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Säubrennerkirmes

Volksfest in Wittlich (Rheinland-Pfalz) From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Säubrennerkirmes ist ein Volksfest, das alljährlich im rheinland-pfälzischen Wittlich stattfindet.

Säubrennerkirmes in Wittlich, 2026

Die Kirmes basiert auf der mittelalterlichen Säubrennersage und fand im Jahre 1950 auf Initiative des damaligen Wittlicher Bürgermeisters Matthias Joseph Mehs erstmals statt.[1.1][2] Die Kirmes erfreut sich innerhalb der Region und über ihre Grenzen hinaus großer Beliebtheit und Bekanntheit.[3] Sie findet traditionell am dritten Augustwochenende statt, weil der Wittlicher Stadtpatron, der heilige Rochus, am 16. August Namenstag hat.[4][1.2]

Geschichte

Vorgeschichte: Wittlicher Kirmes und Bezeichnung „Säubrenner“

Die Wittlicher Kirmes wurde bis zum Beginn der 1930er Jahre im November um den Martinstag gefeiert. Maria Wein-Mehs bezeichnet diese ältere Form als „Allerweltskirmes“. Anfang der 1930er Jahre setzte eine Neuordnung des Festes ein, aus der zunächst die Stadtkirmes und später die Säubrennerkirmes hervorgingen.[1.2]

Die Bezeichnung „Wittlicher Säubrenner“ ist älter als die seit 1950 veranstaltete Säubrennerkirmes. Klaus Petry nennt eine Veröffentlichung von Carl Nels aus dem Jahr 1910 als ersten ihm bekannten schriftlichen Nachweis des Spitznamens. Nels brachte dessen Herkunft mit der früheren Schweinehaltung in Verbindung und verwies dabei auf ein Wittlicher Schöffen- und Gerichtsprotokoll vom 24. Oktober 1795. Darin wird das „Nachbrennen“ junger Schweine erwähnt.[5.1]

Petry erörtert mehrere mögliche Erklärungen des Spitznamens. Als wahrscheinlichste Deutung betrachtet er die Kennzeichnung von Schweinen mit individuellen Brandzeichen, durch die bei gemeinsamer Mast die Besitzverhältnisse kenntlich gemacht werden konnten. Eine Herleitung aus der Säubrennersage verwirft er als Erklärung für die Entstehung des Namens.[5.2]

Reform der Stadtkirmes 1931 bis 1938

Auf Vorschlag von Matthias Joseph Mehs beschloss der Wittlicher Stadtrat am 13. Februar 1931 einstimmig, die Kirmes vom bisherigen Termin im November auf den Rochustag am 16. August zu verlegen. Fiel dieser auf einen Werktag, sollte das Fest am folgenden Sonntag stattfinden. Wein-Mehs wertet die Terminverlegung als einen grundlegenden Schritt bei der Umgestaltung der Wittlicher Kirmes.[1.2]

Die Stadtkirmessen von 1931 und 1932 blieben zunächst im Umfang begrenzt. Für 1933 wurde das Fest erheblich erweitert. Zum Programm gehörten unter anderem die Beleuchtung des Marktplatzes, Musikveranstaltungen, ein abendlicher Umzug, ein Kirmesbaum und Kinderbelustigungen. Mehs führte außerdem einen Freitanz auf dem Marktplatz ein.[1.3]

Die in den frühen 1930er Jahren entwickelte Festgestaltung wurde in den folgenden Jahren weitergeführt. Wein-Mehs beschreibt mehrere der damals eingeführten Bestandteile als Grundlagen, an die nach dem Zweiten Weltkrieg bei der erneuten Ausgestaltung der Kirmes angeknüpft wurde.[1.4]

Kriegsunterbrechung und Wiederaufnahme 1939 bis 1949

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs endete die Reihe der Wittlicher Stadtkirmessen. Nach dem Krieg wurde das Fest 1948 wieder aufgenommen.[1.5]

Susanne Schreier ordnet die Wiederaufnahme der Kirmes in den allgemeinen Neubeginn des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in Wittlich nach 1945 ein. Seit 1948 wurde das Rochusfest wieder als Stadtkirmes begangen, zunächst jedoch in bescheidenem Umfang. Für ein größeres Fest fehlten nach ihrer Darstellung unter anderem finanzielle Mittel und Baumaterial für Kirmesbuden.[6]

1949 nahm die Stadtkirmes wieder größere Formen an. Bestandteile der Vorkriegskirmes wurden erneut in das Programm aufgenommen. Wein-Mehs sieht darin zugleich den Ausgangspunkt für die weitere Umgestaltung des Festes.[1.6]

Entstehung der Säubrennerkirmes 1950

1950 wurde die bisherige Stadtkirmes zur Säubrennerkirmes umgestaltet. Ausgangspunkt war eine von Mehs entwickelte Verbindung der Kirmes mit der Säubrennerüberlieferung. Nach der Darstellung von Wein-Mehs plante er, während des Festes Schweine öffentlich am Spieß zu braten und den Braten an die Besucher auszugeben.[1.7]

Am 31. Juli 1950 stellte Mehs dem Stadtrat seine Vorstellungen für die neue Festgestaltung vor. Für die Saubraterei wurde eine eigene Bratvorrichtung entwickelt. Vor der Kirmes fand ein Probebraten statt, bei dem die Konstruktion erprobt wurde.[1.8]

Die erste Säubrennerkirmes nach diesem Konzept fand vom 19. bis 21. August 1950 statt. Zum Programm gehörten neben den bisherigen Kirmesbestandteilen erstmals die öffentliche Saubraterei und die Ausgabe des Bratens.[1.9]

Klaus Petry und René Richtscheid ordnen die Umgestaltung zur Säubrennerkirmes ebenfalls in den Wiederaufbau des kulturellen Lebens der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Sie heben hervor, dass die Kirmes insbesondere seit der Umgestaltung von 1950 größere Besuchermengen anzog.[2]

Ausformung in den 1950er Jahren

Bereits 1951 wurde der zunächst kurze Zug zum Einholen der für die Saubraterei vorgesehenen Schweine erweitert. Der Wittlicher Stadtrat beteiligte sich nun geschlossen daran. In den folgenden Jahren kamen weitere Gruppen hinzu.[1.10]

1953 wurde auf Anregung des städtischen Verkehrsausschusses die Ehrung der fünfzigjährigen Wittlicher in die Kirmes aufgenommen. Wein-Mehs beschreibt die Säubrennerkirmes zu diesem Zeitpunkt als ein aufgrund der Erfahrungen der ersten Jahre zunehmend durchorganisiertes Volksfest.[1.10]

Zur dauerhaften Begleitung des Festes erschien 1951 erstmals ein eigenes Programmheft. 1952 wurde die Broschüre unter dem Titel Wittlich und seine Säubrennerkirmes herausgegeben. Seit 1953 trägt die Festschrift den Titel Der Säubrenner.[1.11]

Auch die Saubraterei wurde ausgeweitet. Nach Wein-Mehs erhöhte sich die Zahl der während der Kirmes gebratenen Schweine von anfänglich vier auf 25 im Jahr 1958.[1.12]

Weiterentwicklung in den 1960er und 1970er Jahren

In den 1960er Jahren erweiterte sich der Kreis der am Fest beteiligten Gäste und Gruppen. Wein-Mehs nennt für 1960 Teilnehmer einer Sankt-Rochus-Sternfahrt von Motorradfahrern und für 1962 Gäste aus der niederländischen Partnerstadt Boxtel. Seit 1965 wurden die Weinstände der Wittlicher Winzer durch Stände aus weiteren Weinorten des damaligen Kreises Wittlich ergänzt.[1.12]

1968 wurde ein größerer Bratstand errichtet, der getrennte Bereiche für das Rösten und die Ausgabe besaß. Nach Wein-Mehs wurden in diesem Jahr 60 Schweine gebraten. 1975 erreichte die Zahl 80.[1.12]

Auch das Kirmesprotokoll entwickelte sich weiter. Es wurde nach dem Einholen der Schweine auf dem Marktplatz verlesen und blickte in historisierender und humoristischer Form auf die vorausgegangene Kirmes zurück. Bis einschließlich 1976 verfasste Mehs die Protokolle. Seit 1977 wurden sie in unterschiedlichen sprachlichen Formen abgefasst, häufig im Wittlicher Dialekt.[1.12]

Festgestalt und Traditionen

Die Säubrennerkirmes verbindet Bestandteile eines Volksfestes mit mehreren seit den 1950er Jahren entwickelten Wittlicher Festtraditionen. Zu den prägenden Elementen gehören die Einbindung der Säubrennersage, der Festzug mit dem Kirmesprotokoll, das Treffen der Fünfzigjährigen und die öffentliche Saubraterei.[1.10][1.13]

Festschauspiel und Säubrennersage

Die Säubrennersage bildete bei der Neukonzeption der Kirmes 1950 den erzählerischen Bezugspunkt für die neu eingeführte Saubraterei. Nach der Darstellung von Maria Wein-Mehs leitete Matthias Joseph Mehs die Idee, während der Kirmes Schweine öffentlich am Spieß zu braten, aus der Überlieferung ab. Im Mittelpunkt stand die Fassung der Sage, nach der eine Sau die als Riegel eines Stadttores verwendete Rübe fraß und dadurch die Einnahme und Brandschatzung Wittlichs ermöglicht habe. Mehs verarbeitete die Erzählung im Zusammenhang mit der Kirmes zunächst in Versform und später auch in einem Drehbuch.[1.7]

Die szenische Darstellung der Sage ist spätestens für die frühen 1990er Jahre als Bestandteil des Festes belegt. Das Festprogramm von 1992 sah am Freitagabend ein Festschauspiel auf dem Vorplatz der Pfarrkirche St. Markus vor. Daran schlossen sich ein Fackelzug zum Marktplatz und die Ausgabe des sogenannten Belagerungstrunks an.[7] Heute findet das Schauspiel im Stadtpark statt. Anschließend wird auf dem Marktplatz der Belagerungstrunk ausgegeben und die Kirmes eröffnet.[8]

Festzug und Kirmesprotokoll

Der Festzug entwickelte sich aus dem Einholen der für die Saubraterei vorgesehenen Schweine. 1951 forderte Mehs die Beigeordneten und Stadträte auf, sich geschlossen an dem bis dahin kurzen Zug zu beteiligen. Der Stadtrat schloss sich dem Zug noch im selben Jahr an. In den folgenden Jahren kamen weitere Gruppen hinzu.[1.10]

Mit dem Festzug verbunden ist das Kirmesprotokoll. Es wurde nach dem Einholen der Schweine auf dem Marktplatz verlesen und behandelte Ereignisse der vorausgegangenen Kirmes. Wein-Mehs charakterisiert die von Mehs verfassten Protokolle als historisierend, lautmalend und bildhaft. Mehs schrieb die Kirmesprotokolle bis einschließlich 1976. Seit 1977 wurden sie in unterschiedlichen sprachlichen Formen abgefasst, häufig im Wittlicher Dialekt.[1.12]

Das Festprogramm von 1992 dokumentiert die Verbindung von Festzug, Kirmeseröffnung und Kirmesprotokoll. Nach dem als „Einholen der ersten Säue“ bezeichneten Zug zum Marktplatz folgten die Eröffnung der Kirmes und das Verlesen des Protokolls über das Vorjahr.[7] Auch heute führt der Festzug durch die Innenstadt zum Marktplatz, wo das Kirmesprotokoll verlesen wird.[9]

Treffen der Fünfzigjährigen

Die Ehrung der fünfzigjährigen Wittlicher wurde 1953 auf Anregung des städtischen Verkehrsausschusses in die Säubrennerkirmes aufgenommen. Sie entstand damit während der frühen Ausformung des Festes.[1.10]

Für die folgenden Jahrzehnte ist die Beteiligung der Fünfzigjährigen am Festgeschehen ebenfalls belegt. Im Festprogramm von 1992 ist eine Abordnung der Fünfzigjährigen als eine der am Festzug beteiligten Gruppen aufgeführt.[7]

Saubraten

Die öffentliche Saubraterei gehörte zu den wesentlichen Neuerungen der Säubrennerkirmes von 1950. Am 31. Juli 1950 stellte Mehs dem Wittlicher Stadtrat den Plan vor, während des Festes Schweine im Ganzen am Spieß zu braten und den Braten auszugeben. Als technisches Vorbild diente die Ochsenbraterei des Münchner Oktoberfestes. Da deren Verfahren nicht unmittelbar auf Schweine übertragen werden konnte, wurde eine eigene Bratvorrichtung entwickelt. Stadtingenieur Franz Vaudlet entwarf die Konstruktion. Der Schlosser Heinrich Jakobi von den Stadtwerken baute den ersten Bratofen.[1.8]

Bei der ersten Säubrennerkirmes wurden am Samstag und am Montag jeweils zwei Schweine gebraten. Die Schweine wurden im Ganzen am Spieß über einem Holzkohlenfeuer gegart und der Braten anschließend portionsweise ausgegeben.[1.9]

Mit dem Wachstum des Festes wurde auch die Saubraterei erweitert. Nach Wein-Mehs stieg die Zahl der gebratenen Schweine von vier in der Anfangszeit auf 25 im Jahr 1958. 1968 entstand ein größerer Bratstand mit getrennten Bereichen für das Rösten und die Ausgabe. In diesem Jahr wurden 60 Schweine gebraten. Für 1975 nennt Wein-Mehs 80 Schweine.[1.12]

Die besondere Bindung der Saubraterei an die Säubrennerkirmes zeigt ein Vorgang aus dem Jahr 1966. Nachdem Schweine außerhalb der Kirmes mit dem Kirmesofen gebraten worden waren, wandte sich Mehs an Bürgermeister Carl Soesters und bat darum, die Nutzung des Ofens für die Saubraterei auf die Säubrennerkirmes zu beschränken.[1.14]

Weitere Festbestandteile

Neben den spezifischen Wittlicher Festtraditionen umfasst die Säubrennerkirmes einen Rummelplatz und ein musikalisches Veranstaltungsprogramm. Livemusik findet auf mehreren Bühnen in der Wittlicher Innenstadt statt.[10][9]

Bühne auf dem Marktplatz während der Säubrennerkirmes 2026

Veranstaltungsraum

Das Fest erstreckt sich über mehrere Bereiche der Wittlicher Innenstadt. Zu den räumlichen Schwerpunkten gehören der Marktplatz, der Pariser Platz, der Platz an der Lieser und der Rummelplatz auf und im Umfeld des Viehmarktplatzes.[11]

Rummelplatz der Säubrennerkirmes bei Nacht, 2026

Der Marktplatz bildet einen zentralen Bereich des Festes. Dort befinden sich unter anderem Weinstände, der Saubratenstand und eine Musikbühne.[12][9] Zugleich ist der Platz Schauplatz mehrerer traditioneller Festbestandteile. Dort findet nach dem Festschauspiel die Kirmeseröffnung statt. Auch der Festzug endet auf dem Marktplatz, wo das Kirmesprotokoll verlesen wird.[8][9]

Der Pariser Platz wird während der Kirmes für gastronomische Angebote und Musikveranstaltungen genutzt.[12][9]

Der Platz an der Lieser dient vor allem gastronomischen Angeboten. Bis 2018 wurde dort während der Säubrennerkirmes ein Handwerkermarkt veranstaltet. 2019 wurde diese Form des Handwerkermarktes aufgegeben und die Fläche stärker für Gastronomie genutzt.[13]

Der Rummelplatz erstreckt sich über den Viehmarktplatz, Teile der Kurfürstenstraße und angrenzende Flächen. Dort befinden sich die größeren Fahrgeschäfte und weitere Kirmesbetriebe.[11]

Literatur

  • Erich Gerten: Die Wittlicher Säubrenner. Kulturamt der Stadt Wittlich, Wittlich 2004, ISBN 3-9809086-1-5.
  • Klaus Petry: Zur Herkunft des Namens Säubrenner. In: Die Wittlicher Säubrenner. Kulturamt der Stadt Wittlich, Wittlich 2004, ISBN 3-9809086-1-5, S. 23–30.
  • Klaus Petry, René Richtscheid: Die Geschichte der Stadt von 1945 bis zur Gegenwart. Band 1: Zwischen Wiederaufbau und Strukturwandel (1945 bis 1969). Hrsg.: Stadtverwaltung Wittlich. Selbstverlag, Wittlich 2022, ISBN 978-3-945454-17-6.
  • Susanne Schreier: Neubeginn des kulturellen Lebens. In: Susanne Schreier (Hrsg.): Der Krieg war aus! Nachkriegsalltag in Wittlich. Wittlich 1997, ISBN 3-9802913-8-3, S. 153–190.
  • Maria Wein-Mehs: Kirmes in Wittlich. Von der Allerweltskirmes über die Stadtkirmes zur Säubrennerkirmes. In: Der Säubrenner. 1992, S. 10–44.

Einzelnachweise

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