Sport- und Erholungszentrum

ehemaliger Gebäudekomplex für Sport und Unterhaltung in Berlin-Friedrichshain From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Sport- und Erholungszentrum (SEZ) ist ein einstiger multifunktionaler Gebäudekomplex für Sport und Unterhaltung an der Kreuzung Landsberger Allee/Danziger Straße (ehemals Leninallee/Dimitroffstraße) in Berlin-Friedrichshain, der zur Eröffnung 1981 in seiner Größe weltweit einzigartig war.[1][2][3][4] In der DDR war das SEZ ein öffentliches Prestigeobjekt der Partei- und Staatsführung. Die Eintritts- und Restaurantpreise waren seinerzeit hochsubventioniert. Nach der Wende 1989 übernahm der Berliner Senat das SEZ als neuer Eigentümer. Da keine Mittel für die dringend erforderliche Sanierung bereitgestellt wurden, stellten nach und nach alle Bereiche den Betrieb ein. Im Dezember 2002 wurde das SEZ schließlich vollständig geschlossen.[5]

Das SEZ im Jahr 1987 aus der Vogelperspektive
Eröffnung des SEZ am 20. März 1981
Im SEZ (1981)
Das Sport- und Erholungszentrum in der Leninallee wurde am 20.3.81 eröffnet und von der Bevölkerung in Besitz genommen. Blick in das Wellenbad. (1981)
Im SEZ (1987)

Geschichte

1976 bis 1981: Baugeschichte

Das Sport- und Erholungszentrum Berlin wurde am 20. März 1981 nach 27-monatiger Bauzeit von Erich Honecker, Generalsekretär der SED und Vorsitzender des Staatsrates der DDR eröffnet.[6][7]

Das Bauvorhaben wurde vom IX. Parteitag der SED 1976 beschlossen und von der Aufbauleitung Sondervorhaben Berlin unter Leitung von Erhardt Gißke ab 1977 durchgeführt, mit dem Auftrag, das SEZ den Berlinern und ihren Gästen zum X. Parteitag der SED zu übergeben. Das SEZ sollte für 18.000 Besucher täglich und 3 bis 4 Millionen Personen jährlich ausgelegt werden.[8]

Bemerkenswert ist die Baugeschichte des SEZ, die eine Zusammenarbeit zwischen der DDR und der BRD dokumentiert, welche aber von der DDR-Führung nicht weiter öffentlich gemacht wurde. Aus einem von der Aufbauleitung Sondervorhaben Berlin initiierten begrenzten Entwurfs- und Angebotswettbewerbs wurde der Entwurf der Hochtief AG zur Ausführung ausgewählt. Der Auftrag wurde über den staatlichen Außenhandelsbetrieb LIMEX-Bau-Export-Import[Anmerkungen 1] erteilt.[9]

In seiner Rede zum Richtfest am 14. März 1980 erwähnte Erich Honecker zwar die Baufirmen ABV Stockholm und Hochtief AG Essen, ohne aber auf ihre konkreten Rollen einzugehen.[10]

In späteren Veröffentlichungen wurde die Urheberschaft des Entwurfs oft einem nicht näher benannten schwedischen Architektenteam zugeschrieben.[11] Tatsächlich waren als Architekten auf DDR-Seite Bernd Fundel, Klaus Tröger und Otto Patzelt tätig; für die federführende Hochtief AG zeichnete Günter Reiß verantwortlich.[12][13][14]

1981 bis 1991: Die große Welle

Das SEZ zog bereits in den ersten fünf Jahren seines Bestehens 16 Millionen Besucher an; an Spitzentagen kamen bis zu 10.000 Personen.[15] Herzstück des Badebereichs war das Wellenbad, das erste seiner Art in der DDR: Zur Eröffnung drückte Erich Honecker persönlich den Knopf, der erstmals die künstlichen Wellen in Gang setzte.[16][17][18]

Die moderne und offene Architektur mit über 15.000 m² Glasfläche betonte auch von außen den einladenden Charakter des Hauses. Der gesamte Komplex war für bis zu 22.000 Besucher pro Tag ausgelegt.[19]

Das SEZ war für die Einwohner Ost-Berlins und viele DDR-Bürger von ähnlicher Bedeutung wie der Palast der Republik. Die Eintrittspreise waren staatlich subventioniert und lagen zwischen 20 und 50 Pfennig – selbst für Besucher, die sich nicht sportlich betätigen wollten. Gesondert erhoben wurden Nutzungspreise, z. B. für die Schwimmhalle 3,00 Mark (Ermäßigt 1,50 Mark). Die Bowlingbahn schlug mit 30,00 Mark für 6 Personen und 2 Stunden zu Buche.[20] Dennoch bildeten sich lange Warteschlangen vor den Eingängen, da der Andrang das Fassungsvermögen des Hauses regelmäßig überstieg.[21]

Bekannt und geschätzt wurde das SEZ nicht nur wegen seiner vielen modernen Sporteinrichtungen, sondern auch für sein vielfältiges Veranstaltungsprogramm. Es gab Sportveranstaltungen, Varietés, Kabarett, Kleintheater, Unterhaltungsshows, Tanzveranstaltungen, Folkloreevents, kulturell-künstlerisch untersetzte Themengastronomien, Konzerte und Großveranstaltungen.[22] Besonders beliebt war das viermal im Jahr veranstaltete „SEZ-Komplett“ mit bis zu 15.000 Besuchern. Für diese zweitägige Veranstaltung wurde das ganze Haus aufwändig dekoriert und in 15 verschiedene Veranstaltungsorte umgewandelt.

In der großen Sporthalle des SEZ wurde ab 1985 die populäre DDR-Fernsehsendung Medizin nach Noten aufgezeichnet, in der Übungsleiter und Kommentatoren die Zuschauer zu gemeinsamen Gymnastikübungen anleiteten.[23][24]

Das Gebäude beherbergte unter anderem:

  • ein Schwimm- und Spaßbad mit sieben teils ineinander-laufenden Becken mit Wasserfall

(inklusive einer Saunalandschaft, einem Wellenbad, einem Sprungturmbecken, einem Kaskadenbecken, einem 400 m² großen erwärmbaren Außenbecken und integrierten Bräunungsebenen). Ein großes Außenbad mit Wasserrutsche war von innen her, durch eine Unterführung bzw. eine ca. 2 cm Gummiwand erreichbar, durch die man tauchen musste.

  • eine Eis- bzw. Rollschuhlaufbahn (Winter-/Sommerbetrieb), wo das einzige in der DDR produzierte Skateboard, der Germina Speeder, ausgeliehen werden konnte
  • Sporthallen
  • Fitnessstudios („Konditionierungs- und Selbsttesträume“)
  • eine moderne Bowlinganlage mit 16 Bahnen
  • eine Tischtennishalle
  • Gymnastik- und Ballettsäle
  • mehrere multifunktionale Veranstaltungsräume inklusive Bühnen-, Licht- und Tontechnik
  • eine Kampfsportschule
  • großflächige Billard- und Openair-Sportanlagen (Tennis, Tischtennis, Boule, Minigolf, Federball)
  • einen Schachtreff
  • einen „Kindersportgarten“ (dort konnten Besucher mit Eintrittskarten für die Einrichtungen ihre Kleinkinder für maximal 4 Stunden kostenlos betreuen lassen)
  • einen Friseursalon
  • eine sportmedizinische Praxis

Im Gebäudekomplex waren zehn verschiedene gastronomische Einrichtungen integriert (unter anderem Bierrestaurant „Zur Molle“, Restaurant „Kristall“, „Kaskade“, „Foyertreff“, „Polariumtreff“, Eis-Milch-Bar „Wellentreff“).

1991 bis heute

Nach dem Ende der DDR 1990 gab es um die Weiterführung des Objektes jahrelange Ungewissheit. Nach und nach wurden der Betrieb der Sportstätten und der Veranstaltungsbetrieb eingestellt und fast die gesamte Belegschaft entlassen. Dem Berliner Senat als neuer Eigentümer waren die Kosten zu hoch und das SEZ wurde im Dezember 2002 geschlossen. Die Belegschaft wurde in andere Senatseinrichtungen übernommen. Anschließend wurde der Gebäudekomplex für einen symbolischen Euro an einen Leipziger Investor verkauft.[25] Unmittelbar danach erhielt das graue Gebäude einen neuen Anstrich. Den Besuchern standen ab November 2003 die renovierte Bowlingbahn sowie die Badminton- und Tischtennishalle wieder für sportliche Aktivitäten zur Verfügung. In den folgenden Jahren wurden umfangreiche Entkernungs- sowie Instandhaltungsarbeiten durchgeführt. Der SEZ-Park wurde umfassend umgestaltet, es wurden mehr als 5000 Pflanzen neu gepflanzt.

2004 fand im Rahmen der Love Week (Ersatzveranstaltung der Loveparade) ein Tages-Open-Air statt. 2009 wurde ein multifunktioneller Sportbereich eröffnet, in dem Ballsportplätze, Fitness, Wasserflächen und ein Saunabereich mit Außenpoolgelände zugänglich sind. Ein Teil der eigentlichen Gebäudefläche ist weiterhin ungenutzt.

Zur Langen Nacht der Museen wurde im August 2011 das SEZ erstmals auch als öffentlicher Kunstort geöffnet. Johannes Heisig zeigte dort seine Bilderserie Krähe (Crow), die sich auf den gleichnamigen Gedichtzyklus von Ted Hughes bezieht.[26]

Im ehemaligen Foyer fand vom 28. Juni bis 30. September 2012 eine große Streetart-Ausstellung statt.[27]

Seit 2003 bis 2023/2024 fand jeweils zum Jahreswechsel das zweitägige Psytrance- und Kunst-Festival „Odyssee“ in einem Großteil des Gebäudekomplexes statt.[28]

Konflikt um weitere Nutzung des Komplexes

Das ungenutzte SEZ im Jahr 2022

Da der Investor das Schwimmbad des SEZ selbst aus wirtschaftlichen Gründen nicht in Betrieb nahm, stand dieser vermehrt in der öffentlichen Kritik.[29] Die Bezirksverwaltung Friedrichshain-Kreuzberg sowie der Bezirksbürgermeister Franz Schulz beanstandeten, dass der Investor seine vertraglichen Verpflichtungen nicht vollumfänglich eingehalten habe. In seinem 41. Schwarzbuch monierte der Bund der Steuerzahler 2013 das Verhalten des Berliner Senates, dessen Finanzsenator den Verkauf des Areals in der Öffentlichkeit an die feste Bedingung geknüpft habe, dass der Investor die Schwimmhalle innerhalb von fünf Jahren zu einem modernen, familienfreundlichen Spaßbad umbaut. Kritiker des Verkaufs wurden damals damit beruhigt, dass eine Vertragsstrafe und ein Rückkaufsrecht für den Fall vereinbart sei, dass die Frist für die Wiederaufnahme des Schwimmbetriebes durch den Investor nicht eingehalten werde. Bis heute sei weder der Schwimmbetrieb im Sinne eines Spaßbades aufgenommen worden, noch hätte der Senat die vertraglichen Regelungen durchgesetzt oder von der Vertragsstrafe Gebrauch gemacht. Der Bund der Steuerzahler stellte deshalb Strafanzeige wegen des Verdachts der besonders schweren, gemeinschaftlichen Untreue zulasten des Landes Berlin. Diese wurde von der Berliner Staatsanwaltschaft jedoch zurückgewiesen, bezüglich des Verkaufs zum Preis von einem Euro bereits aufgrund der nach fünf Jahren inzwischen eingetretenen Verjährung.[30]

Kern des Konflikts ist vor allem das Ausmaß der vertraglichen Verpflichtungen des Investors zur weiteren Nutzung des Komplexes. Im Zuge der Diskussion in der Berliner Presse hatte der Investor den Kaufvertrag sowie Auszüge des begleitenden Schriftverkehrs auf der Website des SEZ veröffentlicht. Nach dem Vertrag hatte sich der Investor verpflichtet, das Kaufgrundstück weiterhin unbefristet als Sport- und Erholungszentrum mit den Angeboten Sauna, Bowling, Sporthalle und Fitnessangebot zu nutzen, die in dieser Reihenfolge zeitlich zu realisieren waren. Der Hallenbadbetrieb sollte bis zum Ende des Jahres 2007 unter der Voraussetzung aufgenommen werden, dass ein abzustimmendes Energie- und Wirtschaftlichkeitskonzept zu dem Ergebnis kommt, dass der Hallenbadbetrieb zu diesem Termin eröffnet werden kann.[31] Senat und Liegenschaftsfonds Berlin gingen davon aus, dass der Investor diese vertraglichen Verpflichtungen mit der Inbetriebnahme einiger Wasserflächen, einschließlich des sanierten Außenbeckens erfüllt hätte.[32] Nach Angaben des Investors wurde der juristisch unscharfe Begriff des „Hallenbades“, der in Größe und Form nicht definiert ist, absichtlich verwendet, um der nachträglichen Forderung von Wasserflächen nachkommen zu können, ohne den Vertrag zum Scheitern zu bringen.[33][34]

Friedrichshain-Kreuzberg hält weitere Pläne des Unternehmers, wie auf dem SEZ-Freigelände einen Stellplatz für Wohnmobile einzurichten, den entkernten Verwaltungstrakt aufzustocken und zum Hostel auszubauen oder hinter dem Gebäude fünf Stadtvillen mit Ferienappartements zu bauen, für nicht genehmigungsfähig. Ein alternatives Vorhaben des Investors sieht vor, das SEZ abzureißen und eine moderne Sportanlage mit Wellness, Hostel und Wohnungen zu bauen. Nach der Lesart des Investors wird der bauliche Bestand des Gebäudes durch den Kaufvertrag nicht gesichert.[34]

2018 entschied das Landgericht Berlin, dass der Unternehmer das SEZ gegen Zahlung eines Ablösebetrags von knapp einer Million Euro behalten dürfe.[35] Dieses Urteil wurde 2022 vom Kammergericht aufgehoben und stattdessen der Verkauf der Immobilie an das Land Berlin für einen Euro angeordnet.[36] Der Investor kündigte an, vor den Bundesgerichtshof zu ziehen.[37] Am 23. November 2023 hat der für Verträge über Grundstücke zuständige V. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes die gegen das Urteil des Kammergerichts vom 8. Juli 2022 (14 U 30/19) von dem Kläger eingelegte Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision zurückgewiesen.[38][39] Am 1. Oktober 2024 erließ das Land Berlin die Zwangsvollstreckung per Gerichtsvollzieher und übergab das Gelände an die landeseigene BIM Berliner Immobilienmanagement, die bereits im Grundbuch eingetragen worden war.[25]

Der Berliner Senat plante im Jahr 2024 den Abriss des Gebäudes, um Platz für den Bau von 500 Wohnungen und einer Schule zu schaffen.[25] Im Februar 2026 wurde bekannt, dass der Abriss im März 2026 erfolgen soll.[40] Ende Februar 2026 wurde der geplante Abriss wegen artenschutzrechtlicher Bedenken durch den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gestoppt.[41]

Anmerkungen

  1. LIMEX - Bau-Export-Import war ein staatlicher Außenhandelsbetrieb im Einflußbereich Kommerzielle Koordinierung unter Leitung von Alexander Schalck-Golodkowski.

Literatur

  • Matthias Oloew: Schwimmbäder - 200 Jahre Architekturgeschichte des öffentlichen Bades. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-496-01617-5.
Commons: SEZ (Berlin) – Sammlung von Bildern

Das SEZ als Kunstort:

Einzelnachweise

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