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Sternenhimmel der Sixtinischen Kapelle

Entwurfszeichnung für die Ausmalung der Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Sternenhimmel der Sixtinischen Kapelle war die ursprüngliche Deckenausmalung der Palastkapelle von Papst Sixtus IV. (p. 1471–1484) im Vatikan, die dort rund ein Vierteljahrhundert vor der Erschaffung des weltberühmten Deckenfreskos Michelangelos (* 1475; † 1564) existierte. Die am 15. August 1483 unter dem Patrozinium der Aufnahme Mariens in den Himmel geweihte Kapelle besaß bereits zu diesem Zeitpunkt eine vollständige malerische Ausschmückung, bestehend aus den Wandfresken über das Leben Jesu und das Leben des Moses sowie dem Sternenhimmel; erst 25 Jahre nach der Konsekration begann Michelangelo mit der Neuausmalung des Gewölbes. Der Rekonstruktion dieser ersten Deckenbekrönung wurde in der Kunstwissenschaft jedoch lange Zeit wenig Beachtung geschenkt.

Schnelle Fakten Entwurf zum Sternenhimmel der Sixtinischen Kapelle ...
Entwurf zum Sternenhimmel der Sixtinischen Kapelle (Piermatteo d’Amelia (zugeschrieben))
Entwurf zum Sternenhimmel der Sixtinischen Kapelle
Piermatteo d’Amelia (zugeschrieben), 1479–1480
Stilus, Spuren von schwarzer Kreide, Feder und Pinsel in Aquarellfarben auf weißem Papier
39,2 cm × 17,5 cm
Uffizien, Florenz (Inv. Nr. 711 A)
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Grundlage der heutigen Forschung ist eine seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bekannte Entwurfszeichnung für die Deckengestaltung, die wahrscheinlich um 1480 von dem umbrischen Renaissancemaler Piermatteo d’Amelia (* vermutlich zwischen 1446 und 1448; † 1506?) oder seiner Werkstatt ausgeführt worden war. Die Zeichnung ist das zentrale Indiz für die kunsthistorische Rekonstruktion, dass die Decke der Sixtina von ihrer Fertigstellung bis zur Neufreskierung ab 1508 mit einem Sternenhimmel geschmückt war. Neuere Untersuchungen insbesondere durch Ulrich Pfisterer und Florian Métral zeigen zudem, dass Piermatteos Deckenfresko kein einfacher Sternenhimmel in spätmittelalterlicher Tradition war. Es handelte sich vielmehr um ein komplexes, dem Zentrum der westlichen Christenheit würdiges Meisterwerk, das das theologische Gesamtkonzept der Kapelle von Sixtus IV. ikonographisch vollendete.

Ernst Steinmann: Wiederentdeckung der Zeichnung

„[U]nter den Architekturzeichnungen in den Uffizien hat sich ein merkwürdiges Blatt erhalten (…), auf dessen Rückseite Antonio da San Gallo der jüngere (1485–1546) die Bemerkung geschrieben hat, dass diese Zeichnung von der Hand des Pier Matteo d’Amelia für die Kapelle Sixtus IV. gefertigt worden sei. ‚Aber,‘ fügte er hinzu, ‚man machte es nicht so; Michelangelo hat sie dann mit Figuren gemalt, wie man in der Ausführung sehen kann‘ (…).“

– Ernst Steinmann[1.1][1.2]

Der Kunsthistoriker Ernst Steinmann beschreibt dieses Blatt, auf das ihn Cornelius von Fabriczy aufmerksam gemacht hatte und das das Gewölbe der Sixtinischen Kapelle darstellt, in seinem monumentalen Werk über das Bauwerk (erschienen ab 1901 in zwei Bänden) als eine „einfache, mit quattrocentistischer Strenge entworfene Zeichnung“. Die Umrisse der Lünetten und Zwickel seien in Sepia ausgeführt, die Zwischenräume in demselben Farbstoff getönt. Die Fläche der ungegliederten Deckenwölbung sei „leicht in himmelblauer Farbe angelegt und flüchtig mit gelben Sternpunkten verziert“. An den beiden Schmalseiten erkennt Steinmann das Wappen der Della Rovere.[1.3]

Steinmann bezweifelte trotz der Anmerkung Sangallos nicht, dass der Sternenhimmel auch ausgeführt wurde; die Dekoration sei möglicherweise aber bereits 1504 bei einer Restauration zerstört worden. Als Beleg für die Ausführung führt er ein Werk des Humanisten Aurelio Brandolini an, der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts lebte. Dort wird der „neue[…], gestirnte[…] Tempel“ gepriesen – für Steinmann ein klarer Verweis auf die blaue sternenübersäte Decke. Selbstverständlich müsse doch in den knapp 30 Jahren zwischen Vollendung der Kapelle und der Freskierung durch Michelangelo „die Decke auf irgend eine Weise den Wandmalereien angepasst gewesen sein“. Der Irrtum Sangallos, „der die ältere Malerei wahrscheinlich nie gesehen, wohl aber die Fresken Michelangelos bewundert hatte“, sei jedoch aufgrund des frühen Untergangs der ursprünglichen Ausschmückung nachvollziehbar.[1.3]

Für Steinmann war das Deckenfresko – im offensichtlichen Gegensatz zu der ihm ja bekannten Zeichnung[1.4] – lediglich eine „sehr einfache, rein dekorative Malerei“,[1.3] wie sie in der von ihm in einem Supplement zum ersten Band seines Werkes über die Sixtinische Kapelle wiedergegebenen Lithografie von Gustavo Tognetti (1899)[2.1] dargestellt ist[3] – in einem regelmäßigen Muster angeordnete gelbe Punkte auf einem blauen Hintergrund etwa nach dem Vorbild der Deckenausschmückung in der Arenakapelle (Cappella degli Scrovegni) in Padua, wie sie Giotto (* 1267 oder 1276; † 1337) zu Beginn des 14. Jahrhunderts ausgeführt hatte. Piermatteo, über den zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur sehr wenig bekannt war, war aus Steinmanns Sicht lediglich ein mittelmäßiger Maler, dem gegenüber sich etwa Pinturicchio (* 1454; † 1513) „an Formgefühl und Farbensinn unendlich überlegen zeigt“.[1.5][1.6]

Schnelle Fakten Entwurf zum Sternenhimmel der Sixtinischen Kapelle (in Farbe) ...
Entwurf zum Sternenhimmel der Sixtinischen Kapelle (in Farbe)
Uffizien, Florenz (Inv. Nr. 711 A)

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Ein vergessenes Werk

Der von Papst Sixtus IV. in Auftrag gegebene Sternenhimmel wurde um 1481 von Piermatteo d’Amelia ausgeführt. Im Frühjahr 1508 wurde er auf Betreiben von Sixtus’ Neffen, Papst Julius II. (p. 1503–1513), heruntergeschlagen, um Platz zu schaffen für das Deckenfresko Michelangelos mit Geschichten aus dem Alten Testament, Propheten und Sibyllen.[4.1][4.2]

Der Kunsthistoriker Florian Métral[5] weist darauf hin, dass der ursprüngliche Sternenhimmel in der westlichen Kunstgeschichte jahrhundertelang und bis in die Gegenwart zugunsten Michelangelos Deckenfresko nahezu gänzlich unbeachtet blieb. Den Grund dafür sieht er in einer auf den frühen Künstlerbiographen Giorgio Vasari zurückzuführenden Tradition, die Michelangelos Werk als das Licht bezeichnete, das der Malkunst solchen Nutzen gebracht habe, dass es ausreichte, die so viele Jahrhunderte in der Finsternis liegende Welt zu erleuchten.[4.3] Zu dieser Sicht beigetragen haben dürfte auch die optisch sehr überzeugende und vielfach reproduzierte Rekonstruktionszeichnung Tognettis, die eine spätmittelalterliche Konvention aufgriff[2.1] und selbst in rezenten Werken noch publiziert wird.[4.4] Betroffen von dieser Einseitigkeit ist in Métrals Worten kein zweitrangiges Artefakt, sondern eines der monumentalsten Fresken, die jemals in der westlichen Welt verwirklicht wurden.[4.1]

Von der Zeichnung zur Deckenausschmückung

Die Wasserfarbenzeichnung im Gabinetto dei Disegni e delle Stampe der Uffizien ist das einzige Zeugnis über die ursprüngliche Ausführung des Gewölbes der Sixtinischen Kapelle.[4.2] Die kolorierte Zeichnung wurde äußerst sorgfältig gefertigt. Das für die blauen Flächen verwendete Pigment ist reinstes Lapislazuli (natürliches Ultramarin),[6.1] wobei sich dieses jedoch im Laufe der Jahrhunderte stark verändert hat; auch das aufgebrachte Gold ist teilweise abgefallen oder schwarz oxidiert.[2.2]

Das Verhältnis zwischen der Zeichnung und der letztendlich ausgeführten Deckendekoration Piermatteos wird kontrovers diskutiert. So könnte es sich bei dem Blatt „um einen oder sogar den Entwurf“ (Hervorhebung im Original) handeln, der Grundlage des Vertrages war, es könnte aber auch eine Nachzeichnung sein; schließlich ist letztendlich dokumentarisch nicht eindeutig belegt, dass der Sternenhimmel überhaupt jemals realisiert wurde.[2.2]

Umberto Gnoli versuchte in den 1920er Jahren auf der Grundlage der zu diesem Zeitpunkt bekannten Dokumente eine Rekonstruktion der Persönlichkeit Piermatteos.[6.2] Dabei nahm Gnoli 1923 die Interpretation Steinmanns auf, der das Blatt in den Uffizien Piermatteo zugeordnet hatte. Er schlug vor, die Deckenausmalung bereits auf 1479–1480 zu datieren, noch vor der Ausführung der Wandfresken, eine Hypothese, die in der Folge fast unbestritten übernommen wurde.[6.1][6.3]

Eine abweichende Stimme ist Silvia Danesi Squarzina, die 1997 die Ansicht vertrat, dass es Papst Innozenz VIII. (p. 1484–1492, der Nachfolger von Sixtus IV.) gewesen sei, der die Entwurfszeichnung von Piermatteo angefordert habe. Sie wies dabei auf Analogien zur Decke der Villa Belvedere hin, eines Lustschlosses, das Innozenz VIII. hatte errichten lassen (heute Teil des Cortile del Belvedere) und an dessen Dekoration Piermatteo beteiligt war.[7]

Auch Lucilla Vignoli zeigt sich skeptisch, wobei sie sich auf eine Arbeit von John Shearman aus dem Jahr 1990 beruft. Piermatteo wurde nämlich 1504/1505 zusammen mit dem Architekten Giuliano da Sangallo, einem Onkel von Antonio da Sangallo dem Jüngeren, für Dekorationsarbeiten auf der Engelsburg bezahlt. Vermutlich war es dieser Architekt, der von Julius II. den Auftrag bekam, Setzungsrisse, die sich 1504 im Gewölbe der Sixtina zeigten, baulich zu beseitigen. Über diese Verbindung könnte Piermatteo aufgefordert worden sein, die in diesem Szenario unter Sixtus IV. unvollendet gebliebene Deckenausschmückung nun zum Abschluss zu bringen. Seinen Entwurf könnte er Ende 1505 fertiggestellt haben, wobei sich die beiden Wappen des Hauses Della Rovere an den Stirnseiten der Zeichnung als eine doppelte Hommage interpretieren lassen, sowohl an Papst Sixtus IV., den Bauherrn der Sixtinischen Kapelle, als auch an Julius II., der die Restaurierung leitete und die Dekoration vollenden wollte. Der Tod Piermatteos, der wahrscheinlich 1506 eintrat, hätte die Verwirklichung seines Sternenhimmels jedoch verhindert, woraufhin Julius II. auf den Rat Giuliano da Sangallos hin schließlich Michelangelo mit der Ausmalung beauftragte.[6.4]

Doch lässt diese Interpretation der Ereignisse einige Fragen offen. Zum einen pries bereits der zeitgenössische Humanist Aurelio Brandolini in seinem eingangs von Steinmann erwähnten Lobgedicht den gestirnten Himmel, zum anderen sah sich Paris de Grassis, der Zeremonienmeister Julius II., genötigt, den Lärm und Schmutz beim Abschlagen der alten Freskoschicht 1508 zu beschreiben, was die Existenz einer früheren Ausmalung voraussetzt. Schließlich wäre es vollkommen unverständlich, warum die Decke, die in der Logik der Freskentechnik zuallererst auszumalen war, in einer ansonsten auf allerhöchstem Niveau ausgeschmückten Kapelle jahrzehntelang freigelassen worden sein sollte.[2.3]

Himmelfahrt Mariä, Giovanni Maria Falconetto, nach dem 1534 zerstörten Fresko Peruginos an der Altarwand der Sixtinischen Kapelle

Der Sternenhimmel und die Himmelfahrt Mariä

Tatsächlich zeigt Piermatteos Entwurf keine traditionelle spätmittelalterliche Dekoration, keine „drittklassige[…] Lösung“,[2.2] sondern über den Himmel zieht sich ein Ausschnitt des Zodiak, begleitet von Sternbildern. Diese werden nicht mehr, wie in früheren Jahrzehnten üblich, als mythologische Figuren dargestellt, sondern allein durch Sterne in der Form größerer oder kleinerer vergoldeter Punkte, je nach ihrer Leuchtkraft. Die rekonstruierten Sternbilder – Cancer (Krebs), Leo (Löwe), Virgo (Jungfrau) und Libra (Waage)[4.5] – zeigen zudem den Himmel über Rom im Monat August, womit die Konstellation perfekt zum Patrozinium der Kapelle passt, der Himmelfahrt Mariä, gefeiert am 15. August.[2.3][2.4]

„Die Sixtina erhielt also einen spektakulären Sternenhimmel auf dem neuesten Stand des Wissens und der Darstellung, wie es der Bedeutung des Ortes angemessen war und einem Papst entsprach, der sich um eine Kalenderreform bemühte, sich auch sonst besonders für die Sternenkunde interessierte und zudem im August gewählt worden war.“

– Ulrich Pfisterer[2.4]

Das dunkelblaue Gewölbe mit seinen im Kerzenlicht funkelnden goldenen Sternen war für die der Himmelfahrt Mariä gewidmete Kapelle unverzichtbar, denn erst durch diesen gemalten Himmel wurde das theologische Gesamtkonzept des Raumes offenbar. Direkt über dem Altar hatte Perugino (* um 1450; † 1523) sein (später für Michelangelos Jüngstes Gericht zerstörtes) Altarfresko der Himmelfahrt Mariä geschaffen, zu deren Füßen der Stifter Papst Sixtus IV. mit abgesetzter Tiara kniet, dem der hl. Petrus seine Linke auf das bloße Haupt legt, während seine Rechte den goldenen Schlüssel des Himmelreichs in der Hand hält, im Begriff, ihn seinem Nachfolger vertrauensvoll auf die Schulter zu legen.[2.4]

Die Himmelsschlüssel hatten hier eine tiefere Bedeutung, denn durch ihre Aufnahme in den Himmel stieg Maria zur Himmelskönigin (Regina Caeli) und zur Pforte des Himmels (Porta Caeli) auf. Der blaue Sternenmantel ist ein ureigenes Attribut Mariens. Pfisterer verweist hier auf Dante Alighieris Göttliche Komödie (Il Paradiso, Canto XXIII), in der die triumphierende Himmelskönigin im Zentrum des Fixsternhimmels erscheint.[2.4]

Nach damaliger Vorstellung offenbart sich der göttliche Weltenplan am klarsten in eben diesem Fixsternhimmel, da der Lauf der Gestirne und das über sie vermittelte göttliche Gesetz das irdische und menschliche Schicksal lenkt. Schließlich ist das sichtbare Sternenzelt die absolute Grenze der geschaffenen materiellen Welt, jenseits dessen das ewige Empyräum beginnt, der Aufenthaltsort der Engel und der Auserwählten, über denen nur noch die Dreifaltigkeit steht.[2.4]

Während die Wandfresken der Kapelle mit den Zyklen von Moses und Christus sowie den Papstporträts in die Vergangenheit bis in das Alte Testament verweisen, eröffnete Ulrich Pfisterer zufolge der Blick nach oben in den gemalten Himmel der Sixtina den zukünftigen außerzeitlichen Heilsplan Gottes. Diese Grenze der Schöpfung sei für die Sterblichen im Diesseits nur durch eine gottgegebene Vision zu überwinden oder aber am Ende der Zeiten beim Jüngsten Gericht.[2.4]

Maria habe als erster Mensch leibhaftig den Weg in den Himmel beschritten, wodurch sie zur Pforte zum Himmel und zum ultimativen Beweis für die Möglichkeit einer zukünftigen Auferstehung geworden sei. Die übrige Menschheit sei auf die Gnade Gottes, die Fürsprache Christi, Mariens und der Heiligen sowie auf die von der Kirche (und damit dem Papst) verwalteten Sakramente angewiesen geblieben. Piermatteos Sternenhimmel über der Sixtina habe somit als gewaltiges Scharnier die vergangene Heilsgeschichte auf den Wänden mit der eschatologischen Hoffnung auf das zukünftige Himmelreich verbunden.[2.5]

Einzelnachweise

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