Saitō Yuri
japanische Lehrerin und Gründerin von Wohlfahrtseinrichtungen für blinde Frauen
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Saitō Yuri (japanisch 斎藤 百合, Kyujitai: 齋藤 百合, wirklicher Name: Noguchi Kotsuru (野口 小つる); geboren 31. März 1891 in Ishimaki (heute: Toyohashi, Präfektur Aichi); gestorben 17. Januar 1947 in der Präfektur Tokio) war eine blinde japanische Lehrerin und Aktivistin der Meiji- und der Shōwa-Zeit, die Bildungs- und Wohlfahrtseinrichtungen für blinde Frauen gründete und die sich für die Verbesserung der sozialen Stellung blinder Frauen einsetzte.[1]
Leben
Yuri wurde 1891 in Ishimaki geboren als zweite Tochter eines fahrenden Naniwabushi namens Namitarō und dessen Frau Kiku, die aus einer alt eingesessenen Familie stammte. Yuri hatte zwei Schwestern und zwei Brüder, die ältere Schwester Tsuru zog ins Elternhaus ihres Vaters, zu Familie Takegami. Kurz nach Yuris Geburt wurde ihr Vater Namitarō von der Familie Noguchi adaoptiert. Yuri und ihre beiden jüngeren Brüder kamen in die Obhut ihrer Großeltern. zum Großvater. Yuris jüngere Schwester Kin wurde von Familie Toyama in Mikkabi adoptiert.
Im Alter von drei Jahren erkrankte Yuri an Masern und erblindete in der Folge aufgrund von Mangelernährung.[1] Von 1902 an besuchte sie das Internat der anglikanischen Blindenschule in Gifu.[1] Im selben Jahr wurde sie in der ebenfalls anglikanischen St. Paul Kirche Gifu (岐阜聖パウロ教会) getauft. Sie erhielt eine Förderung für ihre Ausbildung in Akupunktur und Massage.[Anm. 1] Sie konnte eine Sammlung englischer Gedichte memorieren und lernte im Haus eines ausländischen Missionars das Orgelspiel. 1908 schloss sie die Blindenschule ab und wurde Hilfslehrerin an der Blindenschule. Im November erhielt Yuri von William Awdry die Ordination und wurde Christin. Sie befasste sich mit Helen Kellers Biografie „The Story of My Life“ (1903, japanisch わが生涯, Waga shōgai), Gesangbüchern und englisch-japanischen Wörterbüchern in Blindenschrift. In dieser Zeit nahm sie auch das Pseudonym White Lily an.[Anm. 2]
Das Oberhaupt der anglikanischen Kirche in Gifu bemerkte ihr Talent und schickte sie 1911 als Stipendiatin an die Lehrerbildungsanstalt der Blindenschule Tokio (東京盲学校), zur weiteren Ausbildung in Akupunktur und Massage. Yuri schloss diese Ausbildung 1913 ab und kehrte als reguläre Lehrerin an die Blindenschule nach Gifu zurück. Zwei Jahre später, 1915 heiratete sie den Masseur Saitō Takeya und zog mit ihm nach Zōshigaya in Tokio. Im August 1916 wird Yuris erste Tochter Kumi geboren.
Als Yuri 1918 aus der Zeitung erfuhr, dass die Tokyo Woman’s Christian University gegründet worden war und Frauen eine Ausbildung bot, um sich individuell zu entwickeln, bewarb sie sich an der Universität und studierte dort als erste blinde Frau von 1922 an Anglistik.[1] Zu diesem Zeitpunkt war Yuri 26 Jahre alt, inzwischen Mutter zweier Kinder und blind. Sie wurde als „Sonderstudentin“ an der Universität aufgenommen und schloss ihr Studium 1922 als eine der ersten 66 Absolventinnen ab. Anschließend übernahm sie die Leitung des Alumni-Vereins der Blindenschule Tokio und gab die Zeitschrift „Mutsuboshi no hikari“ (むつぼしの光) heraus.
Yuri, die sich schon lange um die geringe gesellschaftliche Stellung blinder Frauen sorgte, gründete im November 1928 den „Musashino-Frauenverein“ (武蔵野婦人会, Musahino fujinkai, später bekannt als „Yōkō-Frauenverein“ 陽光婦人会, Yōkō fujinkai, etwa Frauenverein Sonnenschein).[1] Außerdem eröffnete sie eine Akupunktur- und Massagepraxis, in der blinde Frauen arbeiten konnten, und in der sie Kursen im Stricken und Kumihimo, einer Flecht-Technik, anbot.
Weil Yuri nach drei Jahren mit ihrer Praxis nicht recht weiterkam, plante sie 1929 zur Finanzierung und Gründung einer Oberschule für blinde Mädchen im Festsaal „Nippon Seinenkan“ einen Abend mit Vorträgen und Musik, um Spenden zu sammeln. Auf dem Programm standen ein Koto-Konzert von Michio Miyagi und ein Vortrag von Helen Keller zum Thema „Bildung blinder Mädchen“. Die Einnahmen aus der Veranstaltung, die von Yuri eröffnet wurde, wurden jedoch vom Begrüßungskomitee einbehalten, was einen Rückschlag für die Gründung der Oberschule bedeutete.
Helen Keller schrieb später zur Ermutigung an Yuri:
「まことに暗い強者どもの心。かくて障害者からその好機を奪う。地上の束縛を克服し、精神力のうちに勝利しようとする好機を。」
„Die Herzen der Starken sind wahrlich finster. Und so berauben sie Menschen mit Behinderungen ihrer Möglichkeiten. Doch es ist auch eine Gelegenheit irdische Beschränkungen zu überwinden und durch die Kraft des Geistes zu triumphieren.“
1935 gründete Yuri mit der Unterstützung der Präsidentin der Tokyo Woman’s Christian University und 30 weiteren Universitätsangehörigen die Organisation „Yōkō-kai-Home“, die sich in einem alleinstehenden Haus einquartierte. Dort gab sie die Zeitschrift „Braille-Club“ (点字倶楽部) heraus[1], richtete ein Zimmer für ambulante Akupunktur- und Massagebehandlungen und einen Beratungsraum für Blinde ein und gab Strickkurse. Sie bot blinden Frauen Schutz und Ausbildung und stellte Unterkünfte für Blinde aus ländlichen Gebieten zur Verfügung.
Obgleich Yuri Christin war, und trotz innerer Konflikte, umging sie das Gesetz, um Mädchen zu helfen, die aufgrund von Abtreibungsgesetzen zur Geburt von Kindern gezwungen wurden, die durch Vergewaltigung gezeugt worden waren, sowie Müttern, die zu arm waren, um ihre Kinder zu erziehen. Sie bot außerdem heimlich Beratung zur Geburtenkontrolle an, entgegen der nationalen Politik der Fruchtbarkeit.[Anm. 3] Sex galt damals als Tabu, und blinde Frauen, die als Masseurinnen arbeiteten, waren einem hohen Risiko sexueller Gewalt ausgesetzt. Solche Frauen wussten häufig nicht viel über die Schwangerschaft, versuchten selbst Abtreibungen vorzunehmen, was zu gesundheitlichen Schäden oder gar zum Tod führte.
Yuri investierte ihre Einnahmen aus Vorträgen und Schriften in die „Yōkō-kai-Home“, daher lebte sie ohne offizielle Unterstützung mit ihrer Familie und den vier Kindern in ständiger Armut. Als sich der Pazifikkrieg verschärfte und die Luftangriffe auf Tokio begannen, musste das „Yōkō-kai-Home“ schließen. Yuri und die Mitglieder des „Yōkō-kai-Home“ wurden 1944 an den Hamana-See evakuiert. Ihre beiden ältesten Töchter heirateten, ihr zweiter Sohn zog in den Krieg und fiel später im Kampf, während ihr Ehemann Takeya in Tokio blieb. Ihr Ehemann starb nach Kriegsende 1946 bei einem Unfall am Bahnhof Tokio.
Yuri selbst verstarb ein Jahr später 1947 im Alter von 55 Jahren an einer Lungenentzündung. Sie ist auf dem Friedhof Zōshigaya begraben.
Epilog
1986 veröffentlichte Kiyo Awazu, die im „Yōkō-kai-Home“ studiert und gearbeitet hatte, in der Iwanami Shinsho das Buch „Hikari ni mukatte sake ― Saitō Yuri no shōgai“ (光に向って咲け―斎藤百合の生涯―, etwa: Dem Licht entgegen blühen – Das Leben von Yuri Saitō), in dem sie Yuris Denk- und Lebensweise vorstellte. 1993 wurde Yuri für ihren Einsatz zur Verbesserung der Stellung blinder Frauen als eine der 100 bedeutendsten blinden Persönlichkeiten in der Shōwa-Zeit geehrt. 1994 planten Yuris Tochter, die Schauspielerin Miwa Saitō, mit anderen zusammen eine Verfilmung, die 1996 unter Regie von Shibuya Nobuko und dem Titel Kagami no nai ie ni hikari afure ― Saitō Yuri no shōgai ― (鏡のない家に光あふれ―斎藤百合の生涯―, etwa: Ein Haus ohne Spiegel, überflutet von Licht: Das Leben von Yuri Saitō) fertiggestellt wurde.[1]
Weblinks
- 斎藤百合. In: 20世紀日本人名事典 bei kotobank.jp. Abgerufen am 6. Februar 2026 (japanisch).
Anmerkungen
- Das sind zwei der sogenannten „Drei Therapien“ (三療, Sanryō), zu denen die Akupunktur, Moxibustion und Massage gehören. Zum Ende der Edo-Zeit wurde die Ausbildung blinder Menschen in den Sanryō finanziell unterstützt.[2]
- Ihr Vorname Yuri bedeutet Lilie.
- Gemeint ist das staatliche, pronatalistische Motto Umeyo Fuyaseyo (産めよ殖やせよ, etwa: Gebären und Vermehren) des Sozialministeriums.