Schloss Kalsdorf
Das Schloss Kalsdorf steht im Ort Kalsdorf bei Ilz in der Marktgemeinde Ilz in der Steiermark.
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Das Schloss Kalsdorf steht im Ort Kalsdorf bei Ilz in der Marktgemeinde Ilz in der Steiermark. Die Anlage geht auf einen vermutlich im 12. Jahrhundert errichteten Wehrturm zurück und entwickelte sich im Spätmittelalter zu einem adeligen Gutshof sowie im 16. Jahrhundert zu einem repräsentativen Renaissanceschloss.


Über Jahrhunderte war das Schloss Sitz verschiedener Adelsfamilien, darunter die Herbersdorfer, Wildenstein und Czeicke, die die Anlage mehrfach ausbauten und wirtschaftlich prägten. Zeitweise war Kalsdorf ein regionales Zentrum des Protestantismus in der Oststeiermark.
Nach einem Brand im Jahr 1945 wurde das Schloss teilweise wiederaufgebaut. Seit 1975 befindet es sich im Besitz des Landes Steiermark und wird kulturell genutzt. Das Schloss steht unter Denkmalschutz (Listeneintrag).
Geschichte
Hochmittelalterliche Anfänge
An der Stelle des heutigen Schlosses bestand vermutlich bereits Mitte des 12. Jahrhunderts ein erster Wehrbau, der im Zusammenhang mit der Sicherung der Grenze gegen ungarische Einfälle errichtet wurde. Um das Jahr 1160 stand auf der kleinen Anhöhe zwischen dem Ilz- und Feistritztal bereits ein Turm. Dieser befand sich im Besitz von Karl von Hohenberg, einem Ministerialen der Wildoner. Seine Funktion wird mit der Überwachung der nahegelegenen Festung Fürstenfeld in Verbindung gebracht.[1]
Gut Challenstorf
Im 13. Jahrhundert gelangte Kalsdorf in den Lehensbesitz der Hager, welche mit der Kolonisierung der Umgebung betraut waren. Der Turm dürfte zu dieser Zeit bereits nicht mehr bestanden haben, da die Hager auf einem befestigten Gutshof ansässig waren. 1366 ist der Besitz unter Hans Hager als „Challenstorf“ belegt. Kurz darauf gelangte der Hof an die mit den Hager verwandten Pessnitzer. 1419 verkaufte Ulrich Pessnitzer den Besitz an Niklas Hebersdorf.[1]
Die Herbersdorfer (1419–1630)
Vom Gutshof zum Schloss
Unter Niklas Herbersdorf wurde der ehemalige Gutshof zu einem repräsentativen adeligen Wohnsitz ausgebaut. Unmittelbar gegenüber befand sich ein zweiter landesfürstlicher Hof, welcher in den Sitz der Herbersdorfer einbezogen wurde. Im Zuge dieser Entwicklung bauten die Herbersdorfer ihre Grundherrschaft in der Region weiter aus und machten Kalsdorf zu einem Sitz mit regionaler Verwaltungs- und Wirtschaftsstruktur. Im Jahr 1548 ließ Franz von Herbersdorf den Nordtrakt und den Brunnen errichten und schuf so eine stattliche Wehranlage, um sich gegen mögliche Angriffe des Osmanischen Reiches zu wappnen. Im zweiten Stock ober einer Tür, im ältesten Teil des Schlosses, befindet sich ein mit dem farbigen Wappen der Herbersdorfer geschmückter Stein, der die Inschrift trägt: „Herr Franz Herberstorf und seine Hausfrau Elisabeth Herberstein haben das Haws und prunn von newen gepaudt und angefangen 1548“. Nach Franz‘ Tod erbte sein Sohn Otto (* 1551) das Schloss.[2]
Reformation und Gegenreformation
Unter Otto von Herbersdorf entwickelte sich Kalsdorf in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu einem regionalen Zentrum des Protestantismus in der Oststeiermark. Seit 1553 war in Ilz ein evangelischer Pfarrer tätig. Die konfessionellen Spannungen verschärften sich im Zuge der landesfürstlichen Gegenreformation.[3]
1579 wurde Ottos evangelischer Pfarrer ausgewiesen. Im selben Jahr ließ Herbersdorf das Schloss erweitern und den Westtrakt mit dem markanten Eckturm errichten. Zudem wurde der Südtrakt begonnen. 1585 wurde Ottos Sohn Adam von Hebersdorf geboren. In diesem Jahr begann außerdem der Streit um die Ilzer Pfarre. 1589 wurde in Ilz gewaltsam ein katholischer Pfarrer eingesetzt. Nachdem evangelischen Untertanen die Bestattung auf dem katholischen Friedhof verweigert worden war, ließ Herbersdorf in Kalsdorf eine eigene protestantische Kirche mit Friedhof erbauen.[4]
Ein erster Versuch landesfürstlicher Stellen, gegen die Kirche vorzugehen, blieb erfolglos. Unter Erzherzog Ferdinand intensivierte sich jedoch die Rekatholisierung in Innerösterreich. Am 9. und 10. Juni 1600 wurde die protestantische Kirche in Kalsdorf von der Reformationskommission zerstört und der Kirchturm gesprengt. Die Zerstörung erfolgte unter militärischer Sicherung durch mehrere hundert Soldaten auf Ansuchen des Bischofs und mit Unterstützung der Pröbste von Pöllau und Vorau. Ende 1601 verstarb Otto von Herbersdorf.[5]
Beim Bocskai-Aufstand im Jahr 1605 hatten die Bauern der Herrschaft Kalsdorf stark zu leiden, das befestigte Schloss konnte aber nicht eingenommen werden. Ottos Sohn und Nachfolger Franz von Herbersdorf musste die Steiermark später wegen seines protestantischen Bekenntnisses verlassen und emigrierte nach Regensburg. 1630 verkaufte er das Schloss, den adeligen Sitz Liboch samt Gütern bei Luttenberg an Barbara Constancia Freiin von Khuenburg, die in zweiter Ehe mit einem Grafen Wildenstein verheiratet war. Auf sie dürfte die der heiligen Barbara geweihte Schlosskapelle zurückgehen.[6]
Die Wildenstein (1645–1840)
Barbara von Khuenburg starb 1645 und die Wildenstein erbten den Besitz.[6] Unter den Grafen Wildenstein wurde ab der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts der Ost- und Südflügel angebaut. Es entstand ein weiterer Eckturm im Südosten. Zum Dank für den Sieg über das osmanische Heer bei St. Gotthard im Jahr 1664 ließ Johann von Wildenstein 1666 die Mariensäule am Hauptplatz in Ilz errichten. Auf dem Vischer-Stich von 1681 war der Bau des Schlosses vollendet und hatte ausgedehnte Befestigungsanlagen an der Südseite.[7]

Herrschaft und Wirtschaft
Burgfried und Gerichtsbarkeit
Der Burgfried Kalsdorf umfasste Kalsdorf, Ilz, Neudorf, Hainfeld, Radersdorf, Reigersberg, Walkersdorf, den größten Teil von Gschmaier, Herrnberg, Sacherberg, Spitzberg, Schillegg und Heuberg. Eine genaue Grenzziehung war nicht festgelegt. Innerhalb dieses Gebietes übten die Grundherren die grundherrliche Gerichtsbarkeit aus.[8]
Langerichtliche Verbrecher durften ohne Zustimmung der Herrschaft weder festgenommen noch abgeführt werden. Straftäter aus dem Raum Kalsdorf und Ilz wurden im Pichlmüller’schen Graben, jene aus dem Burgfried Liboch im Bereich Maierhofen dem Landgericht Fürstenfeld übergeben.[8]
Die Untertanen waren zu Abgaben (Zins in Geld und Naturalien) sowie zu Robotleistungen (Arbeitsdienste) verpflichtet.[9]
Landwirtschaft, Weinbau und Bergrechte
Der Bezirk Kalsdorf grenzte im Norden an die Bezirke Herberstein, Feistritz und Neudau, im Osten an die Kommende Fürstenfeld, im Süden an Welsdorf, Riegersburg und Kornberg, sowie im Westen an Freiberg.[10]
Die Herrschaft verfügte über ausgedehnte Grund- und Bergrechte. Neben mehreren Zinsämtern bestanden sogenannte Bergämter, die vor allem Weinbaugebiete verwalteten. Diese lagen sowohl in der Oststeiermark als auch im Gebiet zwischen Mur und Drau. Die zugehörigen Untertanen, die sogenannten Bergholden, bewirtschafteten zahlreiche Weingärten in verschiedenen Lagen. Zum direkten Besitz der Herrschaft zählten unter anderem Weingärten in Altenberg, Jerusalem und Eisentür. Der Wein wurde in den Kellern des Schlosses gelagert und regelmäßig versteigert.[9]
Wirtschaftsbetriebe und Infrastruktur
Zum Besitz der Herrschaft gehörten außerdem landwirtschaftliche Flächen, Wirtschaftsgebäude, drei Mühlen sowie eine 1797 bewilligte Brauerei. Gegenüber der Brauerei befand sich ein Gasthaus, das noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrieben wurde.[11]
Der Sitz Liboch bei Großwilfersdorf war mit der Herrschaft Kalsdorf vereint. Zu Liboch gehörte die Hofmühle in Großwilfersdorf.[11]
Krise und Ende der Grundherrschaft
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam es zu einem Aufstand der Untertanen gegen die Zahlung überhöhter Abgaben und des Zehents.[1]
Unter Johann von Wildenstein geriet die Herrschaft 1839 in Konkurs und wurde unter Sequester gestellt. Die Verwaltung erfolgte in der Folge durch Pächter. 1840 erwarb Johann Michael Zach die Herrschaft, 1843 Ignaz Oblak dem 1846 Josef Ritter von Ulheim folgte.[12]
Im Jahr 1846 umfasste der Bezirk Kalsdorf 29 Ortschaften mit über 7.600 Einwohnern. Mit dem Revolutionsjahr 1848 endete die Grundherrschaft.[13]
Familie Czeicke (1864–1975)
1864 gelangte Schloss Kalsdorf in den Besitz von Anton Czeicke aus Majcekowitz bei Troppau. Die Familie blieb bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts Eigentümer des Schlosses.[12]
Nach dem Brand der ehemaligen Brauerei im Jahr 1876 soll die damalige Schlossherrin Cajetan Czeicke die Gründung einer Feuerwehr angeregt haben. In der Folge wurde 1877 unter Kommandant Adolf Czeicke die Freiwillige Feuerwehr Schloss Kalsdorf gegründet. 1900 entstand in Neudorf ein eigenes Rüsthaus. Nach einem Streit um die Führung trennten sich 1926 die Feuerwehren von Kalsdorf und Neudorf.[14]
Während des Zweiten Weltkriegs wurden im Schloss sowjetische Kriegsgefangene untergebracht. Am 8. Mai 1945 wurde das Schloss von der Roten Armee in Brand gesetzt. Dabei brannte der Ost- und Südflügel zwischen Kapelle und Schlosstor vollständig aus.[8]
Der Wiederaufbau begann 1947, wobei der Ostflügel unbewohnt blieb. Nach dem Tod der letzten Eigentümerin Stephanie Czeicke 1975 ging das Schloss testamentarisch in den Besitz des Landes Steiermark über.[1]
Land Steiermark (seit 1975)
Seit 1975 steht Schloss Kalsdorf im Eigentum des Landes Steiermark. Es wurde in der Folge für unterschiedliche Nutzungen herangezogen.[1]
Im angrenzenden Meierhof wurde 1981 eine Rinderzucht-Versuchsanstalt des Landes eingerichtet.[1]
Seit 1994 wird das Schloss vom Galeristen Helmut Reinisch gepachtet. Er revitalisierte die Schlossruine und schuf einen Veranstaltungsort für zeitgenössische Kunst und authentischen Nomadenteppichen.
Der Künstler Harmut Skerbisch lebte und arbeitete bis zu seinem Tod 2009 im Schloss. Im Schlosspark errichtete er zwischen 2006 und 2008 die Skulptur Sphäre, eine Konstruktion aus sechs Ringen im Verhältnis des Goldenen Schnitts, die ein Viermillionstel des Erddurchmessers entsprechen.[15]
Seit 2024 bietet das Schloss voll ausgestattete Ferienapartments an.[16]
Architektur
Schlossanlage
Der dreigeschoßige Vierflügelbau hat einen quadratischen Innenhof. Die zweigeschoßigen Hofarkaden stehen im Erdgeschoß auf Mauerpfeilern und im Obergeschoß auf schlanken Steinsäulen. Der Ostflügel hat eine dreigeschoßige Pfeilerarkade im Hof, der Südflügel hat zwei vorspringende Ecktürme mit Pyramidendächern und ein Hauptportal mit dem Wappenstein der Familie Herbersdorfer-Lengheim.[7]
Die der heiligen Barbara geweihte Schlosskapelle in der Nordostecke springt mit ihrer Apsis deutlich nach außen und mit ihrem quadratischen Turm in den Hof vor.[7]
Befestigungsanlagen
Geländemäßig war der ursprüngliche Wehrbau nicht gut geschützt, so dass er mit einer Mauer und einem breiten Wassergraben umgeben wurde. Im 16. und 17. Jahrhundert wurden dem erneuerten Schloss an allen Seiten starke Bastionen vorgelagert. Von diesen einstigen Befestigungsanlagen sind heute kaum noch Spuren zu sehen. An ihrer Stelle erstreckt sich ein Park.[1]
Innenräume und Ausstattung
Im Westflügel liegt ein großer Saal mit einer originellen Stuckdecke aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Auch die Stuckdecke und der Hochaltar der Kapelle stammen aus dieser Zeit.[7]
Kleindenkmäler
Zwei steinerne Löwen, die sich ursprünglich seitlich des Stiegenaufganges des Hauses Mariahilfer Straße Nr. 1 in Graz, später vor der ehemaligen Thomaskapelle auf dem Grazer Schloßberg befanden, kamen zum Schloss Kalsdorf.[7] Ein steinerner Löwe steht heute bei der Landwirtschaftlichen Fachschule Hatzendorf. Der zweite Löwe befindet sich im Universalmuseum Joanneum in Graz.
An der Schlosszufahrt befindet sich ein gemauerter dreieckiger Nischenbildstock aus dem 18. Jahrhundert. Die darin befindliche Marienfigur wurde 1970 gestohlen.[7]
Literatur
- Die Kunstdenkmäler Österreichs. Dehio Steiermark (ohne Graz) 1982. Kalsdorf bei Ilz, Schloss, S. 205.
- Karl Mayr: Ilz. Ein Heimatbuch. Ilz 1965
- Engelbert Kremshofer: Leben, Lieben und Sterben – Geschichte des Wein- und Thermenlandes. Ottendorf 1994
- Peter Krenn: Die Oststeiermark. Salzburg 1987