziskaners Claude François, genannt Frère Luc, und findet so Zugang zur Pariser Kunstszene. Zunächst jedoch wird er 1662 Hauslehrer des siebenjährigen Michel Amelot, Sohn des Präsidenten des Grand Conseil. Daneben fertigt de Piles 1668 eine Übersetzung eines lateinischen Gedichts von Du Fresnoy über die ästhetischen Prinzipien der Malkunst an, die viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Mit seinem jugendlichen Schüler begibt sich de Piles 1673 auf eine vierzehnmonatige Italienreise und kann so die Malereien italienischer Meister im Original studieren. Zum Diplomat im Dienst des Sonnenkönigs avanciert, macht der junge Adlige Amelot de Piles zu seinem Sekretär. Mit Amelots Berufung auf Botschafterposten gehen weitere ausgedehnte Reisen einher: 1682–1685 nach Venedig, 1685–1688 nach Portugal, 1688–1697 in die Eidgenossenschaft. Amelot bewegt die Schweizer Kantone 1689 zur Zusage, in der Rivalität zwischen Frankreich und Habsburg neutral zu bleiben; er überlässt seinem Sekretär den ehrenvollen Part, das Dokument dem König zu überbringen. 1692 wird de Piles in geheimer Mission unter falschem Namen nach Holland geschickt, um in den Generalstaaten Verbündete für die französische Seite zu gewinnen. Er wird entlarvt, als Spion verurteilt und fünf Jahre in der Festung Lovenstein eingesperrt. Nach seiner Freilassung 1697 kehrt er zurück nach Paris. Seine Kenntnisse von Gemälden und Zeichnungen machen de Piles zu einem Experten für die Beurteilung von Qualität und Echtheit eines Werks. In Anerkennung seiner außerordentlichen Leistungen wird er 1699 zum Ehrenmitglied der Königlichen Akademie der Malerei ernannt. Seine letzten Jahre widmet er ganz der Schriftstellerei und der Malerei. Seine Grabstätte befindet sich in der Kirche Saint-Sulpice.[1]
Von den von de Piles geschaffenen Kunstwerken sind nur zwei überliefert: das auf Leder gemalte und weder signierte noch datierte Portrait de M. de Chénerilles, das sich im Musée d’Art et d’Histoire Romain Rolland in Clamecy befindet, und eine nicht signierte und datierte Radierung, die eine Reproduktion eines Porträts von Du Fresnoy nach Le Brun ist. Seine gemalten Porträts von Boileau, Ménage, François Tortebat sowie sein (hier abgebildetes) Selbstporträt dienten berühmten Graveuren als Vorlage und sind nur als Kupferstiche erhalten.
Kunstkritik
De Piles' wichtigster Beitrag zur Theorie der Ästhetik ist seine Schrift Dialogue sur le coloris (1673); der Streit um die Farbe war ein großes Thema seiner Zeit.[2] Die Schrift verteidigt Rubens und preist die Vorzüge von Zeichnung und Kolorit im Werk Tizians. Im Verlauf der Diskussion kreiert er den Begriff clair-obscur, um die Besonderheit des Effekts von Farbe und der Spannung zwischen Licht und Schatten zu erfassen. De Piles erscheint als Wortführer des Laienpublikums und der Künstler, die sich gegen den dogmatischen Akademismus stellen.[3]
Die Debatte ist ein Beitrag aus dem Bereich der Malerei zur Auseinandersetzung zwischen Antike und Moderne. Der farbige Pinselstrich als Ansatz der Moderne steht in Konkurrenz mit dem überkommenden Ansatz, der Proportion und Perspektive in der Zeichnung betont. Die Art, wie de Piles seine Argumente mit Beispielen venezianischer und nordeuropäischer Maler verdeutlicht, beeinflusst später Antoine Coypel, Hyacinthe Rigaud, Nicolas de Largillière und François de Troy.
Die Balance der Maler

De Piles widmet seine letzte Schrift Cours de peinture par principes (1708) den Grundsätzen der Malkunst. Dem Schlusskapitel La balance des peintres folgt auf fünf nicht paginierten Seiten eine Tabelle, in der de Piles für 57 Maler vier Kriterien der Malkunst auf einer Skala mit bis zu zwanzig Punkte bewertet. Diese Balance der Maler sollte sich in der Folgezeit als überaus wirkmächtig erweisen.[4]
Die Tabelle präsentiert die ausgewählten Maler in alphabetischer Reihung, manchmal nach Vornamen, meistens gemäß Nachnamen. Paolo Veronese kommt zweimal vor: als Calliari P. Ver. unter Buchstabe C und als Paul Veronese unter P; glücklicherweise erhält er unter beiden Verkörperungen dieselbe Wertung. Andererseits verweist der Plural Les Caraches auf drei Personen: Agostino, Annibale und Ludovico Carracci. Von allen genannten Malern, zu diesem Zeitpunkt schon verstorben, sind einundvierzig Italiener, sieben Flamen, vier Franzosen, zwei Deutsche und zwei Holländer. Werke dieser Maler hat de Piles wohl während seiner vielen Reisen kennengelernt.[5]
Die Kapitel, die dem Schlusskapitel vorangehen, enthalten eine ausführliche Diskussion der Kategorien der Malkunst, auf die de Piles seine Prinzipien stützt. Vier Kategorien werden in die Balance der Maler übernommen:[6]
- Komposition: Von der Komposition hat die Beurteilung eines Kunstwerks auszugehen. Die einzelnen Teile sind so zu einem Ganzen zusammenzufügen, dass Gemüt und Geist des Beschauers schon beim ersten Anblick angesprochen und bewegt werden.
- Zeichnung: Mit dem Begriff Zeichnung meint de Piles sowohl den Gesamtentwurf eines Bildes als auch die Einzelskizze. Im engeren Sinn versteht er darunter die lineare Erfassung der Dinge, ihre richtigen Maße und Proportionen.
- Farbgebung: Die Kategorie Farbgebung ist das charakteristische Merkmal der Malerei, um die Farberscheinungen der Natur wiederzugeben und die Farbverteilung für die Bildobjekte so vorzunehmen, dass das Auge geführt wird.
- Ausdruck: De Piles meint mit Ausdruck die mit dem Herzen gefühlten Gemütsbewegungen, die sich in Kopfhaltung, in Gesichtszügen, besonders in Augen, aber auch in Bewegung der Glieder offenbaren.
Jede Kategorie bewertet de Piles mit bis zu zwanzig Punkten. Zwanzig Punkte erreicht keiner, da es die allergrößte, nicht vorstellbare Vollkommenheit meint; neunzehn Punkte signalisieren eine zwar vorstellbare, aber noch nicht erreichte Vollkommenheit. Die tatsächlich vergebenen Wertungen beschränken sich auf den Bereich von 18 bis 0 Punkten. Die höchste Punktzahl (18) vergibt de Piles sechsmal, die niedrigste (0) siebenmal.
Die Höchstwertung (18) bekommen Raffael (zweimal: Zeichnung und Ausdruck) und Rubens (Komposition), sowie Giorgione (Farbgebung), Guercino (Komposition) und Tizian (Farbgebung). Dagegen erhalten Bassano, Bellini, Caravaggio, Palma il Vecchio und Penni keinen Punkt für Ausdruck; Penni geht auch in Kategorie Komposition leer aus, Testa bei Farbgebung. Künstler, die in Zeichnung und Kolorit dieselbe Punktzahl erzielen, sind Dürer (10), Bourdon (8), Guercino (10) und Lucas van Leyden (6). Hohe Koloritwertungen erreichen die Venezianer Giorgione und Tizian (18), Veronese und Tintoretto (16) sowie die Flamen Rembrandt, Rubens und van Dyck (17).
Zwei Tabellenzellen bleiben leer, vielleicht vom Autor so gewollt, vielleicht vom Drucker als Setzfehler hinterlassen (Komposition bei Guido Reni und Farbgebung bei Caravaggio). Die 222 verbleibenden Wertungen sieht de Piles nicht als verpflichtend für andere an. Er habe seinen Versuch formuliert, um doch mehr mich zu ergötzen, als andere auf meine Seite zu ziehen. Jedermann bleibe es überlassen, eine solche Übersicht anzulegen und zu einem eigenen Urteil zu gelangen.[7]
De Piles beschränkt sich auf die Erstellung der Wertetabelle. Er macht keinerlei Anstalten, aus den vier Einzelwertungen eines Malers einen einzigen Gesamtwert zu berechnen, um auf dieser Basis die Maler in eine Rangfolge zu bringen. Die Fortentwicklung der Wertungstabelle zu einer Rangliste ist ein Schritt, den erst nachfolgende Generationen gehen werden.
| NAMEN der bekanntesten Maler. | Komposition. | Zeichnung. | Farbgebung. | Ausdruck. | Moderne Lesart |
|---|---|---|---|---|---|
| Frederic Zuccre. | 10 | 13 | 8 | 8 | Federico Zuccari |
Schriften
- Dialogue sur le coloris. Paris, 1673 Digitalisat. Siehe auch Charles Alphonse Dufresnoy: L'Art de peinture. Enrichy de remarques par Roger de Piles. Paris, 1668 Digitalisat. L'Art de peinture. Enrichy de remarques et augmenté d'un Dialogue sur le coloris par Roger de Piles. Troisième édition. Paris, 1684 Digitalisat.
- Dissertation sur les ouvrages des plus fameux peintres. Le Cabinet de M. le duc de Richelieu. La Vie de Rubens. Troisième édition. Paris, 1683.
- L'Abrégé de la vie des peintres. Paris, 1699 Digitalisat. Deutsch Historie und Leben der berühmtesten europäischen Mahler. Hamburg, 1710 Digitalisat.
- Cours de peinture par principes. Paris, 1708 Digitalisat. Deutsch Einleitung in die Malerey aus Grundsätzen. Leipzig, 1760 Digitalisat.
- Éléments de peinture pratique. Nouvelle édition. Amsterdam/Leipzig, 1766 Digitalisat.