Stottern

Störung des Redeflusses durch Unterbrechungen und Wiederholungen From Wikipedia, the free encyclopedia

Stottern (auch Balbuties, von lateinisch balbutire stottern) ist eine zentralnervöse Störung des Sprechens,[1] welche durch spontan unkontrollierbare Unterbrechungen des Sprechablaufs in Form von Laut- und Silbenwiederholungen, Dehnungen von Lauten und/oder Blockierungen (spannungsvolle Pausen) gekennzeichnet ist. Neben der Hauptsymptomatik können zudem vegetative, motorische sowie emotionale Reaktionen auf die Sprechunflüssigkeiten auftreten.

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Klassifikation nach ICD-10
F98.5 Stottern
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)
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Klassifikation nach ICD-11
MA81 Sprachdysfluenz
6A01.1 Entwicklungsstörung des Sprechflusses
ICD-11: EnglischDeutsch (Vorabversion)
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Dieser Artikel befasst sich mit dem sogenannten originärem neurogenem nicht-syndromalem Stottern (früher: idiopathisches Stottern), das vom erworbenen neurogenen und vom psychogenen Stottern abzugrenzen ist.

Stottern entsteht in der Kindheit und hauptsächlich aufgrund einer genetischen Disposition.[1] Derzeit stehen neurowissenschaftliche Erklärungsansätze im Vordergrund. Konkrete Gene, die ursächlich an der Entstehung des Stotterns beteiligt sind, konnten bislang jedoch nicht eindeutig identifiziert werden.

Die Chance, dass sich das Stottern in der Kindheit zurückbildet (Remissionswahrscheinlichkeit), liegt bei ca. 70–80 %.[1] Nach Pubertätsende ist eine Remission sehr unwahrscheinlich. Eine Prognose, welches Kind das Stottern wieder verlieren wird, ist für den Einzelfall nicht möglich.

Stottern gilt nicht als heilbar, aber als therapierbar.

Phänomenologie

Die Symptomatik lässt sich in Kern- und Begleitsymptomatik (bzw. Primär- und Sekundärsymptomatik) unterteilen.

Kernsymptomatik

  • Wiederholungen von Lauten oder Silben (z. B. T-t-t-t-tasse, Ta-ta-tasse)
  • Dehnungen von Lauten (z. B. Mmmmmmontag)
  • Blockierung (vollständiger Stillstand des Sprechversuchs vor oder in einem Laut, z. B. „---Apfel“, „Mo--ontag“)
  • Mischformen (z. B. Mmmmmmo-mo-mo-montag)

Begleitsymptomatik

  • Fluchtverhalten wie z. B. Mitbewegungen, Ankämpfreaktionen,[2] Atemveränderung, stimmliche Auffälligkeiten, Veränderungen der Sprechweise (z. B. überartikuliertes Sprechen) oder der Einsatz auffälliger Laute (z. B. Schnalzen)
  • Vermeideverhalten wie z. B. sprachliches Vermeiden (z. B. Synonyme verwenden), zeitlicher Aufschub (Interjektionen wie „ähm“ zwischenschieben) und situatives Vermeiden (spezielle Gesprächssituationen vermeiden wie z. B. Telefonieren)[3]
  • Innere Symptome (stotterbezogene negative Gedanken und Gefühle) wie z. B. Angst,[2] Hilflosigkeit, Scham, Frustration etc. sowie Gedanken wie „Wenn ich stottere, halten mich die Leute für weniger kompetent“. Aus diesen Gedanken und Gefühlen resultieren nicht selten eine generelle Abwertung der eigenen Sprechfähigkeit, eine Selbstabwertung als Sprecher, eine übermäßige Selbstbeobachtung des Sprechens sowie ein ausgeprägter Perfektionismusanspruch
  • Vegetative Symptome (z. B. Herzklopfen, Erröten, Zittern etc.)

Wechselwirkung der Symptome

Kern- und Begleitsymptomatik stehen in direkter Wechselwirkung zueinander.[2][4][5]

Beispiel: Tritt ein Stotterereingnis auf und wird dabei Anstrengung zur Überwindung eingesetzt, so nimmt die Dauer des eigentlichen Stotterereignisses zu. Durch das Stotterereignis an sich und durch die verstärkte Anstrengung kann es zu Frustgefühlen kommen, was wiederum dazu führen kann, dass verstärkt gegen Stotterereignisse angekämpft wird und dass die Kernsymptome vermehrt auftreten.

Das Eisbergmodell

Ein häufig verwendetes Modell zur Veranschaulichung der Stottersymptomatik ist das Eisbergmodell.[4] Das nach außen sichtbare Stottern (Kernsymptomatik, evtl. Fluchtverhalten) macht den deutlich geringeren Teil des Stotterns aus. Viel größer und belastender für die stotternde Person sind häufig die verdeckten Anteile, die der Zuhörer nicht direkt sehen kann. Darunter zählen insbesondere stotterbezogene negative Gedanken und Gefühle zum Stottern.

Variabilität des Stotterns

Die Stärke und Häufigkeit des Stotterns ist meist situationsabhängig. Die stotterintensivierenden Bedingungen sind einerseits individuell, andererseits wurden auch Gesetzmäßigkeiten beobachtet.[2] Stottern kommt unter anderem verstärkt bei emotionaler Erregung, bei Zeitdruck, beim Multi-Tasking und unter erhöhten kognitiven Anforderungen vor. Beim z. B. Singen, rhythmischen Sprechen und unter Entspannung ist häufig eine Reduktion der Stottersymptomatik zu beobachten.[2]

Epidemiologie

Die Lebenszeitprävalenz des Stotterns beträgt etwa fünf Prozent, die Punktprävalenz liegt bei etwa ein Prozent.[6][7] Als Richtwert der Inzidenz wird häufig fünf Prozent[8] angegeben, der Inzidenzwert ist vermutlich aber höher als bisher angenommen.[9]

Bei Kindern beträgt das Verhältnis von Jungen zu Mädchen etwa 3:2. Das entsprechende Verhältnis bei Erwachsenen beträgt 4:1 bis 5:1.[1][2]

Verlauf und Prognose

Beginn

Stottern tritt meist im frühen Kindesalter zwischen dem zweiten und dem sechsten Lebensjahr auf.[1][2] Ein Beginn nach dem 12. Lebensjahr ist selten und nach Abschluss der Pubertät nahezu vernachlässigbar[2]. Es werden unterschiedliche Anfänge des Stotterns beschrieben. Das Stottern kann sich graduell oder plötzlich entwickeln.[3][2]

Entwicklung der Symptomatik

Die Symptomatik des Stotterns tritt häufig zyklisch fluktuierend (intermittierend) auf. Es können im Kindesalter auch stotterfreie Phasen vorkommen. Diese Reduktion der Symptomatik ist allerdings kein Hinweis auf eine Remission.

Remission

Im Kindesalter besteht eine Remissionschance von ca. 70–80 %.[1] Es wird von einer Remission ausgegangen, wenn zwölf Monate keine Stottersymptome aufgetreten sind. Die Remissionschance ist in den ersten zwei Jahren und besonders in den ersten sechs bis zwölf Monaten am höchsten.[3] Nach Pubertätsende ist eine Remission sehr unwahrscheinlich. Die Remissionswahrscheinlichkeit ist genetisch beeinflusst.[1] Unterschiedliche aufrechterhaltende Faktoren wie Geschlecht, der Beginn der Unflüssigkeiten, das Vorkommen von Stottern in der Familie, das Alter des Kindes bei Stotterbeginn und der Verlauf der Symptomatik werden diskutiert.[1][3]

Prognose

Eine Prognose, welches Kind das Stottern verlieren wird, ist im Einzelfall nicht möglich. Ein veränderter Umgang mit dem Stottern kann mittels einer Therapie unterstützt werden.

Ursache

Die Ursache (medizinisch: Ätiologie) des Stotterns ist bislang noch nicht hinreichend geklärt. Es gibt eine Vielzahl von Theorien, welche die Ursachen oder die Entstehung des Stotterns zu erklären versuchen. Zum jetzigen Zeitpunkt stehen multikausale und -faktorielle Theorien im Fokus.

So sollte bei der Beschreibung der Ätiologie zwischen disponierenden, auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen unterschieden werden.

Disponierende Bedingungen

Es besteht eine familiäre Häufung bei Stottern. Mittels (Zwillings-)Studien wurde eine Erblichkeitsrate (Heritabilität) von 70–80 %[1] berechnet. Die genauen Gene sind noch nicht hinreichend geklärt.

Auslösende Bedingungen

Die auslösenden Bedingungen sind bislang wenig erforscht. Häufig tritt das Stottern ohne erkennbaren Grund auf, nicht selten wird aber auch von Ereignissen berichtet, nach denen das Stottern begonnen habe. Diese Ereignisse können möglicherweise der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Häufig werden aber aufgrund des Wunsches, den Grund für das Stottern zu identifizieren, Rückschlüsse auf "traumatische Erfahrungen" geschlossen. Diese Ereignisse werden eher nachträglich zugeschrieben und stehen meist nicht in einem kausalen Zusammenhang.

Aufrechterhaltende Bedingungen

Einflussfaktoren, die nachweislich einen Einfluss auf die Remissionswahrscheinlichkeit haben, sind das Geschlecht, der Beginn der Unflüssigkeiten, Vorkommen von Stottern in der Familie, das Alter des Kindes bei Stotterbeginn und der Verlauf der Symptomatik.[1] Mechanismen, die das Stottern verstärken sind z. B. Vermeideverhalten, Sprechangst und negative Gedanken zum Stottern oder zu sich selbst, eine erhöhte muskuläre Spannung oder Mitbewegungen.

Es konnten außerdem subtile anatomische Veränderungen im Gehirn bei Stotternden nachgewiesen werden.

Wichtige Fakten aufgrund noch immer bestehender Vorurteile

In den meisten Fällen ist kein Trauma oder psychische Erkrankung für die Entstehung des Stotterns verantwortlich.

Die Elternerziehung ist weder Ursache noch Auslöser für die Entstehung des Stotterns.

Diagnose

Gemäß ICD-10[10] ist Stottern durch Wiederholungen, Dehnungen oder "Innehalten" gekennzeichnet.

Die Diagnostik des Stotterns kann sich aus der Erhebung der Stottersymptomatik (quantitativ und qualitativ) sowie psychosozialer Komponenten zusammensetzen.

Bei der Einschätzung des Stottersymptomatik sollte darauf geachtet werden, dass repräsentative Daten bezüglich der Sprechflüssigkeit erhoben werden, da einige stotternde Personen der diagnostischen Situation flüssiger sprechen als in Alltagssituationen. Daher sollten die stotternde oder die angehörige Person über die Sprechflüssigkeit im Alltag befragt werden. Auch Tonaufnahmen aus Alltagssituationen können zur Diagnosestellung hilfreich sein.

Bei einem ausgeprägten Vermeideverhalten treten die Kernsymptome des Stotterns ggf. seltener bis kaum auf, was die Diagnosestellung erschweren kann.

Differentialdiagnose

Das Stottern muss von folgenden Störungen unterschieden werden:

  • Physiologische Unflüssigkeiten: Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen treten physiologische/funktionelle Unflüssigkeiten auf, die sich in ihrer Ausprägung von stottertypischen Unflüssigkeiten unterscheiden. Bei nicht-stotternden Kindern können zusätzlich zu den funktionellen auch stottertypische Unflüssigkeiten auftreten, weshalb zur Diagnosestellung das 3-%-Kriterium herangezogen werden kann[11]. Ab 3 % gestotterter Silben in der Spontansprache liegt Stottern vor.
  • Poltern: Eine Redeflussstörung, die durch erhöhtes Sprechtempo, undeutliche Aussprache und häufige, funktionelle Unflüssigkeiten gekennzeichnet ist.
  • Erworbenes Stottern: Stottern, das beispielsweise auf ein psychisches oder physisches Trauma oder auf eine neurologische Erkrankung zurückgeht, ist kein Stottern im hier beschriebenen (idiopathischen) Sinne. Erworben psychogenes Stottern sowie erworben neurogenes Stottern treten vergleichsweise mit dem originär neurogen nicht-syndromalem Stottern selten auf. Tritt das Stottern nach dem 12. Lebensjahr auf, kann erworbenes Stottern in Betracht gezogen werden[1]. In seltenen Fällen kann erworbenes Stottern beispielsweise aufgrund einer Hirnschädigung oder aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung auch im Kindesalter auftreten. Die Symptomatik unterscheidet sich hinsichtlich ihrer Ausprägung und Variabilität von der Symptomatik bei originär-neurogen nicht-syndromalem Stottern. Von Eltern berichtete bzw. vermutete Traumata rechtfertigen in den meisten Fällen nicht, auf psychogenes Stottern zu schließen[1].
  • Syndromales Stottern: Stottertypische Unflüssigkeiten aufgrund einer genetischen Disposition bei Syndromen wie Trisomie 21[1].

Der Begriff "Entwicklungsstottern" sowie die Einteilung in klonisches und tonisches Stottern gelten mittlerweile als veraltet[1].

Therapie

Allgemeines

Eine vollständige Heilung – also absolute Symptomfreiheit in allen Situationen – ist beim Stottern im Erwachsenenalter nicht erreichbar. Im Kindesalter besteht hingegen eine Remissionswahrscheinlichkeit von 70–80 %[1]. Ziel der logopädischen Therapie ist es in der Regel, diese zu erhöhen sowie einen neuen Umgang mit der Symptomatik auf sprechmotorischer und psychischer Ebene zu finden[5].

Ansätze, die innerhalb weniger Tage eine Heilung versprechen, sind dementsprechend unseriös und erhöhen den Druck auf alle Beteiligten.[12] Es ist vor einer Therapie daher ratsam, unabhängigen Rat von Fachleuten einzuholen, die keine kommerziellen Interessen verfolgen.

Personen, die sich einer Stottertherapie unterziehen, haben Anspruch auf die nach Stand der Wissenschaft beste verfügbare Behandlung. Daher sollen Behandlungsprinzipien mit nachgewiesenem Nutzen angewendet und anderen vorgezogen werden.[1] Die Stabilität des Therapiegewinns soll anhand von Langzeitbefunden belegt sein (Validierungsstichprobe) bzw. werden (therapeutische Praxis). Viele, auch wenig wirksame Therapien, zeigen kurz- und mittelfristige Effekte auch noch nach Wochen und einigen Monaten.[1]

Eine retrospektive Untersuchung der fünf häufigsten Therapiemethoden in Deutschland ergab, dass die zwei Behandlungsrichtungen Stottermodifikation und Fluency Shaping wirksam sind.[13] Weil einzelne Betroffene unterschiedlich stark von den beiden Ansätzen profitieren, kann keiner dieser Ansätze pauschal als wirksamer als der andere beschrieben werden. Bei beiden Therapierichtungen liegt auch bei einer erfolgreich absolvierten Therapie eine durchschnittliche Reststotterrate von ca. 3–4 % vor.[14]

Atemtherapie, Hypnose und unspezifische logopädische Behandlungen gelten als nicht wirksam.[13]

Die Nachsorge muss sorgsam geplant sein und ist ein relevanter Therapieabschnitt.[12] Aufgrund der Häufigkeit von Rückfällen ist ein Nachsorgeprogramm wichtig, das aus weiteren Treffen in regelmäßigen Abständen bis zu 1 bis 2 Jahre nach Therapieende besteht.[2]

Modifikationsansatz

Dieser verhaltenstherapeutische Ansatz verfolgt die Zielsetzungen, das Stottern ohne Auftreten negativer Gefühle gelassen ertragen zu können, anstrengungsfrei zu sprechen und zu stottern, Vermeideverhalten zu reduzieren und mittels Modifikationstechniken eine kontrollierte Sprechflüssigkeit zu verfolgen.[14]

Die Vorgehensweise ist verhaltenstherapeutisch angelegt und umfasst Aspekte wie

  • Identifikation der eigenen Symptomatik,
  • Desensibilisierung (Methoden: Pseudostottern, Alltagstraining)
  • Modifikation der Symptomatik (z. B. Prolongation und Pull-Out)
  • Stabilisierung der erlernten Inhalte

Dieser Ansatz wurde in den 1930er Jahren an der University of Iowa entwickelt. Hauptvertreter ist der US-Amerikaner Charles Van Riper (1905–1994), der als einer der Begründer der speech-language pathology in den USA gelten kann (akademischer Beruf mit Studium an der Philosophischen Fakultät, daher mit Logopäden nicht zu vergleichen, eher mit klinischen Sprechwissenschaftlern). Ein Großteil seiner Schriften befasst sich mit dem Thema Stottern.

Bekannte Personen im deutschsprachigen Raum, die den Stottermodifikationansatz verfolgen, sind Andreas Starke, Hartmut Zückner, Patricia Sandrieser und Peter Schneider.

Fluency Shaping

Demgegenüber steht das Fluency Shaping, das die Verhinderung von Sprechunflüssigkeiten und das Hervorrufen kontrollierter Sprechflüssigkeit mittels einer durchgehend veränderten Sprechweise verfolgt. Beispielhafte Methoden sind

  • weiche Stimmeinsatzätze in regelmäßgien Abständen,
  • Dehnung der Vokale,
  • rhythmisiertes Sprechen,
  • Betonungssprechen,
  • gebundenes Sprechen und
  • pausenbetontes Sprechen.

Bei diesen Sprechweisen ist eine ständige Kontrolle des Sprechens erforderlich. Ein im deutschsprachigen Raum bekannter Vertreter ist beispielsweise die Kasseler Stottertherapie.

Kombinierte Ansätze

Mittlerweile gibt es auch Konzepte, die beide Ansätze vereinen und sowohl Stottermodifikationsselemente als auch das Fluency Shaping vermitteln. Bekannte Vertreter sind beispielsweise die Bonner Stottertherapie und "Stärker als Stottern".

Programme und Apps

Es gibt Apps, die bei Stottern unterstützen sollen. Am häufigsten sind das Apps, die die auditive Rückkopplung beeinflussen, sodass das Gesagte maskiert, verzögert oder verändert wird. Dass ein stotterreduzierender Effekt auftritt, ist bei manchen Stotternden aber nicht bei allen Stotternden zu beobachten. Wird das Gerät abgeschaltet, setzt die Wirkung wieder aus. Bei einigen stotternden Personen lässt dieser beobachtete Effekt außerdem nach kurzer Zeit nach.

Beispielhafte Methoden:

  • Maskierung der akustischen Rückkopplung (englisch MAF Masking auditory feedback). Dies stellt sich eine Maskierung durch „weißes Rauschen“ oder Sinusrauschen eigener Rede des Benutzers dar. Die Wissenschaftler glauben, dass Stotterer besser sprechen können, wenn sie ihre eigene Sprache nicht hören. Diese Methode gilt als veraltet und wenig effektiv.[15][16][17]
  • Verzögerung der akustischen Rückkopplung (englisch DAF Delayed auditory feedback). Diese Methode basiert darauf, dass die Stimme des Benutzers vom Mikrofon mit einer Verzögerung von Sekundenbruchteilen an die Kopfhörer ausgegeben wird. Der Zweck der Methode besteht darin, den Stotternden beizubringen, Vokale zu dehnen und die Sprachgeschwindigkeit zu verringern. Nach der Sprachkorrektur für lange Verzögerungen wird auf kleinere Verzögerungen abgestimmt, wodurch die Sprachgeschwindigkeit erhöht wird, bis sie sich normalisiert.[18][19]
  • Änderung der akustischen Rückkopplungsfrequenz (englisch FAF Frequency-shifted auditory feedback). Das Verfahren besteht darin, die Frequenz des Sprachtons, den der Benutzer hört, im Vergleich zu seiner eigenen Stimme zu verschieben. Die Intervalle der Verschiebung können von wenigen Halbtönen bis zu einer halben Oktave variieren.[20][21][22] Die Methoden des DAF und des FAF beruhen auf der Beobachtung, dass Stotterer einen Text fehlerfrei lesen können, wenn sie ihn in einer Gruppe – mindestens zu zweit – synchron sprechen. Wird dem Stotterer die eigene Rede mit einer zeitlichen Versetzung um wenige Hundertstelsekunden und vorzugsweise auch einer Frequenzverschiebung über einen Kopfhörer zurückgespielt, erhält der Betroffene durch dieses Echo den Eindruck, als spräche ein weiterer Mensch mit, was das eigene Sprechen erleichtern kann.[23]
  • Verwendung von Metronom- und Tempo-Korrektoren. Diese Methode verwendet die rhythmischen Schläge eines Metronoms. Die Wirksamkeit der Methode ist darauf zurückzuführen, dass sich die Rhythmik positiv auf den stotternden Menschen auswirkt, besonders wenn er in einem langsamen Tempo spricht.[24]
  • Verwendung einer visuellen Rückkopplung. Diese Methode basiert darauf, dass die Sprachparameter des Benutzers (z. B. Redetempo) gemessen und als visuelle Informationen auf einem Bildschirm angezeigt werden. Der Hauptzweck der Methode ist es, dem Benutzer zu ermöglichen, die Stimme effektiv zu verwalten, indem er die vorgegebenen Zielparameter erreicht. Es wird davon ausgegangen, dass der Benutzer während des Prozesses der Aussprache auf dem Bildschirm eine visuelle Darstellung sowohl der aktuellen als auch zielgebunden Parameter sieht.[25][26]

Selbsthilfe

Die Bundesvereinigung für Stottern und Selbsthilfe e.V. (BVSS) ist ein gemeinnütziger Verein, der die Interessen stotternder Menschen in Deutschland vertritt. Die BVSS informiert, berät und ist ein zentraler Anlaufpunkt für Ratsuchende, Fachleute und Medien. Die Gruppe „Flow“ ist eine Selbsthilfegruppe der BVSS für junge Sprecher, die Gruppen in unterschiedlichen Städten Deutschlands und seit Kurzem auch eine Online-Gruppe haben.

Öffentliche Wahrnehmung

Welttag des Stotterns

Das „Stuttering Awareness Ribbon“ (Symbol der jährlichen Onlinekonferenz)

In der Zeit vom 1. bis 22. Oktober jeden Jahres findet eine internationale Onlinekonferenz Stotternder statt, an deren Ende der 1998 erstmals ausgerufene Welttag des Stotterns (22. Oktober) steht. Seit 2009 ist das Stuttering Awareness Ribbon, ein zur Schleife gelegtes meergrünes Band, das Symbol dieser Veranstaltung. Ziel der Initiativen ist es, die Aufmerksamkeit Nichtbetroffener auf die Probleme der Stotternden zu lenken; die Farbe Meergrün steht für die Beruhigung, die der Stotternde erfährt, wenn er verständnisvollen Umgang findet.[27]

Filmografie

Der 2010 erschienene Spielfilm The King’s Speech thematisiert das Stottern von König Georg VI. und einen möglichen Therapieansatz.

2018 erschien der Dokumentarfilm Mein Stottern,[28] der das Thema aus der Innenperspektive darstellt, indem er verschiedene Betroffene und ihre Strategien mit dem Stottern in den Blick rückt.

Musik

Mike Krüger besang in seinem Lied M-M-M-Mädel sich selbst und den Umstand, dass er beim Ansprechen von Frauen ins Stottern gerät, Ben’s Brother thematisierten das Stottern 2008 in ihrem Lied Stuttering, ebenso Ganz Schön Feist in ihrem Logopädentango. Weitere Interpreten, die das Stottern in ihren Liedern thematisierten, sind der 1999 verstorbene Scatman John und John Lee Hooker (Stuttering Blues).

Hörfunk

Es gab und gibt deutschlandweit mehrere von Lokalradios regelmäßig ausgestrahlte Sendungen, die sich mit dem Thema Stottern beschäftigen und von Stotternden moderiert werden. Die erste dieser Sendungen war der Stotterfunk auf dem Sender Freies Radio für Stuttgart. Er richtet sich an stotternde Hörer und ist als Organ innerhalb der Selbsthilfe gedacht.[29] Die Sendung Schöner Stottern auf LORA München richtete sich bewusst an eine breitere Hörerschaft und war acht Jahre lang on air. Die letzte Sendung wurde 2015 gesendet.[30] Eine weitere Sendung nannte sich Holper Stolper und wurde bis 2017 von Radio free FM übertragen.[31]

Prominente Stotternde

Zahlreiche Prominente stotterten, darunter Rowan Atkinson, Georg VI. (Vereinigtes Königreich), Winston Churchill, Marilyn Monroe, Bruce Willis und Joe Biden.[32][33]

Siehe auch

Commons: Stottern – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Stottern – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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