Schattennummer
Roman von Thomas Pynchon
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Schattennummer (Originaltitel Shadow Ticket) ist der neunte Roman des postmodernen amerikanischen Schriftstellers Thomas Pynchon (* 1937). Die englischsprachige Originalausgabe erschien am 7. September 2025 im Verlag Penguin Books, die deutsche Übersetzung von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren wurde 2025 bei Rowohlt veröffentlicht. Schattennummer ist ein Pastiche auf den amerikanischen Kriminalroman um einen hardboiled detective und spielt in den Jahren der Weltwirtschaftskrise in der amerikanischen Stadt Milwaukee und in Europa.
Es ist der erste neue Roman Pynchons seit 12 Jahren und mit 304 Seiten einer seiner kürzesten.[1]
Handlung
Der Roman von Schattennummer spielt am Ende der Prohibitionszeit. Protagonist ist der Privatdetektiv Hicks McTaggart, der nach langer Tätigkeit als Streikbrecher und Schläger im Dienste großer Unternehmen in der Filiale der Detektei Unamalgamated Ops in Milwaukee arbeitet. Gegen Ende des Jahres 1932 kommt es zu einem Sprengstoffanschlag auf den Lastwagen des Alkoholschmugglers Stuffy Keegan, was Hicks und seine Kollegen, darunter den jugendlichen Skeet Wheeler, veranlasst, über Täter und Motiv zu spekulieren: In Frage kommen die amerikanische Cosa Nostra, aber auch nationalsozialistische Deutsch-Amerikaner, zu denen auch Hicks’ Onkel und Ziehvater Detlef „Lefty“ Flaschner gehört. Ohne dass aufgeklärt wird, wer hinter ihm her ist, entkommt Keegan in einem Unterseeboot der österreich-ungarischen Kriegsmarine, das sich seiner im Vertrag von Trianon beschlossenen Abwrackung durch Flucht entzogen hatte. Hicks sieht das Boot unter dem Eis des Michigansees. Zwar hatte er sich von seinem Arbeitgeber ausbedungen, keine Liebesfälle mehr untersuchen zu müssen, doch wird er genötigt, den Fall Daphne Airmont zu übernehmen: Die Tochter das Käsemagnaten Bruno Airmont, der immer wieder als „Al Capone des Käses“ bezeichnet wird, ist mit Hop Wingdale, einem jüdischen Klarinettisten der Swing-Band The Klezmopolitans nach Europa durchgebrannt. Hicks kennt sie, weil er sie vor Jahren nach ihrer Flucht aus einer psychiatrischen Klinik mit einem Motorboot über den Michigansee in ein Indianerreservat in Sicherheit gebracht hat. Hicks hat ein Verhältnis mit der Sängerin April Randazzo, an der aber ebenfalls der Mobster Don Peppino Infernacci interessiert ist. Auf Hicks wird ein Bombenattentat verübt, dem er nur knapp entgeht. Dies und der Druck seiner Firma motivieren ihn, den Auftrag anzunehmen, Daphne Airmont in die USA zurückzubringen. Letztlich ausschlaggebend dafür sind aber die K.-o.-Tropfen, mit denen er bewusstlos gemacht wurde. Erst an Bord des Passagierschiffs Stupendica, das auf dem Weg nach Europa ist, wacht er wieder auf (Das Schiff kam bereits in Pynchons Roman Gegen den Tag (2006) vor).[2] Dort trifft er ein britisches Ehepaar, von dem bald klar wird, dass es sich um zwei Agenten des britischen Geheimdienstes handelt. Sie sind auf der Suche nach einem sowjetischen Spion namens Wassili Midoff.
In Wien trifft Hicks den angeblichen Interpol-Mann Egon Praediger, einen Kokainisten, der ihn beauftragt, nach Bruno Airmonts engem Mitarbeiter Ace Lomax zu suchen. Airmont werde wegen Steuerhinterziehung gesucht und habe das Internationale Käse-Syndikat (InKäSyn) um Millionen betrogen. Hicks reist weiter nach Budapest und trifft Dr. Zoltan von Kiss, einen „Apportisten“, der Gegenstände und Personen auf paranormale Weise verschwinden und wieder erscheinen lassen kann. Bereits in Milwaukee hatte Hicks Ähnliches erlebt, als während eines gewalttätigen Einsatzes sein Totschläger plötzlich verschwand, mit dem er andernfalls einen Demonstranten umgebracht hätte. In einem Nachtklub trifft Hicks Daphne, die ihm mitteilt, dass sich Hops Band aufgelöst hat und sie seitdem nach ihm sucht. Hicks lässt sie unbehelligt. Außerdem trifft er auf Lomax, den er ebenfalls entkommen lässt. Er lernt die Motorradkurierin Terike kennen, mit der er (im Beiwagen sitzend) an einer Rundfahrt durch die Gebiete teilnimmt, die Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg verloren hat. In Transsylvanien treffen sie auf die Vladjungs, eine Gang antisemitischer Vampire; in ihrem Camp kommen faschistische Abenteurer aus ganz Europa zusammen. Hier wird Lomax gefangen gehalten, doch Hop und ein Golem namens Zdeněk, den er in Bratislava kennen gelernt hat und der statt seines rechten Arms ein Maschinengewehr hat, retten ihn. Auch die britische Geheimagenten und ihr Opfer Midoff sind da, doch bevor sie ihn erschießen können, wird er mittels eines Zeppelins gerettet und nach Brasilien gebracht. Mit diesem Zeppelin wurde zuvor schon Daphne aus Hamburg gerettet, wo sie auf der Suche nach einem Swing-Lokal in eine Kneipe der SA geraten war.
Am Ende treffen sich alle in Rijeka, dem ehemals österreichisch-ungarischen Hafen an der Adria, wo Gabriele D’Annunzio 1920–1924 den präfaschistischen Freistaat Fiume errichtet hatte. Daphne erfährt von Hop, dass auch er in Wahrheit ein Spion ist. Sie trifft auch ihren Vater, der ihr sein gesamtes Vermögen und alle geheimen Informationen, über die er verfügt, überschreibt – sie seien in einem Schließfach in den Schweizer Bergen verwahrt. Hicks trifft Stuffy Keegan und den U-Boot-Kapitän, der den von der Polizei und dem InKäSyn gesuchten Bruno Airmont in Sicherheit bringt; ein „transozeanisches Radio-Fax“ trifft ein mit der Meldung, dass Douglas MacArthur in einem Putsch Präsident Franklin Delano Roosevelt abgesetzt und die Macht in den USA übernommen hat. Hicks begegnet dem ehemaligen Mobster Dippy Chazz Foditto, der ihm mitteilt, er könne nie wieder in die USA zurückkehren, und beginnt ein Liebesverhältnis mit Terike. Der Roman endet mit der Beschreibung einer mehrere hundert Meter hohen, maskierten Frauenstatue mitten im Atlantik – eines Gegenbilds zur Freiheitsstatue – und einem Abschiedsbrief Skeet Wheelers an Hicks, der ihm mitteilt, er wolle mit seiner Freundin nach Kalifornien übersiedeln; anscheinend wird er später der Vater von Zoyd Wheeler werden, dem Protagonisten von Pynchons Roman Vineland (1990).[1]
Genre
Wie die beiden Romane, die Pynchon vorher veröffentlichte, ist Schattennummer ein Pastiche auf den klassische Detektivroman:[3] Natürliche Mängel (2009) spielt Ende der 1960er Jahre und hat den dauerbekifften Doc Sportello als Protagonisten, in Bleeding Edge (2013) ist die Detektivin Maxine Tarnow eine alleinerziehende Mutter im Jahr 2001. Einerseits erfüllt Hicks McTaggart das Klischee des Hardboiled Detective also genauer als diese, andererseits ändert Schattennummer in der zweiten Hälfte des Buches aber das Genre und wird, wie der britische Kritiker Leo Robson bemerkt, eher zum Spionageroman, ein Genre, das Pynchon in seiner Jugend liebte.[4]
Für den Journalisten Dirk Kniphals ist Schattennummer zudem ein historischer Roman, der das Aufkommen von Faschismus und Antisemitismus in den frühen 1930er Jahren und somit die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs erzähle. Insofern sei das Buch ein Prequel zu Pynchons berühmtesten Roman Die Enden der Parabel (1973). Gleichzeitig sei es aber ein politischer Kommentar zur amerikanischen Gegenwart unter Donald Trump, wenn Hicks auf seine Bemerkung, er wolle in Europa bleiben, „bis alles wieder normal ist“, die Antwort erhält: „Ach, herrje, wissen Sie es wirklich noch nicht? Die Dinge werden nie wieder so sein, wie sie mal waren.“[3] Der Schriftsteller Richard Beck bemerkt, dass die Paranoia, die Pynchons Charaktere sonst auszeichne, hier weitgehend fehle. Zwar verstehe auch Hicks nicht, was mit ihm und um ihn geschehe, doch anders als etwa Oedipa Maas aus Die Versteigerung von No. 49 sei er nicht sonderlich interessiert, es herauszufinden. Hicks’ Desinteresse an der globalen Katastrophe, die sich um ihn herum abspiele, wirke wie eine Aussage zur Gegenwart:
„Man ist weniger neugierig, wenn man spürt, dass die Welt, in der man lebt, bereits über den Abgrund gestürzt ist und dass eine Katastrophe nun unvermeidlich ist, auch wenn sie noch nicht eingetreten ist. Das war 1932 in Europa sicherlich der Fall, und es könnte 2025 in den Vereinigten Staaten der Fall sein.“[5]
Aufbau und Erzählweise
Der Roman ist in 39 Kapitel eingeteilt, von denen sich einige noch in bis zu vier durch Initialen abgesetzte Unterabschnitte gliedern. Erzählt wird durchgängig im Präsens, in kurzen, meist parataktischen Sätzen; ein Großteil der Handlung wird in Dialoge aufgelöst. Von wenigen Analepsen abgesehen, wird chronologisch erzählt. Immer wieder wird die Handlung durch eingeschobene Texte von Liedern unterbrochen, die die Personen der Handlung hören oder selber singen. Als Motor der Erzählung dient Pynchon mit Hicks McTaggart ein Protagonist, der, wie Jörg Häntzschel schreibt, „aufs Schönste in seiner Rolle versagt“: Von den Aufträgen, die ihm erteilt werden, erfüllt er keinen einzigen, nichts klärt er auf, dafür mache aber eben dies Versagen „das unkontrollierte Wuchern der Bedeutungen und Bezüge erst möglich“.[6] Bis zur Mitte des Romans wird personal aus Hicks Perspektive erzählt, die Geschehnisse in Europa werden zum Teil auch aus der Perspektive anderer Personen oder auktorial erzählt.
Rezeption
Schattennummer wurde von der Literaturkritik zumeist sehr positiv aufgenommen. Paul Jandl etwa lobt den Roman in der Neuen Zürcher Zeitung, weil er „ganz im Mikrokosmos der Sprache“ stattfinde: Pynchon erlaube sich Kalauer und liefere gleich danach „schönste Meta-Literatur“, die „kunstvoll verwinkelten Dialoge“ würden „die Wahrheit gleichermassen verbergen, wie sie sie offenbaren“. Weil Schattennummer insgesamt „ein fein ziselierter Witz“ sei, falle auch nicht ins Gewicht, dass ihm am Ende „die grosse, alles erklärende Pointe fehlt“. Besonders hebt Jandl die Leistung der beiden Übersetzer Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren hervor, denen die Übertragung von Pynchons „unfassbaren Spracheinfällen und Milieuparodien“ grandios gelungen sei.[7]
Arno Frank erfreut sich im Spiegel an der temporeichen Handlung von Schattennummer, die nach der Überfahrt über den Atlantik aber „erst richtig in den Aberwitz“ kippe. Hier zünde Pynchon „vollends das Feuerwerk einer furiosen Fabel“, die man gar nicht nacherzählen könne. Aber wegen des Plots lese man seine Romane auch gar nicht, sondern wegen der irren Figuren, die er sich ausdenke, und wegen seines Humors, der ihn vielleicht den Nobelpreis gekostet habe.[2]
Dirk Peitz verweist in der Zeit darauf, dass Pynchons Romane bislang von dem Verdacht handelten, alles könnte in Wirklichkeit ganz anders sein, als es zunächst erscheine, und von dem – teils religiösen, teils verschwörungstheoretischen Glauben, irgendeine Erklärung für das Chaos der Welt müsse es doch geben. Nun scheine sich die Zeit Pynchons Romanwelt angenähert zu haben: Das 20. Jahrhundert, in dem der Roman spiele, sei zwar erfunden, stehe aber „am Beginn eines wenngleich sehr realen Schreckens“. Insgesamt sei Schattennummer „ein tolldreistes Spiel vor düsterer historischer Kulisse am Horizont“, insgesamt aber durch seine vielen lustigen, absurden, grotesken und rasant erzählten Episoden „einfach eine reine Lektürefreude.“[8] Für den Publizisten Nils Minkmar ist der Roman das Buch, das ihm 2025 besonders wichtig war:
„Keiner blickt mehr – aber jeder wurschtelt sich – durch, und als Leser tut man es ihnen gleich, mitunter irritiert davon, wie gut man sich unterhalten fühlt, obwohl es doch eigentlich zum Fürchten ist.“[9]
Der Literaturkritiker Markus Gasser vermutete in seinem YouTube-Kanal, Schattennummer sei „vielleicht das würdigste Finale eines der größten Schriftsteller der Welt“.[10]
Jörg Häntzschel dagegen kommt zu einem zwiespältigen Urteil: Zwar habe der Roman einen enormen Unterhaltungswert, doch erzähle Pynchon mitunter geradezu „onkelig“ und amüsiere sich über seine eigenen, zum Teil albernen Witze. Da sich Schattennummer bereits wie ein Drehbuch lese, werde es darauf ankommen, welcher Regisseur es verfilmen werde.[6] Auch der Schriftsteller Michael Kazepis bemängelt, der Roman wirke etwas dünn in den Passagen, die von einem Schauplatz zum nächsten überleiten; beinahe könnte man den Eindruck haben, es handle sich um zwei verschiedene Romane, die einfach zusammengefügt wurden. Insgesamt funktioniere Schattennummer aber als „melancholische Reflexion eines Augenblicks, in dem die Sorgen der 1930er Jahre in unserer aktuellen Welt […] wiederaufleben“. Mit anderen Romanen Pynchons wie Die Versteigerung von No. 49, Natürliche Mängel oder Bleeding Edge könne Schattennummer qualitativ durchaus mithalten.[11] Leo Robson kritisiert, dass sich Pynchon in Schattennummer allzu großzügig bei seinen bisherigen Werken bediene. Insgesamt biete das Buch des 88-Jährigen vor allem ein Anlass, die früheren Erfolge „des vielleicht herausragendsten amerikanischen Romanciers seit Faulkner zu feiern“.[4]
Ausgaben
- Thomas Pynchon: Shadow Ticket. Penguin Press, London 2025, ISBN 978-1-59420-610-8.
- Thomas Pynchon: Schattennummer. Deutsche Übersetzung von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren. Rowohlt, Berlin 2025, ISBN 978-3-498-00822-2.
Weblinks
- Shadow Ticket im Pynchonwiki.
- Thomas Pynchon: Schattennummer. Roman. Perlentaucher, Oktober 2025.