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Thurgauer Soldatendenkmal

Kriegerdenkmal in Frauenfeld, Schweiz From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Thurgauer Soldatendenkmal (Arbeitstitel «Pro Patria») steht auf dem Zeughausplatz in Frauenfeld und erinnert an die Soldaten der Schweizer Armee aus dem Kanton Thurgau, die während des Ersten Weltkriegs im Aktivdienst gestorben sind. Das 1921 eingeweihte Werk stammt von Otto Schilt.

Das Thurgauer Soldatendenkmal (2012)

Geschichte

Projektierung

Auch wenn die Schweiz nicht in direkte Kriegshandlungen involviert war, starben zwischen 1914 und 1919 2105 Schweizer Soldaten im Aktivdienst,[1] 129 davon stammten aus dem Kanton Thurgau. Die meisten erlagen der Spanischen Grippe.[2]

Am 24. November 1919 konstituierte sich ein Komitee, um den gestorbenen Soldaten in Frauenfeld ein Denkmal zu setzen.[3] Am 17. Dezember wandte es sich mit einem Spendenaufruf an die Thurgauer Bevölkerung.[2]

«Aus diesem Dankgefühl heraus ist auch der Wunsch laut geworden, den gefallenen thurgauischen Wehrmännern in der Kantonshauptstadt, wo sie den Fahneneid geschworen, einen Denkstein zu errichten. In schlichten Formen gedacht, wie das dem einfachen, verlässlichen Sinn des Thurgauervolkes entspricht, soll er den Manen der Kriegsopfer geweiht und dazu ein Wahrzeichen sein unserer treueidgenössischen Gesinnung.»

– Denkmalkomitee

Gezeichnet war der Aufruf unter anderem von Regierungsrat Emil Hofmann (DP) aus Frauenfeld und Oberstdivisionär Otto Bridler aus Winterthur.[2] Die Sammlung brachte bis Mai 1920 35'000 Franken ein.[4]

Auf eine öffentliche Ausschreibung hin gingen 23 Entwürfe ein. Am 2. September 1920 gab das Komitee bekannt, es vergebe zwar keinen ersten Preis, werde aber das zweitplatzierte Projekt «Pro Patria» von Otto Schilt realisieren. Mit dem dritten Preis prämierte es den Entwurf «Thurgau» von Fritz Gilsi. Alle Modelle waren vom 4. bis 12. September in Frauenfeld öffentlich ausgestellt.[5] Als Aufstellungsort wurde der Zeughausplatz in Frauenfeld bestimmt. Gegenüber dem Denkmal sollten zudem zwei Bronzetafeln mit den Namen der Gefallenen errichtet werden. Die Kosten waren auf 30'000 Franken budgetiert.[6]

Kontroverse

Otto Schilt hatte einen weiteren, auf den vierten Platz verwiesenen Entwurf unter dem Titel «November 1918» eingegeben,[5] was in Arbeiterkreisen für Empörung sorgte, zumal sie dieses Motto als Reminiszenz an den Landesstreik deuteten, bei dem drei Zivilisten von Armeeangehörigen erschossen worden waren. Die Volkswacht am Bodensee befand am 4. September 1920:

«Die Tatsache, daß Bildhauer Schilt für den einen seiner Entwürfe das Stichwort ‹November 1918› zu wählen den Geschmack fand, läßt uns stark an seiner ganzen Kunst zweifeln. Große Künstler wissen immer geschichtliche Ereignisse vom Biertischquatsch zu sondern; Herr Schilt aber erlag scheints dem Philisterstandpunkt.»

– Volkswacht am Bodensee

Die liberal-konservative Thurgauer Zeitung entgegnete am 8. September, diese Interpretation entspreche nicht den Intentionen des Künstlers, der lediglich darauf habe hinweisen wollen, dass im November 1918 «die Reihen der Thurgauer Soldaten besonders stark gelichtet» worden seien.

«Das Stichwort ist also vom historischen Standpunkt aus durchaus gerechtfertigt. Dafür, daß dieses Datum als Motto für den einen oder andern nicht nur eine düstere Grabschrift bedeutet, sondern unerquickliche Gedanken und Erinnerungen wachruft, kann der Künstler nichts. Der Ernst, der aus seinem Werk und damit aus seiner Seele spricht, zeugt davon, daß er von der Idee seiner Schöpfung erfüllt war und aus der Idee heraus auch das Stichwort gewählt hat.»

– Thurgauer Zeitung[7]

Karl Halter gedachte in seiner Einweihungsrede am 16. Oktober 1921 explizit der «Novembertage 1918 in Frauenfeld», in denen zahlreiche hier stationierte Bündner Soldaten an der Spanischen Grippe starben. Im Bericht über die Einweihung betonte die Thurgauer Zeitung wiederum, es gelte nicht nur, die gestorbenen Soldaten zu ehren, sondern auch «etwas anderem. Das Thurgauervolk hat verstanden, um was es ging». Der Anlass habe demonstriert, «wie stark der militärische Geist im thurgauischen Boden wurzelt und wie treu und fest das Volk des Thurgaus an der Armee hängt». Im Artikel wurde mehrfach auf den Landesstreik, «jene frevelhaften Tage, da die Sturmglocken durchs Land heulten», verwiesen.[8]

Wie das Zürcher Forchdenkmal und die zahlreichen weiteren Soldatendenkmäler in der Schweiz diente auch das Thurgauer Soldatendenkmal als «Siegerdenkmal des Bürgertums gegenüber der Arbeiterbewegung» im Zeichen des blutig niedergeschlagenen Streiks.[9] Konrad J. Kuhn konstatierte 2016 in einem Referat in Frauenfeld, der Denkmaltypus habe allgemein «nicht nur vergangenheitsorientiert erinnern», sondern auch «gegenwartsorientiert zu zivilem Gehorsam gegenüber der herrschenden Ordnung mahnen» sollen.[10][11]

Einweihung

Das Denkmal wurde am 16. Oktober 1921 eingeweiht. Rund 20'000 Menschen fanden sich zum Anlass ein, darunter gut 6000 Soldaten und Veteranen. Unter den Ehrengästen befanden sich der gesamte Regierungsrat, der Thurgauer Bundesrat Heinrich Häberlin (FDP), Oberstkorpskommandant Hermann Steinbuch und Generalstabschef Emil Sonderegger. Der Frauenfelder Gemeindeammann Karl Halter hielt die Begrüssungsansprache. Um 13:45 Uhr läuteten Frauenfelds Glocken zehn Minuten lang. Um 14:00 Uhr flog ein Geschwader von sechs Fliegern der Schweizer Luftwaffe herbei und kreiste eine Viertelstunde lang über der Stadt, um den Toten zu huldigen. Dann begann der eigentliche «Weiheakt» auf dem Kasernenplatz. Zum Auftakt wurde das Sempacherlied gesungen. Otto Bridler übergab das Denkmal im Namen des Komitees dem Kanton, in dessen Namen es der Regierungspräsident Paul Altwegg (FDP) dankend in Empfang nahm. Der zweite Teil wurde vor dem inzwischen enthüllten Denkmal abgehalten.[8]

Weitere Geschichte

1952 wurde die Gedenkstätte um zusätzliche Tafeln mit den Namen der Toten aus dem Zweiten Weltkrieg ergänzt. 1998 verübten «links-pazifistische Kreise» einen Farbanschlag auf das Denkmal.[10]

2010–2011 wurde das Denkmal restauriert und zu diesem Zweck abtransportiert.[12] Um die Stätte zu «entsakralisieren» und den Kunstcharakter von Schilts Skulptur hervorzuheben, entfernte man die beigegebenen Gedenktafeln und überführte sie ins Historische Museum Thurgau. Zur Hundertjahrfeier 2021 wurden sie von Soldaten für kurze Zeit wieder aufgestellt.[10]

Beschreibung

Das Thurgauer Soldatendenkmal (2019)

Das Denkmal steht auf dem Zeughausplatz vor dem alten Zeughaus (in dem heute das Staatsarchiv Thurgau untergebracht ist), in der Nähe der Stadtkaserne. Die daneben an der Zürcherstrasse befindliche Bushaltestelle ist nach ihm «Soldatendenkmal» benannt.

Das Denkmal besteht aus Mägenwiler Muschelkalk.[10] Auf der Vorderseite des 10 Tonnen schweren[12] Postaments ist folgende Inschrift eingehauen:

DAS
THURGAUERVOLK
SEINEN IM DIENSTE
FÜRS VATERLAND
VERSTORBENEN
SÖHNEN
1914 1919

Auf den Seitenflächen befinden sich Reliefs. Das linke zeigt den Auszug der Soldaten nach der Generalmobilmachung 1914, das rechte eine Gruppe von Soldaten, die einen toten Kameraden zu Grabe tragen.[8]

Die 3,5 Tonnen schwere[12] Skulptur zeigt einen knienden Soldaten mit gesenktem Haupt und niedergeschlagenen Augen. Er trägt einen aufgeschlagenen, zugeknöpften Soldatenmantel (einen «Kaput»). Seinen Helm hat er andächtig abgenommen und hält ihn in seiner Rechten. Solche Stahlhelme waren im Ersten Weltkrieg noch nicht Teil der Ausrüstung und wurden erst während des Landesstreiks eingeführt.[10]

Die Thurgauer Zeitung deutete das Denkmal folgendermassen: «Der Soldat denkt der toten Kameraden; aber er geht nicht auf in der Trauer, er ist nicht geknickt, er hat Trotz im Kinn und trägt verhaltene Energie auf der Stirne; die ganze Figur hat Leben und Seele.»[8]

Siehe auch

Commons: Thurgauer Soldatendenkmal – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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