Tabor-Bewegung
Poliitische Bewegung in Österreich-Ungarn
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Die Tabor-Bewegung (slowenisch: taborsko gibanje) war eine slowenische politische Massenbewegung in den Jahren 1868 bis 1871. Ihr Kennzeichen waren groß angelegte Freiluftversammlungen – sogenannte tabori (Singular: tabor) –, auf denen die Bevölkerung in den slowenischsprachigen Landesteilen von Österreich-Ungarn öffentlich für nationale Rechte und die Vereinigung aller Slowenen in einem gemeinsamen Kronland eintrat. Die Bewegung gilt als erster Ausdruck einer breiten politischen Massenmobilisierung der Slowenen und als Höhepunkt des Slowenischen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts im Rahmen der Habsburgermonarchie.

Hintergrund
Politische Lage nach 1867
Mit dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867 wurde die Habsburgermonarchie in die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn umgewandelt. Auf der cisleithanischen (österreichischen) Seite trat die Dezemberverfassung in Kraft, deren Artikel 19 des Staatsgrundgesetzes über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger formal die Gleichberechtigung aller Volksstämme und ihrer Sprachen im öffentlichen und schulischen Leben garantierte. In der Praxis blieb das Slowenische jedoch gegenüber dem Deutschen stark benachteiligt: Es fehlte an slowenischsprachigen Schulen, Ämtern und Gerichten. Das Ende der neoabsolutistischen Ära und die neu gewährte Vereinigungsfreiheit schufen erstmals seit den 1850er Jahren Spielraum für politisches Engagement.
Das Vorbild für die Tabori lieferte einerseits die britische politische Kultur der öffentlichen politischen Versammlung (Hustings)[1][2], andererseits die tschechische Nationalbewegung in Böhmen, die nach 1867 mit ähnlichen Massenveranstaltungen den gleichen staatsrechtlichen Status wie Ungarn anstrebte.[3] Die Slowenen übernahmen sowohl das Format als auch die Bezeichnung tabor von den Tschechen, deuteten den Begriff jedoch eigenständig: Sie verbanden ihn mit der Erinnerung an die Verteidigungslager gegen die osmanischen Einfälle[4], die nun sinnbildlich den Widerstand gegen Germanisierung und Italianisierung symbolisieren sollten.
Das Programm des Vereinten Sloweniens
Das zentrale politische Programm, dem die Tabori verpflichtet waren, war das Vereinte Slowenien (slowenisch: Zedinjena Slovenija). Dieses Programm war erstmals 1848 von slowenischen Aktivisten um Matija Majar-Ziljski formuliert worden und forderte die Zusammenfassung aller slowenischsprachigen Gebiete – Krain, Steiermark, Kärnten, das Küstenland und Teile Istriens – zu einem eigenen Kronland innerhalb der Habsburgermonarchie. Zwar scheiterte das Programm 1848, blieb aber das gemeinsame politische Ziel aller Strömungen der slowenischen Nationalbewegung bis zum Ersten Weltkrieg. In den Jahren 1868 bis 1871 erlangte die Idee durch die Tabor-Bewegung erstmals Rückhalt in der breiten Bevölkerung.
Die politischen Lager
Im slowenischen politischen Leben standen sich die Jungslowenen (mladoslovenci) und die Altslowenen (staroslovenci) gegenüber. Die Jungslowenen, die sich 1868 um die neue Zeitung Slovenski narod (Slowenisches Volk) scharten, übernahmen die Initiative zur Organisation der Tabori. Ihre liberale, in Teilen antiklerikale Ausrichtung stand im Gegensatz zu den konservativ-klerikalen Altslowenen um Janez Bleiweis. Während der Tabor-Bewegung traten beide Lager jedoch gemeinsam auf – ein Zusammenschluss, den die Historiker als bewusste Entscheidung der Veranstalter werten, um die Spaltung des Volkes zu vermeiden und die Breitenwirkung zu maximieren.
Verlauf

Erster Tabor in Ljutomer (1868)
Der erste Tabor fand am 9. August 1868 in Ljutomer (Luttenberg) in der südöstlichen Steiermark statt. Die Initiative ging von Matija Prelog aus; zu den treibenden Organisatoren zählten Rechtsanwälte und Ärzte aus dem jungslowenischen Milieu, darunter der Jurist Jakob Ploj sowie die Ärzte Josip Vošnjak und Valentin Zarnik. Rund 7000 Menschen versammelten sich auf einer Wiese vor dem Ort. Die Versammlung verabschiedete eine Resolution, die die slowenische Amtssprache in Slowenien, slowenischsprachige Schulen und Gerichte sowie die Verwirklichung des Vereinten Sloweniens forderte. Eine markante Formulierung lautete, dass die versammelten Slowenen in Artikel 19 des Staatsgrundgesetzes keine Garantie für ihre Nationalität erblickten, solange die slowenische Sprache nicht ausschließliche Amtssprache in Slowenien sei.
Höhepunkt: Vižmarje bei Laibach (1869)
Das Jahr 1869 brachte den Höhepunkt der Bewegung. Am 17. Mai 1869 – einem Pfingstmontag – versammelte sich auf dem Feld bei Vižmarje (Weißenbach) unweit von Laibach (Ljubljana) die bis dahin größte politische Kundgebung in der Geschichte der Slowenen: Rund 30.000 Menschen nahmen teil, darunter auch der bis dahin zurückhaltend gebliebene Altslowene Janez Bleiweis, der öffentlich die Schaffung eines einheitlichen slowenischen Verwaltungsgebiets forderte. Redner wie Valentin Zarnik, Božidar Raič und Josip Vošnjak erlangten als volkstümliche Wortführer überregionalen Ruhm. 1869 wurden weitere Tabori in Biljana, Sevnica, Kalec, Ormož und weiteren Orten abgehalten.
Ausbreitung und geografische Reichweite (1869–1871)
Die Bewegung erstreckte sich schrittweise auf alle slowenischsprachigen Kronländer. 1870 fanden Tabori in Tolmin, Sežana, Cerknica, Kapela (Steiermark), Bistrica pri Pliberku (Feistritz ob Bleiburg, Kärnten), Žoprače/Selpritsch (Kärnten), Koper/Capodistria und Vipava statt. 1871 wurden Tabori in Kastav (Istrien, slowenisch-kroatischer Tabor) und schließlich in Zgornje Buhlje bei Grabštanj (Oberwuchl bei Grafenstein, Kärnten) abgehalten – dem letzten der Reihe.
Insgesamt fanden 18 Tabori zwischen 1868 und 1871 statt, verteilt über Krain, Steiermark, Kärnten, das Küstenland und Istrien. Ein Tabor, derjenige in Kastav, war explizit als slowenisch-kroatische Gemeinschaftsveranstaltung konzipiert und brachte die südslawische Dimension des Programms zum Ausdruck.
Organisation und Ablauf
Die Tabori fanden in der Regel sonntagnachmittags auf geeigneten Wiesen außerhalb von Städten, Marktflecken und Dörfern statt. Die Teilnehmerzahl lag durchschnittlich bei 5.000 bis 6.000 Personen; einzelne Veranstaltungen übertrafen diese Zahl erheblich. Viele Teilnehmer erschienen in Volkstrachten. Die Anreise erfolgte zu Fuß, mit geschmückten Wagen oder – soweit verfügbar – per Eisenbahn.
Nach der Wahl eines Tagungspräsidenten sprachen in der Regel fünf bis sieben Redner zu den versammelten Taboriti (Versammlungsteilnehmer). Diese stimmten über die vorgetragenen Resolutionen durch Handzeichen ab. Nach dem politischen Teil schlossen sich Musik, Tanz und Gesang an. Zur Erinnerung wurden Postkarten, Abzeichen und Andenkenmünzen mit dem Motto »Slovenci, zedinimo se!« (»Slowenen, vereinigen wir uns!«) herausgegeben.
Die Forderungen der Resolutionen umfassten neben den nationalpolitischen Kernanliegen stets auch lokale und wirtschaftliche Themen: Gründung von Kreditgenossenschaften, Versicherungen, Sparkassen, Ausbau des Eisenbahn- und Straßennetzes, Errichtung landwirtschaftlicher und gewerblicher Schulen sowie die Gründung einer slowenischen Universität.
Politische Forderungen
Die zentralen, auf allen Tabori wiederkehrenden Forderungen lassen sich in drei Bereiche gliedern:
- Sprachliche Gleichberechtigung: Durchsetzung von Artikel 19 des Staatsgrundgesetzes; Slowenisch als alleinige Amtssprache in slowenischen Gebieten; slowenischsprachige Schulen, Gerichte und Kirchenverwaltung.
- Vereintes Slowenien: Zusammenfassung aller slowenischsprachigen Gebiete unter einem gemeinsamen Kronland und einer einheitlichen Vertretungskörperschaft innerhalb der österreichischen Reichshälfte.
- Süd- und gesamtslawische Solidarität: Verbindung mit den anderen südslawischen Völkern der Monarchie (Kroaten, Serben) und Orientierung an der tschechischen Nationalbewegung als Vorbild.
Die Forderungen wurden in Form von Resolutionen schriftlich niedergelegt und der Wiener Regierung übermittelt. Die deutschsprachige Presse der Monarchie berichtete ausführlich über die Veranstaltungen, spielte jedoch – insbesondere in liberalen Wiener Blättern – die Teilnehmerzahlen, vor allem bei den Kärntner Tabori, herunter und stellte die Besucher als politisch ungebildete Landbevölkerung dar.
Ende der Bewegung
Die Wiener Regierung reagierte auf den Erfolg der slowenischen und das gleichzeitige Scheitern deutschliberaler Freiluftversammlungen mit einem faktischen Verbot der Tabori: Die Hohenwart-Regierung untersagte 1871 weitere Veranstaltungen dieser Art. 1872 fand noch eine große Prešeren-Feier in Vrba statt, die ihre nationalpolitischen Aussagen in kulturellem Gewand transportierte.
Intern führte das Ende der Bewegung zur Zuspitzung der politischen Gegensätze zwischen Jung- und Altslowenen. Die Ločitev duhov (»Scheidung der Geister«) von 1872/73 beendete die vorübergehende nationale Einheitsfront: Bei den Wahlen von 1873 traten das liberale und das klerikale Lager bereits getrennt an. Die slowenische nationale Bewegung blieb seither dauerhaft gespalten.
Bedeutung und Nachwirkung
Die Tabor-Bewegung markiert den Übergang der slowenischen Nationalbewegung von einer Angelegenheit der Intellektuellen und Gebildeten zur ersten echten politischen Massenbewegung. Sie mobilisierte erstmals breite Schichten der ländlichen Bevölkerung – Bauern, Handwerker, Frauen und Minderjährige, also auch jene, die kein Wahlrecht besaßen – für nationale politische Ziele.
Die unmittelbaren politischen Forderungen blieben zunächst unerfüllt: Weder wurde das Vereinte Slowenien verwirklicht, noch setzte sich das Slowenische als gleichberechtigte Verwaltungssprache durch. Die Sprachforderungen wurden jedoch über die Jahrzehnte bis zum Zusammenbruch der Monarchie schrittweise teilweise erfüllt.
Als Symbol nationaler Einheit und Massenmobilisierung wirkte die Tabor-Bewegung weit über ihre Zeit hinaus. Besonders in der Phase des Zerfalls Österreich-Ungarns am Ende des Ersten Weltkriegs wurde sie von slowenischen Politikern als Vorbild für erneute Massenmobilisierungen herangezogen.
Liste der Tabori (1868–1871)
| Nr. | Datum | Ort | Kronland | Teilnehmer (ca.) |
|---|---|---|---|---|
| 1 | 9. August 1868 | Ljutomer (Luttenberg) | Steiermark | 7.000 |
| 2 | 1868 | Šempas (Sem) | Küstenland | 15.000 |
| 3 | 1869 | Biljana | Küstenland | – |
| 4 | 9. Mai 1869 | Kalec | Krain | 9.000 |
| 5 | 17. Mai 1869 | Vižmarje (Weißenbach) bei Ljubljana | Krain | 30.000 |
| 6 | 1869 | Sevnica (Lichtenwald) | Krain | – |
| 7 | 1869 | Ormož (Friedau) | Steiermark | – |
| 8 | 1870 | Tolmin (Tolmein) | Küstenland | – |
| 9 | 1870 | Žalec (Sachsenfeld) | Steiermark | 15.000 |
| 10 | 29. Mai 1870 | Sežana (Sesana) | Küstenland | 6.000 |
| 11 | 12. Juni 1870 | Cerknica (Zirknitz) | Krain | 8.000 |
| 12 | 19. Juni 1870 | Kapela | Steiermark | – |
| 13 | 31. Juli 1870 | Bistrica pri Pliberku (Feistritz ob Bleiburg) | Kärnten | 8.000 |
| 14 | 7. August 1870 | Kubed | Istriens | – |
| 15 | 14. August 1870 | Vipava (Wippach) | Küstenland | – |
| 16 | 18. September 1870 | Žoprače pri Rožeku (Selpritsch) | Kärnten | – |
| 17 | 21. Mai 1871 | Kastav (Castua) | Istriens (slowenisch-kroatisch) | – |
| 18 | 6. August 1871 | Zgornje Buhlje pri Grabštanju (Oberwuchl bei Grafenstein) | Kärnten | – |
Anmerkung: Die genauen Teilnehmerzahlen sind in den Quellen nicht für alle Tabori überliefert; slowenische Presse nannte teils höhere, deutschsprachige Presse teils deutlich niedrigere Zahlen.
Wichtige Persönlichkeiten
- Matija Prelog – Arzt aus Maribor; Initiator des ersten Tabors in Ljutomer
- Valentin Zarnik – Jurist und Politiker; einer der prominentesten Tabor-Redner
- Josip Vošnjak (1834–1911) – Arzt und Politiker; herausragender Vertreter der Jungslowenen
- Jakob Ploj – Rechtsanwalt in Ljutomer und Ptuj; Organisator
- Radoslav Razlag (1826–1880) – Rechtsanwalt in Brežice; Organisator und Redner
- Božidar Raič (1827–1886) – Geistlicher; prominenter Tabor-Redner
- Janez Bleiweis (1808–1881) – Führer der Altslowenen; trat beim Tabor in Vižmarje auf
- Matija Majar-Ziljski (1809–1892) – Kärntner Geistlicher; Mitorganisator bei kärntnerischen Tabori
Literatur
Slowenischsprachige Forschung
- Vincenc Rajšp: Taborsko gibanje na Slovenskem 1868–1871. Ob stoletnici tabora pri Kapeli. In: Časopis za zgodovino in narodopisje, Maribor 91=56 (2020), H. 2–3, S. 13–39. [englischer Paralleltitel: The Tabor-Movement in Slovenia Between 1868 and 1871]
- Vasilij Melik: Slovensko narodno gibanje za časa taborov. In: ders.: Slovenci 1848–1918. Litera, Maribor 2002, S. 351 ff.
- Vasilij Melik: 110 let žalskega tabora: Slovenski tabori 1868–1871. In: Savinjski Zbornik (1978), S. 10–15.
- Stane Granda: Vižmarski tabor: tabor vseh taborov. Ljubljana 2019.
Deutschsprachige Forschung und Nachschlagewerke
- Vincenc Rajšp: Art. Taborsko gibanje [Tabor-Bewegung]. In: Enciklopedija Slovenije, Seite. 13. Ljubljana 1999. Link
- Artikel Tabor [Tabor (politische Bewegung)]. In: Lexikon zur Geschichte der Kärntner Slowenen / Koroški Slovenci in njihova zgodovina. Herausgegeben vom Slowenischen wissenschaftlichen Institut, Klagenfurt/Celovec. Link
- Peter Štih, Vasko Simoniti, Peter Vodopivec: Slowenische Geschichte. Gesellschaft – Politik – Kultur. Leykam, Graz 2008, ISBN 978-3-7011-0101-6.
Weblinks
- Taborsko gibanje – Enciklopedija osamosvojitve
- Digitale Sammlung zur Tabor-Bewegung (kamra.si)