Rokeya Sakhawat Hussain
bengalische Schriftstellerin und Sozialarbeiterin
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Rokeya Sakhawat Hussain (bengalisch রোকেয়া সাখাওয়াত হোসেন Rokeẏā Sākhāoẏāt Hosen; * 9. Dezember 1880 in Pairabondh, Bengalen, Bangladesh; † 9. Dezember 1932 in Kolkata)[1] war eine bengalische Schriftstellerin, Pädagogin und Sozialreformerin in Bangladesh. Sie wurde durch ihr Engagement für die Bildung muslimischer Mädchen und für die Gleichstellung der Geschlechter bekannt.[2][3] Sie gilt als eine bedeutende islamische Feministin in Südasien.[2][3]

Leben

Herkunft und Bildung
Rokeya Khatun wurde 1880 im Ort Pairabondh im Distrikt Rangpur geboren, der heute zu Bangladesch gehört.[2][4] Ihr Vater war der Zamindar Zahiruddin Muhammad Abu Ali Hyder Saber; die Familie war wohlhabend, aber stark konservativ geprägt.[2]
Sie war weitgehend Autodidaktin.[2] Rokeya erhielt keine formale Schulbildung und lebte seit ihrer Kindheit in einem strikt eingehaltenen Purdah-System.[2]
Der Unterricht in Bengalisch und Englisch galt im Elternhaus für Mädchen als unerwünscht; ihr älterer Bruder Ibrahim unterrichtete sie und ihre Schwester Karimunnesa deshalb heimlich, teilweise bei Kerzenlicht, nachdem der Vater schlafen gegangen war.[2]
Schriftstellerische Anfänge
Im Jahr 1896 heiratete sie im Alter von 16 Jahren den urdusprachigen Syed Sakhawat Hossain, einen englisch gebildeten stellvertretenden Magistraten aus Bhagalpur in Bihar.[2]
Wie ihr Bruder ermutigte auch ihr Mann sie, auf Bengalisch zu schreiben und sich öffentlich zur Frauenbildung zu äußern.[2] Zu ihren frühen programmatischen Texten gehörte der Essay Strijatir Abanati, der 1903 zunächst in der Zeitschrift Mahila und 1904 erneut in Nabanur erschien.[2]
In den folgenden Jahren veröffentlichte sie außerdem in Zeitschriften wie Nabaprabha, Bharat Mahila, Bangeya Muslim Sahitya Patrika, Saugat, Sadhana, Dhumketu, Indian Ladies' Magazine und The Mussalman.[2]
Schulgründung und Verbandsarbeit
Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1909 verwendete sie das von ihm hinterlassene Geld zur Gründung einer Schule für muslimische Mädchen.[2][3] Die Schule begann in Bhagalpur mit fünf Schülerinnen.[2][3]
Nach familiären Konflikten und einem Rechtsstreit verlegte Rokeya die Schule 1911 nach Kolkata, wo sie als Sakhawat Memorial Girls' School mit zunächst acht Schülerinnen neu eröffnet wurde.[2] Bei ihrer Neugründung gab es in Kolkata erst zwei weitere Schulen für muslimische Mädchen, womit das Projekt zu den frühen Institutionen dieser Art in der Stadt gehörte.[2]
Um Familien vom Schulbesuch ihrer Töchter zu überzeugen, ging Rokeya von Haus zu Haus, warb bei Müttern für Bildung und organisierte abgeschirmte Transportmöglichkeiten, damit die Mädchen trotz der geltenden Purdah-Normen am Unterricht teilnehmen konnten.[2][3]
Der Ausbau der Schule wurde durch den Widerstand konservativer Kreise und durch anhaltende finanzielle Schwierigkeiten erschwert, dennoch blieb Rokeya bis zu ihrem Lebensende mit dem Projekt verbunden und die Schule entwickelte sich zu einer der bekanntesten Mädchenschulen der Stadt.[2]
1916 gründete sie den Frauenverband Anjuman-e-Khawateen-e-Islam.[3] Die Organisation setzte sich für Bildung, Erwerbsarbeit sowie für rechtliche und politische Teilhabe von Frauen ein, unterstützte Schülerinnen, bot Waisen Schutz und half Witwen finanziell und juristisch.[3]
1926 stand Rokeya zudem einer Frauenbildungskonferenz in Bengalen vor.[3] Zu den jüngeren Aktivistinnen, die in ihren letzten Lebensjahren in ihren Organisationen mitarbeiteten, gehörte Sufia Kamal, die Rokeya später als prägende Mentorinnenfigur erinnerte.[5]
Tod und Nachwirkung
Sie verstarb am 9. Dezember 1932 an Herzproblemen.[1] Ihr Tod wurde in Kolkata auch in der Albert Hall öffentlich betrauert.[4]
In Bangladesch wird am 9. Dezember der Rokeya-Tag zum Gedenken an sie gefeiert.[1] Zum Nachruhm Rokeyas trug auch die Sakhawat Memorial Girls' School bei, deren Absolventinnen häufig zu den ersten lese- und schreibkundigen Frauen in ihren Familien gehörten.[3]
In Bangladesch tragen heute unter anderem die Begum Rokeya University in Rangpur und der Rokeya Hall der Universität Dhaka ihren Namen; in Indien sind ebenfalls Schulen und eine Bibliothek nach ihr benannt.[2]
Geschlechtergleichstellung

Um die Öffentlichkeit für die Geschlechtergleichstellung zu sensibilisieren und für eine Emanzipation der Frau einzutreten, schrieb sie Essays, Erzählungen und Romane, in denen sie literarische und gesellschaftspolitische Arbeit eng miteinander verband.[2][3]
In Texten wie Griha und Subhasadeq beschrieb sie die Unterordnung der Frau als sozialen Zustand, der Frauen ihrer Würde, ihrer Selbstbestimmung und sogar eines eigenen Zuhauses beraube.[2] Sie kritisierte dabei nicht nur Männer, die Frauen Rechte und Bildung vorenthielten, sondern auch die Verinnerlichung patriarchaler Werte durch Frauen selbst.[2]
Humor, Ironie und Satire nutzte sie, um gesellschaftliche Missstände wie Purdah, Kinderehe, Polygamie und weibliche Unbildung anzugreifen.[2][3] Die Erzählung Biye-pagla Buro verspottet ältere Männer, die junge Mädchen heiraten, während Nurse Nelly die sozialen Folgen fehlender Bildung von Frauen thematisiert.[2]
Zugleich war ihr Verhältnis zur Religion komplex: Einerseits argumentierte sie wiederholt mit islamischen Bezügen für die Bildung von Frauen, andererseits stellte sie religiöse Autoritäten und überlieferte Geschlechterrollen in ihren Schriften kritisch infrage.[4]
Mit dieser Verbindung aus sozialer Kritik, literarischer Satire und institutionellem Engagement wurde sie zu einer Schlüsselfigur der Frauenbewegung in Bengalen.[2][3]
Werke
- Sultana's dream (Sultanas Traum), eine frühe feministische utopische Erzählung, in der Frauen den Staat regieren und Männer in den häuslichen Bereich verwiesen werden.[3][2]
- Oborodhbashini, eine 1931 erschienene Sammlung kurzer Prosatexte über weibliche Absonderung und soziale Isolation.[4]
- Motichur, zwei Essaybände aus den Jahren 1904 und 1922.[4]
- Padmarag, ein 1924 erschienener Roman.[4]
- Biye-pagla Buro, eine satirische Erzählung über alte Männer, die junge Mädchen heiraten.[2]
- Nurse Nelly, eine Erzählung über die Folgen weiblicher Unbildung.[2]
- (unvollendet) Narir Adhikar (Die Rechte der Frauen), ein Aufsatz für den Islamischen Frauenverband
Literatur
- „Wie schamlos doch die Mädchen geworden sind!“ Bildnis von Rokeya Sakhawat Hossain. IKO – Verlag für Interkulturelle Kommunikation, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-88939-835-9.
- Sabri Deniz Martin: Rokeya Sakhawat Hossain (1880–1932). Pionierin der Frauenrechte in Südasien. In: Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte. Heft 80 (2024), S. 16–35.
- Der wissenschaftliche Sammelband „Rokeya. Die wichtigste Frauenrechtlerin Bangladeschs und Indiens. Das Engagement einer mutigen Frau für Frauenbildung und Emanzipation. Siebzehn Beiträge von Wissenschaftlerinnen und Kulturschaffenden aus Bangladesch, Indien und Deutschland“, Bertugan-Verlag, Weiler, 2020, ISBN 978-3-939165-38-5