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Spätmittelalter

historischer Zeitraum der europäischen Geschichte From Wikipedia, the free encyclopedia

Als Spätmittelalter wird der Zeitraum der europäischen Geschichte von der Mitte des 13. bis zum Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts bezeichnet (also ca. 1250 bis 1500). Es stellt die Endphase des Mittelalters dar, auf welche die Frühe Neuzeit folgt. Eine generelle zeitliche Eingrenzung des Übergangs vom Spätmittelalter in die Renaissance ist nicht möglich, da letztere wesentlich aus der kulturphilosophischen und kunstgeschichtlichen Entwicklung heraus definiert ist und sich in den europäischen Regionen unterschiedlich schnell ausbreitete. So entstand kulturgeschichtlich betrachtet der Renaissance-Humanismus bereits im 14. Jahrhundert, wird aber politisch und sozialgeschichtlich noch dem Spätmittelalter zugeordnet. In der neueren Forschung wird zudem diesbezüglich eher die These eines fließenden Übergangs vertreten. Reformation und das Zeitalter der europäischen überseeischen Expansion markieren das endgültige Ende der Epoche.

Dante von Domenico di Michelino

Im europäischen Kontext ist das Spätmittelalter geprägt von Wandel und Umbruch auf einem Fundament älterer Traditionen. Im römisch-deutschen Reich etablierte sich nach dem Untergang der Staufer und dem Interregnum endgültig die kurfürstliche Wahlmonarchie (seit 1356 mit der Goldenen Bulle als „Grundgesetz“), in der das vergleichsweise schwache Königtum auf den Konsens mit den Großen angewiesen war und die Hausmachtpolitik eine zentrale Rolle spielte. In diesem Zusammenhang ergaben sich auch Spielräume königlicher Politik. Während im 14. und frühen 15. Jahrhundert die Häuser Habsburg, Luxemburg und Wittelsbach um die Krone konkurrierten, stellten die Habsburger ab 1438 alle folgenden römisch-deutschen Könige. Ein Kerngedanke im 15. Jahrhundert war die Reichsreform, die aber nur ansatzweise umgesetzt wurde. Der dennoch feststellbare Struktur- und Verfassungswandel in dieser Zeit wird in der neueren Forschung als „Verdichtung“ des Reiches bezeichnet, wenngleich die Institutionalisierung auf der Reichsebene insgesamt eher unzureichend blieb.

Zwischen England und Frankreich brach unter anderem aufgrund von Thronstreitigkeiten 1337 der sogenannte Hundertjährige Krieg aus, der sehr wechselhaft verlief. Der Krieg endete 1453 siegreich für Frankreich, hatte aber beide Länder ausgeblutet. Frankreich büßte zudem seine im 13. Jahrhundert errungene europäische Machtstellung ein und wurde im Inneren vom Machtkampf zwischen dem regierenden Haus Valois und dem Haus Burgund geplagt. Diese Auseinandersetzung gewann eine europäische Komponente, als weite Teile Burgunds Ende des 15. Jahrhunderts zeitweise an die Habsburger fielen und sich der folgende französisch-habsburgische Konflikt bis weit ins 16. Jahrhundert fortsetzte. Währenddessen erlebte England eine innenpolitische Krise und mehrere Thronkämpfe, die schließlich in den blutigen Rosenkriegen gipfelten.

Europa im 14. Jahrhundert.

In Südeuropa spielte das Königreich Aragón im Mittelmeerraum eine wichtige Rolle, während die Reconquista sich in ihrer Endphase befand und 1492 abgeschlossen wurde. Aragón und Kastilien schlossen sich Ende des 15. Jahrhunderts zu einer Union zusammen, es entstand das Königreich Spanien. Mit Kastilien bzw. später Spanien konkurrierte Portugal, das im 15. Jahrhundert zu einer Seemacht aufstieg und das Zeitalter der überseeischen Entdeckungen einleitete. Italien war geteilt in das zum römisch-deutschen Reich gehörende Reichsitalien, den Kirchenstaat, die Republik Venedig und das Königreich Neapel(-Sizilien), wobei die verschiedenen reichsitalienischen Stadtstaaten eine weitgehend unabhängige Politik betrieben. Die alte kaiserliche Italienpolitik, die auf die Wahrung und Einforderung formaler Rechte pochte, war mit dem Tod Kaiser Heinrichs VII. 1313 faktisch beendet. Die folgenden Italienzüge der römisch-deutschen Könige hatten nur noch die Kaiserkrönung und/oder die Nutzung der erheblichen Finanzkraft der Kommunen zum Ziel. Aber auch die Gestaltungskraft der zweiten mittelalterlichen Universalmacht, des Papsttums, hatte erheblich abgenommen. Die Päpste residierten seit 1309 in Avignon, das sogenannte avignonesische Papsttum stand unter weitgehender Kontrolle des französischen Königshofes. Eine Doppelwahl 1378 führte zum Abendländischen Schisma, das die lateinische Christenheit bis 1417 tief spaltete. Auch andere innerkirchliche Probleme sorgten dafür, dass der Ruf nach einer Kirchenreform immer lauter wurde und schließlich zur Reformation führte.

In Nordeuropa war das Königreich Dänemark die dominierende Macht, nachdem es eine Schwächephase im 14. Jahrhundert überwunden hatte. 1397 kam es unter dänischer Führung zur Kalmarer Union mit Schweden und Norwegen, wobei die Unionskönige versuchten, ihre Machtstellung möglichst auszubauen, was Mitte des 15. Jahrhunderts zum Bruch mit Schweden führte, bevor die Union 1523 endete. Im Ostseeraum trat konkurrierend die wirtschaftlich mächtige Hanse hinzu, mit der sich die dänischen Könige im 14. und frühen 15. Jahrhundert militärische Auseinandersetzungen lieferten. Im Baltikum führte der Deutsche Orden mehrere Kriege mit dem Großfürstentum Litauen, bevor dieses 1386 mit dem Königreich Polen die Polnisch-Litauische Union bildete und sich als neue Großmacht behaupten konnte. Im 14. Jahrhundert begann in der Rus der Aufstieg Moskaus, das sich im 15. Jahrhundert von der Herrschaft der mongolischen Goldenen Horde befreite und bis ins frühe 16. Jahrhundert die anderen Teilfürstentümer eroberte. Auf dem Balkan standen das Königreich Ungarn und das Königreich Serbien seit dem späten 14. Jahrhundert unter starkem Druck durch das nach Südosteuropa expandierende Osmanische Reich. Dieses eroberte 1453 nicht nur Konstantinopel und beendete damit die lange Geschichte des Byzantinischen Reiches, auch Serbien und Bulgarien gerieten im 15. Jahrhundert für lange Zeit unter osmanische Herrschaft. Ungarn hingegen, wo seit dem frühen 14. Jahrhundert auch ausländische Häuser regierten und das eine regionale Großmacht darstellte, konnte die Türken mit Mühe abwehren, bevor das Königreich Anfang des 16. Jahrhunderts von diesen erobert wurde.

Ganz Europa wurde Mitte des 14. Jahrhunderts von der großen Pest getroffen, dem sogenannten „Schwarzen Tod“. Ausgehend von Zentralasien gelangte die bislang größte Pandemie der Menschheitsgeschichte Ende 1347 in den Mittelmeerraum und breitete sich im folgenden Jahr in Europa aus. Sie forderte Millionen von Todesopfern und hatte weitreichende sozioökonomische Folgen.

Das Spätmittelalter wurde in der älteren Forschung wegen bestimmter Erscheinungen wie Agrarproblemen (die aber differenziert betrachtet werden müssen) und politischen Veränderungen im römisch-deutschen Reich in der deutschen Mediävistik oft als Krisenzeit betrachtet, als eine „Verfallszeit“. In Italien und Frankreich wurde keine derartig scharfe Trennung vorgenommen. In der neueren deutschsprachigen Forschung wird ebenfalls wesentlich differenzierter geurteilt, vor allem durch neue Forschungsansätze und Quellenbefunde: Bei allen auftretenden Problemen war das Spätmittelalter geprägt von einer gestiegenen Mobilität und Internationalität, Veränderungen in vielen Lebensbereichen (wie Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur) und schließlich dem Übergang in die Frühmoderne. Insofern hat ein deutlicher Paradigmenwechsel in der deutschen Spätmittelalterforschung stattgefunden.

Unbestritten sind Krisenerscheinungen wie Seuchen und ein Bevölkerungsrückgang im 14. Jahrhundert, die aber nicht verallgemeinert werden können, zumal das Spätmittelalter von dynamischen Entwicklungen geprägt war. So schritt im römisch-deutschen Reich der institutionalisierte Ausbau der fürstlichen Territorien voran, wobei die weltlichen und geistlichen Landesherren sich im Kräftespiel mit dem Königtum behaupten konnten. Ebenso nahm die Bedeutung der Städte beträchtlich zu, die wichtige Wirtschafts- und Bildungszentren darstellten und deren Bevölkerung insgesamt wuchs. Gesellschaftlich wurde so auch das Bürgertum immer bedeutender und die soziale Mobilität nahm zu. Die Städte institutionalisierten sich politisch (so durch Stadträte und Städtebünde) und wirtschaftlich zunehmend, wobei sie ihre Rechte vehement verteidigten, was teilweise zu Konflikten mit den umliegenden Landesherren führte. Im Spätmittelalter entfalteten sich weitgespannte Handelsnetzwerke, wie das der Hanse und italienischer Handelsgesellschaften, die in den östlichen Mittelmeerraum und weit nach Norden reichten. In diesem Zusammenhang stieg die Bedeutung des komplexer werdenden Bankensystems und der Geldwirtschaft.

Die kulturelle Neubelebung im Rahmen der Renaissance setzte wichtige Impulse in Kunst, Philosophie, Literatur und Architektur. Die Erfindung des Buchdrucks stellte eine kommunikative Revolution dar, wodurch wiederentdeckte antike Klassiker und neue Abhandlungen wesentlich leichter und schneller verbreitet werden konnten. Neue Ideen entstanden und wurden intensiv ausgetauscht, einschließlich eines stärker individualisierten Menschenbilds. Dies führte unter anderem zu einer verstärkten Kirchenkritik sowie abweichenden christlichen Bewegungen und mündete in der Reformation, wozu kirchliche Missstände und das Schisma beitrugen. Die Bedeutung der Universitäten nahm weiter zu, wobei die Bildung nun längst nicht mehr primär auf die Geistlichkeit beschränkt war und im Spätmittelalter erstmals Universitäten im deutschen Reichsteil gegründet wurden. Gelehrtes Personal spielte außerdem in der nun viel stärker durch Schriftlichkeit geprägten Verwaltung im Reich, in den Städten und in den Territorien eine wichtige Rolle.

Begriffs- und Forschungsproblematik

Jede Periodisierung ist zu einem gewissen Grad willkürlich und es hängt vor allem von den Forschungsperspektiven ab, welche Aspekte man primär betrachtet und wie man sie gewichtet. Der Begriff Spätmittelalter ist relativ jung, etablierte sich erst im frühen 20. Jahrhundert in der historischen Forschung und war von Beginn an nicht unproblematisch, da mit spät auch Absterben und Verfall assoziiert wurde.[1] Dies kam nicht zuletzt in der 1919 erschienenen Darstellung Herbst des Mittelalters von Johan Huizinga zum Ausdruck: Eine Zeit des Umbruchs, aber auch des Niedergangs, verbunden mit einer „auf das Spätmittelalter projizierten europäischen Untergangsstimmung“.[2] In der nationalstaatlich geprägten älteren deutschen Forschung war aber bereits vor dem Aufkommen des Begriffs „Spätmittelalter“ die Zeit nach dem Untergang der Staufer 1250 als eine Verfallszeit im römisch-deutschen Reich begriffen worden (ein „Restmittelalter“), in der eine neue, eine schlechtere Zeit begonnen habe, die erst mit der Reformation endete.[3] Die Dreiteilung des Mittelalters entsprach in diesem Sinne sehr einer deutschen Perspektive, die in dynastischen Abfolgen dachte sowie mit einem Beginn, einem Höhepunkt und einem Niedergang argumentierte; weit weniger assoziativ verfuhr die italienische, französische und spanische Forschung.[4] Ernst Schubert schrieb dazu: „Spätmittelalter als Epochenbegriff war von der Negation her entwickelt worden.“[5]

Bauern bei der Arbeit auf den Feldern (Monat Oktober im Stundenbuch des Herzogs von Berry). Entstanden zwischen 1412 und 1416 sowie etwa um 1440. Den Brüdern von Limburg oder Barthélemy d’Eyck zugeschrieben. Heute im Musée Condé in Chantilly.

Diese Einstellung reflektiert jedoch keineswegs mehr die aktuelle Forschung. 1990 hat sich Erich Meuthen intensiv mit der Entstehung und der Sinnhaftigkeit des Begriffs Spätmittelalter auseinandergesetzt und die Krisenerzählung infrage gestellt: „Die dann folgende ‚Krise des Mittelalters‘ als Wirtschaftskrise hat sich jedoch als durchaus nicht so epochal herausgestellt, wie man vorübergehend meinte. [...] Andererseits scheint das ‚späte‘ Mittelalter dieser großeuropäischen Geschichte nach der sich immer mehr verdichtenden Ansicht der Forschung doch auch und gerade so in höchst förderlichem Maße gedient zu haben. Wichtige Fundamente der neuen staatlichen Ordnung auch in Deutschland sind demnach in eben jenem ausgehenden Mittelalter gelegt worden.“[6] In der Mediävistik bildet das Spätmittelalter inzwischen den Schwerpunkt der Forschung.[7] Neue Quellen, methodische Ansätze, Fragestellungen und Erkenntnisse haben zu einer vollkommenen Neubewertung des Spätmittelalters geführt, wobei verstärkt eine gesamteuropäische Perspektive berücksichtigt und der Charakter der Umbruchszeit (zwischen Tradition und Wandel) betont wird. Der Beginn der Epoche, wenngleich in der Forschung diskutiert, wird zwar in der Regel auf die Zeit um 1250 angesetzt, wobei nun jedoch vor allem „Qualitätswandlungen“ (so im politischen System, im gesellschaftlichen, technischen und kulturellen Bereich) als Kennzeichen der neuen Zeit betrachtet werden.[8]

Unbestritten sind Krisenphänomene, so Hungersnöte und Seuchen wie die Hungersnot von 1315–1317 und der Schwarze Tod 1347–1353. Soziale Erhebungen und Bürgerkriege führten in Frankreich und England zu schweren Volksaufständen (Jacquerie und der Bauernaufstand von 1381 in England), und zwischen diesen beiden Staaten brach der Hundertjährige Krieg aus. Die Einheit der lateinischen Kirche wurde durch das Große Schisma erschüttert. Papsttum und Kaisertum büßten an Autorität ein. Die Gesamtheit dieser Ereignisse wurde oft Krise des Spätmittelalters genannt. Ein zentraler Punkt ist die sogenannte spätmittelalterliche Wirtschaftskrise, die eine Absatzkrise darstellte, die allerdings in der neueren Forschung im Rahmen eines Strukturwandels differenzierter betrachtet wird.[9] Die spätmittelalterliche Wirtschaftsgeschichte ist des Weiteren vor allem von expandierenden Handelsnetzwerken wie der Hanse, italienischen Handelsgesellschaften und einer Zunahme des immer komplexer werdenden Bankwesens und des Geldhandels geprägt.[10] Hierbei gewannen die Städte als Umschlagplätze und Handelszentren noch stärker an Bedeutung. Die spätmittelalterliche Stadtgeschichte ist des Weiteren geprägt von stärker werdenden politischen Organisationsformen (Stadtrat und Stadtrecht) und teils daraus resultierenden inneren Konflikten (wie zwischen Zünften und Patriziern).[11] Die spätmittelalterliche Agrarkrise wiederum ist methodisch durchaus umstritten. Allerdings kam es Mitte des 14. Jahrhunderts offenbar zu einem erheblichen Bevölkerungseinbruch, der auch verbunden mit strukturellen Problemen und klimatisch begründeten Missernten war.[12] Hinzu kamen Seuchen und andere Umweltfaktoren, doch auch hier warnt die Quellen- und Forschungslage vor Pauschalurteilen.[13]

Insgesamt bleiben viele Fragen uneindeutig oder offen. Krisenphänomene lassen sich jedenfalls aufgrund der Quellenlage nicht thematisch, geographisch und zeitlich verallgemeinern. Es gab im Verlauf des Spätmittelalters starke Unterschiede und immer wieder prosperierende und krisengeprägte Regionen und Zeiträume, wobei die Gründe im Einzelfall stark variieren können. Es ist zudem wichtig zu erklären, was unter Krise zu verstehen ist, denn die moderne Krisentheorie kennt diverse Modelle. Daraus folgt, dass die Kriterien methodisch sauber und nachvollziehbar definiert werden müssen, so dass nicht jedes passend erscheinende Phänomen gleich als „Krise“ bezeichnet werden kann; des Weiteren ist zwischen mehr oder weniger allgemeinen Krisen und Teilkrisen zu differenzieren.[14] In diesem Sinne ergeben sich zudem wichtige Differenzierungen zu Regionen und Zeitabschnitten, so dass Pauschalurteile abzulehnen sind: Bei durchaus feststellbaren Krisenphänomenen des 14. Jahrhunderts sind deshalb stets einzelne Komponenten zu unterscheiden (wie beispielsweise klimatische, biologische, ökonomische und soziale Teile sowie politische Rahmenbedingungen).[15]

Die Eroberung von Konstantinopel (1453) in einer Philippe de Mazerolles zugeschriebenen Darstellung aus dem 15. Jahrhundert. Heute in der Bibliothèque nationale de France.

Das Spätmittelalter war zudem eine Zeit des künstlerischen und wissenschaftlichen Fortschritts. Die „Wiederentdeckung“ antiker Texte und vor allem deren systematische Sammlung führten zur Renaissance, der „Wiedergeburt“ des antiken Geisteslebens (siehe auch Renaissance-Humanismus). Diese Entwicklung wurde durch die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 beschleunigt. Viele byzantinische Gelehrte flohen in den Westen, insbesondere nach Italien, ebenso gelangten von dort im Westen bislang verlorene Werke in das lateinische Europa. Die Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts erleichterte die Verbreitung des Geschriebenen und das Lernen als wichtige Voraussetzung für die spätere Kirchenreformation. Handelsnetzwerke verbanden das lateinische Europa mit dem Orient.[16] Die Suche nach einem Seeweg nach Indien hatte die Entdeckung Amerikas 1492 zur Folge und leitete die Europäische Expansion ein, während die Europäer fast zeitgleich im Osten Indien erreichten und sich dort festsetzten.[17] Das lateinische Europa expandierte aber am Ausgang des Spätmittelalters nicht nur in Übersee, sondern auch sozial, wirtschaftlich und gesellschaftlich fand eine Expansion statt.[18] In Europa entwickelten Kaufleute neue Geschäftsmodelle und erweiterten ihre Handelsnetzwerke mit neuen Kommunikationsstrukturen. Neben dem vorherigen dominierenden Luxushandel (siehe Indienhandel) kam nun verstärkt der Handel mit Massenwaren hinzu. Die Geldwirtschaft spielte eine noch größere Rolle als zuvor und die Urbanisierung nahm zu. Es boten sich nun auch mehr Möglichkeiten eines gesellschaftlichen Aufstiegs. Die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Spätmittelalters ist dementsprechend differenziert zu betrachten.[19] Hinzu kam eine staatlich-organisatorische Integration, die einen Kontrapunkt zur Krisenerzählung darstellt.[20] Im christlich-religiösen Bereich kündigte sich im Spätmittelalter bereits der säkulare Umbruch an, mit einem verstärkten Widerspruch zur offiziellen Lehre des Papstes, was ganz entscheidend das öffentliche und private Leben betraf und schließlich zur Reformation führen sollte.[21]

So leiteten die portugiesischen und spanischen Entdeckungsfahrten, die anschließenden Eroberungen in Übersee und die Reformation zusammen mit den anderen hier beschriebenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen (z. B. Ausweitung der Wirtschaft, neues Wissen und Menschenbild im Rahmen der Renaissance, die Medienrevolution durch den Buchdruck) den endgültigen Aufbruch in die Frühe Neuzeit ein.[22] Wenngleich es wesentlich sinnvoller erscheint, jeweils regionale Zeiträume zu betrachten, statt den Umbruch an einzelnen Jahreszahlen festzumachen, so bietet das Jahr 1517 einen globalgeschichtlich interessanten Ausschnitt für den Beginn der Frühen Neuzeit (Martin Luther prangert den Ablasshandel an, Nachfolgeregelung in Spanien und damit die Verschmelzung zur habsburgischen Großmacht, die Spanier landen auf Yucatán und beginnen zwei Jahre später mit der Eroberung des Aztekenreichs, die erste portugiesische Gesandtschaft erreicht China, die Osmanen erobern Ägypten und andere Ereignisse).[23]

Das europäische Spätmittelalter: Staaten und Regionen

Heiliges Römisches Reich

Vom Interregnum bis zum Tod Ludwigs des Bayern

Das Heilige Römische Reich um 1250

Nach dem Tod des Stauferkaisers Friedrich II. am 13. Dezember 1250 begann im Heiligen Römischen Reich das Interregnum.[24] Es handelte sich um eine Zeit der Instabilität mit mehreren Königen und Gegenkönigen, in der vor allem die Macht des sich endgültig formierenden Kurfürstenkollegiums (das nun über das exklusive Königswahlrecht verfügte) und die Macht der Landesherren gestärkt wurde. Die staufische Königsherrschaft brach im deutschen Reichsteil bereits vor dem Tod Konrads IV. (1254 in Süditalien) zusammen.[25]

Die ohnehin nie absolute Herrschaftsgewalt des römisch-deutschen Königtums erodierte im Interregnum, als Könige wie Wilhelm von Holland und Richard von Cornwall Güter verschenkten oder verpfändeten, um dadurch die Gunst der Fürsten und Städte zu gewinnen, während andere Rechte usurpiert wurden. In finanzieller und verwaltungstechnischer Hinsicht konnte die Königsgewalt im römisch-deutschen Reich nicht mit den großen westeuropäischen Monarchien Frankreich und England konkurrieren, zumal es keine feste Reichsresidenz gab und bis ins 15. Jahrhundert hinein kein kontinuierlich geführtes zentrales Königsarchiv (siehe unten). Der Machtverlust des Königtums während des Interregnums wird in der neueren Forschung allerdings nicht mehr mit einem völligen Zerfall der politischen Ordnung gleichgesetzt oder dessen Stärke als alleiniger Maßstab für die Zustände in dieser Zeit herangezogen. Das Reich selbst ging trotz aller Probleme nicht unter, aber seine Integrationskraft wurde geringer.[26] Dies bedeutet keineswegs, vorhandene Strukturprobleme zu bestreiten, die sich teils noch verschärfen sollten. So herrschte während des Interregnums kein Mangel an gewählten Königen, vielmehr gab es zu viele Herrscher gleichzeitig, die sich zudem nie vollständig durchsetzen konnten. Für diesen Zeitraum ist daher zumindest für die Institution des Königtums eine Krise festzustellen. Die Friedens- und Rechtswahrung war im Mittelalter ein zentraler königlicher Aufgabenbereich. Diese Funktion konnte durch das Königtum während des Interregnums nicht mehr gewährleistet werden,[27] so dass sich königliche Städte in Bündnissen zusammenschlossen, wie vor allem das Beispiel des 1254 gegründeten Rheinischen Städtebunds zeigt, wenngleich dieser bereits 1257 wieder zerfiel.[28] In den diversen Regionen wurde so versucht, ohne die weitgehend ausgefallene Reichsebene zu agieren. Hinzu kam die Einmischung ausländischer Mächte in die Reichspolitik,[29] wobei nicht zuletzt Frankreich vom Ausfall des römisch-deutschen Königtums profitierte und in der Folgezeit Reichsrechte im Grenzraum für sich beanspruchte.

Grabplatte Rudolfs von Habsburg (um 1285 im Speyerer Dom)

Das Interregnum endete 1273 mit der Wahl Rudolfs von Habsburg zum König, der bereits 55 Jahre alt war.[30] Rudolfs ursprüngliche Machtbasis im Südwesten des deutschen Reichsteils war eher bescheiden, doch es gelang ihm, diese auszubauen und die Königsherrschaft im Vergleich zu den Jahrzehnten zuvor wieder zu stabilisieren. Dies geschah nicht ohne Widerstände, zumal Rudolf sich gegen den König von Böhmen, Přemysl Ottokar II., durchsetzen musste, der Rudolfs Königtum nicht anerkannte und die Lehnshuldigung für Österreich und die Steiermark verweigerte. Rudolf schlug Ottokar in der Schlacht auf dem Marchfeld am 26. August 1278 und erwarb schließlich Österreich, die Steiermark und die Krain, womit er die Grundlage für den Aufstieg des Hauses Habsburg zur mächtigsten Dynastie im Reich legte. Rudolf beachtete aber durchaus die Interessen der Kurfürsten und bewies, dass trotz der veränderten und schwierigen Rahmenbedingungen eine relativ effektive, wenngleich territorial begrenzte Herrschaftsausübung immer noch möglich war, solange ein Konsens mit den Großen bestand (in erster Linie den Kurfürsten sowie anderen mächtigen geistlichen und weltlichen Landesherrn) und diese den König als Wahrer des Friedens und als oberste Herrschaftsinstanz im Reich akzeptierten. Die konsensuale Herrschaftspraxis spielte im spätmittelalterlichen Reich eine wichtige Rolle. Rudolf band wiederholt andere Fürsten in seine Politik einer erneuerten Königsherrschaft ein.[31] Er knüpfte dabei durchaus an staufische Traditionen an, indem er eine gezielte Landfriedenspolitik im Reich betrieb und sich bemühte, entfremdetes Reichsgut zurückzuerlangen (Revindikationspolitik),[32] wobei er die Großen auch hier durch Beratungen auf Hoftagen einband. Er etablierte in diesem Zusammenhang die Landvogteien, um eine effektivere Herrschaftsausübung zu gewährleisten. Die Sicherstellung von Recht und Frieden im Reich gelang ihm weitgehend, was ein bleibendes Verdienst seiner Herrschaft darstellt, besonders angesichts der schwierigen Ausgangsbasis; die Kaiserkrönung, obwohl von ihm ernsthaft angestrebt, erreichte er jedoch nicht. Im Westen bemühte er sich, die voranschreitende Expansion Frankreichs im westlichen Grenzraum und speziell im zum Imperium gehörenden Königreich Burgund zu bremsen.[33]

Nach Rudolfs Tod 1291 bestieg zunächst kein Habsburger den Thron. Wie im späten 13. und im 14. Jahrhundert üblich, legten die Kurfürsten zur Wahrung ihres Einflusses keinen Wert auf eine Erbnachfolge. Sie wählten nun den mit sehr bescheidenen Machtmitteln ausgestatteten Grafen Adolf von Nassau zum König (1292–1298).[34] Seine Regierungszeit war von einer fast permanenten Geldnot geprägt. Entscheidend war jedoch seine Auseinandersetzung mit mehreren Großen, nachdem er bei seiner Königswahl den Kurfürsten große Zugeständnisse gemacht hatte. Dieser Konflikt hatte sich nicht zuletzt an Adolfs Territorialpolitik entzündet, vor allem in Hinblick auf Thüringen, wo Adolf 1294/95 militärisch eingriff, da er diese Region seiner eigenen Hausmacht hinzufügen wollte. Des Weiteren zeigte sich der König unfähig, den Forderungen zur Eindämmung der französischen Expansion im Westen nachzukommen, wobei die Habsburger Adolf ohnehin feindlich gegenüberstanden. Es bildete sich eine „Kurfürstenfronde“ gegen Adolf, was schließlich zu seiner formellen Absetzung im Juni 1298 führte. Der König fiel am 2. Juli 1298 in der Schlacht von Göllheim im Kampf gegen Albrecht von Habsburg, den ältesten Sohn Rudolfs, der zuvor als neuer König von den Kurfürsten gewählt worden war. In der neueren Forschung wird eher betont, dass der Schlachtentod des Königs einschneidend wirkte, die Absetzung an sich aber (noch) nicht wirkungsmächtig war.[35]

Albrecht I. (1298–1308)[36] musste mehreren Kurfürsten Konzessionen machen, da diese eine Machtkonzentration der Habsburger verhindern wollten. Das Verhältnis zu den vier rheinischen Kurfürsten war während seiner gesamter Regierungszeit angespannt, da Albrecht eine rigorose Hausmachtpolitik betrieb. In Mitteldeutschland knüpfte er an die Territorialpolitik Adolfs von Nassau an und wurde außerdem im Niederrheingebiet tätig, wo er die Grafschaften Holland und Seeland beanspruchte. Wiederholt vertrat er die Eigeninteressen seines Hauses ohne den herrschaftlichen Konsens mit den anderen Großen zu berücksichtigen, was sich als schwerwiegende Belastung erwies. Albrecht wurde zunächst von Papst Bonifatius VIII. nicht anerkannt, doch kam es schließlich aufgrund des Konflikts des Papstes mit dem mächtigen französischen König Philipp IV. zu einer Verständigung, wobei Albrecht dem Papst aber einen Treue- und Gehorsamseid leisten musste. Andererseits hatte sich Albrecht zunächst um gute Beziehungen zu Philipp IV. bemüht. Er hatte sich gegenüber dem Kapetinger beim Treffen in Quatrevaux (am 8. Dezember 1299) in Grenzfragen entgegenkommend verhalten und ein bereits zuvor verhandeltes Eheprojekt erneut angesprochen. All dies geschah möglicherweise, um französische Unterstützung für den Plan zu erhalten, im Reich eine Erbmonarchie zu errichten; zumindest waren mehrere Kurfürsten sehr unzufrieden.[37] Albrechts Hausmacht- und Frankreichpolitik führte so zum offenen Konflikt gerade mit den rheinischen Kurfürsten. In der folgenden Auseinandersetzung mit den Kurfürsten konnte sich der Habsburger behaupten und stand Ende 1302 als Sieger dar. Doch seine Pläne für eine Kaiserkrönung scheiterten ebenso wie ein Bündnis mit Frankreich, da es schließlich zum Bruch mit Philipp kam. Albrechts Ambitionen im Reich zielten derweil offenbar bis nach Böhmen, das er nach dem Aussterben der Přemysliden in männlicher Linie (1306) letztlich vergeblich versuchte, seinem Haus zu sichern.[38] In seinen letzten Monaten plante er ein erneutes Vorgehen in Thüringen gegen die Wettiner, die dort mit ihm um die Herrschaft konkurrierten, als er am 1. Mai 1308 dem Mordanschlag seines Neffen Johann zum Opfer fiel.

Codex Balduini Trevirensis: Die Kurfürsten wählen Graf Heinrich von Luxemburg zum König. Die Kurfürsten, durch die Wappen über ihren Köpfen kenntlich, sind, von links nach rechts, die Erzbischöfe von Köln, Mainz und Trier, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und der König von Böhmen (letzterer nahm an der Wahl jedoch nicht teil).

Nach Albrechts Tod wurde Ende 1308 überraschend der Luxemburger Heinrich VII. zum König gewählt.[39] Heinrich versuchte, das Kaisertum in Anlehnung an die Stauferzeit zu erneuern und Reichsrechte einzufordern (so im Westen und in Reichsitalien), gleichzeitig agierte er aber im Konsens mit den Großen; so verständigte er sich mit den Habsburgern und pflegte gute Beziehungen zu den Kurfürsten. Seine Herrschaft im deutschen Reichsteil war von einer seltenen Eintracht unter den großen Häusern geprägt, wovon sowohl der König als auch die Großen profitierten: Heinrich achtete die Interessen der Reichsfürsten und überspannte seine Hausinteressen nicht, während er umgekehrt mit der Unterstützung der Großen für seine weitgespannte Reichspolitik rechnen konnte. Er gewann zudem im Sommer 1310 Böhmen für das Haus Luxemburg, das so zu einem der bedeutendsten Häuser im Reich aufstieg.[40] Die luxemburgische Machtbasis verschob sich in der Folgezeit denn auch immer mehr nach Osten. Heinrichs Politik zielte aber vor allem auf Italien und den westlichen Grenzraum, wo er die Expansion Frankreichs zu begrenzen versuchte, was zum Konflikt mit Philipp IV. führte. Bereits 1309 hatte Heinrich VII. seine Absicht erklärt, die Kaiserkrone erlangen zu wollen, wofür er sich mit Papst Clemens V. vorerst verständigen konnte. Hierbei kam Heinrich zugute, dass Clemens unter Druck Philipps IV. stand und sich wohl Entlastung vom römisch-deutschen König erhoffte; später allerdings schwenkte Clemens um.

Codex Balduini Trevirensis: Die Kaiserkrönung Heinrichs VII. durch die vom Papst entsandten Kardinäle am 29. Juni 1312.

Heinrich unternahm Ende 1310 einen Italienzug zur Erringung der Kaiserwürde,[41] der großes Aufsehen erregte und von zahlreichen italienischen Geschichtsschreibern geschildert wurde (unter anderem Albertino Mussato, Ferreto de’ Ferreti und Giovanni da Cermenate). In Reichsitalien geriet der König, der Herrschaftsrechte einforderte, die Finanzkraft der Kommunen nutzen und den Konflikt zwischen den Ghibellinen und Guelfen beenden wollte, aber bald zwischen die verfeindeten Blöcke. Heinrich hatte in Italien zahlreiche Konflikte mit aufständischen Städten auszutragen, wobei sein Hauptfeind das mächtige Florenz war, während etwa Pisa, seit jeher kaiserfreundlich, auf seiner Seite stand. Er geriet zudem in Streit mit dem Papst, da der Kaiser offen die alte universale Reichsidee wiederbelebte, was in den Proklamationen nach seiner Kaiserkrönung am 29. Juni 1312 in Rom deutlich zum Ausdruck kam, der ersten Kaiserkrönung seit 1220.[42] Heinrich ließ verkünden, dass, so wie Gott über alles im Himmel gebietet, alle Menschen auf Erden dem Kaiser zu gehorchen haben,[43] was scharfen Widerspruch von antikaiserlicher Seite und vom französischen König auslöste. Heinrichs Italienpolitik, die auf einen Ausgleich der verschiedenen kommunalen Kräfte gesetzt hatte, jedoch an den verschiedenen Eigeninteressen aller Seiten gescheitert war, strebte aber weiterhin die Wahrung von Reichsrechten an. Die Kämpfe in Reichsitalien dauerten an und die kaiserliche Seite war keineswegs sieglos. Im Sommer 1313 plante Heinrich einen Feldzug gegen das Königreich Neapel, wo Robert von Anjou offen gegen den Kaiser agiert hatte und deshalb wegen Majestätsverbrechen zum Tode verurteilt worden war, als er unerwartet am 24. August 1313 verstarb. Das wirtschaftlich bedeutende Reichsitalien, wo sich die lokalen Machthaber (Signoria) nun weitgehend durchsetzten, entglitt in der Folgezeit immer mehr dem (zuvor ohnehin nur begrenzten) Zugriff des römisch-deutschen Königtums.[44] In der neueren Forschung wird Heinrich VII. deutlich positiver bewertet als in der älteren.[45] So wird nun seine Anknüpfung an geläufige kaiserlich-universale Vorstellungen und sein durchaus von realpolitischen Motiven geleitetes Handeln betont.

Nach dem plötzlichen Tod Heinrichs VII. zog sich der Wahlprozess ein gutes Jahr in die Länge, nachdem klar war, dass weder ein französischer Wahlvorstoß noch die Kandidatur von Heinrichs Sohn Johann, seit 1310 König von Böhmen und während des Romzugs Reichsvikar im deutschen Reichsteil, Erfolg haben würden. Wie schon 1308 spielten auch nun die rheinischen Kurfürsten eine wichtige Rolle, darunter Heinrichs Bruder, Balduin von Luxemburg, seit 1307 Erzbischof von Trier, der sich zu einem der bedeutendsten Reichspolitiker des 14. Jahrhunderts entwickeln sollte.[46] Im Oktober 1314 kam es schließlich zu einer Doppelwahl, nämlich des Wittelsbachers Ludwig, Herzog von Oberbayern, und des Habsburgers Friedrich dem Schönen, Herzog von Österreich. Ludwig konnte im Laufe der Zeit mehr Anhänger für sich gewinnen, wenngleich weder er noch Friedrich päpstliche Unterstützung erlangten. Ludwig entschied die Thronfrage schließlich in der Schlacht von Mühldorf am 28. September 1322 zu seinen Gunsten, Friedrich geriet in Gefangenschaft. Im März 1325 wurde der Habsburger freigelassen; im September desselben Jahres unterschrieb er einen Vertrag mit Ludwig. Seitdem fungierte Friedrich bis zu seinem Tod im Jahr 1330 als Mitkönig des Wittelsbachers, wenngleich er keinen größeren Einfluss auf die Reichsgeschäfte ausübte.[47]

Die 1328 angefertigte Goldbulle zeigt auf der Vorderseite Kaiser Ludwig IV., der zwischen zwei Löwen thront.

Die Regierungszeit Ludwigs IV. („der Bayer“) war von der Doppelwahl von 1314 bis zu seinem Tod 1347 von verschiedenen Konflikten geprägt.[48] Nach Beendigung des Thronstreits bestanden weiterhin ernsthafte Probleme, so im Hinblick auf das angespannte Verhältnis zum Papst, der nun in Avignon residierte und dort ganz unter dem Einfluss des französischen Königs stand (Avignonesisches Papsttum). Johannes XXII. hatte beiden Anwärtern die Anerkennung verweigert. Stattdessen erklärte er, ausgehend von der päpstlichen Approbationstheorie, dass es derzeit keinen rechtmäßigen römisch-deutschen König gab, da nur die päpstliche Approbation und nicht die Wahl der Kurfürsten entscheidend sei. Damit spitzte sich die Debatte um den bekannten päpstlichen Approbationsanspruch, der hier aus rein politischen Gründen von Johannes ins Spiel gebracht wurde, zu einem grundsätzlichen Konflikt zwischen dem römisch-deutschen Königtum und der Kurie in Avignon zu.[49] Hinzu kam eine brisante politische Komponente, da der Papst sich als „Vikar“ königliche Herrschaftsrechte aneignete. Der Streit um die päpstliche Approbation war somit der Kern des Konflikts zwischen Ludwig und auch den Kurfürsten (die auf die Wahrung ihres Wahlrechts bestanden) auf der einen, der Kurie auf der anderen Seite. Ebenso bestritt Johannes die Ausübung von Herrschaftsrechten in Reichsitalien. Der Konflikt führte schließlich dazu, dass Ludwig im März 1324 exkommuniziert wurde und sich auch in der Folgezeit nicht vom Kirchenbann lösen konnte.[50]

Der Konflikt mit dem Papsttum hatte immerhin zu der bereits erwähnten Versöhnung Ludwigs mit den Habsburgern beigetragen, da sich der Wittelsbacher so neuen Spielraum erhoffte. Ludwig konnte zumindest mit der Unterstützung der meisten Kurfürsten rechnen, da die Einmischung des Papstes in die deutsche Königswahl empfindlich ihre ureigensten Machtinteressen tangierte und für eine antikuriale Stimmung gesorgt hatte. So kam es im Juli 1338 zum sogenannten Kurverein von Rhense, wo die sechs anwesenden Kurfürsten noch einmal ganz prinzipiell bekräftigten, dass nur ihre Wahl für die Besetzung des römisch-deutschen Königsthrons entscheidend war und die Wahl auch keiner päpstlichen Approbation bedurfte.[51] Ludwig hatte aber bereits zuvor selbstbewusst gehandelt und war im Januar 1327 zu einem Italienzug aufgebrochen, der ihm sogar die Kaiserkrone einbrachte.[52] Im Januar 1328 ließ er sich in Rom durch den stadtrömischen Adligen Sciarra Colonna zum Kaiser krönen. Mit diesem durchaus als radikal zu bezeichnenden Akt brach Ludwig – offensichtlich ganz bewusst – mit der mittelalterlichen Kaisertradition, wonach Krönungen vom Papst als einzig legitime Autorität vollzogen werden mussten. Der Papst reagierte empört mit Gegenmaßnahmen, woraufhin Ludwig 1328 sogar Johannes für abgesetzt erklärte und mit Nikolaus V. einen Gegenpapst einsetzte. Hierbei spielten dem Kaiser in gewisser Weise auch innerkirchliche Konflikte in die Hände, wie der ausgebrochene Armutsstreit. Insgesamt handelte es sich um einen bemerkenswerten Akt, der die theoretische Auseinandersetzung zwischen den beiden mittelalterlichen Universalgewalten neu entflammte und in dessen Zusammenhang es zu einer gelehrten Auseinandersetzung kam und an dem sich unter anderem Marsilius von Padua beteiligte.[53] Die folgenden Jahre waren vom Kampf Ludwigs mit der Kurie geprägt, wobei es auch nach dem Tod Johannes’ XXII. 1334 zu keinem Ausgleich zwischen beiden Seiten kam.

Im Hinblick auf seine sonstige Reichspolitik regelte Ludwig 1329 im Hausvertrag von Pavia die Erbfolge im Hause Wittelsbach. Er kümmerte sich nach seiner Rückkehr aus Italien 1330 um seine Landesherrschaft, strebte den Gewinn der Mark Brandenburg für seinen Hausmachtkomplex an und engagierte sich auch stärker im ansonsten königsfernen Norden. Im 1337 ausgebrochenen Hundertjährigen Krieg stand er zunächst auf englischer, dann kurzzeitig auf französischer Seite.[54] Er geriet aber in zunehmenden Konflikt mit den Luxemburgern und einem Teil der Kurfürsten, die seine expansive Hausmachtpolitik missbilligten. Hinzu kam das weiterhin feindliche Verhältnis zum Papst (nun Clemens VI., der zur Wahl eines neuen Königs aufgerufen hatte). So wurde im Juli 1346 der Sohn Johanns von Luxemburg als Karl IV. von den fünf anwesenden Kurfürsten zum neuen römisch-deutschen König gewählt. Zu einem Kampf zwischen Karl und Ludwig kam es nicht mehr, da letzterer im Oktober 1347 verstarb.[55]

Schwarzer Tod und Judenverfolgung

Ausbreitung der Pest in Europa zwischen 1347 und 1353

In dieser Zeit brach überraschend in ganz Europa eine schwere Pest aus, der sogenannte „Schwarze Tod“ (1347 bis 1353). Es handelte sich um die verheerendste Seuchenwelle des Spätmittelalters und sogar um die bislang schlimmste Pandemie der Menschheitsgeschichte, als dessen Krankheitserreger das Bakterium Yersinia pestis gilt.[56] Neuere Forschungen haben diese Theorie in einer 2022 veröffentlichten Studie bestätigt.[57] In einer Studie aus dem Jahr 2025 werden auch Umweltfaktoren geltend gemacht: So habe ein Vulkanausbruch (wohl in den Tropen) zu einer Klimaverschlechterung geführt, der dadurch verursachte Temperaturabfall habe Missernten verursacht, was wiederum einen erhöhten Bedarf für Getreide zur Folge hatte. Die Getreidelieferungen seien dann mit Flöhen verseucht gewesen, die den Pesterreger transportierten.[58] Die Pandemie hatte ihren Ursprung in Zentralasien, gelangte über die Handelsrouten zunächst in den östlichen Mittelmeerraum und verbreitete sich dann weiter in ganz Europa.[59] Bei der Verbreitung der Krankheit spielte vor allem der Schiffsverkehr eine zentrale Rolle.

Spätmittelalterliche Chronisten berichteten schon bald vom Ausbruch der Pest in weit entfernten Regionen Asiens, wie in Persien und China.[60] Für das Frühjahr 1347 ist der Ausbruch der Seuche am Schwarzen Meer belegt, sie verbreitete sich dann rasch weiter nach Westen, erreichte noch im selben Jahr Konstantinopel und bald darauf Italien und den westlichen Mittelmeerraum.[61] In den zeitgenössischen Berichten wird die Panik über die unaufhaltbar scheinende Krankheit und die damit einhergehenden hohen Todeszahlen überaus deutlich.[62] 1348 wurde zu einem Katastrophenjahr, die Quellenzeugnisse[63] aus diversen Städten („In den Berichten über die Pest ist diese fast immer ein städtisches Ereignis.“[64]) sind diesbezüglich sehr eindrücklich, wobei der Tod alle Bevölkerungsschichten traf. Im nordalpinen Reichsteil des Imperiums sind die ersten Ausbrüche in Bayern nachweisbar, wobei unter anderem örtliche Chroniken und lokale Annalen die Ereignisse schildern. Wohl bereits im Sommer 1348 ereigneten sich vereinzelte Pestausbrüche im südlichen Bayern. In Passau brach die Pest im Herbst 1348 aus und verbreitete sich dann weiter im Land,[65] doch begrenzten sich die Pestausbrüche 1348 noch auf den Südosten; Ende 1348 scheint auch Augsburg betroffen gewesen zu sein.[66] Im folgenden Jahr breitete sich die Seuche dann weiter nach Südwesten und nach Norden aus. Ende 1349[67] erreichte die Pest Köln, die größte Stadt des deutschen Reichsteils. 1350 war auch die gesamte Küstenregion betroffen. In Bezug auf das zum römisch-deutschen Reich gehörenden Königreich Böhmen ging die ältere Forschung nicht von größeren Pestausbrüchen aus, doch scheint dies auf Fehlinterpretationen zu basieren, so dass zumindest Teile Böhmens 1350 von der Pest betroffen waren.[68] Die Ausbreitung der Pest in den anderen Teilen Europas wird in den folgenden Artikelabschnitten jeweils separat geschildert.[69]

Wie viele Menschen in dieser Zeit gestorben sind, ist aufgrund der problematischen Quellenlage nur ungefähr zu ermitteln. Klaus Bergdolt schreibt dazu: „Berücksichtigt man Steuerlisten, Taufregister, Pfarrbücher, Zunftverzeichnisse usw., bestätigt sich eher die alte Vermutung, dass zwischen 1347 und 1351 von 75 bis 80 Millionen Europäern etwa ein Drittel starb. Der endgültige Bevölkerungstiefstand war, Folge weiterer Epidemien und Naturkatastrophen, allerdings erst gegen 1400 erreicht.“[70] Manche Forscher gehen von weitaus mehr Toten aus, so Ole J. Benedictow, ein auf die Geschichte der Pest spezialisierter norwegischer Historiker. Dieser hat in seiner umfassenden Untersuchung zum Schwarzen Tod zahlreiche Studien ausgewertet, wobei er betont, dass die Quellenlage regional sehr unterschiedlich ist; doch dürfte ihm zufolge die Sterblichskeitsrate sogar eher um die 60 % betragen haben.[71] Teilen der deutschen Forschung wirft er vor, die Sterblichkeitsrate viel zu gering veranschlagt zu haben, während die Auswertung regionaler Quellen ein noch düstereres Bild von den Auswirkungen der Pest im Reich zeichnet.[72] Wenngleich er sich kritisch etwa zu Bergdolt äußert,[73] hat dieser Benedictows Werk übrigens positiv besprochen.[74]

Hinrichtung von Juden (um 1350), Chronik des Gilles Li Muisis.

Die Pest erschütterte die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen nachhaltig.[75] Dazu gehörte zunächst der Verlust von Arbeitskräften und Steuereinnahmen. Die Seuche schürte des Weiteren gesellschaftliche Ängste und Konflikte. Die wohl bekannteste Folge waren, geschürt durch ohnehin bereits vorhandene Vorurteile, die Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes.[76] Pogrome fanden vor allem im römisch-deutschen Reich statt, so unter anderem in Würzburg, dann in Straßburg, Nürnberg und Frankfurt am Main. Juden wurden bezichtigt, verantwortlich für die Seuche zu sein oder in anderer Art und Weise böswillig gehandelt zu haben (Brunnenvergifter). Dahinter mochte echte Judenfeindlichkeit stecken, denn die zeitgenössischen Berichte sind voll hasserfüllter Anklagen gegen die Juden.[77] Es mochte aber oft auch nur als Vorwand dienen, denn viele Juden wurden nicht nur ermordet, sie wurden ebenfalls ihres Besitzes beraubt und dieser dann verteilt. Gleichzeitig wurden auf diese Weise oft Schulden getilgt, da jüdische Kredite eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben spielten.[78] In diesem Zusammenhang wirkten auch antijüdische Stereotypen von gierigen Geldverleihern.[79] Von den Pogromen profitierten nicht nur Bürger bzw. der herrschende Stadtrat, sondern ebenso Karl IV. Dieser verfügte in seiner Eigenschaft als römisch-deutscher König auch über das Judenregal, wonach er zum Schutz der Juden verpflichtet war (kaiserliche Kammerknechtschaft); allerdings erwies sich die kaiserliche Schutzfunktion immer mehr als brüchig, zumal es auch zu Verpfändungen von Judenregalien an lokale weltliche und geistliche Obrigkeiten kam.[80] Karl war sogar teilweise ein Profiteur der Judenmorde und wusste wohl im Vorfeld zumindest von einigen Pogromen. So übertrug er am 27. Juni 1349 jüdisches Eigentum in Nürnberg an den brandenburgischen Markgrafen Ludwig – und zwar sobald die Juden dort nächstens erschlagen seien („wann die Juden da selbes nu nehst werden geslagen“[81]). Im selben Jahr erließ Karl eine Straffreiheit für die an den Judenmorden in Nürnberg beteiligten Personen und gestattete den Abriss ehemals jüdischen Eigentums. Der König stärkte gerade in Nürnberg Personen, die ihm politisch von Vorteil waren. Dieses Handeln wirft einen tiefen Schatten auf den Charakter Karls, der aber nicht nur in seiner Rolle als König versagte, indem er die auf seinen Schutz vertrauenden Juden außerhalb seines Hausmachtkomplexes (wo er durchaus schützend eingriff) im Stich ließ, es zeigt sich außerdem eine „Dynamik aus skrupellosem Machtschacher, Raffgier und religiösen Ressentiments“.[82] Generell verschlechterte sich die Lage der Juden aber auch in Westeuropa immer mehr, so waren sie bereits 1290 aus England vertrieben worden, dann 1394 aus Frankreich, 1492 aus Kastilien und Aragón sowie 1497 aus Portugal.

Karl IV. – Hegemoniales Königtum?

Karl IV. auf dem Votivbild des Prager Erzbischofs Johann Očko von Wlaschim, aus dem Umkreis des Theoderich von Prag, um 1370, Nationalgalerie Prag.

Karl IV. gilt bis heute als der wohl bedeutendste spätmittelalterliche römisch-deutsche Herrscher.[83] Der Sohn des böhmischen Königs Johann war gebildet, hatte vor seiner Königswahl bereits Regierungserfahrung sammeln können und erwies sich als geschickter Politiker. Seine Regierungszeit (1346/49 bis 1378) sollte zudem wichtige Weichen für die zukünftige Entwicklung stellen, war neben Höhepunkten (wie der Erweiterung des luxemburgischen Hausmachtkomplexes) aber auch von Krisen (wie der oben beschriebenen Pestwelle) geprägt.[84] Bereits 1347 hatte er nach dem Tod seines Vaters die böhmische Königskrone erhalten. Als böhmischer König kümmerte er sich intensiv um die Landesherrschaft und baute seine Hauptresidenz Prag prächtig aus, wo er 1348 die Universität Prag gründete, die erste im Reich nördlich der Alpen. Ebenso betätigte er sich als Kulturförderer. Nach dem Tod Ludwigs IV. 1347 wurde Karl als neuer römisch-deutscher König seit 1349 zudem allgemein anerkannt, erhielt päpstliche Unterstützung und konnte sich mit den Wittelsbachern verständigen.

Die Goldene Bulle Karls IV.

1356 erließ Karl zusammen mit den Kurfürsten (denen er durchaus Zugeständnisse machen musste) die Goldene Bulle, womit die Reichsverfassung neu geordnet wurde.[85] Mit ihr wurde der Kreis der nun sieben Kurfürsten, die zur Königswahl zugelassen waren, offiziell festgelegt (wobei die Luxemburger die böhmische Kurstimme führten), ebenso die Wahl mit einfacher Mehrheit. Doch wurde die königliche Macht durchaus begrenzt, die Stellung der Kurfürsten und indirekt auch der anderen Landesherren gestärkt. Denn nur durch die Mitwirkung der Kurfürsten waren die Regelungen durchsetzbar. Einig waren König und Kurfürsten dafür in verschiedenen Punkten. So legten die Bestimmungen unter anderem die Nachfolgeregelungen in den Kurfürstentümern fest und beugten uneindeutigen Königswahlen vor, was stabilisierend wirkte. Die Goldene Bulle gehört damit zu den wichtigsten Reichsgesetzen und bildete in gewisser Weise das Grundgesetz des Reiches. Abgelehnt wurde einhellig der päpstliche Approbationsanspruch: Die Wahl der Kurfürsten alleine war nunmehr für die römisch-deutsche Königswahl ausschlaggebend. In diesem Sinne symbolisiert die Goldene Bulle weniger eine königliche Machtvollkommenheit, sondern vielmehr den konsensualen Charakter der Herrschaftspraxis im spätmittelalterlichen Reich. Während sie unbestreitbar Vorteile bot, musste sie in der Praxis doch mit politischen Handeln unterfüttert werden. Erst durch die Entwicklung in den folgenden Jahrzehnten, in denen das Kurfürstenkollegium stärker kooperativ auftrat, gewann sie ihre eigentliche Bedeutung: „Zu ihrer Entstehungszeit war sie ein Privileg für nur wenige Empfänger mit zeitlich begrenzter Geltung, dessen weitere Zukunft mit dem steilen Aufstieg zur lex fundamentalis des Reiches nicht vorausgesehen werden konnte.“[86]

Das Heilige Römische Reich im 14. Jahrhundert mit den jeweiligen Hausmachtkomplexen der Habsburger, Luxemburger und Wittelsbacher.

Karl IV. herrschte über einen bedeutenden Hausmachtkomplex, der neben den erweiterten luxemburgischen Stammlanden im Westen auch Böhmen und Mähren im Osten umfasste. In seiner weiteren Regierungszeit sollte Karl seine Hausmacht noch um bedeutende Gebiete wie die Niederlausitz (1368) und nicht zuletzt die Mark Brandenburg (1373) erweitern, wobei dieser Erwerb mit der brandenburgischen Kurstimme bei der Königswahl einherging. Ebenso sicherte sich Karl endgültig Schlesien.[87] In Franken und der Oberpfalz („Neuböhmen“) verfügte er über Streubesitz, wobei die Reichsstadt Nürnberg eine wichtige Rolle in Karls Politik spielte. Zweifellos war Karl ein überaus geschickter Politiker, der sich hervorragend auf das Machtspiel der großen Häuser im Reich verstand und den luxemburgischen Hausmachtkomplex erheblich erweiterte und stärkte.[88] Statt auf militärische Konflikte setzte er auf Diplomatie. Dafür nutzte der König auch seine Kinder, verheiratete sie und zielte damit nicht zuletzt so auf entsprechende Erbansprüche.[89] Während Karl die luxemburgische Hausmacht vergrößerte, gab er gleichzeitig Reichsgut auf, was sicherstellte, dass nachfolgende Könige sich noch stärker als zuvor vor allem auf ihren eigenen Besitz stützen mussten, womit die Luxemburger erheblich im Vorteil waren. Karls Hausmachtpolitik und seine Politik gegenüber den Reichsfürsten war so erfolgreich, dass man sie in der Forschung auch als „hegemoniales Königtum“ bezeichnet hat: Gestützt auf seine erhebliche Hausmacht habe der römisch-deutsche König damit erstmals seit gut 100 Jahren wieder als politisch Ebenbürtiger gegenüber dem Papst und den anderen europäischen Herrschern auftreten können, während er gleichzeitig im Reich für geordnete Verhältnisse gesorgt und das Königtum in Verknüpfung mit den Kurfürsten gestärkt habe.[90] Seinen Sohn Wenzel setzte er (noch zu seinen Lebzeiten) sogar 1376 als römisch-deutschen König durch, wofür er freilich mehrere Wahlversprechen machen musste.

Die Königskrone konnte Karl seinem Sohn nur deshalb sichern, weil er zuvor selbst die Kaiserkrone erlangt hatte. 1354 war Karl nach Italien gezogen und war am 5. April 1355 in Rom zum Kaiser gekrönt worden. Im Gegensatz zu seinem direkten Vorgänger Ludwig hatte Karl jeden Konflikt mit dem Papst vermieden, verzichtete aber auch auf die von seinem Großvater Heinrich VII. so energisch verfolgte Italienpolitik alten Stils. Karl IV. begnügte sich mit den teils hohen Geldzahlungen der Kommunen, mischte sich aber nicht weiter in die reichsitalienischen Angelegenheiten ein und kehrte schon 1355 wieder über die Alpen zurück.[91] Dies mochte realpolitisch klug erscheinen, wenngleich in mehreren italienischen Quellen die Kaiserkrönung begrüßt wurde, allerdings waren die reichsitalienischen Machthaber eher an der Legitimierung ihrer eigenen Machtstellung interessiert und daher zu Zahlungen an den Kaiser bereit.[92] Der zweite Italienzug 1368/69 hatte ebenfalls eine sehr begrenzte Zielsetzung.[93] Papst Urban V. hatte beabsichtigt, die Kurie wieder von Avignon nach Rom zu verlegen, wozu es aber nicht kam, wobei Karl erst spät in Italien erschien und dabei wieder Gelder eintrieb. An einer Erneuerung der Reichsherrschaft in Italien war der Kaiser nicht interessiert.

Der französische König Karl V. empfängt Kaiser Karl IV., 1370er Jahre, Bibliothèque nationale de France.

Im Westen begnügte sich Karl ebenfalls mit eher symbolischen Gesten in der Reichspolitik. So ließ er sich zwar 1365 in Arles mit der Königskrone Burgunds krönen,[94] ein höchst seltenes Ereignis, obwohl Burgund (Arelat) neben Deutschland und Reichsitalien der dritte Reichsteil des Imperiums war. Allerdings legte Karl mehr Wert auf gute Beziehungen zum französischen Königshof und tat kaum etwas, um Reichsrechte im westlichen Grenzraum zu wahren, wieder ganz im Gegensatz zu Heinrich VII. Bemerkenswert ist aber, dass Karl zumindest formal am kaiserlichen Hoheitsanspruch festhielt, sich in der Praxis aber flexibel verhielt. Als der Kaiser 1377 nach Frankreich reiste[95] und kurz vor Weihnachten in Cambrai eintraf, wurde er von einer hochrangigen französischen Delegation empfangen, die dem Kaiser erklärte, dass er zur Weihnachtsmesse die Lesung aus dem Lukasevangelium keinesfalls in Paris halten könne. Denn aus der betreffenden Stelle (Lukas 2,1) ging hervor, dass das (römische) Kaisertum älter als die Kirche war; ebenso umgab sich der Kaiser mit einer zusätzlichen Aura der Sakralität und drückte seinen hervorgehobenen Rang gegenüber den Mitkönigen des lateinischen Europas aus.[96] Dies wurde von französischer Seite offenbar erkannt, der Kaiser lenkte denn auch ein. Wenngleich Karl IV. die formale kaiserliche Vorrangstellung durch die Verlesung des Lukasevangeliums zu untermauern versuchte, ist die beschriebene Episode doch bezeichnend für die neuen politischen Verhältnisse, wonach „außenpolitische Beziehungen“ mehr oder weniger von gleich zu gleich betrieben wurden. Johannes Fried schreibt dazu: „Zum ersten Mal begegneten ein Kaiser und ein römischer König dem König Frankreichs in dessen eigenem Land [...] Dieses Kaisertum hatte Abschied genommen von allen Weltherrschaftsträumen, hatte endgültig gebrochen mit den Weltkaiser-Doktrinen, wie sie am Hof der Staufer und zuletzt noch Ludwigs des Bayern kursierten.“[97] Für seine dynastischen Interessen gab der Kaiser Reichsrechte in Burgund faktisch auf, wenngleich er wenigstens Genf und Savoyen direkt in den deutschen Reichsteil einfügte.

Doch kurz nach dem Tod Karls IV. zeigten sich bereits Brüche im politischen System, das er so geschickt errichtet hatte. Die Regierungszeit seines Sohnes Wenzel sollte dann zum vorläufigen Zusammenbruch der luxemburgischen Herrschaft im Reich führen.

Vom Scheitern König Wenzels bis zum Tod Kaiser Sigismunds

König Wenzel. Illustration aus der Wenzelsbibel, c.1398/1395

Wenzel, noch sehr jung in der Regierungszeit Karls IV. 1376 zum römisch-deutschen König gekrönt und nun auch König von Böhmen, konnte nicht an die politischen Erfolge seines Vaters anknüpfen.[98] Schlimmer noch: In der Forschung wird seine Regierungszeit (1378 bis 1400) als eine Phase des Scheiterns verstanden, er selbst als mit der komplexen Herrschaftsausübung persönlich überfordert.[99] Wenzel erbte einen gewaltigen Hausmachtkomplex, stand aber auch vor schwierigen Herausforderungen. 1378 war der Beginn des Abendländischen Schismas, das die lateinische Christenheit fortan bis 1417 tief spalten sollte, mit einem Papst in Avignon und einem Papst in Rom.[100] Anders als zuvor endete diese Spaltung nicht mit dem Tod der beiden Päpste, vielmehr war die Spaltung diesmal tiefgehender, schien lange Jahre unüberbrückbar zu sein und sorgte für Instabilität.[101] Vom römisch-deutschen König, der als potentieller Kaiser in einer nach wie vor besonderen Beziehung zum Papst stand, wäre zu erwarten gewesen, dass er tätig wurde.

In Reichsangelegenheiten agierte der König wenig entschlossen. Gleichzeitig konnte er nicht auf die vollkommene Unterstützung in seinem eigenen Haus bauen. Die Kurfürsten waren über das Verhalten des Königs, der einer geplanten Reichsversammlung fernblieb, derart verärgert, dass drei der rheinischen Kurfürsten ihn im Januar 1380 offen aufforderten, sich stärker um die Reichsangelegenheiten zu kümmern oder aber einen Reichsvikar zu bestellen.[102] Dies war ein unmissverständliches Warnzeichen für den jungen König. Gleichzeitig entwickelte sich ein Konflikt zwischen verschiedenen aufstrebenden Städten und umliegenden Fürsten, da letztere die städtischen Rechte zu beschneiden versuchten. Der Konflikt konnte aber 1389 mit einem in Eger verkündeten Landfrieden vorerst beendet werden, wobei Wenzel den Städten finanzielle Anreize bot.[103] Ziel Wenzels war außenpolitisch die Kaiserkrone, doch seine Versuche seit 1380, diese zu erlangen, scheiterten. Sein Bruder Sigismund machte seine Erbansprüche auf das Königreich Ungarn geltend und konnte sich 1387 dort durchsetzen. Wenzel sah sich aber bald schon mit den Plänen seines Verwandten Jobst von Mähren, nun neuer Markgraf von Brandenburg, konfrontiert, der Wenzels Absetzung plante. In dieser Situation beging Wenzel mehrere Fehler, so 1395, als er ohne Konsultation mit den Kurfürsten Gian Galeazzo Visconti zum Herzog von Mailand erhob, womit er Reichsrechte gemindert hatte, während auch in seinem Stammland Böhmen der Widerstand gegen die sprunghaft wirkende Politik des Königs anwuchs, was zur Bildung des sogenannten Herrenbunds führte. Wenzel sah sich somit in einer politisch verzweifelten Situation, da in Böhmen 1398/99 offene Kämpfe ausbrachen, er mit innerfamiliären Konflikten beschäftigt war (sowohl Jobst als auch Sigismund spekulierten auf die römisch-deutsche Königskrone) und ihm auf Reichsebene der Rückhalt fehlte. Die rheinischen Kurfürsten konkretisierten ihre Absetzungspläne und schlossen sich 1399 zur Wahrung ihrer Rechte zusammen. Der König wurde vorgeladen und, nachdem er der Aufforderung nicht nachkam, im August 1400 für abgesetzt erklärt, da er „unnützer, versäumlicher, unachtbarer Entgliederer und unwürdiger Handhaber des heiligen Römischen Reiches“ sei.[104]

Die Absetzung wird in den Quellen insgesamt positiv dargestellt. Wenzel reagierte wütend und verzichtete nie auf die Krone, war aber machtlos. Damit war die Konzeption Karls IV., ein auf die Hausmacht gestütztes, quasi-erbliches Königtum zu etablieren, vollkommen gescheitert.[105] Bemerkenswert ist das Vorgehen des Kurfürstenkollegiums auch verfassungsgeschichtlich, da sie aus ihren Rechten ableiteten, nicht nur den römisch-deutschen König zu wählen, sondern ihn gegebenenfalls auch absetzen zu können. Diese Rechte leiteten sie aber nur ab, denn die Goldene Bulle sah kein Absetzungsrecht vor. Dafür nutzten die Kurfürsten nun als Kontrastfolie die geläufigen Verpflichtungen eines Königs und sprachen diese Wenzel durch sein angebliches Fehlverhalten ab.[106] Sie erwarteten von einem König, dass dieser Reichsinteressen und Reichsrechte wahrte und nicht leichtfertig veräußerte, wie die Absetzungserklärung verrät. Die Wahrung der eigenen Interessen durch die Kurfürsten schloss keineswegs aus, dass man einen möglichst fähigen König wählte, von dem dann freilich erwartet wurde, dass er die kurfürstlichen Interessen berücksichtigte und respektierte.

Ruprecht mit seiner Gemahlin Elisabeth von Hohenzollern-Nürnberg in einer Miniaturkopie einer heute verlorenen Wanddarstellung im Heidelberger Schloss, 1772/73.

Die Kurfürsten wählten umgehend Ruprecht von der Pfalz, als Pfalzgraf bei Rhein selbst einer der vier rheinischen Kurfürsten, zum neuen König.[107] Das brennendste Problem in Ruprechts Regierungszeit (1400 bis 1410) war die sich verschärfende finanzielle Notlage des römisch-deutschen Königtums.[108] Ruprecht verfügte mit durchschnittlich rund 17.500 Florin jährlich nur über einen Bruchteil der Einnahmen, die Karl IV. zur Verfügung gestanden hatten.[109] Ruprechts eigene bescheidene Hausmacht konnte nicht kompensieren, dass das wenige verbliebene Reichsgut nach den Verpfändungen der vergangenen Jahrzehnte keine ausreichende Grundlage mehr bot. Regelmäßig fließende Einnahmen waren spärlich und gering, wohingegen adlige und städtische Privilegien dem König enge Grenzen setzten; Ruprecht musste daher selbst Güter verpfänden und sich verschulden, wobei das grundlegende Problem hierbei das strukturelle Defizit war, das aus der fehlenden Liquidität resultierte.[110] Ein Aspekt von Ruprechts Regierungszeit erwies sich allerdings als zukunftsweisend: Die Etablierung einer dauerhaften Reichskanzlei. Obwohl der königliche Hof im Spätmittelalter verstärkt das Zentrum herrschaftlichen Handelns war und die Bedeutung der Schriftlichkeit für die Herrschaftsausübung stetig zunahm, stand das entsprechende Kanzleipersonal nach dem Tod eines Königs dem neuen Herrscher oftmals nicht zur Verfügung. Vielmehr musste sich bis ins ausgehende Spätmittelalter jeder neue römisch-deutsche König im Grunde auf die eigene Verwaltung stützen bzw. eine neue etablieren, die dann die Funktion einer Reichsverwaltung ausübte. Nach dem Tod König Ruprechts 1410 wurden jedoch die Register von dessen hervorragend geführten Kanzlei von seinem Nachfolger Sigismund übernommen und später weiter fortgeführt, wodurch eine größere Verwaltungskontinuität gewährleistet wurde.[111]

Ohne eigene größere Hausmacht musste sich Ruprecht auf die Reichsstädte und den königsnahen Adel stützen. In der Reichspolitik war er aber wenig erfolgreich, wie seine gescheiterten Bemühungen um die Landfriedenspolitik im Reich, der Konflikt mit dem Marbacher Bund und eine vergebliche Lösung des andauernden Schismas zeigen. Der Italienzug Ruprechts 1401/02, der sich unter anderem gegen Gian Galeazzo Visconti in Mailand richtete und wofür der König Kredite aufnehmen musste, war ebenfalls erfolglos und mit einem Prestigeverlust verbunden. Die Kaiserkrone rückte damit in weite Ferne, ebenso wie die vage Hoffnung, die Finanzkraft in Reichsitalien nutzen zu können. Ruprecht agierte als König glücklos, doch waren die strukturellen Probleme bei seinem Herrschaftsantritt wohl zu gravierend und man wird ihm ernstliche Bemühungen kaum absprechen können.[112] Erkennbar waren die offenkundigen Strukturprobleme des Königtums, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Nach seinem Tod setzte sich der Luxemburger Sigismund als König durch und erneuerte den luxemburgischen Herrschaftsanspruch im Reich, doch auch er stand vor ähnlichen Problemen.

Kaiser Sigismund, 1433, Kunsthistorisches Museum Wien.

1411 wurde Wenzels Halbbruder Sigismund zum römisch-deutschen König gewählt.[113] 1410 war zunächst Jobst von Mähren in einer konkurrierenden Wahl mit Sigismund als neuer König gewählt worden, nach seinem überraschenden Tod Anfang 1411 trat nun jedoch Sigismund nach erneuter Wahl das Amt an. Dieser hatte sich stets als sehr ehrgeizig erwiesen. Sein Verhältnis zu Wenzel (der bis zu seinem Tod 1419 böhmischer König blieb) war angespannt, so hatte Sigismund seinem Bruder Unterstützung in Böhmen und im Reich versprochen, dafür zahlreiche Machtbefugnisse erhalten, dann aber seine eigenen Interessen verfolgt, was 1402 zu einer offenen Konfrontation und der kurzzeitigen Inhaftierung Wenzels geführt hatte. Sigismunds Versuch, die böhmische Krone zu erlangen, war 1405 gescheitert.[114] Er war zudem seit 1387 König von Ungarn, wo er zunächst einen schweren Stand gehabt hatte, jedoch nach und nach seine Königsherrschaft konsolidieren konnte. Als ungarischer König verfügte er über einen beträchtlichen politischen Aktionsradius, der weite Teile Südosteuropas einschloss, doch war seine Regierungszeit auch von schweren Rückschlägen wie der vernichtenden Niederlage in der Schlacht von Nikopol (1396) gegen das nun auf europäischen Boden expandierende Osmanische Reich geprägt gewesen.[115] Sigismunds Königtum stand so von Beginn an unter einem gewissen Legitimationsdruck. Ein drängender Punkt war die Lösung des Schismas, woran Wenzel und Ruprecht gescheitert waren. Sigismund konzentrierte sich nun auf dieses Ziel, was ihm bei Erfolg als zukünftigen Kaiser außerdem erhebliches Prestige versprach.

Konzilssitzung im Konstanzer Münster (kolorierte Federzeichnung aus der Konstanzer Konzilschronik des Ulrich Richental).

Sigismund gelang es 1414, das später berühmte Konzil von Konstanz einzuberufen, das bis 1418 tagte und über das uns neben den Konzilsakten die Chronik des Ulrich Richental gut unterrichtet. Dort sollten vor allem drei Fragen geklärt werden: Beendigung des Schismas (zu diesem Zeitpunkt beanspruchten sogar drei Päpste das Amt für sich), Kirchenreform und das Problem der kirchenkritischen Bewegung um Jan Hus in Böhmen.[116] Sigismund spielte dort als „Konzilsvogt“ eine wichtige Rolle, wenngleich er anscheinend die Schwere der Aufgabe zunächst unterschätzt hatte.[117] Papst Johannes XXIII., der selbst in Konstanz erschienen war, wurde im Mai 1415 für abgesetzt erklärt, ebenso Benedikt XIII., während Gregor XII. zum Rücktritt bewegt wurde. Mit der Wahl von Martin V. im November 1417 wurde das Schisma überwunden, was ein bedeutender Erfolg war.[118] Nicht durchsetzen konnte Sigismund eine Beschränkung der päpstlichen plenitudo potestatis, da sein Einfluss auf dem Konzil nach der Wahl Martins V. weitgehend erlosch. In der eng mit der causa fidei (Glaubensfrage) verknüpften Angelegenheit um Jan Hus entwickelte sich ein unrühmlicher Vorgang. Dem böhmischen Reformer, der die Lehren John Wyclifs gegen die kirchliche Obrigkeit verteidigt hatte, war freies Geleit nach Konstanz zugesichert worden, dennoch wurde er dort wegen Ketzerei verurteilt und am 6. Juli 1415 hingerichtet.[119] Der Vorgang hatte weitreichende Folgen, denn seine Anhänger reagierten verständlicherweise mit Empörung und offenem Widerstand, der zu den sogenannten Hussitenkriegen führte. Die Kirchenreform konnte nicht vollendet werden und führte nur zu bescheidenen Fortschritten. Dem Dekret Frequens zufolge sollten weitere Konzile tagen, um die causa reformationis abzuschließen (siehe auch Konzil von Pavia und Konzil von Basel),[120] doch wurde die Frage nicht zufriedenstellend geklärt, was letztendlich zur Reformation führte.

Im Rahmen der Reichspolitik intervenierte Sigismund bereits 1412 in Reichsitalien gegen die Republik Venedig und Ladislaus von Neapel (ein ehemaliger Konkurrent Sigismunds um die ungarische Königskrone). Im April 1413 konnte Sigismund gegenüber Venedig zumindest Teilerfolge verbuchen und vermied so eine kostspielige und längerfristige Konfrontation.[121] Nachteilig wirkte sich jedoch aus, dass Sigismund dem Mailänder Herrscher Filippo Maria Visconti die Herzogswürde verweigerte und so die Bildung eines mächtigen Bündnisses zwischen Mailand, Neapel und Venedig herbeiführte, das die luxemburgische Italienpolitik empfindlich störte.[122] Im Westen bemühte sich der König um die Wiederherstellung von Reichsrechten (so im Hinblick auf das aufstrebende Burgund, das eine zunehmend eigenständige Politik betrieb), pflegte aber gleichzeitig gute Beziehungen zu Frankreich und ebenso zu England, was eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen des Konzils gewesen ist.[123] Im deutschen Reichsteil, den Sigismund erst 1414 erstmals seit seiner Wahl von 1411 wieder betrat, sah er sich mit den bekannten strukturellen Problemen konfrontiert. So verfügte er im deutschen Reichsteil über keine nennenswerte Hausmacht mehr; nicht einmal alle luxemburgischen Hausgüter standen ihm beim Herrschaftsantritt zur Verfügung und seine Einnahmen beliefen sich anfänglich auf nur rund 13.000 Florin.[124] Ungarn selbst konnte ihm außerdem nicht als Machtbasis für seine Reichspolitik dienen, so dass seine Ausgangsbasis ungünstig war.[125] Er vernachlässigte aber nicht die allgemeinen Reichsgeschäfte, zumal die Rechts- und Friedewahrung zentrale königliche Aufgabenfelder waren. Sigismund bemühte sich um die Durchsetzung des Landfriedens, die Schlichtung mehrerer lokaler Streitigkeiten, hatte aber auch mit Konflikten innerhalb der Häuser Habsburg und Wittelsbach zu kämpfen. Nach Wenzels Tod 1419 trat Sigismund die Nachfolge als böhmischer König an, wo er in Konflikt mit den Hussiten geriet; gleichzeitig musste sich Sigismund in seiner Rolle als ungarischer König um die Abwehr der Osmanen kümmern.

Bei den Reichsständen wurde das Engagements des Königs (der nun in Böhmen und teils Ungarn gebunden war) im Reich allerdings zunehmend als unzureichend betrachtet, was die Kurfürsten für ihre eigenen Interessen nutzten. So sah sich Sigismund dazu gezwungen, sich um eine Intensivierung seiner Beziehungen zu den Reichsstädten und der zunehmend an Einfluss verlierenden Ritterschaft zu bemühen. All dies führte jedoch nicht zum erhofften Erfolg, denn trotz jahrelanger politischer Aktivitäten kam es 1434 zum Abbruch aller weiteren Verhandlungen, womit Sigismunds Reichspolitik in einem zentralen Punkt gescheitert war.[126] 1433 sollte jedoch noch die von ihm sehnlichst erwünschte Kaiserkrönung gelingen, womit er der dritte Luxemburger war, der die höchste weltliche Würde der lateinischen Christenheit erringen konnte. Der gut zweijährige Romzug von 1431 bis 1433 verlief insgesamt unproblematisch, wobei Sigismund vor allem finanzielle Unterstützung toskanischer Stadtrepubliken erhielt (besonders gute Kontakte pflegte der Kaiser zu Siena) und nicht in die interkommunalen Machtkämpfe verwickelt wurde.[127] Zu einem von ihm angestrebten Kreuzzug gegen die „Türken“ kam es aber nicht mehr, wobei er als Kaiser und ungarischer König (dessen Machtbefugnisse begrenzt waren) die Gefahr klar erkannte. Und wenngleich sich Sigismunds Verhältnis zu den Kurfürsten am Ende seiner Regierungszeit als kooperativ erwies, gelang es nicht, eine notwendige Reichsreform umzusetzen.

Als Sigismund am 9. Dezember 1437 verstarb, blieb viel von seinem Regierungshandeln unvollendet. In Verwaltungs- und Finanzierungsfragen bestanden ungelöste Probleme, die Aussöhnung politisch zerstrittener Parteien, ungelöste religiöse Konflikte und materielle Probleme erwiesen sich als kaum zu bewältigen. Einen pflichtbewussten Arbeitseifer, Intelligenz, einen extrem weitgespannten diplomatischen Aktionsradius und die Verdienste bei der Beendigung des Schismas sind dem Kaiser aber nicht abzusprechen. Speziell die strukturellen Defizite des römisch-deutschen Königtums und die zeitspezifische Ausgangsbasis Sigismunds (neben freilich vorhandenen persönlichen Fehlern) sind hierbei zu berücksichtigen.[128]

Von der Hausmacht zur habsburgischen Großmacht

Die Nachfolge Sigismunds als römisch-deutscher König trat im März 1438 sein Schwiegersohn Herzog Albrecht von Österreich an, der 1422 Sigismunds Tochter Elisabeth geheiratet hatte. Als Albrecht II. sollte er nur etwas über ein Jahr regieren, doch legte seine Nachfolge nicht nur als römisch-deutscher König, sondern auch als König von Böhmen die Grundlage für die Herrschaft der Habsburger im Reich, die diese bis zum Ende des Alten Reichs 1806 fast durchgehend behaupten konnten.[129] Albrecht folgte Sigismund auch als König von Ungarn und Kroatien nach, doch sollten die Habsburger das ungarische Erbe nicht behaupten können. In Ungarn musste Albrecht zunächst die Türken abwehren, im Rahmen der Kriegsvorbereitungen gegen sie ist er dort am 27. Oktober 1439 verstorben. Das eigentliche Reichsgebiet hatte er somit nicht mehr betreten, dennoch war er über die von seinem Vorgänger übernommenen Berater in der Reichspolitik aktiv. So wollte er wohl zunächst seine Herrschaft in Ungarn und Böhmen sichern, um anschließend Reformen anzugehen, die offensichtlich notwendig waren.[130] Böhmen selbst ging den Habsburgern zunächst verloren: Georg von Podiebrad konnte sich dort bis zu seinem Tod 1471 gegen konkurrierende Ansprüche halten, von 1471 bis 1526 regierte dann eine Linie der Jagiellonen (die auch in Polen und Litauen herrschten) in Böhmen und ab 1490 ebenso in Ungarn. Nach 1526 konnten sich die Habsburger Böhmen und Teile Ungarns sichern (siehe unten zu Ungarn).

Porträt Kaiser Friedrichs III. nach einem verschollenen Original von 1468

Albrechts Nachfolge trat der Habsburger Friedrich III. an.[131] Seine überaus lange Regierungszeit (1440 bis 1493) war geprägt von Konflikten zur Sicherung der habsburgischen Hausmacht und gegen äußere Widerstände, besonders im Hinblick auf Ungarn. In die engere Reichspolitik sollte Friedrich, seit 1452 auch Kaiser, nur phasenweise effektiv eingreifen, seine Politik im Westen führte aber zur beträchtlichen Erweiterung des habsburgischen Herrschaftskomplexes unter seinem Sohn Maximilian, dessen Königskrönung er 1486 erreichen konnte (siehe unten).[132] Aufgrund der Masse des Quellenmaterials (vor allem Urkunden und Briefe) für die Regierungszeit Friedrichs III. besteht bei der Arbeitsstelle der Regesta Imperii ein speziell gefördertes Langzeitvorhaben mit einer umfassenden Publikationsliste.[133] In diesem Zusammenhang wird die Regierungszeit des Kaisers inzwischen positiver bewertet als in der älteren Forschung.[134]

Friedrich trat kein leichtes Erbe an. Er regierte zu Beginn nur einen Teil der habsburgischen Erblande und die Landstände rangen ihm erhebliche Zugeständnisse ab; Friedrich nahm dies hin, da er die Regierung im Reich antreten musste.[135] Dort türmten sich seit Jahren die Probleme. Neben den strukturellen Defiziten des Königtums mit einer sehr beschränkten finanziellen Grundlage kamen äußere Faktoren hinzu, die sich teils mit den innerfamiliären Konflikten im Hause Habsburg überschnitten.[136] So trat in Ungarn als Konkurrent der polnische König Władysław III. auf, der Albrechts nachgeborenem Sohn Ladislaus Postumus, für den Friedrich nun (nach Konflikten mit Albrecht VI.) als Vormund fungierte, die Krone streitig machte. Dieser fiel zwar 1444 im Kampf gegen die Türken, aber bald darauf kam es zum Konflikt zwischen Friedrich und dem ungarischen Reichsverweser Johann Hunyadi. Beide näherten sich 1450 vertraglich an, doch der Tod von Ladislaus Postumus im Jahr 1457 (ein Jahr nach dem Tod Hunyadis) beendete die habsburgisch-ungarische Personalunion. In der Folgezeit sollte es zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen Friedrich und dem neuen ungarischen König Matthias Corvinus kommen, der zeitweise weite Teile der habsburgischen Erblande erobern konnte und sogar von 1485 bis zu seinem Tod 1490 von Wien aus regierte (siehe unten zu Ungarn).[137] Militärisch erwies sich Friedrich hier als schwach, zumal er keine Reichsaufgebote erwarten konnte. Ähnlich erfolglos wirkte sich das Bündnis Friedrichs mit der Stadt Zürich aus, das er 1442 abschloss und sich so in den bis 1450 tobenden alten Zürichkrieg gegen die in habsburgisches Gebiet expandierende Alte Eidgenossenschaft verwickelte.[138] Die Eidgenossenschaft ging insgesamt gestärkt aus dem Konflikt hervor und sollte über die nächsten Jahre die Reichspolitik insofern beeinflussen, als sie Reichsinteressen im Westen tangierte.

Karl der Kühne mit Orden vom Goldenen Vlies (Gemälde von Rogier van der Weyden, ca. 1460)

Davon war besonders das Verhältnis zwischen Friedrich und Burgund betroffen. Dort regierte seit dem 14. Jahrhundert eine Nebenlinie des französischen Königshauses, doch betrieb dieses Haus Burgund eine sehr eigenständige Politik und stand zeitweise sogar im Bündnis mit England. Eine herausragende Herrschergestalt war in diesem Zusammenhang Karl der Kühne, von 1467 bis 1477 Herzog von Burgund.[139] Er förderte die höfische Kultur und war gleichzeitig militärisch und politisch sehr aktiv. So erweiterte er den burgundischen Herrschaftskomplex ganz erheblich, der nun mit die reichsten Gebiete Europas umfasste, vor allem die wirtschaftlich leistungsstarken und bevölkerungsreichen burgundischen Niederlande.[140] Problematisch war für Karl allerdings, dass sein Herrschaftskomplex territorial recht zersplittert war und er lehnsrechtlich teils dem König von Frankreich, teils dem römisch-deutschen König verpflichtet war. Der Burgunderherzog strebte daher im Zusammenspiel mit Friedrich die Schaffung eines neuen Königreichs Burgund an, dessen Krone er tragen und so seinen Spielraum zwischen Frankreich und dem Imperium nutzen wollte, zumal sich das Verhältnis Karls zum französischen König Ludwig XI. als sehr angespannt erwies und bisweilen in militärischen Auseinandersetzungen gipfelte.[141] Ende 1473 kam es in Trier zum Treffen Karls mit Friedrich, bei dem die Schaffung einer burgundischen Königswürde durch den Kaiser erörtert wurde, was Karl zusätzliche Legitimation verschafft hätte. Doch die kurfürstliche Zustimmung für die Standeserhöhung des Burgunderherzogs war unerreichbar. Friedrich war offenbar ebenso nicht davon überzeugt, dass ihm dies ausreichend nützen würde, wenngleich beide die Eidgenossen als gemeinsamer Feind verband. Dennoch brach der Kaiser die Verhandlungen schließlich formlos ab, was wohl auch an erweiterten Forderungen Karls lag, die Friedrich nicht bereit war zu erfüllen.[142]

Die Aufteilung des burgundischen Erbes zwischen Frankreich und Habsburg bis 1493

Im Januar 1477 fiel Karl im Kampf gegen die Eidgenossen, so dass sich Friedrich nun unverhofft eine einmalige Gelegenheit bot, das burgundische Erbe für das Haus Habsburg zu sichern. Karls Tochter Maria von Burgund, seit 1475 mit Maximilian verlobt, erbte die burgundischen Besitzungen, doch stand sie im Inneren durch oppositionelle Gruppen (die Generalstände, die ihr das große Privileg abrangen) und von außen durch Ludwig XI. von Frankreich unter Druck, zumal es fraglich war, ob Maria als Frau die Nachfolge in allen Lehnsgebieten antreten konnte.[143] Maximilian reiste im Sommer 1477 in die burgundischen Niederlande, wo er am 19. August 1477 Maria heiratete. Um das reiche burgundische Erbe entbrannte nun ein militärischer Konflikt mit Frankreich, der sich noch über Jahre hinzog (Burgundischer Erbfolgekrieg (1477–1493)) und den habsburgisch-französischen Gegensatz begründete, der bis in die Frühe Neuzeit andauern sollte. Wenngleich Maximilian nach dem Tod Marias 1482 nicht den gesamten burgundischen Herrschaftskomplex für seinen Sohn Philipp den Schönen halten konnte und seine Burgundpolitik auch mit Rückschlägen verbunden war (wobei Friedrich III. ihm 1488 mit einem Heer zu Hilfe eilte), so umfasste der verbliebene Teil doch die reichsten Gebiete.[144] Philipps Heirat mit Johanna von Kastilien 1504 verband den habsburgischen Hausmachtkomplex mit den spanischen Besitzungen in Übersee zu einer neuen europäischen Großmacht. Damit begann eine neue Phase europäischer Politik, die in den Kriegen um die Hegemonie in Europa zwischen Habsburg und Frankreich mündete.[145]

Ein zentrales Ziel Friedrichs war die Kaiserkrönung, weshalb er sich in kirchlichen Fragen 1447/48 mit Papst Nikolaus V. verständigte (Wiener Konkordat). Anfang 1452 brach der König dann nach Italien auf, wo er im März 1452 als letzter römisch-deutscher Herrscher vom Papst selbst in Rom gekrönt werden sollte.[146] Damit hatte Friedrich die Grundlage dafür geschaffen, seinem einzigen Sohn Maximilian 1486 die römisch-deutsche Königswürde zu verschaffen, was einen beachtlichen Erfolg darstellte. Ein zweiter Romzug sollte 1468/69 folgen und hatte eher den Charakter einer Pilgerreise.[147] In Reichsitalien selbst griff der Kaiser kaum ein, wobei er die usurpierte Herrschaft Francesco I. Sforza in Mailand (immerhin ein wichtiges Reichslehen) faktisch hinnehmen musste, da dessen Stellung sich als zu stark erwies; dies zeigte der Friede von Lodi 1454, womit sich in Italien ein Machtgleichgewicht etablierte, das bis 1494 andauern sollte.[148] Auch im Hinblick auf die Abwehr der Osmanen blieb Friedrichs Politik weitgehend ambitionslos, obwohl im Mai 1453 Konstantinopel gefallen war und die Ungarn 1456 nur mit Mühe Belgrad halten konnten.[149]

Von 1444 bis 1471 hielt sich Friedrich nicht mehr im eigentlichen Binnenreich, also dem engeren Reichsgebiet, auf und zog sich weitgehend in die verbliebenen habsburgischen Erblande zurück, wobei er die Reichspolitik aus der Ferne zu lenken versuchte. Dies resultierte vor allem aus der Vielzahl an Konflikten, mit denen sich Friedrich konfrontiert sah.[150] Neben den Problemen innerhalb der Habsburger und mit Ungarn kamen Konflikte um Böhmen hinzu, wo ab 1458 zunächst Georg von Podiebrad, später dann Matthias Corvinus herrschten und jede Umsetzung habsburgischer Ansprüche zunächst unmöglich machte. Hinzu kamen schließlich die Probleme im Westen, zunächst mit der Eidgenossenschaft und anschließend die „Burgundfrage“. Friedrich fehlten oft schlicht die Mittel bzw. die notwendigen Herrschaftsinstrumente, um kraftvoller agieren zu können, so dass er meistens nur reagieren konnte. Andererseits war er keineswegs nur passiv tätig: „Das Verdikt der älteren Forschung wurde grundlegend revidiert. Auf der Basis des zunehmend erschlossenen Quellenmaterials kam man zu dem Schluss, dass Friedrich III. wie kein anderer seiner Vorgänger durch Mandate und Diplome in die Politik des Reiches eingegriffen habe.“[151] Die Schaffung von politischen Netzwerken sollte sich später noch als nützlich erweisen, im Hinblick auf spätere Reformansätze im Reich wird Friedrich inzwischen ebenfalls positiver bewertet.[152]

Nach dem Tod Albrechts VI. 1463 übte Friedrich die Herrschaft über einen Großteil der habsburgischen Erblande alleine aus, bevor sie sich 1490 vollständig unter seiner Kontrolle befanden. Ab 1470 engagierte sich der Kaiser auch wieder stärker auf der Reichsebene, im Inneren wurde die Hofverwaltung erheblich ausgebaut und die Kanzlei in eine römische und eine erbländische Kammer aufgeteilt.[153] Nachdem Matthias Corvinus gestorben war, hatte Friedrich den Krieg gegen Ungarn wiederaufgenommen und war militärisch nicht ohne Erfolge geblieben.[154] Die Reichsstände verlangten aber für ihre weitere Unterstützung eine Reichsreform und damit einhergehend königliche Zugeständnisse, wozu Maximilian, nicht aber Friedrich bereit war. Im Jahr 1491 wurde aber Frieden mit Ungarn geschlossen, wobei die Habsburger ihre Ansprüche auf Ungarn nicht aufgaben und sich zukünftig noch Hoffnung auf die Stephanskrone machen konnten. Der Gesundheitszustand Friedrichs verschlechterte sich 1492 dramatisch, er starb schließlich am 19. August 1493. Maximilian trat somit die Nachfolge an, sah sich aber mit zahlreichen innen- und außenpolitischen Problemen konfrontiert.[155]

Albrecht Dürer: Maximilian I., 1519.

Im Hinblick auf eine dringende Reichsreform kam es nur zu kleinen Fortschritten. Sigismund war mit seinen Versuchen einer solchen Reform gescheitert, doch stand das Vorhaben weiterhin im Raum und wurde in gelehrten Kreisen eingehend diskutiert.[156] Ein entscheidender Punkt war die Teilhabe der Großen und speziell der Kurfürsten an der Reichsgewalt; es wurde erwartet, dass der König wichtige Entscheidungen der Reichspolitik im konsensualen Rahmen mit Rat und Zustimmung der Fürsten traf, wobei das kooperative Kurkollegium eine wichtige Rolle spielte. Gleichzeitig waren die königlichen Herrschaftsinstrumente, vor allem aufgrund der geringen finanziellen Mittel (gerade) im 15. Jahrhundert, sehr eingeschränkt. Auf der Reichsebene gewannen nun statt der vom König dominierten Hoftage die Reichstage zunehmend an Bedeutung, wo die Reichsstände (mit einer erhöhten Teilnehmerzahl) ihre Interessen vertreten konnten und der König seinen politischen Spielraum nutzen musste. Im Zentrum der Reichsreform stand die Landfriedenspolitik, die Reform des Gerichtswesens sowie der Finanz- und Kriegsverfassung. Friedrich III. lehnte in seiner Regierungszeit aber alle Vorschläge ab, die Zugeständnisse in der königlichen Herrschaftspolitik mit finanziellen und militärischen Gegenleistungen des Reichstags vorsahen, so dass erst nach seinem Tod Maximilian auf dem Reichstag zu Worms (1495) einlenkte (Reichskammergericht und Ewiger Landfrieden), wenngleich auch damit nicht alle Probleme behoben wurden. Die Reichsreform an sich wurde daher nur ansatzweise verwirklicht, zumal es nicht gelang, eine allgemeine Reichssteuer (gemeiner Pfennig) durchzusetzen, da die Steuereintreibung scheiterte.[157] Das grundlegende Strukturdefizit des Reiches, mit einer fehlenden administrativen Durchdringung auf der Reichsebene und einer zu schwachen finanziellen Grundlage, konnte nicht behoben werden. Das Zeitfenster für eine Reichsreform schloss sich wieder, wenngleich der Kerngedanke der königlich-ständischen Kooperation in der Reichsregierung bestehen blieb und Modellcharakter für das frühneuzeitliche Reich haben sollte.[158]

König und Reich

Konsensuale Königsherrschaft und Rechtsprechung
Konsens als Herrschaftsinstrument
Der Codex Balduineus (um 1340) enthält die erste bekannte bildliche Darstellung des Kurfürstenkollegiums: Die Kurfürsten wählen Heinrich von Luxemburg zum König.

Das spätmittelalterliche römisch-deutsche Reich – bestehend aus den drei Reichsteilen Deutschland, Reichsitalien und Burgund (Arelat) – stellte eine Wahlmonarchie dar.[159] Im späten 13. Jahrhundert hatte sich das Kollegium der Kurfürsten endgültig als exklusives Gremium für die Königswahl herausgebildet. Es handelte sich dabei um den Erzbischof von Mainz als Reichserzkanzler für Deutschland, den Erzbischof von Köln als Reichserzkanzler für Italien, den Erzbischof von Trier als Reichserzkanzler für Burgund sowie um vier weltliche Fürsten: den König von Böhmen als Erzmundschenk, den Pfalzgraf bei Rhein als Erztruchsess, den Herzog von Sachsen als Erzmarschall und den Markgraf von Brandenburg als Erzkämmerer.[160] Im Konflikt Ludwigs IV. mit der päpstlichen Kurie hatten die Kurfürsten den Anspruch auf päpstliche Approbation der Königswahl strikt abgewiesen und klar betont, dass nur ihre Wahl ausschlaggebend war und diese keiner weiteren Zustimmung oder päpstlichen Mitwirkung bedurfte (siehe Kurverein von Rhense 1338). Dieser Standpunkte resultierte nicht zuletzt aus dem kurfürstlichen Selbstverständnis und der Wahrung eigener Interessen. Es bezeugt aber auch den verstärkt kooperativen Charakter des Kurfürstenkollegiums im 14. Jahrhundert, ebenso ist die Goldene Bulle von 1356 (dem Reichsgrundgesetz) und die Absetzung Wenzels 1400 Ausdruck dieses Selbstverständnisses (siehe auch die Ausführungen oben zu diesen Ereignissen).[161] Die Kurfürsten verfügten aber nicht nur über das nun exklusive Königswahlrecht, sondern erhoben ebenfalls den Anspruch, direkt in die Reichsherrschaft eingebunden zu werden und maßgeblich politische Mitverantwortung zu tragen. Bei der Ausübung der Königsherrschaft war es daher von Bedeutung, ob der König eine möglichst konsensuale Herrschaftspraxis ausübte und die großen Häuser bzw. die Kurfürsten darin einband oder vor allem die eigenen Interessen verfolgte und damit eine Konfrontation riskierte. Das Einvernehmen zwischen König und den Großen des Reiches war bereits im Hochmittelalter wichtiger Bestandteil königlicher Herrschaft gewesen, dieses Element gewann im Spätmittelalter aufgrund der relativ schwachen Stellung des römisch-deutschen Königtums aber zusätzlich an Gewicht und wurde ein Kernaspekt der spätmittelalterlichen Königsherrschaft.[162]

Trierer Exemplar der Goldenen Bulle

Man wird den Kurfürsten nicht unterstellen können, sie hätten aus Eigennutz die Reichsinteressen völlig ignoriert. Sie erwarteten von einem zukünftigen König durchaus, dass dieser Reichsinteressen und Reichsrechte wahrte und nicht leichtfertig veräußerte, wie die Absetzung Wenzels 1400 belegt, wo dieser Punkt eine wichtige Rolle spielte (siehe oben). Entscheidend war daher das Zusammenspiel von König und Kurfürsten, wobei freilich jede Seite unterschiedliche Interessen hatte und die eigenen Spielräume versuchte zu nutzen. Die Goldene Bulle von 1356 verdeutlicht das geradezu, da Königtum und Kurfürsten gemeinsam wirkten und unter anderem die endgültige Gruppe der Wähler, Wahlmodalitäten und nicht zuletzt das Mehrheitsprinzip verbindlich regelten.[163] Ihre verfassungsgeschichtliche Wirkung entfaltete die Bulle allerdings erst im Laufe der Zeit, so bei der Absetzung Wenzels, bei der die (rheinischen) Kurfürsten ihr Recht auf Absetzung aus dem königlichen Anforderungskatalog ableiteten und entsprechend Wenzel schwere Versäumnisse vorwarfen.[164]

Im Spätmittelalter gewannen außerdem die Landesherren, die im Kontext des Lehnswesens eine tragende Rolle spielten (siehe unten), weiter an Einfluss und agierten auch im Rahmen der Reichspolitik.[165] In den Territorien und den großen Städten vollzog sich der von Peter Moraw, einem der bedeutendsten deutschen Spätmittelalterforscher, so bezeichnete staatliche Verdichtungsprozess mit erweiterten Verwaltungsstrukturen,[166] ein Prozess, der unabhängig von der Reichsebene geschah. Am Ausgang des Spätmittelalters verwies die gestiegene Bedeutung des Reichstags (Reichstagsakten) mit der erweiterten Vertretung der Reichsstände bereits auf die Entwicklung im frühneuzeitlichen Reich.[167] In diesem Sinne erfolgte eine „Verdichtung“ des Reichs an der Wende zur Neuzeit, so dass Institutionen gestärkt wurden und es einen Professionalisierungsschub auf der Ebene des beratenden Personals gab. Der Reichstag wurde so neben dem Kaiserhof „das zweite Hauptforum der politischen Existenz im Reich“.[168] Entscheidend hierbei war, dass diese Entwicklung einerseits den realen Machtverhältnissen besser entsprach als manch anderer Reformansatz und gleichzeitig ein kooperatives Agieren erforderte – zumal der Weg des Reiches von der „offenen Verfassung“ zur einigermaßen gestalteten Verdichtung mit etablierten Institutionen (wie dem Reichstag und neu dem Reichskammergericht) keineswegs selbstverständlich gewesen ist.[169]

Recht und Königsherrschaft
Das Statutum in favorem principum (Würzburger Ausfertigung).

Goldene Bulle, der Landfrieden von 1495 und das Reichskammergericht bilden die Eckpfeiler der zentralen Gesetzgebungsprozesse im spätmittelalterlichen Reich. Dies ist von besonderer Relevanz, da Gesetzgebung gerade in vormoderner Zeit ein wichtiges Herrschaftsinstrument darstellte und der Herrschaftsintensivierung diente: Gesetzgebung war gleichzeitig Träger und Ausdruck von Herrschaft.[170] Im römisch-deutschen Reich mussten fürstliche Vorrechte berücksichtigt werden, die seit den Privilegien Confoederatio cum principibus ecclesiasticis (1220) und Statutum in favorem principum (1231/32) galten.[171] Der König hatte das Recht zu wahren, weshalb etwa eine Privilegienvergabe bestimmten Regeln folgte und für den Empfänger Rechtssicherheit bedeutete; der König war durch „Rechtsschranken“ im Spätmittelalter stärker als zuvor gebunden.[172] Wenngleich sich die spätmittelalterlichen Kaiser weiterhin grundsätzlich auf ihre besondere Machtstellung beriefen, so war die „Verfassungswirklichkeit“ doch eine andere. Die rechtssetzenden Kompetenzen entbanden den König oder Kaiser nicht von der Beachtung bestimmter Reglements.[173]

Sogar die Vorstellung, dass der König als oberster Lehnsherr auch höchster Richter war, wandelte sich im Spätmittelalter.[174] Aufgrund neuer Anforderungen im 14. und 15. Jahrhundert veränderte sich die Königsgerichtsbarkeit, so wurden erstmals Appellationen vorgetragen.[175] 1451 wurde das alte königliche Hofgericht durch das königliche Kammergericht ersetzte, das wiederum 1495 durch das Reichskammergericht ersetzt wurde.[176] Diese Entwicklungen führten Bernhard Diestelkamp zufolge dazu, dass das „Heilige Römische Reich sich zum Justizstaat ausbildete, bei dem die Gerichtsbarkeit zum wirkungsvollen Bindemittel für das sonst stark zentrifugale Reich wurde.“[177]

Die Vorstellung wiederum, der Kaiser sei princeps legibus solutus est (von den Gesetzen losgelöst, rezipiert aus dem antiken Kaiserrecht), galt ebenfalls nur sehr bedingt und konnte mit dem gelebten Reichsrecht kollidieren. Die aus dem Kaiserrecht abgeleitete Machtvollkommenheit war daher realpolitisch nicht umsetzbar, wenngleich die spätmittelalterlichen römisch-deutschen Könige prinzipiell daran festhielten.[178] So etablierte sich im Spätmittelalter in den Territorien eine landesherrliche Gesetzgebung, die den Interessen der Landesherren nützte. Die römisch-deutschen Könige konnten die Gesetzgebung nicht zur Verdichtung der Königsherrschaft benutzen, anders als der französische König. Dieser nutzte das Recht gezielt zum Ausbau einer zentralen Königsherrschaft (siehe die Ausführungen unten zu Frankreich).

Grundstrukturen und Probleme der spätmittelalterlichen Königsherrschaft

Im Vergleich mit England und Frankreich war die Grundlage des spätmittelalterlichen römisch-deutschen Königtums eher prekär.[179] Da das Reichsgut bereits während des Interregnums[180] immer mehr geschwunden war, wurde nun die Hausmacht, also der persönliche territoriale Besitz des jeweiligen Königs, zur Grundlage der realen Königsmacht, wobei das Zentrum der Königshof war. Die materielle Substanz und die Herrschaftsinstrumente des römisch-deutschen Königtums erwiesen sich im Spätmittelalter als unzureichend, was zuvor nicht der Fall gewesen war. Nun jedoch waren Burgen, Höfe, Dörfer, Gebiete, Städte oder bestimmte Rechte gegen eine feste Summe verpfändet. So konnten kurzfristige finanzielle Engpässe des Königs zwar überwunden werden, langfristig jedoch war dies mit erheblichen Nachteilen verbunden, da die dort gewonnenen Einnahmen bis zur Auslösung entfielen. Insgesamt ist ein erheblicher Substanzverlust feststellbar, vor allem im 14. Jahrhundert und speziell in der Regierungszeit Ludwigs des Bayern und dann Karls IV.: „Für Ludwig den Bayern wurden 110 Verpfändungen reichsstädtischer Herrschaftsrechte gezählt und für Karl IV. rund 90 solcher Pfandbriefe.“[181] Eine Reichspfandschaft stellte grundsätzlich ein absolut übliches Mittel königlicher Herrschaftspolitik dar, problematisch wurde jedoch die systematisch begründete Verpfändungspolitik Karls IV. Diese war nicht zuletzt politisch motiviert und diente unter anderem der Belohnung königlicher Anhänger sowie dynastischen Interessen.[182] Dies gilt etwa für den Erwerb der Mark Brandenburg (1373)[183] oder der Sicherung der Königswahl für Wenzel. Niemand sollte mehr in der Lage sein, im Reich Politik gegen die Interessen des Hauses Luxemburg zu betreiben. Diese Konzeption eines „hegemonialen Königtums“, das sich ganz auf die eigene Hausmacht stützte, war jedoch insofern problematisch, wenn der König keinen Zugriff darauf hatte, wie die Zeit danach zeigen sollte: Ruprecht von der Pfalz und anschließend Sigismund verfügten, wie oben bereits geschildert, im deutschen Reichsteil über keine nennenswerte Hausmacht mehr.

Ludwig IV. belehnt die Herzöge Otto I. und Barnim III. mit dem Herzogtum Pommern-Stettin (Urkunde vom 14. August 1338).

Die unzureichenden finanziellen Grundlagen erwiesen sich letztlich als ein entscheidendes Defizit des römisch-deutschen Königtums im Spätmittelalter bei der Durchsetzung seiner Herrschaftsrechte.[184] In finanzieller Hinsicht stellte sich die Lage des Königtums im 15. Jahrhundert dann noch einmal als besonders prekär heraus. Karl IV. soll über jährliche Einkünfte in durchschnittlicher Höhe von ca. 164.000 Florin verfügt haben bzw. über eine Mindestsumme von ca. 40.000 Florin. Ruprecht von der Pfalz, der selbst ebenfalls Reichsgut verpfändete, hingegen verfügte über durchschnittlich nur noch rund 17.500 Florin. Ruprechts Nachfolger Sigismund verfügte über rund 13.000 Florin.[185] Die durchschnittlichen Einkünfte hatten sich im 14. Jahrhundert wohl ungefähr auf 100.000 Florin und 75.000 Mark Silber belaufen, dies ist zumindest annäherungsweise der tatsächliche Wert der Verpfändungen der Reichsstädte im 14. Jahrhundert.[186] Im Gegensatz zu Frankreich und England existierte im Reich zudem weder eine Zentralkasse noch eine Finanzverwaltung, die in Westeuropa längst etabliert war. Das Fehlen derartiger Institutionen erwies sich im römisch-deutschen Reich als schwerwiegendes Defizit, doch fehlte selbst ein Gesamtverzeichnis des Reichsguts; ohne Bestandsverzeichnisse war aber der Aufbau einer effektiven Finanzverwaltung kaum möglich und die schwankenden Reichseinnahmen wurden so mangelhaft verwaltet.

Während der Handlungsspielraum des Königtums durch das politische Gefüge des Reichs grundsätzlich recht stark beschränkt war und im Gegensatz zu den westeuropäischen Monarchien nur wenige regelmäßige Einkünfte zur Verfügung standen (wie Steuereinnahmen und Regalien, deren Erträge oft eher zu gering waren), war die Königsherrschaft gleichzeitig von einer strukturell bedingten Überforderung geprägt. Zentrale königliche Aufgabenfelder waren die Rechts- und Friedenswahrung, weshalb die königliche Landfriedenspolitik und die Sicherstellung der hohen Gerichtsbarkeit eine wichtige Rolle spielte.[187] Im administrativen Bereich konnte sich das römisch-deutsche Königtum nur auf rudimentär vorhandene Strukturen stützen.[188] Der König verfügte an seinem (oft noch immer reisenden) Hof zwar über eine Kanzlei, die allerdings bis ins frühe 15. Jahrhundert keine unabhängig von Herrscherwechseln kontinuierlich arbeitende Reichskanzlei mit angeschlossenem Archiv war. Erst seit dem Übergang Ruprechts von der Pfalz auf Sigismund ist eine gewisse verwaltungstechnische Kontinuität gegeben gewesen. Die Kanzlei Ruprechts war vorbildlich geführt, nach seinem Tod wurden Register und teilweise auch Kanzleipersonal von Sigismund übernommen.[189] Besonders im 15. Jahrhundert nimmt die Masse an verfügbaren Quellen erheblich an, speziell im Hinblick auf Urkunden, Akten und anderem Schriftgut. Dies ist verbunden mit der gestiegenen Bedeutung der schriftlichen Verwaltung und zeigt sich unter anderem in der zunehmenden Professionalisierung des oft juristisch gebildeten Kanzleipersonals. 1433 ist mit Kaspar Schlick zudem der erste Laie an der Spitze der königlichen Kanzlei belegt.

Im Reich existierte auch keine Reichsverwaltung, die flächendeckend auf königliche Amtsträger hätte zurückgreifen können. All dies steht im völligen Gegensatz zur Entwicklung in England und Frankreich, wo bereits relativ frühzeitig weisungsgebundene königliche Amtsträger eingesetzt und kontinuierlich arbeitende königliche Verwaltungsbehörden geschaffen worden waren.[190] Aufgrund der politischen Verhältnisse im Reich, der fehlenden Ressourcen und unzureichenden verwaltungstechnischen Instrumentarien war eine vollständige Herrschaftsdurchdringung nicht und eine Herrschaftsintensivierung kaum möglich. Der moderne Betrachter stellt Peter Moraw zufolge allerdings Ansprüche an das spätmittelalterliche Königtum im Reich, die die Könige nicht erfüllen konnten: Sie waren adlige Herrscher, die nicht zuletzt in dynastischen Bahnen dachten und Reichsinteressen eher untergeordnet betrachteten.[191] Der königliche Einflussbereich war im Spätmittelalter im Wesentlichen auf die Gebiete im Südwesten mit Teilen der Rheinregion beschränkt (die sogenannten königsnahen Regionen), während sich der Norden dem effektiven herrschaftlichen Zugriff bereits seit der späten Stauferzeit faktisch entzog (die königsfernen Regionen); daneben existierten sogenannte königsoffene Regionen.[192]

Das Kaisertum zwischen gesteigerter Königsherrschaft und Weltherrschaftsanspruch
Statue des römischen Kaisers Augustus

Ein wichtiger Aspekt des römisch-deutschen Königtums stellte die Tradition des Kaisertums und die lange Sinngeschichte des römischen Imperiums dar. Zentraler Ausgangs- und ständiger Bezugspunkt für das mittelalterliche Kaisertum war das antike römische Kaisertum, in dessen Nachfolge sich die mittelalterlichen römisch-deutschen Könige seit dem Frühmittelalter im Rahmen der translatio imperii sahen.[193] Der offizielle lateinische Titel des römisch-deutschen Herrschers lautete während des gesamten Spätmittelalters rex Romanorum („König der Römer“), als Kaiser bezeichnete er sich als Augustus, was man im Spätmittelalter als „Mehrer des Reiches“ übersetzte.[194] Die römisch-deutschen Könige wurden zwar erst durch die päpstliche Krönung zu Kaisern, dennoch legten sie sehr viel Wert auf die Trennung der beiden Universalgewalten. Das Kaisertum war zudem älter als die Kirche, was die spätmittelalterlichen Kaiser durch ihren Weihnachtsdienst (der Lesung aus dem Lukasevangelium)[195] implizit betonten, regierte der erste Kaiser Augustus doch schon vor der Geburt von Jesus. Auch ansonsten verwahrten sich die Kaiser dagegen, dem Papst untergeordnet zu sein, denn zumindest in der Theorie beinhaltete die universale Reichsidee den Anspruch auf kaiserliche Weltherrschaft.[196] Im 14. Jahrhundert verwischte zunehmend die Unterscheidung zwischen Regnum (Königreich) und Imperium, auch die deutsche Bezeichnung Reich deckte nun beides ab.[197]

Der Universalherrschaftsanspruch resultierte aus der langen Sinngeschichte des Kaisertums, in die zahlreiche Elemente eingeflossen waren, wobei bereits das spätantike römische Kaisertum den Universalanspruch christlich akzentuiert hatte. Trotz der Erschütterungen der sakralen kaiserlichen Aura im Rahmen des Investiturstreits hatten auch die nachfolgenden Kaiser grundsätzlich an dem universalen Charakter des Kaisertums festgehalten, das spätmittelalterliche Königtum verfügte zudem immer noch über eine sakrale Komponente.[198] Das Kaisertum galt im Spätmittelalter weiterhin als höchste Stufe weltlicher Herrschaft, der Kaiser zumindest theoretisch als über allen anderen weltlichen Herrschern der lateinischen Christenheit stehend. Dies hatte Heinrich VII. bei seiner Kaiserkrönung im Juni 1312 explizit betont, als er nach der ersten Kaiserkrönung seit 1220 verkünden ließ, dass, so wie Gott über alle himmlischen Heerscharen gebiete, auch alle Herrscher der Welt dem Kaiser unterstehen würden, was Widerspruch seitens des französischen Königs ausgelöst hatte.[199] Diese Ansprüche waren nicht neu, vielmehr wurden sie nur zu einer Zeit artikuliert, als man bereits das Kaisertum als Institution für weitgehend erledigt gehalten hatte.[200] Die Aufgabe der Umsetzung des theoretischen Universalanspruchs stellte sich in der politischen Praxis aber auch gar nicht. Das Kaisertum bewegte sich vielmehr stets im Spannungsfeld von gedachter Universalordnung und realer politischer Gestaltungskraft.[201] In diesem Sinne war es realpolitisch zwar nur eine „gesteigerte Königsherrschaft“,[202] die aber auf einem alten und sehr langlebigen ideengeschichtlichen Fundament beruhte, so dass diese Idee noch bis in die Frühe Neuzeit bei Karl V. nachwirkte.[203]

Städte und Landesherrschaften

Die „deutschen Lande“ im Spätmittelalter

Das römisch-deutsche Reich war ein dezentral organisierter Herrschaftsverbund bestehend aus Städten und Territorien mit geistlichen und weltlichen Landesherrn.[204] In „der Mitte Europas ist der moderne Staat im Territorium, in der Landesherrschaft“,[205] entstanden, gleichzeitig „ist unser Bild von der mittelalterlichen Stadt ganz entscheidend vom Spätmittelalter geprägt“.[206] Dort vollzog sich eine politische und wirtschaftliche Institutionalisierung, die unabhängig von der Reichsebene verlief und die nachfolgende deutsche Geschichte maßgeblich geprägt hat. Dennoch stellte das Reich einen Flickenteppich von Territorien dar und die Entwicklung dessen, was man als moderne Staatlichkeit betrachten würde, war auch am Ausgang des Spätmittelalters noch nicht abgeschlossen.[207] Im ausgehenden Spätmittelalter wurde versucht, die politische Zersplitterung der Städte und Landesherrschaften durch die Einrichtung der Reichskreise etwas zu ordnen.

In den „deutschen Landen“ hielt man am vorstaatlichen Reichsgedanken fest.[208] Der Begriff deutsche Lande kommt im Spätmittelalter auf, bevor er in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts von der Bezeichnung Teutsche Nation überlagert wird, woraus sich aber keine stärkere innere Verfestigung ablesen lässt.[209] Die Entwicklung eines deutschen Eigenbewusstseins setzte erst langsam ein, als sich deutsche Gelehrte wie Alexander von Roes und Lupold von Bebenburg Gedanken über die Rolle „der Deutschen“ im Gefüge Europas und einer politischen Identität machten, was aus einer Position politischer Schwäche des Reiches geschah. Diese Überlegungen blieben aber weiterhin stark mit der universalen Reichsidee verknüpft.[210]

Die Quellenlage erlaubt hinsichtlich der Bevölkerungszahl nur ungefähre Schätzungen. Für Europa wird für die Zeit um 1300 von ca. 70 Millionen Einwohnern ausgegangen,[211] wobei Hungersnöte und Seuchen (wie die große Pest Mitte des 14. Jahrhunderts) dann für einen deutlichen Bevölkerungsrückgang bis um 1400 sorgten.[212] Für 1500 reichen die Schätzungen von 50 bis 84 Millionen Einwohnern.[213] Im deutschen Reichsteil (also ohne Oberitalien und Burgund) lebten um 1300 geschätzt 12 bis 15 Millionen Menschen,[214] um 1500 waren es etwa 16 Millionen.[215]

Die Städte

Städte spielten im Spätmittelalter eine wichtige Rolle, besonders als Wirtschafts- und Kulturzentren, wobei neben alten urbanen Siedlungen neue Städtegründungen hinzu kamen.[216] Zu unterscheiden ist hierbei neben den Territorialstädten/Landstädten (die Landesherren unterstanden) zwischen den Reichsstädten, die dem Kaiser direkt unterstanden (Reichsunmittelbarkeit), und freien Städte.[217] Letztere hatten sich ihre politische und rechtliche Autonomie von ihren vorherigen (zumeist geistlichen) Oberherren erkämpft, da viele Städte ursprünglich Bischofsstädte waren. Sie beanspruchten weitgehende Unabhängigkeit vom König, mit wenigen Ausnahmeregelungen; einige zuvor freie Städte gerieten im Laufe der Zeit sogar wieder unter die Herrschaft von Landesherren. Die meisten Städte gehörten denn auch zu den Territorialstädten.[218]

Das Rathaus von Löwen

Mit der steigenden Bedeutung der Städte während des Hochmittelalters bildeten sich städtische Gemeinden, die dann in oft harten Auseinandersetzungen ihre politische Selbstverwaltung erstritten und diese auch rechtlich verbrieft bekamen.[219] Teilweise wurden Rechte der Landesherren, die in Geldnot waren, auch nur vom Stadtrat aufgekauft. Im Spätmittelalter erfolgte dann ein Schub in der Institutionalisierung,[220] indem die Bedeutung des Stadtrats[221] im politischen und der Zunft[222] im wirtschaftlichen Bereich zunahm. Der jeweilige Stadtherr war vor allem im Hinblick auf Verwaltung, Gesetzgebung und Gerichtsbarkeit entscheidend gewesen. Im 13. Jahrhundert trat in den Städten mit schwachen Stadtherren der Rat zunehmend an dessen Stelle, selbst in den Territorialstädten entstanden Ratsverfassungen (da sich dies nicht zwingend gegen den Stadtherren richtete), mit Bürgermeister und beratenden Rat (mit dem Rathaus als Verwaltungs- und Repräsentationsort), wobei die Wahlverfahren auf einen engen Kreis von Kandidaten aus reichen und einflussreichen Familien beschränkt war.[223] Viele Ratssitze, Amts- und Gerichtsposten wurden daher über Generationen von einem verhältnismäßig kleinen Kreis von reichen Familien besetzt, die durch Handel und Grundbesitz zu Vermögen gelangt waren.[224] In diesem Zusammenhang kam es oft zu Auseinandersetzungen zwischen der städtischen Oberschicht, den Patriziern,[225] und dem aufstrebenden Bürgertum (vor allem aus dem Handwerk und Handel). Mitte des 14. Jahrhunderts drängten so neureiche Familien an die städtische Spitze und verdrängten teils die alten Patriziergeschlechter, um nun selbst an deren Stelle zu treten.[226] Trotz aller feststellbaren Abschottungen war die soziale Mobilität in der Stadt höher als auf dem Land.[227] Wiederholt kam es im Spätmittelalter in Städten dennoch zu inneren Unruhen, wobei die Gründe vielfältig waren. Es handelte sich oft um soziale und politische Unruhen (z. B. unter anderem Erhebungen gegen den Rat, gegen Fürsten oder es waren Kämpfe zwischen sozialen Gruppen untereinander). Verallgemeinert ausgedrückt waren im 14. und 15. Jahrhundert der Kampf der Zünfte mit den Patriziern um die Stadtherrschaft und Kämpfe armer Bevölkerungsgruppen gegen die bereits von den Zünften beherrschte Stadtregierung vorherrschend.[228] Zwischen 1301 und 1550 sind über 200 Bürgerkämpfe im deutschen Reichsteil belegt, doch dürfte die wirkliche Zahl weitaus höher liegen.[229]

Der Bedeutungsgewinn der Städte einschließlich der Erringung ihrer kommunalen Freiheiten war eng mit ihrer steigenden wirtschaftlichen Leistungskraft seit dem Hochmittelalter verknüpft.[230] Der über die Städte abgewickelte Lokal-, Regional- und Fernhandel trieb die wirtschaftliche Entwicklung und den weiteren Bedeutungsgewinn der Städte voran. Handel und Gewerbe verliefen im Spätmittelalter maßgeblich über die Städte, die häufig an solchen Handelsrouten entstanden oder stark anwuchsen, wobei die größeren von ihnen freilich dominierten: „Die großen Wirtschaftszentren am äußeren Niederrhein, ferner Köln, Lübeck, Nürnberg, dann auch Regensburg, Augsburg, Wien, Metz, Frankfurt am Main, Dortmund, Hamburg, Erfurt, Breslau und Danzig schufen jeweils hegemonial bestimmte Wirtschaftsräume und Verbindungen sowohl untereinander als auch mit anderen europäischen Handelszentren.“[231] Geld- und Kreditwirtschaft wurden immer wichtiger, mit neuen Gold-Silber-Währungen. Buchhaltung und Aktenführung waren im kaufmännischen Bereich, vor allem bei überregionalem Handel und beim Fernhandel, nun wichtige Faktoren. Des Weiteren spielte in diesem Zusammenhang der Wechsel eine wichtige Rolle, der das sichere und münzfreie Transferieren großer Beträge gestattete und die Kreditvergabe erleichterte. Im Fernhandel bildeten sich Netzwerke, wie vor allem das der Hanse (siehe unten), hinzu kamen Handelsgesellschaften; zu nennen sind etwa die Große Ravensburger Handelsgesellschaft und die Diesbach-Watt-Gesellschaft. Zum modernen Synonym einer reichen Kaufmannsfamilie wurden die Fugger von der Lilie. Jakob Fugger aus Augsburg baute sein Handelshaus zu einem europaweit operierenden Unternehmen aus und wurde unermesslich reich. Er finanzierte sogar die Politik Kaiser Maximilians und profitierte davon.[232]

In den Zünften war der „Mittelstand“ organisiert, die lebenslange Zunftzugehörigkeit war nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial und politisch bedeutsam, sowohl intern (Meister, Geselle, Lehrling) als auch zwischen den diversen Zünften gab es ein Gefälle. Die Zünfte waren für die Organisation städtischer Aufgaben wichtig und die Zunftzugehörigkeit gehörte zur Voraussetzung für das Bürgerrecht.[233] Die Zünfte dienten auch als Institutionen, um die Produktion, den Kauf und Verkauf ihrer entsprechenden Erzeugnisse zu regeln, wobei allerdings Preise und Löhne festgesetzt und somit Wettbewerb bewusst behindert wurde. Im Rahmen der kommerziellen Revolution stieg die Bedeutung der von städtischen Handwerksbetrieben produzierten Massengüter im Handelsverkehr. Von Zünften im Spätmittelalter nicht immer trennscharf zu unterscheiden sind die Gilden,[234] wenngleich oft die Zünfte als Handwerksvereinigungen und Gilden als Kaufmannsvereinigungen charakterisiert werden. Die begriffsgeschichtliche Forschung hebt jedoch eher die Gemeinsamkeiten dieser Verbandsformen hervor statt vermeintliche Unterschiede zu betonen, die erst in der Forschung des 19. Jahrhunderts postuliert wurden.[235] Festzuhalten sind jedenfalls teils erhebliche ökonomische Unterschiede innerhalb dieser Genossenschaften.[236]

Älteste gedruckte Ansicht Nürnbergs in der Schedelschen Weltchronik, 1493

Des Weiteren etablierten sich im Laufe der Zeit verschiedene vom Rat beschlossene Stadtrechte bestehend aus königlichen oder landesherrschaftlichen Privilegien und Einzelrechten.[237] Viele Städte schufen nicht eigene Rechte, sondern übernahmen bereits bestehende. So verfasste Jordan von Boizenburg 1270 das sogenannte Ordeelbook, das älteste Stadtrecht Hamburgs; älter war das Lübische Recht und das Magdeburger Recht. Eingetragene Bürger besaßen damit spezielle Rechte und Freiheiten und unterlagen der städtischen Gerichtsbarkeit, wie sich auch das Alltagsleben in den befestigten Städten vom ländlichen Alltag unterschied.[238] In diesem Kontext sind die primär in den Städten lebenden und im Wirtschaftsleben eingebundenen Juden als separate Gruppe zu betrachten, die Mitte des 14. Jahrhunderts unter den Pestpogromen zu leiden hatten und auch im 15. Jahrhundert Verfolgungen ausgesetzt waren.[239]

Um 1400 existierten rund 4.000 Städte im deutschen Reichsteil, wovon die allermeisten weniger als 1.000 Einwohner hatten, rund 200 Städte hatten zwischen 2.000 und 10.000 Einwohner.[240] Um 1500 existierten im Reich rund 45 Großstädte mit über 10.000 Einwohnern.[241] Die größte deutsche Stadt war Köln, wo zu Beginn des 14. Jahrhunderts etwa 35.000 bis 40.000 Menschen lebten, während zur gleichen Zeit die großen reichsitalienischen Metropolen Mailand und Florenz um die 100.000 Einwohner hatten.[242] Unter den größeren Städten spielten verschiedene eine wichtige politische Rolle. Aachen war der traditionelle Ort der Krönung der römisch-deutschen Könige und Kaiser, während Frankfurt am Main oft Ort der Königswahl war. Karl IV. favorisierte die Reichsstadt Nürnberg, die in seiner Regierungszeit kurzzeitig zu einem kaiserlichen Zentralort wurde. Städte waren ebenso wichtige Bildungszentren, wo im 14. Jahrhundert, dann aber vor allem im 15. Jahrhundert die ersten Universitäten im deutschen Reichsteil entstanden:[243] 1346 in Prag (durch Karl IV. und vorerst eher bescheiden), dann etwa in Heidelberg (1386), Köln (1388), Erfurt (1392) und später mehreren weiteren Städten, wobei allerdings einige Gründungen nach wenigen Jahren scheiterten.[244]

Vor allem die größeren Städte bewegten sich in einem politischen Spannungsfeld von Königsmacht und Interessen der umliegenden geistlichen und weltlichen Landesherren.[245] Die Zahl der Reichsstädte nahm im 14. Jahrhundert ab, da im Rahmen der Verpfändungspolitik des Königtums mehrere Reichsstädte faktisch dem Zugriff des Königtums entzogen wurden, wovon einige Landesherren profitierten; andererseits erwarben einige Städte selbst umliegendes Territorium.[246] Ebenso kam es im Spätmittelalter wiederholt zu Konflikten von Städten mit Landesherren, weshalb sich regionale und überregionale städtische Bündnisse[247] bildeten (Rheinischer Städtebund in den 1250er Jahren, Schwäbischer Städtebund im 14. Jahrhundert), um entweder gemeinsame politische oder wirtschaftliche Interessen zu wahren.

Die Hanse
Abbildung aus dem Hamburger Stadtrecht von 1497: Kaufleute und Handelsschiffe symbolisieren die Bedeutung des Handels für Hamburg, eine der wichtigsten Hansestädte.

Separat davon zu betrachten ist die Entwicklung der Hanse.[248] Sie entwickelte sich im Spätmittelalter von einer Vereinigung deutscher, vor allem norddeutscher Kaufleute zu einer „Städtehanse“, wobei bis heute viele Fragen in der Forschung umstritten sind, was Details zur Entstehung und Organisation betrifft.[249] Die Entwicklung hin zu einer Städtehanse geschah schrittweise im 14. Jahrhundert und steht im Zusammenhang mit dem weiteren Wachstum der Städte und der zunehmenden Bedeutung des Fernhandels. Die Hanse lässt sich wohl am ehesten als Mischung aus Interessengemeinschaft der Kaufleute und einem politischen Städtebund charakterisieren. Sie unterstützte aktiv die Sicherstellung des wirtschaftlich bedeutsamen Fernhandels, so dass aufgrund der Wahrung handelswirtschaftlicher Ziele städteübergreifende Kooperationen resultierten, ein Zusammenspiel von Städten und Kaufleuten. Diese Kooperation diente des Weiteren auch zur Abwehr machtpolitischer Interessen von Fürsten und der Sicherung der maritimen Handelswege (ganz im Zeichen der Kogge) gegen Freibeuter, wie die Vitalienbrüder. Die einzelnen Hansestädte bzw. regionale Verbände verfolgten allerdings durchaus unterschiedliche Interessen, zumal der Bund eher locker aufgebaut war, zentrale Bedeutung hatte hierbei der Hansetag.[250] Die Hanse umfasste zahlreiche Städte im Nord- und Ostseeraum (auf ihrem Höhepunkt waren es rund 200 Städte), teils aber auch weit im Binnenland. Die Hanse kontrollierte den Fernhandel in diesem Raum durch ein Netzwerk von Kontoren, wie dem Stalhof in London oder dem Hansekontor in Brügge. Die hansischen Handelsstrukturen reichten bis nach Norwegen und Schottland im Nordwesten, der Republik Nowgorod im Osten und der Iberischen Halbinsel und Italien im Süden.[251] Neben dem Handel per Schiff über Flüsse und offenes Meer, spielte der Landhandel ebenfalls eine wichtige Rolle,[252] dies gilt auch für die verschiedenen (vor allem überregionalen) Messen. Es entwickelte sich im Zusammenhang mit dem gestiegenen Handelsvolumen ein bargeldloser Zahlungsverkehr durch Schuldscheine, was den Handel erheblich erleichterte und begünstigte.

Die Hanse um 1400

Von zentraler Bedeutung im Handel mit dem Ausland waren Handelsprivilegien, wobei die Hanse hierbei mit anderen Handelsteilnehmern konkurrierte und es im Hinblick auf die Sicherung von Vorrechten nicht selten zum Konflikt kam.[253] Sie war zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen daher durchaus politisch aktiv. So kam es im Ostseeraum Mitte des 14. Jahrhunderts zu militärischen Auseinandersetzungen mit Dänemark (siehe unten zu Skandinavien).[254] Die dänische Invasion Gotlands und die Unterwerfung der Hansestadt Visby 1361 war der Katalysator dafür, dass sich der wendische Städtebund gegen die Expansion Dänemarks stellte, da diese direkt ihre Interessen bedrohte. Aus diesem Konflikt, dem zweiten Waldemarkrieg, ging die Hanse siegreich hervor und konnte dem dänischen König Waldemar IV. im Frieden von Stralsund 1370 ihre Bedingungen diktieren.[255] Die dänische Expansion im Ostseeraum wurde so vorläufig gestoppt und erst durch die Kalmarer Union konnte Dänemark wieder seine Position festigen, wobei die Konkurrenz zur Hanse bestehen blieb. Diese festigte ihre wirtschaftspolitische Dominanz im Ostseeraum. Im 15. Jahrhundert und vor allem in dessen letzten Jahrzehnten begann allerdings der Niedergang der Hanse, die sich gegenüber konsolidierenden Staaten schwerer behaupten konnte, hinzu kam eine Verschiebung der Warenströme und neue Konkurrenz (mit Brügge und Nowgorod befanden sich zwei zentrale hansische Kontore im Niedergang und Privilegien wurden nicht erneuert).[256] Die Umstrukturierung der europäischen Wirtschaft im 15. und 16. Jahrhundert führte so neben anderen Faktoren, wie der staatlichen Umgestaltung und Verdichtung im gleichen Zeitraum, zur beginnenden Auflösung des hansischen Handelssystems.[257] Dennoch bestand die Hanse formal weiterhin bis ins 17. Jahrhundert fort (der letzte Hansetag fand 1669 statt), erreichte aber nie wieder die Blüte wie um 1400.

Der Ausbau der Landesherrschaften
Das Heilige Römische Reich im Spätmittelalter (um 1400)

Städte spielten in der Politik verschiedener Landesherren eine wichtige Rolle, teils aufgrund ihrer wirtschaftlichen Bedeutung, teils als Residenzen und Verwaltungszentren. Gleichzeitig bauten die Landesherren ihre territoriale Verwaltung (Kanzlei, Notariat, Gerichte, Finanzverwaltung und örtliche Amtspersonen) aus und intensivierten so ihre Herrschaft institutionell (Territorialisierung).[258] Oder in den Worten von Peter Moraw: „Die innere Geschichte der deutschen Territorien ist in besonderer Weise die Geschichte der Staatswerdung in Deutschland.“[259] Dieser im Spätmittelalter erkennbare Prozess einer Anhäufung von Herrschaftsrechten und Nutzbarmachung durch Verwaltungsinstitutionen verlief in den verschiedenen Regionen des Reichs aber ganz unterschiedlich. Die Residenzbildung[260] war ein besonders Kennzeichen der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Landesherrschaft und sorgte dafür, dass sich Verwaltungsstrukturen und hier besonders die Finanzverwaltung verfestigten.[261] Dies ging mit einer zunehmenden Verschriftlichung der Herrschaftsausübung einher, weshalb die Kanzlei immer wichtiger wurde, was sich in der zunehmenden Anzahl überlieferter Dokumente und Amtsbücher widerspiegelt, wobei nun zunehmend in Städten und nicht mehr in Burgen Urkunden ausgestellt wurden. Die Landesherren stützten sich so immer stärker auf lokale Amtsträger, wodurch eine Funktionselite entstand.[262]

Die Finanzen waren der Kern fürstlicher Herrschaft, wobei die Entwicklung in den Territorien, verglichen mit der städtischen Finanzverwaltung (in der die Rechnungslegung bereits verbreitet war), verspätet begann. Neben der Grundherrschaft gewannen im Spätmittelalter Steuern an finanzieller Bedeutung. Bisweilen mussten Landesherren ihre Ansprüche innerhalb ihrer Territorien durchsetzen, so bei der Rücknahme verpfändeter Güter, was zu Konflikten führen konnte, wie die Hildesheimer Stiftsfehde von 1519 exemplarisch zeigt.[263] Im Rahmen der Landesherrschaft waren die Landstände (als ständischen Vertretung) durchaus politische Mitspieler, vor allem ab dem 15. Jahrhundert und hier speziell in Steuerfragen.[264] Neben dem Amtsrecht spielte hier das zweite wichtige Herrschaftsinstrument der Landesherrschaft eine Rolle, das Lehnsrecht, da Landesherrschaft neben einer Konzentration von Rechtstiteln auf diesem als zweiter Säule basierte, insofern es Adelige innerhalb des landesherrlichen Territoriums betraf. In diesem Sinne waren landesherrliche Amts- und Lehnsbindungen eng miteinander verknüpft, wobei lehnsrechtliche Bindungen nun in die neue, einem Strukturwandel unterliegende territoriale Organisationsstruktur einbezogen wurden.[265] Das Verhältnis zwischen den Landesherren und den Landständen konnte stark variieren, ebenso wie die landständische Erscheinungsform: In manchen Regionen trat etwa ein streitlustiger Adel konkurrierend zum Landesherrn auf, in anderen Regionen kooperierten die Landstände; viel hing von der Stellung und Durchsetzungsfähigkeit des Landesherrn ab. Hinzu kamen abweichende Interessen der verschiedenen Vertreter (die Territorialstädte, der weltliche Adel und die Geistlichkeit), ebenso war der Repräsentationsgedanke unterschiedlich ausgeprägt.[266]

Rund ein Sechstel der Landesherrschaften befand sich in geistlicher Hand, an deren Spitze das Oberhaupt nicht dank Erbnachfolge stand und dessen Besitz nach Kirchenrecht auch nicht veräußert werden konnte; in verwaltungstechnischen Fragen hingegen unterschied die weltliche und geistliche Landesherrschaft kaum etwas.[267] Im Kern basierte die Landesherrschaft auf der „Bündelung von Einzelrechten in der Hand eines Herrn […] Jedes Rechtebündel enthielt mehrere der teils eigenrechtlichen, teils vom Königtum abgeleiteten Bestandteile“.[268] Es ist daher eher irreführend, selbst für das Spätmittelalter den Begriff Territorialstaat zu verwenden, da Herrschaft in diesem Kontext trotz der fortschreitenden Herrschaftsverdichtung immer noch stark auf personalen Bindungen basierte.[269] Entstehung und Entfaltung der Landesherrschaft beruhte aber nicht allein auf einer rechtlichen Grundlage, vielmehr spielten politisch-militärische Erfolge bei der Durchsetzung der Landesherrschaft eine zentrale Rolle.[270] Dies schloss ein expansives Vorgehen gegenüber anderen Landesherren oder Städten ein, ebenso bisweilen Konflikte mit dem Königtum. Denn der fürstliche politische Handlungsspielraum war durchaus begrenzt und speiste sich aus fünf Faktoren: Dem geografischen Raum der Akteure, der Ökonomie, der Familie (primär in den weltlichen Herrschaften), der verfassungsrechtlichen Stellung im Reich und dem jeweiligen Rangbewusstsein.[271] Hinzu kam in den weltlichen Territorien eine dynastische Komponente mit teilweise konkurrierenden Erbansprüchen, denn die „maßgebende Triebkraft der Territorialgeschichte war die Dynastie“.[272] Das Aussterben diverser Adelsgeschlechter begünstigte daher den territorialen Ausbau derjenigen Landesherren, die ihre Ansprüche durchsetzen konnten.

Codex Balduini Trevirensis: Die Heirat von Johann von Luxemburg mit Elisabeth von Böhmen legte den Grundstein für die luxemburgische Hausmacht im Reich.

Unter den weltlichen Landesherrschaften stechen einige hervor. Die Hausmachtkomplexe der Kurfürsten, die selbst als Landesherren fungierten, waren unterschiedlich groß und bedeutend. Das Haus Luxemburg verfügte über die ausgedehntesten Gebiete, nachdem Johann von Luxemburg, der Sohn Heinrichs VII., im Sommer 1310 die böhmische Königskrone erlangte. In der nachfolgenden Zeit wurde die luxemburgische Hausmacht stetig erweitert.[273] Die Besitzungen der „kurpfälzischen“ Wittelsbacher waren unbedeutend, während eine andere Linie das Herzogtum Bayern beherrschte, aber nicht über die Kurstimme verfügte.[274] Zeitweise kontrollierten die Wittelsbacher im 14. Jahrhundert auch die Mark Brandenburg (die später die Luxemburger und dann die Hohenzollern regierten) und Tirol, bevor weite Teile wieder verlorengingen und es zu Teilungen des bayerischen Herzogtums kam (wie Straubing-Holland, Bayern-Landshut, Bayern-München). Außerhalb der Kurfürsten traten die anderen größeren Landesherren hervor, so neben den Wittelsbachern vor allem die Habsburger, die im späten 13. Jahrhundert Territorien im Südosten gewannen (die habsburgischen Erblande mit Österreich und der Steiermark).[275] Im Südwesten bildete sich hingegen im Konflikt mit den Habsburgern die Alte Eidgenossenschaft.[276] In Thüringen und Meißen etablierte sich das Haus Wettin, das seit dem frühen 15. Jahrhundert außerdem das Kurfürstentum Sachsen regierte. Im Nordwesten waren die Besitzungen der Welfen verglichen mit früherer Zeit deutlich verkleinert, aber immer noch ein Faktor.[277] Im Westen war die politische Lage kompliziert, da dort einige Landesherren sowohl dem römisch-deutschen König als auch dem französischen König für Teile ihrer Territorien huldigen mussten (Doppelvasallität,[278] wie das Herzogtum Bar); das Phänomen tritt aber auch woanders im Reich auf.[279] Bedeutsam waren etwa das Herzogtum Lothringen und das Herzogtum Brabant, im Südwesten auch die Grafschaft Württemberg. Der Norden und Nordosten (wie das Herzogtum Pommern[280]) galten als königsferne Gebiete,[281] wo die Landesherren kaum königliche Einmischung befürchten mussten. Einen ausführlichen Überblick zu den diversen weltlichen und geistlichen Akteuren bietet die Datenbank der Forschungsstelle Residenzenforschung (Niedersächsische Akademie der Wissenschaften zu Göttingen).[282]

Ländliche Gesellschaft

Der Monat Februar im Stundenbuch des Herzogs von Berry mit der Darstellung des Landlebens.

Im Spätmittelalter lebte, trotz der Zunahme der städtischen Bevölkerung, die ganz überwiegende Mehrheit der Menschen auf dem Land, in kleineren Siedlungen und Dörfern.[283] Wenngleich die wirtschaftliche Bedeutung der Städte stetig zunahm, nahm die Agrarproduktion immer noch den wichtigsten Platz im Wirtschaftsleben ein. Allerdings spielte sich ebenso ein gravierender sozioökonomischer Wandlungsprozesse ab: Das so lange dominierende System der Grundherrschaft mit einem zentralen Fronhof (Villikation)[284] zerfiel bereits im 11. Jahrhundert; dieser Prozess setzte sich in ganz Europa bis ins beginnende Spätmittelalter fort und führte dazu, dass die großen Güter in kleinere Höfe zerfielen.[285] Dies führte zu Veränderungen für den Bauernstand und die Agrarwirtschaft.[286]

Bei der Grundherrschaft (ein moderner Begriff) handelte es sich prinzipiell nicht nur um ein Wirtschafts-, sondern auch um ein Herrschaftsverhältnis, also um eine sozioökonomische Organisationsform: Die Herrschaft über Menschen, die auf dem Grund und Boden eines Herrn ansässig waren.[287] In diesem System der Agrarverfassung waren die landnehmenden Bauern gegenüber den Landeigentümern unterprivilegiert; Bauern wehrten sich mit Dienst- und Abgabenverweigerung oder drohender Abwanderung, teils wurden kaiserliche und/oder örtliche Schiedsgerichte angerufen.[288] Im Rahmen der Veränderung der Grundherrschaft bewirtschafteten Bauern oft selbstständig die verkleinerten Höfe für die Grundherren und leisteten dafür eine Abgabe.[289] Der zur Verfügung gestellte Grund wurde nun also von ihnen in eigener Verantwortung bearbeitet und wirtschaftlich für eine bestimmte Abgabe genutzt, war aber weiterhin nicht ihr Eigentum. In diesem Sinne änderte sich zunächst nur die Bewirtschaftungsform, nicht das grundlegende Besitzverhältnis, das sich im Urbar widerspiegelte; eine der wichtigsten spätmittelalterlichen Quellen stellt in diesem Zusammenhang das Landbuch Karls IV. dar. Im Laufe der Zeit verbesserte sich die Stellung der Bauern, da die Leih- oder Pachtabgaben zunehmend in festen Beträgen geleistet wurden, was sich zuungunsten des Grundherren auswirken konnte, und des Weiteren Bauern teils über Untereigentum am bebauten Land verfügen konnten. Dies schuf neue Rechtsformen, die Sozial- und Wirtschaftsstruktur lockerte sich auf, da Menschen leichter dorthin abwandern konnten, wo sich ihnen neue Chancen boten (Peter Moraw nannte dies einen „sozialen Markt für Menschen“).[290]

An der Wende zur Neuzeit wurden die Rechte der Bauern von Grundherren allerdings wieder beschnitten. So ist im 15. Jahrhundert ein Übergang von (zeitlich begrenzten) Zeit- und Teilpachtverträgen zu Erbpachtverträgen erkennbar.[291] In weiten Teilen des Reiches bildete sich so die „Rentengrundherrschaft“ heraus, in der Abgabenzahlungen die Dienstverpflichtungen weitgehend (wenngleich nicht immer vollständig) ablösten. In diesem Zusammenhang fand oft eine Kopplung eines „guten“ Besitzrechts mit einem „schlechten“ persönlichen Rechtsstatus des Bauern statt, mit teils hoher materieller Belastung der Bauern hinsichtlich der Abgaben. Im Kontext dieser allgemeinen Ansicht der aktuellen Forschung (Entwicklung zur Rentengrundherrschaft und weitgehende Aufgabe der Eigenwirtschaft) sollte aber darauf hingewiesen werden, dass teilweise auf Grundlage regionaler Studien abweichende Meinungen vertreten werden, die ein differenzierteres Bild der spätmittelalterlichen Grundherrschaft zeichnen. In einigen Regionen sei dynamisch auf Entwicklungen reagiert worden und Grundherren hätten demnach zumindest teilweise noch am bäuerlichen Wirtschaftsleben teilgenommen, bisweilen sogar Eigenwirtschaft betrieben. Diese Grundherren hätten weiterhin in einem engen Verhältnis zu ihren abgabepflichtigen Bauern gestanden, wobei diese Beziehungen im wirtschaftlichen Alltag ambivalent und keinewegs spannungsfrei gewesen sind.[292] In den Gebieten östlich der Elbe entwickelte sich jedenfalls außerdem das System der Gutsherrschaft, das die Bauern, denen die Umwandlung der Leistungen in Geldzinse verwehrt wurde, zu zusätzlichen Dienstverpflichtungen zwang, ihre Rechte beschnitt und sie an den Boden band.[293]

„Pauker von Niklashausen“ in der Schedelschen Weltchronik, 1493

Die allgemeine Forschungsmeinung betont die oft vorhandenen sozialen Spannungen, die im Spätmittelalter nachweisbar wiederholt zu Bauernaufständen führten.[294] Im Folgenden wird unten noch auf die Unruhen in anderen europäischen Staaten eingegangen, im deutschen Reichsteil war vor allem der Süden betroffen, wo sich Gemeindeverfassungen herausgebildet hatten, denn die Erhebungen wurden in den Gemeinden organisiert. Über die Unruhen im ländlichen Raum,[295] die teilweise in Verbindung mit den im Umland befindlichen Städten standen, fließen die Quellen weniger ergiebig als zu den städtischen Unruhen, von vielen wissen wir kaum etwas.[296] Die Bauernunruhen nahmen im Spätmittelalter in ihrer Häufigkeit zu, die Forschung geht von mindestens rund 60 Aufständen aus, die sich (dies ist der gemeinsame Nenner) gegen Herrschaft richteten, wobei die Herrschaftsform und der Grund für die Erhebung unterschiedlich sein konnte (z. B. Einengung bzw. Wegnahme von Rechten oder hohe Abgabenbelastung):[297] So kam es 1462 im Erzbistum Salzburg zu einer Erhebung, 1489 brachen Unruhen im Herrschaftsgebiet der Stadt Zürich aus und 1501 erhoben sich Bauern gegen das Kloster Ochsenhausen. Nicht alle diese Unruhen endeten mit einer gewaltsamen Niederschlagung, teils wurden auch Verhandlungen geführt, deren Resultat eine Verbesserung für die Bauern darstellte (wie 1502 gegenüber dem Kloster Ochsenhausen). Zu den bekannteren Unruhen gehören im 15. Jahrhundert das Auftreten des Paukers von Niklashausen 1476 und die Bundschuh-Bewegung von 1493; im frühen 16. Jahrhundert brach dann der große Bauernkrieg aus.[298]

Bedeutsam für das ländliche Spätmittelalter ist die sich in einem längeren Prozess stattfindende Ausgestaltung der dörflichen Gemeindeordnung, also der auf dem Lande für Kleinbauern und Tagelöhnern sichtbarsten Form von Herrschaft in einem genossenschaftlichen Gemeindeverband.[299] Dies bestimmte auch das dörfliche Alltagsleben.[300] In den meisten Dörfern dominierte eine meist dünne bäuerliche Oberschicht, die die Dorfgerichtsbarkeit ausübte und oft die größten lokalen Höfe bewirtschaftete. Deren Mitglieder profitierten davon, dass sie amtliche Funktionen für die örtlichen Grund- bzw. Gutsherren ausübten. Ihre größeren Höfe konnten über den Eigenbedarf produzieren, die Waren auf den städtischen Märkten verkaufen (wobei Städte allerdings oft die Preise diktierten) und erzielten so Gewinne. Die Intensität des Handels mit agrarischen Produkten unterschied sich freilich regional und hing nicht zuletzt von den verfügbaren Märkten ab (wichtig waren ebenso Wochen- und Jahrmärkte), nahm aber zwischen ländlicher Region und urbanen Zentren insgesamt zu. Dies trifft auch auf den überregionalen Handel zu, wie etwa mit Getreide.[301] Teilweise wurde der Gewinn der Großbauern als Kredite für kleinere Bauern benutzt und machte diese so finanziell abhängig. Dies führte dazu, dass erfolgreiche Großbauern zwar rechtlich dem niederen Adel untergeordnet waren, dies ökonomisch aber oft nicht der Fall war. Daneben existierte eine relativ breite Bauernschicht, gefolgt von der Masse der Kleinbauern, die um 1300 mehr als die Hälfte der Landbevölkerung ausmachten und sich aus Kleinstelleninhabern, Tagelöhnern und Gesindekräften zusammensetzten, deren Lebensunterhalt sich oft als prekär erwies.[302]

Der Monat Juli im Stundenbuch des Herzogs von Berry mit der Darstellung der Getreideernte.

Im Spätmittelalter dominierte die Dreifelderwirtschaft,[303] was eine Intensivierung der Landwirtschaft ermöglichte. Ackerbau, Nutzungssysteme und Verfahren wandelten sich freilich im Laufe der Zeit.[304] Im römisch-deutschen Reich wurden verschiedene Getreidearten angebaut. In Nord- und Mitteldeutschland sowie Bayern dominierte Roggen, das gutes Mehl zum Backen lieferte und leicht zu lagern war. Es war im deutschen Reichsteil so verbreitet, dass es in Italien als deutsches Korn (grano germano) galt; demgegenüber wurde in Südwestdeutschland stärker Dinkel angebaut.[305] Zur eigenen Versorgung bauten Bauern Hülsenfrüchte (Erbsen, Bohnen und Linsen) und Gemüse (wie Kohl, Rüben und Zwiebeln) an, das schließlich auch der steigenden Nachfrage der städtischen Bevölkerung diente.[306] Hinzu kam eine regional unterschiedlich ausgeprägte Viehwirtschaft und Tierhaltung (vor allem Rinder und zur Fleischgewinnung besonders Schweine). Nachdem es vor der Pest eine „Vergetreidung“ der Landwirtschaft gegeben hatte, wurde mit dem anschließenden Bevölkerungsrückgang und den fallenden Getreidepreisen die Viehhaltung wieder lukrativer, wobei Umfang und Intensität schwankten.[307] Die Esskultur im Mittelalter ist ohnehin regional und zeitlich differenziert zu betrachten.

In der gesamten Vormoderne traten immer wieder Hungersnöte und Versorgungsengpässe auf, die sich in sprunghaften Preisanstiegen niederschlugen. Im 14. Jahrhundert ereigneten sich ebenso Hungerkrisen, verschlimmernd kamen Seuchen wie die große Pestwelle um 1348 und andere Krankheitswellen hinzu. All dies führte zu einem Rückgang der Bevölkerung, doch sind die Einzelzusammenhänge (Ernährung, Hunger, Krankheiten und Entvölkerung) aufgrund der sehr heterogenen Quellenlage oft unklar; anders als noch die ältere Forschung wird in neuerer Zeit vor voreiligen Herleitungen gewarnt, nur regionale Spezialstudien bieten in diesem Kontext genauere Einblicke.[308] In der Forschung wurden oft strukturelle Probleme betont: So wurde etwa davon ausgegangen, dass die landwirtschaftliche Produktion den Bedarf der steigenden Bevölkerungszahlen nicht mehr adäquat abdecken konnte; es kam zu Getreidemissernten und Viehseuchen, das Resultat war beispielsweise die Hungersnot von 1315–1317. Doch ebenso ist etwa ein Krisenverlauf im 16. Jahrhundert feststellbar.[309] In diesem Zusammenhang sind oft lokale Ereignisse und eine nicht immer befriedigende Quellenlage zu berücksichtigen. Statt der mangelnden Leistungsfähigkeit der landwirtschaftlichen Produktion wird in neueren Studien dem Klimawandel mehr Gewicht beigemessen, der für das 14. Jahrhundert eindeutig nachweisbar ist und die klimatischen Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft negativ beeinflusst hat. So folgte nun der Übergang in die sogenannte Kleine Eiszeit. Hinzu kamen die durchaus nicht unüblichen Wellenbewegungen von diversen, oft lokalen Epidemien,[310] mit dem Schwarzen Tod als der dramatischste Einschnitt und extrem hohen Todeszahlen (siehe oben).

Die sozioökonomischen Folgen der Pest sind hierbei besonders hervorzuheben. Werner Rösener schreibt dazu: „Der Rückgang der Bevölkerung im 14. Jahrhundert ist eines der wichtigsten Ereignisse der deutschen und der europäischen Geschichte des Spätmittelalters. Die Pestwellen erfaßten die einzelnen Regionen zwar mit unterschiedlicher Intensität, doch wirkten sie insgesamt so nachhaltig, daß sie besonders für die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse tiefgreifende Folgen mit sich brachten.“[311] An dieser Feststellung hat sich in der neueren Forschung nichts geändert, die hohen Todesraten (wenngleich regional in Europa unterschiedlich und bis zu 60 %[312]) führten zu tiefgreifenden Veränderungen in der europäischen Wirtschaft.[313] Arbeitskraft erhielt nun einen erhöhten Wert, während das alte Wirtschaftsmodell der Großgrundbesitzer erschüttert wurde. In England und Frankreich erhöhten sich soziale Spannungen, verstärkt durch den Krieg zwischen beiden Ländern und Steuerdruck, und führten zu zwei großen Bauernaufständen (der Jacquerie in Frankreich 1358 und dem Bauernaufstand von 1381 in England), auf die unten in den Kapiteln zu England und Frankreich näher eingegangen wird.[314]

Ein weiteres Problem stellen die spätmittelalterlichen Wüstungen dar, unfruchtbare oder zerstörte Güter, die in den zeitgenössischen lateinischen Quellen als villa deserta, villa inculta oder ähnlich bezeichnet werden und die ungleichmäßig auftraten. Als Ursachen wurden verschiedene Faktoren diskutiert.[315] In der älteren Forschung wurde oft die sogenannte spätmittelalterliche Agrarkrise eng damit verknüpft, es habe sich um eine Produktionskrise als eine Folge der Pest gehandelt, mit einem Rückgang der Getreideproduktion für die geringere Bevölkerungszahl. Dieses Erklärungsmodell wird in der neueren Forschung allerdings skeptischer betrachtet.[316] So wird inzwischen etwa ein Zusammenhang von Klimaschwankungen und Wüstungsbildung hergeleitet. Der wirtschaftliche Ansatz der sogenannten Agrarkrise ist ebenfalls inzwischen umstritten: „Kritik gegen die globalen Entwürfe von Agrardepression und allgemeiner Krise der spätmittelalterlichen Wirtschaft erwuchs vor allem aus regionalen und sektoralen Sonderstudien. Forschungen der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass die Krisen-Modelle nicht ohne weiteres auf alle Sektoren der Wirtschaft und alle Regionen zu übertragen sind.“[317] Allerdings bietet das ältere Agrarkrisenmodell, das Wilhelm Abel geprägt hat, teils immer noch bedenkenswerte Ansätze, wenngleich diese durch die neueren Umwelt- und Klimaforschungen zu ergänzen seien, so habe man sich unter anderem zu sehr auf die Pestfolgen konzentriert. Die damalige Agrarwirtschaft zeige zwar krisenhafte Züge, diese „Agrardepression“ betreffe aber vor allem den Getreideanbau, nicht etwa Viehzucht oder Weinbau; des Weiteren müsse man stärker das Rahmengeschehen (mit Hungersnöten vor der Pest), Bevölkerungsstruktur und die spätmittelalterliche Konjunkturentwicklung berücksichtigen.[318]

Frankreich

Regnum et Imperium – die deutsch-französischen Beziehungen im Spätmittelalter

Unter den Kapetingern profitierte Frankreich von der Schwächephase des Imperiums und betrieb bereits in der späten Stauferzeit eine Expansionspolitik im romanischen Grenzraum, wobei die Intensität nach dem Tod Friedrichs II. (1250) zunahm.[319] Die Grenze zwischen dem französischen Regnum und dem römisch-deutschen Imperium wies teils strittige Grenzfragen auf, zumal in diesem Raum die Doppelvasallität eine nicht unwichtige Rolle spielte,[320] so dass einige Landesherren für Teile ihrer Gebiete sowohl dem französischen als auch dem römisch-deutschen König verpflichtet waren. Schiedskommissionen sollten auftretende Probleme regeln, da es keine schriftlich exakt fixierte Grenze gab, doch brachen bald kleinere Konflikte aus und Frankreich erhöhte den Druck auf lokale Herren.[321]

Das Königreich Arelat und das Herzogtum Burgund im 12./13. Jahrhundert

Den südlichen Grenzraum bildete das zum Imperium gehörende Königreich Burgund, das aufgrund der Krönungsstadt Arles im Spätmittelalter auch als Arelat bezeichnet wurde. Diese Zugehörigkeit bestand bereits seit dem frühen 11. Jahrhundert, doch war der Einfluss der römisch-deutschen Könige auf diesen Raum traditionell sehr schwach ausgeprägt; im 13. Jahrhundert dann war „die Vorstellung einer Zugehörigkeit dieser Gebiete zum deutschen Reich nicht völlig verschwunden, aber das war dann auch schon alles“.[322] Gerade deshalb konzentrierte sich die französische Expansionspolitik besonders auf diesen Raum,[323] so dass sich bereits Rudolf von Habsburg dem entgegenstellte und militärisch in Savoyen und Burgund intervenierte.[324] Tatsächlich ist auch bei den anschließenden Königen von Adolf von Nassau über Albrecht I. bis Heinrich VII. zu erkennen, dass gerade die rheinischen Kurfürsten vom König ein politisches Engagement erwarteten; Adolf von Nassau enttäuschte ebenso wie Albrecht, letzterer lehnte sich sogar stark an den mächtigen französischen König Philipp IV. an. Heinrich VII. hingegen, der vor seiner Königswahl exzellente Kontakte zum Königshof von Paris pflegte, erwies sich als römisch-deutscher König als Gegner Philipps IV. und erzielte durchaus kleinere Erfolge.[325] Als Protest gegen die Besetzung Lyons 1310 (die Stadt gehörte formal zum Imperium) brach er die Kontakte mit Philipp ab und bezichtigte ihn des Länderraubs. Sein Nachfolger Ludwig IV. schwankte nach Ausbruch des Hundertjährigen Krieges 1337 in einer Schaukelpolitik zwischen England und Frankreich.

König Karl V. von Frankreich (Mitte) empfängt Kaiser Karl IV. (links) und dessen Sohn König Wenzel (rechts). Miniatur von Jean Fouquet, Grandes Chroniques de France, 15. Jahrhundert.

Heinrichs Enkel Karl IV. unterhielt Kontakte zu Paris, wo er einen guten Teil seiner Jugend verbracht hatte. Ende 1377 reiste er sogar zum französischen König Karl. V., seinem Neffen, der ihn Anfang 1378 herzlich empfing.[326] 1365 hatte sich Karl IV. in Arles auch zum König von Burgund krönen lassen, was im Mittelalter ein sehr seltenes Ereignis war. Dennoch stellte sich der Kaiser dem weiterhin bestehenden Druck nicht entgegen, im Gegenteil: Nachdem er Karl V. im Dezember 1356 bereits die Dauphiné übergeben hatte[327] (dieser war damals noch Kronprinz und darauf beruht die Bezeichnung der französischen Thronerben als Dauphin), bestellte er nun den französischen Prinzen und späteren König Karl VI. zum Reichsvikar über das Arelat.[328] Hintergrund dafür war der Wunsch des Kaisers nach französischer Unterstützung für die Machtansprüche seines Hauses in Polen und Ungarn. Formal wurde der Dauphin zum Lehnsmann des Kaisers,[329] doch faktisch gab Karl IV. die Region aus dynastischen Interessen an Frankreich preis, wobei jedoch Savoyen bereits 1361 aus dem Arelat herausgelöst und somit nicht betroffen war. Im Kern erkannte Karl IV. damit den Verlust des Arelats an Frankreich an. Wenzel und Karl VI. trafen sich 1398, um die Beendigung des Schismas zu besprechen.[330]

Sigismund unterhielt insgesamt gute Kontakte zum Hof von Paris, da er die expansive Politik des Hauses Burgund als gemeinsame Bedrohung betrachtete und ihm sehr daran gelegen war, das Kirchenschisma zu beenden, wozu er sowohl Frankreich als auch England einbinden wollte.[331] Allerdings kam es zeitweise zu einer engeren Anlehnung Sigismunds an England (mit dem Bündnis im Vertrag von Canterbury (1416)), da sich das Verhältnis Sigismunds zum französischen König Karl VI. erheblich verschlechtert hatte, was aber weitgehend folgenlos blieb. 1434 wurde dann ein Bündnis zwischen Sigismund und Karl VII. von Frankreich abgeschlossen, das sich vor allem gegen Burgund richtete, allerdings verständigten sich Karl VII. und Burgund nur ein Jahr später.[332] Friedrich III. wiederum erwog ein Zusammenwirken mit dem Hause Burgund, doch vermied er eine Konfrontation mit Frankreich; die expansive Territorialpolitik Burgunds bedrohte wiederum weiterhin Reichsrechte und stellte somit ein Problem dar. Zu militärischen Konfrontationen mit Frankreich kam es dann nach 1477, als Friedrichs Sohn Maximilian das burgundische Erbe antrat, was zum habsburgisch-französischen Antagonismus in der Frühen Neuzeit führte.[333]

So kam es am Ausgang des Spätmittelalters zu ernsthaften militärischen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und dem Imperium, die sich vor allem aus dynastischen Interessen speisten, keineswegs aber aus früher oft unterstellten „nationalen Gegensätzen“ (Deutsch-französische Erbfeindschaft). Dennoch bestanden sicherlich teilweise gegenseitige Ressentiments, die aggressive französische Expansionspolitik verletzte objektiv Reichsrechte und führte daher zu einer entsprechenden Gegenreaktion.[334] Hierbei spielte das jeweilige Selbstverständnis eine Rolle, dennoch stellt Jean-Marie Moeglin fest: „In dem großen dynastischen Konflikt der Häuser von Österreich und Frankreich, der sich Ende des 15. Jahrhunderts abzeichnete, waren die nationalen Gegensätze noch lediglich ein Vorwand, der von den Fürsten beliebig vorgebracht wurde, wann immer ihre dynastischen Interessen es erforderten, und der fallen gelassen wurde, sobald dies nicht mehr der Fall war.“[335] Die wirtschaftliche und kulturelle Verflechtung gerade im Grenzraum beider Reiche war im Spätmittelalter aber hoch und blieb davon weitgehend unangetastet, ebenso wie gerade die französische Hofkultur wirkungsmächtig war.[336]

Frankreichs Aufstieg zur europäischen Großmacht unter den späten Kapetingern

Das Königreich Frankreich entwickelte sich im 13. Jahrhundert zur bedeutendsten politischen Kraft in Westeuropa.[337] Im Inneren begann in dem bevölkerungsreichsten Land Europas unter den Kapetingern der Ausbau zu einer „nationalen Monarchie“, mit einem stark ausgeprägten monarchischen Selbstbewusstsein (rex Christianissimus) und gestützt auf eine funktionierende Reichsverwaltung mit regionalen Amtsträgern (siehe unten).[338]

Ludwig IX., einer der bedeutendsten französischen Könige des Mittelalters,[339] baute die königliche Zentralgewalt aus, indem er das Pariser Hofgericht etablierte und somit ein zentrales Herrschaftsinstrument zur überregionalen rechtlichen Durchdringung schuf. Sein außenpolitischer Handlungsbereich war ebenso beachtlich wie sein Ansehen, doch starb er 1270 während des 6. Kreuzzugs. In der Regierungszeit seines Sohns und Nachfolgers Philipps III. begann der französische Druck im Grenzraum zum Imperium zu steigen. Im Inneren setzte er die Zentralisierung der Königsgewalt fort und erweiterte die Krondomäne. Er führte ebenso einen Konflikt mit Aragon (Aragonesischer Kreuzzug), in dessen Verlauf der König 1285 verstarb. Sein Onkel Karl von Anjou intervenierte in Unteritalien, riss dort die Königsherrschaft an sich, verlor aber 1282 infolge eines Aufstands die Herrschaft über Sizilien; doch regierte fortan bis ins frühe 15. Jahrhundert das Haus Anjou im Königreich Neapel.

Grabbüste Philipps IV. des Schönen

Von 1285 bis 1314 regierte in Frankreich Philipp IV., genannt „der Schöne“.[340] Er war ein sehr machtbewusster Herrscher, der die zentrale Königsmacht stärkte und ausbaute. Philipp trieb die Expansionspolitik im Grenzraum voran, was zu Konflikten mit dem Imperium führte, doch blieb die französische Einflussnahme hoch, so dass sogar eine französische Kandidatur für die römisch-deutsche Königswürde nicht unmöglich schien, wie ein gescheiterter Wahlvorstoß 1308 zeigte.[341] Gleichzeitig war seine Politik sehr kostspielig. So kam es in Flandern zu langen und blutigen Auseinandersetzungen um die Lehnshoheit über dieses Gebiet mit Graf Guido, wobei 1302 ein französisches Ritterheer in der Sporenschlacht unterlag und man 1305 nur einen mühsamen Kompromissfrieden schließen konnte. Von 1294 bis 1297/98 kam es des Weiteren ebenfalls wegen Lehnsfragen hinsichtlich der englischen Kontinentalbesitzungen in Südwestfrankreich (der Guyenne) zum Konflikt mit dem englischen König Eduard I. (siehe siehe unten). Eduard wurde wegen Rechtsbrüchen seiner Amtsträger 1293 vorgeladen. Philipp nutzte hierbei explizit seine Position als Lehnsherr und damit oberste Autorität in Rechtsfragen, um gegen einen mächtigen Lehnsnehmer vorzugehen.[342] Mit Papst Bonifatius VIII. kam es dann zu Beginn des 14. Jahrhunderts aufgrund der Besteuerung des französischen Klerus durch Philipp zum Zerwürfnis. Bonifatius erließ die berühmte päpstliche Bulle Unam Sanctam, worin der absolute Führungsanspruch des Papsttums auch in weltlichen Fragen postuliert wurde, wogegen sich Gelehrte wie Aegidius Romanus argumentativ wehrten. Philipp reagierte radikal und ließ den Papst zeitweilig festnehmen (Attentat von Anagni 1303), was eine tiefe Demütigung für das Papsttum an sich darstellte. Seit 1309 residierte Papst Clemens V. in Avignon, der dem französischen Druck schließlich erlag.[343] Dies war der Beginn des sogenannten Avignonesischen Papsttums, eine Zeit, in welcher der französische Einfluss an der Kurie dominierend war. Bereits 1306 hatte Philipp massenhaft Juden ausweisen und ihr Vermögen beschlagnahmen lassen, 1307 begann der berüchtigte Templerprozess, der 1312 mit der endgültigen Zerschlagung des Ordens endete, wovon der französische König finanziell ebenfalls profitierte. Juristisch geschulte Berater (Legisten) spielten eine wichtige Rolle bei Philipps Bemühungen zur Intensivierung der Königsherrschaft (unter anderem Guillaume de Nogaret).

Frankreich im Zeitalter des Hundertjährigen Krieges

Bald nach dem Tod Philipps IV. 1314 brach eine schwerwiegende Nachfolgekrise aus. Seine Söhne Ludwig X. und Philipp V. regierten nur kurze Zeit, es kam zu Probleme im Inneren und der Konflikt mit Flandern flammte wieder auf. Mit Karl IV. regierte von 1322 bis 1328 der letzte männliche Kapetinger. Nach seinem Tod folgte ihm Philipp VI. aus dem Haus Valois nach, einer Seitenlinie der Kapetinger.[344]

Unter anderem aufgrund konkurrierender Thronansprüche des englischen Königs Eduard III. Plantagenet begann 1337 der bis 1453 andauernde Hundertjährige Krieg, der überaus wechselhaft verlief und brutal geführt wurde.[345] Die Bedeutung dieses Konflikts für die spätmittelalterliche Geschichte Europas steht außer Frage. Die zahlreichen ausgedehnten Feldzüge und regionalen Begleitkonflikte verheerten nicht nur weite Teile Frankreichs, mit teils hohen Opferzahlen und materiellen Zerstörungen, der Konflikt betraf ebenso benachbarte Reiche. Im militärischen (wie der Einsatz primitiver Kanonen) und administrativen Bereich gab er aber ebenso Modernisierungsimpulse. Es handelte sich hierbei allerdings weniger um einen Konflikt zwischen zwei Staaten, sondern zwischen zwei Lehnsverbänden. Das englische Königshaus Plantagenet schuldete dem französischen König seit dem Vertrag von Paris (1259) die Lehnstreue für die kontinentalen Besitzungen, die Guyenne, was immer wieder für Konfliktstoff sorgte (siehe unten). Eduard III. machte seine Abstammung mütterlicherseits von den Kapetingern geltend, nachdem er Philipp VI. noch 1329 scheinbar formal als König anerkannt hatte. Dennoch war der englische Thronanspruch nicht der allein entscheidende Kriegsgrund, vielmehr spielten mehrere Faktoren (wirtschaftliche wie politische) eine Rolle.[346] 1337 entflammte der Konflikt, nachdem Eduard in Flandern intervenierte, wo die Engländer Interessen hatten und diese Region als Aufmarschgebiet nutzen wollten. Philipp VI. zog die Guyenne, die wirtschaftlich bedeutsam für die Engländer war, daraufhin als Lehen ein. 1338 setzte Eduard auf den Kontinent über und erklärte sich Anfang 1340 offen zum König von Frankreich.

Buchmalerei in den Chroniques des Jean Froissart zur Schlacht von Crécy. Die Chronik Froissarts stellt eine zentrale Quelle für den ersten Teil des Krieges dar. Eine englische Übersetzung ist über das Projekt The Online Froissart online abrufbar.

Man kann den Krieg in verschiedene Phasen einteilen.[347] In den ersten Kriegsjahren bis etwa 1360 wurden die englischen Truppen insgesamt besser geführt und errangen beachtliche Erfolge, so im August 1346 in der Schlacht bei Crécy, in der die Franzosen vernichtend geschlagen wurden. Hier standen sich zum ersten und einzigen Mal während des Hundertjährigen Krieges beide Könige persönlich im Feld gegenüber. Denn obwohl im weiteren Verlauf mehrmals Könige an der Spitze ihrer Heere standen (was das mittelalterliche Königsideal des „Königs als Krieger“ reflektiert), wurden riskante Schlachten nicht unbedingt gesucht.[348] Die Schlacht von Crécy stellt die einzige Königsschlacht in diesem Konflikt dar, wobei Philipp VI. anscheinend taktisch versagte, was sich in der zeitgenössischen Geschichtsschreibung widerspiegelt.[349] Die Kämpfe hörten damit aber nicht auf und wurden immer wieder von Waffenstillstandsphasen unterbrochen. Ein zentrales Problem stellte nun und in der folgenden Zeit die Finanzierung des Krieges dar, weshalb etwa 1341 eine wichtige Salzsteuer eingeführt wurde. Nach dem Tod Philipps VI. 1350 folgte ihm sein Sohn Johann II. nach und erbte den Konflikt, wobei seine Position im Inneren schwächer gewesen zu sein scheint als die seines Vaters.[350] Er geriet in der Schlacht von Poitiers (1356) in englische Gefangenschaft, was eine extreme Demütigung Frankreichs darstellte und weitreichende politische Folgen hatte. 1360 kam es im Frieden von Brétigny zu einer Regelung, wobei Frankreich auf weite Gebiete im Westen und Norden verzichtete, nachdem es Eduard III. zuvor aber auch nicht gelungen war, Paris zu erobern.[351] Johann kam 1364 frei, starb aber kurz darauf.

Frankreich nach dem Vertrag von Brétigny 1360 (blau: von der französischen Krone kontrolliert, rot: englische Eroberungen, rosa: von Frankreich an England im Vertrag abgetretene Gebiete).

Sein Sohn Karl V. hatte es als Kronprinz mit aufmüpfigen Generalständen zu tun gehabt,[352] deren Vertreter die Chance sahen, ein stärkeres Mitspracherecht einzufordern und die die hohe Steuerbelastung aufgrund des Krieges anprangerten. Karl konnte sich schließlich Ende 1357 durchsetzen, doch brach 1358 zudem ein großer Bauernaufstand aus, die sogenannte Jacquerie.[353] Der lokale Aufstand weitete sich bald auf Teile Nordfrankreichs aus, war aber wenig organisiert und wurde noch im selben Jahr brutal niedergeschlagen. Hinzu kamen die Folgen der großen Pest. Der Frieden mit England erwies sich derweil als brüchig und verschaffte beiden Seiten nur Atempausen, wobei sich Karl V. nie mit den englischen Forderungen abgefunden hatte. „Karl der Weise“ setzte innenpolitisch auf die Festigung der Königsmacht.[354] So erhöhte er den Steuerdruck und führte die königliche Zentralisierung trotz größerer Widerstände fort. Die Einnahmen des französischen Königs in dieser Zeit waren enorm und ermöglichten die Mobilisierung erheblicher Ressourcen, was sich nicht zuletzt militärisch bemerkbar machte.[355]

1369 brach der Krieg erneut aus und leitete eine Phase ein, die etwa bis 1399 andauern sollte.[356] Beide Seiten intervenierten zudem für jeweils unterschiedliche Seiten auch in Kastilien, wo es zu Thronkämpfen gekommen war (siehe unten). In Frankreich waren die Franzosen nun erfolgreicher gegen die Engländer, die im Südwesten immer mehr in die Defensive gerieten. Anfang der 1370er Jahre herrschte im Prinzip eine Pattsituation.[357] Bei den Kämpfen in Frankreich hatte sich Edward of Woodstock, ein Sohn Eduards III., wiederholt ausgezeichnet, er starb aber 1376, ein Jahr vor seinem Vater. Der neue englische König, Richard II., war noch nicht volljährig. Die militärische Situation hatte sich zudem nicht gebessert: Bertrand du Guesclin hatte weite Teile Frankreichs von den Engländern befreit, wenngleich das Land unter den Jahren der Kriegsführung, Steuerbelastung und marodierenden Söldnern gelitten hatte. Nach 1380 entsandten die Engländer für mehrere Jahre keine größere Streitmacht mehr auf den Kontinent. In Flandern erstickten die Franzosen zudem 1382 einen aufkeimenden Aufstand. Eine vorübergehende Waffenruhe zwischen Frankreich und England wurde 1389 geschlossen, im März 1396 folgte ein mehrjähriger Waffenstillstand. Denn Frankreich war trotz der militärischen Erfolge erschöpft. Die Finanzkraft der Monarchie war in dieser Zeit ungebrochen hoch, auch weil die Kämpfe abebbten; gleichzeitig nahm der Einfluss der Generalstände in dieser Zeit ab.[358] Dennoch wurde Frankreich bald im Inneren von schweren Machtkämpfen erschüttert.

Die Schlacht von Azincourt in einer zeitgenössischen Darstellung.

Seit 1380 regierte in Frankreich Karl VI., der bis 1422 formal herrschen sollte.[359] Da er aber noch minderjährig König wurde, kam es zur Regierung der Herzöge. 1388 übernahm Karl selbst die Regierung, doch litt er unter einer „Geisteskrankheit“, so dass er ab 1392 nicht mehr eigenständig regierte. Nun konkurrierten Philipp von Burgund und Ludwig von Valois um die Macht.[360] Das Haus Burgund, eigentlich eine Nebenlinie des Hauses Valois, betrieb eine eigenständige Politik und erweiterte seine (überaus reichen und im Norden stark urbanisierten) Besitzungen stetig.[361] Philipps Sohn, Johann Ohnefurcht, hatte einen regelrechten Hass auf Ludwig entwickelt und ließ ihn 1407 ermorden, womit er aber zu weit gegangen war. Die Folge war der Bürgerkrieg der Armagnacs und Bourguignons, also zwischen den ehemaligen Anhängern Ludwigs und dem Hause Burgund, was fatale Folgen haben sollte.[362]

1415 nutzte der junge englische König Heinrich V. die Lage in Frankreich aus und erneuerte seine Ansprüche auf den französischen Thron. Er sollte geradezu märchenhafte Erfolge feiern,[363] 1415 wurde zu einem „Jahr des Ruhms“.[364] Am 25. Oktober 1415 vernichteten die Engländer ein zahlenmäßig überlegenes französisches Heer in der Schlacht von Azincourt; die Schlacht selbst wurde ein Mythos für die Engländer und ein Albtraum für die Franzosen.[365] Der organisierte Widerstand brach weitgehend zusammen, Heinrich fiel die französische Krone nun fast kampflos zu. Am französischen Königshof waren die Armagnaken im Machtkampf mit den Burgundern unterlegen. Johann von Burgund wurde aber 1419 in eine Falle gelockt und ermordet. Drahtzieher dieser Tat war der französische Kronprinz Karl, der vom Königshof nach Bourges floh und weiterhin gegen die Engländer und die Burgunder stand. Im Vertrag von Troyes wurde 1420 festgelegt, dass Heinrich (der Katharina, die Tochter Karls VI., heiratete) dem geisteskranken König Karl VI. nachfolgen sollte, so dass England und Frankreich in einer Personalunion verbunden wurden, womit der Dauphin Karl übergangen wurde. Heinrich V. starb aber bereits 1422, nur wenige Wochen später folgte ihm Karl VI. Heinrichs Sohn war noch ein Baby, der Thronkampf entbrannte so erneut.

Die territoriale Situation unter Karl VII. im Jahre 1429
  • Territorien kontrolliert durch Philipp III. (Burgund)
  • Territorien kontrolliert durch Heinrich VI.
  • Territorien kontrolliert durch Karl VII.
  • Wichtige Plätze kriegerischer Auseinandersetzung
  • Den Vertrag von Troyes hatte maßgeblich Philipp von Burgund vorangetrieben, der Sohn des ermordeten Burgunderherzogs Johann, der 1420 ein Bündnis mit England schloss. Gegen die burgundische Partei stand nun der Dauphin, der seinen Anspruch nicht aufgab und als Karl VII. den Kampf fortsetzte.[366] Dies leitete die letzte Phase des Hundertjährigen Krieges ein.[367] Frankreich hatte nun zwei Könige, wobei Karl ungekrönt war und nicht einmal Paris kontrollierte, wo die weiterhin bestehende anglo-burgundische Koalition die Regierung führte und auch militärisch überlegen blieb. Er war zwar nicht ganz ohne Verbündete, wobei verschiedene Adelige sich ihm anschlossen und seine Schwiegermutter Jolanthe von Aragón einflussreich war. Gleichzeitig war aber seine Legitimation problematisch, außerdem gab es Machtkämpfe an seinem Hof. In Frankreich regierte derweil als englischer Statthalter John of Lancaster, wobei die anglo-burgundische Koalition erste Risse zeigte. Philipp von Burgund gefiel es nicht, dass er Bedford untergeordnet war, zudem konkurrierten englische und burgundische Handelsinteressen (englische Wolle und burgundische Tuchproduktion in den Niederlanden). 1428/29 begann eine englische Offensive, die zur Belagerung von Orléans führte. Das Erscheinen der Jeanne d’Arc (Johanna von Orleans) wendete den Kriegsverlauf dann unerwartet zugunsten Frankreichs.[368] Die sehr junge Bauerntochter sprach davon, ein Instrument des göttlichen Willens zu sein und inspirierte die französischen Truppen. Johanna selbst wurde zu einem Mythos, doch für Zeitgenossen waren göttliche Wundererscheinungen durchaus vorstellbar. Die Franzosen siegten 1429 über die Engländer. Karl zog im Juli zur Königssalbung nach Reims ein. Der Vertrag von Arras (1435) beendete die Feindschaft mit dem Herzog von Burgund, die anglo-burgundische Allianz war zerbrochen, wenngleich Karl den Burgundern Zugeständnisse machen musste.[369] Bereits zuvor war allerdings Johanna, die 1430 in Gefangenschaft geraten war, an die Engländer ausgeliefert und 1431 hingerichtet worden. Die Engländer waren aber bereits endgültig in die Defensive gedrängt. 1436 fiel Paris an Karl, der die alte Hauptstadt mied. Bis 1453 verloren die Engländer alle Festlandsbesitzungen, ausgenommen den Stützpunkt Calais.

    1438 wurden die Rechte der Krone gegenüber der Kirche durch ein Gesetz festgeschrieben („Pragmatische Sanktion“), durch die sogenannten Ordonnanzkompanien wurde 1439/45 die Grundlage für ein stehendes Heer geschaffen. Widerstand gegen die (erneute) Festigung der Zentralgewalt wurde niedergeschlagen.[370] Aus Finanznot musste Karl wieder das Mittel der Generalstände nutzen, doch besserte sich die Finanzlage im Laufe der Zeit.[371] Am Ende seiner Regierungszeit waren die Engländer vertrieben, die Finanzen weitgehend saniert und der König verfügte über ein stehendes Heer; zwar bestanden immer noch Spannungen, da einflussreiche Adelsgruppen weiterhin konkurrierten, das Fundament der Monarchie war aber stabil.[372] Karl VII. regierte noch bis 1461, wobei gegen Ende seiner Herrschaft wieder Spannungen mit Burgund auftraten. Diese sollten sich unter seinem Nachfolger fortsetzen und verschärfen.

    Das Ende des Hauses Burgund und der Übergang in die Frühe Neuzeit

    Herrschaftsgebiet Karls des Kühnen

    Ludwig XI. regierte von 1461 bis 1483.[373] Er musste zu Beginn interne Widerstände von Adel und Klerus überwinden, die die Stärkung der Königsgewalt und den Steuerdruck beklagten. So sah sich Ludwig dazu gezwungen, 1468 die Generalstände stärker einzubinden. Mehrmals ging er in seiner Regierungszeit gegen aufständische Herren vor und zog Adelsgüter ein, womit er die Königsmacht weiter festigte und zentralisierte. Dabei handelte der König nicht selten skrupellos, gleichzeitig erkannte er die Bedeutung der Wirtschaft und der Finanzpolitik. Am bedrohlichsten erwies sich für Ludwig die Stellung des Hauses Burgund. Karl der Kühne, Herzog von Burgund, herrschte über ein territorial zwar zersplittertes, aber aufgrund des Tuchgewerbes und des Fernhandels überaus wohlhabendes und bevölkerungsreiches Gebiet, mit einem vergleichsweise hohen Urbanisierungsgrad speziell in den burgundischen Niederlanden.[374] Die Finanzkraft und die prächtige Hofkultur des burgundischen Staates, der sowohl Besitzungen in Frankreich als auch im römisch-deutschen Reich umfasste, waren in ganz Europa bekannt. Karl der Kühne verfolgte ehrgeizige Ziele, die auf die Erlangung einer burgundischen Königskrone zuliefen und damit die Autorität des französischen Königs gefährdeten. Wie oben bereits beschrieben scheiterte Karl mit seinen Versuchen, von Kaiser Friedrich III. eine Königskrone zu erhalten, was ihn aber nicht davon abhielt, expansiv tätig zu sein, wovon auch Reichsgebiet betroffen war. So kam Karl in Konflikt mit der Eidgenossenschaft, Reichsstädten und lokalen Herren, die sich bedroht fühlten. In den sogenannten Burgunderkriegen kam es zu einer Reihe von Auseinandersetzungen: Im März 1476 unterlag Karl in der Schlacht bei Grandson und im Juni 1476 in der Schlacht bei Murten, am 5. Januar 1477 fiel der Herzog dann in der Schlacht bei Nancy.[375] Ludwig XI. hatte beständig und mit allen verfügbaren Mitteln gegen Karl gearbeitet, unterstützt von dem in seine Dienste übergelaufenen Philippe de Commynes, der zuvor ein Berater Karls gewesen war. Der Tod Karls befreite Ludwig von einem gefährlichen Widersacher und eröffnete der französischen Monarchie die Möglichkeit, die Besitzungen des Hauses Burgund einzuziehen, da dieses nun in männlicher Linie erloschen war. Der Erbfolgekrieg mit dem Hause Habsburg zog sich noch über Jahre hin.[376] Im Frieden von Arras (1482) sicherte sich Frankreich aber bedeutende Teile des burgundischen Erbes, wenngleich Habsburg weiterhin über die wohl reichsten Gebiete verfügte und einige Fragen offen blieben.

    Nach dem Tod Ludwigs rechneten vor allem Vertreter der Generalstände mit seiner Politik ab. Sie traten Anfang 1484 zusammen und prangerten Steuerdruck und königliche Zentralisierung an; einige Adelige hofften, wieder Vorrechte zu erlangen. Doch die Vertreter des Königtums, die für den minderjährigen Thronfolger Karl zunächst die Regierungsgeschäfte führten, setzten sich durch.[377] Karl VIII. (1483 bis 1498) erbte ein wohlhabendes Land, erwies sich aber als eher schwacher König.[378] Er verleibte der Krone die Bretagne ein und führte den Konflikt mit den Habsburgern bezüglich Burgund fort, der im Vertrag von Senlis (1493) vorerst beendet werden konnte. Nach dem Tod Ferdinands von Neapel 1494 nutzte Karl die Gelegenheit, um Erbansprüche auf das Königreich Neapel geltend zu machen, wo einst das Haus Anjou regiert hatte. Er begann noch im gleichen Jahr eine Invasion Italiens.[379] Der Italienfeldzug 1494/95 scheiterte aber schließlich, Neapel ging wieder verloren, wobei sich die sogenannte Heilige Liga zur Abwehr der Franzosen gebildet hatte. Vor allem aber destabilisierte die französische Intervention die politischen Verhältnisse in Italien und war der Beginn der sogenannten Italienischen Kriege, in die sich auch das Haus Habsburg einmischte und die noch bis ins frühe 16. Jahrhundert andauern sollten.[380] Damit war die ambitionierte Außenpolitik Karls gescheitert, innenpolitisch war die Lage finanziell nun angespannt, zumal Seuchen im Land grassierten. Mit seinem Tod im April 1498 wird in der Regel das Ende des französischen Mittelalters verknüpft.

    Die innere Entwicklung: Vom Königsstaat zur Königsnation

    Die Bevölkerungsentwicklung lässt sich aus den Quellen nur ungefähr ermitteln. Sicher ist, dass Frankreich im Spätmittelalter das bevölkerungsreichste Land Europas war. Im frühen 14. Jahrhundert hatte das Königreich zwischen 19 und 22 Millionen Einwohner.[381] Die Pest erreichte Frankreich Ende 1347 über die Häfen am Mittelmeer (einem wichtigen Handelsknotenpunkt) und verbreitete sich anschließend 1348 wie ein Lauffeuer über die Handelsrouten im ganzen Land.[382] Neueren Studien zufolge mag die Todesrate bis zu 60 % betragen haben.[383] Jedenfalls ist auch bei geringeren Todeszahlen von einem erheblichen Bevölkerungsrückgang in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts auszugehen, hinzu kamen Verluste durch den Krieg mit England. Eine Folge des Bevölkerungsrückgangs war, dass Arbeitskraft nun einen höheren Wert besaß;[384] dies stellt eine Parallele zur Entwicklung in England dar. Ab Ende des 15. Jahrhunderts nahm dann die Bevölkerung stetig zu.[385]

    Niederschlagung des Jacquerieaufstands von 1358; Buchmalerei (15. Jh.)

    Die Folgen des Hundertjährigen Krieges, Klimaverschlechterung, Seuchen und Begleitfolgen belasteten die Wirtschaft vor allem im 14. Jahrhundert. Hinzu kamen soziale Spannungen,[386] die sich 1358 in einem großen Bauernaufstand entluden, der Jacquerie.[387] Hintergrund waren nicht nur die Folgen der Pest, sondern die schlechten Rahmenverhältnisse. 1356 war König Johann II. in englische Gefangenschaft geraten, anschließend stieg der Druck auf den Dauphin Karl (den späteren französischen König Karl V.), Reformen durchzuführen. Im Herbst 1357 kam es zu einem Aufstand in Paris unter Führung des Marktvorstehers Étienne Marcel. Ende Mai 1358 brach dann im Beauvaisis ein Bauernaufstand gegen die adligen Grundherren aus, der sich ausweitete und mehrere Adlige das Leben kostete, einige Herrenhäuser und Burgen wurden zerstört. Der Aufstand war jedoch keine reine Bewegung der Ärmsten, die Auswertung der (weitgehend parteiisch gegen die Aufständischen gefärbten) Quellen belegt vielmehr, dass sich auch durchaus mittlere soziale Gruppen daran beteiligten.[388] Der Aufstand wurde kurz darauf im Juni 1358 blutig niedergeschlagen, nach der Ermordung Marcels wenige Wochen später wurde in Paris ebenfalls die alte Ordnung wiederhergestellt. Die Aufstände hatten sich dabei nicht gegen die Krone gerichtet, sondern resultierten in erster Linie aus bestehenden Missständen, wobei es enge Bindungen zwischen der Revolte in Paris und dem Aufstand der Jacquerie im ländlichen Raum gab.

    Im Hinblick auf die Wirtschaftskraft waren Landwirtschaft (mit dem neben Weizen als Hauptgetreide wichtigen Weinanbau vor allem im Süden), Gewerbe und Handel bedeutsam. Die wirtschaftliche Erholung im 15. Jahrhundert verlief regional unterschiedlich und begann dort früher, wo es zu keinen Kampfhandlungen mehr kam.[389] Wein war das wichtigste Exportgut. Im 15. Jahrhundert entwickelte sich eine zunehmend bedeutendere Textilindustrie, mit Manufakturen für Seidenwaren. Kunst- und Luxusgüter wurden im Rahmen der Renaissance nachgefragt. Städte und lokale Messen spielten im Wirtschaftsleben eine große Rolle. Auf den Messen wurden auch Waren aus dem Ausland gehandelt, so Pelze und Gewürze. Allerdings verloren die Champagnemessen im 14. Jahrhundert an Bedeutung, da sich direkte Seehandelsrouten herausbildeten. Die Messe in Lyon wurde aber nach Ende des Krieges mit England und zur Wiederbelebung der Wirtschaft besonders vom Königtum gefördert; die dortige Geldwechselmesse entwickelte sich außerdem zur führenden in Europa.[390] Des Weiteren wurde der Seehandel im Mittelmeerraum bedeutsamer, insbesondere der Fernhandel. Jacques Cœur wurde zum Sinnbild der wirtschaftlichen Erholung im 15. Jahrhundert (so lieh er selbst dem König große Summen Geld), wenngleich sein Fall dramatisch war.

    Frankreich überstand Mitte des 14. Jahrhunderts und dann im frühen 15. Jahrhundert schwere Krisenphasen: Die englische Bedrohung von außen, marodierende Söldner, Machtkämpfe am Hof, die Folgen der Pest mit ihren hohen Todesraten, Bauernaufstände und wirtschaftliche Probleme. Frankreich entwickelte sich, wie Heribert Müller meinte, im 15. Jahrhundert von einem Königsstaat zu einer Königsnation. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände und um 1420 schien England als der große Sieger aus dem langwierigen Kämpfen um den französischen Thron hervorgegangen zu sein. Doch die nachfolgende Entwicklung bewies, dass der französische Staat, um 1420 reduziert auf ein Rumpfreich im Süden mit einem ungekrönten König, keineswegs hilflos war. Das Jahr 1429 und die folgenden Ereignisse zeigten vor allem die Integrationskraft der französischen Königsidee, wobei sich der Monarch auf die weiterhin funktionierenden Verwaltungsstrukturen stützen konnte: „Eine gelehrte Elite propagierte in jenen Jahren der Not einen einheitsstiftenden Königsmythos, der ein in breiteren Kreisen offensichtlich schon vorhandenes Gemeinschaftsgefühl, einen royalistisch getönten Patriotismus ansprach – der Staat hatte eben die Grundlagen der Nation gelegt.“[391] Kulturell wurde das Französische als Schriftsprache gestärkt, es trat auch in gelehrten Kreisen, in der Jurisprudenz und in der Verwaltung zunehmend an die Stelle des Lateinischen. 1437 wurde Jean Chartier von Karl VII. beauftragt, die Grandes Chroniques de France fortzuführen, eine ganz den Zielen der Monarchie dienende Hofgeschichtsschreibung.

    Diese „nationale Monarchie“ (wenngleich kein Nationalstaat) baute auf einem administrativen Fundament der späten Kapetingerzeit auf, in der das Königtum Verwaltung, Justiz und Finanzen (mit Rechnungskammer) ausgebaut und auf den Königshof in Paris zentriert hatte. Vor allem das Hofgericht, das Parlement de Paris, entwickelte sich vom obersten Adelsgericht zur höchsten Rechts- und Appellationsinstanz,[392] wobei der König tonangebend war, während der königliche Rat als Beratungsgremium diente. Ebenso wurde die Krondomäne ausgebaut und der sakrale Charakter des Königtums betont (rex Christianissimus). Das Land war in administrative Distrikte unterteilt, die von Baillis (im Norden) und Sénéchaux (im Süden) verwaltet wurden. Die vom König eingesetzten lokalen Amtsträger sorgten für die Durchsetzung von Erlassen und waren für die Steuereintreibung (wie die taille und Sondersteuern) zuständig. Gerichtsurteile und Berichte der Rechnungskammer wurden seit dem frühen 14. Jahrhundert archiviert und waren somit nachprüfbar. Die durch die Ordonnanz von Vivier-en-Brie 1320 neu geregelte Chambre des comptes überwachte die Verwaltung der beachtlichen Krongüter, während die Kanzlei (Chancellerie) den notwendigen Schriftverkehr regelte. Der König verfügte so in der späten Kapetingerzeit über vergleichsweise große Ressourcen und Herrschaftsinstrumente zur Durchsetzung seiner Politik.[393] Die Rolle der Generalstände schwankte, doch verhinderten sie nicht die königliche Herrschaftsverdichtung.[394] So hatten Vertreter der États généraux (die nur sehr unregelmäßig zusammentraten) keine wirkliche Teilhabe an der Reichspolitik, sondern waren nur in die Zustimmung zu Steuerfragen eingebunden, woraus sich aber kein Gegengewicht zur Königsmacht entwickelte.

    Wichtig waren die Gerichte (Parlements, die nicht als Ständevertretungen missverstanden werden dürfen, da es sich nicht um gesetzgebende Institutionen handelte); neben dem Pariser Hofgericht wurden im 15. und 16. Jahrhundert auch lokale Gerichtshöfe in den Provinzen eingerichtet.[395] Die Rechtsprechung diente im Kontext der königlichen Verdichtungspolitik als ein zentrales Herrschaftsmittel. Philipp IV. beispielsweise nutzte die Funktion der obersten Appellationsgerichtsbarkeit als Instrument, um gegen Lehnsnehmer vorzugehen, so gegen den Grafen Guido von Flandern oder 1293/94 gegen den englischen König Eduard (siehe oben), der Lehnsmann des französischen Königs für die Guyenne war. Philipp brach damit das Feudalsystem auf und beanspruchte die souveräne Herrschaft über das gesamte Reich.[396]

    Provinzen Frankreichs (1477)

    Die Valoiskönige knüpften an das kapetingische Königsideal nahtlos an.[397] Sie profitierten ebenso von den vergleichsweise gut funktionierenden Strukturen, wobei sie die Steuern, wie oben beschrieben, sogar noch in Kriegszeiten erhöhten (was zur Kriegsfinanzierung entscheidend war). Dazu gehören die gabelle (die wichtige Salzsteuer), Import-/Exportzölle und weitere Sonderabgaben, die im 14. Jahrhundert aufgrund der Kriegsfinanzierung notwendig wurden. Alles in allem verfügten die Valoiskönige im Vergleich zu den englischen und besonders zu den römisch-deutschen Herrschern über weitaus mehr mobilisierbare finanzielle Ressourcen. Ebenso wurden adlige Rechte beschnitten und wenn nötig sogar Lehen eingezogen. Die Durchsetzung der Lehnshoheit war hierbei ein zentraler Aspekt der Königsherrschaft, die königlichen Besitzungen wurden so fortlaufend erweitert. Das Königtum der Valoiszeit erwies sich trotz zeitweiser Krisen als insgesamt gefestigt, die staatlichen Strukturen und verfügbaren Herrschaftsinstrumente grundsätzlich als (in Anbetracht der Zeitumstände) effektiv. Lokale Unruhen und Widerstände des Adels gegen die zentralisierte Königsmacht wurden überwunden.[398] Unter Karl VII. hatten dann qualifizierte Räte, Beamte und Diplomaten Anteil daran, Verwaltung und Finanzen funktionsfähig zu halten, die Autorität des Königtums wieder zu stärken und den Königsstaat zu festigen, wobei die Macht des Adels weitgehend eingedämmt war (mit Ausnahme Burgunds, was Ende des 15. Jahrhunderts geschah). Wirtschaft und Bevölkerung wuchsen wieder, es entwickelte sich der frühmoderne französische Staat der Renaissancezeit.[399]

    England

    England im Spätmittelalter: Insulare und kontinentale Politik

    Die eduardische Zeit: 1272 bis 1377

    Bereits die geographische Lage als Teil der Britische Inseln hat die geschichtliche Entwicklung Englands maßgeblich beeinflusst.[400] Die spätmittelalterlichen englischen Könige handelten einerseits innerhalb des heutigen Englands, andererseits agierten sie politisch aber auch gegenüber dem Königreich Schottland, in Irland und Wales[401] (den „keltischen Reichen“, wobei Wales Ende des 13. Jahrhunderts von England erobert wurde) sowie nicht zuletzt auf dem Kontinent.

    Mit Eduard I.[402] (1272 bis 1307) begann eine Epoche, die vor allem von militärischen Konflikten in England und gegen äußere Feinde gekennzeichnet war und schließlich im Ausbruch des großen Kriegs mit Frankreich 1337 gipfelte.[403] Eduard I. unternahm wiederholt Feldzüge gegen Wales, das der König erst nach harten Kämpfen und der Niederschlagung eines großen Aufstands 1294/95 weitgehend sichern konnte. Parallel zum walisischen Aufstand war Eduard, zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt für ihn, auf dem Kontinent von 1294 bis 1297/98 in einen militärischen Konflikt mit Frankreich verwickelt, der sich am Status der englischen Besitzungen in Südwestfrankreich entzündet hatte (siehe unten). Hinzu kam seit 1296 der Krieg mit Schottland, der bis nach seinem Tod andauerte und wechselhaft verlief. Die Lordschaft Irland, der von der englischen Krone gehaltene Besitz auf der Insel Irland, spielte hingegen eine untergeordnete Rolle. Die kostspielige Außenpolitik[404] führte zu einer hohen finanziellen Belastung und einer erhöhten Besteuerungspolitik Eduards, was wiederum im Innern für Widerstand sorgte. Die Folge waren innenpolitische Spannungen (mit dem Höhepunkt im Jahr 1297),[405] wobei das Parlament (das ein zunehmend stärkeres Mitspracherecht in Steuerfragen hatte, siehe unten) insgesamt gestärkt wurde. Die Finanznot Eduards blieb akut, 1307 beliefen sich seine Schulden auf rund 200.000 Pfund.[406] Es handelte sich um eine astronomische Summe im Vergleich zur englischen Wirtschaftskraft; 1284 sollen sich die königlichen Einnahmen auf unter 27.000 Pfund belaufen haben und die gesamte im Umlauf befindliche Geldmenge dürfte bei nicht viel mehr als 1 Million Pfund gelegen haben.[407] Der König hatte sich gezwungen gesehen (wie andere englische Könige nach ihm) zur Kriegsfinanzierung Kredite bei italienischen Bankiers aufzunehmen, was die königlichen Schulden in die Höhe getrieben hatte, aber zumindest eine wirtschaftliche Belastung durch eine allzu drückende Besteuerung vermied. Ansonsten ist eine rege Gesetzgebungstätigkeit des Königs zumindest in den 1270er und 1280er Jahren hervorzuheben,[408] der aber auch 1290 die Ausweisung der Juden verfügte, wovon er selbst profitierte (Schuldentilgung und jüdisches Eigentum, das an die Krone überging).

    Eduard wird als König (anders noch als in seiner Prinzenzeit) in den englischen Quellen weitgehend heroisiert, er galt als Verkörperung des Ritterideals.[409] Objektiv betrachtet war seine Außenpolitik eher mäßig erfolgreich, nur in Wales gelangen ihm längerfristige Erfolge, resultierend aus hart geführten Feldzügen. Vor allem in Schottland (wo er freilich negativ betrachtet wird) und teils auch gegenüber Frankreich kam es hingegen zu Rückschlägen.[410] Seine Regierungszeit offenbarte vor allem ein grundlegendes Problem des englischen Königtums im Spätmittelalter: Die finanziellen Ressourcen waren trotz der relativ großen Wirtschaftskapazität des Landes und der effizienten Verwaltung in Anbetracht einer weitgespannten Außen- und Eroberungspolitik nicht ausreichend und bedurften stets der Finanzierung durch neue, nun vom Parlament zu genehmigende Steuern oder Kreditaufnahmen durch Verschuldung.

    Eduard II. (Buchmalerei aus dem 14. Jahrhundert)

    Eduards Sohn Eduard II.[411] (1307 bis 1327) wird von Michael Prestwich, einem der führenden englischen Forscher für diesen Zeitraum, als schlicht inkompetenter Herrscher bezeichnet.[412] Tatsächlich vollzog sich in seiner Regierungszeit ein Niedergang der Königsmacht, doch dürfte die Beurteilung auch mit einer deutlich positiveren Bewertung seines Vaters und seines Sohns in der englischen Forschung zusammenhängen. Eduards Begünstigung Piers Gavestons, dem der König eng verbunden und vielleicht sogar homoerotisch zugeneigt war,[413] seine trotz der Schuldenlast verschwenderische Hofhaltung und sein weitgehendes Desinteresse an königlichen Verpflichtungen führten zu Konflikten mit mächtigen Adeligen. Gavestons Ermordung 1312 vertiefte die Gräben, während es in der Außenpolitik zu Rückschlägen kam, wie im Krieg gegen Schottland (Niederlage in der Schlacht von Bannockburn 1314) und auch gegenüber Frankreich, wo es wieder zum Konflikt kam. Die finanzielle Lage blieb angespannt, Versuche einer Reform der Fiskalverwaltung hatten nur mäßigen Erfolg. Hugh le Despenser nahm die Rolle des neuen ersten Günstlings Eduards ein, der 1321/22 führend daran beteiligt war, eine Adelsrevolte niederzuschlagen (Despenser War). Darauf folgte die unerbittliche Rache des Königs an seinen innenpolitischen Feinden, begleitet von zahlreichen Hinrichtungen.[414] In der Vita Edwardi Secundi, einer wichtigen Quelle zur Regierungszeit Eduards, wird denn auch an anderer Stelle passend vermerkt, dass es nicht sicher sei, sich gegen den König zu erheben, da das Ergebnis oft unglücklich ist.[415] Die Familie Despenser befand sich auf dem Höhepunkt ihrer Macht, doch formierte sich bald erneut Widerstand. Im September 1326 setzte Roger Mortimer, 1. Earl of March, nun offen der Geliebte von Eduards Ehefrau, der französischen Prinzessin Isabelle, nach England über und stellte sich an die Spitze der Opposition.[416] Eduards Herrschaft, die von seinen Gegnern als grausam und ungerecht bezeichnet wurde, brach rasch zusammen. Er wurde entthront und im September 1327 auf Befehl Mortimers und Isabelles ermordet, während an seinen Günstlingen ein Blutbad angerichtet wurde.

    Wenngleich Eduard II. weitgehend negativ betrachtet wird, so war er doch auf dem Kontinent an einem Ausgleich mit Frankreich bemüht, um die Kriegs- und Steuerlast zu reduzieren, während seine charakterliche Bewertung durch die oft parteiische Färbung vieler Quellen erschwert wird, denen die wenig kriegerische Gesinnung und der Umgang des Königs missfiel.[417] Trotz mancher Schwächen betont auch Seymour Phillips, der die derzeit grundlegende Biographie des Königs verfasst hat, dass Eduard II. keineswegs ein unfähiger König gewesen sei, vielmehr sei er ein rätselhafter Herrscher. Sein Konflikt mit mächtigen Adelsgruppen, eine zu loyale Günstlingspolitik (speziell gegenüber der Familie Despenser), Charakterschwächen und das Scheitern seiner Außenpolitik gegenüber Frankreich (als es 1323 wieder zu Kämpfen kam, konnte Eduard aufgrund der innenpolitischen Lage in England nicht auf den Kontinent übersetzen) wurde ihm jedoch zum Verhängnis.[418]

    Eduard III. mit seinem ältesten Sohn, Eduard Plantagenet (zeitgenössische Buchmalerei).

    Eduard III. (1327 bis 1377) gilt in der englischen Forschung als einer der bedeutendsten Herrscher des Mittelalters.[419] In seiner Rolle als „Kriegerkönig“ eröffnete er 1337 den bis 1453 andauernden Hundertjährigen Kriegs mit Frankreich, der bereits ausführlich oben geschildert wurde. Kurz zusammengefasst resultierte dieser Konflikt nicht allein aus konkurrierenden Thronansprüchen gegenüber dem neuen französischen Königshaus, dem Haus Valois, sondern basierte auch auf wirtschaftlichen und politischen Erwägungen (wie dem Status der englischen Besitzungen in Südwestfrankreich). Eduard nahm an vielen Kämpfen aktiv teil. Er setzte dabei mehrmals sein Leben aufs Spiel, so im August 1346 in der Schlacht bei Crécy.[420] der einzigen Schlacht in diesem langen und blutigen Konflikt, in dem sich sowohl der englische als auch der französische König im Kampf gegenüberstanden. Wenngleich die Engländer sehr erfolgreich agierten und 1360 weite Teile gerade des südwestlichen Frankreichs besetzt hielten, verliefen die 1369 erneut ausbrechenden Kämpfe sehr viel ungünstiger.[421] Bei Eduards Tod 1377 hatte sich das Blatt weitgehend zugunsten der Franzosen gewendet, wenngleich die Engländer immer noch Teile ihrer Eroberungen halten konnten.

    Innenpolitisch konnte Eduard III. erst ab 1330 selbstständig regieren, nachdem zuvor seine Mutter Isabelle und Roger Mortimer die wahre Macht ausgeübt hatten. 1330 ließ Eduard Mortimer hinrichten und verbannte Isabelle.[422] In der Folgezeit zeichnete sich seine Herrschaft durch eine Verzahnung von Innen- und Außenpolitik aus, wobei er in den 1330er Jahren wieder gegen Schottland vorging.[423] Die sozioökonomischen Folgen der 1348 England erreichenden Pest waren dramatisch, die hohen Todeszahlen wurden begleitet von wirtschaftlichen Problemen, auf die unten näher eingegangen wird. Der lange und kostspielige Krieg in Frankreich belastete des Weiteren die Finanzen extrem. Wiederholt musste Eduard im Parlament um weitere Gelder bitten. Durch die Rolle des Parlaments in Steuerfragen wurde vor allem die Bedeutung der Commons (der Vertreter der Grafschaften und Städte im Parlament) in Politik und Gesetzgebung gestärkt. Doch führten die hohen Kosten zu politischen Widerständen; erschwerend kam hinzu, dass Eduard im Alter an Senilität litt, so dass seine Söhne eine zunehmend größere politische Rolle spielten und teils unterschiedliche Positionen bezogen. Die steigende Verärgerung über die königliche Politik gipfelte 1376 im Good Parliament, als besonders Vertreter der Commons ihre Kritik über hohe Steuerlasten und Korruption äußerten, wobei diese Erklärungen vor allem auf Eduards Sohn John of Gaunt, 1. Duke of Lancaster zielten, der sich immer unbeliebter gemacht hatte.[424] 1377 wurden die Beschlüsse aber rückgängig gemacht und eine Kopfsteuer (poll tax) beschlossen, was schwerwiegende Folgen haben sollte (siehe unten). Demgegenüber war das Verhältnis Eduards zu den adeligen Großen weitgehend unproblematisch.

    Eduards lange Regierungszeit, seine durchaus vorhandenen Erfolge und seine persönlichen Eigenschaften haben zu einer überaus positiven Beurteilung des Königs geführt, der in der grundlegenden Biographie Ormrods als „tapferer Held und kriegerischer Monarch“ bezeichnet wird, wenngleich keinesfalls als fehlerfreier Herrscher.[425] Eduard präsentierte sich offenbar bewusst als Vertreter des kriegeradligen Ritterideals, wie seine bereits erwähnten Handlungen im Krieg gegen Frankreich, aber auch gegen Schottland belegen.[426] Eduard war politisch sicherlich trotz einzelner Fehlschläge und Fehleinschätzungen ein erfolgreicher Herrscher. Es gelang ihm, die Königsherrschaft zu stabilisieren, in England selbst einen weitgehenden Frieden herzustellen und auf der außenpolitischen Ebene die Stellung Englands zu stärken.[427] Dies alles war aber begleitet von nicht zu übersehenden inneren Problemen im Bereich Finanzen und Wirtschaft, hinzu kamen die Rückschläge im Krieg gegen Frankreich in den 1370er Jahren. Nach seinem Tod im Juni 1377 trat sein Enkel Richard, der Sohn des berühmten „Schwarzen Prinzen“ Eduard, sehr jung die Nachfolge an und wurde bald schon mit den Folgen der innenpolitischen Krisenerscheinungen konfrontiert.

    Vom Ende des Hauses Plantagenet zu den Rosenkriegen: 1377 bis 1485
    Porträt Richards in der Westminsterabtei (erstes originales Porträt eines englischen Königs).

    Mit Richard II.[428] (1377 bis 1399) beginnt eine Periode der englischen Geschichte, die von einer Krise des Königtums besonders hinsichtlich der legitimen Nachfolgefrage, die in blutigen Thronkämpfen Ende des 15. Jahrhunderts münden sollte, und der letzten Phase des Hundertjährigen Krieges geprägt ist. Der erste Teil dieser Zeit, vom Tod Eduards III. bis 1422, wurde von Thomas Walsingham in dessen Chronik geschildert, die eine zentrale Quelle und eine der bedeutendsten englischen Chroniken des Spätmittelalters darstellt.[429]

    Richards Regierungsantritt erfolgte in einer innenpolitisch schwierigen Zeit. Steuerbelastung, die sozioökonomischen Folgen der Pest und der anschließenden Entwicklung (erhöhte Lohnkosten, Verfall von Grundstückspreisen und Preisverfall bei Getreide) führten zu erheblichen Spannungen zwischen Grundherren bzw. Krone auf der einen und der Masse der ländlichen Bevölkerung auf der anderen Seite. Die Einführung einer neuen Kopfsteuer (ursprünglich 1377 beschlossen, dann 1379 und 1381 erneuert und ausgeweitet) zur Finanzierung des Kriegs gegen Frankreich brachte das Fass zum Überlaufen und führte im Mai/Juni 1381 zu einem großen Bauernaufstand, bei dem der junge König erheblichen persönlichen Einsatz zeigte und Respekt erwarb.[430] Der Aufstand wurde niedergeschlagen, es setzte aber eine Entwicklung ein, die zu einer Verbesserung der bäuerlichen Wirtschafts- und Lebensverhältnisse führte (siehe unten). In den folgenden Jahren verschlechterte sich das Verhältnis Richards zum Parlament erheblich. Der Krieg mit Frankreich dauerte weiter an, ohne das ein Ende abzusehen war, verschlang aber weiter erhebliche Mittel. Hinzu kam eine beim Parlament missliebige Günstlingsherrschaft des Königs. 1386 kulminierte die Unzufriedenheit mit Ratgebern und Politik des Königs sowie dem ungünstigen Kriegsverlauf im sogenannten Wonderful Parliament, als Ende 1386 neue Steuerforderungen des Königs mit der Forderung nach politischen Reformen durch das Parlament beantwortet wurden. Die Folge dieser Kraftprobe war nicht nur der Sturz von Richards Kanzler (Michael de la Pole, 1. Earl of Suffolk), sondern auch die Einrichtung eines parlamentarischen Gremiums, das die königliche Politik fortan überprüfen sollte.[431] Aus dieser Demütigung des Königs resultierte der folgende Konflikt Richards mit den sogenannten Lords Appellant, die 1387 siegreich waren und den König faktisch zu einer reinen Symbolfigur degradierten. Ebenso erfolgte die Anklage gegen mehrere Ratgeber des Königs im Rahmen des Merciless Parliament von 1388. Doch Richard gewann ab 1389, nicht zuletzt dank seines Onkels John of Gaunt, wieder an Macht. 1396 erfolgte ein mehrjähriger Waffenstillstand mit Frankreich, wodurch der König im Inneren freie Hand gewann. 1397 rächte er sich erbittert an seinen innenpolitischen Gegnern, so dass seine letzten beiden Regierungsjahre in der Geschichtsschreibung als eine Tyrannenherrschaft dargestellt wurden. 1399 wurde Richard von seinem Verwandten Henry Bolingbroke (der Sohn Johns und von Richard verbannt) gestürzt und im September für offiziell abgesetzt erklärt; er starb unter ungeklärten Umständen Anfang des folgenden Jahres, womit das Haus Plantagenet in direkter Linie erlosch.

    Richard förderte die Künste und bewies etwa beim Bauernaufstand persönlichen Mut, der Beginn seiner Herrschaft begann mit guten Erwartungen. Schon Zeitgenossen betrachteten ihn zumindest im Rückblick aber als hochmütig, was seinen tiefen Fall bewirkt habe; dies kommt unter anderem beim Chronisten Adam of Usk deutlich zum Ausdruck.[432] Und wenngleich das Andenken Richards nach seinem Sturz (literarisch durch William Shakespeare in seinem frühen Drama Richard II. verarbeitet) systematisch verdunkelt wurde, so ist doch zu erkennen, dass zumindest das Ende seiner Herrschaft als rechtsbrüchig betrachtet wurde. Er erkannte aber auch, dass der lange Krieg mit Frankreich nun, nachdem Erfolge ausblieben und die finanzielle Belastung anhielt, ein Ende haben musste. Im Konflikt mit dem Parlament spielten nicht zu vereinbarende Gegensätze der königlichen Herrschaftsauffassung auf der einen und die Kompetenzausweitung des Parlaments auf der anderen Seite eine zentrale Rolle.[433] Sein Ende schuf ein schwerwiegendes Legitimationsproblem für das neue Königshaus Lancaster und leitete die Krise des englischen Königtums im 15. Jahrhundert ein.

    Die Regierungszeit Heinrichs IV. (1399 bis 1413) wurde von den Umständen seiner Thronbesteigung überschattet.[434] Der Dynastiewechsel warf grundsätzliche Fragen auf, denn der Sohn von John of Gaunt war keineswegs der einzige potentielle Thronkandidat. Zu den problematischen Thronansprüchen kamen weitere Schwierigkeiten, die Heinrich aber überwinden konnte. Dazu gehören die walisische Rebellion von Owain Glyndŵr, die 1405 niedergeschlagene Erhebung des mächtigen Henry Percy, 1. Earl of Northumberland und die Verfolgung der christlichen Splittergruppe der Lollarden. Finanziell litt Heinrich unter ständiger Geldnot und hatte ein nicht spannungsfreies Verhältnis zum Parlament, das von ihm eine gute Regierungsführung unter Bewahrung der parlamentarischen Rechte verlangte. 1406 kam es zu einem gesundheitlichen Zusammenbruch des Königs, was die weitere Regierungstätigkeit beeinträchtigte. Im „langen Parlament von 1406“ (long Parliament)[435] gewährte das Parlament dem König nach langen Sitzungswochen zwar beantragte Geldmittel, es verlangte und erhielt aber die Zusage, dass sich der König mehr auf Beratung verlassen würde; in diesem Sinne wurde der Kronrat reformiert. Ebenso wurden die Grundlagen für die Erbnachfolge verbindlich geregelt, um eine Nachfolgekrise zu vermeiden.[436] Die letzten Jahre seiner Regierungszeit sind quellenmäßig eher schlecht belegt, doch ist klar, dass die Herrschaft des Hauses Lancaster nicht unumschränkt akzeptiert wurde und Heinrichs Gesundheitszustand die Lage verkomplizierte. Agierte er zu Beginn energisch und auch skrupellos, so verfügte er in den späteren Jahren nicht mehr über die Kraft, das Königsamt auszufüllen, zumal ihm (trotz der schlechten Beurteilung Richards II.) der Makel des Usurpators anhing. Den Frieden mit Frankreich bewahrte er und bei der Ausübung der Herrschaft bemühte er sich wieder stärker um Konsens.[437]

    Heinrich V. von England. Anonymes Porträt, spätes 16. oder frühes 17. Jahrhundert. National Portrait Gallery (London)

    Heinrich V. bestieg im Jahr 1413 sehr jung den englischen Königsthron. Seine Regierungszeit (1413 bis 1422) sollte einen Höhepunkt im langen Ringen zwischen England und Frankreich markieren, er selbst stieg in der Nachbetrachtung zu einem fast schon legendären englischen „Kriegerkönig“ (warrior king) auf, dessen Bilanz aber objektiv betrachtet (trotz militärisch beeindruckender Leistungen) gemischt ausfällt.[438] Das Verhältnis zu seinem Vater war nicht ohne Spannungen, militärisch tat sich der junge Kronprinz bei der Unterwerfung von Wales hervor. Innenpolitisch versuchte Heinrich V., die zuvor ausgebrochenen internen Konflikte zwischen Königtum und mächtigen Adel zu überwinden, zumal es zu Verschwörungen gegen ihn gekommen war, die er hart unterdrückte, wie er auch gegen die Lollarden vorging. Wohl auch aufgrund der inneren Spannungen nahm er den Krieg gegen Frankreich wieder aktiv auf. Die Situation schien zudem überaus günstig, da Frankreich im Inneren von Machtkämpfen zerrissen wurde (siehe oben). Heinrich landete mit einem Heer von rund 12.000 Mann am 13. August 1415 auf dem Festland. Der Feldzug verlief zunächst schleppend, erst nach harter Belagerung fiel Harfleur. Dennoch wurde 1415 zu „Heinrichs Jahr des Ruhms“, wie es der Historiker Ian Mortimer bezeichnet hat.[439] Am 25. Oktober 1415 vernichteten die Engländer ein zahlenmäßig überlegenes französisches Heer in der Schlacht von Azincourt. Es handelt sich um eine militärgeschichtlich bemerkenswerte Leistung, bei der sich die englischen Langbogenschützen besonders hervorgetan haben. Der Kern der französischen Ritterschaft verblutete in dieser Schlacht, die den Krieg entschieden zu haben schien. Der französische König Karl VI. war praktisch regierungsunfähig und wohl auch kriegsmüde. Heinrich setzte bei den folgenden Verhandlungen durch, dass er nicht nur Karls Tochter Katharina heiraten sollte, im Vertrag von Troyes im Jahr 1420 wurde auch festgelegt, dass Heinrich und nicht Karls Sohn ihm als französischer König nachfolgen sollte. Damit schien England triumphiert zu haben und Heinrich V. sorgte dafür, dass ein idealisiertes Bild von ihm als ruhmreicher Kriegerkönig verbreitet wurde. In Wahrheit war der Krieg aber keineswegs beendet, denn Karls Sohn setzte den Kampf gegen die Engländer fort, die sich wiederum mit dem Haus Burgund verbündeten, das im Machtkampf mit dem französischen Königshaus stand und für die nächsten Jahre die anglo-französische Personalunion stützte. Der völlig unerwartete Tod Heinrichs, dem kurz darauf auch Karl VI. folgte, sorgte jedoch für ein erneutes Aufflammen der Kämpfe. Heinrich V. selbst wurde in der zeitgenössischen und späteren englischen Geschichtsschreibung sehr positiv bewertet und sogar überhöht geschildert; die französische Seite lobte persönliche Tugenden, rügte aber sein oft sehr hartes Agieren.[440] Der von ihm erneut und ohne triftigen Grund begonnene Krieg sollte 1453 ebenfalls nicht mit einem englischen Sieg enden und stellte eine Belastung für das Königreich dar.

    Heinrich VI. (1422 bis 1461 und 1470/71) war noch ein Kleinkind, so dass England von Regenten regiert wurde.[441] 1429 erfolgte die Krönung zum König von England, 1431 die französische Königskrönung. Dennoch zerbrach die ohnehin fragile Union zwischen England und Frankreich, da französische Loyalisten sich um den französischen Prinzen Karl sammelten. Die bereits oben beschriebenen Gegenoffensiven der Franzosen, angeführt oder wenigstens stark inspiriert durch Jeanne d’Arc (die allerdings in englische Gefangenschaft geriet und 1431 hingerichtet wurde), brachten die englische Herrschaft ins Wanken. John of Lancaster, 1. Duke of Bedford, der nach dem Tod Heinrichs V. faktisch als englischer Vizekönig in Frankreich agierte, konnte dies nicht verhindern. Haus Valois und Haus Burgund verständigten sich zudem vorläufig und der neu gekrönte französische König Karl VII. verdrängte die Engländer bis 1453 faktisch vom Kontinent.[442] In England selbst destabilisierte sich die königliche Zentralherrschaft währenddessen immer stärker. Der einflussreiche William de la Pole, 1. Duke of Suffolk stürzte 1450 aufgrund der Misserfolge auf dem Kontinent, doch Heinrich VI. selbst trat außer in kirchlichen Fragen kaum selbstständig auf, zudem war er geistig nicht immer klar bei Verstand. Es kam bald zum Machtkampf des Königshauses bzw. der Ratgeber um Heinrich VI. mit Haus York, einer Seitenlinie der Plantagenets. Der Konflikt eskalierte und führte 1455 zum Ausbruch von Kampfhandlungen, als sich der kriegserfahrene Richard of York, 3. Duke of York offen gegen den König stellte.

    Eduard IV. von England

    Dies war der Beginn der blutig geführten sogenannten Rosenkriege, die sehr wechselhaft verliefen und mit Unterbrechungen bis 1485/87 andauerten.[443] Richard unterlag, doch sein Sohn Eduard war schließlich erfolgreich und bestieg als Eduard IV. den englischen Königsthron.[444] Von 1461 bis 1470 konnte sich Eduard behaupten, bevor er zeitweise nach Burgund fliehen musste und anschließend wieder die Macht erlangte (1471 bis 1483). In diesem Zusammenhang spielte Richard Neville, 16. Earl of Warwick eine wichtige Rolle, wobei er zunächst Eduard unterstützte, sich nach einem Zerwürfnis aber auf die Seite Heinrichs stellte (daher auch als Warwick the kingmaker bezeichnet), bevor er 1471 starb. Seitenwechsel und gebrochene Absprachen gehörten fast zum Alltag der Rosenkriege, die militärisch zudem erbittert geführt wurden. Besonders blutig verlief die Schlacht von Towton im März 1461, die den vorläufigen Sieg der Yorkisten markierte. Heinrich VI. wurde 1471 ermordet und für die restlichen Jahre war Eduards Herrschaft weitgehend gesichert, allerdings bestanden weiterhin erhebliche Spannungen. Eduard war kriegstüchtig (kurze Expeditionen nach Frankreich waren allerdings erfolglos) und politisch nicht unbegabt, einige Reformen wurden angestoßen. Ein zentrales Problem für Eduard waren die Finanzen, die Besteuerung war problematisch und ihm wurde später sogar Gier vorgeworfen,[445] doch französische Zahlungen milderten dies etwas ab, nachdem Eduard im Gegenzug auf weitere Militäraktionen auf dem Kontinent verzichtete. Dafür wandte Eduard den Blick in Richtung Schottland, doch starb er, bevor es zu einem Feldzug kam. Am Ende seiner Regierungszeit kam es zu Konflikten am Hof zwischen den verschiedenen Gruppen, auch der Ruf des Königs, der Luxus liebte, hatte gelitten. Eduard, der in der Forschung recht unterschiedlich bewertet wird, hatte zu Beginn seiner Herrschaft Sympathien auf sich gezogen, doch favorisierte er am Ende bestimmte Gruppen, was zu Konkurrenz und Ablehnung führte.

    Nach Eduards Tod im April 1483 regierte sein Bruder Richard als Regent für Eduards jungen Sohn Eduard V., der ebenso wie sein Bruder später ermordet wurde. Der durchaus fähige Richard strebte offen nach der Krone, es kam zum Bruch mit Eduards Witwe Elizabeth Woodville und anderen einflussreichen Hofkreisen. Noch im Juni 1483 wurde Richard, der schnell und für viele völlig überraschend agierte, vom Parlament als Richard III. zum König erklärt.[446] Der Anspruch Eduards V. wurde übergangen, die Familie Woodville, die unter Eduard IV. zu viel Macht gekommen war und sich einige Feinde gemacht hatte, verunglimpft. Damit begann die Schlussphase der Rosenkriege. Eine erste Rebellion gegen Richard 1483 wurde noch niedergeschlagen, doch bestanden offenbar erhebliche Widerstände gegen den neuen König, der sich an die Macht gedrängt hatte und der nicht auf alle Unterstützer seines Bruders setzen konnte. Oppositionelle Kreise sammelten sich auf dem Kontinent, an deren Spitze stand Heinrich Tudor, der auf seine verwandtschaftliche Beziehung zum Hause Lancaster verwies und 1485 mit einem Heer nach England übersetzte. Richard III., der in den Quellen aufgrund der Usurpation stark negativ betrachtet wird, stellte sich dem Feind und verlor Leben und Krone in der Schlacht von Bosworth am 22. August 1485. Heinrich Tudor bestieg als Heinrich VII. den englischen Thron und verband sein Haus mit dem Hause York, indem er Elizabeth von York heiratete. Doch musste Haus Tudor in den folgenden Jahrzehnten immer wieder Anfeindungen von Yorkisten abwehren. Die offenen Bürgerkriege waren ab 1487 (Schlacht von Stoke) beendet, doch die englische Krone hatte erheblichen Schaden erlitten. Heinrich VII. stellte sich gegen mehrere einflussreiche Lords, nach einem kurzen Feldzug 1492 hielt er Frieden mit Frankreich. Sein Sohn Heinrich VIII. sollte die Krongewalt wieder endgültig stärken und zentralisieren.[447]

    England und der Kontinent: Die auswärtige Politik der englischen Könige
    Festlandsbesitzungen der englischen Könige in Frankreich (rot) am Ende des Hochmittelalters.

    Die englisch-französischen Beziehungen gestalteten sich vom 12. Jahrhundert bis zum Ausgang des Spätmittelalters als schwierig.[448] Am Ende des Hochmittelalters war das angevinische Reich von Haus Plantagenet zusammengebrochen, nachdem es den französischen Königen gelungen war, die Engländer zunächst militärisch zu schlagen (Schlacht von Bouvines 1214), in der Folgezeit weitere Gebiete zu erobern und schließlich den englischen König Heinrich III. zum Vertrag von Paris (1259) zu zwingen.[449] Der zuvor beachtliche Festlandsbesitz der Plantagenets schmolz damit auf Ländereien im Südwesten dahin, die Guyenne (Gascogne), für die die englischen Könige fortan dem französischen König die Lehnstreue schuldeten. Diese Regelung erwies sich allerdings, wie die Entwicklung bereits Ende des 13. Jahrhunderts zeigte, als nicht langfristig tragfähig. Denn die grundsätzliche Vorstellung, dass der englische König einen anderen Monarchen für zumindest einen Teil seines Herrschaftsraums als übergeordnet anerkennen musste, war problematisch, da so weiterhin französische Interventionen in der Guyenne drohten. Die Guyenne mit dem Hafen von Bourdeaux war für die englischen Könige aufgrund des profitablen Weinhandels von wirtschaftlicher Bedeutung. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurden dort 80.000 Tonnen Wein jährlich verschifft, davon mindestens ein Viertel nach England.[450] Wenngleich die englischen Könige selbst die Region kaum besuchten, war sie verwaltungstechnisch direkt der Krone unterstellt (mit einem Seneschall der Gascogne) und stellte außerdem strategisch eine bedeutende Besitzung dar. Der Status der Guyenne bot somit weiterhin Konfliktstoff.[451]

    Eduard I. huldigt Philipp IV. Buchmalerei aus dem 14. Jahrhundert

    Im Vertrag von Amiens (1279) war noch einmal eine Übereinkunft erzielt worden, doch von 1294 bis 1297/98 kam es aufgrund der steigenden Spannungen zu offenen Kampfhandlungen.[452] Auslöser war ein lokaler Streit, nachdem englische Behörden französische Seeleute festgesetzt hatten, die eigentliche Ursache war aber der Status der Guyenne. Philipp IV. beabsichtigte offenbar, seinen Oberherrschaftsanspruch nun durchzusetzen und damit seine königliche Autorität hervorzuheben, weshalb er den englischen König Eduard I. in dessen Eigenschaft als Lehnsträger im Oktober 1293 vorlud. Die Vorladung offenbarte das grundsätzliche Problem des hierarchischen Verhältnisses zwischen dem König von Frankreich als Lehnsherr und dem englischen König als Lehnsnehmer für die Guyenne. In diesem Zusammenhang beanspruchte Philipp die oberste Rechtsprechung; da Eduards Amtsträger aber Recht gebrochen hatten, nutzte Philipp dies zur Durchsetzung seines Herrschaftsanspruchs.[453] Philipp zog das Lehen schließlich ein und es kam zum Krieg.

    In dem folgenden Konflikt, der sich für Eduard als kostspielig erwies, war sogar der römisch-deutsche König Adolf von Nassau involviert, der sich mit Eduard verbündete und dafür Gelder erhielt, aber kaum eingriff.[454] Im Südwesten erfolgte auf erste englische Erfolge 1294 ein starker französischer Gegenschlag mit weiteren Kämpfen in den folgenden Monaten. Flandern sollte den Engländer als Aufmarschgebiet dienen, doch kam ein erhofftes Bündnis zunächst nicht zustande und wurde erst Anfang 1297 abgeschlossen, wobei sich der Graf von Flandern selbst ebenfalls im Konflikt mit Philipp befand.[455] Im August 1297 landete Eduard in Flandern, doch die Lage entwickelte sich ungünstig, so dass beide Könige im Oktober 1297 einen Waffenstillstand schlossen. 1299 heiratete Eduard zwar Philipps Tochter Magarethe und 1303 wurde ein Friedensvertrag unterzeichnet.[456] Das grundsätzliche Problem im Hinblick auf den Status der Guyenne und der Lehnsoberherrschaft war damit aber immer noch nicht gelöst.

    Englisches Wappen, die Löwen mit den französischen Lilien kombiniert (ab 1340)

    Dies war einer der Auslöser des Hundertjährigen Krieges von 1337 bis 1453, der bereits oben geschildert wurde.[457] Nach dem Aussterben der Kapetinger in direkter Linie trat das Haus Valois die Nachfolge an. Politische und wirtschaftliche Konflikte führten 1337 zum Kriegsausbruch, wobei der englische König Eduard III. seinen konkurrierenden Thronanspruch erst 1340 offen geltend machte. Der Krieg verlief in mehreren Phasen und wurde immer wieder von Waffenstillständen unterbrochen. Während die Engländer zunächst sehr erfolgreich waren und um 1360 den Südwesten und Teile des Nordens Frankreichs kontrollierten, waren die Franzosen in den Kämpfen der 1370er Jahre siegreich, so dass es 1396 zu einem vorläufigen Ende der Kämpfe kam. 1415 nutzte jedoch Heinrich V. die inneren Konflikte in Frankreich für eine Invasion (siehe ebenfalls die Ausführungen oben). Nach dem grandiosen Sieg in der Schlacht von Azincourt kontrollierten die Engländer im Anschluss an den Vertrag von Troyes einen Großteil des Landes, bevor ab 1429 die Franzosen zum Gegenschlag übergingen. Als dann noch 1435 das (seit 1420 bestehende) Bündnis mit Haus Burgund zerbrach, erwiesen sich die Eroberungen als unhaltbar.[458] England verlor bis 1453 alle Festlandsbesitzungen (einschließlich der Guyenne) und vermochte nur Calais bis 1558 zu behalten. Dies war das faktische Ende der englischen Herrschaft auf dem Kontinent, wenngleich sich noch die Tudorherrscher teils versuchten einzumischen, es blieb aber hier bei vereinzelten und begrenzten Interventionen.[459]

    Zwischen England und dem römisch-deutschen Reich bestanden im Spätmittelalter wirtschaftliche Verflechtungen, doch gab es auch immer wieder Versuche einer näheren politischen Zusammenarbeit.[460] Diese fanden vor allem im Kontext der englisch-französischen Auseinandersetzungen statt. Nach dem erwähnten Bündnisplan Eduards I. mit Adolf von Nassau bestand denn auch einige Zeit eine „Reichsferne“ des englischen Königtums, nachdem der Konflikt abgeebbt war. Dies änderte sich in der Regierungszeit Eduards III., der bestrebt war, beim Ausbruch des Hundertjährigen Krieges den römisch-deutschen Kaiser Ludwig IV. und/oder Reichsfürsten für sich zu gewinnen. Dies brachte allerdings nicht den erhofften Erfolg, zumal Ludwig eine Schaukelpolitik betrieb. Karl IV. hingegen war frankreichfreundlich eingestellt, ein dennoch 1348 abgeschlossenes Bündnis zwischen England und dem Reich schloss daher ausdrücklich jede Unterstützung gegen Frankreich aus; im Dezember 1356 verständigten sich sogar der Kaiser und Frankreich in einem Vertrag.[461] Unter Sigismund gab es wieder engere Beziehungen, da der zukünftige Kaiser das Schisma beenden wollte und sein Verhältnis zu Frankreich zeitweise angespannt war. Ein englisch-luxemburgisches Bündnis (Vertrag von Canterbury (1416)) war jedoch nicht von Dauer,[462] in den 1430er Jahren wandte sich Sigismund wieder Frankreich zu.

    Innere Entwicklung

    Königsherrschaft mit Parlament
    Pipe roll von 1194

    Zentrum der Königsherrschaft war der Hof in London. Mit der normannischen Eroberung Englands 1066 etablierte sich eine relativ starke königliche Zentralgewalt in England, die durch eine verhältnismäßig gute Verwaltungsstruktur mit lokalen Amtsträgern ermöglicht wurde.[463] Eine zentrale Rolle spielte hierbei die schriftliche Verwaltungsführung. Seit dem Doomesday Book (Ende des 11. Jahrhunderts) erfassten die englischen Könige systematisch die Besitzverhältnisse in ihrem Reich, woraus sich die zu entrichtenden Abgaben ergaben.[464] Seit dem 12. Jahrhundert sind die entsprechenden Steuerunterlagen (Pipe Rolls) überliefert, für die zentrale königliche Finanzverwaltung war ab der Zeit Heinrichs I. der Schatzkanzler (Exchequer) zuständig. Seit 1199 wurden in der königlichen Kanzlei ausgestellte Urkunden und Briefe auf Schriftrollen (rolls) protokolliert, beginnend mit den Charter Rolls und kurz darauf gefolgt von Close Rolls und Patent Rolls (siehe Letters Patent).[465] Die vergleichsweise fortgeschrittene pragmatische Schriftlichkeit im administrativen Bereich[466] führte dazu, dass die dokumentarische Quellenlage in England bereits seit dem Hochmittelalter deutlich besser ist als etwa für das römisch-deutsche Reich.[467]

    Verwaltungstechnisch war das Land in Grafschaften eingeteilt, wobei der vom König ernannte Sheriff als lokaler königlicher Vogt diente und für Steuererhebung, Strafverfolgung und Gerichtsbarkeit zuständig war.[468] Im Spätmittelalter erfolgte eine weitere Verdichtung der Königsherrschaft.[469] Eduard I. sorgte für eine neue Volkszählung, die dann die Grundlage für die sogenannten Hundred Rolls bildete. Im 14. Jahrhundert wandelten sich die Aufgaben der Sheriffs, die einen Teil abgaben, aber vor allem im rechtlichen Bereich verstärkt tätig waren, was eine vermehrte Schriftführung zur Folge hatte. Auf lokaler Ebene genossen sie große Autonomie, hinzu kamen unter anderem Beauftragte für den Einzug heimgefallener Lehen und Friedensrichter.[470] Die Aktenführung, bereits vorher essentiell für die Verwaltungsaufgaben, wurde immer umfangreicher, was sich an den Finanz- und Kanzleiregistern ablesen lässt. Mitte des 14. Jahrhunderts wurden wohl bis zu 50.000 Schriftstücke im Jahr von der königlichen Zentralverwaltung verfasst, wobei sie stets Kopien behielt; dasselbe galt für die Gerichte.[471] Die beiden wichtigsten Behörden am Hof waren der Exchequer (die Behörde war geteilt in zwei Abteilungen) und die Kanzlei (Chancery), wobei der Exchequer auch die Amtsführung der Sheriffs anhand der Akten prüfte und die Kanzlei unverzichtbar für den zwingend notwendigen Schriftverkehr war.[472] Die Calendars der Close Rolls und Patent Rolls, Zusammenfassungen dieser Kanzleiregister in englischer Übersetzung, sind für das 14. und 15. Jahrhundert verfügbar und online weitgehend frei einsehbar.[473] Kirche und Königtum kooperierten in vielfacher Weise, so dass mehrere Bischöfe im königlichen Dienst aktiv waren und der König andererseits die Besetzung von Bischofsämtern beeinflussen konnte.

    Ein Original der Magna Carta von 1215 (London, British Library, Cotton MS. Augustus II. 106)

    Grundsätzlich war die politische Stellung des Königtums vergleichsweise stark, der König war lehnsrechtlich Herr des gesamten Landes; die mächtigen Barone entwickelten nie ein partikulares Gegengewicht zum König, wie dies bei den Landesherren im römisch-deutschen Reich der Fall war. Seit der Magna Carta von 1215 ergaben sich aber Beschränkungen der königlichen Politik; aus der Curia Regis entwickelte sich im 13. Jahrhundert schrittweise das Parliamentum, das neben Baronen und Kirchenvertretern bald auch Vertreter der Städte und der Grafschaften umfasste, die seit dem frühen 14. Jahrhundert ständig vom König zur Versammlung geladen wurden. Diese Einrichtung darf nicht mit dem heutigen Parlament verwechselt werden, doch nahm die moderne Entwicklung im Spätmittelalter ihren Anfang.[474] Zentrale Bedeutung hatten im Parlament Gesetzgebung, Finanzfragen und Petitionen, die die Grundlage für Gesetzesbeschlüsse bildeten.[475] Dies war der Ort, wo die Gesetzgebung des Königs an die Zustimmung der Vertreter seiner Untertanen geknüpft war, wobei Steuerbewilligung und Mitwirkung an der Gesetzgebung mächtige Hebel waren. Im späten 14. und dann im 15. Jahrhundert waren jährliche Zusammenkünfte die Regel, das Parlament war nun fest in die königliche Herrschaftspraxis eingebunden und wurde speziell im Hinblick auf die Kriegsfinanzierung benötigt, wenn neue Steuern erhoben werden mussten.[476] Dennoch spielte der König bei diesen Zusammenkünften eine wichtige Rolle, ohne ihn konnte kein Parlament tagen und er konnte es auch auflösen. Die Vertretung bestand aus zunächst gemeinsam tagenden Teilen, den Lords, also dem Hochadel und hohen Klerus (in der Zeit um 1400 rund 100 Männer, wovon nicht alle teilnahmen), und den Commons als Vertreter der Grafschaften und Städte. Mitte des 14. Jahrhunderts spaltete sich das Parlament in zwei Kammern auf: das House of Lords und das House of Commons.[477] Bei den Commons rekrutierten sich die Vertreter der Grafschaften (Knights of the Shire) aus einem kleinen Kreis meist gut vernetzter Grundbesitzer, die seit dem späten 14. Jahrhundert auf Versammlungen gewählt wurden; zu den Vertretern der größeren Städte gehörten oft reiche Kaufleute. Die Vertreter aus dem Süden überwogen dabei.

    Um 1400 dienten die Lords als Hauptansprechpartner des Königs in Fragen der Kriegs- und Außenpolitik, während die Commons im Gesetzgebungsprozess oft die Initiative übernahmen.[478] Das Mitspracherecht des Parlaments bei Steuerfragen engte den fiskalischen Spielraum des Königs empfindlich ein, was sich während des Hundertjährigen Krieges in der gewachsenen politischen Stellung des Parlaments und speziell der Commons ausdrückte.[479] In manchen Situationen konnten die Commons auch ihre Interessen artikulieren, so 1376 (Gutes Parlament), als Geldverschwendung während des Kriegs mit Frankreich angeprangert wurde.[480] Diese Entwicklung führte dazu, dass ab 1406 jedes Finanzgesetz zuerst den Commons vorgelegt werden musste und 1489 ein Gerichtsurteil festlegte, dass nur vom König und beiden Kammern des Parlaments gemeinsam beschlossene Gesetze Gültigkeit hatten.[481] Demgegenüber beriet sich der König mit Vertrauten im Kronrat, dem Council, der auch die Regierungsgeschäfte führte, wenn der König dazu nicht in der Lage war, wie bei Krankheit oder Minderjährigkeit. Die spätmittelalterliche Königsherrschaft unterschied sich durch die veränderten Rahmenbedingungen, wie der Rolle des Parlament, somit deutlich von der etwa im 12. Jahrhundert, ebenso entwickelte sich die Verwaltung weiter.[482]

    Die Kompetenzen der königlichen Gerichte wurden stetig erweitert und stärker in Anspruch genommen, was gemeinsam mit der Gesetzgebung eine Verdichtung der Königsmacht bedeutete und für den weiteren staatlichen Entwicklungsprozess Englands bedeutsam war.[483] Die steigende Gerichtstätigkeit führte außerdem zur Entstehung des sogenannten Common Law, der Ableitung bestimmter Rechtsgrundsätze auf Grundlage von Präzedenzfällen königlicher Gerichte. Diese Entwicklung ist neben der Etablierung des Parlaments ein wesentliches Kennzeichen für die Herausbildung einer spezifisch englischen Identität im Spätmittelalter.

    In finanzieller Hinsicht war die Lage des Königs nicht selten angespannt.[484] Der lange Krieg mit Frankreich verschlang Unsummen und die Einkünfte (wie aus Grundbesitz und Regalien) konnten das nicht decken, so dass die spätmittelalterlichen englischen Herrscher oft neue Steuern erheben (wozu, wie bereits erwähnt, das Parlament benötigt wurde) oder Kredite (wie bei italienischen Bankiers) aufnehmen mussten. Die Kreditaufnahme behob zwar das kurzfristige Liquiditätsproblem, führte aber zu einer teils hohen Verschuldung einzelner Herrscher, wie oben das Beispiel Eduards I. zeigt, der seinem Sohn Eduard II. Schulden in Höhe von rund 200.000 Pfund hinterließ[485] – was geschätzt in etwa einem Fünftel der gesamten im Umlauf befindlichen Geldmenge im Königreich entsprochen haben dürfte.[486] Steuern spielten eine immer wichtigere Rolle zur Staatsfinanzierung, hinzu kamen Zölle, die aber den Handel beeinträchtigten, was gerade den wichtigen englischen Wollhandel hart traf.[487]

    England nach der Pest: Eine Gesellschaft im Wandel
    Schafhaltung, dargestellt im Luttrell-Psalter. Die Schafwirtschaft gewann in England im Anschluss an die Pest, den Verfall des Getreidepreises und der profitableren Weidewirtschaft zunehmend an Bedeutung.

    Um 1300 lebten in England rund fünf Millionen Menschen, doch aufgrund der Hungersnot von 1315–1317 und dann vor allem dem Ausbruch der Pest 1348[488] sank diese Zahl dramatisch, ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung starb.[489] Hinzu kamen die klimatische Verschlechterung, weitere Krankheitswellen und wohl ein Geburtenrückgang; am Ende des 14. Jahrhunderts mögen nur noch rund 2,3 Millionen Menschen in England gelebt haben.[490]

    Dies hatte zahlreiche sozioökonomische Folgen.[491] Eine davon war, dass die geringere Bevölkerung leichter versorgt werden konnte sowie sich das Arbeits- und Sozialgefüge durch den Bevölkerungsrückgang veränderte.[492] Ein massiver Arbeitskräftemangel setzte ein, der noch bis ins späte 15. Jahrhundert andauern sollte, was steigende Löhne und fallende Preise bewirkte.[493] Anbau und landwirtschaftliche Produktion veränderten sich ebenfalls, so wurde teils Landbewirtschaftung aufgegeben, woanders erfolgte oft der Wechsel hin zur Weidewirtschaft mit Schafen. Mehrere durch die Pest bereits entvölkerte Dörfer wurden aufgegeben, als die verbliebene Bevölkerung sich nach besseren Gelegenheiten umsah.[494] Ebenso eröffneten sich neue Aufstiegschancen, wie bei der Vergabe neuer Kirchenämter, durch Landerwerb (Aufstieg in den niederen Adel) und Handel. Insgesamt stieg die soziale Mobilität, was aber freilich nicht für die meisten Menschen galt.[495] Dennoch konnten sich nun beispielsweise kleinere Bauern durch den Wertverfall von Grundstücken größere Höfe leisten.[496]

    William Walworth tötet Wat Tyler vor den Augen des Königs, der anschließend mit den Aufständischen spricht.

    Zentrum der Wirtschaftsproduktion im ländlichen Raum waren die grundherrlichen Güter (manors, oft verbunden mit der begrenzten Gerichtshoheit in Zivilangelegenheiten, dem manorial court).[497] Grund und Boden verloren durch die Pestfolgen drastisch an Wert, was die Großgrundbesitzer traf und andererseits den Wert der bäuerlichen Arbeitskraft schlagartig erhöhte; dies galt sowohl für gelernte als auch ungelernte Arbeitskräfte, während gleichzeitig der Getreidepreis fiel.[498] Die Bauern befanden sich damit gegenüber den Lords in einer weitaus besseren Position als zuvor. In der Zeit nach der Pest waren es die gestiegenen Lohnkosten, die für die reichen Grundbesitzer am kostspieligsten waren, nicht etwa geringere Einkünfte.[499] Die königliche Regierung reagierte darauf, als im Statute of Labourers von 1351 unter anderem Preise und Löhne auf den Stand vor Ausbruch der Pest eingefroren wurden.[500] Der in dieser Form erstmalige staatliche Eingriff scheint wenig genutzt zu haben und war aufgrund der knappen Arbeitskräfte nicht realistisch umsetzbar.[501] Ende des 14. Jahrhunderts waren die Löhne trotzdem gestiegen, während die Preise für Agrarprodukte fielen. Die Folge war ein zunehmender Druck der Lords auf die Bauern hinsichtlich von Dienst- und Abgabenpflichten (so eine Bindung der Arbeiter an den Arbeitsort, um Abwanderungen zu verhindern), wogegen diese sich wehrten. Verschlimmernd kam die Geldnot des Königtums aufgrund des Kriegs gegen Frankreich hinzu,[502] weshalb das Parlament eine neue Kopfsteuer (poll tax) genehmigt hatte, was den Steuerdruck erhöhte. Die Spannungen stiegen zusätzlich durch die Verbreitung der sozialrevolutionären Lehren John Wyclifs, der an der Universität Oxford die Autorität des Papstes angriffen hatte und die Bibel ins Englische übertragen sollte (Wyclif-Bibel). Eine lokale Erhebung gegen Steuereintreiber in Essex führte dann am 30. Mai 1381[503] zum großen Bauernaufstand von 1381 (Peasants’ Revolt). Der Aufstand, an dem sich nicht nur einfache Bauern, sondern auch Handwerker und andere Gruppen beteiligten, erschütterte das Königreich. Er richtete sich im Kern sowohl gegen die Krone als auch gegen das Verhalten der reichen Grundbesitzer.[504] Die Aufständischen zogen sogar gegen London, wo der sehr junge König Richard II. sich bereit erklärte, zu verhandeln. Bei einer folgenden Unterredung wurde einer der Rebellenführer, ein ehemaliger Soldat namens Wat Tyler, im Juni 1381 im Beisein des Königs getötet. Die Erhebung wurde nun rasch niedergeschlagen, eine neue Kopfsteuer wurde jedoch nicht mehr vom Parlament genehmigt.[505]

    Der weiterhin fallende Getreidepreis und die verursachten Kosten sorgten für eine umwälzende Veränderung in der englischen Agrargesellschaft. Viehhaltung erwies sich als kosteneffizienter und die Bewirtschaftung grundherrlicher Güter als zunehmend unprofitabel.[506] Eine Folge des Aufstands und der folgenden Entwicklung war eine Besserstellung der Bauern in der Folgezeit, sowohl in rechtlicher als auch in wirtschaftlicher Hinsicht.[507] Statt Dienstpflichten zu leisten, wurden sie zu Pächtern mit erhöhter Mobilität, da sie nicht mehr zu Arbeitspflichten an einen Ort gebunden waren. Viele Grundherren gaben die unrentable Eigenbewirtschaftung auf und verpachteten Güter an Bauern, wobei viele Bauern hierbei insgesamt günstiger gestellt wurden und sich ihre Lebensbedingungen verbesserten. Ihre rechtliche Stellung verbesserte sich ebenfalls weiter und im 15. Jahrhundert sind zunehmend wohlhabende Bauernfamilien belegt; die Folge war die Etablierung einer „Bauernaristokratie“ (peasant aristocracy, siehe Yeoman).[508] Die traditionelle Verbindung von Landbesitz und Status wurde so durch die Pest und ihre Folgen aufgebrochen.[509]

    Neben der Landwirtschaft war ein Kernelement des Wirtschaftssystems im spätmittelalterlichen England der Export von Wolle (vor allem nach Flandern) und später fertiger Textilwaren auf den Kontinent, wovon vor allem die Londoner Kaufleute profitierten.[510] Dies hing mit der Umstellung auf die Weidewirtschaft mit Schafen zusammen. Es entwickelte sich daneben aber auch ein produzierendes Gewerbe, so dass sich der Schwerpunkt von Wollausfuhren zu fertigen Textilprodukten verschob. Englisches Tuch wurde auf Messen unter anderem von oberdeutschen Kaufleuten viel eingekauft. Eine Störung des Textilhandels konnte so fatale Folgen haben. Daneben wurden nur wenige andere Güter exportiert, wohingegen eine Vielzahl von Waren importiert wurde, darunter nicht zuletzt Wein aus der Guyenne. Eine Schlüsselrolle im Handel spielten die Städte, die weitaus größte Stadt blieb (mit deutlich reduzierter Bevölkerung von zuvor ca. 80.000 Menschen) London.[511] Wenngleich die Urbanisierung zunahm, war das spätmittelalterliche England geprägt von (im europäischen Vergleich) deutlich kleineren Städten.[512] Der Warenaustausch mit dem ländlichen Raum blieb weiterhin ein wichtiger Faktor. Kulturell übte Geoffrey Chaucer großen Einfluss auf die folgende englisch-höfische Literaturgeschichte im Rahmen der „Anglisierung“ der Gesellschaft aus, nachdem die französische Literatur zuvor dominierendes Vorbild war.[513]

    Die „keltischen Reiche“: Schottland und Irland

    Schottland im Spätmittelalter bewahrte seine Unabhängigkeit von England in harten Kämpfen (Schottische Unabhängigkeitskriege), die vor allem im späten 13./frühen 14. Jahrhundert ausgetragen wurden.[514] Robert the Bruce führte die Schotten zum Sieg, die Engländern erkannten notgedrungen die Unabhängigkeit Schottlands im Abkommen von Edinburgh und Northampton 1328 vertraglich an. Dennoch war die schottische und englische Politik eng miteinander verknüpft und es kam immer wieder zu gegenseitigen Einmischungen. In diesem Kontext ist auch die Auld Alliance zwischen Schottland und Frankreich einzuordnen, ein während des gesamten Spätmittelalters bestehendes Bündnis. Im Verlauf des Hundertjährigen Krieges kam es so wiederholt zu Kampfhandlungen zwischen Schotten und Engländern, David II. geriet sogar dabei sogar zeitweise in englische Gefangenschaft und konnte nur durch enorm hohe Lösegeldzahlungen freigekauft werden.[515] Von 1371 bis 1587 wurde Schottland von Haus Stewart regiert, die nachfolgende Nebenlinie errang dann 1603 sogar den englischen Königsthron. Die innere Krise des englischen Königtums im 15. Jahrhundert sorgte dafür, dass die Kampfhandlungen weitgehend abebbten, wovon die innere Entwicklung Schottlands mit der Etablierung der ersten Universitäten profitierte.

    Die Pest erreichte Schottland 1349, doch erst im folgenden Jahr breitete sie sich im Land aus.[516] Im 15. Jahrhundert kam es dann zu ökonomischen Problemen. Der Export von Wolle und Kleidung (Weidewirtschaft spielte in Schottland eine wichtige Rolle) fiel bereits im späten 14. Jahrhundert, die Kriege mit England und andere Faktoren führten dann dazu, dass der Wert der schottischen Währung sank und es zu einer Inflation kam.[517] Die Machtstellung des Königtums schwankte im Laufe der Zeit, es kam immer wieder zu Konflikten mit einflussreichen Großen der schottischen Clans. Die Verwaltung war zunächst regional organisiert (mit 13 Grafschaften zu Beginn des 14. Jahrhunderts) und nutzte oft mehr den lokalen Adeligen, die regional recht mächtig waren. Im frühen 15. Jahrhundert bemühte sich das Königtum um eine stärkere Zentralisierung, ohne dass aber eine Zentralverwaltung wie in England oder Frankreich entstanden wäre, die Stellung der Lairds blieb weiterhin stark. Wie in England entstand auch in Schottland ein Parlament, dass sich zur wichtigsten politischen Institution entwickelte.[518] Kirchenpolitisch bestand eine enge Anlehnung an das Papsttum, mit der Einrichtung des Erzbistums St Andrews 1472 grenzte sich die schottische Kirche deutlich von englischer Einflussnahme ab. Bischöfe waren außerdem politisch (als Landesherren und königliche Ratgeber) und kulturell aktiv.[519]

    In Irland unterschieden sich die politischen Strukturen von denen Schottlands, zumal es hier kein einheitliches Königtum gab. Die anglonormannische Eroberung hatte ihren Höhepunkt im Spätmittelalter längst überschritten.[520] Die englischen Könige beanspruchten aber die Oberherrschaft und nannten sich in der Regel auch Lord of Ireland. Der englische Einfluss war aber begrenzt, die Lordschaft Irland umfasste im Spätmittelalter nur einen Landstreifen mit Dublin als Zentrum. Versuche, den irischen Widerstand zu brechen, waren erfolglos und banden Ressourcen, zumal die Kräfte Englands auf dem Kontinent oft gebunden waren. Englische Siedler und Lords hatten sich zuvor Land angeeignet, was zu Konflikten führte. Die Iren keltischer Abstammung nutzten die Schwäche der englischen Krone aus und gewannen so Land wieder zurück. Eine Folge war, dass sich die Iren anglo-normannischer Abstammung von den Kelto-Iren abgrenzten, dies betraf vor allem den rechtlichen Bereich; in dem im 13. Jahrhundert entstandenen Parliament of Ireland hatten Kelto-Iren zudem keine Mitsprache. Die schwindende anglo-irische Bevölkerung war im 14. und 15. Jahrhundert dennoch im Nachteil,[521] man war auf Zusammenarbeit mit den mächtigen kelto-irischen Clans angewiesen, die dies für ihre Interessen nutzten, aber andererseits untereinander rivalisierten. Formal unterstand das englische Irland dem Lord Lieutenant of Ireland, doch war die englische Kontrolle lückenhaft und schrumpfte (wie bereits erwähnt) im Laufe der Zeit stark zusammen. Irland blieb mit seinen nur schwach ausgeprägten politischen Strukturen fragmentiert, doch das Wiedererstarken der Kelto-Iren nicht nur politisch, sondern auch kulturell (Stärkung der irischen Sprache und Literatur) schwächte die englische Position erheblich.[522] Die „Gälisierung“ Irlands im 14. und 15. Jahrhundert erfolgte unter anderem aufgrund umfangreicher Mischehen zwischen irischen und anglo-irischen Familien, allgemeiner Entvölkerung und Aufgabe von Ländereien durch die Engländer. Aufgrund der im späten 15. Jahrhundert tobenden Thronkämpfe in England, sollten ernsthafte Interventionen erst wieder im 16. Jahrhundert erfolgen. 1348 erreichte die Pest Irland über die Häfen im englisch kontrollierten Teil (Pale) und breitete sich 1349 aus, mit zahlreichen Todesopfern, wie aus den zeitgenössischen lokalen Quellen hervorgeht.[523]

    Italien

    Der politische Rahmen: Kommunen, Kaiser, Päpste und fremde Mächte

    Italien im 12./13. Jahrhundert

    Italien war im Spätmittelalter eine politisch zersplitterte Region.[524] Ähnlich wie im Fall des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Deutschland, hat es eine gesamtitalienische Identität im Mittelalter nicht gegeben. Die Halbinsel zerfiel in zahlreiche Räume, die kulturell, wirtschaftlich und politisch recht heterogen waren. Seit dem Ende der Stauferherrschaft bestanden formal vier politische Räume auf der Halbinsel: Reichsitalien, Venedig, der Kirchenstaat und das Königreich Neapel. Weite Teilen Ober- und Mittelitaliens umfasste das sogenannte Reichsitalien, der dritte Reichsteil des Heiligen Römischen Reiches (neben Deutschland und Burgund).[525] Der Einfluss der römisch-deutschen Herrscher in Bezug auf Reichsitalien war im Verlauf des Früh- und Hochmittelalters unterschiedlich stark ausgeprägt, sank im Spätmittelalter aber stark ab.[526] Erst mit Heinrich VII. unternahm ein deutscher Herrscher wieder einen Italienzug (1310 bis 1313), doch dies stellt den faktisch letzten Versuch dar, wieder an die alte kaiserliche Italienpolitik anzuknüpfen. Die folgenden Romzüge römisch-deutscher Könige im 14. und 15. Jahrhundert hatten nur noch die Kaiserkrönung und die Nutzung der hohen Finanzkraft der reichsitalienischen Kommunen zum Ziel.[527]

    Politisch bestimmend waren in Reichsitalien die diversen Kommunen, die sich seit dem Hochmittelalter weitgehend in Form von Stadtrepubliken organisiert hatten, nachdem sie die meistens zuvor vorhandene Bischofsherrschaft beseitigt hatten.[528] Speziell Ober- und Mittelitalien waren stark urbanisiert. Bereits im 10./11. Jahrhundert war es hier zu einem wirtschaftlichen Aufschwung gekommen, wovon die Städte als Handelszentren profitierten, ebenso entstand hier später das Bank- und Kreditwesen. Die Finanzkraft der mittleren und großen italienischen Kommunen war dementsprechend beachtlich. Im 12. Jahrhundert hatte sich dann in den meisten Kommunen eine autonome städtische Selbstverwaltung etabliert, wobei es oft zu Konflikten zwischen dem weiterhin mächtigen Adeligen (nobili) und dem aufstrebenden Bürgertum (popolo) kam.[529] Die Stadtverfassungen unterschieden sich, oft leiteten sogenannte Konsuln die Verwaltung, daneben bestanden weitere Institutionen (wie die politische Entscheidungen treffenden Stadträte) und Ämter, wie der Capitano del Popolo.[530] In Konkurrenz zu den eingesessenen adeligen Familien traten Aufsteiger des (Groß-)Bürgertums (popolo grasso), wie reiche Kaufleute und Bankiers.

    Einige Städte kontrollierten neben ihrem eigentlichen Umland, dem contado, zudem weitere Territorien und expandierten auf Kosten anderer Kommunen und standen in gegenseitiger Konkurrenz zueinander. Dies galt besonders für die reichen Seerepubliken und Handelszentren (darunter Florenz, Mailand, Genua und Pisa). Es kam immer wieder zu militärischen Konflikten zwischen expandierenden Stadtrepubliken, wie beispielsweise zwischen Florenz und Pisa (letzteres wurde 1406 annektiert), Florenz und Siena (die teilweise sehr blutig verliefen) oder Genua und Pisa (Seeschlacht bei Meloria 1284, die um die Kontrolle von Korsika und Sardinien rivalisierten). Hinzu kamen zahlreiche weitere regionale Konflikte zwischen kleineren Kommunen. Am Ende des Spätmittelalters waren in Reichsitalien die Republik Florenz und das (1395 geschaffene) Herzogtum Mailand die beiden dominierenden Mächte. Der Friede von Lodi 1454 und die Bildung der Lega Italica sorgten für die Etablierung eines vergleichsweise stabilen Gleichgewichts zwischen den regionalen Mittelmächten Venedig, Mailand, Florenz, dem Kirchenstaat und dem Königreich Neapel, der sogenannten Pentarchie. Dies endete mit der französischen Invasion 1494 (siehe unten).[531] Die militärischen Konflikte, die finanziert werden mussten, und die fortschreitende wirtschaftliche Entwicklung führten des Weiteren zu Veränderungen im administrativen Bereich mit einer vergrößerten kommunalen Verwaltung und entsprechender Besteuerung. Die Bedeutung der Juristen und der schriftlichen Verwaltungsführung nahm ebenfalls zu.[532]

    Palazzo del Podestà, Sitz des Podestà in Bologna.

    Aber nicht nur zwischen den Kommunen, auch innerhalb der Städte kam es immer wieder zu harten Auseinandersetzungen, was nicht nur politische, sondern vor allem erhebliche wirtschaftliche und soziale Folgen hatte.[533] Innerstädtische Konflikte lähmten die Wirtschaft, sorgten für Verarmung und Gewalttaten. So wurde das Amt des Podestà geschaffen, der im Bedarfsfall als Stadtregent (eigentlich zeitlich begrenzt) eingesetzt wurde und für Ordnung sorgen sollte. In der Regel handelte es sich hierbei um auswärtige Personen, zumal immer die Gefahr bestand, dass ein Podestà zu mächtig werden und seine Position ausnutzen konnte, was nicht selten der Fall war.[534] Ghibellinen und Guelfen standen sich feindlich gegenüber, allerdings verlief keine scharfe Trennung zwischen beiden Gruppen, deren Bezeichnung ihre alte Bedeutung (Kaiseranhänger bzw. Kaisergegner, wobei sich die Guelfen noch einmal in weiße und schwarze Guelfen aufspalteten) inzwischen weitgehend verloren hatte. Oft dienten die Namen nur zur Bezeichnung für unterschiedliche Gruppierungen (bzw. mächtige Familien), die nicht selten in der jeweiligen Heimatstadt um die Vorherrschaft rangen. Grundsätzlich vertraten die jeweiligen Machthaber ohnehin vor allem ihre eigenen Partikularinteressen und meistens diktierte die Realpolitik das politische Vorgehen. Bündnisse zwischen Familien beider Seiten waren keine Seltenheit. Die zahlreichen Konflikte begünstigten die Etablierung der Signoria, einer im Gegensatz zur Ratsherrschaft stehenden Alleinherrschaft eines einzelnen Machthabers (Signore), dessen Vorstufe der bereits erwähnte Podestà war.[535] Der Signore verfügte über weitreichende Kompetenzen, ähnlich wie der Podestà, doch wurden ihm diese zeitlich unbegrenzt verliehen, was letztlich zur Bildung einer monokratischen Regierung führte. Signori mussten sich aufgrund der recht komplizierten politischen Verhältnisse in spätmittelalterlichen Reichsitalien flexibel verhalten, besonders wenn sie über mehrere Städte herrschten. Nicht selten wurde der Titel des Signore innerhalb einer Familie erblich, so dass die Signorie die institutionelle Grundlage für die Herrschaft einer Familie über die jeweilige Stadt bildete (wie die Familien Visconti und Sforza in Mailand oder Medici in Florenz). Dies führte bisweilen zur Etablierung einer festen Adelsherrschaft, wie die Erhebung des Herzogtum Mailands zeigt. So wurde aus einigen reichsitalienischen Republiken schließlich Fürstenstaaten, teils gegen interne Widerstände, teils ohne merkliche Opposition, da Eliten oft eingebunden wurden.[536]

    Kampf zwischen Ghibellinen und Guelfen in Bologna (aus der Chronik des Giovanni Sercambi von Lucca, frühes 15. Jahrhundert).

    Die Städte gehörten zwar seit dem Frühmittelalter zum Imperium, genossen aber in der Praxis weitgehende politische Autonomie bzw. hatten sich in Abwesenheit einer kaiserlichen Präsenz Rechte angeeignet. Diese Aneignung war widerrechtlich erfolgt, so dass im Spätmittelalter die jeweiligen Stadtherren oft bestrebt waren, ihre Stellung durch die Kaiser im Nachhinein zu legalisieren.[537] Die Kommunen blieben formal bis in die Frühe Neuzeit Teil des Reiches und Reichsitalien blieb ein wichtiges „Spielfeld“ europäischer Politik. Die eigenmächtige Erhebung des mächtigen Gian Galeazzo Visconti zum Herzog von Mailand durch König Wenzel im Jahr 1395 wurde von den Kurfürsten als Verletzung von Reichsrechten betrachtet und diente als ein Argument bei der Absetzung Wenzels, wobei sich nun sogar Gesandte aus Florenz an die Kurfürsten und damit das Reich gewandt hatten, da sie ein starkes Mailand fürchteten.[538] Ganz entschwunden war die Reichsebene den Italienern noch nicht und selbst im 18. Jahrhundert gab es Befürchtungen in einigen italienischen Staaten, die Habsburger, damals recht stark in Italien vertreten, würden alte kaiserliche Ansprüche geltend machen.[539] Eine herrschaftliche Durchdringung Reichsitaliens und damit Einbindung von dessen Ressourcen in die kaiserliche Politik gelang aber nicht, da es an festen Reichsinstitutionen dafür fehlte. Heinrich VII. hatte versucht, eine Art Reichsverwaltung mit Vikaren zu etablieren und war an den politischen und militärischen Widerständen anti-kaiserlicher Kräfte gescheitert. Wohl nicht wenige italienische Stadtherren betrachteten die Romzüge als Einmischung eines Herrschers in ihre Angelegenheiten. Dies verdeutlicht die bei Giovanni da Cermenate überlieferte Aussage des Guido della Torre, Herr von Mailand: Er soll angeblich, als er von der bevorstehenden Ankunft Heinrichs VII. erfuhr, zornig gefragt haben, was den „dieser deutsche Heinrich“ (Henrico illo Theutonico) von ihm wolle.[540] Dagegen erhofften sich andere Gruppen in den Kommunen von einer kaiserlichen Intervention einen politischen Umschwung zu ihren Gusten oder aber, dass diese die ständigen Kämpfe beenden könnte. Dies wird besonders bei Italiens berühmtesten Dichter Dante deutlich, der Heinrich VII. in seiner Göttlichen Komödie als alto Arrigo panegyrisch gepriesen hatte.[541] Dante hat gerade die Kämpfe innerhalb der Kommunen wie auch der Städte untereinander angeprangert, ebenso wie die verschiedenen „Tyrannenherrschaften“ der diversen Signori.[542]

    Venezianische Kolonien und Stützpunkte vom Spätmittelalter bis in die Frühe Neuzeit.

    Unabhängig vom Imperium war die Republik Venedig, eine mächtige See- und Handelsmacht, die eine Schlüsselrolle beim Handel vor allem mit Waren aus dem östlichen Mittelmeerraum spielte.[543] Die Republik verfügte über Festlandsbesitz in Oberitalien und (im Laufe der Zeit) ein ausgedehntes Stützpunktsystem im Mittelmeerraum (Venezianische Kolonien). Venedig diente als zentraler Warenumschlagplatz und war so zu enormen Reichtum gelangt. Die Finanzkraft der Adelsrepublik (mit dem Dogen an der Spitze), ihre geschickte, bisweilen skrupellose Machtpolitik und eine beachtliche Flotte sicherten die Unabhängigkeit der Serenissima. Im 15. Jahrhundert expandierte die Republik zudem verstärkt auf Reichsterritorium, was zu Konflikten mit den Habsburgern führte, bevor man den Besitzstand 1523 schriftlich anerkannte.[544]

    Weite Teile Mittelitaliens, einschließlich Rom, waren Bestandteil des Patrimonium Petri, des sogenannten Kirchenstaats, wo die Päpste auch als Territorialherren auftraten. Ab Mitte des 13. Jahrhunderts haben die Päpste aber lange Zeit nicht mehr dauerhaft in Rom residiert, sondern bezogen außerhalb Residenzen. Der Hauptgrund für die schwierige Lage der Päpste in Rom lag in der starken Stellung des Adels im Kirchenstaat, der sich immer wieder um Einflussnahme auf die Kurie und das Papsttum bemühte. In Rom sind für die Zeit um 1300 nur die mächtigen stadtrömischen Familien der Colonna und der Orsini zu nennen. Die päpstliche Autorität war in Italien immer mehr im Schwinden begriffen, besonders nach dem Attentat von Anagni 1303. Clemens V. verlegte den Sitz der Kurie 1309 nach Avignon, dies war der Beginn des sogenannten Avignonesischen Papsttums, wobei die französischen Könige starken Einfluss auf Papst und Kurie ausübten. 1378 war es zu einer Papstdoppelwahl gekommen, nachdem Urban VI. die französische Einflussnahme in der Kurie eindämmen wollte und der Umzug nach Rom immer stärker gefordert wurde. Daraufhin wurde Clemens VII. von französischen Kardinälen zum Gegenpapst erhoben. Dies war der Beginn des bis 1417 andauernden Abendländischen Schismas, das das lateinische Europa tief spalten und erst durch das Konzil von Konstanz beendet werden konnte. Fortan residierten die Päpste wieder endgültig in Rom.[545] In der Folgezeit konnten die Päpste in Rom ihre Macht mühevoll konsolidieren, wenngleich es zu Konflikten mit der römischen Kommune und einflussreichen Adelsgruppen kam.[546] Ebenso stritten immer wieder Gruppen in der Kurie um Einfluss, wie auch die Politik des anbrechenden Renaissance-Papsttums (das von Kulturförderung, Macht- und Territorialpolitik sowie privaten Skandalgeschichten geprägt sein sollte) auf Kritik stieß.[547] Am Ende des Spätmittelalters wurden Rufe nach einer Kirchenreform und Papstkritik immer lauter, nachdem sich im späten 14./frühen 15. Jahrhundert kritische Stimmen mehrten (John Wyclif und Jan Hus). Dies sollte schließlich zur Reformation führen.

    Italien um 1494

    Politisch waren die Päpste darum bemüht, den Einfluss der römisch-deutschen Herrscher auf Italien einzudämmen, wenngleich es im 14. und 15. Jahrhundert auch zu punktuellen Kooperationen kam. Ihr wichtigster Verbündeter waren die Herrscher aus dem Haus Anjou, die das Königreich Neapel beherrschten, das bis 1282 auch Sizilien umfasste.[548] Nachdem Karl von Anjou mit dem Segen des Papstes und als dessen Lehnsmann Unteritalien und Sizilien 1266 erobert hatte, wobei der letzte staufische Widerstand mit der Hinrichtung Konradins 1268 in Neapel endete, hielten sich die Anjous dort bis ins frühe 15. Jahrhundert an der Macht. Karl verfolgte eine weitgespannte Außenpolitik, doch beerdigte die Sizilianische Vesper von 1282 alle diesbezüglichen Pläne. Sizilien sagte sich vom Festland los und wurde von Haus Barcelona regiert, einer Nebenlinie des Herrscherhauses Aragóns, das Erbansprüche über die Staufer geltend machte. Robert von Anjou scheiterte mit seinen Versuchen, Sizilien zurückzugewinnen, während ihn nur der unerwartete Tod Heinrichs VII. 1313 vor einer bevorstehenden Invasion bewahrte. Der Vertrag von Aversa 1372 beendete den fast permanenten Kriegszustand zwischen Sizilien und dem angiovinischen Unteritalien, doch die Spannungen blieben bestehen. Der Krieg hatte beiden Seiten geschadet, Sizilien war am Ende des 14. Jahrhunderts weitgehend ruiniert, doch auch das unter den Staufern prosperierende Unteritalien hatte Schaden genommen; sowohl Aragón als auch Anjou (finanziell oft abhängig von oberitalienischen Krediten) mussten dem Adel zudem teils erhebliche Zugeständnisse machen.[549] Aragón nutzte dann im frühen 15. Jahrhundert Thronstreitigkeiten im Königreich Neapel aus. So zog 1442 Alfons V. von Aragón in Neapel ein. Der Tod Ferdinands von Neapel 1494 diente dann dem französischen König Karl VIII. als Vorwand, um Erbansprüche auf Neapel geltend zu machen. Der von ihm 1494/95 unternommene Einmarsch in Italien sollte zum Fiasko werden (mit einem von Seuchen begleiteten Rückzug nach der Einnahme Neapels), wobei sich als Gegenpol die sogenannte Heilige Liga bildete. Die Invasion destabilisierte das seit 1454 bestehende Gleichgewicht zwischen den Regionalmächten auf der Halbinsel und leitete die Zeit der Italienischen Kriege ein, dem Kampf um die Hegemonie in Italien und Europa zwischen Frankreich und dem Hause Habsburg.[550]

    Gesellschaft und Wirtschaft: Kaufleute und Bankiers

    Das in den italienischen Städten aufstrebende (Groß-)Bürgertum hat an der wirtschaftlichen Entwicklung und dem Wohlstand Italiens seit dem 12. Jahrhundert einen erheblichen Anteil gehabt. Handwerk, aber vor allem das aufkommende Finanzwesen (mit den Banken und dem beginnenden Kreditwesen) und der lukrative Handel, sorgten für eine prosperierende Wirtschaft, die zwar im Rahmen des großen Pestausbruchs Schaden nahm, sich in der Folgezeit aber auch wieder erholte.

    Die Pest traf Italien ebenso hart wie andere Regionen Europas und führte zu einem entsprechenden Bevölkerungsrückgang von ursprünglich ca. 12,5 Millionen Einwohnern vor der Pest auf ca. 7,5 Millionen Einwohner um 1450.[551] Die Pest erreichte zuerst im Juni 1347 Sizilien und breitete sich dann, aufgrund der gut strukturierten Handelsnetzwerke des Getreidehandels, auf dem Festland aus. 1348 sind Pestausbrüche in allen größeren Städten belegt.[552] Die Schrecken der Pest werden unter anderem im berühmten Decamerone Giovanni Boccaccios deutlich, aber auch in diversen lokalen Chroniken. Die sozioökonomischen Folgen der Pest waren schwerwiegend, wie der Ciompi-Aufstand 1378 in Florenz verdeutlicht, der eine Parallele zu den oben beschriebenen schweren Unruhen in Frankreich (1358) und England (1381) darstellt. Im 15. Jahrhundert nahm die Bevölkerung dann wieder zu, ebenso erholte sich die Wirtschaft (siehe unten).

    Blick auf Florenz vom Piazzale Michelangelo.

    Die Bevölkerung der Städte, die in Italien durch ihre Anzahl und Größe eine viel wichtigere Rolle spielten als etwa im deutschen Reichsteil oder auch vielen anderen Regionen Europas, war zuvor stetig gestiegen: Um 1300 hatten Mailand, Florenz, Genua und Venedig wohl um die 100.000 Einwohner, mehr als ein Dutzend weitere Städte hatte zwischen 20.000 und 50.000 Einwohner.[553] Dies stand in Beziehung zu den steigenden wirtschaftlichen Aktivitäten in den Städten, mit zunehmendem Handel, neuen Betrieben und Märkten. Auch das Warenangebot nahm zu und fächerte sich weiter auf, die Nachfrage stieg und die städtische Infrastruktur begünstigte Binnenhandel und Marktverkäufe, ebenso wie die Umstrukturierung ganzer Landschaften, um sie an die entsprechenden Produktionen anzupassen. In den Städten konzentrierten sich Handel und Gewerbe in einem größeren Ausmaß als in vielen anderen Teilen Europas. Die oben beschriebenen Konflikte in den Kommunen und zwischen den diversen Stadtrepubliken waren vor allem für den wirtschaftlich aktiven Teil der Kommune, dem popolo mit den Kaufleuten, Bankiers und Grundbesitzern, schädlich, der politisch um Berücksichtigung seiner Interessen gegenüber dem Adel bemüht war, während dessen führende Vertreter sich Zugang zu städtischen und lokalen kirchlichen Ämtern sichern wollten. Der Handel war für die größeren Kommunen sogar überlebenswichtig, Florenz etwa konnte seine Bevölkerung aus dem Umland heraus nur für wenige Monate ernähren. Die Nahrungsmittelversorgung musste daher stets sichergestellt sein. Genua und Venedig wiederum bemühten sich außerdem um die Kontrolle wichtiger Handelswege und belegten Waren mit Abgaben.[554] Landwirtschaftlich dominierte auf dem Land der Anbau von Getreide, Oliven und Wein, teils kamen Reis und Obst hinzu. Doch im Handel spielten landwirtschaftliche Produkte nicht die entscheidende Rolle, vielmehr sollte sich der Handel mit Materialien und der Tuch- und Wollhandel als besonders lukrativ erweisen. Vor allem der maritime Fernhandel mit den damit verbundenen Gewinnmöglichkeiten und Reinvestitionsoptionen trieb die wirtschaftliche Entwicklung voran.[555]

    In der älteren Forschung wurden zwei Sichtweisen vertreten. So habe sich die Wirtschaft Italiens nach der Pest in einem Niedergang befunden, es sei sogar erstaunlich, dass sich die Kultur in der Renaissance so entfalten konnte, während die Wirtschaftskraft einhergehend mit einer Depopulation sank. Dieser Sichtweise widersprach 1964 vor allem Carlo M. Cipolla, der für ein gestiegenes Pro-Kopf-Einkommen argumentierte, gerade im Hinblick auf den Bevölkerungsrückgang, doch war die damalige Quellenbasis nicht sehr belastbar und die ältere Lehrmeinung hat sich lange gehalten.[556] Dies hat sich inzwischen durch neue Quellen und Forschungsergebnisse geändert. Trotz zeitweiser Krisen, wie im Zusammenhang mit dem Pestausbruch, wird in der Forschung die wirtschaftliche Leistungskraft Italiens um 1400 als hoch eingeschätzt. Tatsächlich scheinen Produktivität, Arbeitseinkommen und Lebensstandard gestiegen zu sein. Durch den Bevölkerungsrückgang infolge der Pestwellen gingen sowohl die landwirtschaftliche als auch die industrielle Produktion und die Dienstleistungen zunächst zurück. Die durchschnittliche Produktivität und das Einkommen stiegen aber in der Folgezeit,[557] da zwar ein Teil der Bevölkerung verschwand, die natürlichen Ressourcen, das Kapital und das nützliche Wissen aber erhalten blieben. Die Bevölkerung wurde insgesamt nicht ärmer und es standen somit ausreichend Mittel für die Kulturförderung zur Verfügung.[558] Paolo Malanima zufolge sank die Wirtschaftskraft erst, als die Bevölkerung um 1450 wieder wuchs. Das Bevölkerungswachstum und der damit einhergehende Preisanstieg führten zu einer Veränderung der Löhne: Während die Arbeitseinkommen sanken, stiegen die Preise für Land und die Einkünfte aus Landbesitz. Die Reichen profitierten weiterhin, während viele Arbeiter verarmten.[559]

    Die Finanzkraft Reichsitaliens war ein wichtiger Grund für die diversen Italienzüge römisch-deutscher Herrscher, denn die Einnahmen des Königs in Deutschland waren verglichen mit den möglichen Einnahmen in Reichsitalien verschwindend gering. Der zunehmende Warenaustausch führte zur sogenannten „kommerziellen Revolution“: Kaufleute mussten ihre Waren nicht mehr persönlich ausliefern, stattdessen delegierten sie dies von ihrem Kontor aus an Unternehmen, die dies über Land oder per Schiff übernahmen. Im Ausland wickelten Faktoreien die Geschäfte ab. Geld aus Gewinnen wurde teilweise in andere Geschäfte gestreut investiert. Bankgeschäfte und Kredite spielten hierbei eine wichtige Rolle, so dass das Bank- und Kreditwesen im Spätmittelalter an Bedeutung gewann. Im 14. Jahrhundert wurden neue Buchhaltungsmethoden entwickelt; die doppelte Buchführung ist 1340 in Genua belegt.[560] Italienische Kredite ermöglichten so beispielsweise den englischen Königen, ihre kostspieligen Kriege gegen Frankreich zu führen (siehe oben zu Eduard I. und Eduard III.). Zu den Kreditgebern gehörten unter anderem die Familie Ricciardi aus Lucca und die Familie Frescobaldi aus Florenz.[561] Das berühmte Bankhaus der Medici vergab sogar Kredite an Päpste und stieg im 15. Jahrhundert zu einer europäischen Großbank auf, die den Reichtum und Einfluss der Medici in Florenz garantierte, bevor es 1494 zum Zusammenbruch kam. Wirtschaftliche Macht und Finanzkraft gingen Hand in Hand mit politischen Einfluss, wie das Beispiel der Medici besonders deutlich zeigt, die von Händlern und Bankiers zu Herrschern aufstiegen.[562] Im Gegensatz zu den Seehandelsstädten hatte sich Florenz im Spätmittelalter zu einem Zentrum des Kapitalmarkts und gewerblicher Produktion entwickelt. Wichtige Banken entstanden aber auch in anderen italienischen Städten, so in Siena oder Mailand.[563]

    Handelsrouten der Republik Genua

    Die Seerepubliken verfolgten handelspolitische Interessen sowohl in Italien als auch im weiteren Mittelmeerraum. Wie oben bereits erwähnt, spielte der Fernhandel eine entscheidende Rolle. Der Handel im östlichen Mittelmeer, der sogenannte Levantehandel, mit Baumwolle, Gewürzen und Seide war lange Zeit profitabel, doch der Wegfall der Kreuzfahrerstaaten bedeutete einen nicht unerheblichen Rückschlag für die konkurrierenden Republiken Venedig (das den europäischen Gewürzhandel weitgehend beherrschte), Genua und Pisa, die aber weiterhin über Handelsniederlassungen und Stützpunkte im östlichen Mittelmeerraum verfügten, so auf Zypern, in der Ägäis oder sogar am Schwarzen Meer (siehe Genueser Kolonien und Venezianische Kolonien).[564] Der Fernhandel wurde dabei zunehmend von Handelsgesellschaften und entsprechend liquiden Familienunternehmen dominiert. Im Levantehandel kam es nach einer Krise Ende des 13./Anfang des 14. Jahrhunderts zu einer erneuten Blütephase Mitte/Ende des 14. Jahrhunderts, wieder gefolgt von einer verschärften Krisenzeit im 15. Jahrhundert. Insgesamt handelt es sich also um Wellenbewegungen, beeinflusst von politischen und wirtschaftlichen Faktoren; Ende des 15. Jahrhunderts standen die europäischen Handelspartner wieder vergleichsweise gut da.[565] Der Indienhandel an sich blieb aber während des Mittelalters in der Hand muslimischer Händler, nur ein Bruchteil des indischen Pfeffers etwa gelangte nach Europa.[566] Der Pfeffer wurde über Alexandria vor allem nach Venedig verschifft, der venezianische Zwischenhandel verteuerte das Produkt allerdings erheblich. Wesentlich profitabler war der direkte Handel mit Indien, was der zentrale Grund für die portugiesischen Fahrten entlang der afrikanischen Küste im 15. Jahrhundert war, bis 1498 die Portugiesen nach Indien gelangten (siehe unten zu Portugal). Dies führte zu einer Umleitung der Handelsströme mit Gewürzen, deren gravierende Folgen die Zeitgenossen schnell erkannten. So notierte im Juli 1501 der Venezianer Girolamo Priuli, Venedig werde der Gewürzhandel wie einem Säugling die Muttermilch fehlen.[567]

    Der Renaissance-Humanismus: Antikes Wissen und neues Menschenbild

    Kulturell entwickelte Italien im 14. und 15. Jahrhundert eine enorme Wirkung, die seit dem 19. Jahrhundert unter dem Begriff Renaissance zusammengefasst wird.[568] Bereits um 800 war man bemüht gewesen, noch vorhandenes antikes Schrifttum zu erfassen und zu bewahren, wie die sogenannte Karolingische Renaissance zeigt. In Italien war mehr vom antiken Kulturerbe bewahrt worden als in anderen Teilen Europas, wenngleich der Verlust an antiken Kulturgüter allgemein dramatisch war, was vor allem die Literatur, aber auch allgemein vorhandenes Wissen betraf. Schriftlichkeit spielte in Italien generell eine große Rolle, sei es im Bereich der „pragmatischen Schriftlichkeit“ (also Texte, die einem unmittelbar zweckhaftem Handeln dienen) oder im literarischen Bereich, wie die zahlreichen italienischen Geschichtswerke zeigen (wie z. B. Giovanni Villani im 14. Jahrhundert).[569]

    Der Anfang des dritten Buches der Alexandergeschichte des Quintus Curtius Rufus in der Handschrift Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Urb. lat. 427, fol. 2r (spätes 15. Jahrhundert).

    Im 14. Jahrhundert bereitete dann der Renaissance-Humanismus den Boden für die „Wiedergeburt“, indem antike Schriften gesucht, gesammelt, studiert und kopiert wurden.[570] Die Vorreiterrolle nahmen Frühhumanisten wie Francesco Petrarca, Giovanni Boccaccio und Albertino Mussato ein. Zu nennen sind für die Folgezeit des Weiteren unter anderem Coluccio Salutati, Leonardo Bruni, Niccolò Niccoli und Poggio Bracciolini.[571] Petrarca, der entscheidenden Einfluss auf den Humanismus hatte, Boccaccio und Dante Alighieri förderten mit ihren Werken zudem die Entwicklung des Italienischen zu einer bedeutenden Literatursprache.[572] So schrieb Dante, Italiens berühmtester Dichter, neben dem lateinischen Werk De Monarchia vor allem die in Italienisch abgefasste Göttliche Komödie, ein Grundlagenwerk der italienischen Literatur. Bereits Petrarca hatte sich auf die Suche nach lateinischen und griechischen Werken der Antike gemacht, indem er etwa Klosterbibliotheken durchforstete. Ihm folgten weitere Gelehrte auf der „Jagd nach Manuskripten“,[573] so dass im 14. und dann vor allem im 15. Jahrhundert zahlreiche antike Werke (teils vollständig, teils fragmentarisch erhalten) gefunden und zugänglich gemacht werden konnten. Diese Entwicklung wurde maßgeblich begünstigt durch die Erfindung des Buchdrucks in Europa Mitte des 15. Jahrhunderts durch Johannes Gutenberg, was eine Medienrevolution darstellte und dessen Bedeutung nicht nachdrücklich genug hervorgehoben werden kann.[574] Es entstanden mehrere Erstausgaben, dazu gehörten historische, philosophische und technische Werke, Dramen, Briefe und Traktate.[575] Einige Humanisten, wie Giovanni Aurispa, reisten sogar in andere Länder und brachten etwa aus Byzanz dort weiterhin verfügbare griechische Werke in den Westen. So erwarb Aurispa in Konstantinopel unter anderem Handschriften des Aristoteles, des Athenaios, Cassius Dios, Diodors, Herodians, Homers, Lukians, Plutarchs und Platons.[576] Jahre vor und nach dem Fall Konstantinopels 1453 strömten griechische Gelehrte nach Italien und trugen so zur Erneuerung des antiken Wissens im Westen bei. Die Besinnung auf die Antike als Ideal und Vorbild führte allerdings dazu, dass Humanisten die Zeit zwischen dem Ende der Spätantike und dem Beginn der Renaissance als ein dunkles Zeitalter begriffen – dies ist der Kerngedanke, der zur Etablierung des Begriffs „Mittelalter“ (den Begriff medium tempus hatte schon Petrarca benutzt) führte.[577]

    Leonardo da Vinci, Der vitruvianische Mensch, Proportionsstudie nach Vitruv, 1492

    Im Renaissance-Humanismus erfolgte eine intensive Beschäftigung mit dem antiken Schrifttum, das das zeitgenössische intellektuelle Denken nachhaltig prägen sollte und unter anderem zu einem weitaus stärker individualisierten Menschenbild führte, losgelöst von kirchlichen Vorgaben. Dies stellte einen deutlichen Bruch mit dem mittelalterlichen theozentrischen Weltbild dar. So hob etwa Giovanni Pico della Mirandola die Willensfreiheit als zentrales menschliches Charakteristikum hervor. Im Zentrum des humanistischen Kerngedankens steht der Mensch und vor allem die Frage, was das Menschliche am Menschen darstellt. „Diesem weiten Verständnis von Humanismus als einer Selbstrealisierungsform des zur Gattung Mensch gehörenden Individuums (das gerade die Methodendiskussion allgemeiner Wissenschaften wie Philosophie und Naturtheorie prägte) ist ein engeres, ursprüngliches Verständnis von Humanismus vorgeschaltet, das sich vor allem im Disziplinen-Kanon der studia humanitatis, also Sprache, Ethik, Historik, Politik und Poetik artikuliert hat.“[578] Eine wichtige Rolle spielte daher die Bildung, die Förderung menschlicher Talente und die Entfaltung des Geistes. Petrarcas Bemühungen zur Etablierung der studia humanitatis bezog sich zunächst auf Bildung und Literatur, weitete sich dann auf Architektur und Kunst aus und umfasste schließlich Philosophie und andere Wissenschaften.[579] Bildung wurde zu einem Statussymbol, wozu Kenntnisse der antiken Klassiker und des Griechischen (zuvor im Westen weitgehend verschüttet) gehörten. Die Grundlage des Bildungsprogramms bildeten die entsprechenden Literaturkenntnisse. Antike Werke wurden neu herausgegeben und kommentiert, außerdem entstanden neue literarische Werke, die sich die antiken Klassiker zum Vorbild nahmen. Des Weiteren bildeten sich Gelehrtenkreise, wie der von Marsilio Ficino in Florenz (der sich im Gegensatz zum weit verbreiteten Aristotelismus viel stärker für den Platonismus interessierte) oder die Accademia Romana des Julius Pomponius Laetus in Rom. Neben Florenz und Rom wurde ab Mitte des 15. Jahrhunderts in weiteren Städten der Humanismus von Eliten gefördert, so in Mantua, Mailand und Neapel. Aber auch in den Künsten entfaltete sich eine neue Hochphase. Zu den zahlreichen italienischen Künstlern der Frührenaissance gehören unter anderem Filippo Brunelleschi, Donatello und Leon Battista Alberti; in der Hochrenaissance kamen solche Größen wie Michelangelo und Raffael hinzu. Italienische Kultur wurde zu einer europäischen Leitkultur und strahlte auf das restliche lateinische Europa aus.[580] Es entstanden zahlreiche Kunstwerke, wie Malereien, Skulpturen und Fresken. Städte konkurrierten miteinander, welche die schönsten Skulpturen (an antiken Vorbildern angelehnt, mit entsprechenden Proportionen und Symmetrie), Gebäude und Malereien mit ganz verschiedenen Stilen bieten konnte (Architektur der Renaissance und Malerei der Renaissance). Viele Gelehrte verfügten oft über Wissen aus den verschiedensten Fachgebebieten, wie Geschichte, Philosophie, Naturwissenschaften und Mathematik. Den Höhepunkt dieser Entwicklung stellten wohl die diversen Tätigkeiten Leonardo da Vincis dar, doch gehört dies, wie die Hochrenaissance allgemein, nicht mehr zum Rahmen des Spätmittelalters.

    Eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielten die Bemühungen diverser Stadtregierungen und nicht zuletzt der neuen Fürstenhöfe.[581] Die Rolle der Renaissancehöfe ist denn auch vielfach untersucht worden.[582] Einzelne Herrscher wie der Condottiere Federico da Montefeltro oder Familien wie die Este und die Medici betätigten sich als Mäzene und förderten die Kultur an ihrem Hof und in ihren Städten. Vor allem Florenz wurde zu einem Zentrum von Kunst und Kultur.[583] Dort hatte Cosimo de’ Medici die Republik zugunsten der Interessen seiner Familie umgebaut und deren Macht gefestigt; der Höhepunkt dieser Entwicklung war dann unter Lorenzo de Medici erreicht, bevor es nach seinem Tod 1492 zur Krise in Florenz kam.[584]

    Jacob Burckhardt, Bild nach 1890

    Die Renaissancezeit und der Renaissancestaat wirken vergleichsweise modern, was nicht zuletzt auf die starke Rezeption des Bilds dieser Zeit durch den Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt zurückzuführen ist, der den Begriff „Renaissance“ mit seinem wirkungsmächtigen und heute klassischen Werk Die Cultur der Renaissance in Italien (1860) fest etablierte.[585] Für Burckhardt war die Renaissance die Wiege der Moderne. Er bezeichnete den Renaissancestaat als Kunstwerk, da dieser von Herrschern rational geplant, konstruiert und gelenkt wurde. Seine Akzentuierung der Bedeutung der Renaissance für die Entstehung des Staates ist aber nicht unbedingt nur positiv zu sehen, da die Herrscher dieser Zeit Tyrannen und Machtmenschen gewesen seien. Gleichzeitig haben Literaten im Privaten einen neuen, modernen Geist der Individualität entfaltet, oft gefördert von den Machthabern, die als Mäzene auftraten. So sei es zu einem Wechselspiel von politischer Macht und geistiger Entfaltung gekommen.

    Burckhardts Schatten fällt noch heute auf jede Betrachtung der Renaissance, dem so oft herausgestellten Bild eines Durchbruchs in die Moderne, doch handelt es sich letztlich um ein vielfach zu deutendes modernes Konstrukt. Seine Darstellung des Mittelalters etwa wird in der modernen Forschung abgelehnt und die Zäsur zwischen Mittelalter und Renaissance mehr und mehr eingeebnet. Das Konstrukt eines modernen Tyrannenstaates gilt als ebenso widerlegt wie viele mentalitäts- und sozialgeschichtliche Forschungen ein anderes Bild zeichnen als es Burckhardt so eindringlich vermittelte, der sich zudem stark auf die städtischen Eliten konzentriert hat.[586] Zuzustimmen ist Burckhardt aber etwa hinsichtlich der Verbindung zwischen den neuen, um Legitimation bemühten herrschaftlichen Eliten und vielen Kunst- und Kulturschaffenden, was nicht zuletzt propagandistischen Zwecken diente, so dass der ästhetische Glanz einige Schattenseiten verdeckte.[587] In der neueren Forschung wird oft vom Mythos Renaissance gesprochen, teils wurde sogar dafür plädiert, auf den Begriff ganz zu verzichten (Peter Burke), wie auch auf zahlreiche Kontinuitätslinien hingewiesen wird, während sich in anderen Bereichen Modernisierungsprozesse andeuteten.[588] Davon weitgehend unbeeinflusst ist die Bedeutung des Humanismus hervorzuheben, der weit in die Frühe Neuzeit hinein nachwirkte: „Im Unterschied zur Antikerezeption des Mittelalters, einer durch enge philosophisch-theologische und fachwissenschaftliche Voreinstellungen gesteuerten Rezeption, handelte es sich bei der frühneuzeitlichen Entdeckung und Eroberung der vergessenen und verschwundenen paganen Antike um einen offenen, pluralen und sich selbst verstärkenden Prozess der Entfesselung des Denkens, der als Medium einer Aufklärung auf alle erreichbaren Kulturleistungen der griechischen und römischen Antike zurückgriff und sie für die entsprechenden neuzeitlichen Kulturfelder nutzbar machte.“[589]

    Die Iberische Halbinsel

    Die Schlussphase der Reconquista und das Ende von Al-Andalus

    Das nasridische Königreich Granada

    Auf der Iberischen Halbinsel existierten um 1300 die christlichen Königreiche Portugal, Kastilien, Aragón und im Pyrenäenraum das kleine Königreich Navarra, die ständig miteinander konkurrierten, hinzu kam im äußersten Süden das muslimische Emirat von Granada.[590] Die sogenannte Reconquista, die an die Kreuzzugsidee angelehnte Rückeroberung ehemals christlicher Gebiete, die in der arabischen Expansion im frühen 8. Jahrhundert an die Muslime gefallen waren,[591] war bereits Mitte des 13. Jahrhunderts weitgehend abgeschlossen: 1236 bzw. 1248 waren Córdoba und Sevilla von Kastilien erobert worden, während Aragón 1238 Valencia eroberte und Portugal um 1250 die Algarve sicherte.[592] Nur das von den Nasriden beherrschte Granada überstand diese Hochphase der Reconquista, wenngleich es zu einem Vasallenreich Kastiliens degradiert wurde. Interventionen aus dem muslimischen Nordafrika bzw. vor allem Marokko hatten keinen Erfolg und unterblieben ganz nach dem kastilisch-portugiesischen Sieg in der Schlacht am Salado im Oktober 1340. Die von 1482 bis 1492 dauernde Eroberung des Königreiches Granada durch die katholischen Könige von Kastilien und Aragón (siehe unten) beseitigte auch diesen letzten Rumpfstaat in Al-Andalus.[593] Die eroberten Gebiete wurden im Rahmen der sogenannten Repoblación von Christen neu besiedelt, während zum Christentum zwangsbekehrte Muslime, die Morisken,[594] sich im Süden aber mehrmals erheben sollten (Aufstand in den Alpujarras (1499–1501) und 2. Aufstand in den Alpujarras (1568–1571)).

    Die Krone Aragóns: Expansion und Mittelmeerpolitik

    Die Territorien der Krone Aragóns im Spätmittelalter.

    Das Königreich Aragón umfasste neben dem festländischen Kernland Katalonien weitere Gebiete im Mittelmeerraum.[595] Unter Jakob I. aus dem Haus Jiménez, auch bekannt als „Jakob der Eroberer“, fiel 1229 Mallorca, so dass sich Jakob, nach der Eroberung Valencias 1238, mit dem Königstitel für Valencia und Mallorca schmückte.[596] Die Außenpolitik Aragóns zielte in den westlichen Mittelmeerraum: Peter III. intervenierte nach der Vesper von 1282 auf Sizilien, wo anschließend das Haus Barcelona regierte, eine Nebenlinie des aragonesischen Königshauses. Im späten 13. Jahrhundert wurde vom Papst für Jakob II. der Königstitel von Sardinien und Korsika geschaffen. Die diversen Herrschaften Aragóns waren unter der Krone Aragóns vereinigt, wobei das neue Mittelmeerreich auf dem spanischen Festland mit Kastilien konkurrierte und es dabei auch teils zu Kampfhandlungen kam.

    Mit Peter III. begann eine Hochphase der (kostspieligen) Mittelmeerpolitik des Königreichs, die sich bis weit ins 15. Jahrhundert fortsetzte. Aragón war in den Handel im westlichen Mittelmeerraum eingebunden, teils in Konkurrenz mit der Republik Genua im 14. Jahrhundert. Die aragonesischen Könige mit ihrer gut arbeitenden Kanzlei waren über Vorgänge in Italien bestens informiert, wie die Berichte des in Genua tätigen Cristiano Spinola im frühen 14. Jahrhundert belegen.[597] Die Eroberung der Balearen lag im Interesse der katalanischen Städte, da es sich um einen Handelsknotenpunkt mit Nordafrika handelte; zeitweise agierten katalanische Söldner im 14. Jahrhundert sogar in Griechenland und nutzten die Schwäche von Byzanz aus. Seit 1412 regierte eine Linie von Haus Trastámara das Land. Alfons V. von Aragón strebte die Herrschaft in Unteritalien an und zielte mit seiner Politik auch in den östlichen Mittelmeerraum. Er eroberte 1442 das Königreich Neapel, das anschließend zunächst von seinem unehelichen Sohn Ferdinand regiert wurde, aber 1504 direkt an Aragón fiel.[598] Johann II. (1458 bis 1479) schlug 1472 einen schweren Aufstand in Katalonien nieder, wo es zu einem ökonomischen Niedergang gekommen war (siehe unten). Noch vor seiner Thronbesteigung in Aragón hatte er sich in Navarra im Thronkampf von 1451 bis 1455 durchgesetzt. Das kleine Königreich Navarra stand stark unter französischen Einfluss und war politisch unbedeutend. 1512 besetzte Aragón den südlichen Teil des Königreichs, während der Nordteil später an Frankreich fiel.

    Im Inneren war die Position des Königtums nicht besonders stark.[599] Das Königreich Aragón selbst war das Resultat einer Vereinigung aus dem Jahr 1137, als die Grafschaft Barcelona (Katalonien) und Aragón in einer dynastischen Union miteinander verschmolzen. Die zahlreichen folgenden territorialen Erweiterungen wurden stets unter der Krone zusammengefasst: In den jeweiligen Teilländern der Krone wurden vom Herrscher Stellvertreter eingesetzt, die an Stelle des Königs herrschten, Rechtsprechung ausübten und sich dazu auf lokale Verwaltungsbehörden stützten. Sie mussten aber den jeweiligen Cortes (Ständeversammlungen) gegenüber eidlich versichern, die verschiedenen Fueros (Rechtsordnungen) zu respektieren. Im 15. Jahrhundert wurden dann sogenannte Vizekönige eingesetzt, so auf Sizilien und Sardinien, später auch in Neapel. Die Krone stellte somit eine Ansammlung von Herrschaftsrechten in den jeweiligen Kronländern dar. In Steuerangelegenheiten, vor allem hinsichtlich der Finanzierung kostspieliger Kriege, war der König auf Zustimmung der Cortes angewiesen, die so in die Königsherrschaft und die auf den Mittelmeerraum ausgerichtete Außenpolitik eingebunden waren. Sie verfügten auch über ein Petitionsrecht, immer wieder kam es zu Kraftproben zwischen König und den Cortes der Kronländer, wobei diese unterschiedlich oft einberufen wurden.[600] In der Forschung wird die faktische Teilung der Regierungsgewalt zwischen König und Cortes in Aragón, die sich bis ins 16. Jahrhundert fortsetzte und ausgleichend wirkte, als „Paktismus“ (pactismo) bezeichnet.

    1469 heirateten Ferdinand II. von Aragon (Sohn Johanns II.) und Isabella von Kastilien, wobei die Herrschaftsansprüche beider in Kastilien militärisch durchgesetzt werden mussten, nachdem Kastiliens König 1474 gestorben war und es zu einer Nachfolgekrise kam. Ferdinand regierte seit 1479 auch die Länder der Krone Aragóns. Dies ging einher mit einem Interessensausgleich zwischen Aragón und Kastilien (so in Handels- und Besitzfragen) sowie der erneuten Einführung der Inquisition zur Stabilisierung der Herrschaft. Die Personalunion (mit Räten und Behörden für die verschiedenen Teile der Krone) beendete nicht nur den Machtkampf zwischen beiden Reichen, sondern begründete auch die spanische Monarchie und legte den Grundstein für den Aufstieg des Königreichs Spanien, das im 16. Jahrhundert zu einer Großmacht aufstieg (siehe unten zu Kastilien).

    Kastilien: Die Erfolge der Reconquista und innere Krisen

    Alfons X. von Kastilien (Abbildung aus dem Libro de los juegos, 1251–1282)

    1230 hatte sich das Königreich Kastilien mit dem Königreich León dauerhaft vereint und war damit das größte Reich auf der Iberischen Halbinsel.[601] Im 13. Jahrhundert erweiterten Ferdinand III. und Alfons X. aus dem Haus Burgund-Ivrea das Territorium der Krone Kastiliens durch die Eroberung bedeutender urbaner Zentren im Süden (darunter 1248 Sevilla, ein Machtsitz der Almohaden) und den fruchtbaren Ebenen des Guadalquivir, womit die Reconquista im Wesentlichen abgeschlossen war. Allerdings scheiterten Versuche, Granada direkt zu unterwerfen, es wurde stattdessen zu einem kastilischen Vasall.[602] Alfons X., genannt der Weise, war politisch ehrgeizig: Er griff im Interregnum nach der römisch-deutschen Königswürde (Doppelwahl von 1257) und strebte sogar die Kaiserwürde an, beides konnte er nicht erreichen. Das Kaisertum hatte Alfons nicht zuletzt deshalb angestrebt, um eine Vormachtstellung Kastiliens auf der Iberischen Halbinsel beanspruchen zu können. In der Forschung wird jedoch in erster Linie seine Förderung des Rechts und der Kultur hervorgehoben. Im Inneren stand er unter Druck und berief relativ häufig die bereits erwähnten Ständeversammlungen (Cortes) ein und favorisierte die Städte gegenüber dem Adel, dessen Macht er versuchte einzuschränken.[603] Im Vergleich zu Aragón war die Stellung der Cortes in Kastilien aber insgesamt schwächer und die Position des Königtums stärker.[604] Die Krone Kastiliens umfasste dabei ebenfalls mehrere Teilreiche (wie etwa Sevilla, Córdoba und Toledo).

    Die Iberische Halbinsel im Spätmittelalter mit den Teilreichen der Kronen Kastiliens (farblich hervorgehoben) und Aragóns.

    Die kastilischen Könige mussten dennoch immer wieder Konflikte mit dem Adel austragen, das 14. und 15. Jahrhundert war von Machtkämpfen, Unruhen und wirtschaftlichen Problemen gekennzeichnet.[605] Nach dem unerwarteten Tod von Alfons XI.[606] im Jahr 1350 kam es in der Regierungszeit Peters I. zu einem Bürgerkrieg, der seinen Höhepunkt zwischen 1366 und 1369 erreichte und sich vor dem Hintergrund des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich abspielte (siehe oben). In diesem Zusammenhang mischten sich beide Seiten in Kastilien ein, am Ende setzte sich die von Frankreich unterstützte Seite unter Heinrich von Trastámara durch; ebenso kam es in dieser Zeit zum Konflikt mit Aragón (Krieg der beiden Peter). Von 1369 und 1504 regierte Haus Trastámara in Kastilien, während eine andere Linie ab 1412 in Aragón herrschte. Dabei kam es zum Konflikt mit Portugal, das, von England unterstützt, sich in die kastilischen Thronkämpfe einmischte (Ferdinandinische Kriege). Unter Heinrich von Trastámara schrumpfte der Einfluss der alten Adelsgeschlechter vorübergehend zugunsten von aufsteigenden Adelsfamilien, die zu Heinrich im Thronkampf gehalten hatten. Die Königsgewalt erodierte dann jedoch unter Johann II., der ein schwacher Herrscher war und an dessen Hof verschiedene Gruppen konkurrierten. Der starke Mann am Hof Johanns war bis zu seiner Hinrichtung 1453 Álvaro de Luna. Die Hinrichtung hatte Johanns Sohn und Thronerbe (Infant) Heinrich eingefädelt, der von 1454 bis 1474 Kastilien regieren sollte und unter dem der Adel großen Einfluss hatte. Sein Tod löste den kastilischen Erbfolgekrieg aus, in dem sich schließlich seine Halbschwester Isabella durchsetzen sollte, die 1469 Ferdinand geheiratet hatte, den Erben Aragóns (siehe oben).[607] Die Kronen Kastiliens und Aragóns wurden in einer Personalunion verbunden und bildeten fortan die neue spanische Monarchie. Nachdem es im 15. Jahrhundert wieder zu Konflikten mit den Nasriden im Emirat von Granada gekommen war (wie die Schlacht von La Higueruela 1431), wurde das Emirat von den Truppen Isabellas und Ferdinands 1492 endgültig erobert.

    Die Sperrung des direkten Indienhandels für europäische Händler (die Waren gelangten nur über Zwischenhändler nach Europa) hatte die Suche des Seewegs nach Indien für eine profitablere, direkte Handelsroute und mehrere Entdeckungsfahrten zur Folge. Christoph Kolumbus und seine Entdeckung Amerikas 1492 im Auftrag Isabellas und Ferdinands führte zur anschließenden überseeischen Expansion[608] in den Amerikas.[609] Von 1519 bis 1521 erfolgte die Eroberung Mexikos, wenige Jahre später gefolgt von der Eroberung Perus, samt riesiger Reichtümer in Gold und Silber. Hierbei profitierten die Spanier von der während der Reconquista gewonnenen militärischen Erfahrung. Spanien und seine Kolonien bildeten in der Frühen Neuzeit ein Weltreich, das seit dem frühen 16. Jahrhundert vom Haus Habsburg geführt wurde, nachdem 1504 der Habsburger Philipp der Schöne die spanische Erbin Johanna von Kastilien geheiratet hatte. Das habsburgische Imperium sollte in Übersee nicht nur mit Portugal und später den Niederlanden und England konkurrieren, es begann zudem mit Frankreich eine neue Phase der Kriege um die Erringung der Hegemonie in Europa.[610]

    Portugal: Von einer Regionalmacht zur maritimen Großmacht

    Das Königreich Portugal erstreckte sich im Spätmittelalter im Kern über die Gebiete, die auch heute noch der moderne portugiesische Nationalstaat umfasst.[611] Bis 1383 regierten Herrscher des Hauses Burgund (nicht zu verwechseln mit dem französischen Haus Burgund) in Portugal. Die Reconquista war mit der Eroberung der Algarve um 1250 unter Alfons III. abgeschlossen, Alfons nahm 1249 den Titel eines Königs der Algarve zusätzlich an. Die muslimische Bedrohung war damit beseitigt, fortan sollte sich die Politik der portugiesischen Könige auf die Stärkung gegenüber Kastilien konzentrieren (Grenzfestlegung im Vertrag von Alcañices 1297), gefolgt von einer maritimen Expansion vor allem im 15. Jahrhundert. Portugal griff im Rahmen des Hundertjährigen Krieges in die kastilischen Thronkämpfe ein (Ferdinandinische Kriege), was sich als fataler Fehler erweisen sollte, bevor Ferdinand I. Frieden mit Kastilien schließen musste.

    Darstellung der Schlacht von Aljubarrota (14. August 1385) in der Chronik des Jean de Wavrin. Portugal unter seinem neuen König Johann I. wehrte damit Kastiliens Versuch einer Einmischung ab. Der Zeitraum von 1357 bis 1411 wird ausführlich in der Chronik des Fernão Lopes geschildert, die in der Forschung einen guten Ruf genießt.[612]

    Nach seinem Tod 1383 setzte sich Haus Avis in Portugal durch (Portugal unter dem Haus Avis), in einem Akt einer „zweiten Staatswerdung“.[613] In der Schlacht von Aljubarrota im August 1385 sicherte der neue König Johann I. die Unabhängigkeit gegenüber Kastilien. Er stabilisierte in seiner langen Regierungszeit (1383 bis 1433) die Königsherrschaft und band den Adel stärker an das Königtum. Durch den Vertrag von Windsor (1386) wurde Portugal zu einem englischen Verbündeten, der Vertrag wurde auch später nie aufgelöst. Die Thronbesteigung des minderjährigen Alfons V. 1438 stellte eine Schwächephase der Monarchie dar. Der Adel gewann in der Regentschaftszeit wieder mehr Macht, doch stellte sich Alfons dem später entgegen. Er intervenierte erfolglos in die kastilischen Thronwirren (Schlacht von Toro 1476) und musste sich schließlich zurückziehen, im Vertrag von Alcáçovas (1479) ließ er alle Ansprüche fallen. Er trieb aber die maritime Expansion (siehe unten) weiter voran und eroberte unter anderem 1471 Tanger. Sein Sohn Johann II. folgte ihm 1481 nach und stärkte die Königsmacht entscheidend. Portugal stieg unter ihm und seinen Nachfolger Manuel I. endgültig zur maritimen Großmacht auf. Es erfolgte zudem der Abschluss einer Entwicklung von einer feudalen Gesellschaft hin zu einem zentralisierten königlichen Machtapparat mit blühender höfischer Kultur.

    Portugiesische Entdeckungsfahrten, Stützpunkte und Besitzungen (15. bis 16. Jahrhundert).

    Im späten 14. und vor allem im 15. Jahrhundert erfolgte eine Hinwendung zur maritimen Expansion. Diese begann bereits im 14. Jahrhundert mit Fahrten immer weiter in den Atlantik hinein.[614] Zu Beginn des 15. Jahrhunderts weiteten sich die Fahrten aus, wobei als zentraler Schirmherr Heinrich der Seefahrer fungierte, vierter Sohn Johanns I., obwohl er selbst nie König sein sollte.[615] 1415 eroberten portugiesische Truppen die Stadt Ceuta in Nordafrika, ein Ausgangspunkt der sich immer schneller entwickelnden europäischen Expansion.[616] Die päpstliche Bulle Romanus Pontifex (1455) sicherte das portugiesische Vorgehen gegenüber der kastilischen Konkurrenz ab. Angetrieben wurde diese Entwicklung von Entdeckungslust, aber auch vom Willen zur Eroberung (da die Reconquista abgeschlossen war) und von handfesten ökonomischen Motiven. Auf die Eroberung Ceutas ging es Schlag auf Schlag: Es folgte die Entdeckung von Madeira 1418 (bzw. von Porto Santo, Madeira selbst wurde im folgenden Jahr entdeckt), der Azoren 1427 und von Kap Verde 1456. Portugiesische Seefahrer wie António Fernandes und Diogo Gomes (daneben standen ebenfalls etwa Italiener in portugiesischen Diensten) verfügten über eine hohe Expertise (wie Karthographiewissen), Portugal gewann so einen Vorsprung gegenüber Konkurrenten.

    Europäische Händler waren vom lukrativen Indienhandel ausgeschlossen. Die Handelsströme verliefen über muslimische Händler bis in die Levante und dann nach Europa über Venedig.[617] Der Handel mit Pfeffer war überaus profitabel: Ein Kilogram Pfeffer hatte in Indien den Wert von ein oder zwei Gramm Silber, in Alexandria von 10 bis 14 Gramm, dann in Venedig von 14 bis 18 Gramm, während der europäische Endkunde 20 bis 30 Gramm Silber zahlen musste.[618] Um die Zwischenhändler auszuschalten, erfolgte im 15. Jahrhundert die fieberhafte Suche des Seewegs nach Indien um Afrika herum. Nach 1415 stießen portugiesische Seefahrer entlang der afrikanischen Westküste vor: 1434 umrundeten die Portugiesen das als unpassierbar geltende Kap Bojador, 1460 wurde Sierra Leone erreicht, zu Beginn der 1480er Jahre der Kongo und 1488 das Kap der Guten Hoffnung.[619] Diese Fahrten wurden von der portugiesischen Krone gefördert, die frühzeitig wirtschafts- und handelspolitische Interessen verfolgte (in einer Mischung aus „Kronkapitalismus“[620] und Privatwirtschaft). 1494 wurden im Vertrag von Tordesillas die portugiesisch-spanischen Interessenssphären abgesteckt, es erfolgte nicht weniger als eine Aufteilung der Welt, der bereits entdeckten und der noch zu entdeckenden.[621] Während 1492 Amerika von den Spaniern entdeckt, dann in der Folgezeit erobert und besiedelt wurde, etablierten die Portugiesen im späten 15./frühen 16. Jahrhundert ein andersartiges Kolonialreich: Es handelte sich eher um ein Stützpunktesystem an der Küste, der Einfluss reichte oft nur wenige Meilen ins Landesinnere. Vasco da Gama erreichte im Frühling 1498 tatsächlich Indien. Auf die Frage zweier Muslime, was die Portugiesen dort zu tun hätten, soll da Gama geantwortet haben, sie würden Christen und Gewürze suchen.[622] Die Portugiesen erkämpften sich den Zugang zum Gewürzhandel und setzten sich im Indischen Ozean fest. Portugal wurde märchenhaft reich durch den Handel vor allem mit Gewürzen. Kronjuwel des neuen portugiesischen Überseereichs war der Estado da India.[623]

    Gesellschaft und Wirtschaft in Aragón, Kastilien und Portugal

    Als die Pest die Iberische Halbinsel 1348 erreichte, lebten dort geschätzt sechs Millionen Menschen.[624] Die Pest wurde über den Seeverkehr eingeschleppt, wie dieser bei der Verbreitung der Pest generell eine große Rolle spielte, erreichte Mallorca noch im Dezember 1347 und breitete sich im folgenden Jahr auf dem Festland aus, mit Berichte über Pestausbrüche in mehreren Städten im April und Mai 1348.[625] Die Seuche forderte zahlreiche Todesopfer. Geschätzt lebten dann um 1500 dann wieder ca. sechs Millionen Menschen auf der Halbinsel, davon wohl rund vier Millionen in Kastilien, je eine Million in Portugal und Aragón/Navarra.[626]

    Die Region war zwar seit der Antike urbanisiert, doch viele Städte waren vergleichsweise klein und weite Landstriche nur dünn besiedelt. Dies hatte zur Entwicklung einer Gutswirtschaft geführt, wobei die großen Landgüter von Bauern im Auftrag der Gutsherren bewirtschaftet wurden, angebaut wurde vor allem Getreide, Wein und Oliven. Olivenöl wurde im Süden für Seifenproduktion genutzt, die exportiert wurde. Viehzüchter und Hirten organisierten im Spätmittelalter Wanderungen von Schafen zu den Weidegründen (mesta), wobei die Wolle weitgehend exportiert wurde.[627] Im 14. Jahrhundert durchlief Kastilien eine ökonomische Krise, erholte sich aber zu Beginn des 15. Jahrhunderts, landwirtschaftlich prosperierend war vor allem der Süden. Dagegen wurde Aragón zwar erst im späten 14. Jahrhundert von Wirtschaftsproblemen geplagt, die sich aber anschließend verschärften, wobei unter anderem Folgen der Pest und eine kostspielige königliche Politik wichtige Faktoren waren; von landwirtschaftlichen Problemen betroffen waren des Weiteren Granada und Navarra.[628] In Portugal wurde Weidewirtschaft betrieben, ebenso arbeitsintensiv Wein angebaut und Olivenöl produziert, gleichzeitig war man auf Getreideimporte über den Seeweg angewiesen. Auf Madeira wurde ab dem 15. Jahrhundert Zuckerrohr (importiert aus Sizilien) angebaut.

    In Portugal, Kastilien und Aragón existierten seit dem späten 12./13. Jahrhundert Cortes. Es handelte sich um Ständeversammlungen (mit Vertretern von Klerus, Adel und der Städte), die vom König unterschiedlich oft zu Beratungen einberufen wurden. Die Anwesenheit von Vertretern der Städte spiegelt deren gestiegene wirtschaftliche und soziale Bedeutung wider, doch schwankte die Anzahl der repräsentierten Städte in den verschiedenen Cortes im Laufe der Zeit stark. Kastilien und León hatten zunächst getrennte Cortes, dasselbe trifft auf die Cortes der Kronländer Aragóns zu, wo diese eine größere Rolle spielten als in Kastilien. Die Kompetenzen der Cortes variierte über die Zeit und in den verschiedenen Reichen, so wurden sie bei Thronfolgefragen, außenpolitischen Fragen (Kriege, Friedensverträge und Bündnisse) und vor allem bei neuen Steuern einbezogen. Sondersteuern waren die wichtigste Einnahmequelle der Könige Portugals, Kastiliens und Aragóns. Ebenso waren die Cortes am Gesetzgebungsprozess mitbeteiligt und folglich bei aller politischen Emanzipation (unterschiedlich stark) in die königliche Politik eingebunden. Dies galt besonders in Krisenzeiten, in denen die Könige auf die Cortes zurückgreifen mussten.[629] In den verschiedenen Landesteilen existierten des Weiteren verschiedene Fueros (Rechtsordnungen), wobei in allen drei Reichen versucht wurde, Rechte zu vereinheitlichen. In Portugal beispielsweise hatte Alfons V. mit den Ordenações Afonsinas eine einheitlich römisch-rechtliche Grundlage geschaffen.

    Kastilien und Aragón bestanden im Spätmittelalter aus mehreren politisch-territorialen Einheiten, weshalb die Vereinigung beider Reiche in einer Personalunion im späten 15. Jahrhundert die Grundlage für die folgende Entwicklung schuf.[630] Es existierten aber zunächst separate Verwaltungseinrichtungen in beiden Reichen. Eine Finanzreform verbesserte die finanzielle Lage des neuen spanischen Königtums zuungunsten des Adels. Wichtig waren die Zuschüsse der Kirche (mit dem Erzbistum Toledo als Zentrum), die um 1500 gefordert und erhalten wurden. Dies war essentiell, da die Monarchie in einer Zeit wachsender Kosten über unzureichende Einnahmen verfügte. Dies änderte sich im 16. Jahrhundert durch den Zustrom von Reichtümern aus der „Neuen Welt“. In Portugal wurde Lissabon politisches, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum.[631] Im späten 14. und im 15. Jahrhundert wurde die Verwaltung ausgebaut, Steuer- und Münzwesen vereinheitlicht sowie der Adel an den König gebunden. Die Cortes verloren an Bedeutung. Wirtschaftlich war Portugal durch die starke Ausrichtung auf den Außenhandel im Rahmen der von Lissabon vorangetriebenen maritimen Expansion seit dem 15. Jahrhundert von einer Verknüpfung von Krone und Handel geprägt („Kronkapitalismus)“.[632] Dies betraf vor allem den staatlich gelenkten Indienhandel mit Gewürzen ab ca. 1500 (Portugiesische Indien-Armadas).

    Unterschriften Ferdinands und Isabellas unter der kastilischen Version des Alhambra-Edikts, mit dem die Juden aus Kastilien und Aragón vertrieben wurden (1492).

    In Kastilien war der Adel gespalten in einen alten Hochadel, der die Königsnähe suchte und Ämter anstrebte, und einen niederen Adel (Hidalgo), mit einem fließenden Übergang.[633] Im späten 14. Jahrhundert kam es zum Aufstieg neuer Adelsfamilien. Macht- und Patronagenetzwerke prägten ein System, indem gerade niedere Adelige auch städtische Ämter bekleideten. Dies sah in Aragón anders aus, wo die Städte größere Autonomie genossen. Kirchliche Ämter wurden in beiden Reichen oft vom Hochadel bekleidet, die sich in Auseinandersetzungen zwischen König und Adel nicht selten auf letztere Seite stellten. Im 15. Jahrhundert nahm der Einfluss des Hochadels auf Kirchenposten ab. Eine wichtige Rolle spielten außerdem die diversen auf der Halbinsel tätigen Ritterorden (z. B. der Santiagoorden und der Christusorden), die noch zur Hochphase der Reconquista gegründet worden sind. In der unteren Bevölkerung hatte die Pest das Verhältnis von Bauern zum Gutsherren in Aragón nicht verbessert, da letztere immer noch hohe Freikaufsummen forderten, weshalb sich unfreie Bauern, die sozial durchaus unterschiedlich waren, im 15. Jahrhundert zu Vereinigungen zusammenschlossen (remenses bzw. remences), um ihre Interessen zu wahren. Hinzu kam eine Auseinandersetzung zwischen den städtischen reichen Oligarchen in Barcelona (La Biga) und den aufstrebenden Händlern, Kaufleuten und Handwerkern (La Busca); letztere übernahmen mit königlicher Zustimmung 1453 die Macht in der Stadt. Die für Katalonien zuständige Vertretung (Generalitat) forderte die Berücksichtigung ihrer Privilegien von König Johann II. So kam es 1462 zu einem zehnjährigen Bürgerkrieg, der das Land verheerte und aus dem die Monarchie angeschlagen hervorging.[634]

    Im späten 15. Jahrhundert stieg die anti-jüdische Stimmung in den christlichen Reichen deutlich an (Geschichte der Juden in Spanien), neben gesetzlichen Bestimmungen griff nun auch die Inquisition hart ein.[635] 1492 folgte das Alhambra-Edikt der katholischen Könige von Kastilien und Aragón, den Juden blieb damit nur Flucht oder Taufe. 1496/97 wurden die Juden auch aus Portugal vertrieben. Auch die Lage der Muslime verschlechterte sich zunehmend und führte 1502 zur Aufforderung, sich taufen zu lassen (siehe Morisken) oder das Land zu verlassen. Es hatte zuvor kulturelle Wechselwirkungen gegeben, vor allem nachdem antikes Wissen über arabische Vermittlung in den lateinischen Westen geflossen war. Daran hatte die Reconquista im Kern wenig geändert, da es zu einem Wechselspiel von Expansion und internen Entwicklungen gekommen war, mit Übersetzungen und der Etablierung von Wissenszentren erst in Al-Andalus, später aber auch in den christlichen Reichen (Übersetzerschule von Toledo).[636]

    Skandinavien

    Dänemark, Norwegen und Schweden bis zur Kalmarer Union

    Die Geschichte Dänemarks, Schwedens und Norwegens im Spätmittelalter ist geprägt von einem Prozess der Überwindung politischer Zersplitterung (wobei die Königsmacht in allen drei Reichen vergleichsweise schwach ausgeprägt war) hin zu einer stärkeren Zentralisierung staatlicher Macht.[637] Die sogenannte „Waldemarzeit“ stellte eine Blütephase Dänemarks dar, endete aber mit dem Tod Waldemars II. 1241, der mehrfach in norwegische und schwedische Thronstreitigkeiten eingegriffen hatte. Bereits zuvor war die dänische Expansion im Ostseeraum durch die Niederlage Waldemars in der Schlacht bei Bornhöved (1227) durch norddeutsche Landesherren und Städte, die sich bedroht gesehen hatten, gestoppt worden. Nach seinem Tod erfolgte die faktische Teilung seines Erbes, wodurch unter den folgenden Königen aus dem Haus Estridsson eine Entwicklung einsetzte, die zur Schwächung des Königtums führte. Vor allem der Einfluss der Hanse im Ostseeraum erstarkte, ebenso wie der Einfluss des Adels zunahm; es kam zudem in der folgenden Zeit zu Unruhen und militärischen Konflikten. Die Reichseinheit schien zeitweise ernsthaft bedroht. Der dänische Einfluss im südlichen Ostseeraum, den die dänischen Könige der Waldemarzeit so vehement gewahrt hatten, schwand dahin, wie der Norddeutsche Markgrafenkrieg von 1308 bis 1317 zeigte, der mit einer Niederlage für König Erik VI. endete.[638]

    Dänemark in der „königslosen Zeit“ (1332 bis 1340).

    Nach Eriks Tod 1319 folgte eine Krisenzeit des dänischen Königtums: Christoph II. wurde entmachtet und musste ins Exil gehen. Die Königsmacht befand sich in der königslosen Zeit (1332 bis 1340) an einem Tiefpunkt, weite Teile des Landes waren an ausländische Herren verpfändet, bevor Christophs Sohn Waldemar IV. den Thron besteigen konnte.[639] Seine Regierungszeit (1340 bis 1375) war geprägt von dem Bemühen, die Königsgewalt wieder zu stärken und verpfändetes Land zurückzugewinnen. Gleichzeitig kam es aber auch ab 1361 zu harten militärischen Auseinandersetzungen mit der Hanse um die Vorherrschaft im Ostseeraum (Erster und Zweiter Waldemarkrieg). Die Kämpfe endeten 1370 mit dem Frieden von Stralsund, der für die Hanse einen Triumph darstellte; so wurden Handelsprivilegien bestätigt und vereinbart, dass der dänische Reichsrat künftig keinen König ohne vorherige Zustimmung der Hanse wählen durfte (da es sich um eine Wahlmonarchie handelte).[640] Der südliche Ostseeraum, wo neben der Hanse auch mächtige norddeutsche Landesherren Interessen verfolgten,[641] war somit vom dänischen Druck vorerst befreit, wenngleich weiterhin andere Regionalmächte hier politisch aktiv waren. Nach Waldemars Tod kam die Nachfolgeklausel zum Einsatz, so dass 1376 Olav II. unter der Vormundschaft seiner Mutter Margarethe I.[642] den Thron bestieg, der ab 1380 auch als König von Norwegen amtierte (als Olav IV.) und zudem 1386 schwedischer Gegenkönig wurde.

    In Norwegen war die Königsmacht schwach ausgeprägt und konnte nicht im ganzen Land durchgesetzt werden, so dass es im 12. und 13. Jahrhundert zu Machtkämpfen gekommen war.[643] König Erik II. (1280 bis 1299) trug Konflikte mit Dänemark, der Hanse und Schottland (Norwegisch-Schottischer Krieg (1263–1266)) aus. Ebenso musste die Königsgewalt stets erneut konsolidiert werden, wenngleich sich in Norwegen ein Erbkönigtum durchgesetzt hatte. Mit dem Tod seines Sohns Håkon V. 1319, der Oslo zum Herrschaftssitz gemacht hatte, war das alte Königsgeschlecht ausgestorben. Sein Nachfolger Magnus VII. Eriksson war auch König von Schweden (als Magnus II.).[644] In Norwegen arrangierte er sich nach Konflikten mit dem Adel, in der Außenpolitik hegte er Ambitionen im Ostseeraum und es kam zum Konflikt mit der Republik Nowgorod. 1355 trat er im Rahmen seiner Nachfolgeregelung die norwegische Königsherrschaft an seinen Sohn Håkon ab, behielt aber Einfluss und die schwedische Königswürde (bis zu seiner Absetzung, siehe unten). Håkon VI. agierte innenpolitisch erfolgreich, seine ambitionierten außenpolitischen Ziele erreichte er aber nicht. Nach seinem Tod 1380 bestieg der bereits erwähnte Olav II. den norwegischen Königsthron. Island, Grönland, die Färöern und die Shetlandinseln gehörten in diesem Zeitraum ebenfalls zum norwegischen Herrschaftsbereich. Olav verstarb aber bereits 1387. Nun schlug die Stunde seiner Mutter Margarethe, die 1388 in Dänemark und Norwegen zur Reichsregentin ernannt wurde.

    In Schweden waren die mächtigen Adelsfamilien bestimmend.[645] Nach dem Ende des alten Königshauses mit dem Tod von Erik XI. 1250 herrschten zunächst die Söhne des einflussreichen Jarls Birger Magnusson. Birger Jarl hatte Finnland unterworfen und Stockholm gegründet, seine Söhne festigten als Könige die schwach ausgeprägte Zentralgewalt zumindest teilweise. Ab 1319 herrschte, wie bereits erwähnt, der norwegische König Magnus auch in Schweden. Seine Königsherrschaft war nicht unangefochten, zumal der Adel stark darauf bedacht war, die Macht des Königtums einzudämmen. Die Politik von Magnus (vor allem steigende Steuerforderungen) führten zum Bruch zwischen König und schwedischen Adel. 1363 wurde Magnus in Schweden für abgesetzt erklärt und geriet 1365 sogar in Gefangenschaft. Seine Nachfolge trat 1364 Herzog Albrecht III. von Mecklenburg an, nachdem ihm vom schwedischen Reichsrat die Krone angeboten worden war. Albrecht selbst verlor aber bald schon seinen Rückhalt. In ihrer Rolle als dänisch-norwegische Reichsverweserin setzte sich Margarethe 1389 schließlich in Schweden durch. Ihr Großneffe Erik VII.,[646] für den sie bis 1412 die Regentschaft führte, wurde zum König aller drei Reiche erhoben, die damit in einer Personalunion verbunden wurden.

    Höhepunkt dieser Entwicklung war die Schaffung der sogenannten Kalmarer Union im Juli 1397, maßgeblich vorangetrieben und gelenkt von Margarethe und durch Vertreter der drei Reichsräte beschlossen. Allerdings handelte es sich (trotz ihrer Bemühungen um eine stärker zentralisierte Gesamtherrschaft) um einen eher lockeren Zusammenschluss der drei nordischen Reiche, die weiterhin unabhängig blieben.[647] Politische, wirtschaftliche und rechtliche Strukturen der drei skandinavischen Reiche sollten harmonisiert werden, allerdings gab es immer wieder Widerstände gegen die faktisch dänische Hegemonie innerhalb der Union. Während die dänischen Könige (in Personalunion Herrscher der drei Reiche) eine Herrschaftszentralisierung anstrebten, war der schwedische und norwegische Adel darum bemüht, die Eigenständigkeit zu wahren. Dennoch bestand die Union bis 1523 und stellte eine auf Kompromissen beruhende, oft spannungsreiche, hegemoniale Herrschaftsform dar.[648]

    Unionskönige und Unionskriege

    Die Gebiete der Kalmarer Union.

    In Kalmar waren sowohl ein Krönungsbrief als auch der sogenannte Unionsbrief erlassen worden. Im Krönungsbrief war festgelegt worden, dass die weiterhin drei unabhängigen Reiche fortan von einem gemeinsamen König regiert werden sollten, womit ein Übergang vom Wahl- zu einem Erbkönigtum vorbereitet werden sollte. Im Gegensatz dazu hob der Unionsbrief (ein in der Forschung viel diskutiertes Dokument[649]) die Eigenständigkeit der Reiche hervor und schränkte die Königsmacht ein. Dies verdeutlicht das Spannungsfeld der Kalmarer Union, zwischen den Interessen des Königtums und denen des auf seine Rechte pochenden Adels. Tatsächlich sollte es in der Folgezeit immer wieder zu Konflikten darüber kommen, wie man die Befugnisse der königlichen Herrschaftsgewalt und die Ausgestaltung der Union in der politischen Praxis interpretieren sollte.[650] Erklärbar ist das Zustandekommen der Union vor allem durch das Wiedererstarken der dänischen Monarchie und das Zeitfenster, eine dynastische Union zu schaffen.

    Der bereits erwähnte erste Unionskönig Erik VII. regierte ab 1412 eigenständig und von Kopenhagen aus.[651] Er war offenbar darum bemüht, aus der eher lockeren Personalunion eine stärker zentralisierte Königsherrschaft zu schaffen.[652] Er scheiterte allerdings mit dem Versuch, nach norwegischen Vorbild ein Erbkönigtum durchzusetzen. Erik führte den bis 1857 bestehenden Sundzoll ein, eine der wichtigsten Einnahmequellen der dänischen Monarchie. Außenpolitisch strebte er nach einer Hegemonie im Ostseeraum, wobei Dänemark bereits seit dem 14. Jahrhundert ein Interesse am Erwerb Estlands hatte. Gleichzeitig musste er die Ansprüche der Grafen von Holstein auf das Herzogtum Schleswig abwehren, was zu harten Kampfhandlungen führte. In Verbindung damit und der Einführung des Sundzolls steht der 1426 ausgebrochene Dänisch-Hanseatischer Krieg (1426–1435), der mit einer Niederlage Dänemarks endete. Erik hatte sich zudem durch seine Politik in Schweden (Engelbrekt-Aufstand) und schließlich auch in Dänemark zunehmend unbeliebt gemacht, so dass er 1439 abgesetzt wurde und sich ins Exil begab. Die Union sollte bis zum Ende ihres Bestehens von Kämpfen um die Einheit geprägt sein.[653]

    Christian I. als Graf von Oldenburg, Wandteppich (um 1580; Dänisches Nationalmuseum, Kopenhagen)

    Die Absetzung Eriks verdeutlicht, dass die drei Reichsräte weiterhin politisch zentrale Akteure gegenüber dem Unionskönigtum waren. Das Scheitern Eriks führte 1440 zur Erhebung seines Neffen Christoph III. zum neuen König in Dänemark, gefolgt von den Königskrönungen in Norwegen (1441) und Schweden (1442). Christoph wurde also keineswegs sofort als Unionskönig aller drei Reiche gekrönt und anerkannt, anders als Erik 1397. Während Norwegen in der Unionszeit politisch marginalisiert war, war Schweden in der Zeit der Kalmarer Union der Reichsteil, der am ehesten volle Unabhängigkeit vom Unionskönigtum anstrebte. Nach dem Tod Christophs 1448 konnten sich die Reichsräte auf keinen gemeinsamen Kandidaten für die Nachfolge einigen. In Dänemark wurde Christian I. aus dem Haus Oldenburg zum König gekrönt,[654] in Schweden erhob man mit Karl VIII. einen Gegenkönig. Es folgten mehrjährige Kampfhandlungen, wobei Christian seinen Anspruch auf die schwedische Krone nur zeitweilig durchsetzen konnte. Teile des schwedischen Adels unterstützten Christian, während die Hanse auf schwedischer Seite stand. 1460 nutzte Christian die Gunst der Stunde und gelangte durch den Vertrag von Ripen in den Besitz von Schleswig und Holstein, was seine Stellung festigte, dennoch kam es weiterhin zu Kampfhandlungen. Karl verlor aber schließlich (vorläufig) sein Königtum und Christian errang 1457 die Macht in Schweden, doch kam es aufgrund seiner Steuerpolitik zu einem neuen Aufstand. Christian wurde 1464 in Schweden abgesetzt, nach dem Tod Karls 1470 versuchte er erneut vergeblich, die schwedische Krone zurückzugewinnen (Dänisch-Schwedischer Krieg (1470–1471)). In seiner Regierungszeit fielen die Shetlandinseln und die Orkneys an Schottland, zudem häufte er immense Schulden an. Bestehen blieb aber bis 1863 die Personalunion zwischen dänischem König und schleswig-holsteinischem Herzog.

    1481 bestieg Johann I. den dänischen Königsthron,[655] er wurde 1483 auch in Norwegen anerkannt. Schweden hingegen behauptete unter dem Reichsverweser Sten Sture seine faktische Unabhängigkeit, womit die Kalmarer Union im Kern bereits weitgehend gescheitert war. Die Ziele der dänischen und schwedischen Seite waren oft nicht deckungsgleich, dies betraf vor allem die Außenpolitik, tangierte bald aber auch innenpolitische Fragen; das Argument, die Union sorge für inneren Frieden, griff ebenfalls nicht mehr.[656] Schweden befand sich von 1495 bis 1497 im Krieg mit dem aufstrebenden Großfürstentum Moskau, die Unzufriedenheit in Schweden nutzte dann Johann 1497 aus und errang die schwedische Königswürde, nur um sie bereits 1501 wieder zu verlieren. Hinzu kam die Niederlage Johanns gegen das aufständische Dithmarschen, das er nicht unterwerfen konnte. Zumindest reorganisierte Johann die königliche Verwaltung und setzte die Anerkennung seines Sohns Christian durch, der ihm 1513 nachfolgte. Christian II. sollte der letzte Unionskönig sein.[657] Er regierte von 1513 bis 1523 in Dänemark und Norwegen. Christian gilt als Reformer oder gar Modernisierer, der die Macht des Adels einzuschränken versuchte, sich auf das (Groß-)Bürgertum stützte und den Handel förderte; damit machte er sich aber Teile des Adels und des Klerus zum Feind. Er versuchte außerdem seinen Thronanspruch auf Schweden durchzusetzen, wo nun Sten Sture der Jüngere als Reichsverweser fungierte. 1520 begann ein dänischer Angriff, der erfolgreich verlief. Ende 1520 befand sich Stockholm in Hand der Dänen, es kam zum sogenannten Stockholmer Blutbad. Christian II. regierte zwar nun über alle drei Reiche der Union, doch durch die langen und blutigen Kämpfe sowie die oft umstrittene Politik der Unionskönige war die Union diskreditiert. Christians Politik hatte den Adel gegen sich aufgebracht, das Blutbad fügte seinem Ansehen weiteren Schaden zu. 1521 erhoben sich die Schweden unter Gustav I. Wasa (der erste schwedische König aus Haus Wasa), auch in Dänemark und Norwegen hatte Christian keinen ausreichenden Rückhalt mehr. Er wurde 1523 abgesetzt und ging ins Exil, wo er sich für die Reformation engagierte und eine dänische Bibelübersetzung veranlasste (Neues Testament Christians II.). Die Kalmarer Union erlosch, wobei aber die Personalunion zwischen Dänemark und Norwegen bis 1814 bestehen blieb. Geprägt war diese Zeit von Krise und Wachstum, wobei es der dänischen Monarchie, die im 14. Jahrhundert noch um ihr Überleben fürchten musste, zumindest zeitweise gelang, eine hegemoniale Politik im Ostseeraum auszuüben.

    Gesellschaft und Wirtschaft in der Kalmarer Union

    Skandinavien wurde von der Pest unterschiedlich hart getroffen. Der schwarze Tod erreichte Norwegen, wo etwa 350.000 Menschen lebten, bereits im Herbst 1348 und wurde über den Hafen von Oslo eingeschleppt.[658] Im September 1349 wandte sich König Magnus VII. von Norwegen und Schweden (siehe oben) in einem dramatischen Brief an die Bewohner Schwedens, in dem er sie darüber informierte, dass die Pest (eine Strafe Gottes, wie er es formulierte) in ganz Norwegen wütete und auf Schweden überzugreifen drohte.[659] Tatsächlich scheint Norwegen härter von der Pest getroffen worden zu sein (mit einer extrem hohen Sterblichkeitsrate von ca. 60 %) als Dänemark, wo die Berichte auf erste Ausbrüche im Jahr 1349 hindeuten.[660] Schweden erreichte die Pest Ende 1349.[661] In Dänemark mögen vor der Pest in den Reichsgrenzen (also einschließlich des heutigen Südschwedens) ca. eine Million Menschen gelebt haben, in Schweden (ohne die finnischen Gebiete) etwa 500.000 bis 650.000 Menschen.[662]

    Blick vom Fløyen auf die norwegische Stadt Bergen.

    Der Bevölkerungsrückgang im Rahmen der Pest hatte weitreichende sozioökonomische Folgen, wie sie bereits oben für das römisch-deutsche Reich, Frankreich etc. beschrieben wurden. Norwegen wurde nicht nur von der Pest besonders heimgesucht, es verlor nach 1380 auch seine faktische Selbstständigkeit, da es nun in Personalunion von dänischen Königen regiert wurde. In Norwegen nutzte die Hanse die Gunst der Stunde und etablierte sich dort. So wurde 1360 der Kontor in Bergen eröffnet (Hanseviertel Bryggen), der vor allem Stockfisch exportierte und unter anderem Getreide importierte; er sollte bis 1754 bestehen bleiben.[663] Der norwegische Außenhandel wurde so weitgehend von hansischen Kaufleuten kontrolliert. Ohnehin sollte die Hanse im Nord- und vor allem im Ostseeraum wirtschaftliche Interessen verfolgen, die mit den politischen Zielen der dänischen und schwedischen Herrscher kollidierten und zu den oben beschriebenen Kampfhandlungen führten. Skandinavien war schwach urbanisiert, wobei sich die meisten (im europäischen Vergleich kleinen) Städte in Dänemark und die wenigsten in Norwegen befanden. Keine Stadt hatte 10.000 Einwohner, die größte war wahrscheinlich Bergen. In Schweden hatte nur Stockholm eine größere wirtschaftliche Bedeutung im Ostseeraum. Im 15. Jahrhundert gewannen die Städte zunehmend an Bedeutung, wurden reicher und wuchsen wieder. Kulturell blühte die altnordische Literatur im Spätmittelalter auf, so beispielsweise mit der an der Schwelle zum Spätmittelalter verfassten Heimskringla und mit den Vorzeitsagas.[664]

    In den Städten verbreitete sich dann Anfang des 16. Jahrhunderts vergleichsweise schnell die Reformation, die in Dänemark und Norwegen offiziell 1536 eingeführt wurde. Die alte kirchliche Machtstellung wich der neuen religiösen Bewegung. Dies hing nicht zuletzt mit den nationalkirchlichen Bemühungen der dänischen Könige zusammen, eine von Rom unabhängige Kirche zu etablieren. In Schweden erfolgte die Verbreitung der Reformation ebenfalls über die Städte und ermöglichte dem finanzschwachen Königtum später den Zugriff auf kirchliches Vermögen.[665] Die Kirche hatte zuvor von der Anlehnung des nur schwach ausgeprägten Königtums profitiert, das kaum über Verwaltungsstrukturen verfügte, doch nahm der kirchliche Einfluss im Zuge der Neugestaltung der Verwaltung ab. Dazu trug eine schriftliche Fixierung diverser Rechte bei. Die rechtlich-institutionelle Herrschaftsgrundlage war bereits um 1300 in allen drei nordischen Reichen geschaffen worden, wo es auch keine regelrechte Ständeversammlung gab, vielmehr fanden Beratungen im Reichsrat statt, so beispielsweise in Dänemark im sogenannten Danehof, als höchster gesetzgeberischen und rechtlichen Instanz. In Schweden war der Einfluss von Adel und Klerus im Reichsrat insgesamt noch stärker ausgeprägt. In der Kalmarer Union fungierten Reichsräte als zentrale Führungspersonen. Zum Konflikt kam es vor allem dann, wenn die königliche Politik adelige und kirchliche Interessen tangierte, so speziell bei neuen Steuern, da die Staatsfinanzierung das größte Problem der Unionskönige darstellte. Bei der Rechtsprechung kam den Landsthingen (mit adeligen Richtern) eine zentrale Rolle zu.[666] An den schwedischen Reichsversammlungen nahmen seit dem Spätmittelalter auch Freibauern teil, was ungewöhnlich war. Die Kalmarer Union (ein moderner Begriff) beschleunigte den Staatswerdungsprozess in Skandinavien, doch bestanden politische und gesellschaftliche Hürden, die letztlich zum Scheitern führten. Dazu trug bei, dass Schweden seine Interessen gegenüber Dänemark versuchte zu wahren und es nicht gelang, eine verbindliche allgemeine Nachfolgeregelung durchzusetzen. Zu stark waren insgesamt die Widerstände gegenüber einer zu großen Machtfülle des dänischen Königtums, hinzu kamen Fehler in der königlichen Politik.[667]

    Gesellschaftlich dominierte lange die ländliche Gesellschaft mit Adel (der in Dänemark und Schweden machtpolitisch am stärksten ausgeprägt war) und einem freien Bauerntum, wobei in Dänemark und Norwegen Pächter dominierten, wohingegen in Schweden Bauern weitgehend selbstständig waren.[668] Damit unterschied sich Skandinavien vom sonstigen mittelalterlichen Feudalsystem dieser Zeit. Bauern mussten Grundsteuern entrichten, vor allem zum militärischen Unterhalt der Adelsaufgebote. Durch die dramatischen Todesfälle im Rahmen der Pest wurde Arbeitskraft teurer, so verbesserte sich die Position von Bauern gegenüber den großen Grundbesitzern (ähnlich wie in Deutschland, England und Frankreich). Ungefähr ein Drittel des Landes befand sich in der Hand von Bauern, doch unterschied sich die Situation in den einzelnen Reichen teils deutlich: Während in Finnland (das zu Schweden gehörte) fast alles Land von Bauern besessen wurde, war es in Schweden etwas weniger als die Hälfte und in Dänemark nur etwa 10 bis 15 %.[669] In Norwegen und Dänemark wandelte sich nach der Pest die Wirtschaftsstruktur von der vornehmlichen Getreidewirtschaft hin zu Viehwirtschaft (Pferde und Rinder). Hinzu kamen vor allem Fischfang und Bergbau (vor allem Eisen aus Schweden, wo auch Kupfer und Silber gefördert wurde).

    Osteuropa

    Russland

    Der „Mongolensturm“ und seine Folgen
    Karte der Rus zum Zeitpunkt der Mongoleninvasion 1237

    Um 1240 existierten im europäischen Teil des heutigen Russlands und der Ukraine verschiedene Teilfürstentümer der Rus, darunter das von den Rurikiden regierte Kiewer Reich, das Großfürstentum Wladimir und im Norden die Republik Nowgorod.[670] Die unterschiedlichen Reiche bekämpften sich oft gegenseitig, das einst mächtige Kiewer Reich befand sich bereits im Niedergang. Doch wenngleich die diversen Reitervölker seit der Antike immer wieder aus der gewaltigen eurasischen Steppe die umliegenden Reiche unsicher gemacht hatten,[671] kamen die folgenden einschneidenden Ereignisse vollkommen überraschend. Weit im Osten hatte an der Nordgrenze Chinas der ehrgeizige Dschingis Khan das Mongolische Reich gegründet, das schon bald nach Süden und Westen expandierte. 1215 fiel Peking, was den Anfang vom Ende der chinesischen Jin-Dynastie markierte, im Westen eroberten die Mongolen das Reich der Kara Kitai und das Reich der Anuschteginiden im heutigen Iran und dem südwestlichen Zentralasien.[672] Bei Erkundungszügen stieß eine mongolische Vorhut weit nach Westen in das Gebiet der Rus vor. Kiew entsandte eine Streitmacht zur Unterstützung der bedrängten Kiptschaken und es kam im Mai 1223 zur Schlacht an der Kalka, die mit einer vernichtenden Niederlage für Kiew und seine Verbündeten endete. Dennoch scheint man bei den Rus, folgt man den entsprechenden Chroniken, weiterhin im Unklaren gewesen zu sein, mit wem man es genau zu tun hatte.[673] Das sollte sich bald ändern, denn 1237 begann unter Batu Khan die bis 1240 andauernde mongolische Invasion der Rus, die in der raschen Eroberung und teilweisen Zerstörung mehrerer russischer Städte endete und von den Mongolen (nun Tataren genannt) mit großer Brutalität ausgeführt wurde. Das Kiewer Reich ging unter, für die restlichen russischen Reiche begann nach dem verheerenden „Mongolensturm“ die lange Zeit der mongolischen Oberherrschaft. Der weitere mongolische Vorstoß nach Westen führte noch zur Schlacht bei Liegnitz (1241), aber der Tod des Khagans Ögedei rettete das lateinische Europa vor einer möglichen mongolischen Invasion.[674]

    Bis ins 15. Jahrhundert hinein sollte die sogenannte Goldene Horde, ein Teilreich des mongolischen Weltreichs, die Oberherrschaft über die Rus ausüben, wobei der Khan der Goldenen Horde in Sarai residierte. Für die Rus begann die Zeit des „mongolischen Jochs“, wie es später oft beschrieben wurde. Die Mongolen forderten Tribute (Silber, Pelze und Menschen), Gehorsam und Gefolgschaft ein. Doch objektiv betrachtet mischten sie sich relativ wenig in die inneren Verhältnisse ihrer neuen russischen Untertanen ein.[675] Das mongolische Steppenreich war gewaltig und wenngleich man sich nach der endgültigen Eroberung Chinas und Persiens dort auf eine sehr gut ausgebaute Verwaltung stützen konnte, war dies in anderen Teilen nicht der Fall. Die Khans der Goldenen Horde nutzten Bevollmächtigte (baskaki bzw. basqaqi) zur Überwachung und Tributsammlung,[676] ebenso konnten sie Herrscher absetzen oder bestätigen, mischten sich in den soziopolitischen Alltag aber nicht ein. Dies galt auch für die orthodoxe Kirche, die ihre Privilegien behielt. In diesem Sinne scheint die mongolische Oberherrschaft, so drückend sie zeitweise erschien, insgesamt kaum die in der älteren Forschung gängige Betrachtung als „Tatarenjoch“ zu rechtfertigen,[677] denn trotz des Verlustes der staatlichen Selbstständigkeit erfolgte einige Zeit eine innere Befriedung. Die Handelswege waren sicher und reichten bis in den fernen Osten und die anderen Teile des Mongolenreichs. Die Pax Mongolica brachte so auch Wohlstand und ermöglichte russischen Fürsten, die sich mit der mongolischen Herrschaft arrangierten, politische Spielräume. Dies hatte selbst der russische Nationalheld Alexander Jaroslawitsch Newski verstanden und genutzt, als er zeitweise zum mächtigsten Herrscher der Rus aufstieg, dabei aber stets den mongolischen Oberherren unterworfen war. In der russischen Forschung dominiert das negative Geschichtsbild dieser Zeit aber bis heute.

    Der Aufstieg Moskaus
    Die Expansion Moskaus bis 1462.

    Das Großfürstentum Moskau verdankte seinen politischen Aufstieg im 14. Jahrhundert erheblich der Kooperation mit den Khans der Goldenen Horde.[678] Das Moskauer Reich entstand aus dem Großfürstentum Wladimir im Zusammenhang mit den durch den Mongoleneinfall und dessen Folgen ausgelösten politischen Umwälzungen. Es hatte einen bescheidenen Umfang, vergrößerte sein Territorium aber bereits um 1300 und sog Flüchtlinge aus anderen Teilen der Rus auf. 1304 beanspruchte Juri I. Daniilowitsch, Fürst von Moskau und ein Enkel Newskis, den Titel des Großfürsten für sich, was zum Konflikt mit dem konkurrierenden Großfürstentum Twer führte. Beide Seiten waren darum bemüht, den Khan in Sarai auf ihre Seite zu ziehen, denn nur der Khan vergab nun den Großfürstentitel durch Erlass (yarlyk).[679] Dieser Konflikt dauerte Jahrzehnte an und verlief wechselhaft, doch unter Iwan I. konnte sich Moskau gegen Twer weitgehend durchsetzen, wenngleich die Moskauer Fürsten die Großfürstenwürde nicht exklusiv für sich beanspruchen durften; offenbar wollte sich der Khan alle Optionen offen halten und die verschiedenen Seiten bei Bedarf gegeneinander ausspielen. Am Ende triumphierte Iwan dennoch über seine Konkurrenten und verschmolz das Moskauer Territorium mit dem Wladimirs. Moskau expandierte seit dem frühen 14. Jahrhundert territorial erheblich und gewann zunehmend an Macht. Möglich wurden die ambitionierten Erfolge der Moskauer Fürsten durch die Kooperation mit dem Khan in Sarai, die schon an Kollaboration grenzte; hinzu kam die Unterstützung durch die russisch-orthodoxe Kirche. Der Sitz des Metropoliten wurde sogar 1328 von Wladimir nach Moskau verlegt, was erhebliche symbolische Bedeutung hatte. Gleichzeitig etablierte sich im weiteren Verlauf des 14. Jahrhunderts eine adelige Führungsschicht in Moskau, die Bojaren.

    Der Rückzug der Litauer von der Belagerung Moskaus 1370 (illuminierter Codex des 16. Jahrhunderts).

    Nach Iwans Tod 1341 konsolidierten die folgenden Großfürsten von Wladimir-Moskau ihr Gebiet und expandierten weiter.[680] Iwans Sohn Simeon behauptete Moskaus Vorherrschaft gegenüber Twer und pflegte gute Beziehungen zum Hof von Sarai. Sein Neffe Dmitri verfolgte aber noch ehrgeizigere Ziele. Dmitri kooperierte anfangs weiterhin mit den Mongolen und gewann so in einer weiteren Auseinandersetzung mit Twer den Titel des Großfürsten, nachdem der Fürst von Twer sich zunächst mit den Litauern gegen Moskau verbündet hatte. Das Großfürstentum Litauen hatte sich im Westen zu einer neuen Macht entwickelt und 1362 die Region um Kiew von der Herrschaft der Goldenen Horde befreit. 1368 begann ein vier Jahre andauernder Krieg zwischen Moskau und Litauen. Dmitri wehrte die Angriffe aber ab, 1375 unterwarf sich auch das mit Litauen verbündete Twer. Moskaus Oberherrschaft in der Rus schien nun weitgehend gesichert zu sein, auch Nowgorod unterstand zumindest formal dem Moskauer Großfürsten. Dmitri entschloss sich nun, die mongolische Oberherrschaft, die sich bislang als nützlich erwiesen hatte, weitgehend zu ignorieren und stellte die Tributleistungen ein. Im September 1380 schlug er die Mongolen in der Schlacht auf dem Kulikowo Pole. Das Reich der Goldenen Horde hatte seinen Höhepunkt zu diesem Zeitpunkt bereits überschritten, dennoch kam es im folgenden Jahr zu einer mongolischen Strafexpedition, die zur Unterwerfung Dmitris führte, der aber in seiner Stellung belassen wurde und 1389 starb. Die Schlacht von 1380 hatte nicht zur Befreiung Russlands von der Tatarenherrschaft geführt, aber es verfestigte Moskaus Führungsrolle in der Rus gegenüber konkurrierenden Teilherrschern und band die Großfürstenwürde an Moskau.[681] Dennoch musste Moskau in der Folgezeit erhebliche Probleme überwinden, bevor es die „Sammlung russischer Erde“ vollziehen konnte. Mit diesem Begriff wurde oft die Einigung Russlands unter der Hegemonie Moskaus beschrieben; genauer wäre jedoch, damit die in der Regel gewaltsame Ausdehnung des Großfürstentums auf Kosten der anderen, konkurrierenden russischen Teilreiche zu bezeichnen.[682]

    Vorgezeichnet war Moskaus Aufstieg keineswegs. Dmitris Nachfolger mussten ihren Einfluss im inneren und bei der Kirche bewahren und sich mehrmals gegen äußere Feinde behaupten,[683] darunter Twer und Litauen, aber auch die Mongolen, die unter Timur aus dem Osten erneut einbrachen. Timur errichtete ein kurze Zeit bestehendes Großreich, das sich von Zentralasien nach Syrien und an die Grenze Indiens erstreckte, wobei das Reich der Goldenen Horde ein Opfer seines Westfeldzugs wurde.[684] Kirche und Moskauer Staat wuchsen derweil enger zusammen. In der Herrschaftszeit von Wassili II. zerfiel die Goldene Horde in kleinere Khanate, die nicht mehr die Oberherrschaft in der Rus ausüben konnten und denen Wassili die Gefolgschaft faktisch verweigerte. 1431 kam es zu einem Bürgerkrieg in Moskau, doch konnte sich Wassili 1436 durchsetzen; 1445/46 kam es erneut zu Machtkämpfen in Moskau, bei denen auch die Tataren mitmischten und in denen sich Wassili schließlich behaupten konnte.[685] Nach dieser Moskauer Fehde festigte der Großfürst seine Macht im Inneren ab und setzte endgültig die Primogenitur bei der Thronfolge durch. Moskau zielte auch auf eine Unterwerfung der Republik Nowgorod ab und griff die Stadt 1456 erfolgreich an, doch erfolgte die Einverleibung erst einige Jahre später.

    Wassilis Sohn und Nachfolger Iwan III. leitete in seiner langen Regierungszeit (1462 bis 1504) eine erneute Expansionsphase ein, arrondierte das beherrschte Territorium und vollendete den Moskauer Staat weitgehend, der zu einem mächtigen Reich in Osteuropa aufstieg.[686] Iwan erwies sich als geschickter Herrscher und modernisierte die Verwaltung, wobei er gleichzeitig die adeligen Bojaren endgültig der autokratischen Herrschaft des Großfürsten unterwarf. Statt politische Mitsprache anzustreben, definierte sich der Adel im Moskauer Reich nun über den Herrscherdienst. Iwan verweigerte den mongolischen Khans ihren weiterhin geforderten Tribut, zumal er nicht die Einwilligung zur Thronbesteigung eingeholt hatte. In den folgenden Jahrzehnten annektierte Moskau eine Reihe anderer, bislang noch unabhängiger Teilreiche und wurde zu einem Großreich. Neben kleineren Teilreichen eroberte Moskau 1478 Nowgorod und gliederte 1485 den Rivalen Twer dem Großfürstentum ein. Nach dem Stehen an der Ugra 1480 war die Moskauer Unabhängigkeit von den Tataren endgültig gesichert. Mit dem Khanat Kasan, einem Nachfolgereich der Goldenen Horde, kam es 1487 zum Krieg, doch wurde das Khanat erst 1552 von Moskau erobert (Moskau-Kasan-Kriege).[687] Hinzu kam ein Krieg mit Litauen. In kirchlichen Quellen wird Iwan III. als Zar bezeichnet, er selbst nutzte den Titel auch teilweise im auswärtigen Schriftverkehr.[688] Der Titel ist vom Kaisertitel abgeleitet und verbunden mit dem christlich-orthodoxen Gedanken eines Verteidigers des Glaubens. Der Großfürst präsentierte sich als Schutzherr der orthodoxen Christenheit. Nach dem Fall Konstantinopels 1453 sollte Moskau nun die Rolle des „Dritten Roms“ übernehmen, so zumindest eine gelehrte Vorstellung. Von den Moskauer Fürsten wurde eine direkte (politische) Bezugnahme auf Byzanz aber weitgehend vermieden.[689]

    Ausländische Botschafter präsentieren dem Großfürsten von Moskau Geschenke (aus dem Werk Rerum Moscoviticarum commentarii Siegmund von Herbersteins).

    Iwans Sohn Wassili III. führte die Expansionspolitik fort, so musste die Republik Pskow die Moskauer Oberherrschaft 1510 anerkennen, später fiel dann das Fürstentum Rjasan. Der Aufstieg Moskaus wurde auch im lateinischen Europa verfolgt. 1516/17 und 1525/26 reiste der kaiserliche Rat Siegmund von Herberstein als Gesandter von Wien nach Moskau und schilderte seine Eindrücke von diesem durchaus fremd[690] wirkenden Reich im äußersten Osten Europas.[691] Wassilis Sohn Iwan IV. gilt als der erste Zar im eigentlichen Sinne (Zarentum Russland, Iwans Krönung fand 1547 statt). Er eroberte Kasan und weitete die Grenzen des Großfürstentums weiter aus, ebenso führte er Krieg gegen Litauen und begann die russische Eroberung Sibiriens, die mit der Eroberung des Khanates Sibir begann. Damit wurde das Moskauer Reich zu einem Vielvölkerreich mit nun auch muslimischen Untertanen. Verwaltung und Militär wurden reformiert, gleichzeitig herrschte Iwan im Inneren absolut und mit Gewalt. Bei seinem Tod 1584 erstreckte sich das Moskauer Reich über ein gewaltiges Gebiet bis weit jenseits des Urals.

    Gesellschaft und Wirtschaft: Vom „Tatarenjoch“ zum Moskauer Reich

    Die Pest erreichte die russischen Teilfürstentümer im Jahr 1352.[692] Die ersten chronikalischen Berichte stammen aus Pskow, aufgrund der Handelsnetzwerke (die in der Rus vor allem über die weitläufigen Flusssysteme verliefen) griff die Seuche bald auf die Handelsstadt Nowgorod über. Die Pest breitete sich weiter aus, befiel auch das Gebiet der heutigen Ukraine und sprang auf das Reich der Goldenen Horde über. Die Seuche forderte zahlreiche Todesopfer und führte zu einem Bevölkerungsrückgang, doch sind genaue Zahlen kaum zu ermitteln, wenngleich diverse Chroniken relativ detailliert die Schrecken schildern und auch medizinhistorisch teils interessante Informationen vermitteln. Wenngleich 1352 als das Hochjahr der Pest in Russland gilt, wütete die Seuche auch im folgenden Jahr. In Moskau verstarb beispielsweise 1353 Fürst Simeon an der Krankheit. 1417 brach dann die Pest erneut in Nowgorod aus und wütete mehrere Jahre im Land, verbunden mit einer Hungersnot und zahlreichen Toten. Insgesamt liegen für die Zeit von 1352 bis 1442 Berichte über sechs Seuchenausbrüche im Land der Rus vor.[693]

    Politik, Gesellschaft und Wirtschaft wurden in den Teilreichen der Rus nach 1240 maßgeblich vom Verhältnis zu den mongolischen Oberherren bestimmt.[694] Die Mongolen hatten bei ihrer Unterwerfung der Rus schrecklich gewütet und erhebliche Zerstörungen verursacht, mit zahlreichen Toten und vielen Flüchtlingen. Von nun an war zudem jeder russische Fürst gezwungen, seine Thronbesteigung beim Khan in Sarai anzuzeigen und die Bestätigung zu erbitten. Hinzu kamen die mongolischen Tributforderungen, die oft hoch waren. Gleichzeitig eröffnete die mongolische Oberherrschaft, die die russische Forschung gerne als „Tatarenjoch“ dargestellt hat, sichere Handelswege und führte später zu einer wirtschaftlichen Belebung. In der neueren Forschung wird die in der russischen Forschung so verbreitete Darstellung vom „Tatarenjoch“ denn auch dekonstruiert. Die russischen Fürsten hatten sich mit der Tatarenherrschaft arrangiert, sie sogar für ihre Interessen benutzt. Erst nachdem die mongolische Oberherrschaft endgültig beendet war, wurde im Nachhinein das Bild einer tyrannischen Fremdherrschaft konstruiert, die das orthodoxe Christentum unterdrückt habe.[695] In die Alltagspolitik griffen die Mongolen nicht ein und selbst die Kirche blieb verschont, wenngleich die Khans im 14. Jahrhundert zum Islam konvertierten und Druck auf Christen im unmittelbaren Machtbereich der Goldenen Horde zunahm. Bereits seit der Zeit Alexander Newskis hatten die russischen Fürsten die Tatarenherrschaft anerkannt und bemühten sich um gute Beziehungen zum Hof in Sarai. Dies galt besonders dann, wenn sie sich Unterstützung vom Khan erhofften, so bei rivalisierenden Thronansprüchen oder wenn Fürstentümer untereinander konkurrierten.[696]

    In der Forschung ist der mongolische Einfluss auf die Entstehung des Moskauer Reiches oft diskutiert worden. In diesem Zusammenhang reichen die Ansätze von einer vollständigen Leugnung bis hin zur Annahme einer starken Beeinflussung.[697] Die Mongolen hatten im administrativen und fiskalischen Bereich viel von den Chinesen mit ihrem hochentwickelten Verwaltungssystem übernommen. Einiges davon übertrugen die Mongolen auf ihre Herrschaft über die Rus, so durch Bevölkerungszählungen für Steuerlisten und bei Tributforderungen. Die Mongolen setzten Beauftragte (baskaki, siehe Darughachi) für Steuereintreibung und Verwaltung ein. Da die Goldene Horde keine direkte Herrschaft in der Rus ausübte, wurden zunächst Beauftragte entsandt, später jedoch ging diese Aufgabe in Moskau und Twer etwa an die herrschenden Fürsten über.[698] Im Verwaltungsbereich wurden im Moskauer Reich am Vorbild mongolischer Verwaltungspraxis zumindest teilweise Elemente übernommen. Im Russischen sind denn auch mehrere Wörter von mongolischen Begriffen abgeleitet, so den’ga (Geld, heute den’gi), tamožnja (Zoll) und kaznačej (Kassenwart).[699] Allerdings hatte die Angleichung Grenzen. Die Moskauer Fürsten kooperierten notgedrungen mit den Khans und zogen Nutzen daraus, indem sie lernten, mit den Tataren zu leben und zusammenzuarbeiten, solange dies notwendig war.[700] Die Übernahme des islamischen Glaubens durch die Khans bildete aber im religiösen und kulturellen Bereich eine unüberwindbare Hürde. In der Moskowiter Kirche entwickelte sich denn auch seit dem späten 15. Jahrhundert eine anti-tatarische Ideologie, da es in der Nachbetrachtung unerträglich schien, einem fremden und ungläubigen Herrscher Untertan gewesen zu sein. Die Erzählung vom „Tatarenjoch“ baute auf diese Strömung auf und inszenierte bewusst die Wahrung des russisch-orthodoxen Glaubens zur Aufgabe des Moskauer Großfürsten.[701]

    Mariä-Entschlafens-Kathedrale im Moskauer Kreml, erbaut 1479

    In Moskau etablierte sich ab dem späten 14. und dann endgültig im 15. Jahrhundert eine autokratische Herrschaft, in der allein der Großfürst ohne adelige Einmischung regierte,[702] was in der Erlangung der Kaiserwürde (Zar) gipfelte. Unterhalb der Fürsten hatte sich die Schicht des grundbesitzenden Adels gebildet, die Bojaren (ein durchaus unscharfer und mehrdeutiger Begriff), darunter stand der niedrige Dienstadel. Deren Stellung unterschied sich jedoch in den verschiedenen Teilreichen. In Moskau verschlechterte sich die Position der Bojaren gegenüber dem Großfürsten im Laufe der Zeit, im 15. Jahrhundert waren sie deshalb bestrebt, Amtspositionen zu bekleiden, um weiterhin relevant zu sein. Für manche Adelige eröffneten sich so neue Chancen, anderen blieb keine Wahl.[703] Es wurden schließlich Dienstlisten aufgestellt, die die Rangstellung der Adeligen widerspiegelten (mestnicˇestvo-System), was zu Rangstreitigkeiten im Adel führte.[704] Der Dienstaspekt unterscheidet so den entstehenden Adel in Moskau und später im Kaiserreich Russland fundamental vom Adel im lateinischen Europa, er sah seine Aufgabe und Legitimation demnach vielmehr vor allem im Dienst für den Fürsten.[705] Die Verwaltung wurde zentralisiert und es wurden Dienstgüter vergeben. In der Republik Nowgorod hingegen waren die Bojaren neben der Kirche der bestimmende Faktor. Gesellschaftlich am unteren Ende befand sich die Masse der Bauern, wovon ein Teil frei und ein Teil sich in Abhängigkeit vom Grundherren befand. Beide Gruppen hatten Abgaben zu entrichten und Dienstpflichten zu erfüllen, doch die freien („schwarzen“) Bauern, die auf großfürstlichem Land lebten, konnten sich weitgehend frei bewegen und wirtschaften; dies galt nicht für die unfreien „weißen“ Bauern, die auf Land von Kirche und Grundherren lebten. Bereits im 15. Jahrhundert verloren viele freie Bauern die volle Freizügigkeit. Doch die später so berüchtigte Leibeigenschaft der russischen Bauern, die in der Endphase des Zarenreichs für sozialen Sprengstoff sorgte, wurde erst nach dem Ende des Mittelalters durch die endgültige Bindung an die Scholle eingeführt. Stadtbewohner wiederum galten grundsätzlich als Untertanen des Fürsten.[706] Die russisch-orthodoxe Kirche spielte eine wichtige Rolle und diente als moralische Autorität. Umso wichtiger war die Verzahnung von Staat und Kirche im Großfürstentum Moskau, die sich im Laufe der Zeit entwickelte und zum politischen Erfolg beitrug.[707]

    Nowgorod im Hansehandel

    Die Teilreiche der Rus waren trotz der mongolischen Eroberung in den europäischen Fernhandel integriert und es fand wohl sogar ein Warenaustausch mit dem weiter entfernten asiatischen Raum über die Flusssysteme statt,[708] wobei die russischen Fern- und Großhändler als gosti bezeichnet wurden.[709] Eine zentrale Rolle spielte die Republik Nowgorod, die über ein komplexes Verwaltungssystem für das kontrollierte Territorium verfügte (das sich über ein gewaltiges Gebiet in Nordrussland erstreckte) und sich deutlich vom Moskauer Reich unterschied, das Nowgorod 1478 eroberte.[710] Nowgorod war das Tor der Rus zum Handel mit dem lateinischen Europa, wobei unter anderem Wachs, Flachs und Pelze exportiert wurden; importiert wurden etwa Tuche, Salz und Edelmetalle. Nowgorod stand zudem im Kontakt mit der Hanse und betrieb Handel bis zum Ural, wobei es vor allem durch den lukrativen Pelzhandel reich geworden war. Der Handel mit der Hanse nahm im 15. Jahrhundert allerdings ab. Landwirtschaftlich wurden neue Gebiete nutzbar gemacht (mit oft kleinen Siedlungen), wobei die Klöster eine nicht unwichtige Rolle spielten. Dies wurde gefördert durch eine Binnenmigration. Angebaut wurden vor allem Roggen und Hafer, ebenso waren die Viehwirtschaft (Rinder, Schafe und Schweine), Fischfang und Holzverarbeitung von Bedeutung, ebenso Roheisengewinnung. Die Landwirtschaft blieb wirtschaftlich der wichtigste Faktor, die Dreifelderwirtschaft ist aber erst für das 16. Jahrhundert sicher belegt. Der Handel wuchs insgesamt an und wurde immer wichtiger, mit den Städten als zentraler Drehpunkt. Entgegen der älteren Forschung wird daher inzwischen eine wirtschaftliche Erholung in der Rus nach der Verheerung des Mongoleneinbruchs festgestellt, die bereits im 14. Jahrhundert einzusetzen scheint, wenngleich das 13. Jahrhundert eine Krisenzeit darstellt.[711] In der Rus wuchs sowohl die Zahl der Städte als auch deren Einwohnerzahl, nachdem die mongolische Eroberung die Städte am härtesten getroffen hatte. Nowgorod war mit wohl rund 30.000 Menschen im späten 15. Jahrhundert die größte Stadt. Der Bevölkerungsrückgang, die archäologisch nachweisbar vermehrten Wüstungen und die wirtschaftlichen Krisenerscheinungen in der Zeit nach 1240 waren aber nicht die alleinigen Folgen des „Mongolensturms“, vielmehr spielten ebenso eine klimatische Verschlechterung und Veränderungen im gesamteuropäischen Kontext (mit der Hanse im Ostseeraum, dem politischen Aufstieg Ungarns und Litauens sowie den politischen Veränderungen in Skandinavien) eine wichtige Rolle.[712] Hinzu kamen die Folgen der Pest.

    Polen-Litauen

    Auf dem Weg zur Union
    Das Königreich Polen unter Kasimir III. (1333–1370).

    Das Königreich Polen befand sich zu Beginn des Spätmittelalters in einer schwierigen Situation.[713] Die dort regierenden Piasten hatten immer wieder mit dynastischen Streitigkeiten der verschiedenen Hauslinien in Kleinpolen und Großpolen sowie mit innen- und außenpolitischen Problemen zu kämpfen. Während die polnischen Herzogtümer wirtschaftlich und innerlich gestärkt waren, war die königliche Oberherrschaft über die zersplitterten Herrschaftsräume lange nicht durchsetzbar. 1320 gelang es Władysław I. sich allgemein als König durchzusetzen und damit die übergreifende Königsgewalt zu erneuern, doch hatte er zuvor erhebliche Konflikte in Polen überwinden müssen (1314 vereinte er Klein- und Großpolen). Er profitierte außerdem davon, dass die Přemysliden in männlicher Linie 1306 ausgestorben waren, die als Könige Böhmens (das Teil des römisch-deutschen Reichs war) zuletzt auch die polnische Königswürde beansprucht hatten.[714] Władysław musste auch später noch Ansprüche Haus Luxemburgs abwehren, das 1310 die böhmische Königswürde erworben hatte. Einer der Gegner für die christlichen Polen waren die immer noch paganen Litauer. Es kam immer wieder zu Konflikten, da Litauen sein Territorium stetig erweiterte. Unter den in Litauen herrschenden Gediminiden kam es aber zu einer langsamen Annäherung. Der spätere polnische König Kasimir III. heiratete noch als Kronprinz 1325 Anna von Litauen. Als König übernahm Kasimir kein leichtes Erbe, da sein Vater verlorene Gebiete nicht zurückgewonnen hatte und das Königreich schwer unter den Folgen der vorherigen Kampfhandlungen litt. Kasimir konsolidierte in der Folgezeit Territorium und Königsgewalt. Er reformierte zudem die Verwaltung, förderte die Städte und betrrieb eine rege Baupolitik.[715] Außenpolitisch verständigte sich der König 1335 mit den Luxemburgern (dafür verzichtete er auf das Herzogtum Schlesien) und orientierte sich in Richtung der Rus, wo sich nach dem Mongolensturm neue Teilreiche gebildet hatten (siehe oben). Das Fürstentum Galizien-Wolhynien wurde weitgehend von Polen annektiert, Teile davon fielen an Litauen. Am Ende seiner Regierungszeit hinterließ Kasimir ein politisch erstarktes und im Inneren stärker als zuvor konsolidiertes Reich.

    Nach Kasimirs Tod 1370 folgte ihm sein Neffe Ludwig von Anjou nach, seit 1342 König von Ungarn. Nach dessen Tod 1382 war die Nachfolgefrage in Polen offen. Der polnische Sejm kam zu dem Befund, dass die Personalunion mit Ungarn unvorteilhaft für Polen gewesen war und entschied sich schließlich für Ludwigs Tochter Hedwig als Thronerbin. Nun wandte man sich Litauen zu. Es wurde 1385 mit der Union von Krewo vertraglich vereinbart, dass die minderjährige Hedwig den litauischen Großfürsten Jogaila heiraten und Polen mit dem Großfürstentum Litauen (das im Mittelalter wesentlich größer war als der heutige Staat Litauen) in einer Personalunion verbunden werden sollte.[716] 1386 wurde Jogaila als Władysław II. Jagiełło in Krakau zum König von Polen gekrönt. Vorausgegangen war die Taufe des Großfürsten und anderer litauischer Großer (Bojaren), da ansonsten eine Verbindung undenkbar war. Das katholische Christentum wurde in der Folgezeit in Litauen durchgesetzt und das Großfürstentum wurde Teil des christlichen Europas. Damit entstand in Osteuropa eine neue Großmacht, die Polnisch-Litauische Union.

    Der Deutschordensstaat und seine Grenzen zum Großfürstentum Litauen im 14. und 15. Jahrhundert.

    Das Großfürstentum Litauen war etwa sechsmal so groß wie das Königreich Polen[717] und erstreckte sich über ein gewaltiges Territorium.[718] Die Litauer hatten ab dem 13. Jahrhundert mehr und mehr Stämme und Fürstentümer im Raum zwischen Ostsee, der Rus und Polen erobert.[719] Die paganen Litauer kämpften dabei sowohl gegen Polen als auch gegen die Rus und den expansiv auftretenden Deutschen Orden, der sich der Bekämpfung der „Heiden“ verschrieben, aber ebenso im Baltikum und Preußen einen mächtigen eigenen Territorialkomplex errichtet hatte (siehe folgenden Abschnitt). Doch auch Litauen trat außenpolitisch aggressiv auf. Die Großfürsten Algirdas und Gediminas trieben die Expansion nach Osten voran, auf Kosten der Rus und in Konkurrenz zu den Tataren der Goldenen Horde.[720] 1362 entrissen die Litauer die Region um Kiew den Tataren und beherrschten nun weite Teile der heutigen Ukraine bis zum Schwarzen Meer. Des Weiteren lieferte man sich mehrmals militärische Konflikte mit den Teilfürstentümern der Rus, wie den bereits oben beschriebenen Kriegen mit dem Großfürstentum Moskau. Das Reich war nur lose aufgebaut, was aber die Integration der eroberten Gebiete erleichterte und die Bildung einer neuen Adelsschicht förderte; im 14. Jahrhundert förderten die Großfürsten auch die Städte (wie Vilnius) und Kaufleute.[721] Die Großfürsten regieren als Monarchen, aber keineswegs absolut; vielmehr musste andere Große (wie die Clanführer in Aukstaitija) eingebunden werden. Das Herrscherhaus sicherte die militärischen Erfolge durch ein Netzwerk dynastischer Verbindungen ab und arrangierten sich mit seinen zahlreichen christlichen Untertanen. Diese überwogen im Laufe der Zeit und auch mehrere litauische Große traten zum Christentum in seiner orthodoxen Form über. Dies stellte insofern ein Problem dar, als dass das pagane Litauen bislang zwischen dem katholischen Westen und dem orthodoxen Osten politisch laviert hatte.[722] Der Aufstieg des Großfürstentums resultierte wohl nicht zuletzt aufgrund der geographischen Lage Litauens am Schnittpunkt politischer Herrschaftsräume, Handelsrouten (mehrere Handelsposten sind bereits im 13. Jahrhundert belegt, dazu kommt die Rolle von Vilnius) und konfessioneller Großräume zwischen Ost und West; hinzu kam die historische Situation in Osteuropa mit dem Tatareneinfall und dessen Folgen.[723] Umso bedeutender war die Entscheidung Jogailas, sich für den katholischen Glauben zu entscheiden und das Land vollständig zu christianisieren.

    Eine Union als Großmacht

    Die Polnisch-Litauische Union entwickelte sich im 15. Jahrhundert zur führenden Großmacht Osteuropas, wenngleich sie als Personalunion im Inneren locker aufgebaut war und die Ständeversammlung (Sejm) über viel Macht verfügte.[724] Litauen hatte auch weiterhin teilweise andere Interessen als Polen, so dass die Union auch nicht völlig reibungslos verlief, aber sich schrittweise entwickelte und in der Union von Vilnius und Radom 1401 noch einmal bekräftigt wurde; allerdings handelte es sich auch hier nur um ein persönliches und dynastisches Arrangement.[725] Mit der endgültigen Christianisierung Litauens fiel ein Argument für die sogenannten Preußenfahrten und die Litauerkriege des Deutschen Ordens weg, die an der Kreuzzugsidee orientiert waren, aber auch macht- und wirtschaftspolitische Ziele verfolgten.

    Darstellung der Schlacht bei Tannenberg (1410) in der Berner Chronik von Diebold Schilling dem Älteren um 1483.

    Ausgangspunkt dieser Entwicklung war die Missionierung des paganen Baltikums im 13. Jahrhundert, wobei Christianisierung, Eroberung und Herrschaftsbildung Hand in Hand gingen.[726] Dieser Prozess des Kampfs gegen die „Heiden“ wurde wesentlich vorangetrieben von geistlichen Ritterorden, von denen der bedeutendste der Deutsche Orden war, der seit Mitte des 13. Jahrhunderts im Kampf gegen Prußen und in Livland einen eigenen Territorialkomplex geschaffen hatte, den Deutschordensstaat.[727] Der Orden hatte in diesem Zusammenhang ein Herrschaftsverhältnis etabliert, wobei die einheimische Bevölkerung in Abhängigkeit gezwungen wurde. In den baltischen Städten wiederum bildeten Deutsche, die vor allem als Kaufleute und Missionare nach Osten gezogen waren, eine bedeutende Minderheit. Im 13. Jahrhundert interveniert zudem Dänemark im Baltikum und beherrschte fortan bis Mitte des 14. Jahrhunderts Teile Estlands.[728] Ein gemeinsamer Feind Polen-Litauens war der Deutsche Orden, der 1370 die Litauer in der Schlacht bei Rudau besiegt und sich gegenüber Polen behauptet hatte. Der Orden wiederum sah die Union als Bedrohung der eigenen Herrschaftspolitik in diesem Raum und konnte sich nicht mehr auf den „Kampf gegen die Heiden“ berufen.[729] 1410 kam es dann zum offenen Konflikt zwischen dem Orden und der Union. In der später mythisch aufgeladenen Schlacht bei Tannenberg (1410) unterlag der Deutsche Orden, der in der Folgezeit einen Niedergang erlebte. Im Frieden von Thorn (Februar 1411) musste der Orden sehr hohe Reparationen und kleinere Gebietsverluste akzeptieren.[730] Er stellte fortan keine Bedrohung mehr für Polen-Litauen dar, eine deutschstämmige Oberschicht verblieb aber im Baltikum (Deutsch-Balten). 1466 wurden dann, nachdem der Preußische Bund vom Orden abgefallen war, noch größere Teile des westlichen Ordenslandes als Königliches Preußen von Polen annektiert. Im Osten bemühte sich die Union um Behauptung gegenüber dem aufstrebenden Moskauer Staat, der, wie oben bereits geschildert, im 15. und 16. Jahrhundert stark expandierte.

    Wachssiegel Kasimirs IV. aus dem Jahr 1455. Kasimir regiert von 1440 in Litauen und von 1447 in Polen bis zu seinem Tod 1492.

    Bis 1572 sollte Polen-Litauen von den Jagiellonen regiert werden.[731] Unter ihnen festigte sich die Personalunion Polen-Litauen.[732] Allerdings gab es durchaus Krisenzeiten, so im Fall des Bürgerkriegs von 1432 bis 1438 und im Zusammenhang mit dem Tod des sehr jungen Königs Władysław III. (der auch die ungarische Krone beanspruchte) in der Schlacht bei Warna 1444 gegen die Türken. Polen trat hierbei als Vorkämpfer der Christen gegen den neuen muslimischen Feind auf. Władysławs Bruder Kasimir IV. Andreas konnte die Königsherrschaft und damit die Union wieder konsolidieren, wobei er einige Widerstände überwinden musste.[733] Allerdings ist es in der Forschung umstritten, wie stark die Union nach 1447 ausgeprägt war, nachdem Kasimir, zuvor seit 1440 Großfürst von Litauen, auch König von Polen war. Letztlich handelte es sich wohl weiterhin um eine vor allem dynastische Union zweier ansonsten weitgehend selbstständiger Staaten, die aber vertraglich durch diverse Unionsabkommen miteinander verbunden waren.[734] Kasimir pflegte gute Beziehungen zu den Habsburgern und war mit Elisabeth von Habsburg verheiratet, wie die Beziehungen zum Imperium in dieser Zeit ohnehin grundsätzlich gut waren; mit den Türken hatte man vor allem im 16. Jahrhundert dann einen gemeinsamen Gegner.[735] Teil der Herrschaftspolitik war eine weitgespannte Heiratspolitik mit ausländischen Fürsten. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass Polen und Litauen nicht ständig von einem gemeinsamen Herrscher regiert wurden, dies aber für den Großteil des hier behandelten Zeitraums zutreffend ist. So traten nach Kaismirs Tod 1492 seine Söhne die Herrschaft in Polen und Litauen getrennt an, bevor beide Reiche unter seinen Söhnen Alexander (ab 1501) und Sigismund I. wieder vereint regiert wurden. Sigismund Sohn, Sigismund II. August, war dann der letzte Jagiellone.[736] Außenpolitisch wichtigstes Ziel war in dieser Zeit die Abwehr der Türken und Tataren (Khanat der Krim). Es kam aber ebenso zwischen 1558 und 1583 zum insgesamt erfolgreich verlaufenden Krieg um Livland gegen Moskau, wobei Polen-Litauen mit Schweden und Dänemark verbündet war.

    Polen und Litauen im Spätmittelalter

    Die Union von Lublin 1569 wandelte unter Sigismund II. die Personalunion in eine Realunion beider Staaten um, aus dem dynastischen Unionsreich wurde eine „parlamentarische Union“. Damit entstand der frühneuzeitliche Staat Polen-Litauen, eine ständische Republik (Adelsrepublik) statt der vorherigen Ständemonarchie.[737] Nach Sigismunds Tod 1572 begann eine Zeit, in der gerade der polnische Adel weiterhin sehr einflussreich blieb und das Königtum insgesamt geschwächt wurde. In der Adelsrepublik (Rzeczpospolita) pochte der Sejm auf das Liberum Veto und sicherte sich so zahlreiche Privilegien ab. Dies führte im weiteren Verlauf der Frühen Neuzeit dazu, dass der polnische Königsthron zeitweise ein Spielball europäischer Politik wurde und polnische sowie ausländische Adelshäuser den Thron für sich beanspruchten, aber keine starke zentrale Königsmacht etablieren konnten. Die Folge war ein Machtverlust Polens, das sich von außen zuerst gegen die Türken behaupten musste, dann aber vor allem gegen seine westlichen Nachbarn und Russland, was schließlich zu den Teilungen Polens führte.

    Getrennt und verbunden: Staat, Gesellschaft und Wirtschaft in Polen-Litauen

    In der nicht zum Königreich gehörenden Küstenregion brach die Pest bereits Ende 1349 aus, doch Gebiete im südlichen Polen und damit im eigentlichen Königreich waren erst 1350 von der aus Ungarn und Böhmen eingeschleppten Seuche betroffen, was sich aus der Auswertung der teils widersprüchlichen Quellen ergibt.[738] Entgegen der oft geäußerten Forschungsmeinung, Polen sei von der Pest weitgehend verschont worden, kommt der norwegische Medizinhistoriker Ole Benedictow in seiner umfassenden Auswertung zu einem anderen Urteil: „Zweifellos wurde der größte Teil Polens im Jahr 1350 [von der Pest] erobert, und die Eroberung war zu dem Zeitpunkt abgeschlossen, als andere Seuchenerreger von Deutschland aus die Westgrenze erreichten.“[739] In den folgenden Jahrzehnten sind mehrfach weitere Seuchenausbrüche in Polen belegt.[740] An der Küste brach die Pest, wie bereits erwähnt, bereits 1349 aus, so in der zum Deutschordensstaat gehörenden Hansestadt Elbing Ende August; anschließend erfasste die Seuche Preußen und griff dann auf das Baltikum über.[741]

    Urkunde der Union von Krewo (1385), die zur Polnisch-Litauischen Union führte.

    Die Polnisch-Litauische Union war 1385/86 durch eine Personalunion zweier weiterhin unabhängiger Staaten entstanden, die erst 1569 in eine Realunion umgewandelt wurde.[742] Personalunionen waren im Spätmittelalter nicht selten, wie die Beispiele in Spanien und Skandinavien zeigen (siehe oben). An der Spitze stand der König von Polen, ihm nachgeordnet war der Großfürst von Litauen. Wie oben bereits geschildert, waren beide Ämter nicht immer in einer Hand vereint. Die verschiedenen Unionsakte im Laufe der Zeit können nicht überdecken, dass es sich bis 1569 um dynastisch-politische Arrangements handelte und diese an die jeweils regierenden Könige gebunden waren. Erst ab 1501 waren die beiden Spitzenämter, König und Großfürst, wieder vollständig vereint, während es im 15. Jahrhundert teils unabhängig voneinander agierende Herrscher der Jagiellonen in Polen und Litauen gab.[743] Es wirkte sich stabilisierend auf den Fortbestand der Union aus, dass es sich dabei stets um Mitglieder des gleichen Herrscherhauses handelte und die herrschaftliche Bindung des Adels an den König bzw. Großfürsten bestehen blieb. Die Union zwischen beiden Reichen war gewollt und nicht erzwungen, die Unabhängigkeit und Gleichheit wurde deshalb schon von gelehrten Zeitgenossen explizit betont. Allerdings sorgten die Unionsakte für eine stärkere Integration,[744] da auf Reichsversammlungen gemeinsame Angelegenheiten besprochen wurden und es in diesem Zusammenhang zu einer sozialen Integration kam. Elemente polnischer Verwaltungspraxis wurden in Litauen übernommen (Woiwodschaft), Maßeinheiten wurden vereinheitlicht. Der Adel beider Reiche (Szlachta) war in fast jeder Form gleichgestellt. Zentral war aber die Übernahme des katholischen Christentums durch die Litauer und vor allem die meisten Bojaren im Laufe der Zeit.[745] Die katholische Kirche spielte in Polen eine wichtige Rolle, während das Großfürstentum erst christianisiert wurde. Dort kam es teils zu Konflikten mit der orthodoxen Bevölkerung, da die katholischen Christen privilegiert wurden. Władysław II. Jagiełło musste so interne Widerstände überwinden, darunter von orthodoxen Bojaren, was aber gelang. Politisch-kulturell mochte die polnische Seite überwiegen, doch Litauen behielt seine grundsätzliche Eigenständigkeit bis 1569.

    Privileg König Stephan Báthorys für den polnisch-litauischen Adel zur Bestätigung seiner Rechte (1576).

    Aus regionalen Ständeversammlungen hatte sich in der Union ein Reichstag entwickelt, der um 1500 in zwei Kammern geteilte Sejm, der eine wichtige Rolle in der Reichspolitik spielte. Die territoriale Größe und die politischen Strukturen erlaubten nie eine Konsolidierung der Macht an der monarchischen Spitze. König, Sejm und lokale Autoritäten standen in wechselseitiger Beziehung zueinander, mit unterschiedlich starken Machtzentren. Der Adel gerade in Polen verfügte über weitreichende Freiheiten von der Krone, so bereits zuvor 1374 verbrieft durch das Kaschauer Privileg. Diese Rechte wurden in der Folgezeit ausgebaut, da der König auf Mitwirkung (wie bei Steuerfragen) angewiesen war.[746] Der König ernannte Beamte, doch diese rekrutierten sich weitgehend aus angesehnen Familien, die eine Berücksichtigung erwarteten. Dennoch verfügte der König vor allem in der Außenpolitik über einigen Handlungsspielraum, mit der Kanzlei als wichtiges Herrschaftsinstrument. Das Königtum diente zudem als zentraler Integrationsfaktor für die multiethnische Union, es büßte innenpolitisch aber gleichzeitig zunehmend an Macht ein (Konstitution Nihil Novi von 1505, womit der König Gesetze nur noch mit Zustimmung beider Kammern des Sejm erlassen durfte). Die Union von Lublin 1569 wandelte das Reich dann endgültig in eine Adelsrepublik um. Die königliche Finanzlage war schwach, es standen vergleichsweise wenig Einnahmequellen zur Verfügung, so dass die Herrscher etwa bei Kriegen auf Zustimmung des Adels für Sondersteuern angewiesen waren. Im 16. Jahrhundert besserte sich die finanzielle Situation etwas.[747]

    Bedeutsam ist die Anbindung Polen-Litauens an das restliche Europa und die kulturelle Entfaltung im Rahmen des Renaissance-Humanismus, der sich in Italien entwickelt hatte (siehe oben) und nun Gelehrte in ganz Europa beeinflusste. Diese Entwicklung wurde in Polen-Litauen vom Königtum und lokalen Fürsten gefördert, wobei ein Zentrum Krakau mit seiner Universität war. Ein bedeutender Vertreter war Nikolaus Kopernikus, der die sogenannte kopernikanische Wende einleitete.[748] Die Reformation verbreitete sich auch in Polen und fand dort einige Anhänger, ein früher Förderer war beispielsweise Johannes a Lasco.

    Die Bevölkerung in Polen-Litauen betrug gegen Ende des Spätmittelalters geschätzt etwa 7,5 Millionen Menschen, wie dieser Raum ohnehin dünner besiedelt war als andere Teile Europas.[749] Der Adel umfasste in Polen-Litauen ca. 10 % der Bevölkerung (was mehr war als in den meisten anderen Reichen) und war keineswegs vollkommen abgeschottet. Er genoss dennoch viele Privilegien und Adelige bekleideten hohe Posten im Staat und Klerus. Bauern mussten Abgaben entrichten, waren in Polen aber grundsätzlich frei, bevor ab Ende des 15. Jahrhunderts die Grundherren den Druck auf die Bauern erhöhten und sich die Leibeigenschaft entwickelte; eine ähnliche Entwicklung fand im gleichen Zeitraum in Litauen statt.[750]

    Die hochmittelalterliche Ostsiedlung hatte zu mehreren Städtegründungen in den ostelbischen Gebieten (Germania Slavica) geführt. In Polen selbst kam es im 13. und 14. Jahrhundert zu mehreren Städtegründungen, viele Deutsche zogen als Kaufleute und Handwerker hinzu. Deutsche Stadtrechte und Ratsverfassungen beeinflussten zudem die Entwicklung in polnischen Städten.[751] Deutsche siedelten sich in dieser Zeit auch im Baltikum bzw. dem alten Ordensstaat an, wo sie zur führenden Schicht gehörten (Deutsch-Balten). Städte waren die wichtigsten Wirtschaftszentren, ein zentraler Drehpunkt des Handels war Krakau. Die Städte waren ebenso aufgrund ihrer gewerblichen Produktion bedeutsam, wobei die umliegenden Agrargebiete eingebunden waren und Polen stärker urbanisiert war als Litauen. In den Städten monopolisierte ein reiches Patriziat viele städtische Ämter. Kaufleute spielten eine Rolle vor allem im Lokal- und Fernhandel sowie in der Stadtregierung, eingewanderte Ausländer konnten ebenfalls in wichtige städtische Positionen aufrücken. Wirtschaftlich waren gerade in polnischen Städten die Juden von Bedeutung, die teils angefeindet wurden, doch wuchsen die jüdischen Gemeinden. Der Adel bemühte sich, den politischen Einfluss städtischer Eliten zu begrenzen, was im 16. Jahrhundert auch deutlich gelang (städtische Vertreter erschienen kaum noch zu Ständeversammlungen).[752] Wichtig waren unter anderem Getreideanbau, die Holzproduktion und Waldwaren (wie Honig, Wachs und Teer); Viehzucht war regional verbreitet.[753] Hinzu kam gerade im Südwesten des Königreichs Minenbau (Silber und Eisen), gewonnenes Salz wurde zur Konservierung benutzt, etwa für Heringe.[754] Getreide wurde teilweise exportiert (Ende des 16. Jahrhunderts durchschnittlich 44.000 Tonnen über den Hafen von Danzig), zumal Polen-Litauen fruchtbare Gebiete im Osten umfasste und hier wichtige Handelsrouten verliefen.[755]

    Südosteuropa

    Ungarn: Von den Anjoukönigen bis zur osmanischen Eroberung

    Das Königreich Ungarn war im Spätmittelalter ein mächtiges Reich, zu dem auch das Königreich Kroatien als Teil der Länder der Stephanskrone gehörte. Es erstreckte sich im 15. Jahrhundert vom heutigen Ungarn bis an die Adriaküste im Westen, Belgrad im Süden und den Karpaten im Osten. Zeitweise waren auch andere Regionen, wie das Königreich Bosnien, Vasallen Ungarns, das seit Mitte des 14. Jahrhunderts von Buda aus regiert wurde.[756]

    Ungarn war ein ganz überwiegend katholisches, multiethnisches Königreich, das sich im frühen 14. Jahrhundert noch stärker als zuvor Westeuropa zuwandte. Nach dem Ende der Arpadendynastie 1301 sollten im weiteren Verlauf des Spätmittelalters bis 1526 mehrere ausländische Dynastien und (im 15. Jahrhundert) einheimische Adelsfamilien versuchen, die ungarische Krone für sich zu beanspruchen. Den Anfang machte das Haus Anjou, als Karl I. Robert Erbansprüche geltend machte und 1308 den ungarischen Thron bestieg.[757] Er musste seine Thronansprüche zunächst gegenüber den sogenannten Oligarchen durchsetzen, die nach dem Ende der Arpaden eigene Kleinreiche erschaffen hatten. Johann von Luxemburg, der als Erbe der böhmischen Přemysliden die polnische und ungarische Krone beanspruchen konnte, verzichtete schließlich. Zu den Habsburgern im Reich und den Piasten in Polen unterhielt der König gute Beziehungen, Ungarn und Polen wurden sogar enge Verbündete. 1335 schlichtete Karl Robert den Streit zwischen Luxemburgern und Piasten um den polnischen Thron, wobei Johann seine Ansprüche gegen Entschädigung aufgab. Karl Roberts eigene Ansprüche auf das Königreich Neapel erwiesen sich aber als nicht durchsetzbar. Im Inneren brach er die Macht der Barone und reformierte nach dem westeuropäischen Vorbild die Verwaltung. Die Krondomäne wurde ausgebaut und diente als Grundlage der gestärkten Königsherrschaft. Finanziell war die Lage gut, die königliche Kasse war gefüllt.[758] Es zogen außerdem ausländische Händler und Handwerker in ungarische Städte, darunter auch Deutsche (so die deutsche Bezeichnung Ofen für die Stadt Buda).

    König Ludwig der Große (1342 bis 1382) auf dem Thron inmitten seiner Ritter (Ungarische Bilderchronik, 1358).

    Auf ihn folgte 1342 sein Sohn Ludwig I., einer der bedeutendsten spätmittelalterlichen Könige Ungarns.[759] Ludwig der Große, wie er auch genannt wird, regierte von seiner Krönung in Stuhlweißenburg an in Ungarn und ab 1370 auch in Polen, nachdem dort die Piasten ausgestorben waren und er von seinem Onkel, dem polnischen König Kasimir III., bereits zuvor als Erbe eingesetzt worden war. Ungarn dominierte allerdings in dieser Personalunion, so dass sich die Polen nach Ludwigs Tod 1382 Litauen zuwandten (siehe oben). In Ungarn selbst knüpfte Ludwig an die Politik seines Vaters an, der die Königsgewalt gestärkt hatte. Unter Karl Robert und Ludwig erlebte das mittelalterliche Ungarn einen Höhepunkt seiner Machtentfaltung. Die Macht des Adels war eingeschränkt worden, die Stände wurden kaum einberufen und die königliche Zentralisierungspolitik wurde fortgeführt (zum Nachteil der Komitate). Es fanden Reformen und eine Professionalisierung der Verwaltung statt.[760] Außenpolitisch intervenierte Ludwig 1347/48 und dann noch einmal 1350 im Königreich Neapel, hatte dort aber keinen bleibenden Erfolg. Es kam zu Kämpfen mit der Republik Venedig um Dalmatien (Friede von Zadar 1358), wobei Ungarn Gebiete gewinnen konnte. Im Süden fiel Begrad an Ungarn und wurde eine wichtige Grenzfestung. Nach dem Tod des serbischen Herrschers Stefan Uroš IV. Dušan 1355 wurde Ungarn zur Hegemonialmacht im nördlichen Balkanraum. Bald darauf kam es aber auch zu ersten Zusammenstößen mit den Truppen des osmanischen Reiches, nachdem die Osmanen in den 1350er Jahren auf europäischen Boden übergesetzt hatten und sich die Schwäche von Byzanz zunutze machten. Ludwig schenkte dem noch relativ wenig Aufmerksamkeit, zu unbedeutend schien die Gefahr für Ungarn. In der Folgezeit sollte die Abwehr der Türken hingegen eine zentrale Aufgabe des ungarischen Königtums darstellen.

    Ludwig hinterließ keinen männlichen Erben, so dass seine Tochter Maria 1382 zum „König“ gekrönt wurde. Die Nachfolgefrage stürzte Ungarn in eine Krise und eröffnete anderen politischen Kräften die Möglichkeit, nach der Stephanskrone zu greifen. Dazu zählte das Haus Luxemburg. 1385 heiratete Sigismund von Luxemburg die junge ungarische Erbin, doch brachen in Ungarn bald darauf Thronkämpfe aus.[761] Die Macht der Barone war durch die unklare Erbfolge gewachsen. Sigismund trat die Herrschaft 1387 nicht aufgrund der Erbansprüche seiner Frau an, sondern musste die Bedingungen eines Adelsbündnisses akzeptieren, um gekrönt zu werden.[762] Die Folge war eine deutliche Schwächung der Königsgewalt. Barone bereicherten sich und zogen königlichen Besitz an sich. Es gelang Sigismund im Laufe der Zeit, seine Stellung gegen Widerstände zu festigen, wobei es auch zu Rückschlägen und Revolten kam, während gleichzeitig die Gefahr durch die Türken zunahm. 1389 kam es zu Überfällen auf ungarisches Gebiet. Sigismund rief zu einem Kreuzzug auf und ein großes Heer zog nun gegen die Osmanen, doch am 25. September 1396 erlitt das Kreuzfahrerheer in der Schlacht bei Nikopolis eine vernichtende Niederlage. Sigismund entkam nur knapp und reorganisierte in der Folgezeit die ungarische Verteidigung, der Mongoleneinfall unter Timur (Niederlage der Türken in der Schlacht bei Ankara 1402) schwächte dann die Osmanen für die nächsten Jahre beträchtlich. 1401 überstand Sigismund eine Revolte und konsolidierte anschließend seine Herrschaft in Ungarn. Seine Ambitionen auf die römisch-deutsche Königskrone waren 1410/11 erfolgreich, doch war er fortan sowohl in Reichsangelegenheiten als auch in Ungarn gebunden, was sich als problematisch erwies. Außenpolitisch umfasste Sigismunds Aktionsradius fast ganz Europa, zur Lösung des Schismas verhandelte er mit England und Frankreich, während er sich im Süden um eine Absicherung Ungarns durch Vasallenreiche bemühte (Bosnien, Serbien und das Fürstentum Walachei), während es mit Venedig zu Kämpfen kam.[763]

    Die Feldzüge Johann Hunyadis gegen die Türken 1440 bis zu seinem Tod 1456.

    Sigismund starb 1437. Sein Schwiegersohn Albrecht von Habsburg wurde zwar auch König von Ungarn und Kroatien, er verstarb aber bereits 1439. Albrechts Sohn Ladislaus wurde erst danach geboren (daher der Beiname „Postumus“) und war als Baby im Mai 1440 in Stuhlweißenburg mit der Stephanskrone gekrönt worden. Mehrere ungarische Große waren verärgert, denn im Süden drohte ein Konflikt mit den Türken. Diese hatten unter Sultan Murad II. wieder ihre Eroberungspolitik aufgenommen und wurden bereits 1428 direkte Nachbarn der Ungarn. Władysław III. von Polen war 1440 von der Opposition ins Land gerufen worden, weil man sich Unterstützung im Kampf gegen die Türken erhoffte, die über ein straff organisiertes und schlagkräftiges Heer verfügten.[764] Die Folge war ein mehrjähriger Bürgerkrieg. Die habsburgische Partei verpfändete zur Finanzierung ungarischen Besitz an den römisch-deutschen König Friedrich III., der anschließend die Vormundschaft für seinen Neffen Ladislaus ausübte. Doch Władysław hielt sich nur kurz auf dem ungarischen Thron. Der polnische König zog gegen die Türken und fiel im November 1444 in der Schlacht bei Warna. Im Juni 1446 ernannten die ungarischen Stände Johann Hunyadi zum Reichsverweser, der sich zuvor im Kampf gegen die Türken ausgezeichnet hatte.[765] Ladislaus sollte nun König werden, doch befand sich dieser immer noch in der Obhut Friedrichs III., der eigene Interessen verfolgte. Hunyadi und Friedrich einigten sich schließlich 1450 vertraglich, so dass Ladislaus 1452 aus der Vormundschaft Friedrichs entlassen wurde. Ladislaus wurde ungarischer König und Hunyadi legte sein Amt als Reichsverweser nieder, behielt aber wichtige Ämter und viel Einfluss. Haus Hunyadi konzentrierte sich in den folgenden Jahren auf die Abwehr der Türken, die weiterhin eine akkute Gefahr darstellten. Nach dem Fall Konstantinopels 1453 breitete sich zudem eine regelrechte „Türkenfurcht“ im restlichen christlichen Europa aus und Ungarn verstand sich nun als christliches Bollwerk gegen die osmanische Expansion.[766] Währenddessen rangen aber am ungarischen Hof verschiedene Gruppen um die Macht, besonders einflussreich war Graf Ulrich von Cilli. Zwischen Cilli und Hunyadi kam es zum Konflikt, doch Johann starb nach der erfolgreichen Verteidigung der wichtigen Festung Belgrad gegen ein zahlenmäßig überlegenes türkisches Heer 1456 an der Pest. Nun eskalierten die Machtkämpfe. Hunyadis ältester Sohn Ladislaus Hunyadi ließ Graf Cilli töten, wurde aber selbst im März 1457 hingerichtet, im November 1457 starb dann König Ladislaus. Ungarn war nun ohne König.

    Unter König Matthias Corvinus (1458 bis 1490) erlebte das spätmittelalterliche Ungarn eine letzte Machtentfaltung und kulturelle Blüte, bevor das Königreich von den Türken erobert wurde (posthumes italienisches Porträt um 1510).

    Johann Hunyadis überlebender Sohn Matthias Corvinus (der Beiname ist vom Familienwappen der Hunyadis abgeleitet) wurde, obwohl erst 14 Jahre alt, im Januar 1458 von einer Versammlung ungarischer Magnaten zum neuen König gewählt.[767] Eine konkurrierende Adelsgruppe wählte im Februar 1459 den Habsburger Friedrich III. zum König von Ungarn; dies war der Beginn eines jahrzehntelangen Ringens zwischen den Häusern Hunyadi und Habsburg. Friedrich hatte die Stephanskrone in Besitz, er forderte viel Geld, die Anerkennung der habsburgischen Erbansprüche auf Ungarn und gehaltene Besitzungen in Westungarn. Papst Pius II., dem die Ambitionen Friedrichs auf die ungarische Krone missfielen, schaltete sich in die Verhandlungen ein. Am Ende wurde 1463 ein Vertrag geschlossen, der Friedrichs Erbansprüche auf Ungarn sicherte, sofern Corvinus keinen legitimen Erben (darauf kam es später an) hinterließ.[768] Nun konnte sich Matthias Corvinus um die Verteidigung des Königreichs gegen die Türken kümmern, im März 1464 wurde er in Stuhlweißenburg gekrönt. 1468 rief ihn Friedrich zur Unterstützung gegen Georg von Podiebrad zur Hilfe, der seit 1458 als König von Böhmen fungierte, nachdem Haus Luxemburg 1437 in männlicher Linie erloschen war und die Habsburger Böhmen nicht für sich gewinnen konnten. Matthias besetzte daraufhin Mähren und Schlesien, im Mai 1469 ließ er sich sogar zum böhmischen Gegenkönig krönen; Friedrich war verärgert, konnte jedoch nichts unternehmen. 1471 starb König Georg, im Dezember 1474 wurden die Ansprüche von Matthias über die östlichen böhmischen Kronländer von Friedrich anerkannt. Dennoch blieb das Verhältnis zwischen Matthias und Friedrich angespannt, 1479 verständigte sich der Ungarnkönig mit der böhmischen Gegenpartei im Frieden von Olmütz. 1482 fiel Corvinus in die Steiermark und Kärnten ein, 1485 fiel sogar Wien, wo er Residenz bezog, und 1487 die Wiener Neustadt.[769] Bis zu seinem Tod 1490 kontrollierte Matthias so wichtige Teile der habsburgischen Erblande. Währenddessen hatten die Osmanen ihre Eroberungen im südlichen Balkan gefestigt. 1459 war Serbien erobert worden, 1463 Bosnien. 1476 wurde Šabac von den Ungarn erobert.[770] Ansonsten verlief der Grenzkrieg Ende des 15. Jahrhunderts ohne größere Kämpfe, nachdem eine osmanische Offensive 1464 gestoppt worden war. Die Kämpfe mit den Türken sorgten für eine waffentechnische Modernisierung, im Heer von Matthias Corvinus wurden neben Kanonen (teils von den Osmanen erbeutet) relativ viele Arkebusen eingesetzt.[771] Kulturell war die Corvinenzeit eine Blütephase Ungarns, das sich den Einflüssen des Renaissance-Humanismus öffnete. Matthias förderte die Künste, baute die Hofkultur im italienischen Stil aus und verfügte mit der sogenannten Bibliotheca Corviniana über eine beachtliche Büchersammlung. Die Macht der Magnaten war von Matthias weitgehend gebrochen worden, stattdessen förderte er den Kleinadel und stärkte die Königsherrschaft. Eine Reform der Finanzpolitik bescherte ihm reiche Steuereinnahmen, die er aber für die kostspielige Herrschaftspolitik auch benötigte.

    Ungarn nach 1526: Der habsburgisch kontrollierte Teil und Ungarn unter osmanischer Herrschaft.

    Nach dem Tod von Matthias Corvinus im April 1490 war den Magnaten nicht an einem starken König gelegen; sie übergingen den illegitimen Sohn des Corvinen und boten die Krone stattdessen dem böhmischen König Vladislav II. an. Damit regierten von 1490 bis 1526 die Jagiellonen in Ungarn und Böhmen, wobei die habsburgischen Ansprüche übergangen wurden.[772] Vladislav sah sich mit Revolten konfrontiert, die königliche Zentralmacht zerfiel und die Macht des Hochadels nahm wieder zu. Der Handlungsspielraum königlicher Politik wurde stark eingeengt und schwächte vor allem die militärische Abwehrkraft gegen die Osmanen. 1516 starb Vladislav, die Krone ging an seinen jungen Sohn Ludwig über. Ludwig II. war wie sein Vater ein schwacher Herrscher, während das Land innerlich tief gespalten zwischen den verfeindeten Machtgruppen war. Im Osmanischen Reich bestieg 1520 Süleyman I. den Thron und forcierte den osmanischen Vormarsch. 1521 fiel mit Belgrad eine Schlüsselfestung der ungarischen Grenzverteidigung. Die Lage spitzte sich zu, doch Antonio Giovanni da Burgio, der päpstliche Nuntius am ungarischen Hof, schrieb im April 1526 an den Papst, dass keine Hoffnung bestehe: „Wenn der Sultan wirklich kommt, dann wiederhole ich, was ich so oft gesagt habe. Euer Heiligkeit könne dies Land als verloren betrachten. Es ist hier eine grenzenlose Verwirrung. Alles, was zum Kriege notwendig ist, fehlt.“[773] Im Sommer 1526 stieß ein osmanisches Heer tief nach Ungarn vor. Am 29. August 1526 schlugen die Osmanen die Ungarn in der Schlacht von Mohács vernichtend, in der auch Ludwig und mehrere Große fielen. Das Königreich zerfiel nicht aufgrund der Schlacht an sich, denn die Osmanen zogen sich vorerst zurück; vielmehr war der Untergang Ungarns eine Folge der inneren Zerrissenheit, da rivalisierende Adelsgruppen um die Macht stritten.[774] Ein Teil bat die Habsburger um Hilfe und wählte nun Ferdinand von Habsburg zum König, ein anderer Teil wählte Johann Zápolya. Als sich Johann nicht gegen Ferdinand durchsetzen konnte, der die habsburgischen Ansprüche auf Ungarn und Böhmen nun realisieren wollte, bat er die Osmanen um Hilfe und unterstellte sich dem Sultan. Die Folge war der erste Türkenkrieg der Habsburger.[775] Eine türkische Offensive führte 1529 zur ersten Wiener Türkenbelagerung. Der Friede von Großwardein 1538 beließ den westlichen und nördlichen Teil Ungarns in habsburgischer Hand (königliches Ungarn), während der Rest von Johann Zápolya als osmanischer Vasall regiert wurde. Der größte Teil des Königreichs Ungarn blieb unter osmanischer Vorherrschaft, bevor im späten 17. Jahrhundert das Land von den Habsburgern zurückerobert werden konnte und fortan bis 1918 Teil der Habsburgermonarchie war.

    Gesellschaft und Wirtschaft

    Cosimo de’ Medici begründete den Einfluss seiner Familie.

    Das Spätmittelalter war (wie seit dem Frühmittelalter) eine Standesgesellschaft, mit Klerus und Adel an der Spitze, gefolgt von den Bauern und Bürgern. Die Grundherrschaft wandelte sich, doch blieb das Prinzip grundsätzlicher sozialer Ungleichheit (wie auch ansonsten in der vormodernen Gesellschaft Europas) bestehen. Das hierarchisch gegliederte Lehnswesen war weiterhin das bestimmende politisch-gesellschaftliche System und diente der herrschaftlich-rechtlichen Strukturierung.

    Im Spätmittelalter nahm die Bedeutung des Fernhandels und der Geldwirtschaft zu. In Oberitalien entstanden die ersten banche, die Stuben der italienischen Geldwechsler und Kreditverleiher, schließlich die großen Handelskompanien – Gesellschaften, die internationalen Handel und Produktion im großen Stil finanzierten und dafür vom Staat oftmals besondere Privilegien und Monopole erhielten. Die größten Finanziers bezahlten sogar die Kriege der Herrschenden. Familien wie die deutschen Fugger, die italienischen Peruzzi oder Medici und die de la Poles in England erreichten enorme politische und wirtschaftliche Macht. Der Fernhandel über See (in Nord- und Ostsee sowie im Mittelmeerraum) blühte auf. Vor allem Genua und Venedig verdankten ihren Aufstieg dem blühenden Ost-West-Handel. Neue Fertigungsmethoden verbreiteten sich, vor allem bei Stoffen, Geweben und Metallen.

    Die Nachfrage wurde durch die Entstehung von spezialisierten Märkten und Messen angekurbelt. Die Lehnsherren sorgten für einen reibungslosen Ablauf dieser Veranstaltungen, sie bewahrten den Marktfrieden und erhielten Einnahmen aus Zöllen und Handelssteuern. Besonders bekannt waren die jährlichen Champagnemessen in der französischen Champagne. Händler aus ganz Europa und dem Nahen Osten zogen von Ort zu Ort, kauften und verkauften und schufen ein Handelsnetz bis nach Schottland und Skandinavien. Indem sich die Händler vereinigten, um ihre Waren in größeren Handelszügen sicherer durch die Lande zu transportieren, bekamen sie auch mehr Einfluss, z. B. wenn es darum ging, Preise und billigere Wegezölle zu vereinbaren. Die mächtigste Gemeinschaft von Handelspartnern, die von ähnlichen Interessen geleitet waren, stellte die Hanse dar. Im 15. Jahrhundert nahm die Bedeutung der Champagnemessen für den Nord-Süd-Handel ab. Stattdessen wurde der Seeweg zwischen Flandern und Italien bevorzugt. Ferner begannen mehr und mehr englische Wollhändler, zum Schaden der niederländischen Tuchmanufakturen, statt Wolle nun Kleidung zu exportieren. Entscheidend war auch die Behinderung des Handels mit der Levante durch den Wechsel vom Byzantinischen zum Osmanischen Reich. Alternative Handelswege mussten eröffnet werden – um die Südspitze Afrikas herum nach Indien und über den Atlantik nach Amerika.

    Diese Veränderungen förderten auch die Gründung und das Wachstum der Städte. Mit dem Aufblühen der Handelsbeziehungen folgte auch bald das Erfordernis neuer Handelsplätze und die Gründung neuer Städte an den Handels- und Transportwegen. Von etwa 1100 bis 1250 verzehnfachte sich die Zahl der Stadtrechte in Europa, eine Entwicklung, die sich im Spätmittelalter zunächst fortsetzte, dann aber durch die demographische Katastrophe infolge der Pest unterbrochen wurde. Städte wie Innsbruck, Frankfurt, Hamburg, Brügge, Gent und Oxford nahmen erst jetzt einen Aufschwung. Eine kleine Stadt hatte meist rund 2500 Einwohner, eine bedeutende Stadt rund 20.000. Heutige Millionenstädte wie London und Genua brachten es auf 50.000 Einwohner. Die größten Metropolen mit etwa 100.000 Einwohnern waren Paris, Venedig, Neapel und Mailand.

    Bildung und Universitäten

    Spätmittelalterliche Boëthius-Ausgabe

    Im frühen und hohen Mittelalter war elementare Bildung, wie Lesen, Schreiben und Rechnen, nur einem kleinen Kreis von Menschen zugänglich. Die breite Masse des Volkes, selbst der Adel, besaß kaum oder nur sehr geringe Bildung. Lediglich in den Klosterschulen war es möglich, sich Bildung anzueignen, doch nur für jene, die bereit waren, sich dem Dienst im Orden zu verpflichten. Ab etwa dem Jahr 1000 entstanden, parallel zum Aufblühen der Städte, sogenannte Kathedralschulen. Sie bildeten auch Adels- und Bürgersöhne, ja sogar Leibeigene aus, ohne sie dem Ordensleben zu unterwerfen. Die Kathedralschulen, die sich besonders stark in Frankreich entwickelten, beschränkten den Unterrichtsstoff auf die sieben „freien Künste“, deren Erlernen schon im alten Rom für freie Bürger charakteristisch war, das Trivium (Grammatik, Logik, Rhetorik) und das Quadrivium (Arithmetik, Astronomie, Geometrie, Musik). Gelesen wurden nur wenige anerkannte Schriftsteller der Spätantike und des frühen Mittelalters wie Boëthius, Cassiodor oder Isidor von Sevilla.

    Mit den Kreuzzügen bekam das christliche Abendland Kontakt zur Geisteswelt des Islams. Viele bildungshungrige Europäer lernten arabische Mathematik, Astronomie, Medizin und Philosophie kennen, in den Bibliotheken des Orients lasen sie erstmals die griechischen Klassiker wie Aristoteles (im Mittelalter sehr häufig „der Philosoph“ genannt) im Originaltext. Auch über den islamisch besetzten Teil Spaniens kamen viele Impulse besonders nach Frankreich. Das damals vorbildliche Ausbildungssystem der islamischen Welt wurde bereitwillig aufgenommen. Die Regelungen und Lehrpläne der europäischen Kloster- und Kathedralschulen taten sich mit der Integration der neuen Inhalte schwer.

    Obwohl Anfang des 12. Jahrhunderts Petrus Abaelardus als einer der Vorreiter dieser Entwicklung noch kirchlicher Verfolgung besonders durch Bernhard von Clairvaux ausgesetzt war, ließ sich die Entstehung von freien Universitäten nicht mehr verhindern. Mit dem Wachstum der erfolgreichen Handelsmetropolen entstanden ab der Mitte des 13. Jahrhunderts auch die Universitäten: Bologna, Padua, Paris, Orléans, Montpellier, Cambridge und Oxford, um nur einige Gründungen dieser Zeit zu nennen. Schon bald gehörte es für eine reiche Stadt zum guten Ton, bekannte Gelehrte und viele Studenten in ihren Mauern zu beherbergen. Im 14./15. Jahrhundert wurden dann auch in Deutschland erste Universitäten gegründet, darunter Heidelberg, Leipzig und Rostock.

    Die frühen Universitäten des Spätmittelalters besaßen keine festen Gebäude oder Vorlesungsräume. Je nach Situation nutzte man öffentliche Räume für Vorlesungen: In Italien waren es oft die Stadtplätze, in Frankreich Kreuzgänge in Kirchen und in England fanden die Vorlesungen nicht selten an Straßenecken statt. Erst später mieteten erfolgreiche Lehrer, die von ihren Studenten direkt je Vorlesung bezahlt wurden, Räumlichkeiten für ihre Vorlesungen. Und bald gab es schon die ersten Studentenunruhen: Auch wenn eine Universität der Stolz einer Stadt war, gab es doch häufig Streitigkeiten mit den in Bünden organisierten Studenten wegen zu hoher Preise für Kost und Logis und Kritik wegen zu viel Schmutz auf den Straßen oder betrügerischer Gastwirte. In Paris gingen die Auseinandersetzungen im Jahr 1229 so weit, dass die Universität nach dem gewaltsamen Tod mehrerer Studenten mit Umsiedlung in eine andere Stadt drohte. Papst Gregor IX. erließ daraufhin eine Bulle, die die Eigenständigkeit der Universität von Paris garantierte. Fortan konnten zunehmend selbst die mächtigen Bürgerschaften den Universitäten keine Vorschriften mehr machen.

    Wilhelm von Ockham

    Der Philosoph Wilhelm von Ockham, bekannt durch das Prinzip von Ockhams Rasiermesser, und der Nominalismus leiteten das Ende stark theoretischer scholastischer Debatten ein und machten den Weg für empirische und experimentelle Wissenschaft frei. Ockham zufolge sollte sich die Philosophie nur mit Dingen beschäftigen, über die echtes Wissen erreicht werden kann (Prinzip der Sparsamkeit, engl. parsimony). Mittelalterliche Vorläufer der experimentellen Forschung kann man bereits in der Wiederentdeckung des Aristoteles und im Werk Roger Bacons sehen. Besonders kritisch äußert sich über die Scholastiker Nikolaus von Kues. Aus prinzipiellen Gründen wendet er sich auch gegen eine Zentralstellung der Erde und nimmt in diesem Punkt das heliozentrische Weltbild des Nikolaus Kopernikus vorweg.

    Kurz vor und nach dem Fall Konstantinopels strömten auch verstärkt byzantinische Gelehrte nach Europa (z. B. Bessarion), wie auch bereits vorher byzantinische Kodizes nach Europa gelangt waren (etwa durch Giovanni Aurispa).

    Die meisten technischen Errungenschaften des 14. und 15. Jahrhunderts waren nicht europäischen Ursprungs, sondern stammten aus China oder Arabien. Die umwälzende Wirkung folgte nicht aus den Erfindungen selbst, sondern aus ihrer Verwendung. Schießpulver war den Chinesen schon lange bekannt gewesen, doch erst die Europäer erkannten sein militärisches Potenzial und konnten es zur neuzeitlichen Kolonialisierung und Weltbeherrschung nutzen. In diesem Zusammenhang sind auch die Fortschritte der Navigation wesentlich. Kompass, Astrolabium und Sextant erlaubten gemeinsam mit weiterentwickeltem Schiffbau das Bereisen der Weltmeere. Gutenbergs Druckerpresse machte nicht nur die protestantische Reformation möglich, sondern trug auch zur Verbreitung des Wissens bei und damit zu einer Gesellschaft mit mehr Lesekundigen.

    Religion

    Die in Teilen, aber keineswegs insgesamt herrschende apokalyptische Stimmung führte vielfach zum Wunsch der direkten Gotteserfahrung. Das Bibelstudium vermittelte den Menschen das Bild der einfachen Lebensweise Jesu Christi und der Apostel, ein Vorbild, dem die existierende Kirche nicht gerecht wurde, gerade weil das Papsttum seit 1309 in Avignon (Avignonesisches Papsttum) residierte und sich immer mehr von den Menschen entfernte. Hinzu kam das abendländische Schisma von 1378, welches erst durch den Konziliarismus beendet werden konnte (Konzil von Konstanz). Infolge der Glaubenskrise entstanden vermehrt Bettelorden und apostolische Gemeinden, die sich dem einfachen Leben widmen wollten. Viele davon wurden von der Kirche wegen Ketzerei verfolgt, so beispielsweise die Waldenser, Katharer oder die Brüder und Schwestern des freien Geistes. Im Spätmittelalter traten in ganz Europa aus ähnlichen Gründen Judenverfolgungen auf, viele Juden wanderten nach Ostmitteleuropa aus.

    Das Große Abendländische Schisma

    Der Papstpalast in Avignon

    Seit dem frühen 14. Jahrhundert gelangte das Papsttum zunehmend unter den Einfluss der französischen Krone, bis hin zur Verlagerung seines Sitzes nach Avignon 1309. Als der Papst 1377 beschloss, nach Rom zurückzukehren, wurden in Avignon und Rom unterschiedliche Päpste gewählt, mit dem Resultat des sogenannten Abendländischen Schismas (1378–1417). Die Kirchenspaltung war eine ebenso politische wie religiöse Angelegenheit; während England den römischen Papst unterstützte, stellten sich seine Kriegsgegner Frankreich und Schottland hinter den Papst in Avignon. Italien und insbesondere Rom urteilten in dem Selbstverständnis, der alte Imperiumssitz sei der rechtmäßige Ort für den Sitz der Kirche Jesu Christi. Allerdings waren im Thronkampf von Neapel die älteren Anjou notgedrungen für Avignon, Visconti-Mailand schwankend aufgrund der Beziehungen zu Frankreich.

    Auf dem Konzil von Konstanz (1414–1418) wurde das Papsttum wieder in Rom vereinigt. Obgleich die Einheit der Westkirche danach noch hundert Jahre andauerte und obgleich der Heilige Stuhl einen größeren Reichtum anhäufte als jemals zuvor, hatte das Große Schisma doch irreparablen Schaden verursacht. Die inneren Konflikte der Kirche förderten den Antiklerikalismus bei Herrschern und Beherrschten und die Teilung ermöglichte Reformbewegungen mit schließlich einschneidenden Veränderungen.

    Reformbewegungen

    John Wyclif

    Obwohl die Westkirche lange gegen häretische Bewegungen gekämpft hatte, entstanden im Spätmittelalter innerkirchliche Reformbestrebungen. Deren erste entwarf der Oxforder Professor John Wyclif in England. Wyclif sprach sich dafür aus, die Bibel als einzige Autorität in religiösen Fragen zu betrachten und lehnte Transsubstantiation, Zölibat und Ablässe ab. Er übersetzte auch die Bibel ins Englische. Obwohl sie einflussreiche Freunde in der englischen Aristokratie hatte, etwa John of Gaunt, wurde Wyclifs Partei, die Lollarden, letztendlich unterdrückt.

    Jan Hus

    Die Lehren des böhmischen Priesters Jan Hus basierten mit wenigen Änderungen auf jenen von John Wyclif. Dennoch hatten seine Anhänger, die Hussiten, viel größere politische Auswirkungen als die Lollarden. Hus sammelte in Böhmen zahlreiche Anhänger und als er 1415 wegen Häresie verbrannt wurde, verursachte dies einen Volksaufstand. Die folgenden Hussitenkriege endeten zwar nicht mit der nationalen oder religiösen Unabhängigkeit Böhmens, aber Kirche und deutscher Einfluss wurden geschwächt.

    Martin Luther

    Porträt Luthers von Lucas Cranach d. Ä.

    Die Reformationszeit liegt genaugenommen nicht mehr im Spätmittelalter, doch sie beendete die Einheit der Westkirche, die eines der wichtigsten Merkmale des Mittelalters gewesen war.

    Martin Luther, ein deutscher Mönch, löste die Reformation durch seine zahlreiche theologische Fragen betreffende Position aus. Die gesellschaftliche Basis dieser Bewegung setzte sich aus Arbeitern, Studierenden und Jugendlichen zusammen, besonders seine Kritik von Ablasshandel und Bußwesen. Eine wichtige Station dabei war die Verteilung von 95 Thesen an seine dozierenden Kollegen (der Legende nach soll er sie auch an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben). Papst Leo X hatte 1514 für den Bau des neuen Petersdoms den Ablasshandel erneuert. Luther wurde vom Reichstag zu Worms (1521) aufgefordert, seine als Häresie verurteilten Ansichten zu widerrufen. Als er sich weigerte, belegte ihn Karl V. mit der Reichsacht. Unter dem Schutz Friedrichs des Weisen von Sachsen konnte er sich zurückziehen und unter anderem eine vollständige Neuübersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche anfertigen, die 1534 um eine Neuübersetzung des Alten Testaments ergänzt wurde.

    Für viele weltliche Fürsten war die Reformation eine willkommene Gelegenheit, ihren Besitz und Einfluss zu vergrößern, auch das städtische Bürgertum und Bauern konnten von ihr profitieren. Gegen die Reformation wendete sich die katholische Gegenreformation. Europa war nun geteilt in den protestantischen Norden und den katholischen Süden, Grundlage der Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts.

    Quellenlage

    Die Quellenlage für das Spätmittelalter ist die beste des gesamten Mittelalters. Vor allem die schriftliche Überlieferungslage erhöht und verbreitert sich seit dem späten 13. Jahrhundert beständig.[776] Im 14. Jahrhundert verbessert sie sich weiter und wird durch neue Quellengattungen erweitert,[777] bevor sie dann im 15. Jahrhundert einen neuen Höhepunkt erreicht, wobei der Buchdruck (ab Mitte des 15. Jahrhunderts) als positiver Faktor hinzu kommt.[778]

    Diese Entwicklung ist von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst und hängt nicht zuletzt mit der Zunahme der Schriftlichkeit und der Aktenführung zusammen. Dies betraf alle politischen Ebenen (Reich, Landesherren, Städte und Kirche samt Erlasse, Urbare, Amtsbücher, Rechtsurteile, Protokolle usw.),[779] wobei zusätzlich wesentlich mehr Urkunden ausgestellt wurden. Diese verbreiterte Überlieferungslage spiegelt sich unter anderem in der Auswertung der modernen Regesten gerade für das 15. Jahrhundert wider.[780] Aber auch im kaufmännischen Sektor wuchs Bedeutung und Umfang der „pragmatischen Schriftlichkeit“,[781] also die Verwendung von Schriftlichkeit zur praktischen Lebensbewältigung, einschließlich Information und Kommunikation. Des Weiteren nahmen Lese- und Schreibfähigkeiten im Verlauf des Spätmittelalters immer weiter zu (Bildung war längst nicht mehr auf die Geistlichkeit beschränkt), die Volkssprachen gewannen an Bedeutung und günstigeres Papier war besser verfügbar. Besonders die sich im Spätmittelalter in Europa ausbreitende Papierherstellung aus Alttextilien (Hadernpapier) sorgte für eine deutliche Steigerung der Schriftproduktion.

    Die Renaissance und eine vergrößerte Gelehrtenkultur tragen ebenfalls dazu bei, so dass auch im europäischen Kontext die Quellendichte sehr hoch ist. In England beispielsweise ist die königliche Aktenführung (wie Steuerakten und Gerichtsurteile) ohnehin bereits im Hochmittelalter stark ausgeprägt gewesen und im Spätmittelalter noch weiter angestiegen (siehe oben und diverse Bände der Rolls Series), in Italien wiederum spielt die pragmatische Schriftlichkeit in der Verwaltung der Kommunen frühzeitig ebenfalls eine wichtige Rolle, ebenso wie sich dort die Buchführung entwickelte. Einen Überblick zu den diversen Editionen im europäischen Kontext vermitteln die Bibliographien der New Cambridge Medieval History (Band 5 bis 7). Zu den dokumentarischen Quellen aller Art kommen zahlreiche weitere Quellengattungen hinzu. Dazu gehören eine überaus reichhaltige Vielfalt gelehrter Abhandlungen (theologische und philosophische Texte, staatstheoretische Traktate, technische Abhandlungen u. v. m.), zahlreiche erzählende Geschichtsquellen, Gedichte, Epen, Briefe und andere private Texte (wie Tagebücher und Testamente) etc., sowohl in Latein als auch in den diversen Volkssprachen. So ist die spätmittelalterliche Literatur insgesamt deutlich umfangreicher und facettenreicher als zuvor. Eine Darlegung der diversen Autoren würde den Rahmen sprengen. Im Artikeltext werden einige der wichtigsten Namen genannt, es sei aber nachdrücklich auf die hier genannten Forschungs- und Quellenüberblicke[782] sowie die Literaturgeschichten[783] hingewiesen (siehe im Literaturverzeichnis des Artikels). Nützlich ist unter anderem das digitale Repertorium „Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters“.[784] Unverzichtbar zur ersten Orientierung bleibt das Lexikon des Mittelalters.

    Zentrale Quelleneditionen stellen für das römisch-deutsche Reich unter anderem (neben den diversen MGH-Ausgaben, die grundlegend sind) die Reichstagsakten und Die Chroniken der deutschen Städte dar. Das Projekt Corpus der Quellen zur Geschichte der Juden im spätmittelalterlichen Reich erschließt viele diesbezügliche Quellen.[785] Zahlreiches ungedrucktes Material ist in den Regesta Imperii verzeichnet. Auswahl an übersetzten Quellentexten bieten:

    Des Weiteren sind zahlreiche nicht-schriftliche Quellen von Bedeutung. Dazu gehören neben Realien aller Art erhaltene Bauwerken, die verschiedensten Kunstwerke, die im Rahmen der kulturellen Belebung der Renaissance erheblich zunehmen (wie beispielsweise Skulpturen und die Malerei), und Befunde im Rahmen der Mittelalterarchäologie (einschließlich moderner Analysetechniken, wie beispielsweise Archäogenetik).

    Literatur

    Im Folgenden wird nur eine sehr begrenzte Auswahl aus der überaus umfangreichen Fachliteratur genannt.[786] Für weiterführende Hinweise sei auf die jeweiligen Bibliographien verwiesen.

    Forschungsüberblickswerke

    (jeweils mit umfassender Bibliographie)

    Europäisch ausgerichtete Überblickswerke

    (Literatur zu den einzelnen Staaten und Regionen wird in den Anmerkungen genannt.)

    • David Abulafia (Hrsg.): C.1198–c.1300 (= The New Cambridge Medieval History. Band 5). Cambridge University Press, Cambridge 1999, ISBN 978-1-107-46066-9.
    • Michael Jones (Hrsg.): C.1300–c.1415 (= The New Cambridge Medieval History. Band 6). Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 978-0-521-36290-0.
    • Christopher Allmand (Hrsg.): C.1415–c.1500 (= The New Cambridge Medieval History. Band 7). Cambridge University Press, Cambridge 1998, ISBN 978-0-521-38296-0.
    • Alfred Kohler: Expansion und Hegemonie. Internationale Beziehungen 1450–1559 (= Handbuch der Geschichte der internationalen Beziehungen. Band 1). Ferdinand Schöningh, Paderborn 2008.
    • Isabella Lazzarini (Hrsg.): The Later Middle Ages (Short Oxford History of Europe). Oxford University Press, Oxford 2021.
    • Michael North: Europa expandiert. 1250–1500 (= Handbuch der Geschichte Europas 4). Ulmer, Stuttgart 2007.
    • Bernd Schneidmüller: Grenzerfahrung und monarchische Ordnung: Europa 1200–1500. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-61357-9.
    • Hubertus Seibert: Geschichte Europas im Mittelalter. Aufbruch in die Vielfalt. Brill/Schöningh, Paderborn 2025.
    • John Watts: The Making of Polities: Europe, 1300–1500. Cambridge University Press, Cambridge 2009, ISBN 978-0-521-79232-5.

    Das römisch-deutsche Reich im Spätmittelalter

    Überblickswerke
    König, Reich und Dynastien
    • Jörg K. Hoensch: Die Luxemburger. Eine spätmittelalterliche Dynastie von gesamteuropäischer Bedeutung 1308–1437. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 2000.
    • Ludwig Holzfurtner: Die Wittelsbacher. Staat und Dynastie in acht Jahrhunderten. Kohlhammer, Stuttgart 2005.
    • Karl-Friedrich Krieger: Die Habsburger im Mittelalter. Von Rudolf I. bis Friedrich III. 2., aktualisierte Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2004, ISBN 3-17-018228-5.
    • Karl-Friedrich Krieger: König, Reich und Reichsreform im Spätmittelalter. 2., durchgesehene Auflage. Oldenbourg, München 2005.
    • Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter (Hrsg.): Die deutschen Herrscher des Mittelalters. Historische Porträts von Heinrich I. bis Maximilian I. (919–1519). Beck, München 2003, ISBN 3-406-50958-4.
    • Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter (Hrsg.): Heilig – Römisch – Deutsch. Das Reich im mittelalterlichen Europa. Internationale Tagung zur 29. Ausstellung des Europarates und Landesausstellung Sachsen-Anhalt. Sandstein-Verlag, Dresden 2006.
    • Ernst Schubert: König und Reich. Studien zur spätmittelalterlichen deutschen Verfassungsgeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1979.
    • Ernst Schubert: Fürstliche Herrschaft und Territorium im späten Mittelalter. 2. Auflage. Oldenbourg, München 2006.
    • Hans K. Schulze: Grundstrukturen der Verfassung im Mittelalter. Band 3 (Kaiser und Reich). Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1998.
    • Hans K. Schulze: Grundstrukturen der Verfassung im Mittelalter. Band 4 (Das Königtum). Kohlhammer, Stuttgart u. a. 2011.
    Kultur und Alltag
    • Wolfgang Achnitz (Hrsg.): Deutsches Literatur-Lexikon. Das Mittelalter. 8 Bände. De Gruyter, Berlin 2011–2016.
    • Hartmut Boockmann: Die Stadt im späten Mittelalter. Beck, München 1986.
    • Hans-Friedrich Rosenfeld, Hellmut Rosenfeld: Deutsche Kultur im Spätmittelalter 1250–1500 (= Handbuch der Kulturgeschichte. Band I 5). Wiesbaden 1978, ISBN 3-7997-0713-1.
    • Ernst Schubert: Alltag im Mittelalter. Natürliches Lebensumfeld und menschliches Miteinander. 3. erweiterte Auflage. WBG, Darmstadt 2019.
    • Rolf Sprandel: Verfassung und Gesellschaft im Mittelalter. 5. überarbeitete Auflage. UTB, Paderborn u. a. 1994.
    • Burghart Wachinger: Deutschsprachige Literatur des Mittelalters. De Gruyter, Berlin/New York 2001.
    • Martin Warnke: Geschichte der deutschen Kunst. Bd. 2 (Spätmittelalter und Frühe Neuzeit 1400–1750). Beck, München 1999.
    • Verfasserlexikon. 2., völlig neu bearbeitete Auflage.

    Spezialliteratur zu Europa im Spätmittelalter

    Wirtschaft, Gesellschaft und Herrschaft
    • Klaus Bergdolt: Der Schwarze Tod in Europa. Die große Pest und das Ende des Mittelalters. 4. Auflage. Beck, München 2017.
    • Philippe Dollinger: Die Hanse. 6., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Kröner, Stuttgart 2012.
    • Thomas Ertl: Bauern und Banker. Wirtschaft im Mittelalter. WBG, Darmstadt 2021.
    • Reinhard Schneider (Hrsg.): Das spätmittelalterliche Königtum im europäischen Vergleich. Sigmaringen 1987 (online).
    • Rainer Christoph Schwinges, Christian Hesse, Peter Moraw (Hrsg.): Europa im späten Mittelalter. Politik – Gesellschaft – Kultur. Oldenbourg, München 2006.
    • Sebastian Steinbach: Einführung in die Wirtschaftsgeschichte. Band 3 (Mittelalter). Kohlhammer, Stuttgart 2021.
    Kirche und religiöse Fragen
    • Arnold Angenendt: Grundformen der Frömmigkeit im Mittelalter. 2., durchgesehene Auflage. Oldenbourg, München 2004.
    • Arnold Angenendt: Geschichte der Religiosität im Mittelalter. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1997.
    • Klaus Herbers: Geschichte des Papsttums im Mittelalter. WBG, Darmstadt 2012.
    • Thomas Kaufmann, Raymund Kottje (Hrsg.): Ökumenische Kirchengeschichte. Band 2. WBG, Darmstadt 2008.
    • Heribert Müller: Die kirchliche Krise des Spätmittelalters. Schisma, Konziliarismus und Konzilien. Oldenbourg, München 2012.
    Kulturgeschichte
    • Johannes Grabmayer: Europa im späten Mittelalter 1250–1500. Eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte. WBG, Darmstadt 2004.
    • Anton Grabner-Haider, Johann Maier, Karl Prenner: Kulturgeschichte des späten Mittelalters. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012.
    • Jan Rohls (Hrsg.): Spätmittelalter und Renaissance (Kunst und Religion zwischen Mittelalter und Barock 1). De Gruyter, Berlin/Boston 2021.
    • Willi Erzgräber (Hrsg.): Europäisches Spätmittelalter. Wiesbaden 1978 (= Klaus von See (Hrsg.): Neues Handbuch der Literaturwissenschaft. Band 8).
    • Ralph Hexter, David Townsend (Hrsg.): The Oxford Handbook of Medieval Latin Literature. Oxford University Press, Oxford 2012.
    • Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. Beck, München 2017, ISBN 978-3-406-69876-7.
    Philosophie
    • Thomas Leinkauf: Grundriss Philosophie des Humanismus und der Renaissance (1350–1600). 2 Bände. Meiner, Hamburg 2017.
    • Henning Ottmann: Geschichte des politischen Denkens. Band II/2 (Das Mittelalter). Metzler, Stuttgart/Weimar 2004.

    Klassiker

    (veralteter Forschungsstand)

    Commons: Spätmittelalter – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
    Wiktionary: Spätmittelalter – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

    Anmerkungen

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