Gottfried von Disibodenberg
Benediktinermönch; Verfasser einer Vita Hildegards von Bingen
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Gottfried von Disibodenberg († 1175; lateinisch Godefridus monachus Montis S. Disibodi, auch Gottfried, der Mönch) war Benediktiner im Kloster Disibodenberg, zeitweise Propst und Sekretär Hildegard von Bingens auf dem Rupertsberg und einer der Verfasser der lateinischen Vita sanctae Hildegardis.
Leben
Nach dem Tod ihres langjährigen Sekretärs Volmar von Disibodenberg im Jahr 1173 bat Hildegard Papst Alexander III. um Hilfe bei der Besetzung der Leitungsämter auf dem Rupertsberg. In einem päpstlichen Brief an ihren Neffen Wezelin, Propst von St. Andreas in Köln, wurde dieser aufgefordert, „einen Magister und Propst, möglichst vom Disibodenberg“, auf den Rupertsberg zu entsenden; Wezelin bestimmte daraufhin Gottfried, der als Propst und Sekretär in Hildegards Dienst trat.[1][2] Seine Amtszeit dauerte nur wenige Jahre (1173–1175/1176); kurz darauf ist Gottfried verstorben.[1][3]
In der Forschung gilt er als einer der engsten schriftkundigen Mitarbeiter Hildegards in deren letzter Lebensphase. Sein Wirken auf dem Rupertsberg und der von ihm verfasste libellus über ihr Leben bilden einen frühen Versuch, Vita und Werk der Äbtissin konzeptionell zu bündeln; auf diese Vorarbeit und weiteres Material aus Hildegards Umgebung konnten Theoderich von Echternach und spätere Hagiographen zurückgreifen, als sie die überlieferte Vita sanctae Hildegardis und den weiteren lateinischen Dossierkomplex formten.[4][5][6]
Werk
Gottfrieds einziges sicher bezeugtes Werk ist ein heute verlorener libellus über das Leben Hildegards bis zur Gründung des Klosters Rupertsberg (BHL 3927).[3][5] Der Text ist nicht unmittelbar überliefert; bekannt ist er nur dadurch, dass Theoderich von Echternach ihn bei der Abfassung seiner Vita sanctae Hildegardis virginis als wesentliche Grundlage für das erste Buch benutzte.[3][5][7] Die ursprüngliche Gestalt des libellus lässt sich aus der überlieferten Vita nicht mehr mit Sicherheit rekonstruieren.[3][7]
Die dreibändige Vita sanctae Hildegardis entstand in mehreren Stufen: Auf Gottfrieds Fassung, die vor allem das Leben der Äbtissin bis zur Klostergründung schilderte, bauten Ergänzungen und Umstellungen Theoderichs zwischen etwa 1182 und 1187 auf, der die Lebensbeschreibung im Hinblick auf ein Heiligsprechungsverfahren neu strukturierte und mit weiteren Wundergeschichten (Buch II–III) verband.[5][8][6] Neuere Untersuchungen haben die unterschiedlichen theologischen und spirituellen Akzente der einzelnen Schichten herausgearbeitet: Hildegards Selbstzeugnisse betonen die Prophetin, Gottfried die adlige Äbtissin und Klostergründerin, Theoderich dagegen stärker das Brautmystik-Motiv.[4][6]
Eine stilometrische Analyse der Vita hat die Mehrfachautorschaft quantitativ untermauert und die Eigenart der Abschnitte, die auf Gottfried zurückgehen, gegenüber den Teilen Theoderichs weiter profiliert.[9][10] In der mittellateinischen Autorenüberlieferung erscheint Gottfried damit als eigenständiger Hagiograph innerhalb des Hildegard-Dossiers.[10][3]
Literatur
Primärquellen
- Monika Klaes (Hrsg.): Vita sanctae Hildegardis. (Corpus Christianorum, Continuatio Mediaevalis, 126). Brepols, Turnhout 1993.
- Hildegardis Bingensis: Epistolarium I–III. Ed. Lieven Van Acker (CCCM 91, 91A, 91B). Brepols, Turnhout 1991–2001.
Sekundärliteratur
- Walter Berschin: Die „Vita sanctae Hildegardis“ des Theoderich von Echternach. Ihre Stellung in der biographischen Tradition. In: Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten. Zum 900. Geburtstag. Hrsg. von Edeltraud Forster. Freiburg 1997, S. 120–125.
- Jeroen De Gussem: Larger than Life? A Stylometric Analysis of the Multi-Authored „Vita“ of Hildegard of Bingen. In: Interfaces. A Journal of Medieval European Literatures 8 (2021), S. 125–159. (online).
- Barbara Newman: Seherin – Prophetin – Mystikerin. Hildegard-Bilder in der hagiographischen Tradition. In: Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten. Zum 900. Geburtstag. Hrsg. von Edeltraud Forster. Freiburg 1997, S. 126–152.
- Emore Paoli: Il dossier agiografico latino di Ildegarda di Bingen. In: „Speculum futurorum temporum“. Ildegarda di Bingen tra agiografia e memoria (Nuovi studi storici, 115). Rom 2019, S. 77–91.
- Anna Silvas: Jutta and Hildegard. The Biographical Sources. Brepols, Turnhout 1998 (Medieval Women: Texts and Contexts, 1).
Weblinks
- Literatur von und über Gottfried von Disibodenberg im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Godefridus monachus Montis S. Disibodi im Repertorium „Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters“.