Stoa Poikile

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Die Stoa Poikile (altgriechisch ἡ ποικίλη στοά hē poikílē stoá, deutsch die bunte Halle) war eine Stoa genannte Säulenhalle an der Nordwestseite der Agora im antiken Athen. Errichtet um 470/460 v. Chr. in dorischer Ordnung, war sie bekannt einerseits wegen ihrer Tafelgemälde im Inneren, anderseits wegen ihrer Bedeutung für die griechische Philosophie, insbesondere des Stoizismus, dessen Begründer Zenon von Kition in der Säulenhalle lehrte.

Plan der Agora am Ende der klassischen Periode (ca.  300 v. Chr.); die Stoa Poikile ist Nummer 11

Geschichte

Die häufig in literarischen und epigraphischen Quellen erwähnte Stoa Poikile,[1] oft auch einfach nur Poikile genannt, ließ um 470/460 v. Chr. Peisianax, wohl ein Schwager Kimons, errichten. Sie war daher ursprünglich als „Peisianakteische Stoa“ (ἡ Πεισιανάκτειος στοά hē Peisianákteios stoá) bekannt.[2] Ob Peisianax als Stifter und Bauherr aufzufassen ist, der auch Einfluss auf die Ausgestaltung der Säulenhalle und ihre Gemälde hatte, oder lediglich einer Baukommission vorstand, die für Ausschreibung und Bauüberwachung zuständig war, ist umstritten.[3] Im Inneren der Stoa befanden sich Gemälde von Polygnotos, einem der brühmtesten Maler der griechischen Antike, von seinem Zeitgenossen Mikon und möglicherweise von Panainos, einem mit Phidias verwandten Maler. Die Zuweisung einzelner Gemälde an die Maler varriert in der literarischen Überlieferung.[4] Das Gemälde der Schlacht von Marathon galt Demosthenes,[5] Aischines[6] und andere Autoren als wichtiges Denkmal für den Heldenmut der Vorfahren.[7] Bronzeschilde, die von den Spartanern in der Schlacht von Sphakteria 425 v. Chr. und bei der Belagerung von Skione 421 v. Chr. erbeutet worden waren, wurden in der Stoa aufgestellt, wo sie noch im 2. Jahrhundert n. Chr. zu sehen waren.[8]

Laut Diogenes Laertios stand die Stoa mit der Ermordung von mehr als 1500 Athenern während der oligarchischen Herrschaft der Dreißig im Jahr 403 v. Chr. in Verbindung.[9] Es ist unklar, ob die Stoa der Ort der Verurteilung oder tatsächlich der Hinrichtung war.[10] Quellen aus der Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. erwähnen die Nutzung des Ortes als Gericht und als Ort für offizielle Schiedsverfahren.[11]

Ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. lehrten Philosophen häufig in der Stoa. Der Kyniker Krates von Theben verbrachte dort seine Zeit.[12] Sein Schüler Zenon von Kition war besonders eng mit der Stoa verbunden, in der er von etwa 300 v. Chr. bis zu seinem Tod um 262 v. Chr. lehrte. Laut Suda wurde er deswegen Stoikos (Στωϊκὸς),[13] die Anhänger der von ihm gegründete philosophische Schule daher Stoikoi genannt.[14] Hiervon leitet sich der moderne Begriff Stoizismus ab. Der Komödiendichter Theognetos aus dem späten 3. Jahrhundert v. Chr. erwähnt in einem Witz über Philosophen „belanglose Wortwechsel aus der Stoa Poikile“.[15] Manche Philosophen sprachen zu ihren Anhängern, während sie in der Stoa auf und ab gingen.[16] Das rege Treiben zog auch Bettler an, die sich bei der Stoa aufhielten.[17] Der Rhetor Alkiphron berichtet im 2. Jahrhundert n. Chr. in seinen fiktiven Briefen von einem „barfüßigen, totenbleichen Weltweisen, deren sich einige um Poikile herum aufhalten“[18] und von „von geschwätzigen Philosophen bevölkert“.[19] Lukian von Samosata schildert in mehreren Werken Philosophen, die dort lehren und debattieren.[20] In der römischen Kaiserzeit war der Bereich vor der Stoa ein Ort der Gaukler und der Straßenunterhaltung, wie der Schriftsteller Apuleius im 2. Jahrhundert n. Chr. zu berichten weiß.[21] Im 2. Jahrhundert n. Chr. standen Bronzestatuen von Hermes Agoraios, Solon, Seleukos und anderen vor der Stoa.[22]

In hellenistischer Zeit wurde über der Straße an der Westseite der Halle ein Tor zur Agora gebaut, das sich bündig der Stoa anschloss.[23] Die Stoa überstand die Herulische Plünderung des Jahres 267 n. Chr. offenbar unbeschadet. In Briefen aus dem Jahr 396 n. Chr. erwähnt Synesios von Kyrene, dass die Gemälde, offenbar kurz zuvor, von einem römischen Statthalter entfernt worden waren.[24] Das Gebäude stand noch im 5. Jahrhundert n. Chr., als westlich davon eine „spätrömische Stoa“ errichtet wurde; dieses Gebäude lehnte sich an die Westwand der Stoa Poikile an.[25] Schuttreste deuten darauf hin, dass die Stoa im 6. Jahrhundert n. Chr. außer Gebrauch geriet und als Baumaterial diente.[26]

Die Stoa wurde im Rahmen der Agora-Ausgrabungen der American School of Classical Studies at Athens freigelegt. Die Fundamente der Stoa wurden zwischen 1980 und 1982 unter der Leitung von T. Leslie Shear, Jr. entdeckt.[27] Die Ausgrabung der Stoa wurde 1981 von Ione Mylonas Shear sowie Margaret Miles und 1982 von John McK. Camp II. durchgeführt.[28] Wegen der damals noch existierenden Überbauungen konnte lediglich die westliche Ecke der Stoa untersucht werden. Architekturfragmente, die zu den Fundamenten passten, wurden verstreut um die nordwestliche Ecke der Agora gefunden.[29] Im Jahr 2022 wurde die neuzeitliche Überbauung im nordöstlichen Bereich der Stoa abgerissen, um deren weitere Ausgrabung und archäologische Untersuchung zu ermöglichen.[30]

Baubeschreibung

Fundamente des westlichen Endes der Stoa Poikile, von Südwesten aus gesehen.
Die Ausgrabungsstätte in der nordwestlichen Ecke der Agora, von Süden aus gesehen. Rechts die Stoa Poikile

Die Stoa befand sich an der nordwestlichen Ecke der Agora, nördlich des Panathenäischen Straße. Direkt westlich traf eine schmale Straße von Norden kommentd auf die Agora.[31] Nördlich der Halle schloss ein noch in klassischer Zeit errichtetes Geschäftshaus direkt an die Stoa Poikile an.[32] Im Süden verlief der Abfluss des Eridanus. Im Südwesten, auf der anderen Seite der Panathenäischen Straße, lagen die Stoa Basileios, das Leokorion und der Zwölfgötter-Altar.[33]

Die Stoa war von Südwesten nach Nordosten ausgerichtet. Erhalten und bislang dokumentiert ist sie lediglich im Bereich ihres südwestlichen Endes. Das Fundament der Rückwand ist rund 1,40 Meter breit und konnte auf einer Länge von 10,40 Metern freigelegt werden.[34] Die Gesamtlänge der Stoa ist unbekannt, wird aber auf etwa 46 Meter geschätzt.[35] Die westliche Seitenwand war 12,60 Meter lang und in ihrem Fundament 2,68 Meter stark. Das Fundament bestand aus drei Stufen aus hartem, feinkörnigem Poros von sehr feiner Verarbeitung, die mit eisernen Doppel-T-Klammern präzise verbunden und mit Blei abgedichtet waren.[36] In der Euthynterie wurden Blöcke verbaut, die zum Teil aus einem älteren Bauzusammenhang stammen müssen. So weist einer der Blöcke eine Kalos-Inschrift auf, die in ihrem neuen Bauzusammenhang nicht mehr lesbar war.[37]

Die Südseite der Stoa bildete die Hauptfassade. Sie bestand aus vier Stufen und einer Säulenstellung dorischer Ordnung mit einem Säulenjoch von 1,998 Metern.[38] Darüber befand sich ein 0,718 Meter hoher Triglyphenfries. Die Triglyphen waren 0,384 Meter breit und aus Poros; die zwischen die Triglyphen eingelassenen marmornen Metopen maßen 0,615 Meter in der Breite. Dieser Fries setzte sich an der West- und Ostseite der Stoa fort.[39] Im Inneren befand sich eine Säulenreihe aus schmaleren ionischen Säulen mit Poros-Schäften und Marmorkapitellen, die den Dachfirst trugen.[40] Damit ist es das früheste bekannte Gebäude in Athen, das die dorische und ionische Säulenordnung kombiniert.[41] Eine Reihe grober Porosblöcke, die sich entlang der Innenseite der Rückwand erstreckt, trug vermutlich eine Bank.[42]

Die Fundamentschicht enthielt zahlreiche Keramikscherben, die aus dem Zeitraum 475–460 v. Chr. stammen, wodurch die Bauzeit der Stoa in etwa festgelegt werden kann.[43]

Gemälde

Die Stoa enthielt vier berühmte Gemälde, die von zahlreichen Autoren erwähnt und insbesondere von dem Reiseschriftsteller Pausanias aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. beschrieben werden. Diese Gemälde befanden sich wahrscheinlich auf Pinakes an der Rückwand der Stoa und stellten Folgendes dar:[44]

  • Eine Schlacht bei Oinoe, die ansonsten unbekannt ist;[45]

„Diese Halle zeigt erstlich die Athener, den Lacedämoniern bei Oenoe im Lande der Argiver gegenüber gestellt. Das Gemälde stellt die Handlung nicht schon bis zu dem Punkte vorgeschritten dar, wo man mit der größten Hitze kämpft und kühne Taten zeigt, sondern den Anfang des Treffens und den beginnenden Angriff.“

Pausanias: Beschreibung Griechenlands 1,15,1[46]

„An der mittleren Wand kämpfen die Athener und Theseus gegen die Amazonen. Diese Weiber aber sind vielleicht die Einzigen, welche durch ihre Unfälle nicht abgeschreckt wurden, schonungslos sich in Gefahren zu stürzen. Denn obgleich Themiscyra von Herkules erobert, und in der Folge ihr Heer, welches sie gegen Athen gesendet hatten, vernichtet worden war, so kamen sie doch nach Troja, um gegen die Athener selbst und die sämmtlichen Griechen zu fechten.“

Pausanias: Beschreibung Griechenlands 1,15,2[48]

„Auf die Amazonen folgen hier die Griechen, welche Troja eingenommen, und die Könige, welche wegen des Ajax Frevel an Kassandra sich versammelt haben. Das Gemälde stellt Ajax selbst dar und gefangene Weiber, und unter anderen auch die Kassandra.“

Pausanias: Beschreibung Griechenlands 1,15,2[50]
  • die Schlacht von Marathon, die mit Abstand am häufigsten erwähnt wird und die Quellen entweder Mikon, Polygnotos oder Panainos zuschreiben.[51]

„Das letzte Gemälde zeigt die Kämpfer von Marathon. Zuerst beginnen die Platäer aus Böotien und das Attische Volk den Angriff auf die Barbaren; und hier ist von beiden Seiten der Kampf gleich. Denn im Innern des Schlachtgewühls sind die Barbaren auf der Flucht und drängen einander in den Sumpf. Den Schluss des Gemäldes machen die Phönicischen Schiffe und das Gemetzel der Griechen unter den Barbaren, welche sich auf diese Schiffe stürzen. Hier ist auch Marathon gemalt, ein Heros, von welchem das Gefilde den Namen erhalten hat, und Theseus, ähnlich Einem, der aus der Erde aufsteigt; ferner Minerva und Herkules. Denn die Marathonier verehrten, wie sie selbst sagen, zuerst den Herkules als Gott. Unter den Kämpfenden sind in dem Gemälde am meisten kenntlich Kallimachus, welchen die Athener zum Polemarchus [Oberanführer] ernannt hatten, Miltiades von den Anführern, und der Heros Echetlus, dessen ich noch in der Folge gedenken werde.“

Pausanias: Beschreibung Griechenlands 1,15,3[52]
Rekonstruktion des Gemäldes der Schlacht von Marathon in der Stoa Poikile, nach Carl Robert[53]

Ein Scholion berichtet, dass die Stoa „viele Gemälde“ enthielt, und weitere Gemälde werden von verschiedenen Autoren erwähnt, darunter ein Gemälde von Apollodoros oder Pamphilos, das die Herakleiden und Alkmene zeigt, wie sie die Athener um Schutz vor Eurystheus bitten,[54] ein Bild des Tragödiendichters Sophokles beim Kitharaspiel,[55] möglicherweise auch eine Schlacht bei Phleius.[56]

Die Gemäldegruppe stellt mythische und historische Ereignisse in scharfem Kontrast zueinander dar: Die mythischen Siege des Theseus über die Amazonen und der Griechen über Troja stehen im Gegensatz zur (vermutlich) historischen Schlacht von Oinoe, dem ersten bedeutenden athenischen Sieg über Sparta, und dem athenischen Sieg über die Perser bei Marathon. Dieser Kontrast ist ein wiederkehrendes Thema in der Kunst und Literatur Athens ab dem 5. Jahrhundert v. Chr.[57]

Literatur

  • John McK. Camp II: The Athenian Agora. Site Guide. 5. Auflage. American School of Classical Studies at Athens, Princeton [N. J.] 2010, S. 95–101 (Digitalisat).
  • T. Leslie Shear, Jr.: The Athenian Agora: Excavations of 1980-1982. In: Hesperia. Band 53, 1984, S. 1–57, hier S. 5–19 (Digitalisat).
  • Olga Palagia: The painted Battle of Oinoe in the Stoa Poikile and the events of 506 B.C. In: Johannes Fouquet, Sarah Herzog, Karin Meese und Tim Wittenberg (Hrsg.): Argonautica. Festschrift für Reinhard Stupperich (= Boreas. Münstersche Beiträge zur Archäologie. Beiheft 12). Marsberg 2018, S. 61–65 (Digitalisat)
  • Giorgia Proietti: Storie su Maratona. Gli epigrammi ateniesi, la Stoa Poikile ed Erodoto. In: Incidenza dell’Antico. Band 13, 2015, S. 53–80 (Digitalisat).
  • Richard Ernest Wycherley: Literary and Epigraphical Testimonia (= The Athenian Agora: Results of Excavations Conducted by the American School of Classical Studies at Athens. Band 3). American School of Classical Studies at Athens, Princeton [N. J.] 1957, S. 31–45 (Digitalisat).
Commons: Stoa Poikile – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen

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