Sadhyo Niederberger

* 9.2.1962 Muri; Malerin und Lehrerin. Objektkunst, Zeichnung, Happening From Wikipedia, the free encyclopedia

Sadhyo Niederberger (* 9. Februar 1962 als Dorothea Niederberger in Muri, Aargau)[1] ist eine Schweizer Künstlerin und Kuratorin, die insbesondere für interdisziplinäre Projekte, Kunst im öffentlichen Raum und innovative Vermittlungsformate bekannt ist. Sie war viele Jahre Kunstbeauftragte des Kantonsspitals Aarau und Kuratorin des Projektraums ECK – Raum für Kunst in Aarau.[2] Sie lebt und arbeitet in Aarau und Zürich.

Werdegang

Nach einer Ausbildung als Lehrperson für die Vorschulstufe (Kindergarten) studierte Sadhyo Niederberger an der damals einzigen Kunsthochschule der Schweiz, der École supérieure des arts visuels ESAV in Genf (heute HEAD) und schloss 1989 mit einem Diplom in Mixed Media ab.[3] Dies legte den Grundstein für ihre bis heute medienoffene Praxis zwischen zwei- und dreidimensionalen Arbeiten, Installationen und künstlerischen Interventionen. Sie bildete sich zudem in Erwachsenenbildung weiter, arbeitete mit fremdsprachigen Erwachsenen im interkulturellen Bereich (machbar GmbH und Justizvollzugsanstalt Lenzburg) und entwickelte Kunstprojekte an der Schnittstelle zu sozialem Engagement (mit Susanna Perin). Seit 2024 unterrichtet sie als Dozierende für dreidimensionales Gestalten an der SKDZ Schule für Kunst und Design Zürich.[4]

Prägend für ihre Biografie sind wiederholte Aufenthalte als Artist in Residence, unter anderem in Kairo, Bangalore, Mendoza, Genua und Paris, die sie selbst als grundlegende Basis ihres gesellschaftlichen und künstlerischen Engagements beschreibt. Der Austausch mit Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten ist für ihr Verständnis von Kunst als sozial eingebettete Praxis zentral.[5]

Ihre Kenntnisse der Aargauer Kunstszene und ihre Kompetenzen führen zu diversen Einladungen als Gastkuratorin, Beraterin für Kunst und Bau Projekte oder Verfasserin von Texten und Reden für Kunstschaffende.[6]

Künstlerische Arbeitsweise

Als freischaffende Künstlerin arbeitet Niederberger in verschiedenen gestalterischen Medien. Ihre künstlerische Arbeit bewegt sich in den Bereichen Malerei, Zeichnung, dreidimensionale Objekte, Video, Instal­la­tion und Kunst und Bau. Inhaltlich beschäftigt sie sich mit Fragen der Repräsentation, der Bildproduktion und der Wahrnehmung und untersucht, wie Bilder Wirklichkeit konstruieren und welche Sprache Betrachterinnen und Betrachter für das Gesehene finden.

Die Thematik von Bild, Wahrnehmung und Objekt zeigt die Arbeit phtaloblau hängend.[7][8] Ein Farbfeld aus hunderten Fäden, die mit phtaloblauer Farbe beträufelt wurden, ist Malerei, Objekt und Installation in einem indem es die Betrachtenden herausfordert, durch Platzwechsel und Bewegung das Werk wahrzunehmen. Bildzüchtungen sind Experimente, in denen die Künstlerin versucht, Farbe ohne Träger in den Raum zu hängen. So entstehen fragile, oft temporäre und sich während der Ausstellungsdauer wandelnde Farbhäute. Platz in der Schwebe war eine Arbeit in 2014 über die Frage nach, Platz, Ort und Bild als politische Dimension, den konkreten, öffentlichen Raum als Ort des Handels, der Inszenierung, der Macht und des Widerstands, wo verweilt, gefeilscht und gestritten wird.[9]

In der Videoinstallation Was wir sehen blickt uns an[10] von 2020 lädt sie Menschen verschiedener Altersgruppen und Berufe ein, ein Kunstwerk zu betrachten und vor der Kamera zu beschreiben; aus diesen Statements entsteht ein vielstimmiger Dialog zwischen Werk und Publikum. Charakteristisch ist dabei ihr Interesse an Prozessen des Sprechens über Kunst, an kollektiven Sichtweisen und an einer Öffnung des Kunstbegriffs über klassische White‑Cube‑Situationen hinaus.[11]

Arbeiten von Sadhyo Niederberger sind in öffentlichen Sammlungen wie Aargauer Kunsthaus[12], Kunstmuseum Olten, der Städte Aarau, Baden, Brugg, Wettingen, Zürich vertreten. Niederberger ist Teil der Kunstgruppe Ah-ah, ah-ah-a-ha[13] und Mitglied des Ateliervereins VAM.[14][15]

Kuratorische Praxis

Niederberger ist Initiantin, Mitinitiantin und Kuratorin von diversen Off-Spaces in Aarau und Baden, wie Galerie Goldenes Kalb von 2005 bis 2012,[16][17] Kunst im Trudelhaus von 2012 bis 2017[18] und Eck – Raum für Kunst von 2018 bis 2024.[19] Von 2008 bis 2023 war Niederberger mit einem Teilpensum als Kunstbeauftragte am Kantonsspital Aarau (KSA) angestellt, wo sie Ausstellungen, Vermittlungsprojekte, Kunst‑und‑Bau‑Projekte realisierte und die Sammlung betreute. Unter dem Label „Kunst im Kantonsspital“ etablierte sie das Spital als Ort kontinuierlicher zeitgenössischer Kunstpräsentation für Patient:innen, Mitarbeitende und Öffentlichkeit.[20]

Ihr Vermittlungsverständnis verbindet künstlerische Qualität mit Zugänglichkeit: Kunst soll im Alltagsraum erfahrbar sein, Fragen auslösen und zugleich niedrigschwellige Anknüpfungspunkte bieten. Damit gehört ihre Tätigkeit zur Schweizer Tradition institutioneller Kunstvermittlung, die explizit auch kunstferne Zielgruppen adressiert.[21]

Ihr künstlerisches Schaffen und ihre kuratorische Tätigkeit vereinen sich im on-going Projekt Reading Caspar Wolf, das eigenes künstlerisches Schaffen mit kuratorischem Schaffen verbindet.[22][23] Reading Caspar Wolf ist ein anwachsendes multimediales Archiv. Es umfasst Themenstränge, die eine Verbindung zwischen dem Landschaftsmaler Caspar Wolf (1735–1783) und dem heutigen Landschaftsverständnis sowie der Erforschung der Natur herstellen. Ab 2021 gestaltet sie im Singisen Forum Muri die dokumentarisch angelegten Ausstellungen sedimentieren / Rolling Stones und Landschaftsveränderung im Blickfeld der Kunst zu Landschaft, bei denen über 140 Kunstschaffende mitwirken und dokumentarische Bilder, Videos und ausgewählte Originalwerke gezeigt werden. Im Kunstbulletin 6/2023 wird das Ausstellungsprojekt Landschaftsveränderung im Blickfeld der Kunst. Die Kuratorin Niederberger macht den Wandel von Landschaft – verstärkt durch die Klimakrise – aus künstlerischer Sicht erfahrbar: Über 100 Künstler und Künstlerinnen haben auf einer Projektwebsite Bilder eigener Werke hochgeladen, die die Künstlerin und Kuratorin nun zu einem Panoptikum in physischer Form umsetzt. Der erste Teil sedimentieren, kristallisieren, kondensieren in der ersten Jahreshälfte 2023 gestaltete sich als dynamische „Working Library“ im Sinne von Aby Warburg: Zwischen Archiv, Bibliothek und Buch werden Konzepte, Haltungen und Recherchen zu Landschaftsbegriffen präsentiert.[24] Ab August 2023 folgte Rolling Stones mit ausgewählten Originalwerken, die den Fokus von Ideen auf greifbare Objekte verlagern. Die Ausstellung verbindet digitale Sammlung mit räumlicher Präsentation und thematisiert Morphologie, Wahrnehmung und Bedeutung von Landschaft inmitten ökologischer Umbrüche.[25][26][27]

In Aarau arbeitete sie 2006–2007 mit Susanna Perin in der Kollaboration Torfeld Süd zum Thema Stadtentwicklung[28] und initiierte mit der Künstlerin Sabine Trüb einen Vereins zur Umnutzung des Kasernenareals.[29]

Als Präsidentin von visarte.aargau[30] vertrat sie die Anliegen der Kunstschaffenden im Kanton Aargau bei verschiedenen Behörden und arbeitete eng mit visarte schweiz[31] zusammen. Sie ist Mitglied des Vereins KIK//CCI, einem schweizweiten Netzwerk von KuratorInnen von institutionellen Kunstsammlungen.[32]

Projekte

Kunst und Bau

Im Rahmen von Kunst und Bau Wettbewerben konnte sie folgende Arbeiten realiseren:

  • 2005 Gemein­de­haus Zufikon mit Hans Anliker // Hertig Nötzli Wagner Archi­tekten
  • 2006 Spital Zolli­ker­berg ZH mit Sabine Trüb// metron AG Corne­lius Bodmer Brugg
  • 2007 Mehr­zweck­halle Erlins­bach // könig hohl archi­tekten erlins­bach
  • 2012 Wand­ge­stal­tung Cafe­teria Spital Zolli­ker­berg, mit Sabine Trüb
  • 2013 Giebel­ge­stal­tung Rain 14 Aarau, Gaut­schi Lenzin Schenker Archi­tekten, Aarau
  • 2017 Wand­ge­stal­tung Restau­rant Gurt­ners, Gurten – Park im Grünen / Migros Kultur­pro­zent

Kuration

  • 2004–2011 Initi­antin und Co-Kura­torin im visarte.ausstel­lungs­raum Goldenes Kalb in Aarau
  • 2008–2023 Kunst­be­auf­tragte für die Sammlung Kantonss­pital Aarau[34][35]
  • 2011–2016 Initi­antin und Co-Kura­torin im Ausstellungsraum Kunst im Trudelhaus Baden
  • 2019–2024 Initi­antin und Kura­torin «Eck - Raum für Kunst» in Aarau

Publikationen

  • Schweizer Feuilleton-Dienst (Hrsg.): Da, wo etwas los ist – 15 Kulturorte in der Schweiz, mit Beiträgen von Sabine Arlitt, Antje Bargmann, Ursula Binggeli, Beat Grossrieder, Annina Hasler, Beat Mazenauer, Frank von Niederhäusern, Bruno Rauch, Karl Wüst, Judith Wyder, Limmat Verlag, Zürich, 2016. ISBN 978-3-85791-792-9.
  • Aarauer Neujahrsblätter 2024, Aargau 2023. ISBN 978-3-03919-600-5 (Artikel über den Kunstraum ECK)
  • Stefi Binder, René Rötheli (Hrsg.): Kunstraum Baden 2004–2009, mit Beiträgen von Stefi Binder, Andrina Jörg, Claudia Spinell, Baden 2011. ISBN 978-3-03302938-5
  • Feli Schindler, Baden – Frick, Gisler, Michel, Niederberger  Rezension der Ausstellung „Versuchsanordnung“. In: Kunstbulletin. Nr. 10/2018, S. 51. ISSN 1013-6940[36]
  • Eva Bigler, Nina Zimmer (Hrsg.): Ohne Verfallsdatum, Schenkung und Leihgaben der Sammlung Migros Aare. 2019, Migros Aare [Kulturprozent]/ Kunstmuseum Bern. ISBN 978-3-03307200-8.[37]
  • 1995, _957 Art Magazine, 2025[38]
  • Margarit Lehmann, Aliosky Gracía, Lian Ng, Printed in Cuba, Cuba meets USA meets Switzerland (Ausstellungskatalog), Edition Basel, 2017.[39]
  • Fuori dentro: sur les traces d'Ulysse, Ausstellungskatalog, Café Ancienne Gare Fribourt, Atelier CREAHM Fribourg, Villars-sur-Glâne, 2012.[40]
  • Fabrikarbeiter, Ausstellungskatalog, Expo AargauSüd, mit Texten von Urs Faes und Fotos von Roland Schmid.
  • Made in Barcelona, 4 Artistes Suisses, Le Manoir de la ville de Martigny et la Commune de Chiasso, 1993.
  • "Aus Halbschatten": eine Standortbestimmung / Sadhyo Dorothea Niederberger, Edition Galerie 6, Aarau, 1991. ISBN 3-7941-3500-8

Einzelnachweise

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