Thermoanaerobacter

Gattung der Familie Thermoanaerobacteriaceae From Wikipedia, the free encyclopedia

Thermoanaerobacter ist eine Gattung von Bakterien im Phylum Bacillota (früher: Firmicutes).[2] Innerhalb dieses Phylums wird die Gattung üblicherweise der der Klasse Clostridia (Clostridien) zugewiesen[2][4] (abweichend in der GTDB einer eigenen Klasse Thermanaerobacteria)[5]. Einige Spezies (Arten) dieser Gattung wurden früher als Mitglieder der Gattung Clostridium oder der früheren Gattungen Acetogenium bzw. Thermobacteroides beschrieben.[6][7]

Schnelle Fakten Systematik, Wissenschaftlicher Name ...
Thermoanaerobacter

Thermoanaerobacter, Stamm PCO[1]

Systematik
Reich: Terrabakterien (Bacillati)
Stamm: Bacillota
Klasse: Clostridia
Ordnung: Thermoanaerobacterales
Familie: Thermoanaerobacteraceae
Gattung: Thermoanaerobacter
Wissenschaftlicher Name
Thermoanaerobacter
Wiegel & Ljungdahl 1982[2]
Schließen
Thermoanaerobacter, Stamm BSB-33; Pfeile zeigen vegetative und sporenbildende Zellen. Balken: 5 μm.[3]

Die Bakterien dieser Gattung sind thermophil und anaerob,[6][7] sie bilden als Reaktion auf einen Hungerzustand Endosporen (Sporulation). Thermoanaerobacter-Arten wurden beispielsweise in heißen Quellen des Yellowstone-Nationalparks gefunden, im Obsidian Pool und (T. acetoethylicus) in der Octopus Spring. Einige Thermoanaerobacter-Arten können lösliche Uranyl(VI)-Verbindungen reduzieren.

Ein Kennzeichen ist die membranumspannende Fettsäure 13,16-Diamethyloctacosandisäure (auch als Isodiabolinsäure bezeichnet, engl.: 13,16-dimethyl octacosanedioic acid, iso-diabolic acid).[8] Es handelt sich um verzweigte "Glycerol-Dialkyl-Glycerol-Tetraether". Dieses Lipid ist bei den Bakterien selten, es wird z. B. auch von dem mit Actinobacteria nicht verwandten Bakterium Thermoanaerobacter gebildet.[9]

Systematik

Eine frühere provisorische Bezeichnung der Gattung war Clostridium cluster V (heterotypisches Synonym).

Einige der Thermoanaerobacter-Arten wurden früher in eigene/andere Gattungen gestellt, die heute ebenfalls als heterotypische Synonyme gelten:

  • Acetogenium Leigh & Wolfe 1983[10]
  • Thermoanaerobium Zeikus, Hegge & Anderson 1983[4]
  • Thermobacteroides Ben-Bassat & Zeikus 1983

(Thermobacteroides Ben-Bassat & Zeikus 1983 emend. Ollivier et al. 1985 ist teilweise in Thermoanaerobacter aufgegangen).[4]

Arten

Die gegenwärtig akzeptierte Taxonomie basiert auf der List of Prokaryotic names with Standing in Nomenclature (LPSN)[2] und des National Center for Biotechnology Information (NCBI).[4] Die Gattung Thermoanaerobacter umfasst nach der LPSN und der NCBI-Taxonomie mehr als 15 Arten, von denen jedoch in der Genome Taxonomy Database (GTDB) etliche zusammengefasst werden (siehe § Phylogenie).[5]

Artenliste nach LPSN,[2] mit Ergänzungen nach der NCBI-Taxonomie[4] und der GTDB:[5]

  • T. acetoethylicus (Ben-Bassat & Zeikus 1983) Rainey & Stackebrandt 1993[E. 1]
    Die Art wurde früher als Thermobacteroides acetoethylicus bezeichnet und war die Typusart der Gattung Thermo­bactero­ides. Während sie später hier in die Gattung Thermo­anaero­bacter überführt wurde, hat man das andere Mitglied der ur­sprüng­lichen Gattung, Thermobacteroides proteolyticus, in Coprothermobacter proteolyticus umklassifiziert.[7] Weitere Informationen siehe Octopus Spring §Thermoanaerobacter.
  • T. brockii (Zeikus et al. 1983) Lee et al. 1993[E. 2]
    Die Art wurde früher als Thermoanaerobium brockii bezeichnet.[11][12] Unterarten gem. der Taxonomie des NCBI:
    • T. brockii subsp. brockii (Zeikus et al. 1983) Lee et al. 1993
    • T. brockii subsp. finnii (Schmid et al. 1986) Cayol et al. 1995 – in der LPSN eigene Spezies
    • T. brockii subsp. lactiethylicus Cayol et al. 1995
  • T. ethanolicus Wiegel & Ljungdahl 1982 (Typusart)[E. 3][13]
  • ?T. finnii Schmid et al. 1986[E. 4]
    Die Art ist in der NCBI-Taxonomie eine Subspezies (Unterart) von T. brockii
  • T. indiensisPal 2014
  • T. italicus Kozianowski et al. 1998[E. 5][14][15]
  • T. keratinophilusRiesen & Antranikian 2001
  • T. kivui (Leigh & Wolfe 1983) Collins et al. 1994[E. 6]
    Die Art wurde früher als Acetogenium kivui bezeichnet (monotypisch in früheren Gattung Acetogenium), bevor sie in diese Gattung hier überführt wurde.[6]
  • T. mathranii Larsen et al. 1998[E. 7][16][17]
    Unterarten gem. der Taxonomie des NCBI:
    • T. mathranii subsp. alimentarius Carlier, Bonne & Bedora-Faure 2007
    • T. mathranii subsp. mathranii Larsen, Nielsen & Ahring 1998
  • T. pentosaceus Tomás, Karakashev & Angelidaki 2013[18]
  • T. pseudethanolicus Onyenwoke et al. 2007[E. 8][19]
  • T. siderophilus Slobodkin et al. 1999[E. 9][20]
  • T. sulfurigignens Lee et al. 2007[E. 10][21]
  • T. sulfurophilus Bonch-Osmolovskaya 1998[E. 11][22]
  • T. thermocopriae (Jin, Yamasato & Toda 1988) Collins et al. 1994[E. 12]
    Die Art wurde früher als Clostridium thermocopriae zur Gattung Clostridium gestellt.[6]
  • T. thermohydrosulfuricus (Klaushofer & Parkkinen 1965) Lee et al. 1993[E. 13]
    Die Art wurde früher als Clostridium thermohydrosulfuricum ebenfalls der Gattung Clostridium zugeordnet.[12]
    • Stamm: E100-69 alias ATCC:35045, DSM:567, BCCM/LMG:6659, NCIMB:10956 (Referenzstamm, NCBI)
    • Stamm WC1 (NCBI)
    • ?Stamm BSB-33[A. 2][3]
    • ?Stamm PCO[A. 3][1]
  • T. uzonensis Wagner et al. 2008[E. 14][23]
  • T. wiegelii Cook et al. 1996[E. 15][24]
  • T. sp000445185 (GTDB) synonym T. sp. A7A (NCBI)[A. 4]
  • T. sp012840485 (GTDB) synonym Clostridia bacterium isolate AS04akNAM_103 (NCBI)[25]
  • T. sp014896455 (GTDB) synonym T. sp. isolate Bu09 (NCBI)[A. 5][26]
  • ?T. sp. BSB-33
    In der Taxonomie des NCBI ist dieser Stamm eine eigene Spezies bzw. ist Referenzstamm von „T. indiensis“, nach Bhattacharya et al. (2015) gehört er zu T. thermohydrosulfuricum[3]
  • ?T. sp. PCO
    In der Taxonomie des NCBI ist dieser Stamm eine eigene Spezies, nach Alves et al. (2016) gehört er zu T. thermohydrosulfuricum[1]

Drei frühere Mitglieder dieser Gattung (T. subterraneus, T. tengcongensis und T. yonseiensis) wurden 2004 re-klassifiziert als Unterarten von Caldanaerobacter subterraneus.[27]

Etymologie

Der Name Thermoanaerobacter leitet sich ab:

– vom griechischen Adjektiv θερμός thermos, deutsch heiß
– von der griechischen Vorsilbe ἄν an, deutsch nicht
– vom griechischen Substantiv ἀήρ, ἀέρος aer, aeros, deutsch Luft
– und vom neulateinischen männlichen Substantiv bacter Stäbchen (was auf ein stäbchenförmiges Bakterium hinweist). Thermoanaerobacter bezeichnet daher ein Stäbchen(bakterium), das in Abwesenheit von Luft bei erhöhten Temperaturen vorkommt.[2]

Etymologie der Artnamenszusätze (Epitheta):

  1. acetoethylicus: lateinisches Substantiv acetum Essig, neulat. Adjektiv ethylicus zu Ethylalkohol gehörend; daraus: neulat. Adjektiv acetoethylicus etwas, das Essig(säure) und Ethylalkohol (Ethanol) produzieren kann
  2. brockii: Genitiv von neulat. brockius, benannt nach Thomas Dale Brock, der Pionierarbeit bei der Erforschung der Physiologie und Ökologie von Thermophilen geleistet hat.
  3. ethanolicus: gebildet aus dem neulateinischn Substantiv ethanol Ethanol, ‚Ethylalkohol‘ mit dem lateinischen Suffix -icus im Sinne von ‚zugehörig‘; das neulat. Adjektiv ethanolicus weist auf die Herstellung von Ethanol hin.
  4. finnii: ein neulateinisches Genitivsubstantiv finnii von Finn. Die Bezeichnung ehrt Robert K. Finn, der wichtige Beiträge zur Entwicklung des Ethanol-Vakuum-Fermentierungsverfahrens geleistet hat
  5. italicus: lateinisch italicus etwas, das sich auf Italien bezieht. Die weist darauf hin, dass der Organismus in Italien isoliert wurde.
  6. kivui: ein neulateinisches Genitivsubstantiv kivui zum Kivu gehörend. Dies weist darauf hin, dass der Organismus im Kivu-See gefunden wurde.
  7. mathranii: ein neulateinisches Genitivsubstantiv mathranii von Mathrani. Die Bezeichnung ehrt die verstorbene Wissenschaftlerin Indra M. Mathrani, die in ihrer kurzen Karriere viel zum Verständnis der thermophilen Anaerobier aus heißen Quellen beigetragen hat
  8. pseudethanolicus: abgeleitet von altgriechisch ψευδής pseudēs, deutsch falsch, dem neulateinischen Adjektiv ethanolicus, T. pseudethanolicus bedeutet also einen vermeintlichen (falschen) T. ethanolicus
  9. siderophilus: abgeleitet von altgriechisch σίδηρος sideros, deutsch Eisen und dem neulateinischen Adjektiv philus, ursprünglich vom griechischen Adjektiv φίλος philos, deutsch Freund, ‚liebend‘; das neulat. Adjektiv siderophilus bedeutet daher ‚eisenliebend‘.
  10. sulfurigignens: abgeleitet vom lateinischen Substantiv sulfur Schwefel und dem lat. Partizip-Adjektiv gignens produzierend; das neulat. Partizip-Adjektiv sulfurigignens bedeutet also ‚schwefelproduzierend‘
  11. sulfurophilus: abgeleitet vom lateinischen Substantiv sulfur Schwefel und dem neulat. Adjektiv philus von griechischen Adjektiv φίλος philos, deutsch Freund, ‚liebend‘; das neulat. Adjektiv sulfurophilus meint also ‚den (elementaren) Schwefel liebend‘
  12. thermocopriae: abgeleitet von altgriechisch θέρμη thermē, deutsch Hitze und dem griech. Substantiv κοπριά kopria, deutsch Misthaufen; das neulat. Substantiv (im Genitiv) thermocopriae bedeutet etwa ‚vom heißen Komposthaufen‘
  13. thermohydrosulfuricus: abgeleitet vom altgriechischen Adjektiv θερμός thermos, deutsch heiß und dem neulat. Adjektiv hydrosulfuricus zu Schwefelwasserstoff gehörend; das neulat. Adjektiv thermohydrosulfuricus weist darauf hin, dass dieser Organismus bei hohen Temperaturen wächst und Sulfit zu H2S reduziert
  14. uzonensis: das neulateinische Adjektiv uzonensis bedeutet ‚von der‘ oder ‚bezogen auf die Uzon Caldera (Kamtschatka)‘
  15. wiegelii: dies ist der neulateinische Genitiv von wigelius und ehrt Jürgen Wiegel in Anerkennung seiner Beiträge zur Erforschung der thermophilen Anaerobier

Phylogenie

In der GTDB werden mehrere der herkömmlichen Spezies zusammengefasst:

Basierend auf der 16S-rRNA gem. LTP_01_2022[28] 120 Markerproteine gem. GTDB 07-RS207[29]
  
  

T. thermocopriae


  

T. mathranii subsp. alimentarius


   

T. mathranii subsp. mathranii


  

T. italicus


   

T. pentosaceus






  
  

T. sulfurigignens


   

T. uzonensis



  
  

T. kivui


  

T. brockii subsp. lactiethylicus


  

T. pseudethanolicus


 T. brockii 

T. b. subsp. brockii


   

T. b. subsp. finnii






  
  

T. siderophilus


  

T. wiegelii


   

T. sulfurophilus




  

T. acetoethylicus


  

T. ethanolicus


   

T. thermohydrosulfuricus








Vorlage:Klade/Wartung/Style
  

T. kivui


   

T. thermocopriae (inkl. T. italicus & T. mathranii)


  

T. uzonensis


  

T. pseudethanolicus (inkl. T. brockii)


  

T. wiegelii


   

T. ethanolicus (inkl. T. siderophilus & T. thermohydrosulfuricus)







Vorlage:Klade/Wartung/Style

Anmerkungen

  1. nach NCBI ist BSB-33 evtl. eine eigene Spezies, nach Bhattacharya et al. (2015) gehört er zu T. thermohydrosulfuricum
  2. nach NCBI ist BSB-33 eine eigene Spezies bzw. Referenzstamm von „T. indiensis
  3. nach NCBI ist PCO eine eigene Spezies
  4. Fundort: Hochtemperatur-Erdölreservoir (102 °C) im Gippsland Basin, zwischen dem australischen Kontinent und Tasmanien
  5. Fundort: Burjatien, Russland

Weiterführende Literatur

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI