Seth (ägyptische Mythologie)

Altägyptischer Gott der Wüsten, des Windes und der Dürren From Wikipedia, the free encyclopedia

Seth (auch Setech, Sutech und Sutah) ist eine Gottheit der altägyptischen Mythologie.[2] Er war der Gott der Wüsten, der Dürre und der sengenden Winde. Er war der Schutzpatron der Beduinen und Karawanenhändler. Seine mythologische wie kultische Haupt-Residenz lag bei Ombos.[3] Er galt gemäß neuägyptischer Quellen als der Sohn der Himmelsgöttin Nut und des Erdgottes Geb, sein Sternbild war der Große Wagen, sein Planet der Merkur.[4] Seth hatte mehrere Kultstätten, besonders nahe Oasen und an Küsten, die seit der Prädynastik bestanden und er gehört, neben Horus, Bat und Neith, zu den ältesten Gottheiten der ägyptischen Geschichte.

Schnelle Fakten Hieroglyphen ...
Seth / Setech / Sutech in Hieroglyphen
Frühzeit

später:
E21
N37

Ab der 4. Dynastie (Altes Reich):
S29X1
N37
E20

oder:
S29X1
F32
E20

Stš / Stḫ
Setesch / Setech[1]

Seit dem Mittleren Reich auch:
S29X1
Aa1
C7

oder:
M23G43X1
Aa1
C7

Swtḫ
Sutech[1]

Seit dem Neuen Reich auch:
M23G43X1
Z4
C7

oder:
O34
X1
U33M17C7

Swtj
Suti[1]

Griechisch Σηθ (Seth)[1]
Koptisch Σητ (Sēt)[1]
In keilschriftlicher Überlieferung šutaḫ (Schutach)[1]
Seth mit Was-Zepter und Anch-Zeichen
Schließen

Besonders während der frühdynastischen Epochen bis ins mittlere Alte Reich hinweg genoss Seth große Popularität und galt gemäß der frühen Mythologie als gleichberechtigter Zwillingsbruder von Horus. König Seth-Peribsen widmete ihm gar seinen Namen. Gegen Ende des Alten Reiches aber erfuhr er zunehmend religiöse Anfeindung, bis er ab dem Mittleren Reich als der neidische Onkel von Horus und als Mörder seines Bruders Osiris präsentiert wurde. Seither genoss Seth einen sehr ambivalenten Ruf. Einige Könige aber, wie beispielsweise Sethos I. und Sethos II. sowie Sethnacht, führten dennoch den Namen Seth als Eigennamen. Außerhalb der königlichen Familie trugen zumeist Beamte mit militärischer Funktion diesen Namen und unterstellten sich so seinen körperlichen und magischen Kräften.

In der Spätzeit wurde er immer stärker mit dem Fremdland in Verbindung gebracht und als „unerwünschter“ Gott angesehen. Seine negativen Aspekte hatten schon vorher eine zunehmende Ablehnung hervorgerufen, die unter mehreren Fremdherrschern der Spätzeit schließlich eskalierte. Ab der Perserzeit herrschte gar in vielen Regionen ein Anbetungsverbot. Die antiken Griechen setzten Seth mit ihrem Sturmgott Typhon gleich. In modernen Unterhaltungsmedien wird Seth durchweg als bösartig dargestellt, obwohl dies den Originalquellen widerspricht.

Zum Namen

Etymologie

Es ist heute nicht mehr feststellbar, woher der Name „Seth“ kommt und wie er ursprünglich ausgesprochen wurde. Der Grund dafür liegt darin, dass sein Name von der Prädynastik bis zur Mitte der 2. Dynastie nur mit der Seth-Tier-Hieroglyphe (Gardiner-Zeichen E20, E21 und/oder E21A) geschrieben wurde. Wie das Seth-Tier selbst genannt wurde, ist bis heute unbekannt. Ab der Mitte der 2. Dynastie erschien das erste komplementäre Schriftzeichen, das aber nur eine Transkribierung der Namensendung in š („sch“) erlaubt. Erst ab dem mittleren Alten Reich erscheint ein weiteres komplementäres Schriftzeichen, das eine Transkribierung des Namenanfangs in S (S) ermöglicht. Daher lautet die allgemeine Transkription seines Namens heute Stš oder Swtḫ. Bei der ursprünglichen Aussprache des Namens „Seth“ hilft dies aber nicht. Der moderne Name „Seth“ ist der gräzisierten Namensform entlehnt und spiegelt wohl kaum die Originalaussprache wieder, wird aber aus praktischen Gründen in der ägyptologischen Literatur beibehalten.[5]

Namensvariationen

Bereits gegen Ende des Alten Reiches ist Seths Name in mehreren Variationen überliefert, die aber stets mit dem Determinativ eines sitzenden (seltener schreitenden) Seth-Tieres abschließen. Ab dem Mittleren Reich erscheint sein Name in zahlreichen neuen Variationen, wobei die traditionelle Schreibweise aber nicht aufgegeben, sondern weiterhin parallel dazu verwendet wird. Doch sie alle schließen fast immer mit dem Determinativ eines sitzenden Mannes mit dem Kopf des Seth-Tieres oder mit dem Seth-Tier selbst ab. In den Grab- und Sargtexten wird sein Name mit Hieroglyphen wiedergegeben, die eine sichere Transkribierung als Stš (Setesch), Stḫ (Setech), Swtḫ (Sutech) und ab den Neuen Reich als Stj (Seti) erlauben. Ab der 18. Dynastie findet man noch die Schreibung Swtj (Suti). Die Lesung als Setech wurde ab der hellenistischen Epoche ins Griechische übernommen (gräzisiert) und mit Σηθ (Seth) wiedergegeben. Im Koptischen wurde er Σητ (Sēt) genannt. Babylonische-Keilschrift-Texte übernahmen offenbar die Namensform aus dem Neuen Reich und nennen ihn šutaḫ (Schutach).[5]

Bedeutung

Auch die ursprüngliche Bedeutung von Seths Namen ist verloren gegangen. Die Liste der Vorschläge hierfür ist lang. Hauptproblem ist der bereits erwähnte Umstand, dass für Seths Namen seit der Zweiten Zwischenzeit schier zahllose, leicht bis deutlich abweichende Schreibungen existierten, die ihrerseits ebenso viele Transkriptionsmöglichkeiten bieten. Die Hieroglyphen und Determinative, die in Grab- und Sargtexten zur Schreibung verwendet wurden, erlauben nur vage Übersetzungen, die von „der die Chamsin bringt“, „der sich abwendet“ bis hin zu „er, der ausgrenzt“ reichen. Dabei orientieren sich Ägyptologen wie Linguisten an Verben, die ähnlich aufgebaut sind wie Seths Name, oder die sich in seinen zahlreichen Beinamen finden lassen. Das Problem mit diesen Übersetzungen ist der Umstand, dass besonders die Beinamen aus einer Zeit stammen, als Seth bereits religiös stark angefeindet wurde. Dies hat gewiss die Schreibungen und Deutungen seines Namens negativ beeinflusst. Zu guter Letzt bleibt auch die Möglichkeit, dass die Alten Ägypter ab dem Mittleren Reich selbst nicht mehr so genau wussten, was Seths Name ursprünglich bedeutet hatte.[5]

Darstellungen

Kopf des Seth (Detail einer Statue aus der 20. Dynastie)
Ein Erdferkel

Darstellung als Tier

Es ist heute nicht mehr feststellbar, welche Tierart Seths Darstellung inspirierte. Auch hier ist die Liste der Vorschläge sehr lang. Grund für die Unidentifizierbarkeit ist unter anderem, dass das „Seth-Tier“ (wie es heute der Einfachheit halber genannt wird) bereits in der Prädynastik eine starke künstlerische Stilisierung erfuhr, das heißt, es wurde immer weniger auf naturgetreue Darstellung geachtet, sondern mehr darauf, es von der Natur abzuheben. Das Seth-Tier erscheint in prädynastischen Darstellungen als Vierbeiner mit eher kräftigem Körper, krallenbewehrten Tatzen, stark abwärts gebogener Schnauze und eckig gestutzten Ohren. Der Schwanz steht fast kerzengerade in die Höhe und weist eine merkwürdig gespaltene oder quastenähnliche Spitze auf. Ägyptologen wie Kurt Sethe wollen in dem Schwanz einen Pfeil sehen, der im Gesäß des Tieres steckt. In dieser Zeit wurde es ausschließlich stehend, beziehungsweise schreitend, dargestellt. Ab der 2. Dynastie erscheinen erste Darstellungen des Seth-Tieres in ruhender Pose, ab der Mitte der 3. Dynastie erscheint es auch sitzend. Schon zu dieser Zeit erfuhr das Seth-Tier eine starke Stilisierung und wurde überdies immer schlanker dargestellt. Die auffälligen Tatzen wurden zu einfachen Pfoten reduziert. Auch der Hals wurde etwas länger und er kann ab dem späten Alten Reich so etwas wie Ringe aufweisen.[2]

Zu den favorisierten Tierarten, die Seths Aussehen inspiriert haben könnten, gehören:

  • Nubischer Wildesel (Equus asinus africanus): am häufigsten wird dieser Wildesel vorgeschlagen, weil er in der Frühzeit auch in Ägypten vorkam, in der Wüste lebte und scheu war. Außerdem war (und ist) er für seinen dröhnenden Schrei bekannt.
  • Erdferkel (Orycteropus afer): das am zweithäufigsten genannte Tier. Besonders prädynastische Darstellungen des Seth-Tieres weisen große Ähnlichkeiten zum Erdferkel auf. Ab der 2. Dynastie aber lassen die Ähnlichkeiten rasch nach.
  • Okapi (Okapia johnstoni): An dritter Stelle steht das Okapi, das die Ägypter über Handel mit Nubien kennengelernt haben könnten. Allerdings kommt das Okapi heute nur noch im Kongo-Gebiet vor und es ist fraglich, ob es jemals so weit nördlich bis Nubien gelebt hatte.

Weitere Vorschläge nennen unter anderem: Elefantenrüsselfisch, Elefantenspitzmaus, Giraffe, Windhund oder Pinselohrschwein. Ein weiteres Problem ist der Umstand, dass Seth vor allem ab der Ramessidenzeit auch durch andere, deutlich besser bestimmbare Tierarten dargestellt werden konnte. Dazu zählen besonders Nilpferd, Hausschwein und Nil-Weichschildkröte. In späteren Schriften (besonders Grabinschriften) wurde Seth sogar mit Wanderheuschrecken gleichgesetzt. Auffällig hierbei ist, dass die vier letztgenannten Tiere bei den Ägyptern aufgrund ihrer Eigenart, regelmäßig Gärten und Felder zu verwüsten, oft nicht sehr beliebt waren. Dies schlägt sich bereits in religiösen Texten ab der 6. Dynastie nieder, in denen Seth mehr und mehr angefeindet wird.[2][6]

Aufgrund der anhaltenden Unidentifizierbarkeit sind zwei Theorien entstanden: nach Ansicht von Hans Bonnet war das Seth-Tier schon früh aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden, entweder weil es in neue Lebensräume auswich, oder weil es sogar zwischenzeitlich ausgestorben war. Möglicherweise war es einfach allgemein sehr scheu. Und da man es selten zu Gesicht bekam, verfremdete sich die Darstellung mit der Zeit, so dass sich in dynastischer Zeit eine sehr unähnliche Darstellung als kanonisch entwickelt hatte. Andere, wie zum Beispiel Kurt Sethe, sehen in der Darstellung eine Stigmatisierung: weil der Gott mit vielen negativen Eigenschaften behaftet war, kam es zu einer verzerrten Darstellung und zu einem Pfeil, der im Körper des Tieres steckt. Letztlich ist es ebenso gut möglich, dass bereits während der Prädynastik mehrere Wüstentiere bildlich miteinander verschmolzen und spätere altägyptische Künstler genauso ratlos waren wie die moderne Forschung heute. Herman te Velde und Ian Robert Taylor machen abschließend geltend, dass es bereits den Künstlern der Prädynastik ein Leichtes war, auch Fabelwesen darzustellen und in ihre Alltagskünste zu integrieren: auf der Zwei-Hunde-Palette der Naqada II Epoche beispielsweise erscheinen ein Flötenspieler mit dem Kopf eines esel-ähnlichen Tieres, Schlangenhalspanther und sogar ein geflügelter Greif. Daher sei es wenig überraschend, ein unidentifizierbares Wesen wie das Seth-Tier anzutreffen.[2][6]

Darstellung als Hieroglyphe

Hieroglyphe des Seth (E21) auf einem Relieffragment des Königs Djoser

Seth wird als Schriftzeichen und Ideogramm mit dem Gardiner-Zeichen E20, E21 und E21A dargestellt, denen allen derselbe Lautwert zugesprochen wird. Er wird als Seth-Tier im Seitenprofil und sowohl schreitend, sitzend und/oder ruhend dargestellt. Typisch und auffällig ist hierbei, dass seine Ohren eckige Spitzen haben und stets beide zu sehen sind, entweder gespreizt (das hintere Ohr neigt sich etwas nach vorn, das vordere leicht nach hinten) oder beide etwas nach hinten geneigt. Auch ganz typisch ist sein Schwanz, der immer kerzengerade aufrecht absteht. Auch hier kann der Neigungswinkel variieren. Wie bereits zuvor erwähnt, wird das Seth-Tier ab der 2. Dynastie immer schlanker. Unter Pharao Seth-Peribsen (Mitte der 2. Dynastie) erscheint die Seth-Tier-Hieroglyphe erstmalig mit komplementären Schriftzeichen: Gardiner-Zeichen N27 (ein rechteckiger Teich; Lautwert „ch“), das unter dem Seth-Tier positioniert ist, das Tier erscheint stets in ruhender Pose. Ab dem Alten Reich erscheint zusätzlich das Gardiner-Zeichen S29 (ein Stück gefalteter Stoff; Lautwert „S“), das vor dem Seth-Tier mit Teich steht. Das Gardiner-Sonderzeichen E21B zeigt ein ruhendes Seth-Tier, das auf einer Gold-Hieroglyphe (S12) ruht.[2][6]

Ab dem Mittleren Reich fand das Gardiner-Zeichen C7 als Hieroglyphe und Determinativ Verwendung. Es zeigt einen sitzenden Mann mit dem Kopf des Seth-Tieres. Diese Hieroglyphe gibt es mit zahlreichen, kleineren Abweichungen, bei denen die Figur wahlweise ein Was-Zepter, ein Anch-Symbol oder einen Wurfstock im Schoß hält (C7 A-C). Ab dem Neuen Reich konnte die Seth-Tier-Hieroglyphe auch gänzlich durch eine Esel-Hieroglyphe (E7) ersetzt werden. Diese erschien dann später häufig als Sonderzeichen E7D und E7F die einen gefesselten Wildesel mit Messer im Rücken zeigt.[2][6]

Darstellung als Gott

Klassische Darstellung des Seth als Gottheit

Als anthropomorphe Gottheit wird Seth gesichert seit der 2. Dynastie auf Steingefäßen porträtiert. Er erscheint dort als auffallend dünner Mann mit dem Kopf des Seth-Tieres, sein Körper ist stets frontal dargestellt, sein Kopf erscheint stets im Seitenprofil. In seiner rechten Hand hält er einen langen, schlanken Was-Stab, in der linken Hand hält er wahlweise ein Anch-Symbol oder einen Schen-Ring. Er trägt einen knielangen Rock mit Schurz, sein Oberkörper ist unbekleidet. Figurinen und Statuen zeigen ihn vollständig in Frontalansicht, es sind Standstatuen von ihm in schreitender Pose erhalten und Sitzstatuen.[2][6] In Reliefdarstellungen erscheint Seth getreu dem stilistischen Kanon der Altägyptischen Kunst: Er wird als schlanker, manchmal eher dürrer Mann im Lendenschurz, mit freiem Oberkörper und mit prachtvollem Pektoral abgebildet. Beine und Kopf sind stets im Seitenprofil zu sehen, der Oberkörper von vorn. Fast immer trägt er eine dreigliedrige Haartracht, die dem Nemes-Kopftuch der Könige ähnelt, aber aus geflochtenem Haar besteht. Auf vielen Reliefs des Neuen Reiches wird Seth mit der Doppelkrone Ägyptens (Pschent) gezeigt, so zum Beispiel auf einer Statue des Königs Sesostris I. in El-Lischt aus der 12. Dynastie. Oder in der Andachtskapelle des Haremhab zu Dschabal as-Silsila aus der 18. Dynastie. Eine Abbildung aus dem Tempel zu Tanis aus der 19. Dynastie zeigt Seth sitzend und mit Sonnenscheibe auf dem Kopf.[7]

Seth konnte aber auch als Mann mit dem Kopf eines Wildesels erscheinen. Beispiele finden sich unter anderem im Grab KV17 des Königs Sethos I. aus der 19. Dynastie und im Totentempel des Ramses III. von Medinet Habu aus der 20. Dynastie. Auf der „Stele der Zauberer“ aus der Spätzeit ist Seth als eselköpfiger Gefangener an einer Kette eingraviert. Eine außergewöhnliche Darstellung aus der Spätzeit im Tempel zu Kellis präsentiert Seth mit dem Kopf eines Stiers mit Stier- und Widderhörnern und ausgebreiteten Skarabäusflügeln.[8]

Mythologie

Seth spendet dem Horusnamen von Thutmosis I. Leben

Allgemeine Rolle

Seth wird heute überwiegend negativ, teilweise geradezu als bösartig dargestellt. Dieses Charakterbild zieht sich wie ein roter Faden seit der Ersten Zwischenzeit durch die ägyptische Geschichte und hält bis heute an. Noch in moderner Zeit wird Seth salopp als „Gott des Chaos und der Verderbens“ bezeichnet – dabei war er weder das Eine, noch das Andere. Bevor der Osiris-Mythos und der Mythos vom Thronstreit zwischen Seth und Horus populär wurden, war Seth eine eher wohlwollende und in Ägypten hoch angesehene Gottheit, die Horus in puncto Beliebtheit in nichts nachstand. Seth und Horus galten noch als Gleichberechtigte. Eine allgemeine Rolle als „Bösewicht“ gab es bei den Alten Ägyptern bis zum Ende des Alten Reiches ohnehin nicht: bei ihnen herrschte ein ausgeprägter Dualismusglaube vor, der restlos allen Hauptgöttern gute wie schlechte Eigenarten zusprach, sogar Seths späterem Rivalen Horus. Seths mythologische Rolle galt noch als mindestens genauso wichtig und heilbringend, wie seine lange Kultgeschichte beweist. Er war, wie die anderen Hauptgötter, gewissermaßen noch jenseits von Gut und Böse. Die relativ plötzlich aufgekommenen und zunehmenden Anfeindungen gehen auf eine Zeit zurück, als neue Götter (inklusive deren Kulte) eingeführt wurden und das Alte Reich unterging.[9][10]

Die Ägyptologen Alexandra von Lieven, Ian Robert Taylor und Eugene Cruz-Uribes vermuten, dass der aufkommende Rufmord gegen Seth mit einer langgehegten Fremdenfeindlichkeit seitens der Alten Ägypter einherging und mit der zunehmenden Bedeutung des Osiris-Kults im zweiten Jahrtausend vor Christus zusammenhing: es sei auffällig, dass Seths Popularität proportional zum Wachstum von Osiris‘ Ansehen und Popularität zu- und/oder abnahm. Ein wichtiger Faktor bezüglich Fremdenfeindlichkeit dürfte gewesen sein, dass Ägypten während der Ersten Zwischenzeit von persischen Semitenvölkern überfallen und fremd-beherrscht worden war und dies sich in der ägyptischen Geschichte mehrfach wiederholte. Seth wurde besonders ab dem Mittleren Reich als „der aus der Fremde“ und im Neuen Reich gar als „der Semitische“ bezeichnet. Dies verbanden die Ägypter dann mit den fremdländischen Herrschern im eigenen Land. Die Osiris- und Horusanhänger stellten Seth von jeher in einer negativen Rolle dar, während er in anderen Kontexten in einer günstigeren Rolle dargestellt werden konnte. Im ersten Jahrtausend vor Christus, wie auch in früheren Perioden, war die Darstellung Seths in positiver oder negativer Weise quellenabhängig. Die neueren Auswertungen der Beleglage deuten vielmehr darauf hin, dass ein Verbot gegen Seth erst ab der nachpersischen Zeit vorherrschend und überdies regionen- und kultspezifisch war.[9][10]

Kosmologie

Sandstürme zählen zu den meistgenannten Naturkräften des Seth

Bereits nach frühägyptischem Glauben war Seth der Sturm- und Donnergott der östlichen und westlichen Wüste und Schutzpatron der dort lebenden und reisenden Beduinen und Karawanenhändler. Er wohnte gemäß frühdynastischen Gefäßaufschriften in den Regionen um Ombos und dem Fayyum-Becken. Schon in den Pyramidentexten der 5. und 6. Dynastie wird Seth als „rastlos“ und „unbeherrscht“ beschrieben und mit Naturgewalten wie Chamsin, Sandstürmen, Gewittern und Dürre assoziiert. Er wird aber auch mit sengender Hitze in Verbindung gebracht, die von den Strahlen der Sonne ausgeht. Dies alles sind Gefahren, wie sie ganz natürlich in Wüsten und an Küsten vorkommen, was Seths Rolle als Schutzpatron der Beduinen und Karawanenhändler schlüssig macht. Die Texte deuten aber auch gleichzeitig darauf hin, dass Seth gewissermaßen von Natur aus der „Wilde“ unter den Göttern ist und es schon immer war. Er hatte demnach ein vorbestimmtes Wesen, das mit besagten Naturgewalten in Zusammenhang stand.[11][12]

Gemäß den Gelehrten Toby Wilkinson, Herman te Velde und Ian Robert Taylor war Seth, ähnlich wie Horus, noch sehr eng mit dem Himmel und den Gestirnen verbunden. Tonsiegel- und Gefäßinschriften aus der 2. Dynastie liefern Hinweise darauf, dass Sonne und Mond (noch) nicht als eigenständige Gottheiten verehrt wurden, sondern noch Horus und Seth unterstellt waren. Auf Tonsiegeln und Steingefäßen des Königs Peribsen erscheint das Seth-Tier mit Sonnenscheibe darüber, was eine direkte Verknüpfung beweist. Ab der Herrschaft des Königs Chasechemui, dem mutmaßlich letzten Herrscher der 2. Dynastie, erscheinen erstmals Personennamen, die mit dem Namen verknüpft sind. Daraus ist abzuleiten, dass sich Rê unter Chasechemui von den beiden Throngöttern loslöste und spätestens unter König Djedefre während der 4. Dynastie zur eigenständigen Staatsgottheit erhoben wurde.[11] Die enge Verbundenheit Seths zu Rê schlägt sich auch in religiösen Sarg- und Pyramidentexten ab dem Ende der 5. Dynastie nieder: bereits dort wird Seth als Leibwächter des Rê beschrieben, der den Sonnengott von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang während der Nacht vor den Göttern und Dämonen der Finsternis (später allen voran Apophis) beschützt.[11][3]

Seth wird aber auch als Leibwächter des verstorbenen Königs und dessen Seele beschrieben. Bereits in den Pyramidentexten der 5. Dynastie wird Seth angerufen, um die Seele des Verstorbenen sicher ins Jenseits zu geleiten, weil auf dem Weg dorthin unter anderem die drei Dämonen Hemtet, Jagu und Iqeru lauern. Seth soll auch die „Schlachter“ (ḫ3tjw) des Jenseits vertreiben, die den physischen Leichnam des Königs bedrohen. In anderen Textpassagen wird der verstorbene König vor Seths Chamsin selbst gewarnt.[13] Die Texte beschreiben zudem, dass Seth sich mit seinem Bruder Horus verbündet und dass beide dem König versprechen, Ägypten für seinen Nachfolger zu versöhnen und zu vereinen. Besonders Letzteres lässt gemäß Wilkinson und Taylor eine Hommage an die frühdynastischen Epochen erkennen, in denen Horus und Seth als gleichberechtigtes Brüderpaar verehrt wurden. Horus und Seth wurden demnach noch eher als Verbündete betrachtet, deren Zusammenhalt den Frieden zwischen Ober- und Unterägypten garantierte und sicherte. Eine erbitterte Fehde zwischen den beiden, wie sie ab der 6. Dynastie in religiösen Texten zutage tritt, ist hier noch nicht direkt erkennbar (zumindest nicht in dem Ausmaß, wie sie ab dem Mittleren Reich geschildert wird).[11][14]

Seth wird in den Pyramidentexten des Alten Reiches auch mit anderen Gottheiten verknüpft. Er verbündet sich dort unter anderem mit dem Erdgott Geb, dem Unterweltgott Aker und dem Fährmann der Unterwelt, Nemti.[11]

Genealogie

Die heute bekannte mythologische Genealogie von Seth entspringt religiösen Texten aus dem Mittleren Reich um ca. 2140 v. Chr. In den Dynastien davor besaßen die altägyptischen Götter gar keine feststehenden Familien- und Verwandtschaftsverhältnisse. Die Grab- und Pyramideninschriften ab König Unas (letzter Herrscher der 5. Dynastie) befassen sich lediglich mit dem mystisch-kosmologischen Kräften der Götter und wie man diese mittels Gebete um Beistand für den Verstorbenen bitten kann. Erst in den Pyramidentexten des Königs Teti II. (Gründer der 6. Dynastie) erscheinen erste Verwandtschaftbezeichnungen – allerdings nur für Seth und Horus, die hier als „Brüder“ betitelt werden. Seth galt ab dem Mittleren Reich als der Sohn der Himmelsgöttin Nut und des Erdgottes Geb, als Bruder von Osiris, Nephthys und Isis und als Onkel von Horus und Anubis. Der Grund, warum die Alten Ägypter aus zwei Brüdern Onkel und Neffe machten, ist unbekannt, ist aber möglicherweise ein Diskriminierungsversuch seitens der Osiris- und Horus-Anhänger im Rahmen ihrer Anti-Seth-Kampagne, die sich im Brudermord-Mythos um Osiris niederschlägt. Als Gemahlin von Seth wird ab dem Mittleren Reich seine eigene Schwester Nephthys angegeben, in älteren Überlieferungen ist es noch die Göttin der Jagd und des Krieges, Neith. Seths Sternbild war der große Wagen, sein Planet der Merkur.[11][14]

Seth und Horus

Seth und Horus vereinen Ober- und Unterägypten

Die mythologische Genealogie zwischen Seth und Horus ist heute vor allem durch ihre Legende vom Thronstreit bekannt, besonders jene des Papyrus Chester Beatty I. Seit dem Mittleren Reich werden die beiden als erbitterte Rivalen dargestellt, die permanent um den Thron über ganz Ägypten wetteifern und streiten und dabei einander nichts schenken. Kein Trick ist zu kühn, kein Wagnis zu klein. Dabei wird fast ausschließlich Seth als der Unruhestifter und Querulant hingestellt. Als Motiv für Seths Verhalten werden meist Neid und Missgunst angegeben. Seth, der bereits in den Pyramidentexten stets als der Ältere der beiden bezeichnet wird, missgönnt Klein-Horus die Krone Ägyptens, weil Letzterer noch zu jung, unreif und unerfahren für ein so wichiges Amt sei. Dem halten die Gönner von Horus entgegen, dass Seth aufgrund seines Jähzorn, seiner Rachsucht und sexueller Zügellosigkeit nicht vertraut werden dürfe. Der Thronstreit zieht das gesamte altägyptische Pantheon in Mitleidenschaft, als sich zwei verhärtete Fronten bilden, die beide lange unnachgiebig bleiben.

Der Ausgang des Thronstreits wird seit dem Neuen Reich in abweichenden Variationen überliefert. Nach der ersten (und populärsten) Version zieht Seth den Kürzeren, nachdem er versucht hatte, seinen Neffen zu vergewaltigen, aber durch einen Trick seitens Isis seinen eigenen Samen verspeiste. Zur Strafe wird Seth aus Ägypten verbannt. In einer zweiten Version kommen Horus und Seth gerade noch rechtzeitig zur Vernunft, erschrecken über die Schäden, die sie im Streit mit ihren Kräften angerichtet haben und versöhnen sich wieder. Eine dritte Version schließlich beschreibt, wie Seth freiwillig nachgibt, für seinen Verzicht auf die Krone großzügig entschädigt wird und sich in die westlichen und östlichen Wüsten zurückzieht.[9][10]

Im sogenannten Planetenkapitel des Nutbuches aus der 20. Dynastie wird in den Zeilen 153 bis 159 von einem kosmischen Streit zwischen Seth und Horus bei Sonnenuntergang erzählt, der schließlich dank der Vermittlung durch Thot beigelegt werden kann. Die weiteren himmlischen „Gefolgsleute des Seth“ werden dabei, wie auch Seth, im westlichen Himmel verortet. Chepesch (Großer Wagen), das Sternbild des Seth, befindet sich am nördlichen Himmel, weshalb zum Zeitpunkt des Sonnenuntergangs nur die Planeten Merkur oder Venus in Frage kommen konnten. Der Planet Venus ist in dieser Auseinandersetzung als Stern der Barke des Benu zugeordnet, was eine sichere Identifizierung von Merkur als „Sebeg, Stern des Seth“ ermöglicht.[15]

Eugene Cruz-Uribes, von Lieven und Ian Robert Taylor weisen auch darauf hin, dass es auffällig sei, wie viele positive Eigenschaften Seth auch weiterhin zugedacht wurden, diese aber im Verlauf der ägyptischen Geschichte irgendwie wohl untergingen. Taylor verweist dabei auf die Gottheit Antjui, die als Mann mit zwei Köpfen dargestellt wird: ein Falkenkopf (der Horus repräsentiert) und ein Seth-Kopf. Antjui war die Personifizierung der Versöhnung von Horus und Seth und war zugleich der bildhafte Ausdruck des altägyptischen Dualismusglaubens: das Eine konnte ohne das Andere nicht sein. Dabei schwingt auch der moderne Ausspruch „Gegensätze ziehen sich an“ mit. Die Wichtigkeit des Zusammenhalts von Horus und Seth spiegelt sich auch in dem Fest der Vereinigung der Beiden Länder, Sema-Schemau-Mehu, wieder: Horus und Seth wickeln Lotus- und Papyrus um eine stilisierte Luftröhre und feiern so den Zusammenhalt von Ober- und Unterägypten. Die früheste Darstellung der Vereinigungshieroglyphe findet sich auf Steingefäßen des Königs Chasechemui gegen Ende der der 2. Dynastie.[9][10]

Die Versöhnungsbereitschaft und der Zusammenhalt von Seth und Horus findet auch in den Pyramidentexten der 5. und 6. Dynastie, sowie in den Sargtexten des Neuen Reiches, Anklang. In den Pyramidentexten des Unas wird noch auf die Gründerdynastien der Prädynastik verwiesen, als es darum ging, wer von den beiden welche Landeshälften regieren solle. Der Streit wird von Seths Vater, dem Erdgott Geb, geschlichtet. Er tadelt Seth und Horus ob ihres Gezänks und übergibt Seth die Krone Oberägyptens und Horus die Krone von Unterägypten. Spätere Pyramidentexte beschreiben noch, wie Seth sich mit Horus verbündet und wie sie beide dem König versprechen, Ägypten für seinen Nachfolger zu versöhnen und zu vereinen. In den Totentexten von Privatgräbern sollten Seth und Horus zusammenfinden, um gemeinsam die Seele des Verstorbenen vor den Unterweltdämonen zu beschützen.[9][16]

Seth und Ra

Seth beschützt Ra und ersticht Apophis

Seit der 2. Dynastie wird Seth eng mit der Sonne verknüpft – zunächst als bloßes Tagesgestirn, später (etwa ab der späten 4. Dynastie) als Sonnengott „Ra“. Bereits in den Pyramidentexten des Unas und des Teti II. (5. und 6. Dynastie) wird Seth auf recht interessante Art und Weise mit den Sonnenstrahlen des Ra verknüpft: Seth treibt demnach die sengende Hitze (peseref) der Sonnenstrahlen mit seinen Chamsin vor sich her und beschwört dadurch Dürren herauf. Gleichzeitig beschützt er damit aber auch die Seele des verstorbenen Königs, indem besagte Hitze allerlei Ungeziefer austilgt, das aus den Wüsten heraus die Jenseitsgefilde bedroht.

In den Pyramidentexten wird Seth bereits als Begleiter und Beschützer des Ra selbst beschrieben. Ab dem Neuen Reich wird diese Beschützerrolle immer weiter ausgeschmückt. In den Amduat und dem Buch der Pforten (sogenannte Unterweltbücher aus der 18. Dynastie) wird erzählt, wie Ra in seiner Sonnenbarke während der Nacht durch die Unterwelt reisen muss, wo unzählige Dämonen der Finsternis auf ihn lauern. In den sogenannten Stundenbüchern der Nacht wird erzählt, dass Rê während der Nacht sich in seiner Himmelsbarke verbirgt und dort handlungsunfähig ist, sodass er auf den Schutz seiner ihm unterstellten Gottesbegleiter angewiesen ist. Seth übernimmt die Frontverteidigung am Bug der Barke und wehrt den Dämonenkönig Apophis und dessen Schergen mit seinem heiligen Speer ab.[11]

Trotz Seths Treue zu Ra scheint es, dass Letzterer gelegentlich selbst die Unbeherrschtheit von Seth kennenlernen durfte. Nach dem Buch des Apophis befand sich Ra als Re-Harachte einst in Nubien, als ein Aufstand in Ägypten ausbrach. Ra wollte umkehren und den Aufstand niederschlagen, doch Horus beschwor seinen Vater, ihn dorthin zu schicken. Horus konnte die Aufständischen, die sich in tobende Nilpferde verwandeln konnten, bezwingen. Seth, als Anführer der Nilpferd-Dämonen, fluchte so übel und laut, dass selbst Ra erschrak und derartige Schreie verbot. Seth wurde enthauptet und aus Ägypten verbannt. Diese Erzählung ist Teil des Horus-Seth-Konflikts und präsentiert Ra als Richter über Seth. Zugleich erinnert sie an die Eigenart, dass Seth seit dem Neuen Reich in Abbildungen und Reliefs auch in Nilpferdgestalt erscheinen konnte (siehe Abschnitt „Seth als Tier“).[17]

Seth und Osiris

Osiris als mumifizierter König

Eine weitere Sage, die sehr bekannt ist und Seth in ein schlechtes Licht rückt, ist jene vom Brudermord des Seth an Osiris. Der Mythos erzählt in seiner ursprünglichen Fassung von Osiris, wie er nach seiner Krönung zum König über Ägypten von Seth überlistet und ermordet wird. Als Isis ihren Gatten ertrunken vorfindet und aufbahrt, raubt Seth den Leichnam, zerstückelt ihn und Isis muss ihren Gemahl wieder zusammensuchen. Mit Unterstützung von Nephthys und Anubis gelingt es, Osiris wieder zusammenzufügen und ihn wiederzubeleben. Durch diesen Akt wird Osiris unsterblich.

Ägyptologen wie Raymond Oliver Faulkner, Alexandra von Lieven und Ian Robert Taylor argwöhnen, dass hier mindestens zwei Mythen um Seth und Osiris vermischt und überdies später von den Ägyptern selbst zu Ungunsten von Seth umgeschrieben wurden. Zum Beweis weisen Eugene Cruz-Uribes, von Lieven und Taylor auf eine interessante Ungereimtheit hin: in der Urfassung auf dem Papyrus Chester Beatty wird Seth mal als „Bruder des Osiris“ (und somit als Horus' Onkel), mal als „der ältere Bruder von Horus“ bezeichnet. Dieser Widerspruch gehe eindeutig auf zwei gegensätzliche Traditionen zurück, von denen jene, die Seth gewogen war, im frühen Alten Reich und davor vorherrschte. Ein weiteres Indiz sei aus den Grabtexten der 12. Dynastie zu Beginn des Mittleren Reiches ersichtlich, die erstmalig Motive für Seths Tat nennen, wobei die Quellen erneut stark voneinander abweichen. In den Pyramidentexten heißt es noch, dass sowohl Seth als auch der Mondgott Thot „nicht zu trauern gedachten“ und offenbar beide am Tod von Osiris Interesse hatten (hier versäumen es die Texte, für Thot ein Motiv zu nennen). Nachdem Seth Osiris getötet hat, wendet sich Thot plötzlich gegen Seth, um Letzteren bestrafen zu lassen. Gemäß dieser Version wäre Seth in Wahrheit hereingelegt worden, um als Sündenbock herzuhalten. Eine andere Version erzählt, dass Osiris sich an Seths Gemahlin Nephthys herangemacht habe, worauf die beiden den Gott Anubis gebaren. In dieser Erzählung rückt eindeutig Osiris in ein schlechtes Licht. Die Ägyptologen sehen darin einen Verteidigungs- und Rechtfertigungsversuch zugunsten von Seth, etwas, das in nur etwas späteren Überlieferungen gnadenlos weggelassen und damit vertuscht wird. Gemäß von Lieven und Taylor ist das Motiv dahinter klar: Rufmord gegen Seth um jeden Preis.[18][10]

Zur gleichen Zeit sollte die Brudermord-Legende erklären, wie Osiris zu seiner Macht gekommen war und was er ursprünglich eigentlich für eine Rolle spielte: er verkörperte den verstorbenen König und war der Garant für den ewigen Kreislauf der vergöttlichten Thronfolgerschaft. Er galt daher als Schutzpatron der verstorbenen Könige, der noch lebenden Kronprinzen bis zu deren Krönung und der Totenpriester. Mit seiner Ermordung durch Seth und die Wiederbelebung durch Isis und Anubis erlangte er Unsterblichkeit und konnte nun selbige auch dem verstorbenen König gewähren. Seine Rolle als Richter der Unterwelt und des Jenseits wurde ihm erst sehr viel später eingeräumt.[18][10]

Seth, Baal und Astarte

Seth wurde auch mit außer-ägyptischen Gottheiten verknüpft. So erzählt der Astarte-Papyrus (ein eigentlich titelloses Schriftwerk aus der Zeit von König Amenophis II., 18. Dynastie) vom Kampf der ägyptischen Götter gegen das Meer. In dieser Sage kämpft Seth gegen das Meer, das hier mit dem ugaritischen Sturm- und Meeresgott Yam gleichgesetzt wird. In späteren Medizinischen Papyri wird auf den Sieg Seths über Yam Bezug genommen. Als Vorlage für die Erzählung dienten vorderasiatische Wettergott-Erzählungen, wie sie im ugaritischen Jam-Baal-Zyklus und dem hethitischen Kumarbi-Zyklus Niederschlag fanden. Auf Grund phraseologischer Vergleiche und einem anatolischen Lehnwort besteht eine besonders enge Verbindung zu Letzterem. Der Text zeugt vermutlich von der Etablierung der Kulte asiatischer Gottheiten in Ägypten durch Amenophis II., besonders in der Umgebung von Memphis.[19]

Unter Amenophis II. wurde Seth schließlich mit dem ugaritischen Wetter- und Fruchtbarkeitsgott Baal gleichgesetzt. Baals Funktionen und Darstellungen wurden in Ägypten den einheimischen religiösen Gepflogenheiten angepasst: Seth als Baal und Baal als Seth. Typisch asiatische Merkmale der ägyptischen Darstellung sind: konische Mütze, Stierhörner und ein bestimmter Schurz. Die Attribute Götterbart, Lebenszeichen und Zepter wurden an die ägyptische Umgebung angepasst. Lediglich seine Eigenschaft als Wettergott blieb erhalten.[19]

Geschichte des Seth-Kults

Seth als Tier auf einer Standartenprozession. Er ist zweimal abgebildet: als 3. von rechts und als 3. von links. Detail des Keulenknaufs des Königs Skorpion II. (Naqada III-Epoche)

Prä- und Frühdynastik

Seths Ursprung und Ur-Mythologie sind sehr schwer zu erfassen und zu rekonstruieren. Ägyptologen wie Toby Wilkinson, Herman te Velde und Ian Robert Taylor erklären dies damit, dass zur Zeit der Prädynastik die Hieroglyphenschrift gewissermaßen noch in den Kinderschuhen steckte und es daher noch kein voll ausgereiftes Schriftsystem gab, mit dem die Ägypter hätten ausdrücken können, in welcher Form sie Seth verehrten und welche Rolle sie ihm genau zugedacht hatten. Da die ersten Abbildungen von Seth in Tiergestalt in die Naqada-III-Epoche um 3.200 v. Chr. datiert werden können, ist zumindest gesichert, dass er eine äußerst „alte“ Gottheit mit sehr langer Kultgeschichte ist. Seth taucht gemeinsam mit den Gottheiten Horus, Bat, Neith, Nemti, Mehen und Mafdet auf. Dabei ist auffällig, dass alle diese Gottheiten mehr oder weniger „aus dem Nichts“ und recht plötzlich auftauchen. Daraus schließen die Gelehrten, dass deren Kulte sehr wahrscheinlich von außerhalb Ägyptens her eingeführt wurden. Erste Abbildungen, die Seth sicher zuzuordnen sind, werden in die Übergangszeit von Naqada II- zu Naqada III-Epoche um 3.400 v. Chr. datiert. Mit zu den ältesten Abbildungen gehören die Felsritzungen am Gebel-Tjauti in West-Ägypten und die Zwei-Hunde-Palette aus Hierakonpolis.[20][21][3]

Eugene Cruz-Uribes, von Lieven und Ian Robert Taylor weisen auf ein ungewöhnliches Detail hin, das auf dem Keulenknauf des Königs Skorpion II. zutage tritt: dort ist Seth gleich zweimal abgebildet, beide Male als schreitendes Seth-Tier auf einer Standarte, an der ein gehängter Kiebitz (als Repräsentation unterworfener Volksgruppen) baumelt. Beide Seth-Tiere sind als kräftig gebaute Vierbeiner mit gebogenen Schnauzen, eckig kupierten Ohren und mit straff aufrecht erhobenen Schwänzen dargestellt. Aber das erste Seth-Tier weist bandagierte Ohren und eine bandagierte Schnauze auf und die Schwanzspitze sieht einem Pfeil ähnlich. Das zweite Seth-Tier hat keine Bandagen, aber dafür einen beringten Hals und seine Schwanzspitze ähnelt eher einer Prunkkeule. Cruz-Uribes und Taylor vermuten, dass diese leicht zu übersehenden Details eine tiefere Bedeutung haben könnten: das „bandagierte“ Seth-Tier könnte als „Seth des Westens“ gedeutet werden, das „beringte“ Seth-Tier als „Seth des Ostens“ – oder umgekehrt. Hintergrund dieser These sind Titel des Seths, die in Inschriften des Neuen Reiches aus den ägyptischen Oasen von Dachla, Farafra und Kharga überliefert sind, einer davon lautet in der Tat wörtlich „Seth des Westens“. Inschriften aus dem Neuen Reich bei den Oasen Siwa und Bahariyya nennen einen „Seth des Ostens“ (obwohl sämtliche Oasen auf der westlichen Seite vom Nil liegen). Daraus schließen die Gelehrten, dass schon zu prädynastischen Zeiten gewissermaßen „zwei Seths“ verehrt worden sein müssen – andernfalls ergäbe eine doppelte Aufführung des Seth auf dem Keulenknauf mit abweichenden Körperdetails wenig Sinn. Taylor schlägt allerdings als Alternative vor, dass es sich bei dem zweiten Seth-Tier um Asch handeln könnte, eine Gottheit, die als Schutzpatron der Oasen verehrt wurde und auf Tonsiegeln aus der Zeit des Königs Peribsen (2. Dynastie) erstmals abgebildet wird. Asch ist dort mit dem Kopf des Seth-Tieres dargestellt, was eine gemeinsame kultische Verehrung und mythologische Überschneidungen bezüglich der Funktionen der beiden Götter wahrscheinlich macht.[20][21]

Seths Aufenthalt in Kom Ombo auf einer Scherbe des Königs Peribsen (2. Dynastie)

Seths Beliebtheit ist archäologisch besonders für die Zeit von der Naqada III – Epoche bis in die frühe 5. Dynastie umfangreich belegt. Bereits in Gräbern der 1. Dynastie wurden Figurinen aus Bergkristall, Brekzie und Elfenbein als Grabbeigaben entdeckt, die das Seth-Tier in ruhender Pose zeigen. Seit Beginn der 1. Dynastie ist der Königinnentitel Die den Horus trägt, die den Seth trägt (renmet-heru-renmet-setech) bezeugt, bei dem Seth und Horus gleichberechtigt Seite an Seite erscheinen. In diesem Titel tritt erstmalig der Dualismusglaube des alten Ägyptens zutage, dem zufolge der regierende König (Pharao) Seth und Horus zugleich verkörperte. Zu Beginn der 3. Dynastie (Altes Reich) verschmolz der Doppeltitel zum Die den Horus und Seth schaut (maat-heru-setech), der bis ins Neue Reich von Königinnen getragen wurde.[22] Ab dem Ende der 1. Dynastie, unter König Qaa, erscheint erstmals der Priestertitel Hem-Setech (deutsch „Diener des Seth“). Zunächst ist nur der Titel als solcher zu finden, ohne Verbindung zu sicher erfassbaren Personennamen. Auf dem heute zerbrochenen Kairostein, einem Fragment des Annalenstein der 5. Dynastie, finden sich Jahreseinträge des Königs Ninetjer aus der 2. Dynastie. Forscher wie Winfried Barta, I.E.S. Edwards und Toby Wilkinson machen auf eine zunehmende Erwähnung von Seth-Fetischen und jener Gottheit gewidmeten Schreinen und Bastionen auf dem Kairostein aufmerksam. In Zeile IV des Kairosteins C1, in den Jahresfeldern, die König Ninetjer zugesprochen werden, häufen sich die Darstellungen des Seth-Tieres. Auch in den Jahresfeldern seines Nachfolgers erscheinen Seth-Tiere. Demnach nahm der Einfluss der Seth-Kaste weiterhin stark zu. Ninetjers Nachfolger auf dem Kairostein konnte bislang nicht einstimmig identifiziert werden, doch neuere Untersuchungen der Reste der königlichen Namensbandarole lassen gemäß Barta, Edwards und Wilkinson ein vierbeiniges Tier über dem Serech erkennen. Der bislang einzige frühdynastische Herrscher, der ein vierbeiniges Geschöpf als Namenspatron verwendete, ist König Peribsen. König Peribsen schließlich erklärte Seth zur neuen Throngottheit und widmete ihm gar seinen Serechnamen.[23] Bis in die frühe 5. Dynastie gehörte der Gottesdiener des Seth (Hem-netjer Setech) zu den häufigsten und beliebtesten religiösen Titeln, gleich nach dem Gottesdiener der Neith (Hem-netjer Neith) und dem Gottesdiener des Cherti (Hem-netjer Chertj).

Der erste frühdynastische, namentlich sicher erfassbare Priester (genauer: ein Wab-Priester) ist Nefersetech, der sehr wahrscheinlich entweder zur späteren Hälfte der 2. Dynastie oder zu Beginn der 3. Dynastie amtierte. Nefersetech ist von besonderem Interesse, weil sein Name direkt einer Gottheit gewidmet ist und überdies Seth in ein positives Licht rückt: Nefer-Setech bedeutet übersetzt „Seth ist gnädig“. Te Velde und Taylor sehen darin einen wichtigen ersten Ausdruck von Seths Popularität. Die ersten anthropomorphen Darstellungen von Seth stammen ebenfalls aus der Zeit des Peribsen und zeigen Seth bei seinem Aufenthalt in der Stadt Kom Ombo. Der nächste, fast schon überdeutliche Ausdruck dafür, dass Seth und sein späterer Rivale Horus als gleichberechtigte und ebenbürtige Kommensalen betrachtet wurden, sind die kolossalen Türpfosten aus Granit des Königs Chasechemui, dem mutmaßlich letzten König der 2. Dynastie. Sie stammen aus dem Shunet El-Zebib zu Abydos und zeigen Chasechemuis königlichen Serech in ganz außergewöhnlicher Weise: Auf dem Serech sind Horus und Seth in küssender Pose dargestellt und beide tragen die Doppelkrone Ägyptens. Unterstrichen wird diese Zurschaustellung göttlicher Gleichberechtigung durch Chaschemuis Doppelnamen: er lautet Cha-sechemui Nebui-hetep-imef und bedeutet übersetzt in etwa: „Die beiden Zepter erstrahlen, die beiden Herren haben sich für ihn versöhnt“. Dabei stehen die Umschreibungen „die beiden Zepter“ und „die beiden Herren“ natürlich für Horus und Seth. Aber auch auf Steingefäßen aus der Zeit Chasechemuis ist Seth abgebildet und stets trägt er die Doppelkrone.[20][21]

Altes Reich

Erwähnung des Seth (linke Bildmitte) auf einem Relieffragment des Königs Djoser

Auch in der ersten Hälfte des Alten Reiches wird Seths mythologische Rolle nicht näher beschrieben. Er wird weiterhin nur als Gottheit abgebildet und in Personennamen und Priestertiteln genannt. Einzig die Anzahl an Nennungen von Kultorten nimmt stetig zu, wobei Ombos auch weiterhin an vorderster Stelle steht. Die ersten Inschriften, die sich erstmals genauer auf seine Rolle im altägyptischen Pantheon einlassen, sind die Pyramidentexte des Königs Unas gegen Ende der 5. Dynastie. Gegen Anfang der 6. Dynastie, als der Kult um Osiris seinen Anfang nahm, lässt sich erstmalig ein leichtes Nachlassen der Seth-Kultorte erkennen: „Gottesdiener des Seth“ werden weniger. Gemäß Cruz-Uribes, von Lieven und Ian Robert Taylor hängt dies unbestreitbar mit der Einführung des Osiris-Kults zusammen, da das Nachlassen von Seth-Kulten nebst ersten religiösen Anfeindungen gegen Seth in dieselbe Zeit fällt. An einen Zufall glauben die Gelehrten nicht. Das Alte Reich wurde zur späteren Hälfte der 6. Dynastie hin von verheerenden Dürrekatastrophen, damit einhergehenden Hungersnöten und wirtschaftlichen Missernten heimgesucht. Infolgedessen brachen Wirtschaft, Landesversorgung, Verwaltung und Militärführung zusammen und semitische Kriegervölker aus Libyen, dem Sinai und dem Großreich der Hethiter fielen in Ägypten ein. Für all diese Missstände suchte man wohl einen Sündenbock und da Seth seit dem aufkommenden Osiris-Kult bereits mit immer mehr Argwohn betrachtet und überdies ja der Gott der Wüsten war, wurde er für die Katastrophen verantwortlich gemacht. Gemäß Ian Robert Taylor und Eugene Cruz-Uribe sei dieser Akt leicht durchschaubar: Seth brauchte keine Verwirrung und/oder Unordnung zu stiften, wie ihm in späteren Inschriften und Texten nachgesagt wurde. Er besaß bereits potente Naturgewalten (nämlich Wind, Donner und Hitze), die ihm genügten. Und diese Naturgewalten wurden in religiösen Texten nie mit Verwirrung und/oder Chaos assoziiert.[9][10]

Mittleres Reich

Während des Mittleren Reiches nehmen die religiösen und kultischen Anfeindungen gegen Seth an Fahrt auf. Als der Königsfriedhof von Abydos erneut geplündert wird, fällt das Grabmahl des Königs Peribsen den Fehden der oppositionellen Sekten zum Opfer: auf seinen Grabstelen wird das Seth-Tier über Peribsens Serech weggemeißelt. Gleichzeitig entstehen fast explosionsartig Papyrustexte, in denen Seth nun sehr häufig negativer Einfluss auf das körperliche und/oder seelische Wohl nachgesagt wird. Der Papyrus Kahun I aus der 12. Dynastie beispielsweise behandelt die Gebrechen, Krankheiten und Behandlungen von Frauen (sogenannter Medizinischer Papyrus). In zwei Beschreibungen von Erkrankungen wird Seth mit den Symptomen der jeweiligen Krankheit in Verbindung gebracht. Der Papyrus Petersburgh 1115 (ebenfalls 12. Dynastie) enthält eine der ältesten literarischen Romane der altägyptischen Geschichte: Die Geschichte vom schiffbrüchigen Seeman. Darin wird Seth für die Stürme, die zum Schiffbruch des Protagonisten führen, verantwortlich gemacht. Im Payrus Ramesseum VII aus der 13. Dynastie sind Gebete und Beschwörungsformeln enthalten, die vor Seths Zorn und Launenhaftigkeit schützen sollten.[24]

Neues Reich

Seth und seine Gemahlin Nephthys, Statue aus der 19. Dynastie

Aus der 2. Zwischenzeit sind so gut wie keine Papyri und/oder Inschriften mit Erwähnung von oder Bezug zu Seth erhalten geblieben. Während des Neuen Reiches hingegen nimmt die Anzahl wieder sprunghaft zu. Und auch hier tritt Seths Name regelmäßig in Zusammenhang mit irgendetwas Negativen auf: seien es Krankheit, Naturkatastrophe oder schwarzmagische Verwünschungen. Der medizinische Papyrus Ebers aus der 18. Dynastie erwähnt Seth 22 Mal und immer in Zusammenhang mit Symptomen schwerer Krankheiten. Der mediznische Papyrus Hearst erwähnt ihn 7 Mal und der mediznische Papyrus London 10059 immerhin 8 Mal. Die magischen Papyri Chester Beatty III, V und VIII erwähnen Seth auf ihren Rückseiten insgesamt 28 Mal und jedes Mal geht es um Gebet-, Zauber- oder Fluchformeln, die vor Seths Kräften warnen oder schützen sollen.[25]

Papyrus Chester Beatty I schließlich enthält eine Neufassung der Legende des Wettstreits zwischen Seth und Horus. Hier wechselt Seths genealogische Rolle vom „älteren Bruder des Horus“ endgültig zum „neidischen Onkel“ desselben. Seths Name fällt hier insgesamt 46 Mal. Im kuratorischen Papyrus Wilbour, in dem es um die Verwaltung, Besteuerung und Erbungen von Grundbesitz geht, wird Seth ganze 72 Mal erwähnt, hier meist in Zusammenhang mit Gauen und Gütern, in denen ein Schrein des Seth stand oder ein Seth-Priester tätig war und besoldet werden musste.[25]

Nur sehr wenige Schriftstücke erwähnen positive Seiten des Seth. Der Papyrus Petersburgh 1116A enthält den (fiktiven) Brief eines Königs an dessen Sohn, Seth wird hier 5 Mal als ehrfurchtgebietende Schutzkraft angerufen. Der Papyrus Chester Beatty III enthält auf seiner Vorderseite einen Bericht über die Schlacht bei Kadesch. Hier wird Seths Kraft als Vergleich für die triumphierende Militärstreitmacht des Pharao Ramses II. herangezogen. Allen Papyri gemeinsam ist die stark abweichende Namensschreibung des Seth, die aber fast immer mit dem Determinativ des ruhenden Seth-Tieres abschließt und deshalb leicht nachverfolgt werden kann.[25]

Den üblen Nachreden in diversen Schriftwerken und Dokumenten dieser Epoche steht jedoch entgegen, dass der Kult des Seth beispielsweise in der Gegend des Fayyum-Beckens, bei Auaris und in Kom Ombo florierte. Dort befanden sich mehrere Tempel des Seth, sowie zahlreiche Militäreinrichtungen, die Seth zum Schutzgott hatten. Pharao Sethos I. war mit der erste Herrscher seit der Frühzeit, der seinen Namen explizit Seth widmete, seine Nachfolger Sethos II. und Sethnacht taten es ihm gleich. Da das Neue Reich wiederholt kriegerischen Auseinandersetzungen mit Nachbarreichen ausgesetzt war, erscheint es nachvollziehbar und konsequent, dass die Herrscher Ägyptens sich Seths kriegerische und ehrfurchtgebietenden Kräfte anzueignen gedachten. In diese Zeit fallen auch zahlreiche Namen von Generälen und ihren Truppen, die ihre Namen Seth widmeten.[26]

Spätzeit

Während der Spätzeit, speziell während der Herrschaft persischer Könige, erlebte das Anbetungsverbot und die religiöse Anfeindung von Seth ihren ersten Höhepunkt. Viele Tempel und Schreine wurden geplündert und zerstört, unzählige Wandbilder und Reliefs mit Seths Konterfei wurden teilweise bis zur Unkenntlichkeit zerkratzt. Glücklicherweise wurden viele dieser Reliefs nur soweit vandaliert, dass man heute noch Seths typische Beinamen wie Herr von Ombos und/oder Der Sturmbringer lesen kann, sodass man seine Abbildungen wenigstens noch lokalisieren kann. Die Hauptkultorte im Fayyum, nahe der Dakhla-Oase und in Kom Ombo blieben von dem Bildersturm und den Plünderungen weitestgehend verschont. Doch die ortsansässigen Priester und Tempel-Bediensteten sahen sich beträchtlichen, gezielten Vernachlässigungen und Diskriminierungen ausgesetzt. Erst während der nachfolgenden Ära ließen die Banne und Restriktionen etwas nach.[27]

Griechisch-römische Epoche

Unter hellenistischer Herrschaft wurde Seth mehr und mehr mit dem griechischen Sturmgott Typhon gleichgesetzt. In Dendera wurde das Seth-Typhon-Fest begangen. Lokale Inschriften sind schwierig zu deuten, lassen aber den Schluss zu, dass Seth sowohl als „Bringer des Übels“ als auch als „Der Übles fernhält“ verehrt wurde. Dieser scheinbare Widerspruch könnte eine schwache Hommage an Traditionen des Alten Reiches darstellen, als Seths Ruf in der Tat immer zweideutiger beschrieben und wahrgenommen wurde.[27] Der griechische Gelehrte und Reisende Plutarch berichtet, in Ägypten werde Seth nicht nur als Gott des Unwetters und der Finsternis gefürchtet und verehrt, man schreibe ihm auch zu, dass er Mond- und Sonnenfinsternisse heraufbeschwöre. Zu seiner Zeit seien schriftliche Überlieferungen geläufig gewesen, nach welchen die Ägypter das scheinbare Verschwinden des Mondes während dessen Mondphasen ebenfalls Seth zuschrieben.[16] Zeitgenössische Papyri heben sich bei der Erwähnung Seths dadurch hervor, dass sie seinen Namen überwiegend in seiner archaischen Form, mit nur drei Hieroglyphen, wiedergeben, es dabei aber tunlichst meiden, das sonst übliche Determinativ des Seth-Tieres zu verwenden. Vermutlich hing dies mit der anhaltenden religiösen Abscheu gegenüber Seth sowie lokalen Anbetungsverboten zusammen.[28]

Während der Herrschaft römischer Imperatoren erfuhren die Seth-Tempel in Deir el-Hagar, Kellis und Charga eine kleine Renaissance und wurden im Auftrag des römischen Kaisers Vespasian restauriert. Zahlreiche Reliefs und Graffiti feiern Seth als Schutz- und Fruchtbarkeitsgott. Ein beeindruckendes Relief im Amun-Tempel zu Kellis bezeichnet ihn als „Seth, groß an Stärke, der große Gott der in Hibis verweilt“. Andere Reliefinschriften erwähnen einen Gott, der als Amun-Nacht identifiziert werden kann, aber das Gesicht des Seth trägt. Vor diesem Hintergrund argwöhnen manche Ägyptologen, ob die Wiedereinführung des Seth-Kultes wirklich bis nach Hibis reichte, denn die Amun-Priesterschaft gehörte -gleich nach der Osiris- und der Horus-Sekte- mit zu den ärgsten Gegnern der Seth-Kaste. Daher vermuten Ägyptologen, dass die Priesterschaft zu Hibis versuchte, Seth durch Amun-Nacht zu ersetzen. Amun-Nacht trug unter anderem Beinamen wie „Er, der durch die Wüsten eilt, während er seine Feinde bezwingt“, den auch Seth getragen hatte. Graeco-romanische Priesterschriften aus dieser Epoche beschreiben Seth-Typhon als einen Gott, vor dem die Gestirne, die Erde und sogar der Hades erzittern und vor dessen Kräften sich selbst die Moirai (die Göttinnen des Schicksals) hüten sollten. Seth galt nun als „obskur, verwegen und doch verführerisch“, als ein Gott, der zwar große Kräfte bescheren, aber gleichzeitig mit diesen Unheil anrichten konnte.[27]

Kultorte

Insgesamt sind 16 Orte namentlich erhalten, in denen Seth bedeutende Kultzentren mit eigens ihm geweihten Schreinen und Tempeln gewidmet waren; 11 davon sind archäologisch gut erforscht.[11][17] Im Folgenden soll aus Platzgründen auf die fünf wichtigsten von ihnen eingegangen werden.

Ombos

Seth von Ombos (Tempel des Sahure)
S12D58X1
O49

Die Stadt Ombos (etwa 6 km nördlich von Naqada gelegen) erscheint namentlich erstmals gesichert in Tonsiegel- und Gefäßinschriften des Königs Peribsen während der zweiten Hälfte der 2. Dynastie, bestand aber vermutlich schon viel länger. Ihr altägyptischer Name Nubti bedeutet „Goldene Stadt“ oder schlicht „Die Goldene“. Unter Peribsen wurde dort eine Königspfalz namens Chet-Nubti, zu Deutsch „Schutz von Ombos“, errichtet. Steingefäße aus Brekzie, Kalzit-Alabaster und Diorit aus dem Grab des Peribsen zeigen Seth in anthropomorpher Gestalt bei einem Aufenthalt in Ombos. Ab der 3. Dynastie wurde Ombos mit dem Südlichen Heiligtum Per-wer (zu deutsch „Großer Schrein“) verknüpft. Nach Ombos erhielt Seth den Beinamen „der Ombitische“.[11][17][3]

Henet

M2X1
O49

Die Stadt Henet oder Henti (ihr Name bedeutet „Akazien-Stadt“) lag sehr wahrscheinlich an den westlichen Gestaden des Fayyum-Beckens. Die exakte geografische Lage ist heute verloren. Erstmalig erwähnt wird sie während der späten 5. Dynastie, wobei allerdings gelegentlich geargwöhnt wird, dass es sich hier um ein anderes „Henet“ gehandelt haben könnte, als jenes, das mit dem lokalen Seth-Heiligtum in Verbindung stand. Im Alten Ägypten war es keine Seltenheit, dass Orte aus verschiedenen Provinzen denselben Namen trugen. Da aber der Name dieser Stadt in den Pyramidentexten des Königs Unas mehrfach auftaucht und Seth gewissermaßen im selben Atemzug erwähnt wird, macht es eine Übereinstimmung recht wahrscheinlich.[11][17]

Suu

S29S29S29O49

Die Stadt Suu lag sehr wahrscheinlich am östlichen Rand des Fayyum-Beckens. Sie wird erstmalig in Inschriften der 5. Dynastie während des Alten Reiches im Totentempel des Königs Unas in Sakkara erwähnt. Sie ist archäologisch nicht erfasst und gilt daher als verschollen. Was ihr Name bedeutet, ist zuhöchst unsicher und Gegenstand abweichender Darlegungen und Interpretationen. In den Inschriften des Königs Sesostris I. aus der 12. Dynastie (Mittleres Reich) bei Lischt wird Seth mehrfach als „Herr von Suu“ erwähnt. Dort heißt es auch, Suu sei der Ort, an dem Seth geboren wurde. Der Papyrus Wilbour erwähnt Suu in Recto §52 B24 als „Haus des Seth, dem Herrn von Suu“. Der Papyrus Salt 825 aus der Ptolemäerzeit erwähnt Suu in Recto V, in den Zeilen 1 und 2 die Stadt Suu als „Wiege des Seth“.[11][17]

Unu

E34
N35
Z7
O49

Die Stadt Unu (ihr Name bedeutet „Stadt der Reisenden“) lag östlich der heutigen Ortschaft Dendera. Ihr Name wird erstmals in Inschriften der 20. Dynastie (Neues Reich) im Tempel zu Medinet Habu und im Ptolemäer-Tempel zu Edfu erwähnt. Sie mag aber freilich viel älter gewesen sein. Da die Stadt offenbar wohl an einer wichtigen und sehr alten Karawanenroute von Dendera zum Roten Meer lag, wird angenommen, dass sie ein wichtiger Ort für Tauschhandel zwischen Seefahrern und Beduinen war. Eine kultische Verbindung zu Seth erscheint logisch, da Seth der Schutzpatron der Beduinen und Karawanenhändler war.[11][17]

Tjebu

S33G43O49

Die Stadt Tjebu (ihr Name bedeutet wörtlich „Sandalen-Stadt“) lag nördlich der heutigen Ortschaft Abydos im 10. oberägyptischen Gau (Kobra-Gau). Sie wird erstmalig zur Zeit des Mittleren Reiches erwähnt[29], später nochmals während der 20. Dynastie im Neuen Reich. Sie mag aber freilich viel älter sein. Der lokale Schrein war einer Gottheit namens Antjui geweiht. Antjui wurde als Mann mit zwei Köpfen dargestellt: ein Falkenkopf und ein Seth-Kopf. Nach seinem Namen wurde die Stadt Tjebu im Griechischen Antaiopolis genannt. Der Ptolemäertempel zu Edfu erwähnt die Stadt als den Ort, an dem Horus und Seth sich nach ihrer Fehde um den Thron Ägyptens wieder versöhnten. Der Papyrus Salt 561-BM 10252 aus der 26. Dynastie beschreibt Tjebu als „verlassenen und leer, weil Seth umgestürzt, sein Land geplündert und seine Tempel zerstört sind“.[11][17]

Moderne Rezeption

Die überwiegend negative und feindselige Personifizierung des Seth findet auch in modernen Medien Anklang, so besonders in Horrorfilmen, Grusel- und Science-Fiction-Romanen und (seltener) Computerspielen. Dort wird er fast durchweg als heimtückisch, bösartig und rachsüchtig dargestellt. Dabei greifen die Erzählstoffe und Drehbücher auf die Überlieferungen des Neuen Reiches und der Perserzeit zurück, in denen Seth mit allen Mitteln den Thron über Ägypten an sich reißen will. In den modernen Medien wird dieser Machthunger gerne auf die ganze Welt ausgedehnt. In den meisten Medien geht Seth dazu einen Pakt mit Menschen ein, die ihm in puncto Boshaftigkeit und Machthunger in nichts nachstehen. Ein Beispiel für Horrorfilme mit Seth als Antagonist ist unter anderem Die Mumie von Alex Kurtzman aus dem Jahr 2017. Hier ist es eine machtversessene, gekränkte Königin, die Seth dazu verhelfen will, einen menschlichen Wirt zu finden, damit Seth in der Menschenwelt wieder wie ein König herrschen kann.[30] Die belgisch-kanadische Zeichentrickserie Die Abenteuer des Papyrus aus dem Jahr 1998 erzählt die Abenteuer des Plantagenjungen Papyrus, der in die Fänge der gefährlichen Sekte des Seth gerät. In dieser Serie wohnt Seth in der „Schwarzen Pyramide von Ombos“ und seine Priester schmieden einen Mordkomplott gegen den Pharao.[31] Ein bekanntes Beispiel für ein Computerspiel, das Seth zum Bösewicht hat, ist Tomb Raider IV: The Last Revelation aus dem Jahr 1999. Darin muss die Heldin des Spiels, Lara Croft, erst einen machthungrigen und rachsüchtigen Archäologen und ehemaligen Mentor namens Werner von Croy und schlussendlich Seth persönlich entgegentreten. Wie im Film Die Mumie benutzt Seth einen menschlichen Wirt (hier: Werner von Croy), um in die Menschenwelt zu gelangen. Dabei ist allen Medien gemeinsam, dass Seth kurioserweise auf die Unterstützung von Menschen angewiesen ist – sei es durch Rituale und Opfer, oder durch eine versehentliche oder vorsätzliche Befreiung.[32] Ein Beispiel für Romane mit Seth als Antagonist ist unter anderem Toni Morrisons Beloved aus dem Jahr 1987. In ihrem Meisterwerk vergleicht Morrison einen der Bösewichte mit der ägyptischen Gottheit.[33]

Siehe auch

Literatur

  • David Frankfurter: Religion in Roman Egypt: Assimilation and Resistance. Princeton University Press, Princeton (New Jersey) 2020, ISBN 978-0-691-21473-3.
  • Alexandre Moret: The Nile and Egyptian Civilization. Dover Publications, Mineola (New York) 2001 (Nachdruck des Originals von 1927), ISBN 978-0-486-42009-7.
  • Abraham Ignacio Fernández Pichel: How Pharaohs Became Media Stars: Ancient Egypt and Popular Culture. Archaeopress Publishing, Oxford (UK) 2024, ISBN 978-1-80327-627-4.
  • James B. Pritchard (Hrsg.): The Egyptians and the Gods of Asia. In: Ancient Near Eastern Texts relating to the Old Testament. Princeton University Press, Princeton 1992, ISBN 0-691-03503-2.
  • Ian Robert Taylor: Deconstructing the iconography of Seth (= Dissertation) for the Department of Classics, Ancient History and Archaeology College of Arts and Law Birmingham, University of Birmingham, Birmingham 2016 (Volltext als PDF).
  • Herman te Velde: Seth, God of Confusion. A Study of his Role in Egyptian Mythology and Religion (= Probleme der Ägyptologie. Band 6). Brill, Leiden 1967; Reprint with some corrections: Brill, Leiden 1977, ISBN 90-04-05402-2.
  • Toby A. H. Wilkinson: Early Dynastic Egypt. Strategies, Society and Security. Routledge, London (UK) 1999, ISBN 0-415-18633-1.
  • Georg Meurer: Die Feinde des Königs in den Pyramidentexten. Unversitätsverlag, Freiburg (Ch) 2002, ISBN 978-3-525-53046-7.

Einzelnachweise

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