Rosch Chodesch
erster Tag eines Monats im jüdischen Kalender
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Rosch Chodesch (hebräisch רֹֹאשׁ חֹדֶשׁ rōʾš ḥōdæš) ist die Bezeichnung für den ersten Tag eines jeden Monats im jüdischen Kalender, der in diesem Mondkalender immer ungefähr mit der ersten Sichtbarkeit der Mondsichel nach dem Neumond zusammenfällt. Dabei verweist der Begriff „Chodesch“, hebräisch חֹדֶשׁ der Monat nicht wie im Deutschen auf die Vorstellung des „Mondes“, vielmehr steht das hebräische Wort für die Erneuerung des Mondes am Tag des Neumondes; „Chodesch“ חֹדֶשׁ kommt von לְחַדֵשׁ lechadesch was erneuern bzw. חָדָשׁ chadasch eben neu bedeutet.

Hintergründe
Die Sitte und das Ritual[1], den neu aufsteigenden Mond zu begrüßen und festlich zu feiern, stammt aus der Nomadenzeit des jüdischen Volkes. Sie erhielt sich auch im Zusammenhang damit, dass der Mond als Zeitmesser (Lunation) diente.

Da ein lunarer Monat durchschnittlich 29½ Tage hat, kann Rosch Chodesch entweder ein oder zwei Tage lang dauern. In der spätnachexilischen Zeit (nachexilische Zeit) versammelte sich der Hohe Rat an jedem 30. Tag eines Monats. Wurde durch Zeugenaussagen festgestellt, dass schon an diesem Tag die Mondsichel erschien, wurde dies geheiligt über diesen Tag ausgesprochen, sodass der abgelaufene Monat zu einem Monat mit 29 Tagen wurde. Da der dreißigste Tag des Monats somit immer ein potentieller Rosch Chodesch war, wird dieser neben dem ersten Tag eines Monats auch als Rosch Chodesch begangen.
Rosch Chodesch als Festtag
Tempelkult
Nachdem der Rosch Chodesch, durch den Sanhedrin, den Hohen Rat, der obersten religiösen Instanz, festgelegt worden war – zur Erklärung des Monatsanfangs benötigte das Sanhedrin Aussagen von zwei Zeugen, die unabhängig voneinander den neuen Mond gesehen hatten – legten die Kohanim (Hohepriester), die für den Rosch Chodesch vorgeschriebenen Opfer fest, die durch sie dargebracht wurden. Sie leiteten die Gesänge, Gebete und Segenssprüche. Außerdem sorgten sie für die Einhaltung der rituellen Vorschriften, die im jüdischen Gesetz festgelegt waren.[2] An Rosch Chodesch wurden also im Jerusalemer Tempel spezielle Opfergaben dargebracht, darunter zusätzliche Brandopfer. Diese Opfer waren Teil des Kultus im Tempel und wurden zur Ehre Gottes dargebracht.[3] Die Bestimmung des „Kopf des Monats“ war eine wichtige Aufgabe des Ältestenrats, des Sanhedrin (Synhedrion).[4]
Später, nachdem im Jahr 70 der Jerusalemer Tempel von den Römern im Jüdischen Krieg zerstört worden war, erhielt Rabbi Jochanan ben Sakkai von der römischen Besatzungsherrschaft die Erlaubnis, den Sitz des Hohen Rats nach Jawne zu verlegen. Dort errichtete er ein Beth Din, welches ebenfalls noch Sanhedrin genannt wurde. Spezielle Semicha am Beth Din (Gerichtshof) setzten den Rosch Chodesch fest.
Rabbinisches Judentum, synagogale Feierlichkeit
Rosch Chodesch, was „Kopf des Monats“ bedeutet wurde mit seinen Feierlichkeiten vor allem im rabbinischen Judentum weiterentwickelt und verankert. Mit diesem Beginn eines neuen Monats, im jüdischen Kalender, wird im rabbinischen Judentum als halbfeierlicher Tag begangen, der vor allem durch liturgische Besonderheiten und eine symbolische Bedeutung der Erneuerung geprägt ist. Ursprünglich wurde der Monatsanfang durch die Sichtung des Neumondes bestimmt, wie es im Talmud beschrieben wird; heute erfolgt die Festlegung durch einen berechneten Kalender, doch die Vorstellung eines zyklischen Neubeginns bleibt zentral. Eine zusätzliche Dimension erhält Rosh Chodesh durch seine traditionelle Verbindung zu Frauen, die in manchen Gemeinschaften bestimmte Arbeiten meiden oder sich in Gruppen zu Gebet und Austausch versammeln. Insgesamt steht der Tag symbolisch für Erneuerung und Hoffnung, wobei der sich erneuernde Mond als Sinnbild für zyklische Zeit und spirituelle Wiederbelebung verstanden wird.
Im synagogalen, rabbinischen Umfeld kommt es auch im Rosch Chodesch zu besonderen Einbettungen bestimmter Gebetstypen, die den Kontrast zwischen Werktag und Festtag erlebbar machen. So wird im Morgengottesdienst des Schabbat vor dem jeweiligen Monatsbeginn der Rosch Chodesch angekündigt. Am Schabbat vor dem jeweiligen Monatsbeginn wird im Morgengottesdienst die Ankündigung des kommenden Rosh Chodesh (ראש חודש) vorgenommen. Am eigentlichen Rosh Chodesh werden in der Tefilat Amida (hebräisch תפילת עמידה Achtzehngebet) sowie im Birkat Hamazon (hebräisch ברכת המזון Tischgebet nach dem Essen) die liturgischen Einschübe „Ya‘ale VeYavo“ (יעלה ויבוא)[5] eingefügt.
Vor und um Rosch Chodesch gibt es drei zeitlich klar getrennte Elemente:
- Am Schabbat vor Rosch Chodesch wird der neue Monat angekündigt (Birkath haChodesch) und um Segen gebeten.
- Am Tag vor Rosch Chodesch begehen manche Gemeinden Yom Kippur Qatan als freiwilligen Buß- und Fasttag.
- An Rosch Chodesch selbst wird der Monatsbeginn festlich gefeiert, mit besonderen Gebeten und ohne Trauer oder Fasten.[6]
Im Gottesdienst wird außerdem das Mussaf-Gebet (hebräisch תפילת מוסף Tefillat Mussaf)[7] gesprochen – anstelle des in antiken Tempelzeiten dargebrachten zusätzlichen Opferdienstes (hebräisch קרבן מוסף Korban Mussaf). Da Rosch Chodesch als halbfestlicher Tag[8] gilt, wird im Schacharit (hebräisch שחרית Morgengebet) nach der Amida (hebräisch תפילת עמידה Tefillat Amida), auch bekannt als Schemone Esre (hebräisch שמנה עשרה Achtzehngebet), das Hallel (hebräisch הלל) in verkürzter Form rezitiert. Das Hallel ist ein Dank- und Lobgebet, das an Rosch Chodesch, den Feiertagen sowie in bestimmten Gebetszeiten wie dem Neila-Gebet zu Jom Kippur gesprochen wird. Es wird in der Regel im Schacharit und nicht während der Ma'ariv- (Abend-) oder Mincha- (Nachmittags-)Gebete rezitiert. Am Ende des Morgengottesdienstes wird zudem die für Rosch Chodesch vorgesehene Haftara (hebräisch הפטרה), der Abschnitt aus den Nevi'im (Propheten), gelesen.
Sephardische Juden fügen es auch dem „Mussaf“ an Rosch Haschana und Jom Kippur hinzu. Raschi schrieb über dieses Gebet, dass es ein Zuspruch für die Wiederherstellung des Tempelkults und der täglichen Opfer sei. eingeschaltet. Weil Rosch Chodesch ein Festtag ist, wird im Morgengottesdienst nach dem Achtzehngebet das Hallel verkürzt gesprochen. Es folgt die für Rosch Chodesch vorgesehene Haftara. Am Rosch Chodesch wird das Kleine Hallel, bestehend aus den Psalmen 146 bis 150 rezitiert, es dient dazu, den Neumond zu feiern und Gott für seine Schöpfung und seine Güte zu danken.

Fällt aber Rosch Chodesch auf den Schabbat, werden zwei Torarollen ausgehoben, aus der einen wird der geläufige Wochenabschnitt (Parascha) verlesen, aus der zweiten Rolle der Maftir aus Paraschat Pinchas. Es wird die Torarolle ausgehoben und aus dem Paraschat Pinchas vom täglichen Opfer gelesen. Hierzu werden vier Personen zur Tora aufgerufen. Aber es wird keine Haftara gelesen.
Alle Vorschriften und Gebräuche, die den Rosch Chodesch mehr als die gewöhnlichen Tage heiligen werden eingehalten.[9]
Synagoles Ritual
Im religiösen Vollzug zeigt sich die besondere Stellung von Rosh Chodesh vor allem im synagogalen Gottesdienst, insbesondere im Morgengebet (Schacharit), das gegenüber einem gewöhnlichen Wochentag erweitert ist. Bereits in der Amidah wird der Einschub „Ja'aleh weJawo“ (hebräisch יעלה ויבוא möge es [unser Gedenken] aufsteigen und kommen) eingefügt, in dem des neuen Monats gedacht wird. Nach der Amidah folgt das Hallel in verkürzter Form, eine Auswahl von Psalmen (Psalm 113–118), die thematisch Lob, göttliche Macht und Rettung betonen. Diese Psalmen sind geprägt von wiederkehrenden Halleluja-Rufen, poetischen Parallelismen und einer stark gemeinschaftsorientierten Sprache, insbesondere Psalm 114 („der Auszug aus Ägypten“) und Psalm 118 („Dank für Rettung und göttliche Hilfe“) verleihen dem Vortrag eine heilsgeschichtliche Tiefe. An Rosh Chodesh wird das sogenannte „halbe Hallel“ gesprochen, bei dem Teile, vor allem aus Psalm 115 und 116, ausgelassen werden, wodurch sich ein bewusst reduzierter, aber dennoch freudiger Charakter ergibt.
Ein zentraler weiterer Bestandteil ist die Toralesung (hebräisch קְרִיאַת הַתּוֹרָה Kriat haTora). Es werden vier Personen zur Lesung, einer Alija (hebräisch עליה לתורה Alijah laTorah, kurz Alijah) aufgerufen, und damit einer mehr als üblich. Gelesen wird ein Abschnitt aus dem Buch Numeri, der die zusätzlichen Opfer für den Monatsbeginn beschreibt. Daran schließt sich das Mussaf-Gebet an, das die einstigen Zusatzopfer des Tempels vergegenwärtigt und in liturgischer Form aktualisiert.
Zwischen aschkenasischen und sephardischen Traditionen zeigen sich dabei einige Unterschiede in Nuancen der Liturgie und Praxis. So wird das Hallel in beiden Traditionen zwar verkürzt gesprochen, doch unterscheiden sich Melodien, Rezitationsweise und einzelne Brauchdetails teils deutlich. In vielen aschkenasischen Gemeinden ist es üblich, das Hallel eher gemeinschaftlich und in festgelegten Responsorien zu sprechen, während sephardische Gemeinden oft eine stärker durchgehende, melodisch geprägte Rezitation pflegen, zudem variieren die musikalischen Modi und Verzierungen je nach regionaler Tradition. Auch im Mussaf-Gebet unterscheiden sich einzelne Formulierungen und liturgische Dichtungen.
Auch außerhalb der Synagoge wird Rosh Chodesh im Gebet markiert, etwa durch die Einfügung von „Ja'aleh weJawo“ in das Tischgebet. Trotz dieser Erweiterungen bleibt der Tag im Vergleich zu großen Festen wie Pessach oder Sukkot weniger streng geregelt: Verbindliche Arbeitsverbote bestehen nicht, doch wird ihm ein leicht festlicher Charakter verliehen, etwa durch besondere Mahlzeiten oder eine bewusstere Gestaltung des Tages. Vollständiger synagogaler Ablauf an Rosch Chodesch
| Phase | Handlung / Gebet | Details / Hinweise | |
|---|---|---|---|
| 1. Betreten der Synagoge | Eintritt, ggf. stilles Gebet | Oft kurzer persönlicher Moment (z. B. Psalmvers) | |
| Tallit und Tefillin anlegen | Tefillin werden vor Mussaf wieder abgelegt | ||
| Begrüßung der Gemeinde | Ruhig, respektvoll | ||
| 2. Vorbereitende Gebete | Birkot haSchachar (Morgensegen) | Regelhaft am Werktag | |
| Pesukei deSimra | Psalmen und Lobpreisungen | ||
| 3. Beginn Schacharit | Barechu | Aufruf zum Gebet | |
| Schema Jisrael | Zentrales Glaubensbekenntnis | ||
| Amida (Schmone Esre) | Mit Ja’ale weJavo für Rosch Chodesch | ||
| 4. Hallel | Halbes Hallel | Psalmen 113–118 (gekürzt) | |
| 5. Toralesung | Herausnahme der Torarolle | Aus dem Aron haKodesch | |
| 4 Aufrufe (Alijot) | Abschnitt: Numeri, Num 28,1–15 EU | ||
| Rückgabe der Tora | Prozession, Kuss des Mantels | ||
| 6. Mussaf | Tefillin werden abgelegt | Wichtiges Unterscheidungsmerkmal | |
| 7. Abschluss | Aleinu | Schlußgebet | |
| Kaddisch | Je nach Gemeinde mehrfach | ||
| Psalm des Tages / Zusatzpsalmen | Variiert | ||
| 8. Verlassen der Synagoge | Persönliches Abschlussgebet | Oft kurzer Dank oder Bitte | |
| Verabschiedung | „Chodesch tov“ (guten neuen Monat) üblich |
Jüdisches Jahr, Kalender

Heute haben die folgenden Monate einen zweitägigen Rosch Chodesch: Cheschwan, Adar (und Adar II), Ijar, Tammus, und Elul.
In den folgenden Monaten wird nur ein Tag Rosch Chodesch begangen: Tischri, Schwat, Nisan[12], Siwan und Aw[13].
Die Monate Kislew und Tewet fluktuieren: In manchen Jahren haben beide nur einen Tag, in manchen Jahren beide zwei Tage Rosch Chodesch, und in manchen Jahren hat der Kislew einen und der Tewet zwei Tage Rosch Chodesch.[14]
Rosch Chodesch und die Tora
Das priesterliche Gesetz erkennt den Neumondtag zwar an und bestimmt die besonderen Opfer dafür (Num 28,11 EU), verlangt aber keine allgemeine Arbeitseinstellung wie am wöchentlichen Feiertag, dem Schabbat. Im traditionellen Judentum sind aber die Frauen an diesem Tag von allen einen Aufschub duldenden typischen Frauenarbeiten (wie Spinnen und Weben) befreit. Wie am Schabbat fand auch am Neumondtag eine Festversammlung am Heiligtum statt (Jes 1,13 EU, Hos 2,13 EU, Ez 46,1 EU) und da der Priester an solch heiligem Tag in weihevoller Stimmung war, kam es vor, dass er gerade an diesem Tag vom göttlichen Wort ergriffen wurde (Ez 26,1 EU, Hag 1,1 EU). In 1 Sam 20,6 EU wird der Brauch beschrieben, das Jahresopfer der Familiengruppen am Neumond darzubringen, ein Zeichen dafür, wie der Neumondtag aus alter Zeit her als Feiertag beliebt war.
Frühes Christentum
Auch im überwiegend jüdischen Urchristentum gab es Kreise, die die Neumonde und Schabbate feierten (Kol 2,16 EU, Gal 4,10 EU).
Siehe auch
Literatur
- Paul Volz: Die biblischen Altertümer, (zuerst 1914) Komet Verlag Köln 2004, ISBN 3-89836-316-3
Weblinks
- Rosch Chodesch. Orthodoxe Rabbinerkonferenz – Das Rabbinat Deutschland, Dezember 2012, auf ordonline.de
- Debora Lapide: Rosch Chodesch – der neue Monat. 5. September 2024, auf deine-wurzel.de