Schloss Fachsenfeld
Schloss in Baden-Württemberg, Deutschland
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Schloss Fachsenfeld ist ein im 16. Jahrhundert errichtetes Renaissance-Schloss im Aalener Stadtbezirk Fachsenfeld im Ostalbkreis, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im klassizistischen Stil italienischer Landhäuser umgebaut und erweitert wurde. Zum Schloss gehört ein 7,8 Hektar großer Landschaftsgarten.

Geschichte
Mittelalterliche Anfänge
1230 wurde mit Heinrich von Fachsenfeld erstmals ein staufischer Gefolgsmann dieses Namens urkundlich erwähnt. In nachstaufischer Zeit stand Fachsenfeld zunächst unter der Herrschaft der Grafen von Oettingen, bevor es 1401 an das Haus Woellwarth-Laubach gelangte.[1][2] Georg Sigmund von Woellwarth († 1556) ließ dort 1540 ein größeres Gebäude errichten, das wohl auch schon über einen größeren Garten verfügte.[3.1][4.1]
Renaissanceschloss

Sein Sohn Hans Sigmund von Woellwarth (1546–1622) ließ dort um 1567 ein Renaissanceschloss bauen.[5][4.1] Nachdem er 1569 in seiner Herrschaft die Reformation eingeführt hatte, stiftete er 1591 die Fachsenfelder Pfarrkirche, eine der ältesten evangelischen Kirchen des Landes.[3.2] An der nördlichen Langhauswand dieser Chorturmkirche nach mittelalterlichem Vorbild befindet sich sein Epitaph.[1][3.3]
Im Dreißigjährigen Krieg verlor Kaspar von Woellwarth das Schloss 1634 an den Hoch- und Deutschmeister Johann Kaspar von Stadion, erhielt es jedoch vier Jahre später zurück.[2] An Weihnachten 1699 brannte das Schloss nieder. Bis 1710 wurde es aus finanziellen Gründen nur in vereinfachter Form wieder aufgebaut.[6.1][4.2]
Übergang an die Familien Varnbüler und Koenig

1813 ging der Besitz von Heinrich Wilhelm von Woellwarth auf seinen Schwiegersohn Karl von Varnbüler über, den späteren württembergischen Finanzminister, der mit Friederike von Woellwarth, der einzigen Tochter des letzten Fachsenfelder Schlossherrn aus der Familie Woellwarth, verheiratet war.[6.1]
Dessen Tochter Sofie Ernestine von Varnbüler heiratete 1826 den Stuttgarter Justizrat Wilhelm von Koenig, der das Schloss im folgenden Jahr von seinem Schwiegervater erwarb.[2][4.2] Nachdem Wilhelm im Jahre 1829 zusammen mit seinem jüngeren Bruder Friedrich August Karl von Koenig (1800–1889) auch noch das deutlich größere Renaissanceschloss Warthausen bei Biberach gekauft hatte,[7] führte er den Namen „von Koenig-Warthausen“. Das Schloss Warthausen befand sich bis 1985 im Besitz der von Friedrich August Karl begründeten Seitenlinie der Freiherren Koenig von und zu Warthausen.
Klassizistische Umgestaltung mit englischem Landschaftsgarten
Zu Beginn der folgenden knapp 170 Jahre, in denen das Schloss Fachsenfeld den Freiherren von Koenig gehörte, wurde das inzwischen instandsetzungsbedürftige Renaissanceschloss in ein klassizistisches Schloss umgestaltet und um einen englischen Landschaftsgarten erweitert. Die Familie nannte sich ab der nächsten Generation im Unterschied zur Warthausener Seitenlinie „von Koenig-Fachsenfeld“. Über vier Generationen blieb das Schloss in ihrem Besitz, bis es Ende des 20. Jahrhunderts an eine Stiftung überging und heute der Öffentlichkeit zugänglich ist.
Wilhelm von Koenig-Warthausen

Zwischen 1829 und 1831 ließ Wilhelm von Koenig-Warthausen (1793–1879) das notleidende Hauptgebäude instand setzen. Ab 1837 entstand anstelle der bisherigen Scheune das heutige Ökonomiegebäude. Nach 1839 baute er unter Verwendung der alten Grundmauern[6.1] das heutige Schloss im schlichten klassizistischen Stil italienischer Landhäuser[4.3] und vergrößerte es durch Anbauten.
Mittels eines zweistöckigen Anbaus an Süd- und Westseite erhielt das Schloss einen Gartensaal (1839), Jagdzimmer, Speisezimmer (beide 1844) und schließlich den Hauptsaal (1846), den Wilhelms Enkel Franz von Koenig sechzig Jahre später zur Bibliothek im Jugendstil umbauen lassen sollte. Auf das Dach wurde ein Belvedere gebaut, eine Aussichtsterrasse mit Blick auf den Schlosspark. 1859 war der Ausbau außen wie innen vollendet.[4.4][8]

Gleichzeitig wurde das östlich angrenzende Gelände vom königlich-württembergischen Oberhofgärtner Johann Wilhelm Bosch in einen englischen Landschaftsgarten verwandelt. Zum gärtnerisch-landwirtschaftlichen Experimentieren entstanden eine Streuobstwiese und ein Kartoffelfeld. Der Erholung dienten Sitzeinheiten und ein kleiner Teich.[4.5] Das Gelände für den neuen Park wurde damals durch Zukäufe von 4,6 auf 7,8 Hektar vergrößert.[6.2]
Ferdinand von Koenig-Fachsenfeld
Bereits Wilhelm von Koenig-Warthausen betätigte sich als leidenschaftlicher Sammler von Porzellan, Gemälden, Grafiken und Büchern. Sein Sohn Ferdinand Freiherr von Koenig-Fachsenfeld (1834–1900), der im Alter von dreißig Jahren im Rang eines Rittmeisters aus der österreichischen Kaiserlichen und Königlichen Armee ausschied, lebte anschließend als Privatier auf Schloss Fachsenfeld. Er führte die Sammlertradition der Familie fort, widmete sich jedoch besonders der Jagd. Auf ihn geht die bis heute im Jagdzimmer des Schlosses erhaltene Geweihsammlung zurück.[4.6]
Franz von Koenig-Fachsenfeld
Nach Ferdinands Tod übernahm dessen Sohn Franz Freiherr von Koenig-Fachsenfeld (1866–1918) das Schloss. Der promovierte Jurist im württembergischen Staatsdienst ließ 1905 und 1907 im ehemaligen großen Saal eine Bibliothek im Jugendstil einrichten. Darüber hinaus begründete er eine Sammlung schwäbischer Impressionisten, darunter Werke von Hermann Pleuer. 1916 wurde das Schloss auf seine Initiative hin an das Elektrizitätsnetz angeschlossen; daran erinnert noch heute ein historischer Stromkasten.[4.7][9]
Reinhard von Koenig-Fachsenfeld

Reinhard Freiherr von Koenig-Fachsenfeld (1899–1992), der Sohn von Franz und Urenkel von Wilhelm von Koenig-Warthausen, verfolgte mit großem Interesse die technischen Innovationen der Luft- und Fahrzeugtechnik und begann bereits in den 1920er Jahren mit eigenen ingenieurtechnischen Experimenten. Sein zentrales Anliegen bestand darin, aerodynamische Erkenntnisse aus der Luftfahrt auf den Automobilbau zu übertragen. Zunächst selbst begeisterter Rennfahrer, entwickelte Reinhard von Koenig-Fachsenfeld seit Mitte der 1920er Jahre strömungsgünstige Karosserien, unter anderem für Manfred von Brauchitsch. Mit dem von Koenig-Fachsenfeld umgebauten Mercedes-Benz SSKL gewann von Brauchitsch 1932 das ADAC-Rennen auf der AVUS in Berlin. Damit begann der internationale Erfolg der aerodynamisch optimierten „Silberpfeile“.[4.6]
Reinhard von Koenig-Fachsenfeld gründete 1982 als letzter Nachkomme seiner Linie die „Stiftung Schloss Fachsenfeld“ als gemeinnützige Stiftung. Diese hat den Auftrag, das Schloss und den Park zu erhalten und für die Bevölkerung zu öffnen. Zudem soll sie Schloss Fachsenfeld als überregional bedeutsamen Kulturstandort etablieren sowie die Verbindung zur Kunst, Wissenschaft, Technik und Natur fördern.[10]
Mit dem Tod Reinhards im Jahre 1992 endete die Ära der Freiherren von Koenig-Fachsenfeld. Seit 1999 ist das Schloss für die Öffentlichkeit zugänglich.[4.8]
Ausstattung
Schloss und Nebengebäude



Im Schloss, dessen Inneres individuell oder im Rahmen von Führungen besichtigt werden kann, befinden sich vollständig erhaltene und renovierte Zimmer in ihrer historischen Möblierung. Im Erdgeschoss informieren Tafeln über die einzelnen Räume:
- Herrenzimmer mit Porträts von Wilhelm von Koenig-Warthausen (um 1838) und seiner Ehefrau Sofie Ernestine (um 1828) an der Stirnwand.
- Terrassenzimmer, das morgens als Frühstückszimmer und nachmittags als Spielzimmer genutzt wurde.
- Kleines Speisezimmer mit Mobiliar und Speiseservice aus dem Jahr 1864 im Stil des Historismus.
- Gartensaal („Goldener Salon“), der größte Raum des Schlosses, mit Porträts von Ferdinand von Koenig-Fachsenfeld und seiner Ehefrau Anna (um 1868) an der Stirnseite sowie Eichenmobiliar aus dem Jahr 1875 im Stil des Historismus. Der Raum dient heute als repräsentativer Trauraum.
- Jagdzimmer, das Ferdinand von Koenig-Fachsenfeld mit Gewehrschrank und Jagdtrophäen ausstatten ließ.
- Großes Speisezimmer, das bei Gästebesuchen genutzt wurde. Der Tisch wurde mit einem 122-teiligen Speiseservice aus englischem Porzellan aus dem Jahr 1875 gedeckt. An der Wand stehen „Ulmer Schränke“ aus dem 17. Jahrhundert.
- Jugendstil-Bibliothek, die 1903 von Franz von Koenig-Fachsenfeld eingerichtet wurde. Tische und Stühle entwarf er selbst. Sie gilt laut Informationstafel als die originalste Jugendstil-Bibliothek in Deutschland.
- Küche, der älteste Raum des Schlosses mit einem Steinfußboden aus dem 17. Jahrhundert, die bis 1992 genutzt wurde.
- Dauerausstellung zur Fahrzeugaerodynamik mit Filmvorführraum sowie einem Raum mit zwei Oldtimern, die von Reinhard von Koenig-Fachsenfeld konstruiert wurden. Eines davon ist ein Rennwagen auf Basis des DKW F 1 mit aerodynamischer Karosserie aus Aluminium, der im November 1931 mit einer Spitzengeschwindigkeit von 140 km/h auf der Rennbahn Montlhéry bei Paris vier Weltrekorde erreichte und 2020 als Leihgabe im Museum für sächsische Fahrzeuge in Chemnitz ausgestellt war.[11] Das andere ist ein ebenfalls aerodynamisch gestalteter Doppelrumpfwagen aus Aluminium, dessen Konstruktionsprinzip 1941 patentiert wurde.
Das erste Obergeschoss des Schlosses wird für regelmäßig wechselnde Sonderausstellungen genutzt. Im zweiten Obergeschoss, das von außen an den kleineren Fenstern zu erkennen ist, befinden sich zahlreiche weitere original möblierte Schlaf- und Wohnräume sowie ein Bad; anders als im Erdgeschoss sind sie nicht mit Informationstafeln versehen. Darüber liegt der Dachboden mit dem Aufgang zum Belvedere.
Nördlich vom Schloss befindet sich das Ökonomiegebäude von 1837, das von der Stiftung restauriert wurde und heute als Kultur- und Veranstaltungsraum dient.
Östlich vom Schloss befindet sich eine aus dem Jahr 1827 stammende, in ihrer ursprünglichen Form erhaltene Voliere, in der heute noch Pfauentauben gehalten werden.[6.3]
Schlosspark

Der Schlosspark kann individuell oder im Rahmen von Führungen besichtigt werden; zudem dient er als Spielstätte für Theaterinszenierungen unter freiem Himmel. Er erstreckt sich östlich des Schlosses und bildet mit der rund 2,6 Kilometer Luftlinie entfernten Burg Niederalfingen eine ausgeprägte historische Sichtachse. Als Landschaftspark angelegt, fügt er sich in das Tal des Steinbachs ein, der weiter talabwärts in den Kocher mündet. Der Park umfasst eine Fläche von knapp acht Hektar und zeichnet sich durch einen alten, überwiegend heimischen Baumbestand aus. Zwischen dem heutigen Eingang und dem etwa 400 Meter vom Schloss entfernten „Hinteren Tor“, dem früheren Hauptzugang am unteren Ende des Parks, besteht ein Höhenunterschied von rund 40 Metern.[6.4] Zum ältesten Baumbestand gehören eine 1851 gepflanzte Blutbuche am Südufer des Teiches[6.5] sowie ein 1864 gepflanzter Riesenmammutbaum.[6.3]
Rappendenkmal


Im Schlosspark befindet sich etwas abseits ein Pferdedenkmal (→ Lage), das Wilhelm von Koenig-Warthausen dort 1862 errichten ließ. Das Denkmal besteht aus einem steinernen Sockel auf rechteckiger Bodenplatte. Darauf stehen zwei Säulen, die eine Steinplatte mit einem gesattelten, nach Osten blickenden Pferd tragen.
Am Sockel befindet sich die Inschrift „Frhr. Wilh. Friedr. v. König Warth. Seinem Reitpferd in den Feldzügen von 1812 u. 1813“. Das Denkmal erinnert an den Rappen, der Wilhelm von Koenig-Warthausen während des Napoleonischen Russlandfeldzugs 1812, an dem er als Leutnant im Verband der württembergischen Truppen teilnahm, das Leben gerettet hat. Als sich die Armee im November 1812 geschlagen auf dem Rückzug befand, musste sie den Fluss Beresina im heutigen Belarus überqueren. Von russischen Kosaken verfolgt, suchte das Heer die einzige Brücke weit und breit zu erreichen. Kurz davor wurden Wilhelm von Koenig-Warthausen und sein Pferd von Flüchtenden eingekeilt. Als unmittelbar vor ihnen zwei Soldaten mit ihren Ponys stürzten, sprang der Rappe geistesgegenwärtig über sie hinweg; Pferd und Reiter wurden anschließend vom Menschenstrom über die Brücke gedrängt.[4.9]
Die gusseiserne Skulptur (75 × 57 × 18,5 cm) steht auf einem Postament aus Sandstein, das ohne Bodenplatte 165 cm hoch ist[12] und ursprünglich gelb, später rot bemalt war.[4.6]
In die obere Steinplatte sind die Orte der Schlacht bei Smolensk (August 1812), des Einzugs in Moskau (September 1812), der Kämpfe an der Beresina (November 1812), bei Bautzen (Mai 1813) und Jüterbog (September 1813) sowie der Völkerschlacht bei Leipzig (Oktober 1813) eingraviert.
Auf der Rückseite des Sockels befindet sich – heute kaum noch entzifferbar – die Inschrift zum Sterbejahr des Pferdes: „Gest. in seinem 33. Jahre 1839 zu Fachsenfeld nach 6jaehrigem Ruhestand“.[12]
Der Entwurf des Rappendenkmals in seiner bescheidenen Monumentalität[12] stammt von Hofbaumeister Ludwig von Zanth, dem Erbauer der Stuttgarter Wilhelma. Carl Martin Ebersberg modellierte das Pferd, den Kunstguss führte das Hüttenwerk Wasseralfingen aus.[6.6]
Skulpturen von Karl Ulrich Nuss
Seit 2020 befinden sich im Schlosspark rund dreißig Skulpturen des Bildhauers Karl Ulrich Nuss. Die an verschiedenen Stellen des Parks aufgestellten Werke umfassen figürliche und symbolhafte Arbeiten. Zu ihnen zählt auch eine kreisförmige Anordnung von zwölf Skulpturen zur Darstellung der Tierkreiszeichen. Die Skulpturen ergänzen den historischen Bestand der Parkanlage um zeitgenössische Kunst.[13]
- Nordseite des Schlosses
- Gartensaal („Goldener Salon“)
- Jagdzimmer
- Jugendstil-Bibliothek
- Doppelrumpfwagen im der Dauerausstellung zur Fahrzeugaerodynamik
- Burg Niederalfingen vom Schloss Fachsenfeld aus gesehen
- Riesenmammutbaum aus dem Jahr 1864, im Hintergrund der Turm der Fachsenfelder Pfarrkirche
Literatur
- Wilhelm Koch: Der Schloßpark in Fachsenfeld. In: Aalener Jahrbuch 1984, S. 196–210, auf aalen.de.
- Alois Schubert: Hans Sigmund von Woellwarth (1546-1622). Versuch eines Lebensbildes. In: Aalener Jahrbuch 1992, S. 23–68, auf aalen.de.
- Georg Wendt: Schloss Fachsenfeld und seine Bewohner. Eine historische Einführung (1540-1992). In: Aalener Jahrbuch Online, 2022, S. 1–11, auf aalen.de.