Theoderich von Echternach
Bibliothekar und Scholaster der Benediktinerabtei Echternach
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Theoderich von Echternach († um 1192; lateinisch Theodericus monachus Epternacensis) war Benediktiner in der Reichsabtei Echternach und Historiograph des 12. Jahrhunderts. Er gilt als Verfasser des Chronicon Epternacense und des Libellus de libertate Epternacensi propugnata sowie als einer der Autoren und Endredaktor der lateinischen Vita sanctae Hildegardis über Hildegard von Bingen.
Leben
Über Herkunft und Ausbildung Theoderichs ist nichts Sicheres bekannt. In den biographischen Nachschlagewerken erscheint er als Mönch, Bibliothekar und Scholaster der Benediktinerabtei Echternach; sein Wirken fällt in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts, als ungefähres Todesjahr wird um 1192 angegeben.[1]
Als Schreiber ist Theoderich vor allem durch den Liber aureus Epternacensis greifbar, das in Gotha erhaltene Echternacher Urkunden- und Klosterbuch. Die ersten Lagen der Handschrift werden paläographisch einem Mönch Theoderich zugeschrieben; in der Forschung wird dies mit dem in Urkunden genannten Theodericus scholasticus identifiziert, der im späten 12. Jahrhundert die Klosterschule und Bibliothek betreute.[2][3]
Historische Werke
Theoderich werden zwei im Umfeld der Abtei entstandene historiographische Schriften zugeschrieben. Das Chronicon Epternacense verbindet eine Echternacher Klostergeschichte mit einer Weltchronik und führt die Erzählung bis ins frühe 13. Jahrhundert; ediert ist der Text in den Monumenta Germaniae Historica (Reihe Scriptores, Band 23).[4][5]
Der 1192 datierte Libellus de libertate Epternacensi propugnata ist eine Denkschrift, in der Theoderich die althergebrachten Rechte und Freiheiten des Klosters gegenüber Ansprüchen des Erzbistums Trier verteidigt. Der Text ist ebenfalls in MGH Scriptores 23 überliefert und hängt in der Handschrift eng mit dem Liber aureus zusammen.[6][3]
Rolle im Hildegard-Dossier
Im hagiographischen Dossier zu Hildegard von Bingen bildet Theoderich die zweite große Bearbeitungsstufe nach dem libellus ihres Mitarbeiters Gottfried von Disibodenberg. Dieser verlorene Text schilderte vor allem Hildegards Leben bis zur Gründung des Klosters Rupertsberg und floss in das erste Buch der Vita sanctae Hildegardis ein. Theoderich übernahm diesen Vorläufer, straffte und glättete ihn und ergänzte ihn um Wundergeschichten und Zeugnisse aus Hildegards Umfeld, die er in Buch II und III zu einem auf ein Heiligsprechungsverfahren hin ausgerichteten Mirakelbuch formte.[7][8][9]
Die Vita sanctae Hildegardis ist ein mehrfach geschichteter Text, an dem Hildegard selbst, Gottfried, Theoderich und spätere Bearbeiter beteiligt waren. Neuere Untersuchungen haben die stilistischen und theologischen Profile dieser Schichten deutlich herausgearbeitet: Hildegards Selbstzeugnisse betonen die Prophetin, Gottfried die adlige Äbtissin und Klostergründerin; Theoderich verlängert diese Perspektive um ein ausgearbeitetes Wundergeschehen und rahmt Hildegard stärker in eine klassische Heiligenvita innerhalb der Hagiographie mit Brautmystik und Nachwirkung. Eine stilometrische Analyse hat dabei die Mehrfachautorschaft der Vita quantitativ untermauert und die Eigenart der Theoderich zugeschriebenen Abschnitte gegenüber den Teilen Gottfrieds und späteren Einschüben deutlich profiliert.[10][11][12][13]
Literatur
Primärquellen
- Chronicon Epternacense. In: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores 23. Hg. von Ludwig Weiland. Hannover 1874, S. 38–64.
- Libellus de libertate Epternacensi propugnata. In: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores 23. Hg. von Ludwig Weiland. Hannover 1874, S. 66–72.
- Monika Klaes (Hrsg.): Vita sanctae Hildegardis (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis, 126). Brepols, Turnhout 1993.
Sekundärliteratur
- Walter Berschin: Die „Vita sanctae Hildegardis“ des Theoderich von Echternach. Ihre Stellung in der biographischen Tradition. In: Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten. Zum 900. Geburtstag. Hrsg. von Edeltraud Forster. Eibingen/Freiburg 1997, S. 120–125.
- Michael Embach: Die Schriften Hildegards von Bingen. Studien zu ihrer Überlieferung und Rezeption im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit (Erudiri sapientia, 4). Berlin/New York 2003.
- Michele C. Ferrari: Sancti Willibrordi venerantes memoriam. Echternacher Schreiber und Schriftsteller von den Angelsachsen bis Johann Bertels. Ein Überblick (Publications du CLUDEM, 6). Luxembourg 1994.
- Jeroen De Gussem: Larger than Life? A Stylometric Analysis of the Multi-Authored „Vita“ of Hildegard of Bingen. In: Interfaces. A Journal of Medieval European Literatures 8 (2021), S. 125–159. (online).
- Emore Paoli: Il dossier agiografico latino di Ildegarda di Bingen. In: „Speculum futurorum temporum“. Ildegarda di Bingen tra agiografia e memoria (Nuovi studi storici, 115). Rom 2019, S. 77–91.
- Anna Silvas: Jutta and Hildegard. The Biographical Sources (Medieval Women: Texts and Contexts, 1). Brepols, Turnhout 1998.
Weblinks
- Literatur von und über Theoderich von Echternach im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Theodericus monachus Epternacensis im Repertorium „Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters“.
- Theoderich von Echternach im Projekt „Mittellateinische Autoren in Vers und Prosa“ (MMP).