Tankerkrieg
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Der Tankerkrieg (englisch Tanker war) war ein Aspekt des Ersten Golfkrieges und bezeichnet die Angriffe des Iraks auf iranische Öltanker. Der Iran reagierte mit ähnlichen Maßnahmen und löste damit den größten Seekrieg seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus.[1] Mehr als 400 zivile Seeleute kamen dabei ums Leben.
| Tankerkrieg | |||||||||||||
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| Teil von: Erster Golfkrieg | |||||||||||||
| Datum | 1981 – 26. September 1988 | ||||||||||||
| Ort | Persischer Golf | ||||||||||||
| Ausgang | Friedensabkommen zwischen Iran und Irak | ||||||||||||
| Friedensschluss | 1988 | ||||||||||||
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Die USA stellten ab Juli 1987 kuwaitische Tanker unter ihre Flagge und schützten sie durch militärisch abgesicherte Konvois. Nachdem ein US-Zerstörer 1988 auf eine iranische Mine gefahren war, starteten die USA einen groß angelegten Vergeltungsangriff auf die Iranische Marine. Als der Waffenstillstand am 20. August 1988 das Ende des Ersten Golfkriegs bedeutete, endete auch der Tankerkrieg.
Der Tankerkrieg betraf zu überwiegenden Teil den Export iranischen Rohöls[2]; im Verlauf des Konfliktes wurden über 400 Schiffe angegriffen und dabei beschädigt oder zerstört.[3] Das Hauptziel des Tankerkrieges bestand darin, dem Feind die Einnahmen zu entziehen, da die Ölexporte die finanzielle Grundlage der Kriegsführung beider Länder waren. Der Irak wendete 60 Prozent, Iran 43 Prozent seines Etats für die Kriegsführung auf.[4]
Hintergrund
Anlass für den ersten Golfkrieg war ein Streit um den Verlauf der Grenze zwischen dem Irak und Iran auf dem Wasserweg Schatt el Arab. Dieser war und ist für den Transport von Rohöl von großer Bedeutung. 1975 hatten sich die beiden Länder geeinigt und vertraglich vereinbart, die Mitte des Stroms als Grenze anzuerkennen.
1980 kam es zu wechselseitigen Beschuldigungen, das jeweils andere Land habe die Grenze verletzt. Im September 1980 desselben Jahres kündigte der Irak unter Saddam Hussein den Grenzvertrag. Strategisch sah der Irak eine Gelegenheit gekommen, den durch die Islamische Revolution geschwächten Iran unter Ayatollah Khomeini militärisch zu schlagen.[3]
Der Aspekt des Tankerkrieges wird als strategisches Mittel des Iraks bewertet, der eine Internationalisierung des Konfliktes zu erreichen suchte und die Islamische Republik Iran an Ölexporten hindern wollte. Auch hätte der Iran mit einem internationalen Eingriff rechnen müssen, wenn er die Straße von Hormus, die Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman, komplett schließen würde. Deshalb ließ der Iran dieses Nadelöhr lange für den Schiffsverkehr offen.[5]
Der Iran begann bereits Ende 1980 die irakischen Förderanlagen mittels Luftangriffen zu zerstören. Insbesondere die Förderanlagen bei Basra, Kirkuk und Mossul wurden dadurch in ihrer Leistung eingeschränkt.
Verlauf
Obwohl der der gesamte Krieg lange andauerte, eskalierte der Tankerkrieg langsam. Im Oktober 1980 erklärte der Irak das gesamte Gebiet des Persischen Golfs nördlich des 29. Breitengrades zum Kriegsgebiet. Als Reaktion darauf begann der Iran damit, Konvois einzurichten und die Versorgung der Schiffe in den sichereren Gebieten des südlichen Golfs zu schützen.
Ab Mai 1981 griff der Irak Handelsschiffe an, die iranische Häfen im nördlichen Persischen Golf anliefen oder von dort abfuhren. Schwerpunkte waren die die Insel Charg, wo sich Irans wichtigstes Ölterminal befindet. Am 30. Mai 1982 griff der Irak erstmals ein nicht iranisches Schiff, den türkischen Öltanker Atlas 1 (IMO 6930738) an, der iranisches Öl transportierte.[6]
Am 2. März 1983 traf eine irakische Exocet-Rakete das iranische Offshorefeld Nowruz. Die Angriffe gegen iranische Öl-Verladestellen (u. a. Bandar-e Chomeini und Bandar-e Maschur) und iranische Tanker wurden von der irakischen Luftwaffe ausgeführt. Sie bediente sich dabei der ab Mitte 1983 von Frankreich gelieferten Exocet-Seezielflugkörper, mit denen die Super-Étendard-Jagdbomber ausgerüstet waren. Die für den Iran als besonders gefährlich bewertete Strecke zwischen der als Öl-Terminal genutzten Insel Charg im Persische Golf und der Insel Larak vor Bandar Abbas erhielt unter Seeleuten den Spitznamen „Exocet Alley“.[7] Diese Angriffe dauerten bis 1984 an, waren in ihrer Anzahl jedoch relativ gering.[1]
Der Irak verfügte über keine vergleichbaren, leicht angreifbaren Anlagen, deshalb griff der Iran im April und Mai 1984 erstmals kuwaitische und saudische Tanker an, deren Eigentümer mit dem Irak verbündet waren.[1] Diese wurden mit Seeminen, Lenkwaffen und Schiffsbeschuss durch iranische Fregatten belegt.
Im Februar 1985 wurde der liberische Tanker Neptunia (IMO 6616617) schwer von irakischen Exocet Raketen getroffen – zum ersten Mal sank in dem Konflikt das Frachtschiff eines neutralen Staates.[8]
Am 1. November 1986 bat Kuwait offiziell um Hilfe, da Tanker unter kuwaitischer Flagge, ähnlich wie unter der von Saudi-Arabien, am häufigsten vom Iran angegriffen wurden. Die Sowjetunion reagierte Anfang 1987, indem sie ankündigte, eigene sowjetische Tanker für den Öltransport zu chartern. Daraufhin begann US-Präsident Ronald Reagan aktiv zu werden und bot am 7. März an, elf kuwaitische Tanker unter auf die USA umflaggen zu lassen (siehe auch Handelsflagge). Dadurch wurde es der United States Navy ermöglicht, die Tanker zu eskortieren. Jeder Angriff auf die Tanker würde als Angriff auf die Vereinigten Staaten gewertet werden. Kuwait nahm dieses Angebot an. Reagans Entscheidung einzugreifen wird von Beobachtern vor dem Hintergrund des Ost-West-Konfliktes gesehen, um die Golfstaaten loyal zu den USA zu halten.[9]

Am 18. Mai 1987 beschoss ein irakisches Kampfflugzeug die US-Fregatte USS Stark mit einer Exocet Rakete. Bagdad und Washington erklärten, es habe sich um ein Versehen gehandelt.[3] Die USA beschuldigten den am Vorfall nicht beteiligten Iran der Eskalation des Konflikts und entsandten weitere Kriegsschiffe in die Region.[3] Am 24. Juli 1987 starteten die US-Streitkräfte die Operation Earnest Will (deutsch etwa „Operation Aufrichtiger Wille“) zum Schutz von kuwaitischen Öltankern vor iranischen Angriffen im Persischen Golf. Sie dauerte bis zum 26. September 1988. Die Operation wurde vom United States Central Command (CENTCOM) unter General George B. Crist geplant und durchgeführt. Neben Marine-Einheiten, die dem direkten Schutz der Tanker dienten, flankierten Hubschrauber und Aufklärungsflugzeuge anderer Teilstreitkräfte die Operation, die das des iranischen Vorgehen aufklären sollten.
Im September 1987 beschlossen Großbritannien und Frankreich sowie Belgien, die Niederlande und Italien die Entsendung von Minenräumbooten in die Seeregion. Auch die USA verstärkten ihre Räumflotte.[3]
Die Kämpfe am Persischen Golf gingen jedoch weiter. Im Oktober 1987 versenkten US-Kampfhubschrauber ein iranisches Sturmboot und brachten zwei weitere auf. Schiffe der US Navy zerstörten zwei iranische Bohrinseln als Vergeltung für einen iranischen Angriff auf umgeflaggte Tanker Kuwaits.

Der Spiegel berichtete im Januar 1988 dass Tanker von Griechischen Reedereien zwar ein Drittel der Schiffe im Persischen Golf ausmachten, diese aber wenig angegriffen würden. Der Spiegel führte das darauf zurück, dass die Reeder einen Teil ihrer Schiffe an die National Iranian Oil Company verchartert hatten, die damit weiterhin Öl transporierte.[10]
Der Iran hatte vermutlich ab 1987 damit begonnen Seeminen in den Schifffahrtswegen, speziell in der Straße von Hormus zu verlegen um feindliche Tanker zu beschädigen. Der US-Zerstörers USS Samuel B. Roberts lief am 14. April 1988 in internationalen Gewässern nordöstlich von Katar auf eine Seemine vom Typ M-08. Die Mine sprengte ein ca. fünf Meter großes Loch in den Rumpf, dadurch wurde der Maschinenraum geflutet und das Schiff konnte nur mit großen Anstrengungen vor dem sinken bewahrt und nach Dubai geschleppt werden. Knapp 70 Marineseeleute wurden verletzt.
Als Vergeltung starteten die USA am 18. April 1988 die Operation Praying Mantis gegen den Iran, der als größter seegestützten Militärschlag der US Navy seit dem Koreakrieg gilt.
Am 14. Mai 1988 wurde der zu der Zeit größte Öltanker der Welt, die Seawise Giant, von der irakischen Luftwaffe in der Straße von Hormus schwer beschädigt. Der Tanker wurde in die Bucht von Brunei geschleppt, sank jedoch nicht.
Am 2. Juli 1988 schoss der US-Lenkwaffenkreuzer USS Vincennes (CG‑49) direkt über der Strasse von Hormuz zwei SM-2 Flugabwehrraketen auf den Iran-Air-Flug 655 ab. Der zivile Airbus wurde getroffen, alle 290 Menschen an Bord starben, darunter 66 Kinder. Die Besatzung der USS Vincennes hielt das Flugzeug fälschlicherweise für eine angreifendes iranische F-14 Tomcat. Die USA sprachen von einem "tragischen Irrtum", zahlten später eine Entschädigung, doch entschuldigten sich nicht für den Abschuss.[11][12]
Auswirkungen
Verlust von Menschenleben
Westliche Beobachter gehen davon aus, dass über 400 zivile Seeleute im Laufe der Auseinandersetzungen ums Leben kamen.[5] Beim Abschuss des Iran-Air-Flug 655 durch den US Lenkwaffenkreutzer starben 290 unbeteiligte Zivilisten.
Verlust von Schiffen
Objektive Zahlen von beschädigten, zerstörten und gesunkenen Schiffen liegen nicht vor. Nach Angaben des US „Center for Defense Information“ waren seit Beginn des Krieges bis Dezember 1987, 437 Schiffe angegriffen worden, 275 Schiffe vom Irak und 162 von Iran.
Gegen Ende des Konflikts wurde errechnet, dass acht Millionen Tonnen Schiffsraum zerstört worden waren. Dies entspricht einem Drittel der gesamten im Zweiten Weltkrieg versenkten Handelsschiffstonnage.[1] Spätere Schätzungen gehen davon aus, dass „die Kriegsparteien tonnenmäßig einem Viertel der Anzahl der im Atlantik versenkten Frachtschiffe des Zweiten Weltkriegs entsprachen“.[13]
Öl-Export
Der Iran hatte einen Spitzenexport von 3,2 Millionen Barrel Öl im Jahr 1982. Die durchschnittlichen Förderung wurde mit 1,2 Millionen Barrel aus dem Jahre 1980 angenommen.
Durch die irakischen Angriffe sanken im ersten Jahr des Tankerkrieges Anfang 1984 die iranischen Exporte auf 700.000 Barrel pro Tag. Mitte des Jahres stiegen sie jedoch wieder auf 1,6 Millionen Barrel an. 1985 hatte der Tankerkrieg wieder einen Abfall auf 750.000 Barrel zur Folge.
Der Irak dagegen hatte bereits als Folge der Luftangriffe Ende 1980 eingeschränkte Förderkapazitäten: von ursprünglich 5,2 Millionen Barrel Gesamtförderung pro Tag war ein Abfall auf 1,9 Millionen Barrel zu verzeichnen. Nachdem das mit Iran verbündete Syrien am 10. April 1982 den Durchfluss irakischen Öls durch sein Territorium untersagte, reduzierte sich dessen Exportmenge auf 600.000 Barrel täglich. Der auch aufgrund des Golfkrieges eilig gegründete Golf-Kooperationsrat unterstützte den Irak beim Ausfall seiner Erdöleinnahmen mit 50 Milliarden USD an Krediten und Schenkungen.