Ruth Bamberg

deutsche Medienkünstlerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Ruth Bamberg (* 30. Dezember 1961 in Duisburg) ist eine deutsche Medienkünstlerin, deren Arbeiten an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis digitaler Kunst angesiedelt sind. Ihr Werk umfasst Videoinstallationen, Video-Klang-Environments, telematische Skulpturen, Software Art und partizipative digitale Projekte. Seit mehr als 30 Jahren erforscht sie die Möglichkeiten und Grenzen digitaler Technologien und deren Auswirkungen auf die Wahrnehmung. Ihr Werk verbindet medientechnologische Reflexion mit sozialen, historischen und politischen Fragestellungen.[1] Seit den 2020er Jahren bildet die künstlerische Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur und dem Wiedererstarken des Rechtsextremismus in Europa einen zentralen Schwerpunkt ihrer Arbeit. Bamberg ist zudem als Kulturpädagogin, Lehrbeauftragte und kommunalpolitisch engagierte Akteurin in Duisburg tätig. Bamberg war mit dem Musiker Philippe Micol verheiratet, mit dem sie auch künstlerisch zusammenarbeitete, insbesondere bei der Herausgabe experimenteller Klangwerke.[2] Ihr gemeinsamer Sohn Jonathan Bamberg ist Schauspieler in Berlin. Sie lebt und arbeitet in Duisburg.

Ruth Bamberg mit schulterlangen, grauen Haaren in schwarzem Shirt, die nachdenklich zur Seite schaut. Im Hintergrund ein Foto eines nackten Mannes, der auf Steinen sitzt.
Ruth Bamberg, 2024

Ausbildung und frühe Karriere

Bamberg studierte zunächst Architektur an der Universität Gesamthochschule Essen. Bereits während des Studiums war sie in der Filmproduktion tätig, unter anderem bei den Dreharbeiten zu Sönke Wortmanns Drei-D (1988) im Ruhrgebiet[3] und als Produktionsleiterin für Christoph Schlingensiefs Hundert Jahre Adolf Hitler (1989).[4] Anfang der 1990er Jahre wandte sie sich der Videokunst zu, zu einer Zeit, als diese Medienform in Deutschland noch wenig etabliert war. Sie besuchte Lehrveranstaltungen an verschiedenen Hochschulen, darunter bei Prof. Richard Kriesche (Medientheorie, Telematische Skulptur, Digitale Bildtechnologien) an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main sowie Videokunst bei Dara Birnbaum an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste Frankfurt am Main (1990–1993).[5] Im Rahmen des Symposions „Kunstanwender" an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main (1993) und einer Studienreise nach Nordamerika (1994) gehörte Bamberg zu den frühen Nutzerinnen des grafischen Webbrowsers in Deutschland.[6] Begegnungen mit improvisierenden Musikern in New York City förderten ihre interdisziplinäre Ausrichtung. 1994 gründete sie mit Marion Leih, Urs Peter Schneider und Philippe Micol die „Künstlergruppe Androgyn" in Bern und Frankfurt am Main. 1997 folgte die Gründung der Videowerkstatt „accidental" in der Halle 13 in Duisburg.[7]

Werk

Bamberg beschäftigt sich mit systemtheoretischen Aspekten der Medienkunst. Sie versteht Kunst als gesellschaftliches Teilsystem in Wechselwirkung mit Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Der Soziologe Jörg Hüttermann beschreibt ihre Kunst als einen Versuch, „gegen soziale Grenzen, Wände, Barrieren und Hürden [anzugehen], die Menschen, Menschengruppen und ganze Generationen voneinander trennen und von der existenziell unverzichtbaren Verständigung abschneiden."[8] Frühe Werke wie Daheim – ich sehe (1992) und Breakthrough by means of collaboration... (1994) experimentierten mit Kollaboration und Feedback-Mechanismen.[9] Ab Ende der 1990er Jahre entstanden Video-Klang-Installationen wie musik ist in (1999) und here we are (1999) zusammen mit Philippe Micol.[10]Gemeinsam veröffentlichten sie die Publikation Vom Umgang mit dem Zufall.[11] Diese Entwicklung führte zu Video-Klang-Environments wie whiteout (2001) und lichtbotschaft vertikaler himmel (2003), das im Rheinischen Landesmuseum Bonn gezeigt wurde.[12] In den 2010er Jahren erweiterte sie ihr Werk um Filmsprache sowie soziale und partizipative Dimensionen. Arbeiten dieser Phase umfassen u. a. Klimtprojekt – Leben und Tod (2018)[13] und LuckyGretchen (2019).[14] In der Installation Lob-Preis (2020/21), im Rahmen von „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland[15]", bearbeitet sie jüdisches Leben in Duisburg-Mülheim-Oberhausen und die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf das Gemeindeleben.[16] Zwischen 2020 und 2022 entwickelte Bamberg ELIZA, einen virtuellen Kommunikationsraum, der 2023 in der Online-Performance EVENT kulminierte.[17]

Es verlagerte sich ein zentraler Schwerpunkt von Bambergs künstlerischer Arbeit auf die fotografische Inszenierung an Orten nationalsozialistischer und rechtsextremistischer Gewalt in Europa, bei denen künstlerische Intervention auf historische Wirklichkeit trifft. Der Soziologe Jörg Hüttermann (Universität Bielefeld) sieht Bambergs Kunst als Gegenpol zur Bodenlosigkeit der modernen Mediengesellschaft – sie wolle Menschen aus dem „süßen Schlaf der Welt- und Selbstvergessenheit" wecken.[18] Den Anfang machte die graphische Rauminstallation Last Generation (2024) . Es folgte die Fotoserie Next Generation (2024/25), in der Jugendliche aus Duisburg an historisch bedeutsamen Orten der Stadt porträtiert werden.[19] Being Foreign (2025) ist eine mediale Rauminstallation zur kritischen Reflexion über Künstliche Intelligenz. In der Werkreihe Oradour-sur-Glane, 2025 weitete Bamberg diesen Ansatz auf europäische Gedenkstätten aus, darunter Oradour-sur-Glane (Frankreich), Utøya (Norwegen), Auschwitz-Birkenau (Polen) sowie Gedenkstätten in Duisburg.[20]

Bamberg ist als Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Erfurt im Studiengang Stadt- und Raumplanung tätig. Sie leitet das Blockseminar Kompass Kunst, das künstlerische Strategien als Schlüsselkompetenzen für das digitale Zeitalter vermittelt.[21]

Bamberg leitet seit mehreren Jahren Medienworkshops u.a. für das Projekt Bahtalo e.V. in Duisburg-Rheinhausen, ein seit 2013 bestehendes Kooperationsprojekt, das einheimische und zugewanderte Kinder und Jugendliche fördert. Im Rahmen des Projekts RESIST! – Deine Story, Deine Stimme! kombinierten Jugendliche die Lektüre von Graphic Novels mit eigener digitaler Medienproduktion und erarbeiteten Dokumentationen zu NS-Gedenkstätten sowie analoge Reisejournale einer Bildungsreise nach Auschwitz. Das Projekt wurde 2026 mit dem 2. Platz des Deutschen Lesepreises in der Kategorie „Herausragende Leseförderung mit digitalen Medien" ausgezeichnet.[22][23]

Ausstellungen und Festivalbeteiligungen (Auswahl)

  • 1993: Bauhaus Dessau – Ostranenie, 1. Internationales Videofestival[24]
  • 1993: HfG Offenbach am Main – „Kunstanwender: Kunstsponsoring und Künstlerförderung" (mit Katalog)[25]
  • 2002: kornhausforum, Bern – Musik ist in 2, Einzelausstellung[26]
  • 2003: Rheinisches Landesmuseum Bonn – Lichtbotschaft vertikaler Himmel (Einzelausstellung, mit Katalog)[27]
  • 2008: Stadtteil Ruhrort, Duisburg – Ruhrort-Research, soziale Skulptur[28]
  • 2010: Kunstmuseum Wolfsburg – „Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart"[29]
  • 2011: Kunstmuseum Appenzell – im Rahmen von „Ich bin das Bild der Welt", Rudolf-Steiner-Jubiläumsausstellung[30]
  • 2015: Duisburger Akzente – HEIMAT:HERZSTÜCK, Videoinstallation
  • 2019: cubus kunsthalle, Duisburg – LuckyGretchen, Duisburger Akzente[31]
  • 2021: Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen – Lob-Preis, im Rahmen von „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland"[32]
  • 2024: Brotfabrik Overbeck, Duisburg – Last Generation[33]
  • 2025: cubus kunsthalle, Duisburg – Being Foreign, Duisburger Akzente[34]
  • 2026: Brotfabrik Overbeck, Duisburg – Oradour-sur-Glane, 2025, Duisburger Akzente, in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft Duisburg[35]

Werke (Auswahl)

  • 1999: Musik ist in, Klang-Video-Installation, 6 Monitore, mit Philippe Micol[36]
  • 1999: Here We Are, Klang-Video-Rauminstallation, 56 Kurzportraits von Jugendlichen, 20 Monitore, mit Philippe Micol[36][37][38]
  • 2002: Musik ist in 2, Klang-Video-Installation, 27 Videoclips, 20 Monitore, mit Philippe Micol[36][39]
  • 2003: Lichtbotschaft vertikaler Himmel, Video-Klang-Environment[40]
  • 2015: HEIMAT:HERZSTÜCK, Videoinstallation, 64 Videoclips, 6 Monitore[36]
  • 2018: Klimtprojekt – Leben und Tod, Videoinstallation[41]
  • 2019: LuckyGretchen, Videoinstallation und Performance[42]
  • 2020/21: Lob-Preis, Videoinstallation[43]
  • 2025: Being Foreign, Video, 3'30", Schauspiel: Jonathan Bamberg, Text aus dem Nachlass von Else Lasker-Schüler[44]

Publikationen (Auswahl)

Commons: Ruth Bamberg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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