Sarah Hare
englische Adelige
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Sarah Hare (* 1689; † 9. April 1744) war eine englische Adlige, deren lebensechte, farbige Effigies zu den bemerkenswertesten Porträtdarstellungen in East Anglia zählt.[1]


Die Halbfigur steht in der Hare-Kapelle der Holy Trinity Church in Stow Bardolph, Norfolk, inmitten weiterer Bildnisse und Denkmäler ihrer Familie, darunter die halb liegende Figur ihres Vaters Sir Thomas Hare, 2. Baronet († 1693) sowie das von Peter Scheemakers geschaffene Denkmal ihrer Schwester Susanna Hare († 1741).[1][2]
Vergleichbare britische Wachsfiguren sind nur von königlichen Begräbnissen bekannt, wovon einige im Westminster Abbey erhalten geblieben sind,[3] die in der gleichen Zeitspanne und mit der gleichen Technik erstellt wurden.[4]
Leben
Sarah Hare war eine unverheiratete Frau, die fünfte und jüngste Tochter von Sir Thomas Hare, 2. Baronet (1658–1693), Gutsherr von Stow Bardolph, und Elizabeth Dashwood (1660/61–1749).[1][5] Sie soll an einer Blutvergiftung gestorben sein, nachdem sie sich mit einer Nähnadel verletzt hatte.[3] Es entstand die Legende, dass sie an einem Sonntag genäht und somit das Gebot übertreten habe, so dass Gott sie mit dem Tode bestraft habe. Doch dies ist eine immer wiederkehrende Mär, die schon bereits der Queen Elizabeth angedichtet wurde, deren erhobener Zeigefinger an ihrem Todesbildnis als Hinweis auf den angepieksten Finger gedeutet wurde.[6]
Das Wenige, das über sie bekannt ist, geht aus ihrem Testament hervor, das in den Unterlagen der Familie Hare erhalten ist und von der Sorgfalt zeugt, mit der Sarah in der Erinnerung der Nachwelt zu bleiben suchte, indem sie eine Wachsfigur nach altrömischem Vorbild von sich anfertigen ließ.[1]
In ihrem eigenhändig am 10. August 1743 verfassten letzten Willen und Testament vertraut sie zuerst Gott ihre Seele an. Zweitens untersagt sie den Testamentsvollstreckern, dass ihr Leichnam in ein Totenhemd gekleidet werde, sondern wünscht in ihre eigenen Decken gehüllt zu werden; ihr Sarg soll aus bestem Ulmenholz gefertigt, mit dünnem Blei ausgekleidet und mit einer darüber verlöteten Bleiplatte verschlossen sein; er soll keinerlei Ornamente aufweisen, mit Ausnahme ihres Wappens und der Inschrift ‚Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.‘[1] Außerdem wünschte sie kostengünstig zur Familiengrabstätte überführt zu werden – sei es per Karren oder Wagen, jedoch nicht zu Wasser; begleitet von ihrer eigenen Dienerin oder ersatzweise einer armen Person, welche dafür eine Entschädigung erhalten soll. Sie wünschte auch, dass sechs arme Männer aus den Gemeinden Stow oder Wimbotsham sie zu Grabe tragen und dass alle Armen der ‚Alms Row‘-Siedlung einen Geldbetrag direkt an ihrem Grab erhalten sollen. Danach verfügte sie mit exakten Angaben, wie ihr Vermögen an die Familie und Dienerin verteilt werden sollte, mit Ausnahme ihrer zwei besten Kleider und Spitzen-Garnituren, die einer bedürftigen Person (?) übergeben werden sollen, die sich nicht zu vornehm ist, sie zu tragen.[1]
Drittens wünschte Hare, dass ihr Gesicht und ihre Hände in Wachs nachgebildet werden, karmesinroter Satin wie bei einem Gewand auf einem Gemälde um ihren Kopf drapiert sein solle und dass dieses Abbild in einem Mahagonikasten mit Glasfront untergebracht und so nah wie möglich bei ihrem Leichnam aufgestellt werde; ihr Name und Todesdatum sind in der gewünschten Weise auf dem Kasten zu lesen.[1]
Totenbildnis
Sarah Hares farbige Wachsbüste mit Glasaugen und einem „Körper“ aus Stroh ist mit zeitgenössischer Tracht bekleidet; sie misst in der Höhe 152,5 cm. Der Schrank ist 207,5 cm hoch. Die Inschrift in Lapidarschrift auf dem Giebel lautet wie von ihr gewünscht: HERE LYETH THE BODY OF SARAH HARE YOUNGEST DAUGHTER OF S. THOS. HARE BART. AND DAME ELIZABETH HIS WIFE AND SISTER TO THE PRESENT SIR THOS . HARE WHO DEPARTED THIS LIFE THE IX DAY OF APR MDCCXLIV AND ORDERED THIS EFFIGIES TO BE PLACED HERE.[1]
Die Wachsfigur zeigt eine füllige Frau im reifen Alter, sie hat ein Doppelkinn und ihr Busen quillt aus dem Dekolleté, dunkle Locken fallen auf die Stirn, ihr Gesicht ist ausdruckslos.[2][7] Ihre Haut ist geädert, die Augen sind blau. Sie trägt ihre eigene Kleidung, ein seidenes Gewand und einen Samtmantel, der auf der Rückseite Schlitze für Gängelbänder (baby reins) aufweist.[7]
Die Puppe (englisch effigy, siehe auch In effigie) und ihre Kleidung wurden 1984–86 gereinigt und konserviert.[3] Dabei stellte sich heraus, dass die Arme und das Gesicht mit großer Wahrscheinlichkeit auf Hares Körper noch zu Lebzeiten oder kurz nach ihrem Tod modelliert und ihre Merkmale lebhaft farblich hervorgehoben worden waren.[3][4] Die Kleiderstoffe hatte Hare vermutlich zu Lebzeiten getragen, wie auch ihr Korsett Gebrauchsspuren zeigte.[3]
Hares Vorkehrung steht in einer alten Tradition lebensechter Totenbildnisse, deren jüngste Ausprägung in Großbritannien die Wachsfiguren in der Westminster Abbey darstellen. So ähnlich beschrieb Plinius der Ältere in seiner Enzyklopädie Naturalis historia die Bestattungsrituale römischer Familien, wo Wachsköpfe und -büsten der Verstorbenen im Trauerzug mitgeführt wurden und anschließend im Atrium des Familienhauses in Holzschränken aufbewahrt wurden, beschriftet mit den tituli, die Namen und Abstammung festhielten. Die Verwendung des Begriffs „Effigies“ (Bildnis/Abbild) in Sarah Hares Inschrift zeugt von ihrer Wertschätzung dieser Tradition, ihr Denkmal fand einen Platz in einer Familienkapelle, die bereits mit Monumenten im klassischen Stil geschmückt ist.[1] Schon die Statue ihres 1693 verstorbenen Vaters offenbart eine Vorliebe für das alte Rom, da er halbliegend in römischer Rüstung dargestellt wird.[8]
Die Figur der Sarah Hare ist das einzige noch erhaltene Exemplar in einer Pfarrkirche und zugleich das späteste Beispiel für den Brauch in England, derartige Totenbildnisse anzufertigen.[1]
Der Schöpfer des Modells von Sarah Hare ist nicht namentlich bekannt. Die Kunst, lebensgroße Modelle anzufertigen, wurde in jener Zeit nur von sehr wenigen namentlich bekannten englischen Wachsmodellierern praktiziert. Johann Salomon Daniel (1689–1765) schuf lebensgroße Bildnisse aus Bienenwachs, doch sein Werk ist in England nicht bekannt. John Sigismund Tanner (um 1706–1775) kam um 1728 nach England und soll zahlreiche lebensechte Wachsmodelle angefertigt haben. Doch ungeachtet der Möglichkeit, dass Tanner von Sir Andrew Fountaine seinem Nachbarn Sir Thomas Hare empfohlen haben könnte, gibt es keine direkten Belege dafür, dass Tanner lebensgroße Modelle anfertigte.[1]