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Tannhäuser-Sage

deutsche Sage bzw. Legende From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Tannhäuser-Sage ist eine deutsche Sage bzw. Legende mit mittelalterlichen Wurzeln und zugleich Stoff für zahlreiche Werke der Literatur, Musik und der Bildenden Kunst. Namengebende Hauptfigur der Sage bzw. Büßerlegende ist der Minnesänger Tannhäuser mit verschiedenen Schreibungen des Namens in der Überlieferung. Weitere Elemente der Sage sind der Venusberg, in dem Tannhäuser bei Frau Venus lebt, dann der Getreue Eckart als Wächter und Warner vor dem Eingang zum Venusberg, Papst Urban in Rom, bei dem Tannhäuser vergebens Vergebung sucht und schließlich das sogenannte Stabwunder, bei dem ein dürrer Stecken grünt zum Zeichen, dass Gott dem Tannhäuser vergeben hätte.

Tannhäuser und Venus (Otto Knille, 1873)
Tannhäuser und Venus (Gabriel von Max, 1878)
Tannhäuser und Frau Venus (John Collier, 1901)

Ursprünge

Der früheste Nachweis einer möglichen Verbindung zwischen dem Minnesänger und dem Bewohner des Venusbergs ist das in der Jenaer Liederhandschrift enthaltene unter dem Titel Der Tanuser überlieferte sogenannte „Bußlied“.[1] Dabei ist unklar, ob der Titel hier auf den tatsächlichen Autor oder nur den Tonautor verweist[2] oder ob es sich mit Tannhäuser als angeblichem Autor schon um ein Beispiel der sich entwickelnden Sage handelt.[3.1][4.1]

Die Wurzeln der Sage reichen aber weiter zurück. Das Motiv des Venusbergs in die Welt der bretonischen Feensage und der keltischen Sagen, bei denen der Held von einer Fee in einen Zauberberg gelockt wird, die Figur des Getreuen Eckart in die Welt der deutschen Heldensagen um Dietrich von Bern und die Nibelungen. Frau Venus rückt in der deutschen Volksage in die Nähe der Frau Holle und der Venusberg wurde mit dem Hörselberg in Thüringen identifiziert.

In mittelalterlichen italienischen Entsprechungen der Sage wird das unterirdische Zauberreich allerdings in den Sibillinischen Berge verortet und die Herrscherin ist dementsprechend nicht Frau Venus, sondern die Cumäische Sibylle, die von ihrem ursprünglichen Wohnsitz bei Cumae nun umgezogen sei in die Berge des Apennin, jedenfalls laut Il Guerrin Meschino, einer Erzählung von Andrea da Barberino von 1410, bei der ein frommer Ritter im Berg der Sibylle nicht Wollust, sondern Informationen über seine Abstammung sucht und den Versuchungen widersteht, weshalb der Papst auch keine Anstände macht, ihm die Absolution zu erteilen. Problematischer wird es in der von Antoine de La Sale verfassten Schrift Le Paradis de la reine Sibylle. In der Sage, die der provenzalische Autor um 1420 von den Einwohnern von Montemonaco gehört haben will, zögert der Papst mit der Vergebung der Sünden, da der Ritter und sein Knappe sich aus Neugier und Lüsternheit in den Berg begeben haben und erst nachdenklich wurden, als sie beobachteten, dass die gastgebenden Damen sich jede Samstagnacht in Schlangen und Skorpione verwandeln. Als der Ritter meint, dass der Papst ihm nicht vergeben will, kehrt er trotz dieses Umstands in den Berg der Sibylle zurück.[5][6.1]

In den weiteren Umkreis des Tannhäuser-Stoffes gehört Hermann von Sachsenheims Verserzählung Die Mörin., belegt um 1453. Darin wird ein betagter Ritter in das Inselreich der Königin Minne-Venus entführt. Dort wird er vor Gericht gestellt. Anklägerin ist die Königin, vertreten durch die titelgebende „Mörin“ (also dunkelhäutige) Brunhilt, vorsitzender Richter ist Tannhäuser, der Gemahl der Königin, und Verteidiger des Ritters ist Eckart. Der Prozess der Mörin als Stellvertreterin der Frauen gegen den der Untreue angeklagten Ritter als Stellvertreter der Männer zieht sich über mehrere Tage hin. Am Ende wird der Ritter freigelassen, nachdem er sich durch Eid verpflichtet hat, sich auf Vorladung hin in den aufgrund ihrer Fastnachtssitten der Venus hörigen Städten Köln, Straßburg, Basel oder Konstanz zu stellen.[7]

Die Buße des Heiligen Chrysostomus (Albrecht Dürer, um 1497)

Für den Aspekt der Büßerlegende in der Tannhäuser-Erzählung als Vorbild gilt die Waldbüßer-Episode im Passional Der Heiligen Leben, einer spätmittelalterlichen Legendensammlung. Darin geht es um einen mit dem Kirchenvater Johannes Chrysostomos identifizierten Priester, der zum Einsiedler wird und sich dann schwer versündigt, indem er eine Jungfrau schändet und vermeintlich ermordet, dann den Papst um Vergebung ersucht, der sie ihm verweigert. Der Einsiedler wird zum Waldbüßer. Er zieht in den Wald, um auf allen Vieren wie ein Tier zu leben, bis ihm Gott anzeigen wird, dass ihm vergeben ist. Dann geschieht das Wunder, dass das von der Jungfrau als Folge der Schändung geborene Kind spricht und vom Papst verlangt, dass nicht er, sondern der Waldbüßer es taufen soll.[8.1] Die Legende war im Spätmittelalter und in der Reformationszeit wohlbekannt. Albrecht Dürer schuf einen die Legende illustrierenden Kupferstich, im Vordergrund die geschändete Jungfrau, welche dem neugeborene Knaben die Brust gibt, links im Hintergrund auf allen Vieren der Heilige Chrysostomos. Die populäre, aber recht unglaubwürdige Erzählung wurde von Martin Luther 1537 mit sarkastischen Anmerkungen versehen unter dem Titel Die Lügend von S. Johanne Chrysostomo veröffentlicht.

Tannhäuser-Ballade

Tannhäuserlied aus dem Essener Liederheft (um 1450)

Ihre erste prägende Formung fand die Sage in der sogenannten Tannhäuser-Ballade, die ab der Mitte des 15. Jahrhunderts sowohl in hoch- als auch niederdeutschen und niederländischen Fassungen in zahlreichen Handschriften und Drucken überliefert ist. Philip Stephan Barto druckt im Anhang seiner Tannhäuser-Monographie 32 dieser verschiedene Versionen ab, darunter auch einige nur thematisch verwandte.[9.1]

Der typische Aufbau dieser Ballade ist folgender: Es beginnt mit den Eingangstrophen, in denen Tannhäuser in den Venusberg zieht, gefolgt von dem als Dialog wiedergegebenen Streit zwischen Venus und Tannhäuser, der in die Welt zurückkehren will. Tannhäuser verlässt schließlich den Berg und zieht nach Rom, um vom Papst Vergebung zu erbitten. Der weist ihn aber ab, weist auf einen dürren Stecken und sagt, so wenig dieser je grünen wird, so wenig wird Tannhäuser jemals Vergebung finden. Niedergeschmettert zieht Tannhäuser zurück in den Venusberg. Nach 3 Tagen beginnt der Stab zu grünen, der Papst lässt Tannhäuser suchen, aber es ist zu spät.

Burghart Wachinger ordnet im Verfasserlexikon die diversen Fassungen nach Sprache und Strophenzahl chronologisch in 4 Gruppen[3.2]:

  • Fassung A: Ältere niederdeutsche Fassung mit 23 Strophen. Beispiel: Essener Liederheft, vermutlich um 1450 vom Essener Stadtschreiber Johann von Horle verfasst.[10]
  • Fassung B: Hochdeutsche Fassung mit 26 Strophen. Beispiel: Flugblatt von 1515, Jobst Gutknecht, Nürnberg[9.2]
  • Fassung C: Jüngere niederdeutsche Fassung mit 29 Strophen. Beispiel: Fliegendes Blatt, ca. 1550[9.3]
  • Fassung D: Niederländische Fassung mit 21 Strophen, in denen der Held Herr Daniel heißt. Beispiel: Jan Roulans: Liedekens-Boeck. Antwerpen 1544.[9.4]

Neben diesen Gruppen mit gleicher Strophenform, also kreuzreimendem Vierzeilern, gibt es weitere Beispiele von Überlieferungen mit abweichenden Strophenformen bzw. mehr oder minder stark abweichendem Inhalt.

Für die weitere Rezeption werden dann zwei Abdrucke wichtig, nämlich Heinrich Kornmanns Mons Veneris, Fraw Veneris Berg von 1644[11] und davon abhängig die Blockes-Berges Verrichtung des Johannes Praetorius von 1668.[12]

Von Praetorius wurde die Ballade 1806 in die Sammlung Des Knaben Wunderhorn von Achim von Arnim und Clemens Brentano übernommen[13] und 1816 erschien der Inhalt der Tannhäuser-Ballade in Prosafassung in den Deutschen Sagen der Brüder Grimm.[14] Ludwig Bechstein gibt 1853 eine um mehrere Elemente bereicherte und ausgeschmückte Sage, insbesondere werden die Sünden des Papstes Urban aufgezählt, was der sich sonst so alles zu Schulden habe kommen lassen.[15]

1837 hatte Heinrich Heine im zweiten Teil seiner Elementargeister die Frage behandelt, ob und wenn ja inwiefern Frau Venus eine Teufelin sei und dabei nicht nur den Text der Ballade wiedergegeben, sondern eine eigene, erweiterte und mit einem satirischen Schluss versehene Fassung geliefert.

Adaptionen

Die lange Folge der Adaptionen des Stoffes hatte da jedoch schon längst begonnen. Ludwig Tieck hatte schon 1799 mit Der getreue Eckart und der Tannhäuser eine Prosafassung der Sage veröffentlicht, bei welcher anders als in der Volksballade, wo der Getreue Eckart nur ganz undeutlich im Hintergrund erscheint[16], die Gestalt titelgebend im Vordergrund steht. Tannhäuser wird bei Tieck laut John Wesley Thomas zum Archetypen des romantischen Helden: Der Gesellschaft entfremdet, von nicht nennbarer Sehnsucht getrieben, im Leid eher als in der Freude daheim und schwankend am Rande des Wahnsinns.[17.1]

Joseph Tichatschek und Wilhelmine Schröder-Devrient in der Uraufführung von Wagners Tannhäuser 1845

Nachdem der Stoff durch die Ballade in Des Knaben Wunderhorn populär geworden war, folgten weitere Adaptionen, zunächst allerdings wurden einzelne Elemente des Stoffes aufgenommen, insbesondere der Venusberg, und die Verbindung mit der Geschichte vom Sängerkrieg auf der Wartburg und die Verknüpfung der Gestalt des Tannhäusers mit der des Heinrich von Ofterdingen wird vorbereitet, so etwa bei E. T. A. Hoffmann in der Erzählung Der Kampf der Sänger (1818), die dann zur Vorlage von Richard Wagners Opernadaption Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg (1845) wird. Die Oper war überaus erfolgreich, was sich allein daran ablesen lässt, dass in den folgenden Jahren eine ganze Reihe von Parodien und Travestien der Wagner-Oper erschienen, zunächst 1852 Hermann Wollheims Tannhäuser und die Prügelei auf Wartburg (auch Tannhäuser und die Keilerei auf der Wartburg), aufgenommen 1857 von Johann Nestroy als Tannhäuser. Zukunftsposse mit vergangener Musik und gegenwärtigen Gruppierungen in drei Aufzügen und schließlich mit einem Libretto von David Kalisch und Musik von August Conradi 1858 Tannhäuser oder Der Sängerkrieg auf der Wartburg.

Fast zeitgleich mit der Wagner-Oper wurde 1846 die Oper Tannhäuser von Carl Amand Mangold mit Libretto von Eduard Duller uraufgeführt, in welcher der Stoff des Rattenfängers von Hameln mit der Tannhäuser-Geschichte verknüpft und die Idee von der Erlösung des Helden durch die reine Liebe einer Frau in den Mittelpunkt gestellt wird.[4.2]

Nach der Tannhäuser-Ballade von Heine folgten eine Reihe weiterer lyrischer Adaptionen des Tannhäuser-Stoffes, namentlich Tannhäuser von Emanuel Geibel (1838)[18], Der Tannhäuser von Friedrich von Sallet (1843), Tannhäuser von Felix Dahn (1878)[19] und das Versepos Tannhäuser. Ein Minnesang von Julius Wolff (1880).

Im Hintergrund von Brentanos Romanzen vom Rosenkranz erscheint die Gestalt des Tannhäusers ebenfalls.[20] Brentano plante außerdem für Carl Maria von Weber ein Opernlibretto Der Venusberg.[17.2]

Außerhalb des deutschen Sprachraums wurde der Tannhäuser-Stoff nur relativ selten aufgenommen. Zu nennen sind hier das Gedicht Laus Veneris („Lob der Venus“) von Algernon Charles Swinburne (1866 in der Sammlung Poems and Ballads), eine Ballade mit 245 Versen in der Tradition der englischen Dekadenz, dann Tannhäuser. A Story For All Time eine dramatische Bearbeitung von Aleister Crowley (1902), Une Ascension au Venusberg, eine Erzählung von Pierre Louÿs (1903), in welcher der Venusberg bzw. der Hörselberg bei Eisenach auch Zeselberg genannt wird, und schließlich die Erzählung Under the Hill Or, the Story of Venus and Tannhauser von Aubrey Beardsley (1907), von diesem auch illustriert.

Eine weitere dramatische Adaption ist Der Tannhäuser, ein Trauerspiel von Johannes von Guenther (1914), eine der wenigen Bearbeitungen, die nach Wagners Oper auf die Verbindung von Tannhäuser mit dem Sängerkrieg auf der Wartburg zu verzichten, eine Verbindung, die auch umgekehrt funktionierte, so weist zum Beispiel Friedrich Lienhards Drama-Bearbeitung von Novalis’ Heinrich von Ofterdingen (1903) Anklänge an die Tannhäuser-Sage auf.[4.2]

Nach der Uraufführung der Wagner-Oper 1845 zeigte sich auch in den Werken der Bildenden Kunst eine ausgeprägte Abhängigkeit von Wagners Behandlung des Stoffes. Viele der in der gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstehenden Werke wirken wie Szenenbilder aus der Oper, wobei man sich bei der Darstellung der Venus gelegentlich schon in Richtung schwüler Salonmalerei bewegt, etwa in den Werken von Otto Knille (1873) und Gabriel von Max (1878). Zu nennen sind als malerische Adaptionen noch der neoklassisch stilisierte Tannhäuser von Anselm Feuerbach (1855)[21] und der präraffaelitische Tannhäuser im Venusberg von John Collier (1901).

Bei Friedrich Wilhelm Hackländers Der Tannhäuser – Eine Künstlergeschichte[22] und der Groteske Der gekreuzigte Tannhäuser von Hanns Heinz Ewers:[23] handelt es sich nicht um Adaptionen, sondern nur um Bezüge und Anspielungen, im Hackländeer-Roman etwa ist Tannhäuser der Name des Protagonisten.

Literatur

  • Philip Stephan Barto: Tannhäuser and the Mountain of Venus. A Study in the Legend of the Germanic Paradise. Oxford University Press, New York u. a. 1916 (Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3D%7B%7B%7B1%7D%7D%7D~GB%3D~IA%3Dtannhuserandmou01bartgoog~MDZ%3D%0A~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D).
  • John M. Clifton-Everest: The Tragedy of Knighthood. Origins of the Tannhäuser Legend. Society for the Study of Mediaeval Languages and Literature, Oxford 1979, ISBN 0-9505955-3-5.
  • Elisabeth Frenzel: Stoffe der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtunsgeschichtlicher Längsschnitte. Kröner, 1992, ISBN 3-520-30008-7, S. 182–184, s. v. Eckart, Getreuer; S. 767–769, s. v. Tannhäuser.
  • Wolfgang Golther: Tannhäuser in Sage und Dichtung. In: (ders.): Zur deutschen Sage und Dichtung. Callwey, München 1911, S. 16–67.
  • Hilda Horowitz: Tannhäuserdichtungen seit Richard Wagner. Dissertation Wien 1932.
  • Dora Koegel: Die Auswertung der Tannhäuser-Sage in der deutschen Literatur des 19. und 20Jahrhunderts. Dissertation München 1922.
  • Otto Loehmann: Die Entstehung der Tannhäusersage. In: Fabula Bd. 3, Heft 2 (1959), S. 224–253.
  • Dietz-Rüdiger Moser: Die Tannhäuser-Legende. Eine Studie über Intentionalität und Rezeption katechetischer Volkserzählungen zum Buss-Sakrament. De Gruyter, Berlin und New York 1977, ISBN 3-11-005957-6.
  • Arthur F. J. Remy: The Origin of the Tannhäuser-Legend: The Present State of the Question. In: The Journal of English and Germanic Philology Bd. 12, Nr. 1 (Januar 1913), JSTOR:27700209.
  • John Wesley Thomas: Tannhäuser: Poet and Legend. With Texts and Translations of His Works. University of North Carolina Press, 1974, ISBN 1-4696-5847-X.
  • Burghart Wachinger: Der Tannhäuser und Tannhäuser-Ballade. In: Burghart Wachinger u. a. (Hrsg.): Verfasserlexikon. Band 9. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin 1995, ISBN 978-3-11-022248-7, Sp. 600–616.
  • Burghart Wachinger: Von Tannhäuser zur Tannhäuser-Ballade. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 125. Bd., H. 2 (1996), S. 125–141.
  • Der Tannhäuser. In: Deutsche Volkslieder mit ihren Melodien. Balladen Hrsg. vom Deutschen Volksliedarchiv. Band 1. Berlin 1935, Nr. 15.
Commons: Tannhäuser – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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