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Tötung von Muhammad al-Durrah

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Am 30. September 2000 wurde der zwölfjährige Muhammad al-Durrah (arabisch محمد الدرة Muḥammad ad-Durra) während Protesten im Gazastreifen getötet. Einige Sekunden, während derer auf al-Durrah und seinen Vater gefeuert wurde, waren gefilmt worden. Laut den ersten Medienberichten war er von israelischen Kugeln getötet worden. Der Vorfall entwickelte sich für die israelische Armee zu einem PR-Desaster, die Aufnahmen zu „einem der schädlichsten Medienvorfälle in der Geschichte Israels.“[1.1] Pro-israelische Autoren entwickelten mehrere alternative Interpretationen, laut denen al-Durrah entweder von Palästinensern getötet oder gar nicht getötet und die Tötung inszeniert worden sei. Diese lebten zunächst am Rand der verschwörungsorientierten pro-israelischen Blogosphäre; mit den Jahren wanderten sie aber in den Mainstream pro-israelischer Apologetik und wurden zuletzt auch vom israelischen Staat vertreten.

Der zwölfjährige Muhammad sucht Schutz vor den Schüssen hinter seinem Vater, Denkmal in Bamako, Mali

Hergang laut France 2 und Guardian

Karte der Netzarimkreuzung. Unten rechts: Israelischer Wachtposten. Oben links: Palästinensische Polizeistation. Links davon in Grün: Position der al-Durrahs hinter einem Betonfass. Unten links in blau: Position des Kameramanns hinter einem Auto.

Am 30. September 2000, dem zweiten Tag der Zweiten Intifada – zur Zeit vor der Abkoppelung, als sich noch israelische Siedlungen und Truppen im Gazastreifen befanden – fanden im Gazastreifen Proteste statt. Einer dieser Proteste ereignete sich an einem israelischen Militärposten an der Netzarim-Kreuzung, der dort die namengebende, westlich gelegene Siedlung Netzarim schützte. An diesem Ort war es bereits wiederholt zu Spannungen gekommen; bei Palästinensern hatte er den Spitznamen „Märtyrer-Kreuzung“ erhalten.[2.1] Auch in den folgenden Tagen sollte er noch häufiger Schauplatz von Auseinandersetzungen werden.[3]

Nachdem Anfangs mit Molotowcocktails geworfen und mit Gummigeschossen geschossen wurde,[2.2] führte der Protest zu einem Schusswechsel mit scharfer Munition zwischen Israelis und Palästinensern, den laut Auskunft der israelischen Soldaten Palästinenser von der Polizeistation, der Kreuzung und von den beiden Gebäuden hinter dem Wachtposten aus eröffneten.[4.1] Der Journalist James Fallows berichtete Jahre später, dass sich außerdem die längste Zeit des Tages auf dem freien Feld gegenüber den al-Durrahs bewaffnete Palästinenser befunden hätten.[5]

Jamal al-Durrah hatte, um seinen Sohn Muhammad von den Protesten fernzuhalten, diesen zu einer Auktion für Gebrauchtwagen mitgenommen. Auf dem Rückweg mussten sie die Netzarim-Kreuzung passieren. Ihr Taxi geriet in die Auseinandersetzungen, der Taxifahrer weigerte sich, die Kreuzung zu überqueren, und setzte die al-Durrahs dort ab, wo sie nach Eröffnung des Schusswechsels Schutz hinter einem Betonfass suchten.[6][7.1][4.2][2.3]

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte Talal Abu Rahma, ein palästinensischer Kameramann des französischen Senders France 2, ebenfalls Schutz hinter einem Auto gesucht. Er filmte mehrere Sekunden, in denen auf die al-Durrahs gefeuert wurde und der Sohn im Schoß seines Vaters niedersank. Auf den Aufnahmen war nicht zu sehen, wie sie von Kugeln getroffen wurden. Abu Rahma sandte sein Filmmaterial an Charles Enderlin, den französisch-israelischen Auslandskorrespondenten von France 2, der knapp eine Minute davon senden ließ, unterlegt mit seinem Audiokommentar: „Hier sind Jamal und sein Sohn Muhammad das Ziel von Schüssen, die von der israelischen Position kommen. […] Eine neue Salve … Mohammed ist tot, und sein Vater ist schwer verletzt.“[8]

Ein Sanitäter wurde beim Versuch, die al-Durrahs abzutransportieren, erschossen; ein weiterer wurde verletzt. 15 bis 30 Minuten nach dem tödlichen Treffer wurden beide abtransportiert.[3][7.2][2.4] Laut Bericht der Sanitäter war Muhammad zum Zeitpunkt des Abtransports noch am Leben,[9] wurde dann aber bei Ankunft im Al-Schifa-Krankenhaus für tot erklärt.[10] Muhammads Vater wurde später von diesem Krankenhaus in ein jordanisches Krankenhaus verlegt. Nach mehreren Monaten Krankenhausaufenthalt blieb ihm, so berichtete er, eine steife Hand zurück.

Abu Rahma bezeugte später, dass von der palästinensischen Position aus bereits nicht mehr geschossen worden sei, als Jamal und Muhammad al-Durrah durch das fortgesetzte israelische Feuer getroffen wurden.[11] Laut Enderlin bestätigten dies auch andere der anwesenden Journalisten,[12] laut Human Rights Watch passte es zum Verhalten der israelischen Streitkräfte auch an anderen Tagen der Proteste an der Netzarim-Kreuzung.[3] Abu Rahma und ebenso der Vater des Jungen[13] bezeugten außerdem, dass gezielt auf den Jungen geschossen worden sei. Laut der Journalistin Suzanne Goldenberg und Amnesty International deuteten darauf auch die Einschusslöcher hin: Goldenberg inspizierte unmittelbar nach dem Feuergefecht die Stelle und beschrieb einen Kreis von 15 Einschusslöchern in der Betonwand sowie eine Blutlache[14] – die meisten Löcher befanden sich unterhalb der Hüfthöhe, was auf gezieltes Feuer auf Vater und Sohn hindeute.[15]

Muhammed al-Durrah wurde öffentlich begraben und von vielen Menschen aus der muslimischen Welt als Märtyrer angesehen.[16]

Frühe israelische Medienstrategien

Die Szene von der Tötung al-Durrahs wurde breit rezipiert und wiederholt gesendet. Die israelische Medienstrategie dagegen entwickelte sich erst im Lauf von mehreren Tagen.[17.1] In den ersten beiden Statements von IDF-Sprechern wurde noch offen gelassen, wer die Schüsse abgegeben hatte; die Letztverantwortung läge aber bei den Palästinensern, die „Frauen und Kinder auf zynische Weise nutzten.“[2.5] Diese Sprachregelung wurde im Zuge einer israelischen Rechtfertigungsoffensive ausgebaut zum Narrativ, Palästinenser missbrauchten ihre Kinder entweder als menschliche Schutzschilde oder als zu Propagandazwecken dargebrachte Menschenopfer.[17.2][18] Im Winter 2000 beispielsweise veröffentlichte das israelische Außenministerium einen Aufsatz zweier Anwälte der International Association of Jewish Lawyers and Jurists:

„Eines der tragischen und unbegreiflichen Phänomene, die die erneute Gewaltwelle zwischen Israel und den Palästinensern begleiten, ist die Betonung durch internationale wie palästinensische Medien, dass eine relativ große Zahl palästinensischer Kinder getötet oder verwundet worden sei. […]
Es gibt nur zwei mögliche Antworten. Entweder – wie palästinensische Sprecher die Welt glauben machen wollen – haben israelische Streitkräfte absichtlich und unverhohlen unschuldige palästinensische Kinder ins Visier genommen, sie gezielt aufgespürt und ermordet. Oder diese Kinder werden aufgehetzt, einer Gehirnwäsche unterzogen und absichtlich aus ihren Häusern, Schulen und Spielplätzen herausgeholt und in die Spannungsgebiete geschickt – an der Seite palästinensischer Randalierer, Scharfschützen, Terroristen und Pressefotografen –, mit dem ausdrücklichen Ziel, sie ins Kreuzfeuer zu bringen: ein kalkuliertes Spiel um Weltsympathie.
Es ist klar, welche der beiden Möglichkeiten die wahrscheinlichere ist.“

Alan Baker, Har'el Ben-Ari: The Use of Children in Armed Conflict, 2000.[19]

Mit einer anderen Medienstrategie[20] erklärte am Abend der Tötung ein Militärsprecher im israelischen Fernsehen kategorisch, dass der Junge jedenfalls nicht durch israelisches Feuer gestorben war. Diese Erklärung wurde am Folgetag wiederholt, ergänzt um einen Hintergrund des Todes: Muhammad hätte sich zur Netzarim-Kreuzung begeben, um an den gewaltsamen Demonstrationen teilzunehmen, bei denen zwölf- bis dreizehnjährige Kinder üblicherweise mit Steinen nach Soldaten würfen; sein Vater sei später hinzugekommen, um ihn von dort wegzuholen.[17.3]

Ab dem 2. Oktober schließlich erklärten Vertreter der israelischen Streitkräfte, nach einer ersten Untersuchung sei es doch plausibel, dass israelische Kugeln den Jungen getötet hätten,[21][4.3] sprachen dabei aber anders als dessen Vater und der Kameramann davon, dass sie ins „Kreuzfeuer“ geraten und unbeabsichtigt erschossen worden seien.[22][13] Manche westliche Medien hielten sich an die Darstellung von Goldenberg und Amnesty (bis hin zur Formulierung bei Time: „Die flehenden Bitten [des Vaters] an die israelischen Soldaten, das Feuer einzustellen, werden mit einem Kugelhagel beantwortet, sodass der schlaffe Körper des Jungen im Schoß seines schwer verletzten Vaters zurückbleibt.“);[4.4] die meisten aber übernahmen diese letzte Sprechweise vom unbeabsichtigten Tod im beiderseitigen Kreuzfeuer.[22][13]

Berichten zufolge kam das israelische Außenministerium danach zum Schluss, eine weitere Diskussion des Vorfalls sei kontraproduktiv, und empfahl, die Sache auf sich beruhen zu lassen.[23] Als unmittelbare Konsequenz auf die Tötung al-Durrahs wurde zudem ein neues PR-Team gebildet und dem Sprecher des Premierministers unterstellt, das künftig Handlungen des Militärs erklären sollte.[17.4] Längerfristig wurde außerdem, ebenfalls vor dem Hintergrund des Medienfiaskos, eine neue grundlegende Medienstrategie entwickelt, die erstmals bei der Militäroperation in Dschenin von 2002 zum Einsatz kam: Internationale Journalisten wurden zunächst vollständig von Dschenin ferngehalten und dann nur in Form von Embedded Journalism in die Stadt gelassen, um nicht die Kontrolle über die Bilder zu verlieren wie bei der Tötung al-Durrahs.[24]

Alternative Erklärungen

Während das israelische Außenministerium den Vorfall nicht weiter diskutieren wollte, entwickelten sich in der verschwörungsorientierten pro-israelischen Blogosphäre[25] bereits kurz nach dem Vorfall verschiedene alternative Theorien zu den Aufnahmen, bei denen man unterscheidet zwischen einer „Minimal-“ und einer „Maximalversion“.[26] Richard Landes, einer der Maximalisten, und James Fallow, einer der Minimalisten, untergliedern noch genauer in folgende Interpretationen der Aufnahmen:

  1. Israelische Soldaten töteten den Jungen gezielt.
  2. Israelische Soldaten töteten ihn unbeabsichtigt.
  3. Palästinenser töteten ihn unbeabsichtigt.
  4. Palästinenser töteten ihn gezielt.
  5. Niemand tötete ihn; sein Tod war inszeniert.

Fallows selbst vertrat die „Minimalversion“, dass jedenfalls Interpretation (1) und (2) nicht richtig sein könne. Interpretationen (3) bis (5) dagegen bezeichnete er als unterschiedliche Varianten der „Maximalversion“, die jeweils ebenfalls von verschiedenen Stimmen vertreten würden.[27] Sie entwickelten sich nach und nach, indem verschiedene Blogger, später auch pro-israelische Aktivisten und schließlich auch Mainstream-Autoren auf verschiedene „verdächtige Elemente“ von Enderlins Darstellung hinwiesen.[1.1]

Der ehemalige IDF-Sprecher Nachman Shai sah rückblickend in der Tötung al-Durrahs die Geburtsstunde einer neuen Form israelischer Hasbara: In der sich in den folgenden Jahren entwickelnden Debatte seien mit Nichtregierungsorganisationen und bloggenden Einzelpersonen neue Medienakteure in Erscheinung getreten, die begonnen hatten, die Deutungshoheit der Mainstream-Medien zu untergraben. Der Vorfall habe gezeigt, wie mächtig diese neuen Kräfte sein könnten. Shai empfiehlt daher eine Hasbara-Strategie, die darauf abzielt, NGOs, Einzelpersonen und jüdische Diaspora-Organisationen bewusst als informelle Botschafter des israelischen Staates zu nutzen.[28]

Der Jerusalem-Post-Journalist Larry Derfner beschrieb die Situation 2008 so, dass sämtliche seriöse Journalisten den Fall bereits ad acta gelegt hatten, weshalb nun im Internet ein weitgehend einseitiger Diskurs geführt werde, bei dem rechte Verschwörungstheoretiker einander Indizien für ihre Theorien vortrugen; er allein sehe sich noch in der Pflicht, Einspruch gegen diese Theorien zu erheben.[29]

Unstrittig ist – abgesehen von Israel[30] – die Maximalversion eine Mindermeinung. Umstritten ist, nachdem verschiedene Autoren zur Debatte beigetragen hatten, ob weiterhin Enderlins Version oder mittlerweile die „Minimalversion“ die Mehrheitsmeinung ist: Die US-amerikanische Antisemitismusforscherin Hanna Johnson (University of Pittsburgh) schrieb 2012, letztere sei „mittlerweile mehr oder weniger allgemein akzeptiert“;[31] der israelische Kommunikationswissenschaftler Jérôme Bourdon (Universität Tel Aviv) dagegen berichtete 2014, die „journalistische Welt sei überwiegend mit Enderlin solidarisch“.[32]

Die Maximalposition

Die Maximalposition wird auch vertreten von bekannten Lobbyorganisationen wie CAMERA,[33] HonestReporting,[34] dem Jerusalem Center for Public Affairs[35] und dem Middle East Forum.[36] In der Literatur regelmäßig genannt werden aber andere Theoretiker und Theorien, die im Folgenden dargestellt werden.

Auch noch die jüngste Variante der Maximalposition – die der israelischen Regierung – wurde wiederholt als „Verschwörungstheorie“ bezeichnet – so von Enderlin selbst,[37] aber zum Beispiel auch vom Journalisten Larry Derfner[38] und am ausführlichsten von der Organisation Conspiracy Watch:

„Obwohl es heute wie damals unmöglich bleibt, sich kategorisch über die Herkunft der Schüsse zu äußern, die Muhammad al-Durrah das Leben kosteten (der Ort des Geschehens existiert nicht mehr, es wurde keine Kugel sichergestellt, und der Junge wurde nicht obduziert), ist die These einer Inszenierung nur um den Preis erheblicher Abstriche an der elementaren Plausibilität haltbar: Zunächst hätte Talal Abu Rahma seinen Film mitten in einem Schusswechsel mit scharfer Munition drehen müssen; er hätte dabei auf die Mitwirkung von Dutzenden von Statisten sowie der Familie al-Durrah und der anderen vor Ort anwesenden Kameraleute und Fotografen zählen müssen; eine solche Inszenierung hätte außerdem vorausgesetzt, dass auch das medizinische Personal, das das Kind und seinen Vater Jamal al-Durrah im Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza behandelte, sowie die Ärzte des Militärkrankenhauses in Amman, die die Krankenakte des Vaters vollständig fingiert hätten, mitgewirkt und den Betrug gedeckt hätten. Kurz gesagt: Seit nunmehr fast dreizehn Jahren würde eine gigantische Verschwörung des Schweigens all diese Personen miteinander verbinden, die – folgt man den Anhängern der Inszenierungsthese – nichts weiter als ein rotes Tuch zur Verfügung gehabt hätten, um [in den Aufnahmen] Blutspuren [auf dem Bauch des Jungen (eine These u. a. Karsentys, Schapiras und der Regierung)] zu simulieren.
Die Ungeheuerlichkeit dieser Verschwörungstheorie hat bislang nur diejenigen überzeugt, die überzeugt werden wollten.“

Conspiracy Watch: Affaire Al-Dura: le douteux rapport Kuperwasser n’apporte rien de nouveau, 2013.[39]

Duriel, 2000

Der Physiker Nahum Shahaf und der Ingenieur Yosef Duriel, die bereits zuvor an der Entwicklung einer in der israelischen extremen Rechten verbreiteten alternativen Theorie zur Tötung Jitzchak Rabins zusammengewirkt hatten,[40] traten kurz nach der Tötung al-Durrahs an General Yom Tov Samia, den für Gaza verantwortlichen Kommandanten der südlichen israelischen Streitkräfte,[41] heran und ließen sich von ihm mit einer weiteren Untersuchung beauftragen. Effektiv leitete Samia damit eine Untersuchung eines Vorfalls, der sich unter seinem eigenen Kommando ereignet hatte.[4.5] Da die IDF die Wand und das Betonbecken bereits eingerissen hatten, stellten Shahaf und Duriel die Szene nach und führten auf diese Weise Untersuchungen durch. Duriel wurde kurz darauf wieder entlassen, weil er bereits vor Abschluss ihrer Untersuchungen die Ergebnisse in einem Interview vorweggenommen hatte,[42] veröffentlichte aber im Netz einen eigenen Bericht, demzufolge hinter dem Kameramann weitere (palästinensische) Schützen postiert gewesen sein mussten, da nur von dieser Position aus der Junge erschossen werden habe können.[43]

Samia, 2000

Der Bericht zur Shahaf-Untersuchung wurde nie veröffentlicht.[2.6] Samia allerdings trug Ende November als seine eigenen Untersuchungsergebnisse vor, basierend auf Einschusswinkel, Feuermodus[44] und einem Bericht des Vaters, laut dem der Junge von hinten getroffen worden sei, habe eher ein palästinensischer Schütze „vom östlichen Ende der Mauer“ aus auf den Jungen geschossen. Ob israelische Soldaten die al-Durahs überhaupt hätten treffen können, sei zweifelhaft.[45]

Shahaf, 2002

Shahaf selbst arbeitete seine Ergebnisse bis November 2002 weiter zu einem Untersuchungsfilm aus, der auch in Israel nie in Gänze ausgestrahlt, von ihm aber im Internet veröffentlicht wurde. In diesem trug er neben weiteren Verdachtsmomenten, die in der Zwischenzeit von anderen Bloggern vorgebracht worden waren, wieder ihre ursprüngliche These vor, al-Durrah habe von einer Position hinter dem Kameramann erschossen werden müssen, wofür auch die Staubwolken beim Einschlag der Kugeln auf die Wand sprächen.[46]

2006 hielt ein israelisches Gericht im Rahmen einer von Duriel angestrengten Verleumdungsklage basierend auf der Einschätzung forensischer Sachverständiger fest, die Shahaf-Untersuchung sei weder objektiv noch unter Einhaltung professioneller oder wissenschaftlicher Standards unternommen worden.[2.7] Auch zuvor nahmen wenige Shahafs Untersuchungen ernst, bis ihn 2003 der Journalist James Fallow ausführlich interviewte,[47] sich selbst bei seiner Interpretation aber auf besagte „Minimalversion“ beschränkte.[48][2.8]

Ebenfalls 2002 veröffentlichte Esther Schapira, eine deutsche Filmemacherin, ihre Fernsehdokumentation Drei Kugeln und ein toter Junge. Schapira hatte für den Film mit Shahaf zusammengearbeitet,[47][2.9] vertrat zunächst aber ebenfalls Fallows „Minimalversion“.[4.6] Gleichwohl übernahm sie unter anderem das Positionsargument von Shahaf und das Waffenargument von Samia. Davon abgesehen berichtete sie verschiedene Details, die ihrer Ansicht nach „eher für palästinensische als für israelische Schützen“ sprachen,[49] laut Tom Segev jedoch nicht ausschließen konnten, dass israelische Soldaten den Jungen erschossen hatten.[50]

Décryptage, 2003

Nach Veröffentlichung von Schapiras Film äußerten der Philosoph Alain Finkielkraut, der Soziologe Jacques Tarnero sowie der Soziologe Shmuel Trigano auf einer Pressekonferenz, es sei nunmehr bewiesen, dass al-Durrah von einer palästinensischen Position aus erschossen worden war.[2.10] Im Folgejahr veröffentlichte Tarnero gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Philippe Bensoussan eine eigene Dokumentation mit dem Namen Décryptage („Entschlüsselung“), die unter anderem ebenfalls den Todesfall al-Durrahs behandelte. Dargestellt wird auch hier eine eingeschränkt minimalistische Position: Von der israelischen Position aus hatten die Soldaten Muhammad nicht genau erkennen können, ihn also auch nicht willentlich ermorden und wahrscheinlich auch gar nicht erschießen können. Dieses Detail habe Enderlin seinem Fernsehpublikum vorenthalten.[51] Prägender für den französischen Diskurs in den folgenden Jahren war aber vor allem, dass diese eingeschränkt minimalistische These eingebettet war in zwei Erzählungen: Schuld an der Zweiten Intifada seien die Palästinenser, die diese im Vorhinein geplant hätten, und besonders: französische Medien stellten systematisch den Nahostkonflikt verzerrt zugunsten der Palästinenser dar, wofür der Beitrag über al-Durrahs Tötung symptomatisch sei.[52]

Metula News Agency, Jeambar / Leconte, 2004

Bereits kurz vor Erscheinen dieses Films hatte in Frankreich eine pro-israelische Medieninfrastruktur zu entstehen begonnen, die übereinstimmend mit dieser zweiten Grundthese des Films französischen Mainstream-Medien programmatischen Judenhass unterstellte. Zu ihr gehörten die 2002 von Stéphane Juffa gestartete Website Metula News Agency, die sich selbst als „Nachrichtenagentur“ bezeichnete, systematisch Gegen-Artikel zu französischen Massenmedien veröffentlichte und Télérama gegenüber von verschiedenen Experten als „jüdisch-fundamentalistisch“, „voreingenommene Fanatiker“ und „Spezialisten für Medienangriffe“ beschrieben wurde,[53] und der 2004 von Philippe Karsenty gestartete[54] Medien-Watchdog Media Ratings.[55] Beide konzentrierten sich bereits früh auf die „affaire el-Dura“.[56]

Die Metula News Agency hatte bereits kurz nach dem Vorfall begonnen, die Aufnahmen für palästinensische Propaganda zu erklären.[57] 2002 produzierte Metula einen vierten Kurzfilm („Al Dura: the investigation“), in dem nun die Maximalposition vertreten wurde; im Folgejahr arbeitete ihr Pariser Korrespondent, der Psychoanalytiker Gérard Huber, die Inszenierungsthese in Buchlänge aus.[58][59] Größere Aufmerksamkeit wurde der Agentur zuteil, nachdem sie 2004 den pensionierten Le-Monde-Journalisten Luc Rosenzweig auf den Fall angesetzt hatte, indem sie ihm Shahafs Untersuchungsfilm vorspielte.[53] Rosenzweig gelang es, in Begleitung zweier weiterer Journalisten – Denis Jeambar von L’Express und Daniel Leconte von Docs en Stock –, France 2 dazu zu bewegen, ihnen das gesamte Filmmaterial vorzuspielen, inklusive einiger Sekunden am Ende, die Enderlin herausgeschnitten hatte. Juffa veröffentlichte daraufhin Rosenzweigs Erkenntnisse: Erstens habe Abu Rahma seine Aussagen widerrufen, wonach vom Fall nichts mehr übrig bleibe (tatsächlich hatte Abu Rahma nur erklärt, nie gesagt zu haben, dass israelische Soldaten das Kind „vorsätzlich und verbrecherisch getötet“ hätten).[53] Zweitens bewege sich der Junge nach den gesendeten Sekunden noch, sei also noch nicht tot. Enderlin hatte erklärt, diese Sekunden aus ethischen Gründen herausgeschnitten zu haben, weil sie „unerträglich“ seien,[60] eine unerträgliche Todesszene war nach Ansicht der Metula-Autoren im Filmmaterial jedoch nicht zu sehen. Drittens seien im Filmmaterial auch in anderen Szenen Inszenierungen von Palästinensern erkennbar. Viertens bestritt Rosenzweig, dass es sich beim Foto des im Al-Shifa-Krankenhaus für tot erklärten Jungen um dasselbe Kind handle wie im Filmmaterial.[61] Rosenzweig selbst entwickelte sich in der Folge nach Ansicht von Pascal Boniface (IRIS) zu einem „extremistischen Propagandisten“, der Enderlin mit „völlig wahnhaften E-Mails“ belästigte[62] und noch häufiger und andernorts zur Causa publizierte.

Jeambar und Leconte distanzierten sich von Rosenzweig und dem Metula-Bericht: Nichts erlaube die Behauptung, die al-Durrah-Szene sei inszeniert; Metula „täusche seine Leser“. Auch ihrer Meinung nach allerdings bewies das Filmmaterial nicht, dass israelische Soldaten den Jungen erschossen hatten; „im Gegenteil: Alles, angefangen bei der Position der Beteiligten im Gelände, würde eher eine oder mehrere palästinensische Kugeln nahelegen“. Auch sie sahen in den nicht gesendeten letzten Sekunden keinen Todeskampf des Jungen; zudem bestätigten sie, dass andere Szenen des Filmmaterials sehr wohl Inszenierungen zeigten[63] (was wiederum bestritten wurde zum Beispiel von Daniel Schneidermann[64] und Jérôme Bourdon:[65] Maximal könne man bei einigen der Abgebildeten vermuten, dass sie ihre Leiden übertrieben hätten – sicher sei aber auch das nicht). Nach Darstellung Guillaume Weill-Raynals, eines Freundes Enderlins, waren es nicht die diversen Beiträge von Metula, die über die Jahre veröffentlicht wurden, sondern dieser Beitrag von Jeambar und Leconte, der in Frankreich die Debatte aufflammen ließ.[66]

Landes, ab 2005

Richard Landes, ein Historiker im Vorstand der Lobbyorganisation Scholars for Peace in the Middle East,[67] berichtet, er selbst sei 2003 von Shahaf in den Fall eingeführt worden. Nachdem er sich von Enderlin das Filmmaterial vorführen lassen habe, habe er realisiert:

„Palästinenser inszenieren ständig Szenen, und westliche Journalisten haben damit kein Problem. Jeder ernsthafte Journalist, dessen Kameramann umfangreich inszenierte Szenen filmt, hätte ihm entweder sagen müssen, dass das inakzeptabel ist, oder ihn entlassen müssen. Enderlin, der Doyen des Nahostjournalismus, arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als einem Jahrzehnt mit Abu Rahma zusammen – und er hatte offensichtlich weder das eine noch das andere getan. […] Sie tun das ständig – und westliche Journalisten verwenden einfach die glaubhaftesten Sekunden, um sie in den Nachrichten zu senden. Es ist eine nationale Industrie!“

Richard Landes: The Muhammad Al-Dura Blood Libel: A Case Analysis, 2008.[68]

Diese „nationale Industrie“ bezeichnete er als „Pallywood“,[69] später der Begriff einer umfassenderen Verschwörungstheorie. Früchte seiner Auseinandersetzung mit den Vorfällen an der Netzarim-Kreuzung waren zunächst 2005 und 2006 seine Kurzdokumentationen „Pallywood“ und „Al Durah: The Birth of an Icon[70] und 2008 ein Langinterview für das Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs,[71] eine weitere pro-israelische Lobbyorganisation. Zudem begleitete er die Debatte auf seinen Blogs The Augean Stables[72] und Second Draft[73] und wirkte mit am 2012 gestarteten Al Durah Project.[74]

Konkret zum Al-Durrah-Fall trug Landes die Staubwolken-Theorie von Shahaf vor. Sowohl die angenommene palästinensische Position hinter dem Kameramann nach Duriel und Shahaf als auch die am Ende der Mauer nach Samia präsentierte er nun als Fakt. Die Bewegungen des Jungen in den letzten Sekunden des Filmmaterials, auf die die Metula News Agency hingewiesen hatte, interpretierte Landes als Blick eines Schauspielers in Richtung Kameramann.[75]

Karsenty, ab 2004

Auch Karsenty beschäftigte sich über Jahre mit dem Fall, begonnen mit einem Beitrag auf seiner Website im November 2004,[76] veröffentlicht mit dem erklärten Ziel, France 2 zu einer Verleumdungsklage zu provozieren.[2.11] Mehrfach warf er France 2 auch in verschiedenen anderen Medien vor, das gesamte gesendete Videomaterial sei inszeniert.[77] Zudem veröffentlichte er eine ballistische Analyse anonymer Gutachter, der zufolge die tödlichen Schüsse von einer palästinensischen Position hinter dem Kameramann abgegeben worden seien,[78] und hielt mehrere Vorträge, in denen er unter anderem Landes „Pallywood“-These aufgriff und auf den al-Durrah-Fall übertrug: Niemand sei an diesem Tag erschossen worden; sämtliche Szenen auch von anderen Kameramännern seien inszeniert.[79]

France 2 verklagte ihn. Crif, der Dachverband der jüdischen Organisationen Frankreichs, schlug sich auf Karsentys Seite und kündigte an, die Sache so lange verfolgen zu wollen, bis France 2 zugegeben hätte, dass die Bilder inszeniert seien.[80] In erster Instanz wurde Karsenty die Behauptung der Inszenierung verboten. Karsenty habe France 2 verleumdet mit Aussagen, die zum Teil auf die diskreditierten Thesen Shahafs zurückgingen, zum Teil mit weiteren Thesen, die sich damit aber nicht vereinbaren ließen. Man könne aufgrund der verschiedenen Widersprüche auch nicht davon ausgehen, dass er seine Theorie in gutem Glauben entwickelt habe; unter anderem sei seine Behauptung, dass auf den Aufnahmen kein Blut zu sehen sei, unwahr.[2.12] Karsenty legte Berufung ein. Die zweite Instanz hob dieses Urteil auf,[81] weil Karsenty Enderlin zwar diffamiert habe, dies aber doch „in gutem Glauben“ getan haben konnte.[59] 120 Medien und Journalisten und weitere Unterzeichner solidarisierten sich daraufhin in einer Unterschriftenkampagne mit Enderlin: Das Urteil sei beunruhigend, weil dabei eine „Lizenz zur Verleumdung“ von Journalisten vorausgesetzt werde.[82] 2013 entschied ein Pariser Gericht erneut, Karsenty habe France 2 zu Unrecht verleumdet, und verurteilte ihn zur Zahlung einer Strafe von 7000 Euro.[83]

Weill-Raynal, 2008

Enderlin hatte wiederholt den Beitrag und seinen Kameramann in Schutz genommen und war dafür in Israel massiv angefeindet worden; Extremisten forderten seinen Tod, seine Familie in Jerusalem war angegriffen worden.[84] In Frankreich hatte die Metula News Agency gemeinsam mit der Jewish Defense League Proteste vor dem France 2-Gebäude organisiert und Enderlin 2002 den „Goebbels-Preis“ für Desinformation verliehen.[85] Daraufhin begann 2005 in Frankreich der jüdische Jurist und Essayist Guillaume Weill-Raynal, sich schriftstellerisch mit dem Fall zu befassen und gegen eine Hexenjagd auf seinen Freund Enderlin zu protestieren, und widmete vier buchlange Essays und mehrere Aufsätze ganz oder teilweise dem Fall – begonnen mit seinem Buch „Une haine imaginaire?“ („Ein herbeifantasierter Hass?“).[86][87] Weill-Raynals Gegenthese war: Die Hartnäckigkeit, mit der die Inszenierungsthese in der jüdischen Community Frankreichs verfochten wurde, ließ sich mittlerweile nicht mehr mit dem Vorfall an sich erklären, sondern damit, dass die Tötung al-Durrahs quasi-mythische Züge angenommen hatte und stellvertretend für das Israelbild der jeweiligen Parteien stand, die Debatte also nicht mehr rein rational erklärbar war.[88]

Weill-Raynals Zwillingsbruder Clément dagegen, der stellvertretende Chefredakteur von France 3, hatte er sich seit den 1980er Jahren unter dem Einfluss seines Mentors, des weit rechts stehenden Anwalts Gilles-William Goldnadel, zunehmend nach rechts entwickelt und veröffentlichte unter Pseudonymen polemische Texte in der jüdischen Gemeindepresse. Bereits 2000 beschuldigte er Enderlin, die Aufnahmen manipuliert zu haben. 2008 veröffentlichte er unter dem Pseudonym „Daniel Vavinsky“ in der Zeitschrift Actualité Juive („Jüdische Neuigkeiten“) Artikel, in denen er als Maximalist die Inszenierungstheorie vertrat und Yehuda David interviewte – einen Arzt, der behauptete, auch die Verletzungen von Jamal al-Durrah seien inszeniert und rührten tatsächlich von älteren Verletzungen her, die er behandelt hatte.[89]

David, Weill-Raynal und Serge Benattar, der Herausgeber von Actualité Juive, wurden zunächst um 2009 für Verleumdung verklagt und 2011 verurteilt – wieder, weil man guten Glauben ausschließen könne; in diesem Fall, weil die drei die jordanischen medizinischen Unterlagen ignoriert hatten.[2.13] Mit den Verletzungen al-Durrahs laut diesen Unterlagen, die Enderlin als Antwort auf Davids Behauptungen veröffentlicht hatte,[90] ließen sich Davids Behauptungen nicht vereinbaren.[91] Raphael Walden, ein weiterer israelischer Arzt, hatte dies in einem Gutachten für das Gericht bestätigt und wiederholte es außerdem 2012 ein weiteres Mal in einem Zeitungsartikel.[92] In den folgenden Jahren wurden die beiden Urteile gegen David und Weill-Raynal dennoch wieder aufgehoben – letzteres, weil bei Vorgängen von öffentlichem Interesse auch Provokation und Übertreibung in der Berichterstattung zulässig seien.[93] Benattar hatte ebenfalls ein Berufungsverfahren angestrengt, starb aber vor dem Ende des Prozesses.[94]

Taguieff, ab 2007

Guillaume Weill-Raynall hatte dem Fall al-Durrah in seinem ersten Buch noch nur ein Kapitel gewidmet; primär schrieb er darin an gegen ein 2002 erschienenes Buch des französischen Essayisten Pierre-André Taguieff, in dem auch dieser die These einer Voreingenommenheit französischer Medien gegen Juden entwickelte, aber noch gar nicht auf Muhammad al-Durrah einging.[95] Auch Taguieff befasste sich daraufhin wiederholt mit dem Fall,[96] bis er ihm schließlich in seinem Buch La nouvelle propagande antijuive („Die neue antijüdische Propaganda“) knapp 100 Seiten widmete. Grundthese war, dass mit der Inszenierung der Tötung al-Durrahs die antisemitische Ritualmordlegende („Zionisten töten Kinder“) reaktiviert worden war. Dass die französischen Medien breiter über die Klage gegen Karsenty als den folgenden Kassationsprozess berichtet hatten, sei außerdem ein Ausdruck antijüdischen Korporatismus dieser Medien. Breit ausgeführt wurde auch hier das Zeugnis Davids, das ein Indiz für die „Verlogenheit“ Jamal al-Durrahs sei.[97] Dass Enderlin die jordanischen Untersuchungsakten zu diesem Zeitpunkt bereits veröffentlicht hatte, wird nicht erwähnt.

Schapira, 2009

Esther Schapira veröffentlichte 2009 eine weitere Dokumentation mit dem Titel „Das Kind, der Tod und die Wahrheit“.[98] Mit dieser Dokumentation und einem 2008 in der Jüdischen Allgemeinen veröffentlichten Text, in dem sie Karsentys Analysen für plausibel erklärte,[99] wechselte Schapira über vom Lager der Minimalisten in das der Maximalisten.[38] Die einleitend geäußerte Grundthese der sich insgesamt nahe an den Thesen Karsentys haltenden Dokumentation ist, dass es sich bei der von Enderlin präsentierten Version um eine „Propaganda-Lüge“ handle.[100.1] Zusätzlich zu Karsentys Thesen trägt Schapira weitere Verdachtsmomente von anderen Vorgängern zusammen – ungeachtet der Tatsache, dass die verschiedenen Versatzstücke nicht miteinander harmonieren und insgesamt keine konsistente Gegenerzählung bilden.[100.2] Neu an ihrer Dokumentation ist die Idee, beim im Al-Shifa-Krankenhaus für tot erklärten und später öffentlich begrabenen Jungen handle es sich tatsächlich um Muhammads Bruder Rami al-Durrah, wohingegen man bei Muhammad nicht sicher sein könne, ob er wirklich gestorben sei[101] – geboren wohl aus der Tatsache, dass die ersten Medienmeldungen Muhammad noch „Rami“ nannten,[102] laut David Pratt der Spitzname Muhammads.[7.2] Auch Schapira referierte ausführlich die Behauptungen Davids. Anders als Taguieff erwähnt sie auch die jordanischen Krankenakten und die Nachanalyse von Walden, spart dabei aber die nicht zu Davids Analyse passenden Verletzungen aus und gibt stattdessem diesem die Möglichkeit, die Verlässlichkeit des jordanischen Berichts insgesamt in Zweifel zu ziehen.[103]

Israelische Regierung, 2013

In Israel warb Yossi Kuperwasser, der Generaldirektor des Ministeriums für strategische Angelegenheiten, für eine erneute Untersuchung des Vorfalls. Auf Geheiß von Premierminister Benjamin Netanjahu schuf daraufhin Mosche Jaʿalon, der Leiter des Strategieministeriums, ein neues Untersuchungskomitee, dem dann Kuperwasser vorsaß.[104][2.14] In dem im Mai 2013 veröffentlichten Untersuchungsbericht wurden zentrale Motive und verschiedene Verdachtsmomente von älteren Vertretern der Maximalposition aufgegriffen[105] und erneut gefolgert: Muhammad sei wahrscheinlich nicht erschossen worden; falls er getroffen worden sei, könne dies nicht durch israelisches Feuer geschehen sein.[106]

Der Journalist Barak Ravid äußerte, die vorgetragenen Indizien könnten allenfalls jene überzeugen, die ohnehin schon überzeugt seien. Wahrscheinlich handle es sich bei dem Bericht um eine Racheaktion gegen Enderlin.[104] Enderlin selbst hielt den Bericht für eine versuchte Einflussnahme auf das Pariser Gericht, dessen Urteil in seinem letzten Prozess gegen Karsenty für drei Tage nach Veröffentlichung des Berichts angekündigt war und dann auf Ende Juni verschoben wurde.[37]

Sowohl Jamal al-Durrah als auch Charles Enderlin wiesen den Bericht zurück und boten an, sich für unabhängige internationale Untersuchungen zur Verfügung zu stellen.[107][108]

Nachwirken

Muhammad al-Durrah wurde durch das wiederholte Senden des Videos zum Symbol der Zweiten Intifada.[109] Auch seine eigenen Eltern luden seinen Tod symbolisch auf und stellten ihn dar als „Opfer für das Heimatland“, als Symbol für „unschuldig getötete palästinensische Kinder“ oder gar für alle Palästinenser. Auch über Palästina hinaus wirkten die Bilder nach.[110] In Ägypten und Tunesien wurden Briefmarken mit Bildern der al-Durrahs gedruckt, in Ägypten eine Straße nach dem Jungen benannt,[111] in Marokko ein Park, in Jordanien ein Taekwondo-Turnier.[7.3]

Talal Abu Rahma wurde mit mindestens 15 Preisen für seine Aufzeichnungen ausgezeichnet.[4.7]

Commons: Muhammad al-Durrah – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur

  • Stephanie Gutmann: The Other War. Israelis, Palestinians and the Struggle for Media Supremacy. Encounter Books, San Francisco 2005, ISBN 1-893554-94-5.
  • Jérôme Bourdon: „Qui a tué Mohammed el-Dura?“ de la mise en doute informatique d’un fait journalistique. In: Hermès. Band 47, Nr. 1, 2007, S. 89–98, doi:10.4267/2042/24081.
  • Eitan Diamond: Envisioning Justice: Appraising image-based humanitarian advocacy in the Israeli-Palestinian context and beyond. 2020 (papers.ssrn.com Dissertation, Universität Tel Aviv).
  • Rebecca L. Stein: „The Boy Who Wasn’t Really Killed“: Israeli State Violence in the Age of the Smartphone Witness. In: International Journal of Middle East Studies. Band 53, Nr. 4, 2021, doi:10.1017/S0020743821000453.
  • Charles Enderlin: Un enfant est mort. Netzarim, 30 septembre 2000. Don Quichotte, Paris 2010, ISBN 978-2-35949-026-8.
    (Monografie Enderlins über den Todesfall und seine Rezeption. Kap. 4 über die kritische Rezeption frei zugänglich auf archive.org)

Einzelnachweise

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