Sternenrotz
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Als Sternenrotz (auch Sternrotz; volkstümlich auch Meteorgallerte) wird umgangssprachlich eine gel- bzw. gelatineartige, gallertige Substanz bezeichnet, die klumpenweise im Freien gefunden wird und in der Volksüberlieferung teils als „vom Himmel gefallen“ gedeutet wurde.[1] Der Begriff bezeichnet keine einheitliche Substanz, sondern einen Sammelnamen für äußerlich ähnliche Erscheinungen unterschiedlicher biologischer Herkunft. Im englischen Sprachraum ist das Phänomen u. a. als Star jelly bekannt.[2]


Beschreibung
Sternenrotz wird in Fundberichten als durchscheinende bis grauweißliche, teils weißliche oder gelbliche Gallertmasse beschrieben, die auf Wiesen, Wegen oder in Parks liegt und gelegentlich auch an Gehölzen bemerkt wird.[2] Häufig wird sie nach feuchter Witterung bzw. Regen wahrgenommen, was sowohl die Sichtbarkeit (Aufquellen) als auch die Erhaltung der Substanz beeinflussen kann.[3]
Einzelne Laboruntersuchungen an eingesandten Proben lieferten teils keine auswertbaren DNA-Ergebnisse, u. a. aufgrund mikrobieller (bakterieller bzw. fungaler) Kontamination der Proben; daraus folgt jedoch nicht, dass Sternenrotz grundsätzlich „DNA-frei“ wäre.[2]
Naturwissenschaftliche Erklärungen
Da es sich um eine umgangssprachliche Bezeichnung für ein Beobachtungsphänomen handelt, werden in der Literatur mehrere biologische Ursachen diskutiert, die sich teilweise ähneln oder miteinander verwechselt werden können. Die folgenden Erklärungen sind nach heutiger Quellenlage unterschiedlich gut belegt.
Amphibien (Laich-/Oviduktgallert nach Prädation)

Als häufig berichtete Erklärung gilt gallertiges Material aus dem Fortpflanzungstrakt (u. a. Ovidukt-/Laichgallert) von Fröschen oder Kröten, das nach Prädation (z. B. durch Greifvögel oder Reiher) ausgewürgt bzw. als schwer verdaulicher Anteil zurückgelassen wird. In mehreren dokumentierten Fällen wurden gallertige Ablagerungen zusammen mit Eiresten bzw. oviduktähnlichen Strukturen beschrieben; nach Wasserkontakt kann das Material stark aufquellen und dadurch besonders auffällig werden.[2] Bereits im 19. Jahrhundert wurde „star-jelly/star-shot“ als Produkt der Umwandlung von Frosch- oder Krötenresten diskutiert und mit feuchter Witterung in Verbindung gebracht.[3]
Cyanobakterien (Nostoc)
Als weitere Möglichkeit werden Kolonien von Cyanobakterien der Gattung Nostoc genannt: Diese können auf dem Boden als unauffällige Beläge vorkommen und nach Niederschlag zu gallertigen Massen aufquellen, wodurch sie als „plötzlich erschienen“ wahrgenommen werden. Solche Funde gelten in der Literatur als häufige Verwechslungen mit Sternenrotz im engeren Sinne.[2]
Pilze und Schleimpilze (Verwechslungen/Alternativen)

Auch gallertige Pilze (umgangssprachlich „Gallertpilze“) sowie Schleimpilze können je nach Entwicklungsstadium eine stark schleimige bzw. gallertige Erscheinung zeigen und daher als Sternenrotz gedeutet werden. Schleimpilze besitzen teils plasmodiale Stadien mit gelartigem Protoplasma; bei der Gattung Ceratiomyxa stehen Fruchtkörper auf einer schleimigen Matrix.[4]
Technische Stoffe (Fehlzuordnungen)
In Einzelfällen wurden gallertige Funde später als synthetische Materialien (z. B. stark wasseraufnehmende Polymere) identifiziert. Solche Vorkommen gelten als Fehlzuordnungen und werden vom klassischen Verständnis des Sternenrotz-Phänomens abgegrenzt.
Begriff und Abgrenzung
Der Ausdruck „Sternenrotz“ bzw. „Sternrotz“ ist ein volkstümlicher Sammelbegriff für gallertartige Funde unterschiedlicher Ursache. Der Arbeitskreis Amphibien und Reptilien Nordrhein-Westfalen erläutert, dass der Volksmund u. a. die Bezeichnungen „Meteorgallerte“ oder „Sternenrotz“ für ausgespiene bzw. ausgewürgte Reste (z. B. aus den Eileitern) von gefressenen Amphibien verwendet.[1] Daneben werden gallertige Funde nach Regen in der Praxis häufig mit Nostoc-Kolonien oder mit Schleimpilzen verwechselt, die äußerlich ähnlich erscheinen können (siehe Abschnitt „Naturwissenschaftliche Erklärungen“).[2]
Geschichte, Sprache und Volksglaube
In der Volksüberlieferung wurde Sternenrotz teils mit Sternschnuppen oder Meteoren in Verbindung gebracht („vom Himmel gefallen“). Historische Bezeichnungen wie stella terrae, uligo oder das walisische pwdre ser („Sternenverwesung“) belegen die lange kulturelle Deutungstradition.[5]
Eine zentrale Quelle für die kritische Einordnung dieser Vorstellungen ist der Beitrag von Thomas McKenny Hughes in Nature (1910). Hughes beschreibt eigene Beobachtungen weißlich-durchscheinender, gallertiger Massen auf Gras und zeigt, dass diese Erscheinungen nicht als meteoritischer Niederschlag zu deuten sind. Er verweist auf literarische und naturkundliche Quellen, die den „vom Himmel gefallenen“ Ursprung bereits früh bezweifelten, und diskutiert irdische Erklärungen, u. a. tierischen (z. B. aus Fröschen/Würmern) sowie pflanzlich-mikrobiellen Ursprung (Vergleich mit Nostoc). Damit markiert der Beitrag den Übergang von einer folkloristischen Deutung zu naturwissenschaftlichen Erklärungsansätzen.[5]
Rezeption
In der kultur- und literaturwissenschaftlichen Literatur wird Sternenrotz nicht nur als naturkundliches Phänomen, sondern auch als Bestandteil von Volksglauben und symbolischer Deutung behandelt. Folkloristische Analysen ordnen Berichte über „fallende Sterne“ und gallertartige Substanzen in den Kontext metaphorischer und mythischer Vorstellungen ein.[6]
Literatur
- Myles O’Reilly, Nicole Ross, Sarah Longrigg: Recent observations of “mystery star jelly” in Scotland appear to confirm one origin as spawn jelly from frogs or toads. In: The Glasgow Naturalist. Band 26, Nr. 1, 2013, S. 89–92.
- Thomas McKenny Hughes: Pwdre Ser. In: Nature. Band 83, 1910, S. 492–494, doi:10.1038/083492a0.
- William Fothergill: XIV. Hints towards the natural history of the toad. In: Philosophical Magazine. Band 64, Nr. 316, 1824, S. 85–91, doi:10.1080/14786442408644561.
- Carlos Rojas, Steven L. Stephenson: Myxomycetes – Biology, Systematics, Biogeography and Ecology. 2. Auflage. Elsevier, London 2021, ISBN 978-0-12-824281-0, S. 277–278.
- Hilary Belcher, Erica Swale: Catch a Falling Star. In: Folklore. Band 95, Nr. 2, 1984, S. 210–220, doi:10.1080/0015587X.1984.9716316.