Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam
Buch von Stefan Zweig
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Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam ist eine von Stefan Zweig verfasste Biografie des humanistischen Universalgelehrten Erasmus von Rotterdam, die erstmals 1934 im Herbert Reichner Verlag erschien.


Hintergrund
Das Entstehen der Erasmusbiographie fiel in eine Umbruchzeit im Leben des österreichischen Autors Stefan Zweig, der auf Grund seiner jüdischen Herkunft bald nach Ende seiner Arbeit an ihr vor den politisch stark angespannten Verhältnissen in Österreich, insbesondere auch dem dortigen Erstarken des Nationalsozialismus, ins Exil flüchtete. Die Recherchearbeiten fing er bereits im Frühjahr 1932 in Salzburg mit dem Lesen der Erasmusbiographie Johan Huizingas an, die für ihn zur wichtigsten Quelle wurde. Er erkannte in ihm sein eigenes Schicksal wieder, wie er seinem Schriftstellerkollegen Romain Rolland am 9. Mai 1932 schrieb; ein Jahr später, am 26. April 1933, berichtete er ihm von seinem Entschluss, dem niederländischen Humanisten „eine Studie [zu] widmen“. In dieser sollten die Analogien zur damaligen Zeit, d. h. zu Adolf Hitler, der erst vor kurzem die NS-Diktatur errichtet hatte (siehe Machtergreifung), klar und deutlich werden. Erasmus habe nämlich „durch Luther die gleichen Niederlagen erlitten [...] wie die humanen Deutschen heute durch Hitler“, wie er in einem Brief an Klaus Mann schrieb. Als Titel zog er auch Bildnis eines Besiegten in Erwägung. An mehreren Stellen der Biografie pflegt Zweig dabei einen freien Umgang mit den Fakten, um seiner Rhetotrik freien Lauf lassen zu können.[1]
Editionsgeschichte
Zweig, der die politische Entwicklung im NS-Staat seit 1933 äußerst besorgt sah, glaubte nicht mehr an die Möglichkeit gerade die Erasmus–Biografie, in der die darin beschriebene Unterdrückung des freien Geistes eine offensichtliche Parallele zu den immer bedrückenderen Zuständen im NS-Staat aufzeigt, bei seinem angestammten Insel Verlag veröffentlichen zu können, auch wenn dies theoretisch noch möglich war. Da schon einige seiner Texte von den neuen Machthabern für unerwünscht erklärt und seine Bücher bereits im Mai 1933 öffentlich verbrannt worden waren, strebte er für die Zukunft eine sichere verlegerische Heimat für sein bisheriges und künftiges Werk an. Diese fand er in dem in Wien ansässigen Herbert Reichner Verlag, der ihm aus einer früheren Zusammenarbeit bekannt war und der seine Bücher über den Zentralplatz Leipzig im gesamten deutschsprachigen Gebiet ausliefern konnte, was erst 1936 für Deutschland und durch den sog. Anschluss 1938 auch für Österreich sein Ende fand.[2]
Das Vorwort der Biographie erschien in einem Vorabdruck in der Wiener Neuen Freien Presse am 24.[3] und 30. Dezember 1933[4]. Im Juli 1934 folgte dann die erste Buchausgabe im Herbert Reichner Verlag als Privatdruck in 700 nummerierten Exemplaren, die bei Jahoda & Siegel gedruckt wurde.[5] Die laut Impressum für den Handel bestimmten 600 Exemplare waren auf Zerkallbütten gedruckt, wovon die ersten einhundert vom Autor signiert wurden. Weitere „für Freunde“ bestimmte einhundert römisch nummerierte Exemplare wurden auf Japan-Dokumentenpapier abgezogen. Die erste reguläre Ausgabe für den Buchhandel erschien dann Ende 1934[6], im Impressum vordatiert auf 1935, im selben Verlag. Trotz des brieflich geäußerten dringenden Anratens seines Verlegers Anton Kippenberg[7], der das ihm vom Autor zur Begutachtung vorgelegte Manuskript der Biografie im übrigen aber sehr positiv beurteilt hatte, hatte Zweig seine Vorrede nicht gestrichen, die explizit Bezug auf die politischen Verhältnisse in Deutschland nahm. Auf die ursprünglich von Zweig vorgesehene Widmung des Buchs für Anton Kippenberg, der am 22. Mai 1934 seinen 60. Geburtstag begehen sollte, hatte er aber auf Bitten des Verlegers verzichtet, der anderenfalls Schwierigkeiten seitens der offiziellen deutschen Stellen für den Insel Verlag befürchtete. Triumph und Tragik war Zweigs erstes neues Werk, das nicht mehr im Insel-Verlag erschien.[8] Das Buch erschien bereits ab 1934 in vielen Übersetzungen.[9]
In Deutschland wurde das Buch erst 1950 in der alten Bundesrepublik durch den S. Fischer Verlag im 1. bis 7. Tsd. verlegt.[10] Es folgten bis in die jüngere Zeit mehrere Nachauflagen und auch Taschenbuchausgaben. Eine Lizenzausgabe für die DDR ist nicht nachweisbar.[11]
Inhalt
Zweig leitet seine Biografie ein, indem er seine Thesen zu Erasmus von Rotterdam erläutert. Dieser sei „der erste bewußte Europäer“, ein Kämpfer für das humanistische Ideal und nicht zuletzt ein Besiegter gewesen. Sein Leben habe er der „harmonische[n] Zusammenfassung der Gegensätze im Geiste der Humanität“ gewidmet und gehofft, die Menschheit durch Bildung zu bessern. Dem sei damals wie heute der „Fanatismus“ der „Masse“ entgegengestanden. Dieser Gegensatz sei in manchen historischen Situationen wie der Reformation zugespitzt, so dass das einzelne Individuum sich nicht mehr gegen die Masse widersetzen könne. Einzig Erasmus sei sich und seinem humanen Ideal in dieser Zeit religiöser Umbrüche treu geblieben; er habe das Leuchtfeuer der Vernunft für zukünftige Generationen bewahrt. Im zweiten Kapitel behandelt Zweig die Zeit, in die Erasmus geboren wurde. Geprägt worden sei sie vom Buchdruck, einem neuen, revolutionären Kommunikationsmittel, das wie die Telekommunikation um die Wende zum 20. Jahrhundert die Kommunikation um einiges beschleunigte. Zudem sei Europa in dieser Zeit zu seiner Vorherrschaftsrolle gekommen.[12]
Nun beginnt Zweig die eigentliche Lebensgeschichte des Erasmus. Dieser sei zunächst in die verschulte, mittelalterliche Welt der Scholastik geboren worden. Diese beschreibt Zweig, auch mit antijüdischen Klischees, als gänzlich unfruchtbar für das Geistesleben. Erasmus sollte in dieser Umgebung bahnbrechend wirken, die Humanisten anführen und auch die Aufklärung vorausahnen, die ihn in vielem nur imitiert habe. Er sei außerdem einer der Vordenker der Einheit des Abendlandes und des Pazifismus gewesen. Die Grenzen des Humanismus sieht Zweig im Kulturoptimismus, der das Zerstörerische im Menschen unterschätze. Das einfache, ungebildete, barbarische Volk sei von Erasmus verachtet worden; mit seinen politischen Streitereien habe er sich nicht auseinandersetzen wollen. Daraufhin zeichnet Zweig den Konflikt zwischen dem „Geistmenschen“ Erasmus und dem „Tatmenschen“ Martin Luther nach, dem er letzten Endes unterlegen sei. Er zeichnet beide Kontrahenten als reine Gegensätze, selbst im Körperlichen. Wo Erasmus kränkelte, sei Luther beinahe übergesund gewesen. In diesem Konflikt habe Erasmus oftmals Chancen wie den Reichstag zu Augsburg verpasst. Zuletzt bespricht Zweig das Humanitätsideal des Erasmus, das auch in der Moderne noch nicht ganz verwirklicht worden sei. Zweig hebt zuletzt hervor, dass Erasmus’ in dieselbe Zeit wie das Erscheinen des Fürsten von Niccolò Machiavelli fiel, in seinen Augen der Antithese zur Humanität des Erasmus.[13]
Rezeption und Forschung
Die Reaktionen unter den Zeitgenossen Zweigs war geteilt. Romain Rolland lobte seinen Schriftstellerkollegen in einem Brief an ihn für „eines [seiner] besten Bücher“, das durch Objektivität und Aktualität heraussteche. Allerdings sei der Erasmus ein grundlegend elitärer Charakter, der höchstens ein Paradies für Intellektuelle erschaffe, nicht aber für die Arbeiter. Joseph Roth urteilte positiv über das Buch; es sei die Biographie von Zweigs Spiegelbild. Thomas Mann, der in dieser Zeit selber Erasmus-Parallele bei sich entdeckte, hatte eine ambivalente Einstellung gegenüber Zweigs Biografie. Besonders die Charakterisierung Luthers, in dem er eine Hitleranalogie erkannte, und der Gegensatz zwischen ihm und Erasmus störten ihn immens. Dem Pessimismus Zweigs stimmt er jedoch zu; man könne im Nationalsozialismus eine Wiederkehr der „tumultuöse[n] und blutige[n] Rolle des Luthertums“ erkennen. Der Historiker Wallace Klippert Ferguson lobte Zweig zwar dafür, ein einfühlsames Portrait des Erasmus geschaffen zu haben, kritisierte jedoch die fachlichen Mängel. So sei Zweigs Recherchearbeit nur mangelhaft gewesen.[14]
Helmut Koopmann (1996) betont in seiner Studie die autobiographischen Aspekte von Zweigs Erasmusbiographie. Man lerne ihn besser kennen als durch seine eigene Autobiographie; das Buch sei ein Stück Exilgeschichte. Diese Widerspiegelung des eigenen Lebens in der Reformation wiederholt sich bei Zweig in Castellio gegen Calvin; laut Hans-Albrecht Koch (2003) ist noch die Hauptfigur der Schachnovelle eine erasmische Figur. Koch behauptet weiter, dass Zweig in seiner Erasmusbiographie seine eigenen Schwächen ehrlich zeige und nicht in Wunschdenken verfalle. Rüdiger Görner (2011) erkennt Unterschiede zwischen dem Kosmopoliten Zweig und seinem Erasmus, dem nie eine Integration in eine fremde Kultur gelinge. Ihm zufolge versucht Zweig eher, die Schwächen des Humanismus aufzuzeigen. Im Kontext seiner weiteren Biographien sind auch bei der Triumph und Tragik einige Muster zu erkennen, beispielsweise die Wahl eines Besiegten als Hauptcharakter. Kritisch hervorgehoben wird von anderen Forschern auch der Eurozentrismus des von Zweig entworfenen Erasmischen.[15] Leon Botstein (1982) meint, dass in der Triumph und Tragik Zweigs Konzept von historischer „Größe“ klar werde. Für Zweig sind solche bedeutenden Individuen wie in diesem Fall Erasmus grundlegend verschieden von der großen Masse der Menschheit; nur sie können durch ihre Distanz zum gesellschaftlichen Geschehen die Welt verstehen. Wenn dieses Verständnis jedoch, wie Zweig impliziert, der geistigen Elite vorenthalten sei, hätte diese nie die Unterstützung des einfachen Volkes und könnte ohne Philosophenkönige ohre Ziele nicht umsetzen. Botstein verweist zudem darauf, dass Zweig nicht versucht, die sozialen Hintergründe der Reformation zu verstehen.[16]
Ausgaben (Auswahl)
- Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam. Herbert Reichner, Wien 1934 (Privatdruck)
- Erasmus of Rotterdam (Übertragung ins Englische: Eden and Cedar Paul). Cassell, London 1934
- Erasmus of Rotterdam (Übertragung ins Englische: Eden and Cedar Paul). Viking Press, New York 1934
- Triomf en tragiek van Erasmus van Rotterdam (Übertragung ins Niederländische: Reinier P. Sterkenburg). A. A. M. Stols, Maastricht & Brussel 1934
- Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam. Herbert Reichner, Wien 1935
- Érasme. Grandeur et Décadence d'une idée (Übertragung ins Französische: Alzir Hella). Bernard Grasset, Paris 1935
- Triumf i Tragizm Erazma z Rotterdamu. Wydawnictwo J. Przeworskiego, Warszawa 1936
- Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1950
Literatur
- Leon Botstein: Stefan Zweig and the Illusion of the Jewish European In: Jewish Social Studies, Band 44 (1982), S. 63–84
- Susanne Buchinger: Stefan Zweig – Schriftsteller und literarischer Agent. Die Beziehungen zu seinen deutschsprachigen Verlegern (1901–1942). Buchhändlervereinigung, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-7657-2132-8, S. 239
- Bernd Hamacher: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. De Gruyter, Berlin 2018, S. 405–415
- Anton Kippenberg, Stefan Zweig: Briefwechsel 1905-1937, Insel Verlag, Berlin 2022, ISBN 978-3-458-17551-3.