Survival Research Laboratories
US-amerikanische Organisation
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Survival Research Laboratories, häufig abgekürzt SRL, ist eine US-amerikanische Künstlergruppe im Bereich der Performancekunst, Maschinenkunst und Robotik-Kunst. Sie wurde 1978 von Mark Pauline in San Francisco gegründet. Bekannt wurde die Gruppe durch großformatige Aufführungen, in denen selbstgebaute Maschinen, Roboter, Flammenwerfer, Druckluftkanonen und andere technische Apparate in lauten, chaotischen und oft destruktiven Szenarien eingesetzt werden.[1][2][3]

Die Arbeiten von SRL werden in der Kunst- und Mediengeschichte im Zusammenhang mit Industrial, Dadaismus, Jean Tinguely, Prozesskunst, Kinetische Kunst, Medienkunst und technikkritischer Performancekunst behandelt.[1][4] Ein wiederkehrendes Thema ist die Frage, wie technische, industrielle und militärische Apparate als scheinbar autonome Akteure auftreten und dabei Vorstellungen von Kontrolle, Fortschritt, Gewalt und menschlicher Handlungsmacht infrage stellen.
Geschichte
Survival Research Laboratories wurde 1978 von Mark Pauline in San Francisco gegründet.[1][2][3] Die Entstehung der Gruppe stand im Umfeld der Punk-, Industrial- und Do-it-yourself-Szenen der kalifornischen Bay Area. Der Name der Gruppe parodiert die Sprache von Forschungsinstituten, Rüstungsprojekten und korporativer Technikbürokratie.
Die erste SRL-Performance fand im Februar 1979 unter dem Titel Machine Sex an einer Tankstelle statt.[5] Zu den frühen Mitwirkenden gehörten unter anderem Matt Heckert und Eric Werner. Heckert war besonders für die akustischen und musikalischen Aspekte der Performances wichtig.[5][6] Spätere Berichte nennen neben Heckert auch weitere Kollaboratoren aus Kunst, Technik, Mechanik und Robotik, darunter Leslie Gladsjo, Kal Spelletich und Ken Goldberg.[3]
Ein zeitgenössischer Bericht der Washington Post beschrieb SRL 1990 als „industrial performance-art collective“ und betonte sowohl die technische Komplexität der Aufführungen als auch die wiederkehrenden Konflikte mit Behörden, Kuratoren und konservativen Kulturkritikern.[5]
Arbeitsweise und Ästhetik
SRL-Performances unterscheiden sich von konventioneller Bühnenkunst dadurch, dass Maschinen die zentrale Handlungsträgerschaft übernehmen. Die Apparate werden ferngesteuert, halbautonom oder durch Assistierende bedient. Dabei entstehen Situationen, in denen Roboter, Motoren, Druckluftsysteme, Flammen, Metallkonstruktionen und zerstörbare Objekte aufeinander einwirken.
Die Aufführungen sind meist laut, gefährlich wirkend und von einer Ästhetik industrieller Zerstörung geprägt. Kritiker beschrieben SRL als eine Form dystopischer Maschinen-Performance, in der technische Systeme nicht als neutrale Werkzeuge, sondern als bedrohliche, eigensinnige und körperlich erfahrbare Akteure erscheinen.[1] Die Washington Post beschrieb die Aufführungen als reale, körperlich erfahrbare Gegenbilder zu einer sauberen und kontrollierten Hochtechnologie: Maschinen erscheinen dort nicht als effiziente Werkzeuge, sondern als bedrohliche Handlungssysteme, die das Publikum zur Auseinandersetzung mit Technologie, Macht und Gefährdung zwingen.[5]
In einem 1993 in Wired veröffentlichten Gespräch mit Mark Pauline, Manuel De Landa und Mark Dery wurde SRL als Organisation beschrieben, die mechanische Spektakel mit ferngesteuerten Waffen, autonomen Robotern, Rauch, Feuer und militärisch konnotierter Technologie inszeniert. Der Text deutet die Performances als Auseinandersetzung mit Kontrollverlust, Maschinenbewusstsein und chaotischen technischen Systemen.[7]
Viele Titel der Performances parodieren die überladene Sprache technischer Forschungsberichte, militärischer Programme oder bürokratischer Projektbeschreibungen. Dazu zählen etwa Titel wie A Calculated Forecast of Ultimate Doom: Sickening Episodes of Widespread Devastation Accompanied by Sensations of Pleasurable Excitement.
Wichtige Performances
Die erste SRL-Performance fand 1979 unter dem Titel Machine Sex statt. Dabei kam unter anderem die sogenannte Demanufacturing Machine zum Einsatz, eine Maschine, die Gegenstände zerstörte und Fragmente in Richtung Publikum schleuderte.[1][5]
1982 präsentierte die Gruppe A Cruel and Relentless Plot to Pervert the Flesh of Beasts to Unholy Uses. In dieser Performance wurden Maschinen mit Tierkadavern, präparierten Körperteilen und grotesken mechanischen Konstruktionen kombiniert. Nicolas Ballet deutet diese Arbeiten im Zusammenhang mit biomechanischer Sexualität, Körperzerlegung und industrieller Gewalt.[1]
1988 realisierte SRL mit The Misfortunes of Desire (Acted Out at an Imaginary Location Symbolizing Everything Worth Having) eine großformatige New-York-Performance. Die Aufführung fand auf einem Parkplatz des Shea Stadium in Queens statt und wurde unter anderem vom New Museum of Contemporary Art, Creative Time und The Kitchen unterstützt. Laut New Museum kamen dabei mechanische Konstruktionen zum Einsatz, die ferngesteuert, autonom oder mit menschlicher Unterstützung agierten und Szenarien körperlicher Bedrohung und Anarchie erzeugten.[8]
1989 folgte in San Francisco die Performance Illusions of Shameless Abundance. Sie wurde unter einer Zufahrtsrampe zur Bay Bridge inszeniert und enthielt unter anderem brennende Klaviere, verdorbene Lebensmittel und feuerspeiende Maschinen. Nach der Veranstaltung führten Objekte, die Sprengsätzen ähnelten, zu einem Einsatz der Behörden.[9][5]
1996 zeigte SRL in Phoenix die Performance Survival Research Laboratories Contemplates a Million Inconsiderate Experiments. Der Schriftsteller Bruce Sterling beschrieb die Aufführung in Wired als großangelegte Maschinen-Performance mit Robotern, Flammenwerfern und einem V1-Pulsstrahltriebwerk.[10]
2018 wurden Maschinen von SRL in der Ausstellung Inconsiderate fantasies of negative acceleration characterized by sacrifices of a non-consensual nature bei Marlborough Contemporary in New York gezeigt. Hyperallergic beschrieb die Präsentation als seltene Überführung der sonst reisenden und performativ eingesetzten Maschinen in einen Galeriekontext.[3]
Weitere Aufführungen fanden unter anderem in Los Angeles, Austin, San José, Amsterdam und anderen Städten statt.[3]
Maschinen und Apparate
Zu den wiederkehrenden Apparaten von SRL gehören Druckluftkanonen, Flammenwerfer, Laufmaschinen, ferngesteuerte Fahrzeuge, Rotor- und Pulsstrahltriebwerke sowie Maschinen zur Zerstörung von Objekten. Die einzelnen Geräte sind meist nicht als autonome Kunstobjekte, sondern als Bestandteile größerer performativer Situationen konzipiert.
Zu den bekanntesten Konstruktionen zählen:
- The Demanufacturing Machine, eine Maschine, die Objekte zerkleinert und Teile davon in den Raum schleudert;
- Shockwave Cannon, eine Vorrichtung zur Erzeugung starker Luftdruckwellen;
- Six-Legged Running Machine, eine benzinbetriebene Laufmaschine;
- The V1, eine Nachbildung eines Pulsstrahltriebwerks der deutschen V1;
- Stu Walker, ein spinnenartiger, flammenwerfender Roboter, der durch Bewegungen von Paulines Meerschweinchen „Stu“ gesteuert wurde.
Die Maschinen entstehen häufig aus industriellen Restmaterialien, militärischen oder technischen Komponenten und zweckentfremdeten Apparaten. In dieser Praxis verbindet sich eine Do-it-yourself-Ästhetik mit einer kritischen Aneignung technischer und militärischer Systeme.[2][10][11] Hyperallergic beschrieb die Maschinen als große, schmutzige, fettige Roboter, die in SRL-Performances nicht bloß Requisiten, sondern eigentliche Performer sind.[3]
Rezeption und kunsthistorische Einordnung
Survival Research Laboratories gilt als prägende Gruppe der großformatigen Maschinen-Performancekunst. Nicolas Ballet hebt die führende Rolle von SRL innerhalb der Maschinenkunst der späten 1970er und frühen 1980er Jahre hervor und analysiert die Arbeiten entlang der Themen Zerstörung und Überleben, Cyborg-Metaphorik sowie biomechanische Sexualität.[1]
Die Arbeiten werden auch als Fortsetzung und Radikalisierung älterer avantgardistischer Traditionen gelesen, insbesondere des Dadaismus und der kinetischen Kunst Jean Tinguelys. Anders als bei vielen kinetischen Skulpturen treten die Maschinen bei SRL jedoch nicht nur als Objekte, sondern als aggressive, unberechenbare Handlungsträger auf. Die institutionelle und kunsthistorische Einordnung wird auch dadurch gestützt, dass SRL in kunsthistorischen Überblickswerken zu Kunst und Technologie neben Positionen wie Jean Tinguely, Stelarc, Nam June Paik und Peter Weibel behandelt wird.[4]
In der deutschsprachigen Kunstkritik wurde SRL bereits Anfang der 1990er Jahre als prägende Gruppe maschineller Performancekunst wahrgenommen. Kunstforum International beschrieb die Gruppe als amerikanische „MechManiker“, deren Aufführungen ausschließlich von Maschinen bestritten würden und die Vorbildcharakter für eine internationale Subkultur maschineller Kunst gehabt hätten.[12]
Bob Riley, Kurator für Medienkunst am San Francisco Museum of Modern Art, ordnete SRL 1990 in der Washington Post ausdrücklich als Kunst ein und sah die Gruppe im Kontext von Fragen nach autorisierter und nicht autorisierter Kunst sowie der Verbindung von Performancekunst, Technologie, Ideologie und Engineering.[5]
SRL beeinflusste auch spätere Formen von Robotik-Kunst, Maker-Kultur, Maschinenmusik und subkulturellen Technikpraktiken. Mehrere Personen aus dem Umfeld der Gruppe waren später in Projekten wie der Cacophony Society, Burning Man, BattleBots oder anderen mechanischen und performativen Kunstformen aktiv.[6][11]
Unfälle und Kontroversen
Die Performances von SRL führten wiederholt zu Konflikten mit Behörden, Feuerwehr und Polizei. Die Verbindung aus Feuer, Lärm, Explosionen, industriellen Maschinen und schwer einschätzbaren Gefahrenlagen machte viele Aufführungen genehmigungsrechtlich schwierig.[5][11]
1982 verlor Mark Pauline bei einem Unfall mit selbst hergestelltem Raketentreibstoff zwei Finger seiner rechten Hand.[1] Nach der Performance Illusions of Shameless Abundance in San Francisco kam es 1989 wegen verdächtiger Objekte zu einem Bombenalarm.[9][5]
2007 erlitt SRL-Mitarbeiter Todd Blair beim Abbau einer SRL-Show im Rahmen des Robodock Arts & Technology Festival in Amsterdam eine schwere Kopfverletzung.[13]
2012 berichtete VICE, dass SRL vom San Francisco Fire Department an einer geplanten Performance in San Francisco gehindert wurde; als Hintergrund wurden frühere Konflikte um Feuer, Sicherheit und die destruktive Maschinenästhetik der Gruppe genannt.[11]
Literatur
- Nicolas Ballet: Survival Research Laboratories: A Dystopian Industrial Performance Art. In: Arts, Band 8, Nr. 1, 2019.
- V. Vale: Industrial Culture Handbook. Re/Search Publications, San Francisco 1983.
- Kristine Stiles, Peter Selz: Theories and Documents of Contemporary Art: A Sourcebook of Artists’ Writings. University of California Press, Berkeley 2012.
- Brad Stone: Gearheads: The Turbulent Rise of Robotic Sports. Simon & Schuster, New York 2007.
- Garnet Hertz: Art + DIY Electronics. MIT Press, Cambridge 2023.
- S. Alexander Reed: Assimilate: A Critical History of Industrial Music. Oxford University Press, New York 2013.