Scherenbrille

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Die Scherenbrille (auch Gabelbrille) war eine von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchliche Brillenform zum manuellen Vorhalten; sie bildet den Übergang des gestielten Einglases hin zur binokularen Lorgnette. Ebenfalls war die Scherenbrille Nachfolger der auch teilweise vorhaltend genutzten Niet- und Bügelbrillen. Vorgänger waren somit alle seit dem 13. Jahrhundert zum Vorhalten benutzten Brillenarten. Obwohl es bereits verschiedene Arten von Nasenklemmern und auch die Ohrenbrille mit festem Sitz am Kopf gab, bestand weiterhin ein Bedürfnis nach Brillen für eine nur kurzfristige Nutzung und, der Eitelkeit geschuldet, ein möglichst leichtes und schnelles verbergen. Zudem gab es in der Zeit um 1800 noch Augenärzte, die vom dauerhaften Brille tragen abrieten[1][2]. Der Vorteil einer Scherenbrille lag im kurzzeitigen Benutzen und dem anschließenden verkleinern und schnellen Verbergen durch Zusammenklappen der Stiele. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es mit der Lorgnette einen nun seitlich gehaltenen Nachfolger.

Schnelle Fakten
Scherenbrille
Kategorien faltbare Brillen,
Vorhaltebrillen
Zeit 18. bis 19. Jh.
Region westliches Europa
Vorgänger gestieltes Einglas, Nietbrille
Nachfolger Lorgnette
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Scherenbrille bezeichnet alle Brillen, bei denen die Stiele der gefassten Gläser die Nase umgreifen, nach unten konvergieren und sich unter der Nase zu einem Griff vereinigen. Die Scherenbrille hielt man, im Gegensatz zur Nietbrille, von unten vor die Augen. Eine beliebte Variante der Scherenbrille hat ein integriertes Etui als Haltegriff und ähnelt aufgeklappt der Form einer Schere,[3] was der Brille den Namen gab. Verwendete Materialien waren Eisen, Messing, Nickel, Horn, Schildpatt, Elfenbein oder Perlmutt. Besonders edle Modelle waren versilbert, vergoldet, komplett aus Silber oder Goldlegierungen. Während schlichte Modelle ohne kunstvolles Decor auf alten zeithistorischen Darstellungen überwiegen, dominieren in heutigen Brillensammlungen die edlen Varianten.

Scherenbrillen wurden erstmals um 1750 in Deutschland hergestellt. Der Leipziger Universitäts-Optiker und -Mechaniker Samuel Gottlieb Hoffmann (1726–1801) bewarb und verkaufte diverse Scherenbrillengestelle. Im Jahr 1780 beantragte und erhielt der Londoner Optiker George Adams ein Patent für eine Scherenbrille. Scherenbrillen waren besonders in Frankreich, aber auch in Deutschland, den Niederlanden und England beliebt. Überliefert ist, dass Johann Wolfgang von Goethe, Christoph Martin Wieland und auch Jérôme Bonaparte Scherenbrillen besaßen. (Quellen: [4][5][6][7][8][9][10])

Historische Darstellungen von Scherenbrillen

1823 Louis-Léopold Boilly „Les amateurs de tableaux“
  • 1794/95 Adriaan de Lelie, NL, De kunstgalerij van Jan Gildemeester Jansz. [siehe oben]
  • 1795–99 Jean-Baptiste Isabey, Paris, „The Little Coblentz“, satirical lithograph.[11]
  • um 1796 Gabriel Sculp, Frankreich, „Le déjeuner“. [siehe unten]
  • 1805 Thomas Rowlandson, London, „Antiquare im griechischen Pub“.[12]
  • 1810 Thomas Rowlandson, London, „Schaulustige in der Rue du Coq in Paris“.[13]
  • 1811 Thomas Rowlandson, London, „Französischer Zahnarzt und sein Werk“.[14]
  • 1812 Friedrich Carl Gröger, Hamburg, Porträt Herr Gebauer. [siehe oben]
  • 1815–1821 E.T.A. Hoffmann, Berlin, Karikatur von drei Herren und einer Dame.[15]
  • 1820 Louis-Léopold Boilly, Paris, „Les Lunettes“. [siehe oben]
  • 1820–30 Henry-Bonaventure Monnier, Paris, „Print Dealer“, Dame mit Scherenbrille.[16]
  • 1823 Louis-Léopold Boilly, Paris, „Les amateurs de tableaux“. [siehe rechts]
  • 1835 Charles Malos „Almanach des Spectacles“, Schauspieler Charles Gabriel Potier mit Scherenbrille.[17]

Ausländische Bezeichnungen

  • England: „scissors glasses“ = Scheren-Brille
  • Niederlande: „schaarbril“ = Scheren-Brille
  • Frankreich: „Binocles-Ciseaux“ = Scheren-Brille, auch als „besicles clouantes“ (Nietbrille) bezeichnet
  • Katalonien (Spanien): „Ulleres de tisora“ = Scheren-Brille
  • Italien: „Fassamano a forbice“ = eine mit Hand gehaltene Fassung in Scherenform

Scherenbrille als Modeaccessoires

1796, das Binocle d'Incroyable der Incroyablen bzw. Merveilleusen

Nachdem man während der Französischen Revolution den Adel zur Guillotine geführt hatte, kopierte vor allem die Jugend in Paris deren Stil und dekadente Lebensart (ab etwa 1794). Sie nannten sich Incroyable bzw. Merveilleuse oder Jeunesse dorée und rebellierten gegen den blutigen Teil der Revolution. Ein wichtiges Requisit war dabei, neben gestielten Eingläsern, die Scherenbrille, das 'Binocle d'Incroyable', die dadurch Beliebtheit in Frankreich erfuhr. Die Scherenbrille minderte nicht nur eine Sehschwäche, sondern diente zumindest in Frankreich als Modeaccessoire.

Auch die zwischen 1795 und 1799 entstandene satirische Lithographie von Jean Baptiste Isabey „The Little Coblentz“[18] bezieht sich auf die französische Revolution. Die Szene persifliert Revolutions-Emigranten in Koblenz, deren modische und aufwendige Kleidung und zeigt eine Scherenbrille.

Commons: Scherenbrille – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Siehe auch

Einzelnachweise

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