Tikun Olam

ethisches Prinzip im Judentum From Wikipedia, the free encyclopedia

Tikun Olam (hebräisch תיקון עולם Reparatur der Welt[1]), häufig auch Tikkun Olam oder Tiqqun Olam, ist ein ursprünglich in der frühen Periode des rabbinischen Judentums entstandenes ethisches Prinzip. Der Ausdruck findet sich zuerst um 200 in der Phrase מִפְּנֵי תִקּוּן הָעוֹלָם mip'nei tikkun ha-olam im Zusammenhang der Bestimmungen hinsichtlich des Umgangs mit Scheidebriefen (Mischna Gittin 4:2–9[2]), nach Lazarus Goldschmidt: ‚wegen des allgemeinen Wohles‘, wörtlich: ‚um der Ordnung der Welt willen‘;[2] nach Marcus Jastrow: establishment, institution; amendment, making right. […] for the sake of the social order. um der sozialen Ordnung willen.[3] Später wurde es in der Kabbala aufgegriffen, erhielt während des Mittelalters neue Bedeutungen und erfuhr weitere Bedeutungsbeilegungen in modernen Strömungen des Judentums.

In der jüdischen Liturgie erscheint der Ausdruck letakken Olam („Weltverbesserung“) im täglichen Schlussgebet Alenu als Ausdruck der messianischen Hoffnung.

Eine spezielle Bedeutung hat das Wort tikun in den Lehren der Kabbala. Auslöschung des Makels, Wiederherstellung der Harmonie, war der von den kabbalistischen Nachfolgern des Zohar dem Wort zugeordnete Sinn. Gemeint waren damit jene religiösen Taten Israels, die helfen würden, eine Trennung Gottes von der Schechina zu überwinden.[4] Im Rahmen der Lehren Isaak Lurias standen die tikun für Handlungen, die die göttlichen Mächte von den Folgen jener Urkatastrophe erlösen, die das „Zerbrechen der Gefäße“ genannt wird.[5]

Zeitgenössische Verwendung

Ähnlich wie die Adaption des jiddischen Widerstandsliedes Mir velen zei iberleben (oder: Mir veln zey iberlebn, „Wir werden sie überleben“), wird Tikun Olam in der feministischen und queer-aktivistischen Szene der Vereinigten Staaten von Amerika aufgegriffen.

Sam Altman[6] und Jeffrey Sachs[7] geben an, sich am Tikun Olam zu orientieren.

Literatur

Aufsätze

  • Guido Baltes: Tikkun Olam: Heilung der Welt. Jüdische Ansätze zur Gesellschaftsveränderung. In: Tobias Faix, Tobias Künkler (Hrsg.): Die verändernde Kraft des Evangeliums. Beiträge zu den Marburger Transformationsstudien (= Transformationsstudien. Band 4). Francke, Marburg 2012, ISBN 978-3-86827-320-5, S. 96–121 (guidobaltes.de [PDF; 320 kB]).
  • Geoffrey Claussen: Pinhas, the Quest for Purity, and the Dangers of Tikkun Olam. In: Tikkun Olam. Judaism, Humanism and Transcendence. Hrsg. von David Birnbaum, Martin S. Cohen. New Paradigm Matrix Publishing, New York 2015, ISBN 978-0-9961995-0-6, S. 475–501.
  • Lawrence Fine: Tikkun olam in contemporary Jewish thought. In: Jacob Neusner, Marvin Fox (Hrsg.): From ancient Israel to modern Judaism. Intellect in quest of understanding; essays in honor of Martin Fox. Band 4: The modern age. Theology, literature, history. Scholars Press, Atlanta, Ga. 1989, ISBN 1-55540-343-3.
  • Johanan Flusser: Tikun Olam in Judentum und Islam. In: Interreligiöser Dialog im Lichte Isaaks und Ismaels. Friedensdimensionen des jüdisch-muslimischen Gesprächs (= Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung im Kontext (ZfBeg), ISSN 2513-1389. Sonderheft). Geschäftsstelle ZfBeg, Freiburg 2022, DNB 1263024580 (jcrelations.net [PDF; 109 kB]).
  • Bernard Kahane: Tikkun olam. How a Jewish ethos drives innovation. In: The journal of management development. Band 31 (2012), ISSN 0262-1711, S. 938–947.
  • Michael L. Morgan: Tikkun olam. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 6: Ta–Z. Metzler, Stuttgart/Weimar 2015, ISBN 978-3-476-02506-7, S. 102–106.
  • Idith Zertal: Tikkun Olam, die Welten heilen. Über Kunst und Politik im Werk Dani Karavans. In: Fritz Jacobi (Hrsg.): Dani Karavan Retrospektive. Wasmuth, Tübingen 2008, ISBN 978-3-8030-3325-3, S. 356–361.

Lexika

Monographien

  • Elliot N. Dorff: The way into Tikkun Olam (repairing the world). Jewish Lights Publishing, Woodstock, Vt. 2005, ISBN 1-58023-269-8.
  • Sharon D. Halper: To learn is to do. A Tikkun roadmap. UAHC Press, New York 2000, ISBN 0-8074-0729-1.
  • David Shatz (Hrsg.): Tikkun olam. Social responsibility in Jewish thought and law. Aronson Books, Northvale, N. J. 1997, ISBN 0-7657-5951-9.

Einzelnachweise

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