Shin’ichi Mochizuki
japanischer Mathematiker
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Shin’ichi Mochizuki (jap. 望月 新一, Mochizuki Shin’ichi; * 29. März 1969 in Tokio) ist ein japanischer Mathematiker. Er ist Professor am Research Institute for Mathematical Sciences (RIMS) der Universität Kyōto und befasst sich mit algebraischer Geometrie und arithmetischer Geometrie.
Leben
Mochizuki lebte ab dem Alter von fünf Jahren mit seinen Eltern in New York City. Dort besuchte er bis zu seinem Abschluss 1985 die Phillips Exeter Academy. Danach studierte er an der Princeton University zunächst theoretische Physik bei Arthur Wightman und Edward Witten, bevor er zur Mathematik wechselte. Unter der Betreuung Gerd Faltings erlangte er für das Mathematik-Studium 1988 den Master-Abschluss.[1] Er erhielt den George B. Wood Prize als Student mit den besten Noten. Außerdem erhielt er den George-B.-Covington-Preis für Mathematik. 1992 wurde er bei Gerd Faltings promoviert (The Geometry of the Compactification of the Hurwitz Scheme).[2] Danach war er 1992 bis 1994 Benjamin-Peirce-Instructor an der Harvard University und gleichzeitig am RIMS, wo er 1996 Assistenzprofessor und 2002 Professor wurde.
Werk
Anfang der 1990er Jahre entwickelte er eine p-adische Teichmüller-Theorie, das heißt das p-adische Analogon der Uniformisierung hyperbolischer Kurven und ihrer Moduli (im klassischen komplexen Fall durch Paul Koebe, Lipman Bers). Weiter entwickelte er Mitte der 1990er Jahre eine p-adische Anabelsche Geometrie und Ende der 1990er Jahre eine Hodge-Arakelov-Theorie elliptischer Kurven (Analogon der Hodge-Theorie für elliptische Kurven im Rahmen der Arakelov-Geometrie).
2012 kündigte er einen Beweis der abc-Vermutung an (über die äquivalente Vermutung von Lucien Szpiro über elliptische Kurven)[3] im Rahmen einer von ihm in den 2000er Jahren entwickelten Theorie, die den üblichen in der arithmetischen und algebraischen Geometrie benutzten Schema-Rahmen überschreitet und die er inter-universale Geometrie nennt, und hier speziell interuniverselle Teichmüller-Theorie (IUT, von ihm ab 2006 entwickelt). Diese ist nach eigenen Worten analog zu seiner Konstruktion der p-adischen Teichmüllertheorie hyperbolischer Kurven, wobei p-adische Körper durch Zahlkörper mit zugehörigen elliptischen Kurven ersetzt sind. Da der Beweis über 500 Seiten lang ist und zusätzliche Referenzen zu vorherigen Arbeiten Mochizukis umfasst, die alle noch nicht erschienen waren (außer als Preprints) und völlig neuartige mathematische Konzepte und Techniken verwenden, wird er im Moment noch von Mathematikern überprüft.[4][5] Im 2015 vorgelegten letzten Teil seiner Preprints zur abc-Vermutung stellt Mochizuki selbst einen engen Bezug zwischen dem von ihm hierfür entwickelten mathematischen Apparat und der berühmten Riemannschen Vermutung her.[6]
Eine 2012 von Akshay Venkatesh und Vesselin Dimitrov gefundene Beweislücke (Teil 3,4 seiner Preprint-Reihe) wurde von Mochizuki zugestanden, aber für behebbar erklärt – er korrigierte in der Folge seine Preprints.[7]
Auf einer Konferenz beim Clay Mathematics Institute in Oxford im Dezember 2015 stellte sich zumindest heraus, um welche Art mathematischer Objekte es bei Mochizukis Beweis gehen könnte. Mochizuki geht von Szpiros äquivalenter Formulierung der abc-Vermutung über die Theorie elliptischer Kurven aus und im Laufe der Konferenz wurde klar, dass dabei die von ihm eingeführten algebraischen Konzepte der Frobenioide[8] eine wesentliche Rolle spielen (Vortrag Kiran Kedlaya). Es gelang den Befürwortern von Mochizukis Beweis (Chung Pang Mok, Yuichiro Hoshi und Go Yamashita; Mochizuki selbst war nicht anwesend, beantwortete aber Fragen über Skype) jedoch nicht, eine überzeugende Darstellung der weiteren Schritte des Beweises zu präsentieren.[9]
Auf einer Konferenz im Juli 2016 in Kyoto war Mochizuki selbst anwesend und die Zahl der überwiegend jüngeren Mathematiker, die sich intensiv mit dem Verständnis der Arbeit von Mochizuki beteiligten, erhöhte sich von drei bei dem Treffen in Oxford 2015 auf zehn. Nach Einschätzung von Jeffrey Lagarias enthalten die Preprints einige revolutionäre neue Ideen in der Zahlentheorie.[10]
Während sich 2017 nach fünf Jahren vertraulichem Peer-Review eine Veröffentlichung in den Publications of the RIMS abzeichnet (deren Herausgeber Mochizuki ist), hat sich an der Akzeptanzfrage nicht viel geändert.[11] Der Kern des Beweises liegt im Korollar 3.12 zu Theorem 3.11 (der Hauptsatz der IUT) und hier liegen auch wesentliche Verständnisprobleme.[12] Ein anderer Punkt ist, dass man eigentlich erwarten würde, dass durch den Beweis neue Einsichten auch jenseits des Beweises der abc-Vermutung gewonnen werden können. Jakob Stix und Peter Scholze waren im März 2018 eine Woche bei Mochizuki, um mit ihm über dessen Beweis zu diskutieren. Mochizuki blieb bei seinem Standpunkt, sein Beweis sei korrekt; auf Seiten von Scholze und Stix gebe es Missverständnisse und zu starke Vereinfachungen.[13] Im September 2018 veröffentlichten Stix und Scholze einen zehnseitigen Aufsatz. Darin schreiben sie, das erwähnte Korollar 3.12 sei eine fundamentale, ihrer Ansicht nach nicht behebbare Lücke im Beweis.[14][15]
2020 wurde bekanntgegeben, dass die Arbeit von Mochizuki zum abc-Problem am 5. Februar für die Veröffentlichung in den Publications of the RIMS, deren Chef-Herausgeber Mochizuki gehört, akzeptiert wurde.[16] Danach war Mochizuki selbst nicht in die Begutachtung involviert. Trotz der Kritik von Scholze und Stix, die Scholze nach Auskunft von Nature unverändert aufrechterhält und die zu erheblichen Zweifeln unter einem Großteil von Mathematikern an der Validität des Beweises führten, soll es in der Veröffentlichung keine wesentlichen Veränderungen gegenüber den Preprints geben und auf die Kritik nur in Anmerkungen eingegangen werden. Nach dem Zahlentheoretiker Kiran Kedlaya hat sich an der überwiegend negativen Einschätzung unter Mathematikern von Mochizukis Beweisversuch auch mit der Ankündigung der Veröffentlichung nichts geändert.[17] Auch Scholze wiederholte seine Kritik.[18] 2021 wurde die Arbeit von Mochizuki in den Publications of the RIMS veröffentlicht.[19]
Begriffe von Mochizuki
Étale Theta-Funktion
In seiner Theorie der étalen Theta-Funktion überführt Mochizuki die aus den Wurzeln der klassischen Theta-Funktion entstehenden Daten in gruppentheoretische und kohomologische Strukturen. Zuerst werden zwei kompatible Systeme von Gruppenwirkungen auf geeigneten Linienbündeln von Kurven konstruiert und miteinander verglichen:
- Das erste System entsteht, in dem man aus geeigneten Überdeckungen -ten Wurzeln von Schnitten des Linienbündel betrachtet.
- Für das zweite System konstruiert Mochizuki auf einer weiteren geeigneten Überdeckung sogenannte Theta-Trivialisierungen. Dies sind Schnitte, deren Nullstellendivisor durch die Theta-Konstruktion festgelegt ist. Die zugehörige Gruppenwirkung wird so gewählt, dass sie diese Schnitte invariant lässt.
Die Differenz dieser beiden Wirkungen wird durch Einheitswurzeln beschrieben und führt zu einer kohomologischen Klasse , welche étale Theta-Klasse genannt wird. Die étalen Theta-Funktionen entstehen anschließend als -Vielfache dieser Klasse und geben damit eine kohomologische Darstellung der System der Wurzeln der klassischen Theta-Funktion.
Ausgangspunkt ist eine stabile Kurve vom Typ über einer endlichen Erweiterung . Die zugehörige temperierte Fundamentalgruppe besitzt einen geometrischen Teil . Nach proendlicher Vervollständigung und Übergang zu einem geeigneten Quotienten erhält man die für die Konstruktion relevante Gruppe der Einheitswurzeln .
Für ein setzt Mochizuki , wobei die Gruppe der -ten Einheitswurzeln und eine gewählte -te Wurzel des -Parameters der zugrundeliegenden elliptischen Kurve ist. Aus entsteht eine endliche Überdeckung . Weiter setzt man und erhält daraus die Überdeckung . Auf besitzt ein geeigneter Schnitt eines Linienbündels eine -te Wurzel .
Für die zweite Vergleichsstruktur verwendet Mochizuki die zweifache Überdeckung
- ,
wobei und . Auf wird ein Schnitt des entsprechenden Linienbündels konstruiert, dessen Nullstellendivisor durch die Theta-Konstruktion vorgegeben ist. Dieser Schnitt wird Theta-Trivialisierung genannt.
Die durch und bestimmten Gruppenwirkungen auf den Linienbündeln unterscheiden sich nur durch Einheitswurzeln. Ihre über alle kompatiblen Differenzen definieren die Kohomologieklasse
- ,
die étale Theta-Klasse genannt wird. Sie kodiert die Wurzelstruktur der Theta-Funktion in kohomologischer Form und ihre Reduktionen liefern die Kummerklassen der entsprechenden Wurzeln der klassischen Theta-Funktion.[20]
Im Frobenioid werden diese Wurzelstrukturen durch entsprechende Wurzelpaare von Morphismen und deren Kummerklassen beschrieben. Aus diesen Daten lässt sich die sogenannte Mono-Theta-Umgebung rekonstruieren.[21]
Frobenioid
Ein zentraler Begriff in Mochizukis Arbeiten ist der von ihm eingeführte Begriff des Frobenioid. Frobenioide sind eine kategorien-theoretische Abstraktion der Theorie der Divisoren und Geradenbündel auf algebraischen Kurven oder arithmetischen Schemata sowie deren Überdeckungen, die aus endlichen separablen Erweiterungen der Funktionenkörper hervorgehen.[22]
Ein Frobenioid kann man sich ungefähr so vorstellen: Man startet mit einer Kategorie und bildet daraus eine neue Kategorie , indem man die Morphismen aus um die Information eines Divisors und eines Grades erweitert. Die neuen Morphismen haben dann die Form
Der Grad heißt Frobeniusgrad des Morphismus . Die Kategorie wird elementares Frobenioid genannt.
Ein Frobenioid ist dann eine Kategorie , die mit einem Funktor in ein elementares Frobenioid ausgestattet ist und bestimmte Axiome erfüllt. Ein elementares Frobenioid wiederum ist eine Kategorie, die aus zwei Arten von Daten zusammengesetzt wird: einer „Basiskategorie“ mit Grundobjekten und einem Divisormonoid , dass jedem ein Monoid von Divisoren zuordnet. Sei durchgehend .
Konstruktion des Frobenioid
Das elementares Frobenioid lässt sich wie folgt herleiten:
- Man begint mit einer Kategorie , welche die Basiskategorie ist. Ein kontravarianter Funktor in die Kategorie der Monoide nennt Mochizuki "Monoid auf ". Er ordnet also jedem Objekt ein Monoid zu. Erfüllen diese Monoide zusätzliche divisoriale Eigenschaften, so heißt ein Divisormonoid und die Elemente in werden als abstrakte Divisoren aufgefasst werden.[23]
- Aus einem Divisormonoid konstruiert man eine Kategorie , die Mochizuki elementares Frobenioid nennt. Die Objekte von sind die Objekte von , also . Ein Morphismus in ist ein Tripel wobei
- ein Morphismus in der Basiskategorie ,
- ein Element des zugehörigen Divisormonoids ist.
- eine natürliche Zahl ist, die als Frobeniusgrad von bezeichnet wird . Der Frobeniusgrad stammt aus dem multiplikativen Monoid [23]
- Zur einheitlichen Bezeichnung der drei Komponenten schreibt man dabei , und .
- Für zwei Objekte lässt sich die Menge der Morphismen wie folgt schreiben
- Die Komposition zweier Morphismen und ist definiert durch
Das Frobenioid lässt sich wie folgt herleiten:
- Sei nun eine weitere Kategorie. Ein Funktor zu einem elementaren Frobenioid nennt er Prä-Frobenioid-Struktur und eine Kategorie mit einem solchen Funktor ist ein Prä-Frobenioid. Die Kategorie heißt Basiskategorie von . Für einen Morphismus in ist sein Bild unter ein Morphismus des elementaren Frobenioids Dabei bezeichnen die drei Komponenten die Basisabbildung in , den Divisor und den Frobeniusgrad des Morphismus.[23]
- Ein Frobenioid ist ein Prä-Frobenioid, dessen Prä-Frobenioid-Struktur zusätzliche Axiome erfüllt. Ein Frobenioid ist somit eine Kategorie mit einer Prä-Frobenioid-Struktur . Die wichtigsten Axiome sind die Surjektivität auf die Basiskategorie durch Pull-back-Morphismen, die Realisierung aller Frobeniusgrade durch Morphismen vom Frobenius-Typ sowie die Erfassung der Divisorenstruktur durch co-angular Morphismen.[24]
Beispiel von Mochizuki
Als einfachstes Beispiel eines elementaren Frobenioids nennt Mochizuki das elementare Frobenioid , was aus einem kommutativen Monoid durch Bildung des semidirekten Produkts mit dem multiplikativen Monoid der natürlichen Zahlen entsteht
Ein Element von ist ein Paar mit und , wobei die Verknüpfung durch
gegeben ist.
Das elementare Frobenioid wird von Mochizuki als Kategorie aufgefasst, genauer als die Kategorie mit einem einzigen Objekt , deren Morphismen durch die Elemente von gegeben sind. Das bedeutet, ein Morphismus in der Kategorie wird durch beschrieben. In diesem Spezialfall lässt Mochizuki die Basiskomponente weg, weil er als zugrunde liegende Basiskategorie eine Kategorie mit einem Element wählt und der einzige Morphismus dort die die Identitätsabbildung ist ist.[25] Für einen Morphismus enthält das Monoid den Divisorenanteil des Morphismus, während die Elemente von den Grad des Morphismus angeben.
Beispielsweise wenn , dann wäre , der zusammengesetzte Morphismus besitzt Grad und den Divisoranteil .
Allgemeiner kann ein elementares Frobenioid aus einer Familie kommutativer Monoide gebildet werden. Das Beispiel ist ein Spezialfall der allgemeinen Konstruktion, in dem man eine Basiskategorie mit einem einzigen Objekt betrachtet. Das diesem Objekt zugeordnete Divisormonoid ist durch gegeben. Das daraus konstruierte elementare Frobenioid entspricht in diesem Fall genau dem oben beschriebenen elementare Frobenioid
Ein einfaches Prä-Frobenioid erhält man dann, wenn man als Kategorie wählt und der Funktor einfach der Identitätsfunktor ist.
Weiteres Beispiel eines Frobenioids
Wir starten mit einem Funktionenkörper , für den gilt die Isomorphie , dabei bezeichnet eine algebraische Kurve über dem Grundkörper . Zunächst wählen wir als Basiskategorie die Kategorie der endlichen Überdeckungen von . In diesem Beispiel beschränken wir uns auf zwei Überdeckungen:
Den beiden Überdeckungen ordnen wir die jeweiligen Divisormonoide der effektiven Weil-Divisoren zu
- und .
Daraus resultiert das elementare Frobenioid .
Die Elemente von haben die Form
und die Elemente von haben entsprechend die Form
Sei nun eine Kategorie, die mit einer Prä-Frobenioid-Struktur ausgestattet ist. Dann bildet der Funktor ein Objekt auf die Überdeckungen ab
- .
Der Funktor bildet die Morphismus in auf einen Morphismus
ab. Dieser hat die Form wobei der zugehörige Morphismus in der Basiskategorie , der Divisorenanteil und der Frobeniusgrad ist.
Damit wird die Kategorie mit der Divisoren- und Gradstruktur des elementaren Frobenioids verbunden.
Hodge-Theater
Ein zentraler Begriff der IUT ist der Begriff des Hodge-Theaters. Es dient dazu, arithmetische und geometrische Daten einer hyperbolischen Kurve in einer kategorientheoretischen Struktur miteinander zu vergleichen. Es wird als „Theater“ bezeichnet, da es verschiedene mathematische Strukturen bzw. Darstellungen auf einer gemeinsamen Vergleichsebene miteinander in Beziehung setzt, ohne die jeweiligen Strukturen miteinander zu identifizieren. Die Schwierigkeit des Begriffs liegt daran, dass er auf einer Vielzahl weiterer von Mochizuki eingeführter mathematischer Objekte und Konstruktionen aufbaut (u. a. „initiale Θ-Daten“, „Θ-Bridges“, „D-Prime-Strips“, „anabelsche Fundamentalgruppen“, „Frobenioide“).
Mochizuki nennt das Grundobjekt -Hodge-Theater, weil das Hodge-Theater bezüglich einer Sammlung an Grunddaten – genannt initialen Θ-data – erzeugt wird. Ein -Hodge-Theater besteht dabei aus einem System von Frobenioiden und Beziehungen zwischen den Frobenioiden, die durch sogenannte „Bridges“ beschrieben werden. Das System von Frobenioiden sei als -Variante des Hodge-Theaters bezeichnet.
Jedes dieser Frobenioide ist über einer Basiskategorie definiert, welche die zugrundeliegenden geometrisch-anabelschen Informationen aus der Überdeckungstheorie der algebraischen Kurven beschreibt. Das System der Basiskategorien und deren Beziehungen zueinander bilden die -Variante des Hodge-Theaters. Die Basiskategorie sind in erster Linie Kategorien zusammenhängender étaler Überdeckungen sowie temperierter Überdeckungen der algebraischen Kurve. Sie können äquivalent auch durch Galoiskategorien beschrieben werden. Die Strukturen der -seitigen Hodge-Theater unterscheiden sich dabei teilweise von denen ihrer -seitigen Gegenstücke.
Mochizuki unterscheidet zwischen zwei Grundtypen von -Hodge-Theatern: das -Hodge-Theater und das -Hodge-Theater. Am Ende werden beide durch einen Isomorphismus verklebt um das -Hodge-Theater zu erhalten.
Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht:
| System von Frobenioiden | Definition | System von Basiskategorien | Definition |
|---|---|---|---|
| -Hodge-Theater | Definition 3.6 | -Hodge-Theater | Korollar 3.9 |
| -Hodge-Theater | Definition 6.11 (iii) | -Hodge-Theater | Definition 6.4 (iii) |
| -Hodge-Theater | Definition 5.5 (iii) | -Hodge-Theater | Definition 4.6 (iii) |
| -Hodge-Theater | Definition 6.13 (i) | -Hodge-Theater | Definition 6.13 (ii) |
Grunddaten des Hodge-Theaters
Ein -Hodge-Theater wird aus einer festen Sammlung von algebraischen Grunddaten konstruiert, welche Mochizuki „initial Θ-data“ nennt. Diese bestehen vor allem aus[26]
- einem Zahlkörper und dessen algebraischen Abschluss ,
- einer elliptischen Kurve über und die einmal punktierte elliptischen Kurve , also einer hyperbolische Kurve vom Typ .
- einer Primzahl , die die betrachtete -Torsion von angibt. ist die durch die -Torsionspunkte von erzeugte Erweiterung von . bezeichnet das Modulfeld (field of moduli) von das heißt .
- einer Mengen von Bewertungen des Körpers sowie die Menge von Bewertungen des Modulfelds . Die Inklusion induziert eine Bijektion . Die Bewertungen werden in archimedisch und nicht-archimedisch zerlegt sowie in gute und schlechte Bewertungen:
- einer hyperbolische Orbikurve , wobei der Quotient als Deligne-Mumford-Quotient-Stack zu verstehen ist, das bedeutet, man identifiziert Punktepaare , wobei die Punkte mit als spezielle Punkte mit zusätzlicher Symmetrie berücksichtigt werden. Durch Basiswechsel entsteht die Kurve .
Zusammenfassung der Ausganglage
Die Ausganglage zur Konstruktion der Frobenioide und der darau sresultierenden Hodge-Theater lässt sich wie folgt zusammenfassen:
- Ausgangspunkt sind die -initialen Daten , also ein Zahlkörper , die Primzahl und die Menge der Bewertungen sowie drei verwandte Kurven:
- die elliptische Kurve , die punktierte Kurve und die Orbikurve .
- Aus den -Torsionspunkten wird eine Körpererweiterung gebildet.
- Durch den Basiswechsel von nach erhält man die neuen Kurven , und .
- Daraus wird eine globale -fache étale Überdeckung konstruiert, die durch Basiswechsel auf die punktierte elliptische Kurve eine Überdeckung liefert.
- Für jede Bewertung werden diese Daten anschließend über die Vervollständigung lokalisiert. Dabei unterscheidet man zwischen guten und schlechten Stellen und erhält die lokalen Überdeckungen und .
- Aus den Kategorien der lokalen Überdeckungen werden Modelldaten gebildet, darunter vor allem:
- die Kategorie der zusammenhängenden endlichen étalen Überdeckungen von
- die Kategorie der zusammenhängenden temperierten Überdeckungen von
- Aus den Model-Daten werden sogenannte Model-Frobenioide gebildet, die zentralen sind das temperierte Frobenioid und das -adische Frobenioid , die für die Definition des -Hodge-Theaters wichtig sind.
Θ±ell-Hodge-Theater
Ein -Hodge-Theater bezüglich eines Daten-Tupel bezeichnet im Wesentlichen eine mathematische Struktur der Form
bestehend aus drei Objekten und zwei Morphismen. Genauer bedeutet dies
wobei die Objekte im Einzelnen:
- repräsentiert die arithmetisch-multiplikative Seite und wird als „-Prime-Strip“ (oder „Frobenioid-Prime-Strip“) bezeichnet. Es ist eine Sammlung von Kategorien, die die arithmetischen Informationen des Zahlenkörpers an den Stellen enthält (insbesondere Frobenioid-Strukturen).[27]
- stellt das Vergleichsobjekt dar, welches die beiden Seiten mit sogenannten -Bridges verbindet. ist eine Familie von -Prime-Strips und wird als „Kapsel von -Prime-Strips“ bezeichnet.
- repräsentiert die geometrische Seite und enthält Objekte mit Informationen über geometrische Strukturen (z. B. Kurven, Fundamentalgruppen, Überlagerungen). ist eine geometrische Kategorie, die äquivalent zur Unterkategorie der zusammenhängenden Objekte der Galoiskategorie ist, wobei die Galoiskategorie der hyperbolischen Kurve ist, welche von Mochizuki zuvor konstruiert wurde.
Mochizuki bezeichnet den Morphismus als -Bridge und den Morphismus als -Bridge, die relativ zu den Ausgangsdaten gebildet werden. Die beiden Morphismen verbinden das in der Mitte liegende Vergleichsobjekt mit der arithmetischen bzw. geometrischen Seite. Somit werden beide Seiten über ein gemeinsames dazwischengeschaltetes Objekt beschrieben.[28]
Frobenius-Bild
Aus einer Familie verschiedener -Hodge-Theater
entstehen durch die sogenannten -Links, welche Isomorphismen zwischen den zugehörigen globalen Frobenioid-Daten
sind, gerichtete Beziehungen zwischen den Hodge-Theatern. Dadurch erhält man eine unendliche Kette[29]
welche Mochizuki als Frobenius-Bild (Frobenius-picture) bezeichnet.
Étale-Bild
Das Frobenius-Bild induziert eine unendliche Kette von -Prime-Strips, die durch Isomorphismen miteinander verbunden sind:[30]
Ein einzelner -Prime-Strip eines Hodge-Theaters nennt Mochizuki den „mono-analytischen Kern“ des Hodge-Theaters, weil er bis auf Isomorphie invariant und unabhängig von der jeweiligen Position des Hodge-Theaters im Frobenius-Bild ist. Mochizuki definiert das Étale-Bild als die Beziehungen der Hodge-Theater zu diesem gemeinsamen Kern. Im Gegensatz zum Frobenius-Bild, in dem die Hodge-Theater in einer festen Reihenfolge miteinander verbunden sind, können die Hodge-Theater im Étale-Bild beliebig permutiert werden.
Ehrungen
1997 erhielt er den Herbstpreis der Japanischen Mathematischen Gesellschaft und 2005 die Medaille der Japan Academy.
1998 war er Invited Speaker auf dem Internationalen Mathematikerkongress in Berlin (The intrinsic Hodge theory of p-adic hyperbolic curves).
2004 war er unter den ersten Empfängern des JSPS-Preises (Preis der Japan Society for the Promotion of Science)[31] für Forschungen zur arithmetischen Geometrie hyperbolischer Kurven, einschließlich der Lösung der Grothendieck-Vermutung zur Anabelschen Geometrie mit p-adischen Methoden.[32][33]
Schriften
- A Version of the Grothendieck Conjecture for p-adic Local Fields, The International Journal of Mathematics, Band 8, 1997, S. 499–506.
- Foundations of p-adic Teichmüller theory, AMS/IP Studies in Advanced Mathematics, Band 11, Providence, R.I.: American Mathematical Society, International Press 1999
- Inter-universal Teichmüller Theory. (Preprints)
- Teil I: Construction of Hodge Theaters. Februar 2016
- Teil II: Hodge-Arakelov-theoretic Evaluation. Dezember 2015
- Teil III: Canonical Splittings of the Log-theta-lattice. Februar 2016
- Teil IV: Log-volume Computations and Set-theoretic Foundations. Dezember 2015
- A panoramic overview of Inter-Universal Teichmüller Theory, in: Algebraic number theory and related topics 2012, RIMS Kôkyûroku Bessatsu B51, RIMS, Kyoto (2014), S. 301–345, pdf (Übersichtsartikel)
- The mathematics of mutually alien copies: from Gaussian integrals to Inter-Universal Teichmüller Theory, 2016, pdf (Übersichtsartikel)
- The étale theta function and its Frobenioid-theoretic manifestations, Publ. RIMS, Band 45, 2009, S. 227–349.
- Arithmetic elliptic curves in general position, Math. J. Okayama Univ., Band 52, 2010, S. 1–28.
Literatur
- Gerd Faltings: Curves and their fundamental groups, following Grothendieck, Tamagawa and Mochizuki. Seminaire Bourbaki, Nr. 840, März 1998
- Iwan Borissowitsch Fessenko: Arithmetic deformation theory via arithmetic fundamental groups and nonarchimedean theta functions, notes on the work of Shinichi Mochizuki. In: Europ. J. Math. 2015, 1, S. 405–440, Online
- Vesselin Dimitrov: Effectivity in Mochizuki’s work on the abc conjecture, Preprint 2016, Arxiv
- Davide Castelvecchi: The impenetrable proof, Nature, Band 526, 2015, S. 179–181, nachgedruckt mit Ergänzungen in: Mircea Pitici (Hrsg.), The best writings in mathematics 2016, Princeton UP 2017
- Go Yamashita: A proof of the abc conjecture after Mochizuki, Preprint 2017, Online
Weblinks
- Homepage
- Diskussion in mathoverflow zu Mochizukis angekündigtem Beweis der abc-Vermutung und Hintergrund dazu
- Kevin Hartnett: An abc proof even too tough for mathematicians. Boston Globe, 4. November 2012
- Wahrheitsfindung in der Mathematik: Wann ist ein Beweis richtig? – Beitrag u. a. über Mochizuki. Feature von Agnes Handwerk, ausgestrahlt am 11. Juni 2015 auf Deutschlandradio Kultur
- Kevin Hartnett: Hope rekindled for perplexing proof. Quanta magazine, 21. Dezember 2015
- Ivan Fesenko: Fukugen, Inference 2016
- Shinichi Mochizuki in der Datenbank zbMATH